Der Todesgruß der Legionen, 2. Band
Chapter 12
Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne daß sein Bleistift aufhörte in langsamer, anscheinend fast unwillkürlicher Bewegung Linie an Linie zu reihen.
„Ich höre also,“ sagte der Kaiser, „daß die Mehrzahl meiner Herren Minister dem Herrn Großsiegelbewahrer vollständig beipflichten, welcher sich für die schleunige Ausführung des Plebiscits und zwar ohne vorherige Verständigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Hätten die Herren Minister gegen das Plebiscit überhaupt Bedenken gehabt, so hätte ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wünschen, so sehr ich auch überzeugt bin, daß es den Institutionen des Kaiserreichs neue Kräfte geben werde. Da aber die große Majorität meiner Minister das Plebiscit für zweckmäßig und nothwendig hält, da sie zu gleicher Zeit die Modalität, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu machen und Sie, Herr Minister,“ sagte er, sich an Herrn Ollivier wendend, „reiflich zu überlegen, ob Sie nicht im Stande wären, eine Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nähert, und es ihm möglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit aufrichtigem Schmerz würde scheiden sehen.“
Es war fast ein ängstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den Kaiser bei den letzten Worten ansah.
„Eure Majestät wissen,“ sagte er schnell, „wie hohen Werth ich auf die Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Überzeugung steht fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Überzeugung steht fest,“ sagte er, die Hand auf die Brust legend, „und da auch die meisten meiner Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiß eingehen.“
„Ich habe also,“ sagte der Graf Daru, ohne daß irgend eine Bewegung auf seinem Gesicht bemerkbar wurde, „Eure Majestät nochmals bestimmt um meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maßregel meine Zustimmung zu geben.“
„Ich muß die gleiche Bitte an Eure Majestät richten aus dem gleichen Grunde,“ sagte Herr Buffet.
Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.
„Ich kann,“ sagte Napoleon, „da ich ja nicht mehr der persönliche Autokrat bin,“ fügte er lächelnd hinzu, „gegen den Beschluß meiner Minister nichts thun. Ich bitte Sie indeß, meine Herren,“ fuhr er fort, sich an die übrigen Minister wendend, „daß Sie sich der Aufgabe unterziehen mögen, in privater Besprechung und durch persönliche Einwirkung ein Einverständniß zwischen dem Grafen Daru und Herrn Ollivier zu ermöglichen. Ich bin überzeugt,“ fuhr er fort, indem er mit der linken Hand über seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, während seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein großes, hoch aufragendes Schwert erscheinen ließ, „daß Herr Ollivier ebenso wie ich das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen würde, daß er Alles aufbieten wird, um eine Verständigung herbeizuführen. In einem Punkt bin ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier angeeinigt haben, daß nämlich schnell gehandelt werden müsse, um der Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu organisiren. Ich hoffe also,“ sagte er aufstehend, indem er den Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mächtig bewehrten Adler niederlegte, „daß Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen Verständigung machen werden, daß wir Alle miteinander gemeinschaftlich bei der Durchführung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden.“
Er verneigte sich mit verbindlicher Höflichkeit nach allen Seiten und verließ das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine Stunde zurückblieben, auf alle mögliche Weise versuchend, das Einverständniß zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.
Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen würdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklärte, auch nicht in einem Punkt von seiner Überzeugung abgehen zu können.
Siebentes Capitel.
Napoleon war in sein Cabinet zurückgekehrt, heiter und zufrieden lächelnd rieb er sich leicht die Hand, während er einige Male langsam auf- und niederging.
„Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam für seine Eitelkeit, ein wenig Köder für seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge fügen sich so gut, wie ich es nur irgend wünschen kann, das Plebiscit wird gemacht, — und ich bedarf des Plebiscits,“ sagte er sinnend vor sich hinblickend, „um diesen unversöhnlichen Rednern der Kammer zu zeigen, daß sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und daß nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern ich selbst, — ich bedarf es dem Auslande gegenüber, um den europäischen Cabinetten zu zeigen, daß ich noch heute so unumschränkt wie früher über die Macht Frankreichs gebiete, — das Plebiscit wird gemacht werden, und zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der Führung dieses höchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier. Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majorität der Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmäßig,“ sagte er lächelnd, „und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,“ sprach er nachdenklich, „läßt sich mit dieser konstitutionellen Maschine noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch alle Verantwortlichkeit tragen muß.“
Er ließ sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich sorgfältig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden türkischen Taback eine Cigarrette, entzündete dieselbe an der brennenden Kerze und bewegte eine kleine Handglocke.
