Der Tod des Cosimo

Part 7

Chapter 73,843 wordsPublic domain

André ging mit bestürztem Gemüt von ihr fort und erwog alle ihre Worte wochenlang; und durch dieses Denken und Überlegen kam eine immer größere Liebe zu Nicolette in sein Herz, daß er vor übergroßer Sehnsucht schwachen Herzens wurde, träumte und nachsann mit Kummer. Der König schickte zu ihm, sprach freundlich mit ihm und gab ihm eine schöne Stellung, sodaß er keinerlei Sorgen mehr hatte um sein Auskommen und hätte arbeiten können, wie er wollte; aber er saß nur traurig in seiner Werkstatt, und es war ihm, als seien alle Pläne und Gedanken davon geflogen in die Luft.

So fand ihn nach Monaten jener vornehme Herr, der die Figur als Erster gesehen hatte, wie er gleichgültig vor einem Werk saß, das er früher gemacht hatte und mit Anstrengung und Willen etwas verändern wollte. Er sah ihm ins Gesicht und sprach zu ihm, er habe gewiß eine Liebe, die nicht erwidert werde; aber er müsse nicht verzagen, denn wenn jemand ernstlich liebe, so erwecke er auch bei dem andern eine Zuneigung, wenn dessen Herz nicht etwa vorher vergeben sei, nur müsse er heiter sein und suchen, daß er glücklich aussehe. Über diese Worte weinte André plötzlich, sodaß der Herr in Verlegenheit fortging.

In der Nacht aber nahm André einen Becher, aus dem Nicolette einmal getrunken hatte, als sie noch bei ihm war, mischte ein Gift und tötete sich selbst.

Ein Eid

In den letzten Zeiten des Merowingerstaates in Frankreich lebte ein Graf Austregisil. Er hatte zwei Söhne, Landegisil und Fortunatus, mit denen er allein in seinem alten Hause wohnte. Seine Gattin war schon seit Jahren gestorben. Er selbst war ursprünglich gemeiner Soldat in der Leibwache des Königs gewesen und hatte sich durch Tüchtigkeit und Schmeichelei seine hohe Stellung errungen. Jetzt war er ein kräftiger Mann in der Mitte der Vierziger mit einer blutroten Narbe von einem Axthieb über die Stirn und mit schwarzem, dichtem und kurzgeschorenem Haupthaar und Bart. Der älteste Sohn, welcher seine Stelle erben sollte, wenn er dem König gefiel, schien sein verjüngtes Ebenbild; der jüngere, den er hatte zum Priester weihen lassen, war ein blasser Mensch mit unheimlichen, verzehrten Augen.

Ein reicher Grundherr in der Nachbarschaft starb und ließ eine einzige Tochter zurück namens Pelagia. Der Vorsteher von Austregisils Schreibern brachte eine Klage ein, er habe vor Jahren dem Herrn seine Güter für eine bestimmte Summe abgekauft, mit der Bedingung, daß er erst nach seinem Tode den Besitz antreten solle. Der Rechtsfreund Pelagias erklärte das Dokument für gefälscht; Austregisil legte dem Schreiber auf, er solle in der Kapelle des Grafenhauses auf die Gebeine des heiligen Remigius schwören, daß seine Behauptung wahr sei; der Schreiber leistete den Schwur und trat den Besitz an; nach einigen Monaten verkaufte er die Güter an Austregisil.

Fortunatus ging im Frühjahr auf das Land, trat in ein Bauernhaus und fand Pelagia, welche bei dem Bauern wohnte, wie sie kostbare Borten webte; der Bauer sagte, daß er die Borten in der Stadt teuer verkaufe, und daß er an Pelagia verdiene. Fortunatus fragte sie nach ihrem Namen; sie antwortete: »Ich bin Pelagia, die Herrin dieses Gebietes, welches dein Vater gestohlen hat.« Er sprach: »Du mußt nach deinem Stande leben, ziehe in das Haus meines Vaters.« Sie antwortete ihm nicht. Er erzählte alles seinem Vater, und der zwang sie, zu ihm zu ziehen; er gab ihr ein eigenes Zimmer in seinem Haus und eine Magd zur Bedienung.

