Der Tod des Cosimo

Part 5

Chapter 53,919 wordsPublic domain

Der Kandidat erschien als ein schüchterner und schmaler junger Mann, mit einem würdigen schwarzen Rock bekleidet, der in einer größeren Versammlung nichts sprach, aber wenn er mit einem Menschen allein war, in ganz erstaunlicher Weise fortgesetzt reden konnte. Der Rittmeister war bei der ersten Begegnung der Verlobten anwesend; es schien ihm, als fliege ein leichter Schatten von Enttäuschung über das lustige Gesicht des Fräuleins; mit einem flüchtigen Blick streifte sie den Rittmeister, der ein Lächeln über die lange und linkische Gestalt des Kandidaten verbiß, und ein plötzliches Rot färbte ihr Gesicht.

Es folgte nun eine eifrige Tätigkeit in Heraussuchen von Leinwandballen, Zerschneiden und Säumen und sonstigem Nähen und Schneidern. Der Kandidat machte regelmäßig jeden Tag von zwei bis vier Uhr einen Besuch auf dem Schloß. In der ersten Zeit brachte er Bücher mit, aber nachdem das Fräulein mehrmals erklärt hatte, die Bücher seien langweilig, saß er mit zusammengeschlagenen Händen stumm in der großen Stube, indem er mit den Bewegungen seiner runden Augen dem Fräulein folgte.

Der Rittmeister wunderte sich, daß die Braut nach einiger Zeit plötzlich gegen ihn verlegen zu werden schien und ihn zu meiden suchte. An einem Abend sagte sie ihm, sie müsse ihn noch heute notwendig sprechen, er möge sie in seinem Zimmer erwarten. Sie kam mit dem Zeichen höchster Befangenheit und sagte ihm, daß sie ihm Vorwürfe machen müsse, weil er sie erst zu einem Briefe an ihn veranlaßt habe und den nun nicht beantworte. Gewiß habe er nur die Absicht gehabt, sich mit ihrem Brief vor seinen Kameraden zu rühmen. Nach diesen Worten begann sie heftig zu weinen und schluchzen.

Der Rittmeister war ganz verwundert, denn er wußte weder von einem Briefe, den er erhalten, noch von einem, den er veranlaßt haben sollte; dazu rührten ihn sehr die Tränen und rührenden Klagen des Mädchens. Aber als er ihr nun zuerst sagte, daß er nichts verstehe, geriet sie in noch größere Aufregung. Nur mit großer Mühe vermochte er sie zu bewegen, ihm folgende Geschichte zu erzählen: Die Kammerjungfer sei heimlich zu ihr gekommen und habe ihr einen Brief des Rittmeisters gebracht; in diesem habe der Rittmeister ihr geschrieben, daß er sie liebe, und wohl wisse, daß sie nicht ihn, sondern den Kandidaten liebe; aber sie würde ihm eine Linderung verschaffen, wenn sie ihm eine Locke ihres Haares schicke; diese wolle er dann immer bei sich tragen und wolle sie häufig ansehen, wenn er allein sei, und wenn er einst sterbe, so solle diese Locke mit ihm begraben werden. Dieser Brief habe sie sehr gerührt, und besonders die Stelle, daß die Locke mit ihm begraben werden solle. Deshalb habe sie sich eine Locke abgeschnitten und einen Brief geschrieben, in welchem sie ihn getröstet habe und auf den Himmel verwiesen, und dann habe sie die Locke beigelegt und den Brief der Jungfer übergeben, damit sie ihn dem Rittmeister überbringe.

