Part 4
Der Mann redete ihr aus gutem Herzen zu und brachte sie dahin, daß sie ihren Vorsatz aufgab. So ging er mit ihr zurück, bis sie zu den ersten Häusern der Stadt kamen, und dann in die Straßen. Und wie sie nun angefangen hatte, ihm zu erzählen, was das Allergeheimste bei ihr war, da hatte er das Gefühl, daß sie sich vor ihm schämen müsse, wenn er nicht auch ihr vertraue, was ihn bedrückte. Da ergab es sich, daß er ein einsamer und freudenloser Mann war, der die rohe Gesellschaft mied und Bücher und Schriften für sich las. Im ganzen waren sie kaum eine Stunde zusammen gewesen, aber sie waren so vertraut geworden, als kennten sie sich schon lange. Deshalb drang er in sie, daß er am nächsten Abend wieder mit ihr gehen konnte, und nicht eine Woche war vergangen, da sagte er zu ihr, er habe sie lieb gewonnen, und wenn sie möge, so wolle er sie heiraten, und ihr Kind wolle er auferziehen wie sein eigenes. Sie weinte und sagte, das dürfe er nicht tun. Aber er erwiderte, er brauche doch keinen Menschen zu fragen bei seinem Handeln, und er gehe nur nach seinem Gewissen. Das aber rede ihm zu, denn er spreche nicht zu ihr in Leichtsinn oder besinnungsloser Leidenschaft; er sei ein Dreißigjähriger und habe es immer schwer gehabt im Leben, da sei ein Mensch denn ernst und prüfe seine Absichten und Pläne. Sie hinwiederum gestand ihm, daß sie mich noch lieb habe. Aber er entgegnete, das wisse er wohl; aber sie wisse ja doch auch, daß diese Liebe zu keinem Ziel führen könne, und sie werde allmählich mich vergessen; aber sie müsse ihm versprechen, daß sie mir alles sagen wolle und Abschied nehmen und mich nie wiedersehen.
Nun bat sie ihn, bei diesem Abschied solle er zugegen sein; und dann kamen beide an einem Sonntagvormittag zu mir. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern weinte beständig; aber der Mann nahm das Wort und erzählte mir alles. Da zog auch mir ein furchtbares Weh ins Herz, denn nun erst wurde mir klar, wie ich das liebe Kind geliebt hatte, über alle Unterschiede von Stand, Bildung und äußern Manieren hinweg; denn ich hatte bis dahin immer geglaubt, eine wahre, vollkommene Liebe sei nur da möglich, wo nichts Störendes im Wesen der Geliebten vorhanden ist. Da weinte auch ich, und der Mann zog sich anständig und bescheiden zurück, nahm die Türklinke in die Hand und sagte, er wolle auf die Straße gehen. Aber da kam es über mich, ich ergriff ihre tränennasse Hand und fragte sie: Bist du zufrieden mit seinen Worten? Sie nickte. Da trat ich ans Fenster, und wunderte mich, wie doch die Leute seelenlos die Straße entlangeilen mögen.
Ich schrieb dem Mann, daß ich für das Kind sorgen wolle, wie ich könne, und ich wolle ihm monatlich ein Kostgeld schicken. Aber er kam zu mir und sprach, das wollte er nicht, denn er würde sich gedemütigt fühlen, wenn er das annähme; aber für meinen guten Willen danke er mir.«
Mein Bekannter schwieg eine lange Zeit, indem er nachdenklich seine schmale Hand betrachtete, die auf der Bettdecke lag. Dann fuhr er fort. »Wir, die man so zu den höheren Ständen rechnet, und die doch von der Gesellschaft nur eben so hin verbraucht werden wie die Menschen aus den untern Klassen, wir führen doch ein furchtbares Leben. Wir haben nicht die Unbefangenheit und den sorglosen Sinn, die Freiheit und Freude des Volkes, und es fehlt uns eben so das sichere und versorgte Dasein der wirklich höheren Klassen; und wenn man so mit seinem Herzen bei der Arbeit ist wie wir, so müßte man doch nach außen versorgt sein; aber wir vertrocknen durch unser Leben.
