Part 1
Produced by Jens Sadowski
Melchior Vischer
Der Teemeister
MCMXXII
Jakob Hegner, Hellerau
». . . Wahrlich! Rikyu war einer unter tausend unter den Teemeistern . . .«
Okakura Kakuzo
Haus brannte, auch papierner Lampion fing Feuer, Nachthimmel war gar nicht so schwarz, eher bläulich, nun goss Rot von unten in gischtender Garbe hoch, Zikaden zirpten erwachend auf, ungeheuer leise, doch gleichwohl schrill für gläserne Ohren, verzweifelter Greis fiel zu Boden und weinte; auch die andern, bestürzt schauend, schienen dasselbe zu tun, währenddem mitten drinnen im sonderbar heulenden Brandesbad stilles Heldenschicksal sich schlicht vollzog, ohne dass Zuschauer dafür Zeugnis ablegen konnten; einfach und mit zwingender Notwendigkeit blühte das Grosse auf, denn auf schon lichterloh brennendem Tokonoma stand die alte Teeschale, unermesslich kostbar, mehr als tausend Jahre am Leben, fern von China hergekommen, aus ehrwürdiger Hand des grossen Lu Yü, stand sie und war in Gefahr; ein Stück seltenster Schönheit; wild kochte schon erste Flamme, ihr sehr nahe. Trotzdem knapp vor Tod, vergass er keinen Moment, sie in grösster Verehrung zu schätzen; heisser, immer noch heisser schritt Ende an, Verzweifelter sah um sich, kein Ausweg, Feuerring schloss präzis, liess keinen Auslug, dicht kroch Siedehitze am Boden, beleckte tastend Füsse, züngelte höher, Kimonosaum ward hell, da erfasste nun schon mutig gestellter Blick in aufschäumender Liebe die schöne Tasse, innig, ganz. Kehle von Verbrennungsqualm schon sehr umkrallt, schwankte er hin, griff das Porzellan, behutsam, kleines Seitenmesser beinah schon heiss, schnell gezückt, schnitt Bauch auf, Schmerz und Feuer stach Augen blind, dennoch tieferer Schnitt nun, gütig machten Eingeweide Platz, Tasse ward sicher eingebettet, tastend, gleichwohl mit aller Sorgfalt, Blut siedete schon, Haut legte sich schützend darüber, bedeckte abwehrend, erste Flamme frass, ein kurzer Laut, zerbissen in stürzendes Bambusgerüst geächzt, verging schwach, Feuer herrschte unentwegt bis zum Schluss: Weisse Blüte roch betäubend, streifender Kimono war purpurrot, Geflüster in Nähe beinah klagend, gepanzert schellender Tritt des Wächters draussen, Blick des Taiko war Zirkel, der stach wie Blitz, scharf, ganz glühendes Auge des Herrschers schwebte in warmer Luft, bis sich, was wahrnehmbaren Sinnen ferne lag, wirklich vollzog; denn er, Rikyu, der Teemeister, stand, erschüttert von eben ingeschautem Erlebnis, das ihn durchtobt, umbebt von Vision, die noch brodelte, schaute nun auf, hin zum Taiko, dessen eines Auge fiebernd im Raum zu schweben schien; und Ereignis, wunderbar, ward: Der Herrscher sprach auf einmal Sätze, fremdsam, aus Elfenbein geschnitzt, chinesisch verschnörkelt, Sätze, die er, Rikyu selbst, eben im Innern seiner Seele erlebte, erschaute; er konnte nicht sprechen, doch der Taiko sprach laut, was Traumland seines Hirns schön durchfuhr:
»Da fanden die Mönche, als jenes heilige einsame Haus zu Asche niedergebrannt und das Feuer verebbt war -- die Sonnengöttin Amaterasu, erst erzürnt, ward nun milde und schenkte den suchenden bangen Mönchen, die eben die sechzig geweihten Chrysanthemen gebadet hatten, Richtung und Ziel, denn grenzenlos milde kann sein Amaterasu -- sie fanden sofort unter spärlichen Brandresten noch spärlicheren Körperrest, gänzlich verkohlt, Leib des unglücklichen stummen Bruders, von dessen ewiger Tat, ewiger Meister würdig, sie noch nichts wussten, sonst hätten sie alle ihre Gewänder zerrissen und nackt zu den Sternen frohlockt; doch die Sterne waren nicht rein, nicht hell, nicht glänzend, die Sterne standen blass und fern, um lauen Himmel, der nicht mehr schwarz; nur Blutkruste war pechschwarz, und verriet noch nichts. Und das war gut, langsam musste die Frucht reifen in ihrem Herzen, damit sie bereit wurden zu letzter Erkenntnis. Es war ein verkohlter Leichenrest, weiter nicht seltsam, nur traurig anzusehen. Da standen sie lange erst stumm, dann legten sie ihn auf eine Bahre, trugen ihn durch Gärten, die erst bitter, hernach süss dufteten, langsam dem morgendämmernden Himmel zu; Blumen, Kelche geöffnet, neigten sich zu Boden, tief und gross, als der Zug vorüberging, Paradiesvögel sangen, ein Kumabär weinte auf sein Fell herab, leichter Ostwind brachte Regen, in dem erste Sonnenstrahlen sich spielten, zerstreute Steine, scheinbar nutzlos, kollerten beiseite. So ehrten offensichtlich leblose Dinge, gute Tiere, scheue Blumen, betaute Pflanzen, den Märtyrerleichnam, den ahnungslose Mönche trugen, so wusste alle Natur schon, was Menschen, in Trauer getaucht, noch nicht wussten. Als sie ruhten, die beinernen Rosenkränze, geweiht von Schaka, nach althergebrachter Weise unablässig drehten, und unterdessen brandleichige Bahre im hohen geknickten Gras versunken stand, da flogen sehr grosse Bienen herbei, noch nie hatte einer solche Bienen gesehn, auf Erden, noch nie, karminrot waren ihre Flügel, dämmerblau ihre Leiber, meergrün ihre Augen, die unendlich fern leuchteten -- es könnten vom Stich ihres Blicks alle Spiegel der Welt zerschellen, Lügner würden schon ausgedachte Lüge im Mund als Wahrheit hervorstossen -- flogen herbei, einen traumhaften Glockenschlag lang, der silbern hell vom gefächerten Turm alter Pagode weltvergessen herüberklang, ward Sonnenlicht verfinstert, nun zum zweitenmal Morgendämmerung mit schnell folgendem Tageslicht von Sonnenglut, südlich, umrahmt -- Flügelschlagen war sehr leise -- sassen auf dem Leib, in geraden Linien, Wellen, befehlendes Zeichen »AKERU« stand mit Spitze bauchzu, so geschrieben; die Mönche, aus betäubter Überraschung eilend, lasen das Zeichen ab, zähneplärrend, doch nach den Gesetzen des heiligen Kanon, sagten einmütig: ÖFFNEN, sehr hoffnungsvoll, nahes Wunder erahnend. Weiss ward es vor ihren Augen, dann wie früher, Bienen waren weg, frischer Leib der Bahre, irgendwie verklärt und verändert, heischte. Im Bewusstsein der soeben erhaltenen Offenbarung liessen sie Scheu, hatten auch keinen Ekel vor umkrustetem, brandgeschändetem Körper, tasteten erhöhten Bauch ab, fühlten jetzt, erst jetzt, der Leib schien gesegneten Zustands, fuhren beiseit, fielen zu Boden: Schwarz in Blut und Eingeweide gefasst, Edelstein, ruhte die Tasse. Die solches geschaut, zerrissen ihre Kimonos, indes ihnen die Augen übergingen: Auferstanden die Teeschale, die schon im Nichts geruht, von den Toten! Seltsam kehrt sich um Natur, schnellt in Bogen, stösst an zu Parabel: Schoss des Weibes war taub, Schoss aller Weiber güst, einen Lichtblitz nur, rasend kurz, wo Blut springt zu Blut: Zum ersten Mal ward ein Mann auf Erden befruchtet, in jenem furchtbar ewigen Augenblick, der so deutlich schnitt, Zeugender war Feuersglut, von Auge gesehn, von Haut gefühlt, wohltuender Beistand beim einzigen, sich niemals wiederholenden Akt, Bewusstsein der Schönheit, sprang einer, ein Mann, für alle Frauen sündig tändelnder Erde in die Bresche und ward ganz Schoss. Nicht kennst du seinen Namen, Zeugnis legte ab nur die namenlose Tat. Die Weiber wachten auf, alles war wie vordem, Natur schien nicht verändert. Und die schmerzliche, von einem Manne beschämte Allmutter Amaterasu schickte einen glühenden Sonnenstrahl als Sühne, gleichsam, der sich vor dem toten Retter der Tasse -- trotzdem er tot, schien sein Leib von eben getaner Geburt erschöpft zu sein -- ehrerbietig verneigte, ihn dann mit Glut umgebend umfloss, so die männliche Mutter der Erde entzog: Die Tasse blieb, nicht ungebärdig schreiend wie sonst frischgeborne Kinder, war still, gut und schön. Der glückliche Gebärer der Schale, in lauem Mondlicht gebadet, in kühlem Aether getrocknet, zur Gestalt erhoben, ging ein in die Gefilde der Segnenden, sieht auf uns in grösster Milde, in grösstem Verzeihen: die Schale, der Kelch auferstanden von den Toten, wiedergeboren durch ihn, und unter uns wohnend. Wie glücklich wir! Gruss dir und Dank Sonnengöttin Amaterasu, mehr noch Dank dir, grosser Unbekannter, der du in verzehrender Stunde Mutter warst!«
Der Taiko hatte geendet und lauschte verzückt seinen Worten nach, sie vergassen, dass der mit sehr milder Stimme eben gesprochen, härtester Zwingherr war, triefend von Macht, gepanzert mit Gewalt, das alles schien er jetzt nicht, sah eher geheimnisvoll kränklich aus, matt seine Rechte über purpurne Stütze des Thrones hingegossen, fast edel, und in Angst aufzublicken. Rikyu lächelte kühl. Satz nach Satz des nun ausruhenden Sprechers war von ihm gewesen, stille Einflüsterung von ihm zum Taiko hinüber, dessen Zunge gehorcht hatte. Leise strich glatte Hand am Kimonosaum hinunter, in einer sehr gemessenen Linie, diese unscheinbare Bewegung sprach, befahl, denn plötzlich fielen die sorgfältig geschnitzten Ebenholzstatuen der zweitausenddreihundertzweiunddreissig Götter und Göttinnen, reihum an Wänden des Kronsaals auf Gesims gestellt, mit einem geradezu einzigen Krach herunter. Entsetzen pfiff, grausamer Pfeil, durch Aller Körper. Rikyu hatte doch nur Saum, irgend einen zufälligen Saum, leicht berührt, wilde Hunde heulten, von rostroten Schächern erpicht gehetzt, plötzlich keuchend und mäjestätsverachtend quer durchs Gemach, die leichten Matten, so kostbar, flogen empor, Papierwände wankten gross, in letzter Angst suchten alle, auch der Taiko -- oh die vielen Gewänder, gelb, blau, rot, violett, schwarz, grün, grün, teegrün, Gesicht, ach so steinern ruhiges Gesicht des Teemeisters, der nun tief gebückt stand, plötzlich, und sich wunderte, gewiss, gewiss! er hatte doch nur bunten Saum seines einfarbigen Gewandes leicht berührt, die Tasse war schon lange auferstanden, ruhte bei ihm in seltnem Kenzankästchen und beschützte sein Haus -- der Lärm im Raum ward tobender, sie gesteten, die feierlich gefalteten Staatskleider waren ungehörig verwalkt, verbogen, unsteif, der erste Minister kugelte auf dem Boden, ganzer Estrich war Erdbeben, die Pose des Narren frechte lästernd, der Meister fühlte nur, dass um ihn Lärm sein müsse, hören konnte er nichts, alles so delikat gefährlich, verrückt, wie in schiefen Träumen, aber er konnte seine Hände in Unschuld waschen, Unsinn des Lebens klebte ihm auf merklich dörrender Zunge, Gelächtergebärde streifte ihn, dicht, ganz nahe, doch Ton war unhörbar, verging wie die Zeichnung eines Schlages, in rasch fliessendes Bachwasser hineingetan. Er hatte die unwirklichen Bienen gesehn, dort ist einer in der Menge, sicherlich, der den guten selbstlosen Kumabär, heute erst geboren, Fell so kaninchenhaft weich, mild, Krallen noch nicht lebend, daher geradezu samten, sicher erschlagen hatte, ohne zu wissen, warum, warum schwebte über allen das Wort Warum wie eine böse giftaussprühende Schale, die opalen zwar, doch furchtbar, ja, warum tötet man gute Tiere, warum? -- doch die Tasse lebte, und das gab Gegenwärtigem einen ganz bestimmten, beglückenden Schnitt, der Kelch, neiget euch alle vor dem Kelch, alle, alle, alle müsst ihr Diener sein der grossen einzigen Teeschale, die eine Welt regiert, besser als du, finstrer Taiko, die Welt, es muss ja Getöse unhörbar sein, es muss, der Porzellankelch ruht fern, darf nicht von Lärm geweckt, aus seinem so schön unsinnigen Sinnen gestört werden, neues Wunder einer wunderlosen Welt, einer entwunderten Erde, Getöse ohne Klang von Getöse, nur Schatten, Gespenst, Bild von Getöse, nur Schatten, Gespenst, Bild von Getöse, sichtbare Bewegung, Laut aber erstorben, geschleudert ins Nichts, ins böse Nichts, dann in zwingender Folge kommt Gelächter ohne Geräusch, oh Lust zu sein! oh Unlust zu leben! das war nur ein noch unbekannter Schrei im Innern, irgendwo, ohne hervorbrechenden Schall, nein, so schlug er die Arme hoch, erst vors Gesicht, dann vor sich weg in den Raum, gar nicht demütig, und vor allem frech gegen Zeremoniell verstossend, sprach Rikyu sehr gelassen: »Er war im beginnenden und schliessend geschlossenem Kreise mein Vater!« und giftgrüner, eben auf ihn fallender Blick des Taiko verblich, ebenso ohne Geräusch, ganzer Raum war wie früher, er aber, er, Rikyu, hatte Leben, stark donnerndes Leben ohne Donner, seines ersten und ihm zunächst stehenden Ahnen, klein, trotzdem schlicht, doch das mit grossen Weiten, bei sich, auf stiller Insel, umtost vom Kreislauf des Blutes, in Nähe erst jetzt gebornen Herzens, das aufgeschäumt war, soeben erlebt.
Nun wieder sprach der Taiko Belangloses, Herrschergemässes, Antworten der Minister waren noch nichtiger, plätscherten unnützes Bachgemurmel, als Rikyu furchtbar erschrak: Traum des Lebens lautlos barst, Wirkliches verletzte, Worte des Mannes dort waren kreischend, dröhnten stärker als Glockengeläut, da drehte der Teemeister ganzes Antlitz zum Thron hin, warum war Geräusch noch immer nicht getötet, so darf Leben nicht mehr sein, Geräusch ist Tod, Gott, der auf ewig, der Geräusch, auch geringst leisesten Laut, nicht mehr hört, nun sprach er mit sicheren Lippen einen Satz, schwer wie Bleigewicht, alle im Raum, selbst der Taiko, waren an seinen Mund gekettet, fest, unerbittlich, kein Ton ward hörbar, obwohl sie alle Gesichter genau ihm zugekehrt hatten, sämtliche Anwesende und ganzer Raum ein Gesicht, das zusehends grösser werdender Frage glich. Sein Mund redete, doch nur Schweigen schnellte über Zuhörer hin und legte sich schwer auf oberflächliches Bewusstsein: So furchtbar war der Satz, den er aussprach, den er schon gesprochen, leicht bewegte sich sein Gewand, er neigte sein Haupt, tief, fast allzu tief, dass es schon bald als nicht geringer Hohn klang wider den Taiko, dem ansetzendes Gelächter, sehr steil und erschrocken auf halb lächelnder, jetzt gespenstig erstarrter Miene stehen geblieben, sanfte Sandalen waren wiederum lautlos, oh seltsames Gemach, oh furchtbar, zu wissen, dass zwischen seinem Blick und dem des vielleicht jetzt gerade ungnädigen Herrschers ein Ozean strömte, nicht zu fassen für die Menschheit, nur für ihn, Ozean mit so fernen Weiten, dass jede Parabel sich schloss, Ferne zu Ferne stossend Nähe werden konnte, und sicher zwingend bei ihm Nähe ward, Raum, auch Raumleere ist eins, ist in ihm, Welt flutet durch sein Herz, Kontrapunkt des Kosmos, lauter Sturm ist die Welt, stiller Sturm sein Herz, verschwistert der zarten Porzellanschale, so trat er, Gottheit über sein Haupt als Gloriole getürmt, in den Stich der Sonnenhitze hinaus, dass blauglänzende Wächter Schweiss vergassen, zu Boden fielen, Knirschen junger Zähne in weissen feinen Sand hineinbargen. Einsame Ebene, gross, horizontgeschwängert, sang eine dünne Melodie, selbst lockender Schlag der Wachteln war nicht zu hören, nun fiel dicht vor seinen Augen ein Spinnwebnetz nieder, vom Himmel zum Nordpunkt, bedeckte ganz seine Pupillen, oder war es nur von Zweig zu Zweig zufälligen Kirschbaums gespannt, da sah er nicht, da hörte er, so laut, so stark, den wilden Ozean brausen, kochen, wirbeln, alles anströmte zu mächtiger Rhapsodie und war doch durch hauchzarte, regenbogenfarben schimmernde Spinnwebzeichnung einzig dies zu sehn, still, kolossal, schneebedeckte Majestät: Fuji.
Ob man dort oben an seinem Gipfel wohl Fische fangen könnte, meinte irgend ein Widerhall auf eine alte, früher schon vor Jahren gestellte, seitdem aber längst vergessene Frage in irgend einer Kammer seines Kopfes, der Fujiyama säulte steil und unbedenklich in die Höh, Erdbeben war vor einem Jahrtausend Grund seiner Geburt, smaragdgrüner Glockenturm, von Jade und Glas gebaut, fiel, nur eine Spinne ward unter scharfen Trümmern erschlagen, Netz riss: Orkan brüllte um seine Ohren, so war fern der allmächtige Fuji zu schauen, da schwebte Rikyu zu Boden nieder, küsste das Moos, denn er wollte noch nicht schauen wie die Schale hoch über dem Bergkoloss leuchtete, beherrschend sichtbare und unsichtbare Welt, Taifune brandeten an, zerschellten am dünnen Glast des alten Porzellans, das sorgfältig chinesisch, Brausen voll Licht, Brausen voll Luft, Brausen voll Wasser war, wesenlos, doch mächtige Pferdeschar, auf der sie herausschwebte und an sein ein wenig erhitztes Hirn leichte Kühle warf. Schon umschwirrte ihn wieder sicherliches Geschrei knallig bunter enger Gasse. Obwohl er durch arg eilende Menge schritt, vernahm er doch nicht irgend einen Ton, bizarres Schemen war so Strasse, Platz, lungensüchtiges Schemen die kuliumdrängte Sänfte, die dahersegelte, ziemlich aufrecht, wie schwarzweisse Wildgans auf gekräuselter Woge des Iwaresees, da hielten sie an, Mond schien ganz sicher irgendwo vom Himmel, trotzdem Mittag, Sonne, Hitze beinah die elegant gekrümmten Säbel glühend schmolz, als durch ovale Oeffnung sehr bleiches Frauenantlitz -- Augen so schief mandelförmig standen, dass eben gewiss ein blasser Mond Tagesfirmament beherrschen musste, ja auch die hohlen Kelche der Blumen könnten, betaut, geschlossen sein, ein Schatten ist gestorben -- nun auf ihn blickte, mit schlanker Hand einen überaus bestimmten Wink gab, doch er, im selben Augenblick wissend, dass im Kronsaal Missgünstige ihn beim Taiko hämisch verleumdeten, sagte: »Ich bin der Ozean. Eine neue Blume erfand ich soeben, in dieser Sekunde«, doch nur die Bewegung der Lippen war wesentlich, sonst war nichts, vor allem kein Laut, gleichwohl trug er selten geformte Blüte in Hand, mit unhörbarem Wehruf sank die Schöne in Sänfte rück, Seidenvorhang, türkisblau, sternbespritzt, schloss, Erdboden roch frisch nach grünem Blut, vom Tempel wehte das staatliche Sonnenbanner, unten stritten zwei fette Bonzen, ein jeder Kind einer andern Weisheit, der eine kreischte formelhaft: »Der Wind gibt der Fahne solch leichten Fluss und Schwung«, der andre stülpte auf ihn wieherndes Gekrächz: »Sie bewegt sich selbst und bewegt hiemit den Wind. Verneige dich, Tropf, und glaube das Wunder, das noch sichtbar deinen blöden Augen, morgen vielleicht kann das Schauspiel, selten und erhaben zugleich, nur ich bloss schauen, übermorgen dann vielleicht auch ich nicht mehr!« damit er aber schon vom andern eine rasche Ohrfeige erhielt, das alles schien jedoch nur zu sein, um ihn, dort stürzte der Edelsteinhändler hinterrücks um, Genick gebrochen, eine Maultrommel war vor einen Marktwagen gespannt, der mit Kürbissen hochgeschwängert fuhr, und doch von allem kein Ton, nichts, lächelnd trat er also in das Singhaus, sass neben der Geischa, sah Gesang, sah Kichern, sah Saitenspiel auf mattem Koto, schlürfte schlechten Cha aus gewöhnlicher Schale, auf dem kleinen Teespiegel neue Blumenblüte schwamm, ward an die ferne stille grosse Königin allen Porzellans erinnert, lief, die Windenblüte in der Hand fest haltend, jetzt krampfte er sie weit von sich in Luft, die nebenan, vergewaltigter Zweig dazu stach in der andern Hand, beging schon heimatlichen Kies, sie soll Winde heissen, sie ist eine Winde, krummgebückter Diener hielt ihm einen Krug Essig hin, schnell trank er ihn leer -- oh dass doch die Wesenheit des Kruges, jeden Gefässes der leere Raum immer ist -- so betrat er nun den Vorraum zum Gemach der bald nahen Zeremonie, wo seine Freunde schon warteten. Ein wenig Schweiss wischte er sich noch von der Stirn. Leise Angst hatten die Freunde im Blick, als einer von ihnen fragte: »Meister, wo warst du so lang? Wir haben grosse Stunden auf dich gewartet, oftmals ist die Sonne auf-, der Mond untergegangen, der Mond empor-, die Sonne herabgestiegen, vierzigmal ist das geschehn, wir aber, obwohl wir nicht wussten Tag noch Stunde, wannen du kommen wirst, haben gewacht, es war Zeit, dass du kamst, siehst du nicht, wie Streit ist, wenn du nicht hier?« alle schauten, noch war letzte Frage nicht zu Ende gesprochen, auf einmal nach links, entgegengesetzt dem Ort, wo er gerade überrascht stand, papierne Wand rollte unhörsam beiseit: wilder Garten mit kleinem Weiher war Bild, zwei unendlich dummschlau aussehende Tölpel standen da, ganz hokusayisch gefügt, wie aus dem Yehon schenjimon geschnitten, ein Pfau, kostbar bunt, quirlte Räder, gross, sich durch die Zwei dazwischenschiebend, stelzte sehr selbstbewusst vor ihnen, der eine lachte wie Gong, das geborsten, allerdings, trieb verfettete Hände meckernd über seinen Bauch hin, so frech, dass der andre, wütend und neidisch, Zuruf ihm hinwarf wie madigen Speck: »Sohn eines Aases, was plärrst du wie eine schmutzige Messingpfanne, auf der Reisbrei verbrennt, Tropf, Tolpatsch, Tor?« »Laotse scheint nicht dein Vater zu sein, auch nicht Jimmo, du Enkel einer räudigen Fliege, siehst du nicht, dass ich mich freue, weil sich der Pfau so fröhlich freut?« hielt erster zur Antwort hin, sprudelte unablässig schallendes Gelächter. -- »König aller Dummköpfe Asiens, du bist kein Pfau, wie kannst du, eingetrocknetes Kolibrihirn, wissen, ob der Vogel sich freut?« -- schlug der andere entgegen und ward ganz zu unzüchtiger Geste. »Hühnerphilosoph, du bist nicht ich, wie willst du also, bekoteter unnützer Ringelschwanz du eines Schweins, wissen, wieso ich nicht weiss, dass der Pfau sich freut?« der Gegner. -- Unterdessen war der Pfau ihm, der doch von seiner Freude -- wie harmlos ist eine Pfauenfreude -- so genau wusste, ganz nahe gekommen, fauchte tückisch, vergiftend glühten böse Augen, zornig türmte er Gefieder auf, suchte mit Schnabel, spitz, geschliffen, nach der einen menschlichen Hand zu hacken, unausgesetzt, da liefen beide Streiter aufheulend, jedoch unzweifelhaft mutig weg, verschwanden im weiten Schnee der Blüten, Rikyu riss rasche Geste, stirnumwölkt, ungeduldig, alles war wieder so gewöhnlich, denn er sah und hörte, hörte, hörte, alles war Trug gewesen mit der Geräuschlosigkeit des Lebens, warum ist Natur nicht aus der Welt zu schaffen, warum verfolgen die Gesetze, einfach und klar, ständig ihn, warum fiel Mond nicht auf Sonne, beide hernach, Mond und Sonne zugleich auf Erde, er würde sicher dann Weltgefüge knirschen hören, ein Sprung auf spiegelglatter Wölbung grenzenloser Sphäre wär erquickliche Labung, und alles wäre gut, doch so hörte er wieder, hörte: »Meister, wir dachten, die Tasse sei krank, und so haben wir sie besucht, sie war gefangen gewesen in dem Lackkästchen, und wir haben sie herausgenommen, sie war nackt anzusehn, und wir haben sie mit dem zitronengelben Seidenschleier behangen. Wir konnten jedoch den Tee nicht bereiten, nur du kannst über die Schale gebieten. Nun bist du da, Meister, wir sind froh, dass du endlich bei uns bist«, solche Worte verwirbelten in der Luft, die vom Garten schwer einströmte wie gesegnete Frau, er hörte -- entsagungsvoll hatte er Widerstand gegen Geräusche aufgegeben -- sich wie aus sehr weiter Ferne sprechen, und zwar diese Worte: »Was ihr meinem Kelch getan habt, habt ihr mir getan«, einiges Glück rauschte in den Augen der Freunde hoch, wenn auch vergehend, kurz, nochmals warf er eine beherrschte Geste, die aus ihm unbewusst dunkel trieb, Wand glitt auf Rillen zu, legte sich wie traumene Mauer schützend vor Sicht seines verklärten Blicks, sehr viele Hände hoben sich beschwörend, machten das Gemach weithin gestreckter, lauschender, fielen dann wieder jäh und schlaff herab, neigten Köpfe, auch Rikyu liess langsam sein Haupt sinken: der Taiko hatte Besuch angesagt, so war er schon im Raum, hielt die Hand lass an seiner Brust und war sehr ernst.