Der Rittmeister war über diese Erzählung noch mehr erstaunt wie vorher und versicherte ihr treuherzig und der Wahrheit gemäß, er habe ihr nie einen solchen Brief geschrieben. Da vergrub sie ihr Gesicht in den Händen und sprach zu ihm, nun müsse sie sich erst recht vor ihm schämen; denn er werde nun gewiß sich allerlei von ihr denken; und sie könne sich gar nicht vorstellen, wie denn alles zusammenhänge. Der Rittmeister forderte ihr den Brief ab, und sie brachte ein zerknittertes Zettelchen zum Vorschein, auf welchem Spuren von Tränen bemerkbar waren. Er hielt sie zuerst für Wasserflecken, aber sie sagte ihm mit großer Verlegenheit, sie habe so sehr über seine Liebe und über seinen schönen Brief weinen müssen. Dann sagte er, der Brief sei ganz offenbar von einer Frau geschrieben und zeigte ihr seine eigene Handschrift, die denn auch keinerlei Ähnlichkeit mit den Zügen des Briefes aufwies. Hierüber erwies sie sich immer erstaunter. Er sagte am Ende, die Erklärung der wunderlichen Geschichte werde bei der Kammerjungfer zu suchen sein; diese habe wahrscheinlich den Brief und die Locke von ihr haben wollen, um dann Erpressungsversuche bei ihr zu machen, und ganz gewiß habe sie den ersten Brief, der von ihm sein solle, selber geschrieben. Das Fräulein zeigte eine große Verwunderung über die Schlechtigkeit und Schlauheit der Person. Der Rittmeister fuhr fort, immerhin sei sehr merkwürdig, daß die Fälscherin nicht die Entdeckung gefürchtet habe, da sie beide sich ja doch, wie sie wohl wußte, jeden Tag sprechen konnten. Dem stimmte das Fräulein zu und sagte, es sei doch gut, daß solche schlechte Pläne durch die eigene Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit der Böswilligen immer wieder ans Licht kämen. Aber wie nun am Ende der Rittmeister sagte, er wolle alles dem Freiherrn mitteilen, damit der die Person gehörig strafe, da bat sie ihn inständig, doch die Sache zu verschweigen; denn bestrafen könne man die Jungfer doch nicht mehr, da sie seit heute früh heimlich aus dem Dienst nach Breslau entwichen sei, wohin ein Liebhaber von ihr verzogen sei; und wenn der alte Herr die Geschichte erfahre, so werde er nur nutzlos aufgeregt und mache alsdann ihr die größten Vorwürfe wegen ihrer Unvorsichtigkeit, daß sie den Brief beantwortet habe; und sie sei ja auch wirklich sehr unvorsichtig gewesen, einen solchen Brief zu schreiben, der nun in der Hand einer solchen Person sei; denn wenn ein Fremder ihn lese und die Locke sehe, so werde ihr das sehr peinlich sein; denn er, der Rittmeister, wisse ja gar nicht, was sie in dem Brief geschrieben habe. Bei diesen letzten Worten sah sie den Rittmeister mit einem solchen Blick an, daß dieser plötzlich verspürte, das Fräulein liebe ihn; da nahm er sie in den Arm und wollte sie küssen, sie aber erwehrte sich seiner mit sanften Bewegungen und sagte, sie wolle am nächsten Abend wieder zu ihm kommen, wenn er es erlaube, denn es sei ihr eine große Freude, mit ihm ungestört zu plaudern, da er sich ihr doch als ein treuer Freund erwiesen habe. Mit diesen Worten entschlüpfte sie ihm leicht und war aus dem Zimmer, ehe er es sich versah.

Der Rittmeister dachte lange über das Abenteuer nach, und es kam ihm der Gedanke, ob nicht das Fräulein, um sich ein Gewerbe bei ihm zu machen, selbst den gefälschten Brief geschrieben habe, den sie angeblich von der Jungfer empfangen. Schnell aber verwarf er diesen Gedanken wieder als unwürdig und sagte sich, ein windiger und geckenhafter Franzose möge wohl solche Vorstellungen von den Frauen haben, aber ein Deutscher müsse anders denken.

2.

