Der Tempel: Roman

Part 2

Chapter 23,673 wordsPublic domain

Der kleine Ivan ist ein geschicktes Kind, schier vermag er Nadja die Zofe zu ersetzen. Er findet das richtige Kleid im Koffer -- einen Schrank gibt es nicht im Zimmer --, versteht gar bald, die Haken zu schließen, die feinen Haare zu bürsten und zu kämmen, wenn Nadja dazu allzu müde ist. Auch hat er gelernt, Tee zu kochen, zum Bäcker zu laufen und allerlei kleine Einkäufe zu besorgen.

Er hat das schöne Haus und sein geräumiges Zimmer ebenso rasch vergessen, wie er damals das erste Heim seiner Kindheit vergessen hat, ist schier glücklicher denn zuvor. Nadja ist den ganzen Tag daheim, liegt meist auf dem Bett, plaudert mit ihm, erzählt ihm Geschichten aus der fernen Zeit, als »ich noch ein kleines Mädchen war«. Wenn nur die Nächte nicht wären, diese unheimlichen, einsamen Nächte. Am Abend kleidet sich Nadja an, legt ihn zu Bett, und geht fort. Kaum ist der Knabe allein, so foltern ihn unbegreifliche Ängste, Gespenster, die seinem Gedächtnis entsteigen. Kracht nicht die Treppe? Tönen nicht dumpfe Schritte? Wer schleicht vor der Tür umher? Gleich wird sie aufgehen, etwas Entsetzliches wird geschehen. Leise wimmernd kriecht er unter die Decke und schließt krampfhaft die Augen, bis endlich der Schlaf sich seiner erbarmt.

Spät nachts oder früh morgens wecken ihn dann Nadjas schleppende Schritte auf den Treppenstufen. Sie schwankt herein, erschöpft, zitternd vor Müdigkeit, mit glühenden Wangen und fieberglänzenden Augen. Er schlüpft aus dem Bett, hilft ihr beim Entkleiden, deckt sie fürsorglich zu und legt sich, in eine Decke gewickelt, zu ihren Füßen nieder. Bisweilen murmelt sie schon halb im Schlaf: »Ein guter Abend, Ivan, morgen können wir uns satt essen«, und schläft noch im Reden ein.

Manchmal jedoch kommt sie nach zwei Stunden wieder heim, und Ivan hat gelernt, diese Abende zu fürchten, das verzweifelte Weinen, das: »Wir werden beide verhungern!« Er sitzt auf dem Bett, streichelt die schluchzende Frau, küßt ihre heißen Hände und weiß sich keinen Rat.

Die Tage werden immer kürzer, kalter, schneidender Wind heult durch die Straßen. Nadja kommt halb erstarrt und frostbebend heim. Eines Abends ist sie nicht allein, ein häßlicher, roh aussehender Mann tritt nach ihr in die Stube. »Ein Kind hast Du auch?« ruft er lachend, als er Ivans ansichtig wird. Nadja lacht ebenfalls, Ivan wundert sich über ihre Lustigkeit.

»Soll denn der Fratz hier bleiben?« fragt der Mann etwas verdrießlich.

»Nein, um Gotteswillen!« Nadja scheint ganz erschrocken zu sein. »Ivan, Herzchen, geh ein wenig vor die Tür, ich ... ich habe mit dem Herrn zu sprechen.«

»Sprechen!« Der Mann lacht brüllend vor Vergnügen.