Ich stehe jetzt vor dem Angesicht des Todes, und es ist jämmerlich, daran zu denken, daß ich nur einhundertundfünfzig Mark Gehalt den Monat hatte und keine Hoffnung haben konnte, je viel mehr zu erwerben; denn mir fehlt jenes Besondere, das den Arzt zu einem guten Verdiener machen kann. Aber ich bin verkümmert und vertrocknet, ich wußte selbst nicht wie, ich war ja kein Mensch mehr mit einem Herzen und mit Mut, ich war nur noch eine Art Beamter, der seine Pflicht tat, wie die Uhr ihre Pflicht tut. Ich war kein Mensch mehr. Ich habe ja nichts Schlechtes getan, das ich bereuen mußte; nein, ich war ordentlich, häuslich, gut angezogen und machte keine Schulden. Ach, ich habe nichts Gutes getan, nein, nicht eine gute Tat; und schlimmer noch: ich habe auch nichts Gutes empfunden. Ein Mörder ist vielleicht ein besserer Mensch wie ich, denn er hat vielleicht einmal Reue empfunden; aber ich habe nichts empfunden.«
Er schwieg eine Weile. Dann sah er mich mit einem Blick an, der mich auf das tiefste erschütterte, und sprach: »Lassen Sie sich die Worte eines Sterbenden zur Lehre dienen. Sie gehen denselben Weg wie ich. Und wie ich als junger Mensch einmal dachte, ein Arzt müsse alle Menschen lieben und allen helfen, und ein Mensch, dem man helfen könne, der könne nicht schlecht oder gemein sein; so haben auch Sie einmal gedacht, ein Künstler müsse die größte Güte haben und alle Menschen glücklich machen; und nun denken Sie nur an Gegner, an Durchdringen, an Geldverdienen. O, was hat Jesus gesagt von uns: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen?« Er faßte meine Hand. »Vergessen Sie alles Kleinliche und Gemeine, sonst können Sie nicht leben, sonst müssen Sie sterben wie ich.«
Er fuhr fort.
»Man brachte in die Klinik einen Eisenbahnarbeiter, dem ein Wagen über den Körper gefahren war. Ich kann die Verletzungen nicht beschreiben, es quält mich zu sehr; jahrelang habe ich nie an den Leidenden gedacht, immer nur an meine berufliche Pflicht. Jetzt kommt alles Leiden zurück zu mir, das ich nicht mitgelitten habe.
Er war der Mann meiner früheren Geliebten. Ich sah, daß ihm unmöglich zu helfen war; er blickte mir ins Gesicht und nickte, als er meinen Ausdruck verstanden hatte. Er mußte unsagbare Schmerzen ausstehen. Seine Stirn war in Falten gezogen, welche zitterten, sein Mund war zusammengezogen und zitterte. Ich bereitete eine Morphiumspritze, um ihm die Schmerzen zu ersparen, er sollte in der Betäubung verscheiden. Er erfaßte meine Hand, winkte mit den Augen und sprach: »Ist es wahr, daß es Mittel gibt, welche das Leben um einige Stunden verlängern? Dieses ist es nicht!« Es war neun Uhr abends. Ich antwortete: »Eine Kampfereinspritzung regt die Herztätigkeit wieder an.« Er sprach: »Machen Sie, daß ich bis nach zwölf Uhr lebe.« Ich entleerte die Morphiumspritze und reinigte sie, dann bereitete ich die Kampferlösung vor.
Seine Frau kam, meine frühere Geliebte. Sie hatte ihr Kind an der Hand, mein Kind. Still kniete sie an dem Bett nieder, der Knabe weinte still. Der Mann sah die beiden an. Nur selten, wenn er den Schmerz nicht mehr unterdrücken konnte, stöhnte er leise, dann ging ein Schütteln durch den Körper der Frau. Ich saß in einer Ecke des Saales, ging zuweilen zu dem Sterbenden und fühlte das Herz. Gegen halb elf machte ich ihm eine Kampfereinspritzung. Er dankte mir mit den Augen, kein Wort hatte er gesprochen, seit Frau und Kind bei ihm waren, das Sprechen war ihm zu schmerzhaft. Die Uhr im Saal schlug elf. Ich empfand, wie der Leidende die Schläge verfolgte, er ersehnte den Tod, mir war, als fühlte ich das Ringen seines Willens gegen den Schmerz mit dem Herzen. Die Frau konnte seine furchtbaren Verletzungen nicht sehen, nur sein Kopf war sichtbar auf den weißen Kissen.