In einer Nacht pochte er an ihrer Tür. Sie fragte: »Wer ist draußen?« Er sprach: »Ich bin Austregisil, öffne mir.« Sie rief um Hilfe, er versuchte die Tür aus den Haspen zu heben. Auf das Rufen kam Landegisil, sein ältester Sohn; er sprach zu ihm: »Ich habe noch nicht gewagt, ein Wort mit ihr zu sprechen; du bist ein alter Mann; du darfst sie nicht zu meiner Mutter machen, sie soll mein Weib werden.« Austregisil lachte. »Heiraten will ich die Bettlerin nicht, mein Gut soll zusammenbleiben bei einem Erben.« Landegisil zog sein Schwert und schlug ihn über den Kopf, dann erschrak er, warf das Schwert fort, verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte, indem er rief: »Du bist mein Vater.« Austregisil wischte sich das Blut aus dem Gesicht, damit es ihm nicht in die Augen lief und ging. Pelagia öffnete die Tür eine kleine Spalte, hing die Kette ein und flüsterte: »Hast du ihn erschlagen?« Er antwortete: »Nein, Gott und die Heiligen haben mich vor dem Vatermord behütet, er trägt einen starken Blechstreifen in seiner Mütze eingenäht.« Sie sprach: »Ich will beten, daß ihr euch gegenseitig mordet, ihr Räuber.« Er antwortete: »Ich bin kein Räuber.« Dann ging er fort.

Fortunatus saß in der Kapelle auf den Stufen des Altars vor dem silbernen Sarkophag des heiligen Remigius. Er dachte: »Gott hat mich geführt; denn wenn ich mein Leben bedenke, so finde ich, daß alles notwendig war für mich, auch das, was mir als Zufall erschien damals, als es mir geschah. Wenig Freude habe ich gehabt in meinem Leben, aber ich durfte auch keine Freude haben, sonst wäre ich nicht der geworden, der ich bin. Aber nun, wohin gehe ich nun weiter? Ich weiß es nicht, aber Gott weiß es. Alles ist nötig für mich gewesen bis nun, so wird alles weitere auch nötig sein; und wenn ich das nicht jetzt mache, so werde ich es später machen, wenn alles andere geschehen ist und ich an meinem Ende bin. Aber vielleicht ist dieser ganze Gedanke falsch? Ich erscheine mir selbst heute notwendig, so, wie ich bin; deshalb muß mir auch alles notwendig scheinen, was mir geschehen ist, und was ich getan habe, denn durch das alles bin ich ja, was ich jetzt bin. Hätte ich nun anderes getan, und wäre mir anderes geschehen, so wäre ich heute der Mensch, der diesen anderen Geschehnissen entspräche, und also ein anderer; dann würde ich, der andere, mir jetzt ebenso notwendig vorkommen, und mein bisheriges Leben, das anders war, als ebenso von Gott geleitet.«

Dann dachte er: »Vielleicht bin ich der andere?« Und er fürchtete sich.

Pelagia wurde in ihrer Kammer ermordet gefunden. Sie lag mit dem süßen Gesicht auf dem Boden, erschlagen mit dem Schüreisen des Kamins.

Der König in seinen langen Haaren, die von dem goldenen Reif zurückgehalten wurden, fuhr durch das Land, in seinem Wagen, gezogen von weißen Stieren, und überall strömten die Menschen ihm zu, damit sein Blick auf sie falle. Er saß in dem Saal im Hause des Grafen Austregisil, um selbst den Mörder zu erforschen. In einem Halbkreis, niedriger wie er, saßen die Vornehmen seines Palastes und die Großen der Grafschaft. Der König sprach: »Wer etwas zu sagen weiß über den Mord, der stehe auf und spreche«.

