Der Tod des Cosimo

Part 2

Chapter 23,887 wordsPublic domain

Frauen sind in der Liebe immer klüger wie wir Männer, so lange es sich nur um Gefühl und Empfindung handelt; aber sie werden törichter wie der törichtste Mann, sobald die bürgerliche Ordnung der Liebesbeziehungen in Frage kommt. Sie haben alle recht in ihrer Klugheit: in ihrer Torheit haben die Geringeren noch mehr recht, denn die ist ihnen eine wichtige Waffe im Lebenskampf, der für die Kleinen ja nun einmal den Lebensinhalt bildet. Wenn ich von unserer Beider Beziehung sprechen darf: Sie begannen mich nicht mehr zu verstehen, als ich das von Ihnen verlangte, was Sie nannten »Ein Opfer bringen«. Ich habe mich beschieden, denn ich bin stolz und weiß, was meine Liebe wert ist, daß sie wirklich auch das aufwiegt, was Sie Opfer nannten; denn wenn ich liebe, so will und kann ich geben und brauche nicht zu nehmen; wo die Hand nicht ausgestreckt ist zum Nehmen, wo sie geballt ist zur Verteidigung, da ist freilich ein Geben nicht möglich.

Dieselbe Torheit, die sie mir zeigten, zeigen Sie nun auch dem Vicomte. Liebste, Liebste, sind Sie denn so wenig, daß es erstrebenswert für Sie ist, mehr zu sein? Sie wollen Vicomtesse werden, Schloßherrin, reich, und den ganzen Traum einer kleinen Grisette zur Wirklichkeit machen. Es ist also nichts, eine in ihrer Art einheitliche Persönlichkeit zu sein? Der junge Mann stammt aus einer vornehmen Familie; er muß eine Frau vornehmer Abstammung haben, die von seinen Standesgenossen anerkannt wird, in ihre Lage hineingehört, ihm nachfolgeberechtigte Kinder gibt und die nach den Anschauungen und Bedürfnissen ihres Standes erzieht. Eine solche Frau wird auf Grund ihrer Eigenschaften und ihrer gesellschaftlichen Stellung geachtet. Werden Sie nicht geachtet auf Grund Ihrer Eigenschaften und Ihrer Stellung in der geistigen Gesellschaft? Würden Sie es nicht töricht finden, wenn eine Dame aus den vornehmen Kreisen, bloß, weil sie Ihre Stellung wünschenswerter findet wie die, zu welcher Natur und Gesellschaft sie bestimmt, das werden wollte, was Sie sind? Und Sie wollen werden, was jene ist? Jene könnte nicht unglücklicher werden wie Sie. Oder meinen Sie, daß die Schloßherrinnen glücklicher sind wie die Schauspielerinnen? Ich habe das Glück als Regel nur gefunden bei den körperlich schwer arbeitenden und sich den Tieren nähernden Menschen; als Ausnahme in den Kreisen, welchen Sie angehören, wo man die Kunst versteht, sich vorzulügen, was man will und für den Augenblick zu sein, wer man will; und nie fand ich es in der höheren Gesellschaft. Haben Sie sich das nie klar gemacht: Je höher einer steht, desto mehr sieht er, desto mehr muß er wünschen, desto mehr bleibt ihm unerfüllt -- desto weniger bedeutet ihm eine Erfüllung.

Wenn meine Worte Sie überzeugt haben sollten, so werden Sie vielleicht auf einen neuen Weg für Ihre Wünsche kommen. Denn Sie lieben den Vicomte. Wollen Sie ein freies Herzensbündnis mit ihm schließen und wollen Sie ihm gewähren, was Sie mir versagten? Ich verstehe durchaus, daß Ihre neue Neigung stärker sein muß, wie die Neigung, die Sie zu mir haben konnten. Ich sprach zu Ihrem Verstand, zu Ihrer Phantasie, mit mir lebten Sie in jenem Kreis, der bis zu einem gewissen Grade -- nämlich soweit die schauspielerische Darstellung Kunst ist -- der Kreis ist, in welchem sich Ihre höchsten Empfindungen bewegen. Aber der Vicomte spricht zu ihrem Herzen, in seiner Gegenwart kann das tiefste Menschliche in Ihnen warm überströmen, das in meiner Gegenwart erstarren mußte. Er kann Ihnen Kind sein, ich war Ihnen immer Lehrer.