Gegen halb zwölf wurde der Herzschlag ganz matt, sein Blick verlor die Kraft und den Ausdruck des Willens, er war im Begriff, in den Tod zu gehen. Plötzlich schoß mir ein Strahl aus den eben umflorten Augen ins Gesicht. Ich verstand, machte ihm eine neue Einspritzung. Seine Lippen bewegten sich, aber sie formten keinen Laut.
Die Uhr schlug zwölf. Er zählte die Schläge, seine Augen waren wieder voll Ausdruck, ich konnte seinen Gedanken wieder folgen. Dann sprach er zu mir: »Sie können bezeugen, daß ich den ersten Oktober noch erlebt habe; von heute an bin ich angestellter Weichenwärter, meine Frau bekommt die Beamtenpension, das Kind kann erzogen werden.« Er sprach mit großer Ruhe, manche Buchstaben konnte er nicht mehr bilden. Dann seufzte er, seine Augen brachen.«
Mein Bekannter schwieg wieder eine lange Zeit. Dann fuhr er fort:
»Was ich nun tat, war vor dem Verstand gänzlich unsinnig. Vernünftigerweise hätte ich nach meinen Kräften die Witwe und das Kind unterstützen sollen. Aber vor dem toten Mann hatte ich ein so heftiges Gefühl der Scham, daß ich einsah, ich könne nicht mehr leben. Nein, ich konnte nicht mehr leben.
Ich bin ja kein schlechter Mensch. Ich habe ja nichts Schlechtes getan. War es denn ein Unrecht, daß ich jenes Mädchen liebte? Wir waren beide glücklich, einige Monate lang. Nie bin ich sonst glücklich gewesen, auch sie wird nie sonst glücklich gewesen sein. Und was sollte ich denn weiter tun? Auch jetzt noch könnte ich ja nicht anders handeln, wie ich gehandelt habe; nur ein törichter Mensch hätte von mir verlangen können, daß ich sie zu meiner Frau machte; wir hätten uns nur beide gequält. War es denn ein Unrecht, daß ich sie liebte? Ich hätte entsagen können; nun, ich wäre einige Jahre eher vertrocknet; auch sie hätte entsagen können; kann man denn von Menschen, die so leben wie wir, Entsagung verlangen? Entsagung müßte doch aus einem freudigen und stolzen Herzen kommen, nicht aus einem dürftigen und bettlerhaften. Und was denn wäre verhütet oder besser geworden? Ja wenn sie sich damals selbst getötet hätte, ich könnte keine Gewissensbisse haben über mein Handeln; denn wichtiger ist es, einmal im Leben ein Mensch sein und dann sterben, wie lange leben als dürftiges, elendes Tier, das seine Arbeit tut, um sich zu ernähren.
Und doch sah ich ein: ich kann nicht leben, und meine Schuld ist es, daß ich nicht leben kann. Als der Arbeiter starb, da wußte ich es: ich trage Schuld an mir, daß ich so dürftig und elend und gemein bin, deshalb kann ich nicht leben.
Damit mein Tod denn doch irgend einen Zweck habe, nehme ich ein Gift, dessen Wirkung erprobt werden sollte für einen wissenschaftlichen Zweck -- dieser wissenschaftliche Zweck kam mir ja selber albern vor, als ich nun so vor den Toren der Ewigkeit stand; aber die Albernheit war noch das einzige, wozu ich nütze war. Ich habe genau Buch geführt über die Fortschritte der Vergiftung und werde bis zuletzt alles genau beschreiben. Sie kennen das Heft bereits.«
Er wendete sich zur Wand, und ich ging leise aus dem Sterbezimmer.