Am nächsten Abend kam das Fräulein wieder durch die bekannte Tür, aber sie war in einer wunderlichen Verfassung, denn ihr Gesicht war von Weinen ganz verstört, ihre Backen blaß, und die Augen geschwollen, und rot umrandet. Sie sagte, sie wisse, daß sie sehr häßlich aussehe, aber sie müsse trotzdem zu ihm kommen, weil sie ihm Wichtiges anzuvertrauen habe und um seinen Rat bitten wolle. Sie könne den Kandidaten nicht heiraten, denn es sei ihr klar geworden, daß ihre gemeinte Liebe zu ihm nur eine Phantasie gewesen sei, die sie aus den Büchern geschöpft; denn indem in diesen die Zeichen der Liebe ganz genau beschrieben seien und sie einen übermäßigen Fürwitz gehabt habe, sei ihr in den Sinn gekommen, ihre Gemütsstimmung mit der Stimmung der Personen zu vergleichen, welche in den Büchern beschrieben waren; und zwar habe sie zuerst keinerlei Ähnlichkeit bemerkt, nach einer Zeit aber sei es ihr gewesen, als empfinde sie in einigen Stücken so, wie sie gelesen, und da sie zuletzt einen englischen Roman gelesen habe, in welchem erzählt wurde, wie ein vornehmes weißes Mädchen in den Kolonien sich in einen edelgesinnten Neger verliebte, und der sich in sie, und wie die beiden Liebenden sich immer treu geblieben seien, bis dem Neger aus Sehnsucht das Herz brach und die weiße Dame aus Kummer darüber ins Kloster ging; so sei es ihr vorgekommen, als sei sie ganz genau so wie jene Dame und der Kandidat wie der Neger, und der Kandidat habe ihr gesagt, auch ihm sei so. Nun aber sehe sie wohl ein, wo es in einigen Wochen zum Ernst kommen solle und sie seine Frau werden müsse, daß sie lieber ins Wasser gehen wolle, wie einen solchen Kandidaten heiraten. Und sie habe das auch ihrem Bräutigam gesagt, und der sei nun ganz ratlos geworden, daß die Stimme des Herzens in ihr schweige, und wisse nicht, was er beginnen solle; und sie glaubte, daß auch er jetzt Angst bekommen habe, wenn auch nicht so große wie sie.

Der Rittmeister lächelte sehr bei dieser Erzählung, und das Fräulein erschien ihm recht kindisch. Aber wie sie so verschüchtert in der Ecke des großen Lehnstuhls saß und sich mit den Handrücken die Augen wischte, da überkam ihn plötzlich eine Zärtlichkeit wie zu einem lieben, kleinen Vögelchen, und sein Herz rührte sich, daß sie ihm leid tat. Indessen durchkreuzten sich in diesem Augenblick in ihm eine Menge verschiedener anderer Gedanken, und er bedachte bei sich, daß er dieses reizende und quecksilberige kleine Wesen auf den Arm nehmen möchte und in sein Haus tragen, damit es als ein lustiger Kobold in dem herumwirbele. Aber er sah auch zugleich ein, daß er eine ganz bestimmte Art ihr gegenüber zeigen mußte, damit sie zugleich eine angemessene Frau wurde und ihm mit Würde gehorsam blieb. Deshalb gab er nicht seinem ersten Antrieb nach, sondern machte ein ernstes Gesicht und ging scheinbar nachdenklich im Zimmer auf und ab, indessen die Kleine ihn mit ängstlich gespanntem Gesichtsausdruck mit den Augen verfolgte.

Zuletzt erzählte er ihr mit kurzen Worten: Er habe sie nicht in Angst versetzen wollen, deshalb habe er über einen Vorfall geschwiegen, den er ihr nunmehr, da sie ihre Gesinnungen und Wünsche so gänzlich geändert habe, doch mitteilen müsse. Er habe nämlich im Traum wirklich eine Erscheinung des Ahnherrn gehabt; dieser sei sehr zornig über ihrer beider Eulenspiegelei gewesen. Näheres könne er ihr nicht sagen. Das Fräulein schien zuerst nur halb gläubig; als sie aber des Rittmeisters ernstes Gesicht sah, wurde sie ganz bestürzt und ängstlich, und begann von neuem zu weinen, denn es überkam sie nun auch eine Furcht vor dem Gespenst, die sie vorher noch nie gehabt hatte. Der Rittmeister fuhr fort, daß es auch sehr schwierig sein werde, die Verlobung bei ihren Eltern rückgängig zu machen, denn es sei doch unmöglich, denen zu gestehen, daß die Erscheinung nur von ihnen erlogen gewesen sei. Das Fräulein antwortete schüchtern, sie habe sich gar nichts mehr überlegt, sondern habe nur immer fest auf ihn und seine Hilfe gebaut. Er tröstete sie, daß er einen Plan überlegen wolle. Dann ging sie in ihr Kämmerchen zurück, er mußte sie aber begleiten, da sie sich fürchtete.