Da erhob sich Landegisil und sprach: »Kein anderer kann die Tat vollbracht haben wie mein Vater, denn es hatte zu Pelagia niemand Zugang wie wir; und ich weiß, daß er sie mit unzüchtigen Anträgen verfolgte. Ich klage ihn des Mordes an und will mit meinem Schwert gegen ihn eintreten für meine Klage.«

Austregisil erhob sich, und wie er dem Sohn gegenüberstand, fiel allen die wunderbare Ähnlichkeit der beiden auf, und einige flüsterten: »Er ist sein Vater.« Austregisil schwieg eine Weile, dann fragte er seinen zweiten Sohn Fortunatus, der in seinem Priestergewand dasaß, gesenkten Hauptes und die Hände in den weiten Ärmeln. Er fragte ihn: »Wenn dein Bruder stirbt, willst du dann die Kirche lassen, wieder in die Welt gehen, mein Gut und Amt erben, ein Weib nehmen und Kinder zeugen?«

Fortunatus schüttelte das Haupt und sprach mit leiser Stimme: »Ich will Priester bleiben und ein frommes Leben führen, gleich dem heiligen Remigius, dessen Sarg ich bewache. Er war der Sohn eines Grafen wie ich, wurde Priester und ist nun ein Heiliger; und auf seine Gebeine legen wir die Hand, wenn wir schwören, und er hat solche Macht, daß er den tötet, der falsch schwört über seinen Gebeinen.«

Austregisil sprach: »So willst du auch als Priester kein Weib nehmen, damit ich Enkel sehe aus meinem Blut, welche erben, was ich mir erworben?«

Fortunatus schüttelte wieder den Kopf.

Da sprach Austregisil: »Ich werde mir neue Söhne erzeugen. Ich bin unschuldig an dem Mord; aber aus demselben Grunde wie mein Sohn Landegisil mich, klage ich ihn an; denn außer mir und meinen beiden Söhnen hatte niemand Zutritt zu Pelagia; und ich weiß, daß mein Sohn eine Neigung zu ihr hatte. Und ich will meine Anschuldigung beweisen im Schwertkampf gegen diesen, der aus meinen Lenden entstammt.«

Der Älteste der Beisitzer erhob sich und sprach: »Es ist nicht erhört bis heute, daß Vater und Sohn einander mit dem scharfen Schwert gegenüber gestanden haben. Und wenn das geschähe, so habe ich Furcht, daß Gott eine Strafe auf unsere Völker sendet, so groß wäre das Verbrechen. Deshalb ist mein Rat, lieber bleibe der Mörder unbekannt und die Tat ungesühnt, als daß ein so schändlicher Kampf von dem König angeordnet werde.« Die anderen Männer murmelten beistimmend.

Es hatte sich ein schweres Gewitter am Himmel zusammengezogen, ein Frühlingsgewitter. Während der König ruhig überlegend verharrte und eine große Stille im Saal war, kam plötzlich ein heftiger Donnerschlag zugleich mit einem leuchtenden Blitz; die an der Wand aufgehängten Waffen klirrten. Erschrocken sprangen die Beisitzer auf, denn sie dachten, der Blitz habe im Raum eingeschlagen, dann flehten sie den König an, der Meinung des Alten beizustimmen.

Der König sprach: »Der Blitz darf mich nicht erschrecken, und es wäre ebensolche Sünde, den Mord ungesühnt zu lassen, als wenn Vater und Sohn sich mit tödlichen Waffen schlügen. Aber ich habe einen andern Weg gefunden, die Wahrheit zu treffen. Dieser Priester sagte, daß die Reliquien eines Heiligen hier im Hause sind. Vater und Sohn sollen auf diese Reliquien schwören, daß sie unschuldig sind an dem vergossenen Blut. Ist der Heilige so mächtig wie der Priester sagte, so wird er denjenigen von den beiden bestrafen, welcher der Meineidige, Mörder und falsche Ankläger seines nächsten Verwandten ist.«

Der König erhob sich langsam und schritt zur Kapelle. Die andern folgten.