Das Gespenst
1
Im letzten Jahre des Siebenjährigen Krieges wurden größere preußische Truppenmassen in der Umgebung von Breslau in Winterquartiere gelegt. Ein junger Rittmeister, wir wollen ihn v. K. nennen, kam mit seiner Schwadron auf das Rittergut O. Die Räumlichkeiten auf dem Gute waren sehr beengt; die Herrschaft, eine freiherrliche Familie von O., wohnte in einem uralten burgartigen Schloß, das noch mit einem tiefen Graben umgeben war und in seinen dicken Mauern nur einen Saal, eine Unzahl schmaler und hoher Gänge und wenige Zimmer barg, die alle, mit Ausnahme eines einzigen, von der Familie täglich benutzt wurden. So konnte man nur den Rittmeister selber im Schloß unterbringen; die drei jungen Offiziere wurden bei dem Pfarrer einquartiert und die Unteroffiziere und Mannschaften an die armseligen Büdner verteilt.
Am ersten Abend, als Herr v. K. mit dem gichtbrüchigen alten Freiherrn, dessen Gemahlin und der einzigen Tochter das leidliche Abendessen einnahm, entschuldigte sich die Frau vom Hause, daß sie dem fremden Herrn das Spukzimmer habe anweisen müssen. Herr v. K., der ein starker Freigeist war, erkundigte sich lachend danach, welche Bewandtnis es mit dem Spukzimmer habe; der alte Freiherr und seine Gemahlin machten ernste Gesichter; sie waren ehrliche und einfache Landedelleute vom alten Schlage, die sich jeden Sonntag vormittags und nachmittags in zwei altväterischen Sänften in ihren Prunkkleidern in die Kirche tragen ließen und bei den Liedern der frommen Gemeinde der Tagelöhner vorsangen. Das achtzehnjährige Töchterchen blickte mit unbeweglichem Gesicht in den Schoß. Der alte Herr berichtete dann, daß jedem Besucher, welcher die erste Nacht in dem fremden Zimmer schlafe, ein Geist erscheine, welcher mit Ketten raßle, kläglich stöhne und zuweilen von innen heraus durch höllisches Feuer leuchte. Herr v. K. lachte noch mehr und behauptete, daß das Gespenst sich nicht an einen preußischen Offizier wagen werde, und daß er schon unbesorgt schlafen wolle. Es schien ihm, als ob in dem hübschen, kecken Gesicht des Fräuleins ein leichtes Lächeln aufblitzen wollte, das sie unterdrückte; und indem er sich den Unterschied zwischen den braven Leuten und dem zierlichen Figürchen der Tochter, ihrem silberhellen Lachen, ihren leichten Bewegungen und ihrer modischen Figur klar machte, kam ihm ein Verdacht, daß das anmutige Persönchen irgendwie an den Spukerscheinungen beteiligt sein könne.
Man ging in dem ordentlichen Hause schon um neun Uhr schlafen. Herr v. K. leuchtete die Wände seines Zimmers ab und fand eine unscheinbare Tapetentür, die von seinem Bett aus nicht zu sehen war. Er verschob sein Bett, daß er sie sofort ins Auge fassen konnte, kleidete sich dann mit großer Seelenruhe aus, löschte das Licht und legte sich zu einem tiefen Schlaf, denn er hatte einen anstrengenden Ritt hinter sich.