Sie wissen, daß mich selbst nie ein Leiden abhalten würde, wenn ich meine Seele bereichern kann; und ich kann Ihnen nicht raten, was für Ihr kleines Wohlbefinden gut ist; dazu schätze ich Sie zu sehr, halte ich Sie zu sehr für meinesgleichen; ich kann Ihnen nur raten, was ich selbst tun würde. Das ist: Geben Sie sich ihm hin, machen Sie ihn ganz glücklich und suchen Sie jedes Glück, das Sie mit ihm haben können; indem Sie wissen, daß er in kurzem Sie unglücklicher machen wird, als jemals ein Mensch Sie gemacht hat; denn Sie können ihm mehr geben, als Sie sonst jemandem geben konnten, und deshalb wird nachher seine Undankbarkeit die größte sein, Ihre Leere die vollständigste.

Aber mußte ich Ihnen das alles sagen? Haben Sie das nicht alles vorher gewußt, wollten Sie nicht nur, nach Frauenart, eine Bestätigung, oder -- einen Vorwand zur Blindheit? Wird Ihnen diesen Vorwand nicht mein Brief dennoch verschaffen, denn es ist doch der Brief eines Verschmähten?

Was ist das für eine Geschichte von Herrn de Saint-Cyr und Emilie? Es lebt in meiner Nähe ein Ehepaar dieses Namens. Ich lernte den Herrn auf der Jagd kennen, als ich auf der Pirsch durch Unkenntnis in sein Revier geraten war. Die Beiden scheinen sehr liebenswürdig; nur ist die Frau wohl etwas gedrückt, vielleicht, weil die Ehe kinderlos ist. Der Mann gibt sich viele Mühe, sie zu erheitern. Sie haben ihr Gut vor etwa zwei Jahren gekauft, und es kennt sie sonst niemand von dem umwohnenden Adel.

5

Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.

Paris, Mai 1750.

Lieber Freund, Sie haben mich freilich nicht geschont in Ihrem Brief, und vielleicht haben Sie nicht bedacht, daß Sie ihn an eine Frau schrieben. Gestehen Sie nur: wir Frauen mögen unsere große Torheit haben; aber ist es wirklich klug, den Schleier, den die Natur selbst uns treibt über manche Empfindungen zu decken, unbarmherzig zu zerreißen? Wäre es nicht möglich, daß diese Empfindungen dadurch etwas anderes würden als sie waren und in Wahrheit sein müssen? Sie nennen den Schleier vielleicht Lüge: üben Sie darin nicht Rache an der Liebe? Ich habe nicht gedacht, was Sie aussprechen; nachdem Sie es ausgesprochen, muß ich es denken. Die Natur gibt selbst den Tieren in der Zeit der Liebe irgend etwas, das nur ein schöner Schein ist, und merkwürdig, es ist meistens das Männchen, dem sie diese Sorgfalt zuwendet! Sollten nicht auch die Frauen deuten und überlegen, und wenn ein Mann zum Dichter wird in der Zeit, da er um ein Weib wirbt, wie das Männchen einer Vogelart neue und glänzende Federn erhält: könnte da nicht dem Weib der Gedanke kommen: das ist nur ein bedeutungsloses Prunken, ein Mittel, um dich für einen bestimmten Zweck gefügig zu machen? Sollten wir Frauen alle so unwissend sein, daß wir diesen Schönheiten die Bedeutung zuerteilten, welche sie beanspruchen: nämlich dauernd zu sein und wesentliche Eigenschaften des liebenden Mannes? O, viele von uns sind klug genug, um die Wahrheit zu wissen, welche sich hinter dem Schleier verbirgt, aber nur eine ganz Verworfene wäre so unedel, sie zu sagen. Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, denn ich weiß, daß die Männer schamlos sind, daß sie das sein müssen; aber ich dachte, daß auf den höchsten Stufen der Gesittung die Männer von uns Eigenschaften annehmen, wie wir von ihnen; und ich habe mich gefragt -- achten Sie ernsthaft darauf, was ich mich gefragt habe: ob Sie an Mlle. de Villars geschrieben hätten, wie Sie an mich schrieben. Ich bin nicht eifersüchtig, und ich habe kein Recht, auf Sie eifersüchtig zu sein; aber wenn Sie meinen Stand und meine Lage als nicht problematisch (wie sie meines Erachtens sind), sondern als in ihrer Art gleich vollendet und selbstgenügend hinstellen wie die einer Dame der Gesellschaft; so muß ich auch verlangen, daß Sie in entsprechender Weise Rücksichten nehmen, indem Sie das schonen, was Sie ja in Ihrem Innern meine Lebenslüge nennen mögen. Noch einmal: Stellen Sie sich recht lebhaft vor, wie Sie an Mlle. de Villars geschrieben haben würden, an das junge Mädchen von achtzehn Jahren aus vornehmer Familie, das eben aus dem Kloster gekommen ist, und das Sie zu Ihrer Gattin zu machen beabsichtigen. Sie würden nicht gedacht haben: ich will ihr schreiben, was ich selbst tun würde, nachdem ich ihr geschrieben, was ich selbst denke, sondern ich will mir vorstellen, was sie empfinden muß, was ein Mensch, der so empfindet, denken und tun muß; denn ein Mann muß Frauen schonen.

