Der Todesgruß der Legionen, 2. Band

Chapter 2

Chapter 23,460 wordsPublic domain

„Aber man greift unsere Ehre an,“ rief Herr von Mengersen, „unserer Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen.“

„Seien Sie ganz ruhig, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu halten, der den König verletzen könnte.“

„Jedenfalls,“ rief Herr von Düring, „werde ich meine Magazinbestände dem Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man mir noch immer nicht gegeben hat.“

Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig, mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer. Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes Schreiben.

„Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist,“ sagte er.

Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas.

„Der Major von Adelebsen ist angekommen,“ sagte der Legationskanzlist Hattensauer, während Herr Meding las, „er hat diese Depesche mitgebracht und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen.“

Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund.

„Nun,“ rief Herr von Düring, „haben Sie irgend welches Licht in der Sache erhalten?“

„Der König,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „findet meine Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb, aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist übrigens,“ fuhr er fort, „abermals eine Antwort auf etwas durchaus Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen Stylisirung und Logik.“

„Unerhört!“ riefen die Officiere.

„Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?“ fragte Herr von Düring.

„Ganz gewiß,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „ich stehe noch im Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht.“

„Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von Tschirschnitz,“ sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben schnell öffneten und durchflogen.

„Ich bin nach Bern verbannt,“ sagte Herr von Düring.

„Und ich nach Basel!“ rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. „Die Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die Gebieter der Welt zu halten.“

„Haben Sie Nichts für mich?“ rief Herr von Mengersen, zu Herrn Hattensauer sich wendend, „vielleicht hat man mich nach Sibirien verbannt.“

„Nun, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „so müssen wir denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen. Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können sagen: ‚Finita la commedia‘. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu thun ist, und,“ sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von Tschirschnitz, „unsere Reisevorbereitungen treffen.“

Zweites Capitel

Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.

Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt, die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im Militairüberrock, — die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien, — der frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.

Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand, der Legationsrath Bucher.

Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck gegenüber fast winzig erschien, — seine etwas gebückte Haltung, — das Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus eines Bureaukraten und eines Professors.

„Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,“ fragte der Graf — ‚l'oeuvre de Monsieur de Bismarck‘ — es wird in Paris viel besprochen —“

„Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen,“ bemerkte der Legationsrath, „es enthält viel Interessantes und manche sehr bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. — Ob freilich Alles das wahr ist, was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen können, als ich —“

„Im Allgemeinen,“ sagte Graf Bismarck, „so weit ich das Buch zu durchblättern Zeit gefunden habe, — giebt er meine Aeußerungen richtig wieder, — und das ist schon sehr viel. — So oft man mit einem Journalisten spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, — oder wie er es aufgefaßt zu sehen wünscht, — das hindert mich übrigens nicht,“ fuhr er fort, „mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; — ich halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem Berge, — die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen Sinn mehr in unserer Zeit, — freilich muß ich dann auch die öffentliche Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, — Gott sei Dank, — dafür habe ich ganz gesunde Nerven.“

„Herr Vilbort,“ sagte der Legationsrath Bucher, „scheint mir durch die Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen haben, etwas eitel geworden zu sein; — er hält sich für einen Geschichtschreiber, — und das ist er in der That nicht, — auch geht durch sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit war.“

„Diese Richtung des Buches,“ fiel Graf Bismarck ein, „das jedenfalls in Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten unangenehm, — die Franzosen können in der That eine Warnung vor den traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, — es scheint, daß dort wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten nicht Herr werden sollte.“

„Glauben Eure Excellenz wirklich,“ fragte der Legationsrath, „daß man in Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, — gerade jetzt in dem Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens, Minister geworden ist?“

„Die Berichte aus Paris,“ sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken, „sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, — ich glaube auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden sehnt, — schon um persönlich Ruhe zu haben, — aber Alles,“ fuhr er fort, „was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen, auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.

„Sehen Sie,“ sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen sinnend emporschlug, „dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles bricht über das Kaiserreich herein, — das ist ein furchtbares Verhängniß, — und das constitutionelle Regiment kann die immer höher aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder herstellen will, gewinnt an Boden, — der Kaiser ist schwach, — wird man ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die Schwäche ist tollkühner als die Kraft.