Am andern Tag bat der Rittmeister seinen General um einige Wochen Urlaub, indem er ihm den Grund erzählte. Dann sorgte er für Wagen und Pferde und beschaffte alles andre, das nötig war, um eine Entführung ins Werk zu setzen; und wie nun der Vorabend des Hochzeitstages gekommen war, verließ er gegen Mitternacht heimlich mit dem Fräulein das Schloß, fuhr einige Meilen weit in ein kleines Städtchen, ließ sich hier von einem Pfarrer seines Regimentes trauen und zog mit seiner jungen Frau in eine vorbereitete Mietwohnung.

Die Eltern waren am andern Morgen früh aufgestanden, der alte Freiherr mit ärgerlichem Schelten und seine Gemahlin mit frommer Gottergebenheit. Der Bräutigam kam in einem neuen priesterlichen Kleide aus feinem schwarzen Tuch, in einiger Unruhe und Sorge. Wie die Braut immer nicht erscheinen wollte und auch auf Klopfen und Rufen nicht antwortete, öffnete man ihr Zimmer mit einem Nachschlüssel; da zeigte sich, daß das Bett unberührt war und ihre besten Kleider fehlten. Wie dem Bräutigam klar wurde, daß die Braut entflohen war, kniete er mitten im Zimmer hin, faltete die Hände und sendete ein Dankgebet zu Gott, daß er die Hochzeit vereitelt; der alte Freiherr aber geriet in einen so maßlosen Ärger auf den Kandidaten, daß er schrecklich fluchend seinen Degen zog und auf den betenden Kandidaten loshumpelte. Dieser schrie laut vor Schreck, sprang auf und verbarg sich hinter der Baronin, die eben erst ihre Krinoline umgeworfen hatte, um den Sitz zu probieren, und noch kein Kleid übergezogen hatte, sodaß man das geängstigte Gesicht des knieenden und sich mit beiden Händen an der Krinoline festhaltenden Theologen durch das stählerne Gitterwerk sehen konnte. Der Baron humpelte in seiner blinden Wut mit dem Degen auch auf die Krinoline los, um hindurchzuspießen; da erschrak auch die Baronin, stieß durchdringende Schreie aus und lief davon, der Kandidat sich immer festhaltend hinter ihr her. Dann zeigte sich, welchen Haß der alte Freiherr immer auf den Kandidaten gehabt hatte; denn wie sich auch das Entweichen des Rittmeisters herausstellte, sagte er ernsthaft: es sei ihm lieber, seine Tochter als Geliebte eines braven Offiziers und echten Edelmanns zu wissen, wie als Frau eines Pastors. Am Abend ließ er ein Paket Lichter in das Fremdenzimmer bringen, lud selbst seine Pistolen, nahm seinen Degen, und erwartete, in dem alten Lehnstuhl sitzend, das Gespenst. Denn er wollte dem auseinandersetzen, daß er für seine Person alles getan habe, was er konnte, um es zu befriedigen, und wollte ihm auch erklären, daß es nicht kavaliermäßig handeln würde, wenn es nun doch seine Drohung erfüllte. Aber da das Gespenst nicht kam, so schlief er endlich auf seinem Stuhle ein, denn er hatte sich auch einige Flaschen Rotwein mitgenommen.