Sie wollen Emiliens Geschichte wissen; ich will sie Ihnen erzählen; vielleicht, daß Sie aus ihr lernen, was einen Dichter hätte die Natur lehren sollen.

Sie wurde als ganz junges Mädchen von ihrer Mutter dem Leiter unserer Truppe vorgestellt, und da sie eine vorzügliche Bühnenfigur besaß, nahm man sie sogleich mit einem kleinen Gehalt an. In der Folge stellte es sich heraus, daß sie keinerlei schauspielerische Begabung hatte; nicht, daß es ihr an Phantasie, Temperament und Verstand gemangelt hätte; aber sie war durch eine eigenartige Vornehmheit ihres Wesens gebunden und konnte nicht aus sich herausgehen; Sie sagten einmal selbst: jede Kunst steht in einem gewissen Gegensatz zur Vornehmheit; man konnte sie höchstens zu Anmelderollen verwenden. Von ihrem Herkommen sprach sie nie, es schien mir aber, daß sie von guter Familie sein müsse. Ein geringer Rest von Vermögen, der wohl noch vorhanden war, wurde im Laufe der Zeit ausgegeben, da sie mit ihrer Mutter von ihrem Verdienst beim Theater nicht leben konnte, und es stellte sich die Notwendigkeit heraus, daß sie den Bewerbungen eines reichen Verehrers nachgab. Über diese Dinge sprach sie nie mit mir, trotzdem ich die einzige unter uns war, zu der sie ein Zutrauen gefaßt hatte. Sie wissen, wie es am Theater hergeht, und daß selbst ein Mädchen ohne besondere Reize, wenn sie nur irgendwie mit der Bühne in Beziehung steht, auf das lebhafteste von unseren vornehmen jungen Herren umworben wird. Emilie scheint ihre Verehrer mehrfach gewechselt zu haben, aus welchen Gründen ist mir unbekannt; jedenfalls wußten wir alle, daß sie in einigen Jahren durch die Freigebigkeit der Herren und ihr einfaches Leben ein beträchtliches Vermögen erworben hatte. Ihre Mutter starb in dieser Zeit, und als ich sie bei dem Begräbnisse besuchte, sagte sie mir, daß sie sich ein Landgut in einer entfernten Gegend kaufen wolle, wo sie niemand kenne, um dort ihr Leben zu beschließen. Sie haben wohl nie von ihr gehört durch Ihr einsames und zurückgezogenes Leben; bei jedem andern Herrn Ihres Standes und Alters würde es mich wundern, daß Sie Emilie nicht gekannt haben sollen. Herr de Saint-Cyr kam um diese Zeit nach Paris. Durch einen Zufall nahm er seine Wohnung in dem Hause, wo Emilie wohnte, nur durch den Korridor von ihren Zimmern getrennt. Diese sah den vornehm aussehenden, aber sehr bescheiden gekleideten jungen Herrn täglich an ihrem Fenster vorbeigehen, und sein höflicher und achtungsvoller Gruß machte einen tiefen Eindruck auf das arme Mädchen, das sehr unter ihrer Stellung litt. Sie bemerkte, daß der Ausdruck seines Gesichtes täglich trauriger wurde. Da er sich um die Zeit des Mittagessens immer auf seinem Zimmer aufhielt und sie ihn nie mit irgend welchen Einkäufen zurückkehren sah, so wurde sie durch ihr Mitgefühl getrieben, ihn durch das Schlüsselloch zu beobachten; sie sah, daß er ein Stück Brot aus dem Schrank nahm, es sorgfältig abmaß, ein Stück abschnitt, und dieses dann ohne weitere Beigabe verzehrte.