»Und komm erst wieder, wenn ich Dich rufe.«

Ivan gehorcht. Er sitzt auf der Türschwelle im dunklen Korridor und horcht ängstlich auf jedes Geräusch. Wird der Mann dem Mütterchen nichts zuleide tun? Warum lachen die beiden so viel? Der Knabe zittert vor Kälte und Angst, schließlich fängt er zu weinen an. Wie lange die beiden sprechen! Aber er hört ja ihre Stimmen gar nicht mehr, sicherlich tut ihr der Mann etwas zuleide. Plötzlicher Zorn übermannt ihn, warum muß er hier draußen sitzen, ganz allein, und der fremde Mann darf in der warmen Stube sein? Seinen müden Kopf deucht unklar, daß er immer draußen gesessen hat, allein, frierend, in der Dunkelheit, nicht nur heute abend, nein, viele, viele Abende, jahrelang, immer. Und es wird auch immer so sein. Andere werden behaglich in hellen, warmen Stuben sitzen und lachen. Er aber hockt im Dunkeln und weint. Wer war es nur, der immer weinte? Eine ferne Erinnerung steigt in ihm auf: Ein Mann, der um einen zerstörten Tempel weinte ... nein, es war eine Frau, die um ihren Sohn weinte, den ihr böse Menschen getötet hatten, die Frau auf dem Bilde, das in der Ecke hängt ... Oder war es noch anders? Einmal hatte er bei Nadja einen jungen Mann gesehen, mit blassem Gesicht und wilden Augen, der hatte laut geschrien, wie im Zorn: »Ihr trinkt und feiert Feste, und draußen vor euren Türen stöhnt und weint das Volk!«

Die müden Augen fielen ihm zu, unklar jagten Worte durch seinen Kopf: »der Mann, der um den Tempel trauert ... die Mutter, der sie den Sohn getötet haben ... das Volk ... sie weinen alle, alle ...«

Viertes Kapitel.

Der Frühling kommt; selbst in die enge übelriechende Gasse dringt die Sonne; ihre Strahlen klettern die Mauern entlang, fallen durch die blinden Scheiben in Nadjas Zimmer. Sie hat das Bett ganz nahe ans Fenster gerückt, hält die durchsichtig gewordenen Hände der Wärme entgegen und freut sich des blauen Himmels, von dem sie zwischen Dächern und Schloten ein kleines Stück zu sehen vermag.

Seit sechs Wochen hat sie das Bett nicht mehr verlassen. »Ich bin nicht krank,« versichert sie Ivan wieder und wieder, »bin nur so entsetzlich müde. Wenn der Mai kommt, werde ich aufstehen und gesund sein.«

Den ganzen Tag liegt sie reglos da, stöhnt bisweilen leise, antwortet kaum auf des Kindes ängstliche Fragen. Am Abend jedoch färben sich die blassen Wangen dunkelrot, sie spricht, spricht unentwegt mit heiserer, keuchender Stimme. Oft sind ihre Worte Ivan unverständlich. Bisweilen scheint sie zu vergessen, wo sie sich befindet, ruft nach ihrer Zofe, verlangt »das neue Kleid aus Paris«. Dann wieder lacht sie in tollem Übermut, verspottet Leute, die sie vor sich zu sehen glaubt, verlangt nach Champagner, plaudert von großen Städten, fremden Ländern.

Sie ist ganz zufrieden, nur manchmal, wenn das Fieber ihren Geist nicht völlig trübt, wird sie unruhig, murmelt zaghaft vor sich hin: »Das Kind, was soll aus dem Kind werden?«

Die Nachbarn sind sehr gut zu den beiden. Die bucklige Schustersfrau bringt ihnen täglich von ihrer Suppe, und die dicke Anastasia mit den geschminkten Wangen aus dem vierten Stock drückt Ivan häufig einen Rubel in die Hand, damit er für Nadja etwas kaufe. Sie kommt zu der Kranken, bettet sie um, sitzt plaudernd an ihrem Lager. Sie ist es auch, die Ivan ein paar Griffe auf der Balalaika lehrt und einige Liebeslieder, ihn auf die Straße singen schickt, damit er etwas Geld verdiene.

Ivan zieht durch die engen Gassen, singt mit der schwachen Kinderstimme auf Höfen und Plätzen, und die Armen geben von ihrer Armut: Kopeken, Piroggen, bisweilen sogar ein Stückchen Fleisch.

Die Dämmerung liegt weich über der engen Stube, das letzte Licht hat sich im kleinen Spiegel gefangen, der hell aufleuchtet. Anastasia sitzt an Nadjas Bett. Sie hat sich schon für ihre Arbeit bereitgemacht, ist geschminkt und gepudert, eng geschnürt. Mit besorgten Augen schaut sie auf die Kranke, deren Atem schwer pfeifend die schmerzende Brust hebt. Anastasia hat getrunken, ihr Mund strömt Wodtkageruch aus, und schwere Traurigkeit lastet auf ihr.

»Ein Hundeleben!« seufzt sie. »Und wenn man das Ende bedenkt.«

Nadja schweigt.

