Der Tod des Tizian. Idylle. Zwei Dichtungen

Part 2

Chapter 2800 wordsPublic domain

Ihm soll In kurzem abgeholfen sein. Indes erzählst Du, wenn du dir den Dank der Frau verdienen willst, Von fremden Wundern, die du wohl gesehn, wovon Hieher nicht Kunde dringt, wenn nicht ein Wandrer kommt.

DIE FRAU

Ich reiche dir zuerst den vollen Schlauch: er ist Mit kühlem, säuerlichem Apfelwein gefüllt, Denn andrer ist uns nicht. Das nächste Dürsten stillt Wohl etwa weit von hier aus beßrer Schale dir Mit heißerm Safte eine schönre Frau als ich.

Sie hat den Wein aus dem Schlauch in eine irdene Trinkschale gegossen, die er langsam schlürft.

DER ZENTAUR

Die allgemeinen Straßen zog ich nicht und mied Der Hafenplätze vielvermengendes Gewühl, Wo einer leicht von Schiffern bunte Mär erfährt. Die öden Heiden wählte ich zum Tagesweg, Flamingos nur und schwarze Stiere störend auf, Und stampfte nachts das Heidekraut dahin im Duft, Das hyazinthne Dunkel über mir. Zuweilen kam ich wandernd einem Hain vorbei, Wo sich, zu flüchtig eigensinnger Lust gewillt, Aus einem Schwarme von Najaden eine mir Für eine Strecke Wegs gesellte, die ich dann An einen jungen Satyr wiederum verlor, Der syrinxblasend, lockend wo am Wege saß.

DIE FRAU

Unsäglich reizend dünkt dies Ungebundne mir.

DER SCHMIED

Die Waldgebornen kennen Scham und Treue nicht, Die erst das Haus verlangen und bewahren lehrt.

DIE FRAU

Ward dir, dem Flötenspiel des Pan zu lauschen? Sag!

DER ZENTAUR

In einem stillen Kesseltal ward mirs beschert. Da wogte mit dem schwülen Abendwind herab Vom Rand der Felsen rätselhaftestes Getön, So tief aufwühlend wie vereinter Drang Von allem Tiefsten, was die Seele je durchbebt, Als flög mein Ich im Wirbel fortgerissen mir Durch tausendfach verschiedne Trunkenheit hindurch.

DER SCHMIED

Verbotenes laß lieber unberedet sein!

DIE FRAU

Laß immerhin, was regt die Seele schöner auf?

DER SCHMIED

Das Leben zeitigt selbst den höhern Herzensschlag, Wie reife Frucht vom Zweige sich erfreulich löst. Und nicht zu andern Schauern sind geboren wir, Als uns das Schicksal über unsre Lebenswelle haucht.

DER ZENTAUR

So blieb die wunderbare Kunst dir unbekannt, Die Götter üben: unter Menschen Mensch, Zu andern Zeiten aufzugehn im Sturmeshauch, Und ein Delphin zu plätschern wiederum im Naß Und ätherkreisend einzusaugen Adlerlust? Du kennst, mich dünkt, nur wenig von der Welt, mein Freund.

DER SCHMIED

Die ganze kenn ich, kennend meinen Kreis, Maßloses nicht verlangend, noch begierig ich, Die flüchtge Flut zu ballen in der hohlen Hand. Den Bach, der deine Wiege schaukelte, erkennen lern, Den Nachbarbaum, der dir die Früchte an der Sonne reift Und dufterfüllten lauen Schatten niedergießt, Das kühle grüne Gras, es trats dein Fuß als Kind. Die alten Eltern tratens, leise frierende, Und die Geliebte trats, da quollen duftend auf Die Veilchen, schmiegend unter ihre Sohlen sich; Das Haus begreif, in dem du lebst und sterben sollst, Und dann, ein Wirkender, begreif dich selber ehrfurchtsvoll, An diesen hast du mehr, als du erfassen kannst -- Den Wanderliebenden, ich halt ihn länger nicht, allein Der letzten Glättung noch bedarfs, die Feile fehlt, Ich finde sie und schaffe dir das letzte noch.

Er geht ins Haus.

DIE FRAU

Dich führt wohl nimmermehr der Weg hieher zurück. Hinstampfend durch die hyazinthne Nacht, berauscht, Vergissest meiner du am Wege, fürcht ich, bald, Die deiner, fürcht ich, nicht so bald vergessen kann.

DER ZENTAUR

Du irrst: verdammt von dir zu scheiden, wärs, Als schlügen sich die Gitter dröhnend hinter mir Von aller Liebe dufterfülltem Garten zu. Doch kommst du, wie ich meine, mir Gefährtin mit, So trag ich solchen hohen Reiz als Beute fort, Wie nie die hohe Aphrodite ausgegossen hat, Die allbelebende, auf Meer und wilde Flut.

DIE FRAU

Wie könnt ich Gatten, Haus und Kind verlassen hier?

DER ZENTAUR

Was sorgst du lang, um was du schnell vergessen hast?

DIE FRAU

Er kommt zurück, und schnell zerronnen ist der Traum!

DER ZENTAUR

Mit nichten, da doch Lust und Weg noch offen steht. Mit festen Fingern greif mir ins Gelock und klammre dich, Am Rücken ruhend, mir an Arm und Nacken an!

Sie schwingt sich auf seinen Rücken, und er stürmt hell schreiend zum Fluß hinunter, das Kind erschrickt und bricht in klägliches Weinen aus. Der Schmied tritt aus dem Haus. Eben stürzt sich der Zentaur in das aufrauschende Wasser des Flusses. Sein bronzener Oberkörper und die Gestalt der Frau zeichnen sich scharf auf der abendlich vergoldeten Wasserfläche ab. Der Schmied wird sie gewahr; in der Hand den Speer des Zentauren, läuft er ans Ufer hinab und schleudert, weit vorgebeugt, den Speer, der mit zitterndem Schaft einen Augenblick im Rücken der Frau stecken bleibt, bis diese mit einem gellenden Schrei die Locken des Zentauren fahren läßt und mit ausgebreiteten Armen rücklings ins Wasser stürzt. Der Zentaur fängt die Sterbende in seinen Armen auf und trägt sie hocherhoben stromabwärts, dem andern Ufer zuschwimmend.

11. bis 30. Tausend Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.