Am andern Tage kam ein Brief des Rittmeisters an, in welchem die vollzogene Eheschließung mitgeteilt war. Die junge Frau hatte noch einen rührenden Nachsatz geschrieben, durch den sie um Verzeihung bat, daß sie ihrer Liebe gefolgt sei; aber sie habe ihren Eltern nichts sagen dürfen, damit die nichts wußten und dem Gespenst gegenüber unschuldig waren. Der alte Freiherr antwortete, ihm sei die Ehe ganz recht, insofern er nun von dem theologischen Schwiegersohn befreit sei; und wenn auch der Rittmeister außer seinem Degen nichts habe, so sei seine Tochter einzige Erbin und besitze genug, um eine Familie zu unterhalten, besonders, wenn er sich der Wirtschaft annehmen wolle und die Betrügereien der Leute abstellen, welches ihm wegen seiner Gicht und sonstigen Gebrechlichkeit unmöglich sei.

Hierauf fuhr das junge Paar zu den Eltern zurück; der Freiherr und seine Gemahlin erwarteten sie am Tore, umarmten und küßten sie, der Rittmeister mußte gleich vom ersten Abend an die Wirtschaftsbücher durcharbeiten, und es war alles gut.

Da nun in dieser Zeit die Friedensunterhandlungen begannen, so hielt es der Rittmeister für erlaubt, um seinen Abschied einzukommen, der ihm auch in Gnaden bewilligt wurde. Er wandte sich nunmehr ganz auf die Bewirtschaftung des Gutes und lebte mit seinen braven Schwiegereltern und seiner jungen Frau recht fröhlich und zufrieden, indem er wohl wußte, daß er vor dem abenteuerlichen Sinn seiner Frau doch immer auf der Hut sein müsse.

Nun kam noch mancherlei wechselnde Einquartierung und sonstiger Besuch, infolge des Friedens, der Rückmärsche und Verabschiedungen. So erschien eines Abends spät ein verabschiedeter preußischer Offizier und bat um Obdach. Er war ein geborener Franzose, stellte sich als Marquis vor und machte auf den Rittmeister einen sehr abenteuerlichen und stark abgerissenen Eindruck. Durch seine Lustigkeit und gewandtes Benehmen wußte er sich bei den alten Leuten und der jungen Frau so beliebt zu machen, daß er sich gänzlich einnisten konnte und auch nach Wochen nicht an eine Weiterreise dachte. Dem Rittmeister fiel wohl auf, daß seine junge Frau ihm immer mit den Augen folgte und mit großem Eifer seine Geschichten aufnahm, auch wenn sie offenkundige Lügen und Aufschneidereien waren. So beschloß er, dem Unwesen ein Ende zu machen, ehe es zu spät wurde. Er gab vor, daß er auf einen Tag nach Breslau reiten wolle und verbarg sich heimlich im Hause. Wie es gegen Mitternacht war, holte er die Kette und das Laken hervor, die seine Frau damals in seinem Zimmer gelassen hatte, wie sie zum ersten Male als Geist bei ihm war, kleidete sich an wie sie damals gekleidet war, und ging kettenrasselnd durch den Gang zu ihrem Schlafzimmer, öffnete es, trat vor ihr Bett, die sich grausend aufgerichtet hatte und ihn mit großen Augen sprachlos vor Angst anstarrte, und drohte ihr stumm mit dem Finger. Dann wandte er sich und verließ das Zimmer wieder, indem er klirrend den Gang langsam zurückschlürfte.

Sobald er angeblich von der Reise zurückkam, zog ihn seine Frau zur Seite und klagte ihm, daß der Fremde so sehr lange bei ihnen bleibe und daß ihr seine Gegenwart wegen seines vielen Redens sehr unangenehm sei. Er antwortete ihr, daß er das wohl gemerkt habe, wie lästig ihr der Mensch werde; und da sie es wünsche, so wolle er ihm einen Wink geben. So sprach er denn mit ihm, sagte ihm, daß er ihm die Sehnsucht nach seinem Vaterlande wohl angemerkt habe, und wenn er sein Anerbieten nicht unfreundlich auffassen wolle, so wolle er ihm als Freund und alter Kriegskamerad, der wohl wisse, wie man in zeitweilige Not kommen könne, das Geld leihen, das er zur Rückreise brauche. Damit drückte er dem überraschten Franzosen ein Päckchen mit einigen Dukaten in die Hand und ließ ihn; und der Franzose reiste denn auch wirklich sofort ab, mit vielem Dank und Einladungen auf sein heimatliches Schloß in der Gascogne.