»Und in der Kirche will keine neben mir knien«, fährt Anastasia fort. »Bin ich denn schlechter als sie? Ich stehle doch nicht, tue keinem Menschen etwas zuleide, bin eine Rechtgläubige.«

Der letzte Lichtstrahl erlischt, der silberglänzende Spiegel wird zur toten, grauen Fläche.

»Nadja, Du solltest doch einmal den Popen kommen lassen.«

»Weshalb?«

»Man weiß doch nicht. Gott wird Dir Deine Sünden vergeben, Täubchen, aber so, ohne Popen, ohne Gottes Verzeihung darfst Du nicht sterben. Man ist doch kein Vieh.«

»Sterben?« Nadjas schwache Stimme gellt auf. »Wer spricht vom Sterben?«

»Mein Seelchen,« die rauhe, rote Hand streichelt beruhigend über die Decke, »Du weißt doch selbst, daß Du nicht mehr lange leben wirst. Der Tod steht Dir schon auf dem Gesicht. Wozu willst Du auch leben? Das Leben ist gar nicht so schön für unsereins.«

Nadjas abgezehrte Hand greift nach Anastasias Arm, verkrallt sich in das weiche Fleisch. »Ich will nicht sterben, Stasia, will nicht. Das Leben ist so gut und schön. Und ich bin noch so jung. Stasia, halte mich fest; ich fürchte mich!«

Etwas erschreckt über die Wirkung ihrer Worte drückt Anastasia die Kranke an sich. »Still, still, mein Täubchen, es braucht ja nicht so zu kommen. Ich meine nur, weil Du genau so aussiehst, wie Natascha, die vor einem Monat starb.«

»Und Ivan,« Nadja beginnt zu weinen, »was soll aus ihm werden, wenn ich sterbe? Er ist noch so klein.«

»Wir werden für ihn sorgen,« beruhigt sie die andere. »Und dann gibt es ja auch Waisenhäuser.«

Nadja scheint ihre Worte nicht zu hören. Mit starren Augen blickt sie vor sich hin, ein Zittern erfaßt ihren Körper, ihre Zähne schlagen gegeneinander: »Sterben! Sterben!«

Ivan bringt eine ganze Tasche voll Geld heim. Hat der herrliche Frühlingstag die Herzen erweicht, fächelt der laue Wind den Menschen leichtsinnige Großmut zu? Jeder hat ihm heute etwas gegeben, und nicht nur Kopeken, auch Silbermünzen, ja sogar einen ganzen Rubel schüttet er auf Nadjas Bett aus.

»Morgen bekommst Du gut zu essen, Mütterchen!« ruft er freudig und schlingt die Arme um ihren Hals. »Milch und Piroggen, und Stasia soll uns eine gute Kohlsuppe kochen. Bist Du froh, Mütterchen?«

»Ja, mein kleiner Ivan.«

»Und dann wirst Du nicht mehr müde sein, wirst aufstehen und mit mir in die Sonne gehen. Nicht wahr, Mütterchen?«

»Ja, mein Täubchen!«

Ivan klettert aufs Bett. »Mütterchen, heute, wie ich ganz weit draußen war, sah ich Jungen, die liefen einem kleinen Knaben nach und warfen mit Steinen nach ihm und schrien: »grindiger Jud!« Sie wollten, ich solle auch mit Steinen werfen, aber mir tat das Herz weh, weil der kleine Knabe so weinte. Warum verfolgten sie ihn, Mütterchen, was hat er Böses getan?«

Nadja schlingt den Arm um das Kind, ihre Lippen beginnen zu beben, wie in schwarze Nebel gehüllt steigt ein schauriges Bild vor ihr auf: zerschmetterte Schädel ... blutige Leiber ... ein kleines, schwarzäugiges Kind hockt weinend neben einer toten Frau. ...

»Warum weinst Du, Mütterchen?«

»Ivan, versprich mir, daß Du nie mit den bösen Buben gehst und Steine nach einem anderen wirfst. Du darfst auch nie jemand: »grindiger Jud« nachschreien. Versprich mir das, Ivan.«

Unklar durchzuckt ihren müden Kopf der Gedanke: »Nun wird mir die alte Frau verzeihen, daß der kleine Moische zur Muttergottes betet.«

»Ja, Mütterchen.«

»Du darfst auch niemals gegen Schwache böse sein, Ivan. Mußt ihnen immer helfen. Du mußt alle Menschen lieben, Ivan.«

»Auch die bösen Menschen, Mütterchen?«

Da blitzen die großen Augen wild aus dem hageren Gesicht, schrilles Beben kommt in die müde Stimme, fieberglühende Hände pressen sich schmerzhaft um die kleine Kinderhand.

»Nein, Ivan, die mußt Du hassen; die bösen Menschen, die uns zu Tieren machen und dann verachten, die uns verhungern lassen, den kleinen Kindern ihre Eltern erschlagen; die bösen Menschen, die unsere Herren sind, die reich und glücklich leben, die unsere Freunde nach Sibirien schicken. Die mußt Du hassen. Dein ganzes Leben lang, Ivan, mußt gegen sie kämpfen, sie vernichten!«

Die Stimme versagt ihr, kraftlos fällt sie auf die Kissen zurück. Der Knabe hat ihre Worte nicht verstanden, doch begreift er, sie fordere eine Antwort; er nickt ernst: »Ja, Mütterchen.«

»Und jetzt schlafe, mein Seelchen, ich bin müde.«

»Gute Nacht, liebes Mütterchen, morgen wird ein herrlicher Tag sein.«

* * * * *

Es ist noch dunkel in der kleinen Stube, da fühlt Ivan, wie er an den Schultern gepackt und gerüttelt wird. Schlaftrunken öffnet er die Augen: »Ist es schon spät, Mütterchen? Ich stehe schon auf.«

Eine fremde Stimme röchelt auf: »Ivan, ich ersticke! Mache Licht!«

Zitternd entzündet er die Kerze.

Nadja sitzt aufgerichtet im Bett, ringt nach Atem, stöhnt, schluchzend hebt sich ihre Brust, Tränen rinnen aus den starren, entsetzten Augen.

Ratlos steht das Kind vor dem Bett.

»Was fehlt Dir, Mütterchen, was soll ich tun?«

»Ich sterbe, Ivan, ich sterbe,« weint die Kranke auf.

Das Kind beginnt zu schluchzen: »Ich werde Stasia rufen.«

»Schnell, schnell!«

Ivan hastet die Treppe hinauf, rüttelt an des dicken Mädchens Tür; sie ist verschlossen. »Stasia! Stasia!«

»Was ist's?«

»Komm schnell, Mütterchen ... Sie stirbt ...«

Eine Männerstimme brüllt auf: »Verfluchte Bande! Nicht einmal jetzt hat man Ruh. Laß sie sterben!«

Anastasias erschrockene Stimme klingt heraus: »Gleich, Ivan, gleich!« und fährt zornig fort: »Du Bestie!«

Ivan läuft in die Stube zurück. Nadja liegt röchelnd da, aus ihren Mundwinkeln rinnt Blut. Sie packt das Kind an der Hand: »Ivan ... Angst ... Ich ersticke ... Bete ...« Und da das zu Tode erschrockene Kind stumm verharrt, flüstert sie abermals wimmernd: »Bete!«

In Ivans kleinem Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander; beten? Er findet keine Worte ... eine große Leere ist in seinem Gehirn. Sternchen tanzen vor seinen Augen, kalter Schweiß perlt ihm auf der Stirne.

Und wieder tönt das verzweifelte Wimmern vom Bett: »Bete für mich!«

Da endlich löst sich die Starre in seinem Gehirn, Worte kommen, irgendwoher, aus schwarzer Ferne, fremde und doch vertraute Worte. Er fällt vor dem Muttergottesbild auf die Knie, schlägt ein Kreuz und betet:

»Boruch ato adonai ...«

* * * * *

Der Tag, auf den Ivan sich so gefreut, ist gekommen. Aber Mütterchen will keine Milch und keine Piroggen; Mütterchen liegt ganz still und weiß im Sonnenschein, und Anastasia hat ihr die Hände auf die Brust gefaltet und zwei brennende Kerzen neben das Bett gestellt.

Anastasia ist trotz der frühen Morgenstunde vollständig betrunken. Sie kniet weinend neben dem Bett, murmelt eintönige Worte, schwankt und trinkt von Zeit zu Zeit ein Gläschen Wodtka.

Ivan kauert erschreckt in einer Ecke.

Die bucklige Schustersfrau bringt Blumen und legt sie auf Nadjas Brust. »Sie soll doch noch den Frühling merken, die Arme.«

Das Zimmer füllt sich mit Sonne. Vor dem Bett betet die betrunkene Dirne; die Worte verwirren sich ihr im Munde, mit schwerer Stimme lallt sie: »Heilige Muttergottes, bitte für sie. Bitte, heilige Muttergottes. Bitte, Muttergottes, für die Heilige!«

Fünftes Kapitel.

Der Newski dehnt sich endlos im kalten Licht einer weißen Julinacht. Grimmigen Schatten gleich ragen die hohen Häuser zum bleiernen Himmel auf, in der Ferne ballt sich drohend die dunkle Masse des Admiralitätsturmes. Droschken jagen dahin, Autos gellen wild auf, Menschen kommen und gehen. Es ist weder Tag noch Nacht. Die Stunden, die schier ohne Übergang vom Abend zum Morgen gleiten, haben etwas Unheimliches, Feindseliges. Die Stadt gleicht trotz allem Treiben einem Gespensterort, wo Schatten die Straßen bevölkern, vom Grab befreite Tote lärmend ihre kurze Auferstehung feiern. Die erste Röte im Osten deucht Erlösung vom Banne der bösen Stunden, das Zwischenreich versinkt, eine lebendige Stadt der Lebendigen breitet sich der Sonne entgegen.

Leute strömen aus dem Theater, kommen von den Inseln gefahren. Hier und dort schreitet ein Polizist seine Runde ab, und dunkle Gestalten huschen tiefer in die Schatten der Häuser.

An einer Ecke steht ein kleiner Knabe mit einer Balalaika; verstimmt und falsch wimmern die Saiten, und eine dünne Kinderstimme singt:

»O schwarze Augen, O schöne Augen!«

Seltsam klingt das schwermütig leidenschaftliche Lied aus Kindermund. Die kleinen Finger sind müde und greifen falsch. Schrille Mißtöne zittern durch die Nacht; immer heiserer wird die schwache Stimme.

Achtlos gehen die meisten vorüber; es ist spät, es drängt die Leute heim ins behagliche Bett; was geht sie das fremde Kind an?

Ein betrunkener Matrose torkelt heran: »Sing' einmal etwas anderes, Brüderchen, seit einer halben Stunde plärrst Du das gleiche Lied.«

»Ich weiß kein anderes.«

»Wart', ich pfeif Dir eines vor.« Der Matrose lehnt sich gegen eine Mauer, und die verbotenen Töne eines revolutionären Liedes klingen herausfordernd auf. »So, und jetzt sing dazu:

»Des Volkes Blut verströmt in Bächen Und bitt're Tränen rinnen drein. Doch kommt der Tag, da wir uns rächen, Dann werden wir die Richter sein!««

Eine Frauengestalt huscht heran: »Grischa, Du bist verrückt! Komm fort!« Sie packt den Matrosen am Arm, versucht ihn weiterzuziehen.

»Wart' doch, mein Täubchen, ich muß dem Brüderchen eine Kopeke geben. Da hast Du, mein Söhnchen, und lerne andere Lieder.«

Ein Polizist nähert sich rasch; der Matrose und die Frau verschwinden in einer Nebengasse.

»Hast Du gepfiffen?« schreit der Polizist Ivan an.

»Nein, Euer Wohlgeboren; bei Gott, ich kann gar nicht pfeifen!«

»So, na hüte Dich, wenn ich nicht ein guter Mensch wäre ...« Auch der Polizist steht nicht mehr ganz fest auf den Beinen; Rührung überkommt ihn beim Gedanken an die eigene Güte. »Ein seelensguter Mensch, ja, frag' nur alle, die mich kennen, ob Sergei Stepanowitsch nicht ein seelensguter Mensch ist.« Er zieht ein Taschentuch hervor und schneuzt sich laut. »Ja, gut, seelensgut, und muß diese Hundearbeit verrichten. Da nimm, das Herz tut mir weh, wenn ich Dich so stehen sehe; Du solltest schlafen.« Zwanzig Kopeken gleiten in Ivans Hand. Schwerfällig trottet der Polizist weiter.

Ivan zählt das Geld, zehn Kopeken, zwanzig Kopeken, eine Kopeke, ein halber Rubel -- noch nicht genug. »Bring' fünf Rubel mit«, hat Stasia am Abend gesagt. »Morgen muß ich die Miete bezahlen. Dann darfst Du Dich auch wieder ausschlafen.«

Nein, er kann noch nicht heimgehen, Stasia würde zornig sein. Nicht, daß sie böse zu ihm wäre, oder ihn schlüge, aber sie schreit so furchtbar, wenn sie zornig ist; davor hat Ivan Angst. Und wenn er nicht genug Geld heimbringt, droht sie ihm mit dem Waisenhaus, »wo man Schläge bekommt und den ganzen Tag beten muß«. Vielleicht ist sie auch noch gar nicht daheim, und er müßte im dunklen Gang warten, bis sie kommt.

Er gähnt, reißt die schlaftrunkenen Augen auf,

»O schwarze Augen, O schöne Augen!«

Eine Saite reißt mit kläglichem Schrillen; das ist die zweite heute nacht; nun muß er mehr als fünf Rubel verdienen, denn die Saiten kosten viel Geld.

Kleine steife Finger greifen in die noch unversehrten Saiten, noch jammervoller denn zuvor klingt die Begleitung, schluchzt schrill und hoffnungslos:

»Unsel'ge Stunde Du, da ich Dich sah!«

Sechstes Kapitel.

Der Tisch war fertig gedeckt; das große, stämmige »Mädchen für alles« wischte noch rasch mit einem zweifelhaft sauberen Tuch ein Glas aus, seufzte, rieb den erfrorenen juckenden Fuß gegen ein Stuhlbein und verfügte sich ins Wohnzimmer, um die Familie zu rufen. Sie saßen um die Lampe, in der kleinen ostpreußischen Stadt gab es noch kein elektrisches Licht. Frau Selder stopfte Strümpfe, die drei älteren Kinder, Friedrich, Gustav, Ilse waren mit Schularbeiten beschäftigt, die kleine Lene spielte mit ihrer Puppe, der Gymnasialprofessor saß vor einem Stoß Schulhefte und las stirnrunzelnd in einem Brief.

Schwere Luft lastete über dem Raum, der Geruch staubiger Plüschmöbel vermischte sich mit dem langgetragener Wollkleider, und über allem schwebte, von der Küche eindringend, fettiger Speisenduft. Die Gesichter waren verdrossen, die drei älteren Kinder arbeiteten unmutig, gelangweilt, die Mutter sah müde und sorgenvoll drein, auch Herrn Selders Züge verrieten Gereiztheit; bloß auf Lenes etwas blassem Kindergesicht lag zufriedene Heiterkeit.

Bei Tisch herrschte zuerst allgemeine Stille; wenn der Vater so dreinschaute, war es klüger, sich ruhig zu verhalten; endlich brach er das Schweigen. Er hatte den Brief zum zweitenmal gelesen und bemerkte nun verdrießlich mit harter, knarrender Stimme: »Margarete kommt demnächst zu Besuch!«

»Mein Gott, jetzt im Winter! Und der Ofen im Gastzimmer heizt nicht!« Frau Selders Gesicht wurde noch sorgenvoller.

»Ja, und sie bringt auch noch ein Kind mit!«

»Ein Kind?«

»Sie scheint ganz verrückt geworden zu sein, meine liebe Schwester. Das kommt davon, wenn eine Frau anstatt zu heiraten in der Welt umherstrolcht und Konzerte gibt. Dabei muß sie ja jedes Gefühl für das Schickliche verlieren. Sitz gerade, Gustav, ein deutscher Junge muß stramm sein. Ich will euch den Brief vorlesen. Kinder, klappert nicht so mit dem Besteck, das stört mich.«

Vier Paar neugierige Kinderaugen wandten sich dem Vater zu, als er zu lesen begann. Seine Worte kamen in mißbilligendem Ton heraus, etwa so, wie er in der Schule einen besonders schlechten Aufsatz vorlas, um den Schüler vor der Klasse zu beschämen:

»Liebe Geschwister!

Plötzliche Sehnsucht nach dem kleinen alten Nest hat mich gepackt, und ich werde demnächst bei Euch erscheinen. Hoffentlich komme ich Euch nicht ungelegen. Ich möchte gerne vor meiner Tournee in Amerika ein wenig ausrasten und auch die Kinder wieder einmal sehen. Diesmal komme ich nicht allein, ich bringe ein Pflegesöhnchen mit, für das ich um freundliche Aufnahme bitte. Es ist ein kleiner Russe, den ich, buchstäblich, auf der Straße aufgelesen habe; er sang zu einer Balalaika, und ich glaube, man könnte ihn in der Musik ausbilden. Da das arme Geschöpf keine Anverwandte hatte, war es mir ein leichtes, es zu adoptieren; übrigens geht mit Hilfe des Rubels in Rußland alles leicht. Ivan ist nun schon vier Monate bei mir und versteht bereits Deutsch; er ist ein äußerst kluges Kind, und es ist eine angenehme Abwechslung, einmal etwas Menschliches um sich zu haben, das einen weder betrügen noch ausnützen will.

Ich werde voraussichtlich in den ersten Tagen des Dezember bei Euch eintreffen.

Mit herzlichem Gruß an Euch und die Kinder

Euere Schwester Margarete.«

»Ein Russenkind!« rief die kleine Lene vergnügt, »wie lustig! Wie es wohl aussieht?«

Frau Selder seufzte: »Deine Schwester ist wirklich wunderlich; genügen ihr unsere Kinder nicht? Gott weiß, woher dieses Kind stammt.«

Der Gymnasialprofessor häufte sich den Teller voll Kartoffeln und begann hastig zu essen. Nach einer Weile bemerkte er: »Wenn es wenigstens ein Mädchen wäre, das könnte Margarete zu einem Dienstmädchen heranbilden; russische Dienstboten pflegen ganz besonders treu zu sein -- aber ein Junge! Freilich, Margarete war immer so, maßlos in allem, genau wie mit ihrer Leidenschaft für die Musik. Maßhalten, kein Überschwang, immer schön nüchtern, das ist die Hauptsache im Leben.«

Die Kinder blinzelten einander zu; sie kannten diese Lehre des Vaters, hörten sie fast täglich. Herr Selder sprach im Kreise der Familie stets in Lehrsätzen; er fühlte, dies schulde er seinem väterlichen Pflichtgefühl, jenem Teil seiner selbst, das er »den Vater« nannte. Herrn Selders »Ich« war sorgsam in verschiedene Teile geschieden. Zuerst kam der »Untertan«, der ehrfürchtige Bewunderer Seiner Majestät des Kaisers. Dieses Gefühl lag in bedingungslose, gedankenlose Ergebenheit wie in Watte gebettet; dann kam »der Deutsche«, dies war mehr ein Fluidum, das den ganzen Menschen durchdrang, stählte, festigte mit der Überzeugung, der einzig wertvollen Nation anzugehören, dem zur Herrschaft berufenen, ethisch höchststehenden Volke, den Menschen aus Stahl und Eisen; hierher gehörte auch noch »der evangelische Christ«, der an »unseren« Gott glaubte, an einen Privatgötzen des deutschen Volkes, der auf dieses und sein Herrscherhaus mit ewig gnädigem Lächeln herabblickte, eine Art verklärter Barbarossa, dessen Unglück es gewesen war, einen weichlich-sentimentalen Sohn zu haben, einen unfähigen Kronprinzen, der mit der Masse liebäugelte. Auch der »Gymnasialprofessor« machte einen nicht unbeträchtlichen Teil der Selderschen Seele aus; jedenfalls einen der angenehmsten, ein köstliches Gegenstück zum »Untertan«, denn hier war Macht, Gewalt, Autorität, ein Stückchen Kaiser, ein Stückchen Gott. Außerdem gab es noch »den Vater« und einen letzten, kleinsten Teil »den Gatten«. Herr Selder sagte, wenn er eine Ansicht bekräftigen wollte, niemals: »Ich«, sondern stets: »Ich, als getreuer Untertan Seiner Majestät« oder: »Ich, als Gymnasialprofessor« oder: »Ich, als guter Deutscher«.