Der Vater gürtete sein langes Schwert ab, legte es zur Seite und stieg die Stufen des Altars empor. Auf dem Deckel des Sarges war in dem blanken Metall eingeritzt und mit Niello ausgelegt die Figur des Heiligen, ruhend, mit geschlossenen Augen, die Hände über die Brust gelegt. Der Graf erhob die Schwurfinger der linken Hand, legte die rechte Hand auf das Haupt des Heiligen und sprach mit lauter und fester Stimme die Worte des Schwurs nach, welche ihm Fortunatus, am Fußende des Sarges stehend, vorsagte. Alle schwiegen, als er geendet; und in der tiefen Stille ging er mit schweren Schritten die Stufen wieder herab.

Nun machte sich Landegisil bereit, und in die Stille kam von außen ein leises Rollen des Donners, als ziehe das Gewitter ab. Die Stimme des Fortunatus war noch leiser wie vorhin, Landegisil sprach ruhig und laut nach. Als er die Worte fast beendet hatte, erfüllte plötzlich das Licht eines Blitzes die Kapelle, daß alle die Augen schließen mußten, und unmittelbar folgte ein entsetzlicher Donnerschlag. Als die Männer wieder aufblickten, stand nur noch Landegisil aufrecht, die Hand auf dem Haupt des Heiligen; Fortunatus lag tot am Fußende des Sarges.

Der Tod des Dichters

Fünf Frank habe ich. Schnaps ist Unsinn. Burgunder will ich trinken, guten alten Chablis, in einer verschimmelten Flasche, die in einem Körbchen auf den Tisch gestellt wird. Hier liegen ja auf allen Tischen Servietten. Vier Frank fünfzig, fünfzig Trinkgeld, das reicht gerade. Was? Das ist ein feines Restaurant? Man will mir nichts geben? Herr Kellner, ich bin ein Dichter, eine Berühmtheit. Das ist lächerlich, zu sagen Herr Kellner, man sagt nur Kellner; aber ich kann nicht anders, es ist gegen die Menschenwürde. Was? Hier verkehren nur feine Leute? Vorige Woche war ich fünfzig Jahre alt, da haben die Zeitungen Artikel über mich gebracht, nur die besseren natürlich; die Artikelschreiber gehen in Zylinder und Handschuhen, die dürfen hier wohl sitzen, aber ich nicht? Sie haben geschrieben, daß es eine Schande ist, wie man mich verkommen läßt, noch nicht einmal die erste Auflage ist verkauft von meinem Buch; aber Fagerolles, ja Fagerolles hat ein eigenes Auto. Ich nenne ihn Fagerolles, Herr Kellner. --

Ach, ich gehe schon. Sie sind ja nicht bösartig, Herr Kellner, Sie dürfen bloß nicht.

Es ist kalt auf der Straße, aber wenn man fünf Frank hat in der Tasche, das wärmt einen. Soll ich essen? Ich habe wohl die ganzen drei Tage nichts gegessen, wo ich an dem Buch übersetzte. Unrecht ist es eigentlich doch, man verkauft seine Seele an den Schweinehund, und er gibt einem nur fünf Frank, fünf Frank für drei Tage Arbeit, meine Herren. Soll ich essen? Ich habe keinen Hunger. Wie ich damals mein Buch schrieb, ach, das war schön, das war der Höhepunkt. Da wohnte ich bei Fagerolles, er hatte mir eine schöne Dachkammer abgetreten, da war ich den ganzen Tag allein, nur am Abend, da mußte ich unten essen, und dann las ich vor. Seine Frau weinte vor Neid, er lief auf und ab im Zimmer, auf den Teppichen hörte man den Tritt nicht; ich aber lachte heimlich und dachte: Ihr seid ja reich, aber auf mich werden einmal die Menschen hören, die jungen Menschen, die noch nichts wissen, die lesen mein Buch, und da erfahren sie die Schönheit. --