Für den nächsten Tag ließ sie ihre Köchin etwas reichlichere Einkäufe machen und ein für mehrere Personen genügendes Essen vorbereiten; dann erwartete sie ihn an ihrem geöffneten Fenster, indem sie sich an ihren Blumenstöcken zu schaffen machte. Er wollte mit seinem gewöhnlichen Gruß vorbeigehen, sie redete ihn aber an, indem sie ihm scherzend vorwarf, er sei unhöflich, daß er noch nie zu ihr gesprochen habe; und indem er erwiderte und sie antwortete, lud sie ihn am Ende zu ihrem Essen ein und drängte ihn so, daß er kommen mußte.

Nach der Mahlzeit, als sie noch verschiedenes geredet hatten und vertrauter geworden waren, sagte sie zu ihm: »Ich sehe, mein Herr, daß Sie sehr unglücklich sind, und vermute wohl mit Recht, daß Sie hier keinen Freund oder Bekannten haben, dem Sie Ihre Sorgen erzählen können. Deshalb möchte ich mich Ihnen als Vertraute anbieten, ob ich vielleicht Sie trösten oder Ihnen sonst irgendwie helfen kann. Und damit Sie die Scham überwinden, welche ein Unglücklicher naturgemäß hat, wenn er einem Fremden sein Herz öffnen soll, so will ich selbst mit einem Geständnis beginnen, welches mir viel schwerer werden muß als alles, was Sie mir gestehen können, denn mein Leiden ist schwerer, wie es das Ihre sein kann: ich bin ein Mädchen, das seinen Unterhalt davon hat, daß es seine Ehre preisgegeben hat.«

Herr de Saint-Cyr erzählte, daß er ohne Eltern sei und durch die Nachlässigkeit seines Vormundes sein gesamtes Vermögen verloren habe. Seine Verwandten, die denselben Namen trügen wie er, seien sehr einflußreich am Hofe, und er sei nach Paris gekommen, um durch ihre Verwendung eine bescheidene Stellung zu erhalten. Aber da es ihnen offenbar peinlich sei, einen verarmten Vetter anzuerkennen, so sei er bei allen entweder durch leere Versprechungen hingehalten oder mit peinlichen Worten entlassen; und gerade heute habe er seinen letzten Besuch gemacht, und es bleibe ihm keinerlei Aussicht oder Hoffnung mehr.

Emilie dachte eine Weile nach, dann erwiderte sie ihm: »Ein anderes Betragen ist von Verwandten in solchen Fällen nicht zu erwarten, wenn man nicht ein Mittel besitzt, um sie auch gegen ihren Willen zur Hilfe zu zwingen.« Und als Herr de Saint-Cyr sie fragte, ob sie ein solches Mittel wisse, fuhr sie fort, indem sie noch mehr errötete, wie bei den Worten, durch welche sie ihm mitgeteilt hatte, wer sie war: »Sie müssen Ihren Verwandten drohen, daß Sie sich werden durch die Not, um Ihr Leben zu erhalten, zu einer ehrlosen Handlung treiben lassen; und da diese, weil Sie den gleichen Namen haben wie Ihre Verwandten, auch denen Unehre machen würde, so werden sie gewiß alsdann alles aufbieten, um Ihr gerechtes Verlangen zu erfüllen. Als eine solche Handlung schlage ich Ihnen folgendes vor. Ich habe mir ein Vermögen erworben, welches für den standesmäßigen Unterhalt einer Familie genügen würde; mein Name und meine Lebensweise sind in den Kreisen der vornehmen jungen Leute bekannt genug; es genügt, wenn Sie erzählen, daß Sie mich kennen gelernt haben und mich heiraten wollen, um nicht Hungers zu sterben.«