Etwa um Mitternacht erwachte er durch ein mörderliches Gepolter, Rasseln und Klirren. Er schlug Feuer, zündete sein Licht an, bekleidete sich notdürftig, und sah auf die Tür. Diese öffnete sich; ein gespenstisches Wesen von etwa sechs Fuß Länge, in ein weißes Tuch gewickelt, mit einem ungeheuren Kopf, aus dessen Augen, Nase und Mund Feuer strahlte, stutzte einen Augenblick, dann schritt es in das Zimmer unter Dröhnen und Klirren. Herr v. K. sah, daß der Kopf ein ausgehöhlter Kürbis war, in den ein Licht gestellt sein mochte; er ging zu der offenen Tür, zog den außen steckenden Schlüssel ab, schloß sie mit diesem zu, steckte den Schlüssel in die Tasche, und wendete sich um nach dem Gespenst. Dieses war in die entfernteste Ecke entwichen. Er ging hin, nahm den Kürbis mit leichter Mühe ab, stellte ihn auf den Tisch, umarmte das Gespenst, wickelte den wirklichen Kopf aus dem weißen Laken heraus und küßte das hübsche Fräulein tüchtig ab; denn es war wirklich die Tochter seiner Wirtsleute.
Plötzlich erschrak er, denn große runde Tränen rollten ihr aus den Augen; es war ihm merkwürdig rührend, daß die Tränen rund blieben und sich nicht verteilten. Er sah sie bestürzt an; da lachte sie plötzlich und rief: »Ach, Sie sehen so dumm aus.« Diese unerwartete Ansprache machte ihn noch mehr verlegen; er ließ sie aus seinen Armen und fragte sie, aus welchem Grunde sie diesen Gespensterspuk aufführe.
Sie wickelte sich gänzlich aus dem weißen Laken, warf es zu den Ketten, die auf der Erde lagen, setzte sich, und erzählte folgende Geschichte:
Ihre Eltern lebten so gänzlich zurückgezogen von der Welt, daß sie außer ihren allernächsten Verwandten nur noch die Einwohner des Fleckens sah. Nun hatte der Pastor einen Sohn, der bereits Kandidat der Theologie war; dieser hatte von der Universität die Bücher der neuen Dichter mitgebracht, besonders die Schriften von Klopstock. Die hatten sie zusammen gelesen, und indem sie unter der Lektüre eine vollkommene Gleichheit ihrer Gedanken und Gefühle bemerkt hatten, wurden sie von gegenseitiger Liebe entflammt trotz der Verschiedenheit ihres Standes. Der Kandidat hatte dann sein theologisches Amtskleid angezogen und war auf das Schloß gegangen, um dem alten Freiherrn mitzuteilen, daß die Natur ihre beiden Herzen zusammengeführt habe, ihm die Nichtigkeit der gesellschaftlichen Unterschiede sowohl philosophisch wie auf Grund des Naturrechts nachzuweisen, und um ihre Hand anzuhalten. Der alte Freiherr aber war sehr erstaunt über seine Rede gewesen und hatte ihm nichts Bestimmtes geantwortet, sondern nur den Vater ihres Geliebten rufen lassen und dem anbefohlen, seinen Sohn fortzuschicken; was der alte Pastor auch getan hatte.
Nun hatte aber das junge Fräulein sich eine List ausgedacht, wie sie ihre Eltern zwingen wolle, doch noch das Jawort zu ihrer Wahl zu sprechen. Wenn nämlich ein Besuch auf das Schloß kam, so verkleidete sie sich als Gespenst, machte sich, wenn sie konnte, einen hohlen Kürbis zurecht, nahm eine alte Kuhkette und vollführte den oben beschriebenen Lärm, und zeigte sich dann durch die Tapetentür dem Besucher. Bis jetzt nun hatte jeder Angst vor der Erscheinung gehabt, was ihr auch für ihren Zweck sehr lieb war; und so hatte sich denn bei den Eltern durch die verschiedenartigen Erzählungen, durch Hinzudichten und Übertreiben der Besuchten ein fester Glaube an ein umgehendes Gespenst gebildet.
Nachdem sie nun glücklich in dem jungen Rittmeister einen beherzten und klugen Mann gefunden hatte, bat sie inständig um eine zweckmäßige Weiterführung ihrer List. Herr v. K. solle am andern Morgen den Eltern sagen, auch ihm sei das Gespenst erschienen; auf Anreden habe es erklärt, es sei der Ahnherr des Geschlechtes, und es werde nicht eher zur Ruhe kommen, bis die Tochter den Sohn des Pastors geheiratet habe; denn nur so könne ein Unrecht gesühnt werden, das er selber vor langen Jahrhunderten begangen habe.
