Der Todesgruß der Legionen, 2. Band
Chapter 14
„Die Waffen wollte ich am Tage der großen Erhebung allen Denen in die Hand drücken,“ erwiderte Lezurier, „welchen ich begegnen würde, deren Arm noch nicht bewehrt wäre, um dem Zorn und dem Haß ihres Herzens Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kämpfer ernähren und die Verwundeten pflegen.“
„Stehen Sie mit Andern in Verbindung?“ fragte der Kaiser weiter.
Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.
„Sie sind gewöhnt,“ erwiderte er, „den Verrath zu erkaufen. Aber,“ fuhr er fort, „ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiß, kann ich laut aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hände Ihrer Häscher zu liefern. Mein Verbündeter ist das Volk von Frankreich in seiner großen Mehrheit, das denkt und fühlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht überall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben würde zur Erreichung des großen Ziels — zur Befreiung des Vaterlandes!“
„Sie haben mich beleidigt,“ sagte der Kaiser, „dafür sind Sie dem Gesetz verfallen, doch liegt in meinen Händen das schöne Recht der Gnade, und ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe, welche Sie gegen mich ausgestoßen. Derjenige,“ sprach er stolz den Kopf erhebend, „den die große Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben. Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen,“ fuhr er fort, „um nicht mir allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die französische Nation sich in freier Entschließung gegeben, zu zerstören. Wollen Sie sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehörde ruhig zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die öffentliche Ordnung gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?“ fügte er fast in bittendem Ton hinzu.
„Nein,“ erwiderte Lezurier kalt und starr, „ich will Sie nicht betrügen, — ich will nicht,“ fügte er mit bitterem Hohn hinzu, „in Ihre kaiserliche Prärogative der Lüge eingreifen, ich würde vom ersten Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf richten, die große Revolution zu fördern und herbei zu führen, welche bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrümmern.“
„Dann,“ erwiderte der Kaiser, „kann ich Nichts für Sie thun, und der Ruf, den Sie ausgestoßen, wird Ihr Urtheil sein.“
Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines Gesichts zu verändern.
„Ich wünsche nicht,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, „daß irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermögen, welches Sie in wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft bestimmten, soll Ihrer Familie zurückgegeben werden. Haben Sie Angehörige?“
Die Züge des Gefangenen verzerrten sich im dämonischen Haß.
„Ich hatte ein Weib,“ sagte er, „sie ist lange todt und hinterließ mir einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jünger als ich, bildeten meine ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den Kartätschenkugeln, welche die Bahn öffneten für den blutigen Triumphzug Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit.“
Die Züge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und Milde an, seine groß geöffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen gehüllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.
„Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Böses mit Gutem zu vergelten, Sie haben Alles zurückgewiesen und für das Schicksal, das Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben.“
Er winkte mit der Hand. Pietri öffnete die Thür und übergab den Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verließ.
„Welches Urtheil erwartet ihn?“ fragte der Kaiser.
„Die Deportation,“ erwiderte Pietri.
„Man soll ihn mit Milde behandeln,“ sagte Napoleon, „und auch sein Exil, wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als möglich einrichten, — er ist krank, — er _muß_ krank sein, — ein gesunder Geist kann einen solchen Haß nicht entwickeln. Besorgen Sie, daß er ärztlich untersucht wird.“
Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der Polizeipräfect zurück.
Der Kaiser saß lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.
„Ist es wahr,“ sagte er endlich mit dumpfem Ton, „ist wirklich die Masse des Volks von Frankreich der Verbündete dieses Rasenden, — müßte ich wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gährenden Hasses Herr zu werden, von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wäre es da nicht besser, wie jener alte Römer sich selbst in den Abgrund zu stürzen zur Versöhnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von Menschenopfern zu füllen, — ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende Geist, den das Verhängniß vor mir ansteigen ließ, wie es einst bei Philippi dem träumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,“ rief er, die Hände faltend und den Blick nach oben richtend, „gieb mir Licht in diesem Dunkel, Du große Vorsehung, welche mich auf so wunderbaren Wegen bis hierher geführt hat, — gieb mir Kraft,“ fügte er mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu, — „denn wo die Kraft ist, da ist das Licht, — meine Kraft aber versiegt und zerbricht, — und höher und höher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare Erkennen raubt.“
Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl sitzen.
Achtes Capitel.
Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine liegt das Dorf Bodenfeld.
Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und üppigen Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschönheiten und besteht aus geschlossenen Gehöften, welche, in einiger Entfernung von einander bestehend, unregelmäßige, aber gut und sauber gehaltene Straßen bilden, die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevölkerung zeugen.
Trotz der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.
Es hatte eine große und schöne Kirche mit einem stattlichen, von einem freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung von der Kirche lag das weite und geräumige Amthaus; denn man hatte auch den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der Localverwaltung zu erreichen.
Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für Bauern gegolten haben.
Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen reichen Besitzungen ab.
In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße.
Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen, mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen, blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und Sauberkeit aus.
An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses, dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen Frieden umgiebt.
Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes, von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine tiefe Weiche und Milde heraus.
Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor Kurzem gebracht hatte.
Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz verborgen.
Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes, schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei sie leise zählend die Lippen bewegte.
Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die Stelle der Hausfrau vertrat.
Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867 unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte.
Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren.
Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.
Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde.
Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.
Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in lebhaften Wortwechsel geriethen.
Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge, wieder in die Heimath zurückzukehren.
Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn „in des Königs Legion diente“, wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen, daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt, daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war, und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben — und ihn dieser glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht entschließen.
So saßen sie denn auch heute wieder da, — sie hatten ihre Arbeit gethan, der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft verwebte.
Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch auf die Stirn hinausschob.
„Das ist eine gute Nachricht,“ rief er laut, „der König hat die Legion aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes, liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und abenteuerliches Leben führt.“
Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf.
„Das wird wieder eine von den Nachrichten sein,“ sagte sie, „welche schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen, und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr sein,“ sagte sie mit einem gewissen Stolz, „der König kann ja seine Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat.“
„Du bist thöricht,“ sagte der Alte, „Du möchtest womöglich Deinen Jungen noch als großen Feldherrn wiedersehen.“
„Nun das Zeug dazu hat er schon,“ fiel seine Schwester etwas gereizt ein, „daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden, — wenn es meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen.“
„Das sind Alles Possen,“ rief der Alte mürrisch, „und ich hoffe, daß der Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird. Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir täglich schwerer zu werden anfängt. Nun,“ fuhr er fort, „das wird sich jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche Desertion liege ja nicht vor und“ —
Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.
Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.
Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender, als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude, als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem alten Vaterlande ihm nahe standen.
Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene Hand ein und sagte tief aufathmend:
„Da bin ich wieder bei Euch — Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen.“
Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in Algier ihr Glück versuchen wollten. „Sie haben mir viel zugeredet,“ sagte er, „auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt behaupten kann.“
„Das hast Du brav gemacht, mein Junge,“ sagte der Alte, indem er ihm kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug, damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde.
Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.
Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder, und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.
Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht, — eine Mutter liest ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach — aber sie sagte nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen, überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen seines Innern zu öffnen.
„Jetzt aber,“ sagte der alte Niemeyer endlich, „obgleich es schon spät ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen. Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später hierher wieder zurückkehren.“
Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt, welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.
Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.
„Herr Amtmann,“ sagte der alte Niemeyer, „ich bringe Ihnen hier einen Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.“
Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und fest an.