„Bereiten Sie Alles vor,“ sagte er dem eintretenden Kammerdiener, „ich will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich eine Revue abzuhalten.“
Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thür, welche in das Toilettenzimmer des Kaisers führte.
„Der Graf Bismarck,“ sagte der Kaiser, indem er mit vergnügtem Gesicht die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, „hat Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die konstitutionelle Doctrin in die Regierung einführe, um so mehr muß ich meine militairische Macht stärken und das persönliche Band zwischen mir und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand, und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurückzuführen. Bis jetzt sind sie noch leicht zu leiten und trägt das Schiff das Kaiserreich ruhig in der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,“ — und sich bequem auf den Stuhl zurücklehnend schloß er halb träumend die Augen, indem er in großen Zügen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.
Nach einiger Zeit öffneten sich die Flügel der Thüre, und die Kaiserin schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an demselben vorüber in das Zimmer.
Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drückte ihn sanft wieder in seinen Lehnstuhl zurück und sagte, indem sie sich ihm gegenüber setzte:
„Ich höre, daß die Ministerconferenz zu Ende ist und bin unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei, — sobald die Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit durchgeführt werden?“
„Das Plebiscit ist beschlossen,“ sagte der Kaiser, indem er den Rest seiner Cigarrette fortwarf, „die große Majorität meiner Minister waren darüber einig, nur,“ fügte er mit einem schnellen Blick auf seine Gemahlin und einem fast unwillkürlichen Lächeln hinzu, „Graf Daru und Herr Buffet können sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschließen. Ich werde sie verlieren,“ fügte er wie bedauernd den Kopf schüttelnd hinzu, „ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern können, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden.“
Die Kaiserin schlug ihre schlanken weißen Hände gegen einander, ein Blitz triumphirender Freude sprühte in ihren Augen auf.
„Wir sind Daru los,“ rief sie aus, „diesen verkappten Orleanisten, diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl hätte brouilliren mögen. Welch ein Glück,“ — fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, — „haben Sie schon darüber nachgedacht, wer sein Nachfolger in den auswärtigen Angelegenheiten sein soll?“
„Das ist eine sehr schwierige Frage,“ sagte Napoleon langsam, — „eine sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine auswärtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium einige Zeit lang bestehen zu lassen — Ollivier ist bereit, dasselbe zu führen.“
Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.
„Ollivier,“ rief sie, „das Provisorium des auswärtigen Ministeriums! Louis,“ rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen führte, „ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenüber über unsere Politik wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten können, was man will, ohne daß irgend Jemand, er selbst am wenigsten,“ sagte sie lachend, „eine Idee davon hat. Aber später,“ sagte sie dann — „nach Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis —“ sie unterbrach sich —
„bis wir es für zweckmäßig finden werden,“ ergänzte der Kaiser ihren Satz, „unserer auswärtigen Politik einen bestimmten Stempel aufzudrücken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem System abhängig sein müssen, welches dann zu befolgen für nothwendig erscheinen sollte.“
„Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen,“ sagte Eugenie mit einem forschenden Blick auf den Kaiser, „der mir alle Eigenschaften in sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswärtiger Minister in einem entscheidenden Augenblick haben müßte, und der Ihnen persönlich und unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich überträgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont kennt besonders genau die Verhältnisse Österreichs, das doch für unsere auswärtige Politik und für unsere auswärtige Action,“ fügte sie mit besonderer Betonung hinzu, „einer der wichtigsten Factoren ist.“
„Es würde nur darauf ankommen,“ sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner Gemahlin zu erwidern, „welche Politik man nach Außen inauguriren wird, nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluß gebracht sind. Unter gewissen Verhältnissen würde allerdings Grammont eine sehr geeignete Persönlichkeit sein.“
„Unter allen,“ sagte die Kaiserin, „Grammont ist ebenso geschickt und geschmeidig, als ergeben.“
„Nun,“ sagte der Kaiser, „man könnte ihn ja dann wieder hierher kommen lassen. Ich habe früher ausführlich mit ihm über die Lage der Verhältnisse gesprochen und würde persönlich sehr gern mit ihm verkehren. Es käme aber darauf an, ob er sich mit den übrigen Führern des Cabinets verständigen könnte, denn wir haben ja jetzt ein constitutionelles Regiment —“
Die Kaiserin zuckte die Achseln.