Nach diesem Erlebnis war es lange Zeit ruhig bei den beiden; und es kamen Kinder, die Eltern starben, die Kinder wurden größer; und das Leben floß unaufhaltsam hin.

Als der älteste Sohn zehn Jahre alt war, wurde ein fröhliches Fest gefeiert, zu dem auch alle Gutsnachbarn eingeladen waren. Der Tag war recht mühsam für die Mutter; aber sie fühlte sich glücklich und froh; und als ein ganz alter Herr von den Gästen ihr sagte, sie gleiche jetzt ganz ihrer seligen Mutter, als die noch jünger gewesen sei; und als sie im Spiegel gesehen hatte, daß sie in Wahrheit nicht mehr so schlank und biegsam war wie früher, sondern eine breite Taille hatte, da wurde sie in glücklicher Weise nachdenklich. Am späten Abend fuhren alle Gäste fort; die Kinder lagen längst in ihren Betten und schliefen; in der Küche klapperten und schwatzten noch die Mägde. Da stand sie mit ihrem Mann am Fenster und sah in die Mondnacht hinaus, und erzählte ihm, wie einst ihre Liebe zu ihm einmal wankend geworden sei durch den lustigen Franzosen, und wie sie damals eine Erscheinung des Ahnherrn gehabt, sie wisse nicht, ob im Traum oder im Wachen; er habe aber genau so ausgesehen, wie sie selbst vorher ihn gespielt hatte mit einem Mut, den sie heute nicht verstehen könne; der habe sie gewarnt; da sei ein Schrecken über sie gekommen und sie habe eingesehen, daß sie auf unrechten Wegen gehe und habe ihn gleich den andern Tag gebeten, den Franzosen zu entlassen. Da nickte ihr Mann und sagte, durch dieses Geständnis sei sie ihm doppelt lieb geworden; und wir Menschen können nicht alle Geheimnisse enträtseln und sollen uns in Ehrfurcht beugen vor dem Unbegreiflichen.

Das hölzerne Becherlein

Von einem alten König in Asien wird erzählt, daß er ein sehr barmherziger und mildtätiger Herr gewesen ist.

Die Geschichtsschreiber berichten, daß er einst auf der Jagd ein unmündiges Kind weiblichen Geschlechtes fand. Dieses hatte gar schöne Augen und war auch sonst so wohlgestalt, daß man es gewiß lieben mußte, denn es lachte die Herren, welche es umstanden, auch recht freundlich an; aber es trug die Merkzeichen einer bösen und ansteckenden Krankheit, welche man die Miselsucht nannte, und deshalb mochte keiner der Herren sich des Kindes erbarmen, denn ein jeder fürchtete sich, daß er die schlimme Krankheit von dem Kind bekommen könne, wenn er es berührte. Da sprach der König: »Das soll uns niemand nachsagen, daß wir haben ein unmündiges Kind umsonst seine Ärmchen nach uns ausstrecken lassen«, nahm es vor sich auf sein Pferd und ritt mit ihm heimwärts. Und wie wir häufig sehen, daß einem Menschen, welcher Gutes tut mit Tapferkeit und Freude, nichts Böses geschieht, so blieb er unversehrt von der Ansteckung und schlechten Krankheit.