Ach, die Schönheit, ich muß weinen, denn ich denke an den Waldrand und den Kuckucksruf, Vorfrühling auf brauner Wiese, Rieseln des Quellwassers, und dieser Vogelruf -- wie hieß nur der Vogel? Ich vergesse jetzt so viel. Vielleicht dieser große schwarze Vogel mit gelben Füßen. Da brennt eine rote Laterne, man wird so naß im Regen draußen, ich will hineingehen, aber Burgunder will ich, wie ich ihn damals zuerst bei Fagerolles getrunken habe. Ei, du Gauner, du Fagerolles, du hast mich untergekriegt. Jetzt sagen die Leute auch noch, du hast ein gutes Herz. So ein Halunke! Mich friert so, es ist auch nichts, wenn einem das Wasser durch die zerrissenen Sohlen an die Füße kommt. Die Füße sind empfindlich. Auch sollte man doch mehr essen. Die Miete kann man ja schuldig bleiben, aber das Essen ist doch eine Hauptsache. Aber heute Abend will ich Burgunder trinken, in einer verschimmelten Flasche, in einem Körbchen. Und wie sie es dem Fagerolles gegeben haben, die Artikelschreiber! Ja, das ist wahr; ohne mich, was wäre er? Ein Kuhfladen. Eigentlich ist er doch mein Bourgeois. Und wie gesund er ist, wie fleischig und rot! Ich habe ihn gestern gesehen, oder war es vorgestern? Er hat mich gut verdaut, es ist ihm angeschlagen. Bekomme es ihm weiter! Böse will ich ihm nicht sein. Nur, er hätte sich doch können einmal anpumpen lassen, einmal wenigstens, es brauchte ja gar nicht so viel zu sein, fünfzig Frank vielleicht. Ob ich ihm noch einmal schreibe? Wenn ich fünfzig Frank hätte, dann fütterte ich mich erst wieder einmal ordentlich auf, dann wäre auch ein anständiger Anzug nötig und ordentliche Stiefel, feste Stiefel, Stiefel, die nicht zerrissen sind, dann müßte ich eine Bude haben mit einem Ofen. Ein Ofen ist unbedingt nötig. Es ist ja alles fertig, ich brauche es bloß niederzuschreiben, aber sorglos muß man sein; wenn ich fünfzig Frank hätte, so ginge es. Was die sich von der Cäsur denken! Die Cäsur, da steckt die Seele des Verses. Das habe ich früher nicht so gewußt, da war es mehr Instinkt. Ach, Fagerolles, wenn das deine Verse wären, die ich morgen schreibe! Und jetzt wird ja auch besser bezahlt. Wir sind ja durchgedrungen, Fagerolles verdient ja Hunderttausende. Hunderttausende, das ist viel. Aber er braucht auch viel: Auto, Dienstmädchen, Kutscher, zwei Hunde, auch Steuern. Aber tausend Frank Honorar bekomme ich doch gewiß, vielleicht tausendundfünfzig, wenn der Verleger anständig ist. Tausendundfünfzig. Wieviel ist das doch? Man müßte auch Kontrakte machen, daß es einem nicht wieder in alle Sprachen übersetzt wird, und man kriegt keinen Heller dafür. Damit müßte man doch auch viel verdienen. Woher verdient denn Fagerolles so viel?

Wie wunderschön ist die Welt, wie bin ich glücklich. Das ist eine schmutzige Kneipendiele, Zigarrenstummel liegen da, da sind nasse Flecke von der Feuchtigkeit, welche die Männer von außen hereingebracht haben, sie haben auch gespuckt. Die Bretter, aus denen diese Diele gemacht ist, sind einmal im Wald gewachsen und waren Bäume, welche im Winde leise schwankten, und Sand ist gestreut, der ist tief aus der Erde geholt hier unter uns, denn dieses alles war einst Meer, und der Wind wehte über die leichten Wellen hin, und Möven flogen, mit der Spitze des einen Flügels in die Wellen tauchend. Wie schön ist die Weite des Meeres, die grenzenlose, ich möchte meine Arme ausbreiten und tief atmen.