Auf diese großmütige Rede Emiliens konnte de Saint-Cyr nicht mit Worten erwidern. Er küßte ihre Hand, die sie ihm schnell entzog, und ging. Gegen Abend kam er zurück und suchte Emilie in ihrem Zimmer auf. Mit traurigem Gesicht erzählte er, als einzige Antwort habe er von seinen Verwandten erhalten, daß man ihn alsdann als einen Betrüger, der sich seinen vornehmen Namen fälschlich beigelegt habe, werde verhaften und in die Bastille führen lassen. Dann fuhr er fort: »Ich habe meine Eltern nicht mehr gekannt und war stets unter fremden Leuten. Sie sind der erste Mensch gewesen, der mir eine Freundlichkeit erwiesen hat. Ich biete Ihnen in Wirklichkeit meine Hand an und verspreche Ihnen, daß ich Sie lieben und ehren werde, wie Sie es verdienen. Wir werden Paris verlassen und an einem entfernten Ort leben; und mit einer Güte, welche der gleich sein soll, die Sie mir erwiesen, will ich mich mühen, Sie Ihre bisherigen Leiden vergessen zu machen.«

Emilie antwortete ihm, daß er ihr etwas Unmögliches vorschlage, denn kein Mann könne vergessen, was sie bis jetzt gewesen sei; und wenn er auch jetzt glaube, daß er mit ihr eine Ehe führen könne, wie sie sein müsse, nämlich mit Achtung und Liebe für seine Gattin, so werde doch eine Zeit kommen, wo er seinen Schritt bereuen müsse; sie aber würde es nie ertragen können, sich als Ursache seiner Erniedrigung zu fühlen, selbst wenn er ihr, wie sie glaube, nie ein Wort sagen würde.

Sie erzählte mir alles, was ich Ihnen schreibe, mit häufigen Tränen noch an demselben Abend und sagte, daß sie am nächsten Tage an einen Ort gehen werde, wo sie niemand finden könne. Am nächsten Tage kam Herr de Saint-Cyr zu mir, die er als einzige Freundin Emiliens kannte, berichtete mir ihr Verschwinden und teilte mir mit, daß er von einem Notar die Nachricht bekommen habe, daß sie ein Landgut auf seinen Namen habe überschreiben lassen; er war in höchster Erregung und sagte, er werde nicht eher ruhen, als bis er sie wiedergetroffen habe.

Nun haben sich also die Beiden doch noch gefunden -- und sind glücklich.

6

Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, Mai 1750.

Liebe Freundin, Ihre Erzählung finde ich erstaunlich. Gestatten Sie mir jedenfalls eine kleine Zurechtsetzung: ich habe nicht geschrieben, daß das Ehepaar glücklich ist.

Ich habe immer gefunden, daß Schauspieler behaupten, gute Menschenkenner zu sein; und Menschenkenntnis nennt man wohl die Begabung zum Mißtrauen. Ich selbst bin Dichter, und Dichter sind gläubige Menschen -- für meine eigene Person mißtraue ich nicht, auch Mlle. Eugenie Chabert gegenüber war ich ja stets gläubig, ungläubig war ich immer nur gegen mich selbst. Aber wäre ich Schauspieler, so würde ich sagen: vermutlich hat Mlle. Emilie Herrn de Saint-Cyr das Suchen nicht allzu schwer gemacht. Ich habe selten einen so vornehm empfindenden Mann getroffen, wie ihn: er kann unmöglich in irgend einer Lage seines Lebens, auch wenn er sein Teuerstes suchte, eine hervorragende Intelligenz entwickelt haben. Gewöhnlich verbindet die gütige Natur -- auch das haben Sie ihr gewiß abgelauscht! -- Vornehmheit der Gesinnung mit einem Vermögen, das den Besitzer vor den Folgen schützt; da Herr de Saint-Cyr einen begabten Vormund hatte, der ihn seines natürlichen Schutzmittels beraubte, so war es wohl ganz natürlich, daß schon sein erster Schritt ihn in eine unmögliche Lage brachte. Aber man bewundere die nie versagende Weisheit der Natur: sie pflanzte den Lebenskünstlerinnen ein, daß sie einem solchen Mann rettungslos erliegen müssen; ich bin gewiß, daß Emilie ihren Mann liebt mit einer Leidenschaft und Aufopferung, wie -- nun, das »wie« sage ich Ihnen nicht, Sie wissen es nur zu gut, das zeigen Sie mir täglich.