Indem er nun seine Guttat zu Ende bringen wollte, fragte er seine Ärzte nach einem Mittel, um des Mägdleins Krankheit zu heilen. Da sagten die, es müsse ein anderes Kind, welches gesund ist und gutgeartet, ein Schüsselchen voll seines eigenen Blutes hergeben, damit man das kranke wasche, und hiervon werden seine Geschwüre trocken und sein Leib wird wieder so blank wie eine Silberstange. Wie das die vornehmen Herren am Hofe hörten, hatten sie Angst, daß der König einen von ihnen bitten möchte, er solle von seiner Kinder Blut hergeben, gingen zum König und sprachen: »Was willst du, daß diesem armseligen Findling so kostbares Opfer gebracht werde, denn vielleicht ist es von niedrigen und üblen Eltern und hat schlechte Sitten, wenn es erwachsen ist, unsere Kinder aber sind edler Abstammung und werden deshalb einst gut und edel werden, und deshalb bringe sie nicht in eine Gefahr um so geringen Nutzen.« Und die armen Leute im Lande, wie sie hörten, daß die vornehmen Herren so geredet hatten für ihre Kinder, kamen auch zum König, baten und sprachen: »Unsere Kinder sind uns ebenso lieb, wie den vornehmen Herren ihre Söhnchen und Töchterchen, und manchem vielleicht noch lieber, denn viele von uns haben keine andere Freude im Leben, als daß sie sich an den roten Bäcklein ihrer Kleinen ergötzen und sich Hoffnungen machen, daß sie in Zukunft brave und gute Menschen werden. Deshalb bitten wir dich, du wollest dich auch unser erbarmen und sie nicht in Gefahr versetzen um den schlechten Findling.«

Es hatte aber der König selber ein einziges Kind, einen gar schönen, klugen und guten Knaben. Dieser sprach: »Vater, ich bitte dich, daß du von mir das Blut nehmest, mit welchem das fremde Mädchen geheilt werden soll. Denn da ich als dein Erbe und der spätere König dieses Landes an solcher Stelle bin, daß alle mich betrachten und meine Handlungen kennen, so sehe ich wohl, daß ich Schwereres tun muß wie alle andern. Und vielleicht überstehe ich die Entziehung des Blutes; wenn aber nicht, so will ich mich trösten, indem ich bedenke, daß doch alle Menschen sterben müssen, und daß es keinen bessern Tod geben kann, als einen solchen, für welchen ich von allen guten Leuten muß gelobt werden.«

Als der König diese Worte gehört hatte, wurde er zwar traurig in seinem Herzen, denn er fürchtete sehr für den Knaben; aber sagte ihm nichts, sondern lobte ihn um seinen frohen Mut und befahl den Ärzten, daß sie nach ihrer Kunst verfahren sollten, dem Knaben Blut nehmen und das Mädchen damit heilen.

Die Meister der Arzneikunde taten nun nach ihrer Kunst, und des Königs Kind lächelte unerschrocken, wie sie ihm eine Ader öffneten und sein hellrotes Blut in eine Schale laufen ließen. Aber da sie ängstlich waren, denn sie hatten nicht gedacht, daß ein so kostbares Wesen sich ihnen darbieten werde, so wurden sie ungeschickt bei ihrer Hantierung und verletzten das mutige Knäblein so, daß es sterben mußte. Dieses fühlte wohl, wie sich ihm der Tod nahte, nahm noch einen herzlichen Abschied von seinem Vater und verblich dann.

Der Vater jammerte über dem blassen Gesichtchen des toten Kindes, und alle Herren und Damen am Hofe klagten, und auch alle armen Leute waren traurig; und alle schämten sich, und war ihnen, als sei durch ihre Schuld das hoffnungsreiche Kind getötet, und versprachen bei sich alle, daß sie besser werden wollten von nun an und nicht mehr geizig sein mit ihrem eigenen Glück, denn wie sie das lächelnde und friedvolle Antlitz des Gestorbenen sahen, wurde ihnen klar, daß alles Glück beschlossen ist in einem gütigen und edlen Herzen, aber nicht bestehen kann bei Habsucht und Gier; und ist es nicht genug, nur gute Taten zu tun, denn das können auch schlechte Menschen, und werden dadurch doch nicht glücklich und froh, sondern es ist nötig, einen guten Sinn zu haben; denn dann wachsen schöne Taten aus dem Herzen, wie Korn, Blumen und obsttragende Bäume aus der lieben Erde in die helle Luft, in welcher der Sonnenschein spielt.