Nun sind es dreißig Jahre her, da war ich ein Jüngling, und da war die erste Liebe. Wie wunderbar das ist, daß einen ein Mensch lieben kann! Sie sind wie die Kinder, die Mädchen, aber sie denken doch nachher auch daran, daß ein Mann genug verdienen muß, denn da muß Miete sein und Wirtschaftsgeld und Wäsche und allerlei. Es wäre unrecht von mir, wenn ich ihr böse wäre, daß sie einen Mann geheiratet hat, der eine Anstellung hatte; und jetzt ist das auch so lange her, vielleicht ist sie schon tot; ja, ich glaube, man hat mir einmal eine Todesanzeige geschickt, aber ich konnte nicht zum Begräbnis gehen, denn ich hatte keinen guten Anzug, und gerade diese kleinen Beamten halten am meisten auf solche Äußerlichkeiten.

Und dann war da Apfelblüte, die habe ich wahrscheinlich viel mehr geliebt, denn da war ich älter und klüger. Fagerolles machte mir Vorwürfe, er sagte: Sie ist eine Dirne, was sollen meine bürgerlichen Bekannten sagen, wenn sie mich mit euch beiden sehen? Ich sagte ihm: Ja, sie ist eine Dirne, aber es ist so wunderbar, daß sie mich liebt! Ihr Vater war Tischler, da hat sie sich als Kind Hobelspäne vor die Schläfen gehängt wie Locken, damals kannte ich sie schon, denn ich wohnte bei ihren Eltern, und nannte sie Apfelblüte, so ein Gesicht hatte sie. Sie sang viel, wenn es heute wäre, so wären es meine Gedichte, die sie sänge, denn ich bin ja heute durchgedrungen, und vielleicht hätte sie dann etwas von der Schönheit verspürt. Sie lief ihren Eltern fort mit einem Liebhaber; und wie der sie nicht mehr wollte, da hatte sie Angst und kam zuerst zu mir, daß ich mit ihren Eltern sprechen sollte. Da sagte ich ihr: »Weshalb hast du das getan?« Sie antwortete: »Ich bin jung. Aber du warst es, der mich hätte nehmen sollen, ich habe dich geliebt, aber du hast es nicht gemerkt.« Ich sprach: »Wie hätte ich das tun können, ich bin arm, und ich hätte dich nur zur Dirne gemacht.« Da weinte sie und sprach: »Ich bin zur Dirne bestimmt, nun hat mich ein anderer dazu gemacht, den ich nicht lieb hatte, und auf den ich nicht stolz sein konnte, wenn ich mit ihm auf der Straße ging, trotzdem er feiner gekleidet war wie du.« Ich nahm sie auf den Schoß, küßte sie und sprach: »Nun wollen wir das vergessen.« Sie lachte. Ach, wie süß war ihr Lachen! Ja, auch damals war ich sehr glücklich, und am glücklichsten, wenn ich meine Gedichte an sie schrieb. Sie war gut und rein, und so heiter, alle Arbeiten machte sie singend, und selbst ihr Vater konnte sie nicht schlagen.

Ja, der Wein macht uns frei, mir ist wie dem Vogel in der Luft. Wir sind schwermütig, wenn wir nicht trinken, und Schwermut ist etwas Gemeines.

Er trat auf die Straße, in den Pfützen spiegelte sich das Laternenlicht. Er lachte und sang leise vor sich hin, ein Liebeslied, das er damals gedichtet hatte. Ein Freund hatte die Musik dazu geschrieben, der war nun schon lange tot, er war irrsinnig geworden, weil er sich überarbeitet hatte. Denn er konnte nur des Nachts arbeiten, weil er den Tag über Klavierstunden geben mußte, an Bäckerstöchter für fünfzig Centimes die Stunde. Aber heute, ja, da war er auch durchgedrungen. Sie hatten ihm sogar schon ein Denkmal gesetzt.