„Namentlich,“ fuhr Napoleon fort, „ob er mit Ollivier zu harmoniren im Stande wäre!“
„Ollivier,“ rief die Kaiserin, „dieser spartanische Bürger wird überglücklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden.“ —
„Wir wollen weiter darüber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein wird,“ sagte der Kaiser.
Die Kaiserin ließ einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.
„Er hat einen Hintergedanken,“ flüsterte sie unhörbar.
Dann blickte sie den Kaiser mit ihren großen, klaren Augen ruhig und gleichgültig an.
„Man hat in diesen Tagen,“ sagte sie, „wieder von einer Combination gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal flüchtig erörtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von Hohenzollern für den spanischen Thron“ —
Der Kaiser warf schnell einen flüchtigen Blick auf seine Gemahlin hin —
— „vielleicht wäre es gut, wenn sich das machen ließ,“ fuhr Eugenie fort, „ich bedaure die unglückselige Königin Isabella auf's tiefste und würde vor allen Dingen wünschen, daß ihr oder ihrem Sohn der spanische Thron gerettet werden könnte, allein, wie die Verhältnisse stehen und bei den so unschlüssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig Aussicht zu sein. Wenn es nun möglich wäre, die für Frankreich und für uns ungünstigste Chance auszuschließen, — die Candidatur des Herzogs von Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen festen Halt geben würde, so wäre es vielleicht nicht unerwünscht, einen jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der außerdem gut katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen.“
„Der Prinz von Hohenzollern,“ sagte der Kaiser in demselben gleichgültigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, „steht dem preußischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien würde einen Einfluß des Berliner Cabinets im Süden der Pyrenäen begründen, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint. Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde, erklären lassen, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine antinationale sei, während diejenige des Herzogs von Montpensier nur meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher,“ fuhr er fort, „an dem einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation gegenüber, was ihre Entschließungen für die Zukunft betrifft, die strengste Zurückhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht verhehlt, daß eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit,“ sagte er, die Achseln zuckend, „habe ich nichts wieder davon gehört, möglich, daß die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, daß Frankreich einen preußischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen lassen könnte.“
„Sie würden also,“ sagte die Kaiserin, „noch lieber Montpensier als den Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?“
„Unbedingt,“ erwiderte der Kaiser mit festem Ton, „denn ich werde stets die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs nachstellen.“
„Nun,“ sagte die Kaiserin, „dann wird aus der Sache nichts werden, denn ich glaube nicht, daß Prim etwas thun wird, wovon er weiß, daß Sie es nicht billigen.“
„Ich habe keine Veranlassung gehabt,“ sagte der Kaiser, „über diese Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen Angelegenheit völlig fern bleiben zu wollen. — Sie wollen mich nicht zu der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,“ sagte er abbrechend, „ich habe die Garde de Paris und die Pompiers, auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen Corps möglichst viel militairisches Gefühl einflößt.“
„Ich danke,“ erwiderte die Kaiserin, „ich habe verschiedene Audienzen zu geben.
Au revoir,“ fügte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die Wange reichte. „Ich wünsche Ihnen nochmals Glück, diesen heimlichen Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben.“
Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thür und kehrte dann nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurück.
„Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,“ flüsterte er vor sich hin, „man möchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage zurecht machen — ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich versichern, daß ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und energisch widersetzen würde, um in diesem Falle die Ereignisse danach gestalten zu können. Ich lasse das Alles gehen,“ sagte er lächelnd, „diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als einen plötzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen möchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lärmende und unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich glaube nicht,“ sagte er nachdenklich, „daß das Cabinet von Berlin oder der König von Preußen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen besondern Werth legen wird, — Benedetti glaubt, daß der Graf Bismarck ihm nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe, — mir scheint, Benedetti täuscht sich, vielleicht möchte es eher dem preußischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen mit dem dortigen königlichen Hause zusammenhängt, sich auf einen Weg begeben zu sehen, der zu einem ähnlichen Schicksal führen kann, als es den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein kräftiges und volltönendes Wort zu sprechen und die Zurückziehung derselben vor dem übrigen Europa als einen moralischen Sieg über Deutschland und Preußen erscheinen zu lassen. Damit wird eine große Sache gewonnen sein — die Wiederherstellung des französischen erschütterten Selbstgefühls und des Vertrauens in die Überlegenheit der kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen, — ich glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je vorher scheue — zu entziehen.“
Der Huissier öffnete die Thür und meldete:
„Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon.“
Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkürlich die Achseln mit einer Miene, welche anzudeuten schien, daß ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem Gruß dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.
„Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter,“ sagte der Kaiser, „indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen hat.“
Der Prinz Napoleon war eine eigenthümliche Erscheinung, welche man kaum hätte vergessen können, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr charakteristische Ähnlichkeit mit seinem großen kaiserlichen Oheim; — während indeß auf den Zügen des Letzteren jene edle, antik klassische Ruhe lag, welche die Köpfe aus der großen Kaiserzeit des alten Roms charakterisirt, während die Augen des weltbeherrschenden Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzündende zorngewaltige Blitze schleuderten, — lag in dem ganzen Wesen des Prinzen eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthätiger Ruhe und Harmonie raubten; seine Augen blickten unstät hin und her, seine Lippen zuckten in fortwährend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenräumen öffnete sich sein Mund zu einem unwillkürlichen, krampfhaft nervösen Gähnen. Auch seine Gestalt war stärker und gedrungener als die des großen Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck hervor.
Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut in der Hand, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.
„Ich will Eure Majestät nur einen Augenblick aufhalten,“ sagte er, mit einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoßend, „es drängt mich, von Eurer Majestät selbst zu hören, ob die Gerüchte, welche die Stadt zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestät,“ fuhr er fort, „kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich für Sie hege als für den Chef meiner Familie und für den liebevollen Freund meiner Jugend, — bei dieser tiefen Ergebenheit müssen die Gerüchte, welche so eben bis zu mir gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfüllen.“
„Und welche Gerüchte meinst Du,“ fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem er sich in seinen Lehnstuhl niederließ und den vollen Blick seines groß geöffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die Augen zu Boden schlug.
„Ich meine das Gerücht von dem Grafen Daru,“ sagte der Prinz rasch und heftig, „ganz Paris spricht bereits davon. Man erzählt, daß Du,“ fuhr er immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei seinem Eintritte angenommen hatte, vergaß, — „das Plebiscit unter allen Umständen durchführen willst, und daß deswegen Graf Daru, der in der That nicht zu meinen Freunden gehört, aber der dadurch in diesem Augenblick populär werden wird, sich von den Geschäften zurückziehen will.“
„Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,“ erwiderte der Kaiser. „Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit mit Ollivier und den übrigen Ministern, es ist eine vollständig constitutionelle Krisis,“ fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, „in welche ich einzugreifen außer Stande bin.“
„Eine constitutionelle Krisis,“ rief der Prinz lebhaft, indem er laut auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um einen Gähnkrampf zu verbergen, der ihn erfaßte, — „eine Meinungsdifferenz mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier,“ fuhr er fort, „eine Meinung, die nicht die Deinige ist? — Doch darum handelt es sich nicht, es handelt sich nicht um die augenblickliche Situation,“ sprach er rasch weiter, — „ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr gleichgültig, — aber der Grund dieser Krisis — der Grund dieses Plebiscits — was willst Du mit dem Plebiscit machen — wozu diese fortwährenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen Fragen so vollständig in den Hintergrund treten, — Du hast einen Plan, Du willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um plötzlich hervorbrechen zu können und den europäischen Staatsstreich, wie man es nennt, auszuführen, oder vielleicht,“ fuhr er fort, indem sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns erfüllte, „oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin bringen, es auszuführen.“
Der Kaiser hatte völlig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehört, ein wenig auf die Seite geneigt, ließ er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:
„Du glaubst?“