Aber bin ich ein Schauspieler? Ich bin ein Dichter: was ich eben sagte, war eine Verstandesplattheit. Nein, Emilie ist gegen ihren Saint-Cyr wahr gewesen; haben denn nicht die Frauen die Begabung, immer wahr zu sein? Alle ihre Lüge -- und sie lügen wohl immer -- ist ja nur Oberfläche, ihre Tiefe ist wahr: auch Sie sind wahr, Liebste, Allerliebste! -- Glauben Sie es auch? Ach, wir Dichter sind allzu schamhaft!

Bekannte schreiben mir, Ihr junger Vicomte habe die Bekanntschaft von Mlle. de Villars gemacht. Sollten Sie nichts davon gehört haben? Ich finde eine allzu große Klugheit unanständig; wenn wir die Handlungen und Beweggründe der andern Menschen zu gut erraten, so müssen wir ihnen wohl sehr ähnlich sein und nahe stehen; ich für meine Person wünsche nicht solche Ähnlichkeit und Nähe. Deshalb möchte ich Ihnen nur schreiben, daß ich Mlle. de Villars sehr liebe -- wenn ich ein Ihnen nicht unbekanntes Bild gebrauche: sie besitzt einen Teil meiner Seele, der Ihnen unbekannt ist.

Wenn ich das Glück hätte, sie zu meiner Gattin zu machen, so würde ich mit ihr in diesem alten ehrwürdigen Haus leben, das von tüchtigen Vorfahren gebaut ist; wir würden Kinder haben, welche die Züge meines Geschlechtes haben, und hoffentlich keine Erbschaft von ihrem Vater, dem Dichter, überkommen, sondern Krieger werden und gar nicht bedeutend, wie meine Vorfahren; ich würde täglich ihre Hand küssen, sie würde zu Tisch in großer Toilette erscheinen, und wir würden jeder unsere Mauer um uns ziehen; denn finden Sie nicht auch: man kann sich nicht mehr achten, wenn man zu vertraut miteinander wird; und seine Gattin muß man doch wohl achten? Ich fürchte, ich habe zu viel verachtet in meinem Leben.

Ich glaube, besonders sind es die Menschen, die durch sich (ich sage nicht: an sich) leiden, die sich mit andern vertraut machen. Gott schuf vielleicht das Weib, daß sie zu dem Mann kommt und ihm sagt, was er ist. Er schuf es demnach als Schauspielerin. Sie lacht und sagt zu dem Mann: du bist ja nicht einsam, du hast ja mich. Aber verletzt es nicht die Scham, wenn sie mit dem Mann mit leidet, mehr noch: nur in ihrer Phantasie mit leidet? Denn ich glaube ihr ja nicht, daß sie mit leidet. Sie hat da ein gewisses Land in ihrer Seele, daß sie in solchen Fällen entdeckt. Für jede neue Rolle entdeckt sie ein solches Land. -- Nebenbei; es fällt mir ein: Haben Sie noch Ihre frühere Auffassung von der Rolle in meinem Lustspiel, Sie wissen, das an jenem Abend gegeben wurde, wo der Vicomte sie zum ersten Male sah? --

Sie sagen vielleicht wieder: ich bin herrschsüchtig? Ich werde Mlle. de Villars nach meinem Willen formen, wenn ich sie heiraten sollte, und ich werde auf ihre Persönlichkeit keine Rücksicht nehmen? Ja, ich möchte, daß sie vornehm wird, daß sie das Leben in Heiterkeit erträgt, daß ich sie immer achten kann; darum liebe ich dieses Kindchen: ich weiß, daß sie eine Frau zu werden vermag, die ich immer achten kann. Und ich sehne mich so danach, jemanden zu achten! Ich werde sie lieben mit aller meiner Kraft.