Da begegnete ihm die, welche früher Apfelblüte gewesen war. Ihr Gesicht war verbunden, sie humpelte an einem Stock, in durchnäßten Filzschuhen, und ihre Lumpen hingen schlaff an ihr nieder. Er rief sie an. Sie sprach: »Schämst du dich denn nicht, daß du mich kennst?« Und dann rollten ihr Tränen aus den entzündeten Augen über den Verband ihres Gesichtes. Er antwortete: »Ich bin ja auch älter geworden, ganz kahl ist mein Schädel, alle Haare sind mir ausgegangen.« Er lehnte sich an eine Hauswand. Sie streckte die Hand aus und sprach: »Du könntest mir ein paar Sous geben, damit ich nicht im Freien schlafen muß.« Er antwortete: »Ich schlechter Mensch habe alles vertrunken, aber du kommst auf mein Zimmer, nur habe ich keinen Ofen.« Sie schüttelte den Kopf »das ist eine häßliche Krankheit, die ich habe, du kannst mich nicht mitnehmen.« »Du warst gut«, sprach er, »und hast allen Menschen nur Freude machen wollen, weshalb sind die Menschen so schlecht gegen dich gewesen? Aber sie wissen ja nicht, was sie tun, sonst wären sie anders.« Dann faßte er sie unter den Arm, und er sagte: »Ich habe einen Stoß alte Zeitungen und etwas schmutzige Wäsche, daraus machen wir noch ein Lager.« Sie weinte und sprach: »Seitdem ich von dir ging, vor zwanzig Jahren, hat nie wieder ein Mensch ein gutes Wort zu mir gesprochen. Aber ich ging nur fort, weil ich damals so jung war und gern tanzte.« Langsam gingen sie, denn sie hatten beide wenig Kräfte.

Wie sie auf seinem Zimmer waren, setzte er sich und sprach: »Mir ist so sonderbar, ich habe den guten Wein zu schnell getrunken.« Sie dachte, er sei betrunken, und holte das Nachtgeschirr; es hatte keinen Henkel. Aber ihm war der Kopf auf die Brust gefallen, und die Zunge war zwischen die Zähne geklemmt. Da fühlte sie, daß er tot war, drückte ihm die Augen zu und legte ihn auf die Stubendiele, denn sie konnte ihn nicht in das Bett heben.

Wie das nun am andern Tag in den Zeitungen stand, daß der große Dichter gestorben war, und wie groß sein Elend gewesen war, da kam der, den er Fagerolles nannte, ging in seinem feinen Pelz die schmutzige Treppe hinauf und fand die Prostituierte mit dem verbundenen Gesicht neben dem toten Dichter kauern. Er bezahlte Leute, die für das Begräbnis sorgten, und er folgte seiner Leiche zusammen mit der Prostituierten. Ihr Verband hatte sich verschoben durch das Weinen und Tränentrocknen, man sah, daß die Krankheit ihr die Nase fortgefressen hatte. Er war ein sehr berühmter Dichter, sah gesund und reich aus.

Wie der berühmte Dichter am andern Tage in den Zeitungen die Artikel las, da las er auch, daß seine Werke nur von zeitlicher Dauer seien, aber das Buch des Toten werde ewig dauern. Da geriet er in Angst, daß die Menschen das schrieben, denn er dachte, daß er sehr viele Schulden hatte bei seinem kostspieligen Hausstand, und daß schon begannen die Einnahmen sich zu vermindern. Seine Frau kam zu ihm und zeigte ihm ein neues Kleid, und seine beiden in Reichtum erzogenen Kinder kamen; sie sahen vornehm und unschuldig aus; und er dachte, wie das sein werde, wenn man ihm seinen ganzen Hausrat verkaufte und er in einer armen Dachstube leben müßte mit der Frau und den Kindern, wie der Tote gelebt hatte, und er ängstigte sich vor seiner Lüge.

Manto und Sextilius