Der Rittmeister lachte über die lustige Zumutung und warf ein, daß der Scherz doch auch übel auslaufen könne, und wenn ihre Verabredung entdeckt werde, so könne er von seinem Vorgesetzten einen harten Verweis bekommen. Da weinte das Fräulein, setzte sich auf seinen Schoß und küßte ihn; und bei der dunkeln Nacht und dem unruhig flackernden Öllicht wurde ihm ganz wunderlich zumute, sodaß er ihr gegen seine erste Absicht zusagte. Wie sie seine Zusage hörte, sprang sie auf und tanzte fröhlich im Zimmer herum, indem sie immer wiederholend sein »Ja« unter Händeklatschen nach einer wunderlichen Melodie sang. Diese Lustigkeit wirkte auch auf ihn zurück. Er nahm ein angekohltes Stückchen Holz und malte an die Tür die rohen Umrisse einer Hand; dann hielt er die Lampe so nahe an die Zeichnung, daß einige verkohlte Stellen an der Tür entstanden, die man mit einiger Beihilfe wohl für den Abdruck einer feurigen Hand mochte halten können. Als er mit seiner Arbeit fertig war, sahen sich beide einen Augenblick an und lachten dann zugleich los; er umarmte und küßte sie wieder, aber sie nahm ihm geschickt den Schlüssel aus der Rocktasche, steckte ihn ins Schloß und entwischte ihm lachend; nach einer Weile öffnete sie nochmals, steckte den Kopf durch die Spalte und sagte, er küsse viel schöner wie ihr Bräutigam, aber den habe sie dennoch viel lieber.
Der Rittmeister blieb mit dem Laken, der Kuhkette und dem Kürbis zurück. Er legte die Gegenstände in einen Wandschrank, verschloß ihn und ging dann vergnügt vor sich hin pfeifend wieder zu Bett.
Am andern Morgen bat er mit einem sehr ernsten Gesicht die alten Herrschaften in sein Zimmer. Der Freiherr setzte sich verängstigt in den großen Lehnstuhl, und seine Gemahlin begann sich gegen ihn und den Rittmeister zu verteidigen, daß es wirklich ganz unmöglich gewesen sei, ein anderes Zimmer so schnell bereit zu machen, aber schon diese nächste Nacht werde sie ihn umquartieren. Der Rittmeister schnitt höflich die Entschuldigungen ab, indem er beteuerte, daß ihm selber durchaus nichts geschehen sei, wegen dessen seine Wirtsleute sich Sorge zu machen brauchten, und daß sein Erlebnis vielmehr sie, seine Wirtsleute, selber sehr nahe berühre. Er bedaure seine leichtfertigen Reden von gestern abend hinsichtlich der Gespenstererscheinungen, und sein Erlebnis werde ihm für die Vertiefung seiner Welt- und Lebensauffassung förderlich sein. Hierzu nickte der alte Freiherr beifällig. Der Rittmeister fuhr fort, indem er erzählte, daß das Gespenst auf sein Befragen sich ihm als den Ahnherrn des Geschlechtes zu erkennen gegeben habe. Derselbe sei in den Besitz der Güter durch ein Verschulden gegenüber seinem jüngeren Bruder gekommen; nach seinem Tode habe er dafür jahrhundertelang büßen müssen; als Zeichen für den Brand, der ihn inwendig verzehre, habe er seine Hand auf die Tür gedrückt. Mit schauderndem Gemüt erkannten die alten Herrschaften die verkohlte Handspur, und die Freifrau bemerkte mit Überraschung eine alte Familieneigentümlichkeit in einem etwas gekrümmten Goldfinger. Das Gespenst habe weiter erzählt, daß der Pastor des Ortes der letzte Nachkomme des jüngern Bruders sei, der damals einen bürgerlichen Namen angenommen habe; und nun sehe er eine Möglichkeit, aus seiner Pein erlöst zu werden durch eine leichte Rückerstattung der geraubten Güter, wenn nämlich das Freifräulein mit dem einzigen Sohn dieses Pastors verheiratet werde. So werde die jüngere Linie in ihren rechtmäßigen Besitz gesetzt, und vielleicht werde er selbst, der Ahnherr, so von seiner Qual befreit.