„Für uns,“ fuhr der Graf fort, „ist der Krieg um so weniger zu fürchten, je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, — aber der arme Kaiser thut mir leid, — es ist doch eine groß angelegte und im Grunde gute Natur, — und für Europa ist das Kaiserreich eine Wohlthat, — denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente in Frankreich wieder entfesselt würden!

„Man hat mir da,“ fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem Schreibtisch nahm, „einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse. Merkwürdigerweise,“ sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend, „will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.“

„England sei das einzige Land,“ fuhr er fort, „in welchem eine wirkliche socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.“

Der Legationsrath Bucher lächelte. „Das sind Träumereien,“ sagte er, „wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen Resultaten zu führen.“

„Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, — das ist ganz richtig,“ fiel Graf Bismarck ein, — „aber in Frankreich ist die Sache ernster, — dort haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die Arbeiterbevölkerung, — bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune proclamirt werden. — Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; — wir müssen von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.“

„Die Elemente der Gährung,“ sagte der Legationsrath, „von denen Eure Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern erfüllen die ganze Welt, — auch unter den deutschen Arbeitern macht die Internationale Fortschritte, — ich glaube, daß die Regierungen zu dieser Frage Stellung nehmen müssen.“

„Das sagt mir auch Wagner,“ rief Graf Bismarck, — „aber welche Stellung soll man dazu nehmen? — Die alten Parteibildungen beginnen sich zu zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, — und gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. — Das wäre eine Aufgabe für die Conservativen,“ sagte er sinnend, — „aber leider verlieren gerade diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.“

„Nun,“ fuhr er fort, — „wir müssen darüber nachdenken, — jetzt will ich ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.“

Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.

„Ist Jemand im Vorzimmer?“ fragte Graf Bismarck den Kammerdiener, welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.

„Der englische Botschafter, Excellenz.“

„Ich lasse bitten.“

Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde, in das Cabinet trat.

Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach einem kurzen Räuspern:

„Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem Frieden Europas gefährlich werden könnten.“

Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:

„Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl, wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens gewährt wird.“

Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.

„Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,“ sagte er, „sind gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,“ fuhr er ein wenig zögernd fort, „um eine wirklich praktische und vor allen Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.“

„Ich wüßte in der That nicht,“ sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie erstaunt anblickend, „daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.“

„Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin,“ erwiderte Lord Loftus, „auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas liegen möchte.“

„Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?“ fragte Graf Bismarck mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.

„Es ist eine Thatsache,“ sprach Lord Loftus weiter, „welche offen vor Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt, und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht.“

„Es liegt ja aber,“ fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast gleichgültigen Ton ein, „zwischen Frankreich und uns durchaus keine Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und freundlichsten sind.“

„Und doch stehen Sie sich,“ bemerkte Lord Loftus, „mit so übermäßig angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser Zustand,“ fuhr er etwas lebhafter fort, „wenn er auch den Frieden nicht unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen, — wenn die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm lastet.“

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:

„Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur Sprache zu bringen?“

„Ich habe nicht den Auftrag,“ erwiderte der Lord, „bestimmte Anträge zu stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen, — doch bin ich allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu lassen.“

„Und wissen Sie,“ fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines Gesichtes sich veränderte, „ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?“

„Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können,“ erwiderte Lord Loftus, „daß dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte.“

Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen Bismarck.

„Es würde dann immer die Frage sein,“ sagte er in leichtem Ton, „wer denn mit der Abrüstung anzufangen hätte — und wer dieselbe controliren könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert sind, — doch,“ fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort, „ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf eine directe Aeußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort geben zu müssen.“

„So halten Sie es dennoch für möglich,“ fragte Lord Loftus, ein wenig erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, „daß aus den Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig macht?“

„Was Frankreich betrifft,“ erwiderte Graf Bismarck, „so habe ich darüber kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt,“ fuhr er fort, „daß der König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern. Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar. Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage, den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule, in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein theurer Lord,“ fuhr er fort, „daß alle diese Gesichtspunkte es mir unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu discutiren; — so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen.“

Lord Loftus verneigte sich und sprach: