Part 2
Da Rikyu wusste, dass sein wertvollstes Gut in seiner Abwesenheit von Freunden so sorglich umbangt gewesen, trat eine gewisse Wärme in seinen Blick, mit dem er den Taiko nun bewillkommte. Sommertag war, Geruch von Lilien floss ein, der Blumenordner, als graziöse Silhouette im offnen Türrahmen zu sehn, beschnitt mit kleinem Messer die Stengel grosser Blattpflanzen, soeben brachte er wunderbar erlesene Blüten mit einer winzigen Säge -- erinnernd an überraschendes Taschenspielerkunststück, war das Instrument auf einmal in seiner Hand -- zu Fall, niemand schien die vielen Todesschreie der Blumen zu hören, nur er, Rikyu, den sonst sehenswerten Garten mit beleidigend eilendem Blick streifend, hörte das für gewöhnliches Ohr unhörbare Geschrei der Gefolterten und langsam Sterbenden, überirdisch leise war Todesmelodie, vergehender blumener Schwanengesang: Duft, unendlich süss, hielt Luft gefangen, fest drückte er an seine Brust, wo neue Blume gesichert verborgen, war, unter Gewandbausch, der Taiko, auf einmal der Taiko, nickte ihm freundlich, doch merkbar ungeduldig zu, er besann sich, hielt ein kleines Lächeln, unbestimmbar, es konnte ebenso Ja wie Nein bedeuten, oder auch etwas ganz Fernes, das gewiss kaum hergehörte, wenigstens schien es bis jetzt unbekannt, ausdrücken, zu allem bereit über Gesicht gelagert, zugleicherzeit machte seine Rechte förmlichen Ansatz zu einer Handbewegung, die im selben Augenblick mit seinem Mund sagte: »Wollest du bedankt sein, grossmächtiger Herrscher, dass du zu mir Unwürdigen gekommen bist, möge dir mein dürftiges Dach nicht zu gering erscheinen, gib diesem schmutzigen Ort mit deiner herrlichen Anwesenheit die Gottesweihe, ich wage, dich ergeben zu begrüssen«, so liess er den Taiko vorausgehn, sie folgten, alle die andern, er zuletzt, äusserste Schiebewand schwebte weg, Teeraum lag in grösster Schönheit da, wie Oase in eintönige Wüste, erfrischend, erhaben, stumm grüssten bang Eintretende die unsymmetrische Stätte ganz ungeheuer künstlerischen Leerseins, die sie doch schon so oft geschaut und die immer wieder noch abwechselnd Unfassbares bei jedem erneuten Betreten den Sinnen brachte. Entlebt standen sie da, kurzen Moment bloss, in tiefem Schweigen, nur des Teemeisters Augen schienen heller zu werden, zu leuchten, er war gegenwärtig der Einzige, der lebte, im vollsten Bewusstsein, der Taiko, eigentlich störend in den Raum stossend, ungelenk, für dieses Gemach, übrigens auch für nipponsches Verhältnis viel zu gross, bei weitem, wusste wohl, dass dies alles etwas zu bedeuten hatte, ebenso auch, dass es Würde des Herrschers erheische, die bestimmten Zeremonien des Tees inne zu haben, die er ja eigentlich schon genug oft eingeübt hatte, sah nun aber -- wahrscheinlich presste ihn in innerster Selbstkritik dieser Mangel schwer: die Erkenntnis nicht voll genommen zu werden -- beinah blöd aus, was die andern, die im stärksten Geniessen der stillen Messe, im verzückten Verharren waren, weiheschändrisch unliebsam erweckte, was noch stärker ward, als sehr ungehaltnes, schier verletztes Gefühl alle Teejünger umschlich, als er, da er der Herrscher ist, hat er wohl das Recht, laut in die Hände klatschte und mit ungefüger Stimme die Aufwartung befahl. Jetzt sahn sie auch, dass der Taiko Harmonie gegenwärtiger und noch kommender Handlung gäh durchrissen, denn alle hatten leicht grünliche Gewänder, die zu dem lichten Gelb der Wände und zu dem etwas schmutzigern der Matten sehr verwandt schienen, nur er trug einen roten Kimono, einen purpurroten, das war ein Misston, schroff und entschieden. Rikyu stellte unter einem zum Taiko hinüberzielenden, beinah liebenswürdigen Lächeln fest: das ist eine Blasfemie, ungeheuer frevlerisch, es ist eine noch nie erhörte und erschaute Gotteslästerung gegen die Schale. Nur gut, dass sie im sorgfältig geschreinten kleinen Lackschranke lebte, verdeckt, und nicht jene Missachtung sehn konnte. Nun ward ihm auch unumstössliche Gewissheit, dass jener rohe Bauch dort drüben, jener Mann ohne Tee in sich, obwohl er mit schrecklicher Macht über Mensch, Tier, Land, Luft, Wasser gegürtet war, nie und nimmer dieses blau und rot leuchtende Erlebnis, das jenes, jetzt unermesslich hassenswerter, wulstiger Mund vor kurzem in Worte gelegt schön von sich gegeben, allein hätte schauen können, nur weil er damals im Raum, war diese merkwürdige Strahlung für einen Moment von ihm ausser Acht gelassen, auf jenen Unwürdigen gestürzt, das ärgerte Rikyu sehr, jetzt, sein Blick wurde boshaft, schief, und suchte von unten den Taiko zu treffen, der in einer ganz plötzlichen Aufwallung Hass bei dem Teemeister fühlte, infolgedessen, irgendwie in Trotz, ironisch und stolz, sein Haupt zurückwarf.
Rikyu hielt Lippen hart, fest gehemmt, die verdeckten: auf den blanken Zähnen darunter stand unerbittlich der Satz: Der Taiko muss sterben. Wer wider meinen Kelch ist, der steht wider mich! Dies tönte schrankenlos laut, immer und immer wieder, durch seinen Körper, der äusserlich jedoch, stark beherrscht, nichts verriet. Eher wurden jetzt seine Augen freundlich, wie sich seine Miene glättete, grosse Erkenntnis strömte: Dem Todfeind muss man mit überschwemmender Leere, die undurchforschbar, begegnen, in dieses Vakuum muss der Widersacher hineinstürzen, ferne Grenzen, sie würden schliessen, der Wehrlose wäre ihm ausgeliefert wie das Wasser, welches in die Leere der Kanne fliesst, dann gefangen ist, genau so, die Leere ist das Furchtbarste auf der Welt, das Gefährlichste, wer sie als Waffe verwenden kann, ist der Mächtigste der Mächtigen. Der Taiko wird mittels Leere gefesselt werden, was dann mit ihm zu tun sei, überlegte er jetzt noch nicht, doch wusste er das eine, dass bei heutiger Teezeremonie jene Schale, die durch des Taikos anstössiges Gewand beleidigt, nicht zu gebrauchen sei: So ward sie vorenthalten. Auch der Tee war gewöhnlich, grün, die Blätter derb wie eingekerbte Falten der Juchtenstiefel tschungusischer Barbaren, beim Einwerfen in das eiserne, mit einer leichten Patina belegte Kochgefäss, fühlten sie sich an wie vertrocknete Apfelschalen, im Wasser alsbald entfaltet, zogen sie dunkeln Wolkenfetzen gleichend hin, verquollen schon im Dampf voller Unkontur, nun trank man und sprach nichts.
Stille.
Rikyu erschaute aus den Wölkchen über des Taiko Tasse dessen nicht allzufernes Geschick, das tödlich, doch gerecht sich darinnen, in dem scheinbar ganz zufälligen Gewirbel -- das vom Schalenrand pyramidenförmig in die satte Luft, so ins Unsichtbare verflüchtend, anstieg -- als Vision voraussagte. Das machte seine Bewegungen, nebensächliche Gesten freier, Sinn und Miene nahezu heiter. Als in gewissem, auf einen Höhepunkt hinzielenden Augenblick die Freunde sein Auge suchten, bittend um Beantwortung der einen Frage, warum er dem hohen Gast nur eine gewöhnliche Porzellanschale gereicht, ohne Alter, ohne Herkunft, da lächelte er sehr fein, mit einem geradezu gütigen Nebenton, tat schlicht unauffallender Stimme diese Worte kund: »Ich schaue dies: Eine kleine Weile, und mein Kelch wird vergangen sein; und wieder eine kleine Weile, und mein Kelch wird abermals erscheinen«, gläsern flog sein Blick jetzt ins Weite, dann sprach er nach Atempause ganz leise zu sich letzten Satz schmerzlich beglückend nochmals mit einer geringen Veränderung: »Und ihr werdet mich nicht mehr sehn.«
Die Freunde, obzwar nicht wissend, was des Teemeisters seltsame Rede bedeute, mussten doch eine Ahnung fühlen, da sie auf einmal alle verstohlen zu dem Taiko hinsahn. Der kotzte Gelächter.
Robuste Lachwellen brachen sich an den papiernen Wänden, machten diese fluten, keiner aus der Teegruppe fragte, warum denn der Taiko so wiehere, alle behielten ernsten Blick und straff nüchterne Gebärden, nur leises Knistern vergewaltigten Papiers der Raumgrenzen war anklagender Hinweis auf des Herrschers frech frevlerischen Lärm, so wollte der Gekrönte sich entschuldigen: »Es fiel mir plötzlich possierliche Geschichte meiner tartarischen Amme ein, die von dem chinesischen lustigen Kaiser, der immer viel und scharmant gelacht hat; am meisten darüber, dass alle um ihn herum starben. Nur er konnte nicht sterben. Darüber war er voll Übermut, der also niemals starb, weil er nie gelebt hat, deshalb hat er, und ich gegenwärtig mich seiner erinnernd, soviel gelacht!«
Rikyu, über den anwesenden sich selbst unterhaltenden hohen Gast brüsk hinwegsehend, zog dreimal mit der Linken Kreise in die Luft, letzter Teil der Zeremonie, zischte den Satz, der sonst das Gemach nahezu göttlich vergoldete, ohne Scheu hervor: »Ich bin der Tee des Lebens! Ihr habt davon genossen, ich danke euch.«
Dann standen sie alle auf, auch der Taiko war dazu gezwungen, Rikyu tat eine schlichte Verbeugung, hernach alle, nun der Taiko erst zum Teemeister, dann zu den andern hin, draussen schlugen drei unschön dröhnende Gongs, man schritt aus, Garten war gebreitet wie kleiner See, Wogen von Duft und Blüten gingen hoch, winzige Silberglöckchen sangen von den Zweigen, harmonisch von sachtem Wind gestreichelt, damit alle Vögel, auch die des Himmels, gescheucht würden und nicht auf ihrer Nahrungssuche die guten Blüten töten könnten, vor jeder grösseren Blume stand ein sorgfältig gekleideter Diener, gelb, wischte mit einer weichen Bürste aus Schwanenflaum ungehörigen Staub vorsichtig von den Blättern ab, darüber verwunderte sich der Herrscher -- Zartheit ist Fürsten immer verwunderlich und nach ihrem Sinne zu verwerfen -- dies steigerte sich aber bis zu verblüffter Starrheit, als eine Kapelle von zwanzig Künstlern mit den verschiedensten Instrumenten eine unbegreiflich melodiöse Musik zu spielen begann, den Blumen zu Ehren, damit sie, die sonst ohne Feste zu leben gezwungen waren, sich daran ergötzen konnten, das begriff der Taiko, zwischen Lachen und Stirnrunzeln schwankend, nicht, zum Ende gewann Finsterzucken über Gesicht Oberhand, denn ein Marmorstein war mitten im Beet aufgerichtet, mit Zeichen versehn, die der Fürst nicht zu lesen vermochte, das ist Amt des Aktenverlesers, der aber heute im Gefolge fehlte, dreihundert Stockhiebe auf die vergesslichen Sohlen, nun stiess sein scheeler Blick wieder an, den merkwürdigen Stein: »Es ist das Denkmal zur Erinnerung an eine schöne Blume, die der Teemeister sehr geliebt,« suchte Stimme eines Gunstbuhlers zu erklären, schneller schritt der Taiko aus, Kies knirschte gell unter seinen festen Tritten. Er wollte zerstören, töten, das war fester Entschluss, gleichgültig was! Da sonnte sich eine Zikade auf gelblicher Sandhelle des Pfades, rasch hob der plötzlich Zornviolette, hochmütig siegesbewussten Herrscherblick zu Rikyu hinwerfend, den rechten Fuss und liess ihn mit Wucht auf das winzige Tier niedersausen, im selben Augenblick brüllte ein Tiger von fern. Hohnlachend liess der Taiko sein Auge wartend auf dem Teemeister haften, dessen Gesichtsmuskel nicht im mindesten aufzuckten, nichts verratend, als er ohne Betonung fragte: »Hast du das Brüllen des Raubtiers gehört?« Auf seinen Zähnen, die von hart zusammengebissenen Lippen wiederum verbaut waren, stand abermals in heimlicher Abgeschiedenheit, nunmehr in blutiger Geschrift, furchtbarer Satz, der unabänderlich auf immer: Der Taiko muss sterben! Denn jetzt war der grausam hingerichtete Leib der vor kurzem noch so fröhlichen Zikade missgestalt zu Brei zerdrückt zu sehn; schwere Last wie ungeheures Eisengewicht lag atemberaubend auf mitleidiger Herzgrube Rikyus.
Ein wenig Unwillen war doch schon blass eingekerbt in die glattseinwollende Stirnebene, als er nochmals mit Stimme, merklich bebend, den Grausamen fragte: »Hast du das Brüllen des Tigers gehört, mit dem nachfolgenden schwachen Schrei? Könnte das Raubtier nicht dein Kind, unwissend spielend mit Goldperlen und Erdbeeren im Walde, zerrissen haben?«
Da lief der Taiko, gespreizte Arme in verzweifelten Wind wirbelnd, stampfend weg, so dass sein Gefolge ihm kaum nachkommen konnte. Rikyu blieb versäult stehn, Kinn fiel tief auf Dach seiner Brust herab, sinnend, dachte Pyramiden, während die Jünger ihn wartend umkreisten, Sonnenblumen, anseit des Weges ragend, schienen grösser zu sein als sie. Mitten vom rasend rauschenden Leben der Blumen und Bäume umwogt, kam er selbst wieder zu Leben, als einer von seinen Schülern nun Antwort bat auf dies: »Meister, ganzen Hergang der Handlung, so undenkbar, verstanden wir nicht, weil uns das alles sich wie ohne Geschehn darbot.«
Masslos milde klang seine Stimme und klar: »Der Sturm in der Teeschale ist furchtbarer als der auf dem Meere, dies ist der Grundsatz und Tee meines Lebens, das allem Leben zuströmt. Liebe Freunde, hinter jeder Handlung, hinter jeder Erscheinung verbirgt sich Vorgang des Vorgangs, Erscheinung der Erscheinung. Ein Augenaufschlag von Blick zu Blick schöpft mehr Geschehen als tobend schreiende Schlacht von sechzig Tagen. Lasst eure Blicke kreisen: Tod ist nicht der Tod, irgendwo ward er schon vorher getötet, Leben ist nicht das Leben, irgendwo ward es schon vorher gelebt, vorherbestimmend unter der Fläche. Es gibt keinen Zufall, ein Gesetz aber ist. Ihr seht nur die Wirkung, ich aber schaue im ewigen Wechsel des unsterblichen Tao den Grund. Mir ward gegeben, Höchstes zu gewinnen: Ich schuf aus mir selbst einen leeren Raum, in den ich, allmächtig, allumfassend, was irden ist, zwingen kann. Der Taiko trug entgegen Vorschrift ein purpurrotes Gewand, der Taiko zertrat die schuldlose Zikade, deren Tod ich lange vor der Tat erschaute. Ich sehe das Schicksal des Taiko schon vollzogen, unerbittlich, nicht aufzuhalten, Freunde, der hell glänzende gläserne Sand zu Füssen des Wegs sticht eure Augen. Nicht der Kies leuchtet, die Sonne ist grelle Fackel, fern und hinter euerm Rücken. Ewig ist der Duft der Blüten, versuchet mich nicht wieder, merket nur das Eine: Ich habe viele Stürme in der Schale erlebt. Der Blumengeruch ist stark und satt, lasst uns ihn atmen!«
Da es schon langsam Abend geworden, verliessen sie ihn, der still vor dem kleinen Hause stand und vom Wald herüber den Tiger rufen hörte.
Eine Weile blieb er so.
Dann er durch Zähne hell hineinpfiff in den dunkeln Odem, den ihm reifende Nacht schwer entgegenkeuchte, jähen Laut.
Drüben und fern erstarb Gebrüll.
Einsame Stille stieg an sein Knie.
Natur schien ohne Blutschlag.
Nun ein dumpf kurzes Tappen, wie wenn ein Stück gerundetes Blei auf üppigen Samt fällt, dann ein Zischen, doch immer noch weit, zwei Leuchtkugeln am Gartenhorizont, die jetzt hochfuhren, näher in einem schief zur Erde sausenden Wurf gedoppelt pfeilten, durch Sprung kühl gewordene Luft prallte an Rikyus Wangen, mit vergähnendem Knurrlaut lag der Tiger horsam zu seinen Füssen, prankenstill, ruhig, gut.
Zwingende Hand drückte Schnauze in den Sand zum Ruch, wo Ausdünstung robuster Fusspuren des Taiko sicher noch über dem Weg lag, schnell gehende Nüstern sogen gierig, Hand liess nach, glühendes Augenpaar suchte Blick des Herrn, aus dessen gespitztem Mund ein langer, lind züngelnder Rollpfiff sprang, dem schrilles Wort nachschnellte: »Tod!«
Warmes Zittern floss durch Nachtwind: Der Tiger hatte seinen Rachen weit aufgerissen, nun schloss er ihn wieder, Augen grellten vor Feuer, leckte ergeben treuer Zunge den vorgestemmten Fuss des Meisters, satzte dann, eine Weile schönen wilden Kopf hin- und herschlagend, in einer geraden Richtung ab, verschwand im Bauch der Nacht, die schon alle Landschaft aufgefressen hatte.
Rikyu stand lange, regungslos, ohne die schwarze Kühle zu fühlen, die dichter und dichter ward und ihn, der Blick nach innen gerichtet, ganz umschwälte. Pfeil auf Pfeil durchzuckte sein Hirn, Herz aber ward nicht getroffen, langsam begann sein Körper licht zu werden, bis er vollends Licht geworden war, dass er kein Stück von Finsternis mehr hatte, und es war, wie wenn ein Licht mit hellem Blitz ihn erleuchte, und immer und immer wieder sagte er sich das vor, im Innern, acht zu haben, dass nicht das Licht in ihm wieder zur Finsternis werde, so hielt er die Hände weit weg vom Saum seines Kimonos, wollte an nichts mehr denken, an nichts. Endlich warf er seinen strahlend hellen Blick zum Himmel hoch, sah die grosse Kuppel sternlos, selbst die treue, die Ampel, sonst stets über schlafendem Garten hängend, war erloschen oder gar nicht entzündet, denn Mond war diese Nacht nicht.
Schwachen Seufzer zerkauend, ganzes Sinnen ohne Herz auf den Auftrag erfüllenden Tiger eingestellt, wandte er sich ab, trat durch finsteres Tor, zeniten über seinem Haupt sich wölbend -- seltsam, früher war das doch karg schmale Tür bloss, jetzt, von nächtlichen Schatten umwittert, ähnelte sie dem Tor des rächenden Gesetzes im peinlichen Gerichtshause, im grauen, steingequaderten, und war Tor -- ruhig ein, brannte einen Lampion an, schritt gemächlichen Gangs in letztes Gemach, in heiligen Raum, der roch nach Tee. Hinkauerte er sich vor dem Tokonoma auf die Matte, gebärdete Gebete vor sich weg in das Schweigen, das durch seins noch gesättigter ward. Dann erstarrte Antlitz, Körper, blieb so drei Stunden lang: Da war der Vater, der Sohn und der noch Kommende einer Ahnung, einer fremden Traumlandschaft. Nun sank Denken ein: Keine Gesichte ballten sich am windstill hingeneigten See seines Hirns, nichts schaute er, nichts fühlte er, nichts dachte er: Seele war weg, im farblosen Äther des Nicht-Seins. Ausserhalb Hauses schossen erwachende Geister Blicke durch mählich hinsinkende Nacht: Sterne aufschrien am Himmel, doch schwach, auch der Mond goss seltsam blasskühles Licht auf matten Traum des Gartens, alle Winde schliefen in der noch unsichtbaren Böschung, purpurnes Gewand zog als schemenhaft nächtlicher Wolkenschleier über den mondenen Tsuki hin, tropfend, von schwerem Nass: Blut könnte Vorahnung sein.
Drinnen erwachten Fingerspitzen, Hand, Arm, Brust, Kinn, Lippen, Lider, Augen, endlich ganzer Leib des Teemeisters aus glücklicher Starre, neigte dreimal Kopf zur Ahnenurne hin, richtete sich auf, glühte Feuer an, Eisentopf summte Wasser, mit schlichten reinen Händen ward heiliger Kelch dem Ruhort entnommen -- die Schale! die Schale Lu Yüs, von Vernichtung errettet und wiedergeboren durch Vater, der Held: Mutter gewesen -- sanft floss Tee, Tee seltenster Sorte, in sie, Lampion war müd geworden, aufdämmernder Morgen war frisch, leise ringelte sich Dampf über Porzellanrand hoch, Schnörkel voll Zeichen, die Rikyu nicht enträtseln wollte, plötzlich setzte er die Schale mundab, stieg auf, schritt zum Tokonoma, hob vom Boden entfallene Blumenblüte: Winde, gestern entdeckt, neue Blüte wurde von ihm inniglich begrüsst und in nächste Vase geborgen, dann eilte er wieder auf andere Seite des Raums, schemelte nieder, ergriff hutsam die Schale, führte sie zum Mund: Dampf schleuderte Bilder, entsetzenschwanger, die er sofort begriff: Tiger hetzte durch Nacht, durch Stadt, Soldaten am Tor des schwarzmarmornen Palastes zerriss er, durch! Gänge, Fliesen hinauf, hinunter, Eunuchen, schlaftrunken mit ungeschickten Säbeln schrillkeuchendem Eindringling Entgegenstürzende, hatten Mal, blutig und sechsfach so gross wie rubines Medaillon, schnell und unabwendbar am Hals sitzen, schon war kochender Atem im purpurnen Schlafgemach und siedete es heiss, Lefzen, nass sickernd von schrecklichem Tod, setzten an zu letzter krönender Tat: Dort der Taiko, stark und ekelhaft gereckt, war weinlächelnden Munds in Schlaf und Ahnungslosigkeit, unbewusst pochendes Herz, umtraumt, würde bewusst und wach nie mehr klopfen, Pranken ruhten, zitternd auf bald losschnellenden Hieb. Da erwachte die Geliebte des Fürsten, auf deren schlaff müden Schenkeln eingetrockneter verspritzter Samen des Taiko durch des Tigers siedenden Atem flüssig ward, nun auf der milden Haut des Weibes wie heisses Wasser brannte.
Erschreckt fuhr sie auf, letzte Traumfladen wichen sofort, sah den Brennpunkt von den glühenden Augen des Raubtiers und die Gefahr, ergriff laut schreiend den scharfen Dolch des Taiko -- anseit der Ruhestatt friedsam liegend -- und stürzte sich, selbst mitten im Schrei ganz Raubtier werdend, auf den Tiger, stach, stach, stach, ihre Brüste waren schon zerfetzt, als der Tiger noch immer kaum ernstlich verwundet schien, sie nochmals ausholte mit katzenhafter Tücke, aber grosses Katzenraubtier war tückischer, lohend in Wut Tatze schlug: Wo Liebesbucht ihres Leibs behaart, troff jetzt dunkelrotes Blut, in Tod sich verkrampfend hielt sie noch die grosse schöne weibliche Geste ihres Körpers und ihres Daseins auch im Sterben bereit, doch blutrünstiger Tiger krallte ihr sein Prankenschild schmerzvoll auf die Scham, dass ihr alles verging.
Nun, vom Getöse dieses ungleichen Kampfes erwacht, schrie der Taiko unglaublich laut, rückwärtige Wache, Männer, gepanzert, Kurzschwert gezückt, drangen ein, selbst stark verwundeter Tiger liess nach, sprang Weg zurück, den er gekommen: Teeschale war: So wusste Rikyu auch sein Ende, denn der Taiko, wohl zu mächtig, um die unsichtbaren Zusammenhänge zu erkennen, hatte desto mehr Spürsinn für sichtbare, auf der Oberfläche abspielende laute Ereignisse, ahnte daher sofort, woher plötzlicher Tiger, sich an das seltsame, fürs erste irrsinnig sich anhörende Gebaren des Teemeisters, als das Raubtier rief, sogleich erinnernd, dass dieser nicht von selbst in den Palast eingebrochen: Tiger brüllte draussen, einsam war das Haus, Rikyu stand auf, ging vor die Tür, hingekuschtes Tier drängte Blut an seine Füsse, er gab ihm streichelnde Hand und wusste nun. Dann lief der Tiger sehr langsam, fast matt weg, eine dunkle Spur auf den Kies hinter sich nachkerbend, und verschwand im Wald, der ihn mit gütiger Finsternis umschloss.
Der Garten mit allen erwachenden Blumen schwamm im jungen Meer aufschäumenden Morgenrots, das sich am Horizont an Berge gattete und Grate mit Blut benetzte.