Und liebe ich denn nicht Sie? Weshalb dürfen wir nicht ein Spiel aus unserm Leben machen, dem wir in Heiterkeit zuschauen! Ich sagte Ihnen einmal: ich möchte mein Gesicht in Ihrem Schoß bergen und weinen. Sie haben mich nicht verstanden. Ich bat Sie einmal um etwas, das Sie mir hätten geben müssen; und indem ich fühlte: ich dürfte nicht bitten, ich müßte nehmen; und ich würde nehmen, wenn ich Sie nicht so unendlich liebte, daß ich durch die Liebe schwach bin; -- indem ich das fühlte, schmerzlich und nicht ingrimmig, sagte ich: Ich habe vor Ihnen keine Scham. Auch das haben Sie nicht verstanden. Vielleicht verlangte ich zu viel von Ihnen; Sie sollten gleichzeitig ein Stern sein, den ich ersehne und eine Blume, die ich pflücke: unerreichbar und erreicht. Es scheint, daß Dichter leicht närrisch werden, wenn sie lieben. Fräulein de Villars liebt der Edelmann, Sie liebt der Dichter. Ich bin nicht stolz auf die Tatsache, daß ich ein Dichter bin, Sie hätten Grund stolz zu sein, daß ein Dichter Sie liebt.

7

Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.

Paris, Mai 1750.

Geehrter Herr, Ihr Brief ist mir nicht verständlich geworden; nur weiß ich, daß er auf jeder Zeile eine Kränkung für mich enthält. Aber ich verstehe jetzt besser Ihr Leben: Sie hatten recht, sich von den Menschen abzuschließen; denn ein solcher selbstsüchtiger Hochmut muß jeden zurückstoßen, der sich Ihnen in Güte nahen will. Hoffentlich kennt Mlle. de Villars nicht Ihre Pläne; wenigstens wird sie vermutlich den Gesprächen des Vicomte de Palafoy mehr Geschmack abgewinnen.

Über Emilie denken Sie vielleicht anders, wenn Sie den beigeschlossenen Brief gelesen haben; ich bitte Sie, ihn mir zurückzusenden.

Frau de Saint-Cyr an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Anmey, Mai 1750.

Verehrtes Fräulein, Ihre häufig mir bewiesene Güte ermutigt mich, nach langer Zeit mich Ihnen wieder zu nähern. Ich bin Emilie, das damals so unglückliche Mädchen, dem vielleicht nur Ihre Freundlichkeit und Großmut ein furchtbares Leben erträglich machte. Heute bin ich Gattin des Mannes, von dem ich Ihnen erzählte, des edelsten und besten Mannes, den ich je sah, dem ich vielleicht nur einen Fehler vorwerfen kann: daß er sich keine würdigere Lebensgefährtin gewählt hat.

Sie haben meine Beichte entgegengenommen; Sie wissen, daß ich vor meinem Glück fliehen wollte -- nur zu laut rief freilich mein Herz nach diesem Glück; und in Stunden, wie diese ist, wo mein ganzes Leben wieder vor mir steht und die schöne Gegenwart verdeckt, klage ich oft meine Sehnsucht und Hoffnung an, die meinen Gatten zu mir riefen gegen meinen Willen, die ihn zu seinem Schritt führten, den ich nie billigen kann, auch wenn er mich namenlos glücklich machte. Seit zwei Jahren sind wir vermählt; und meine ehrfürchtige Liebe ist nur größer geworden.

Aber nicht im Glück brauchen wir unsere Freunde, wir haben sie im Unglück nötig; und ich ahne ein nahendes Unglück. Mein Gatte hat seit einiger Zeit die Bekanntschaft eines Herrn de Voisenon gemacht, der in der Nachbarschaft begütert ist. Er erwähnte einmal, daß er auch Sie kennt; wissen Sie etwas von ihm? Ich fürchte von ihm, und diese Furcht ist die Ursache meines Schreibens.