Hier schüttelte der alte Freiherr bedenklich den Kopf, da der Rittmeister eine Pause machte. Er gab zu, daß der Pastorssohn von der Schwertseite her wohl ebenbürtig sei; seine Mutter aber sei früher Kammerjungfer bei seiner verstorbenen Mutter gewesen und wegen ihrer langjährigen treuen Dienste habe seinerzeit sein Vater die Verleihung der Pfarre an den Pastor an die Bedingung geknüpft, daß er sie heirate. Und wenn man auch gegen die treue und brave Person durchaus nichts einwenden könne, insofern vor Gott alle gleich sind, die einen rechten Wandel führen, so könne doch sein Ahnherr nicht verlangen, daß ihr Nachkomme sich mit einem im ehelichen Bett erzeugten Freifräulein von zweiunddreißig untadeligen Ahnen verbinde. So schwer es ihm falle, müsse er doch das Verlangen des Ahnherrn abweisen, als der Ritterehre zuwiderlaufend. Im übrigen sei er gern bereit, dem jungen Mann jede Förderung zuteil werden zu lassen, die er vor Gott und seinem adeligen Gewissen verantworten könne.
Der Rittmeister nahm seine Erzählung wieder auf, indem er fortfuhr, daß der Ahnherr diesen Einwurf wohl bedacht habe, deshalb habe er hinzugefügt, wenn man seinem Wunsche nicht nachgebe, so werde er das Schloß mit allen seinen Insassen durch eine Feuersbrunst vernichten und die Felder im nächsten Frühjahr durch eine Überschwemmung gänzlich zerstören. Dieses sei die Botschaft, die er zu überbringen habe. Mit großer Höflichkeit setzte er noch hinzu, daß die Herrschaften natürlich durchaus Herren ihres Willens seien, und daß er sich in die nur sie angehenden Angelegenheiten nicht weiter mischen wolle, als er durch die Mitteilung des Geistes verpflichtet sei; immerhin aber müsse er um Entschuldigung bitten, wenn er sich heute noch ausquartiere; denn wenn er auch als Soldat die Gefahren seines Berufes bestehen müsse und sich ihnen nie entziehen werde, so sei er selber doch auch der einzige Sohn seiner Eltern und wolle sich derentwegen nicht in eine augenscheinliche Lebensgefahr gelegentlich der angedrohten Zerstörung des Schlosses begeben; er werde jedoch in unmittelbarer Nähe des Schlosses wohnen bleiben, um jedenfalls gleich mit seiner Hilfe zur Hand zu sein.
Die alte Dame begann in ein lautes Wehklagen auszubrechen; der Freiherr aber geriet in eine große Erregung und rief mit zorniger Stimme seine Tochter; die kam schnell, da sie an der Tür gestanden hatte. Dann ging er und kehrte mit einer großen Pergamenttafel zurück, auf welcher der Stammbaum der Familie aufgezeichnet stand; den zeigte er der Tochter und fragte sie, ob das möglich sei, hier den Namen einer früheren Kammerjungfer zu verzeichnen. Die Tochter erwiderte schüchtern, man könne vielleicht an der Stelle einen Tintenfleck machen, der den Namen verdecke. Über diesen Vorschlag geriet der Freiherr in noch größeren Ärger. Herr v. K. bat, sich entschuldigen zu dürfen, da er seinen Auftrag ausgerichtet habe und bei den weiteren Verhandlungen nicht stören möge, verließ das Zimmer und ging auf den Gutshof, wo er seine versammelte Mannschaft zu inspizieren hatte.
Im Laufe des Nachmittags teilte der alte Herr dem Rittmeister mit, daß er sich dazu entschlossen habe, dem Wunsch des Ahnherrn nachzugeben, und daß der Kandidat schon in den nächsten Tagen eintreffen werde, da man nunmehr die Heirat möglichst beschleunigen wolle.