Der Sturm, oder Die bezauberte Insel

Chapter 5

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Prospero. Ihr seht bestürzt aus, mein Sohn; seyd gutes Muths, unsre Spiele sind nun zu Ende. Diese unsre Schauspieler, wie ich euch vorhin sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit Wolken bekränzte Thürme, die stattlichen Paläste, die feyrlichen Tempel, und diese grosse Erdkugel selbst, und alles was sie in sich faßt, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundnen unwesentlichen Schauspiel nicht die mindeste Spur zurüklassen. Wir sind solcher Zeug, woraus Träume gemacht werden, und unser kleines Leben endet sich in einen Schlaf--mein Herr, ich bin beunruhigt, habt Geduld mit meiner Schwachheit, mein altes Gehirn ist in Unordnung; laßt euch diesen kleinen Zufall nicht anfechten; geht in meine Celle, wenn's euch beliebt, und ruhet da--Ein oder zwey Auf- und Abgänge werden mir wieder leichter machen.

Ferdinand. Miranda. Wir wünschen euch Friede.

(Ferdinand und Miranda gehen ab.)

Prospero (vor sich.) Komm in einem Gedanken--

(zu Ferdinand und Miranda.)

Ich danke euch--Ariel, komm.

(Prospero entfernt sich weiter von der Celle; Ariel zu ihm.)

Ariel. Ich klammre mich an deine Gedanken an; was ist dein Wille?

Prospero. Geist, wir müssen uns rüsten den Caliban zu empfangen.

Ariel. Ja, mein Gebieter. Ich dachte, wie ich Ceres vorstellte, dir davon gesagt zu haben; aber ich brach ab, aus Besorgniß dich verdrießlich zu machen.

Prospero. Sag es noch einmal, wo verliessest du diese Schurken?

Ariel. Ich sagte euch, mein Herr, daß sie dik besoffen waren, und so voll Dapferkeit, daß sie die Luft schlugen, weil sie sich unterstuhnd ihnen ins Gesicht zu wehen, und den Boden stampften, weil er ihre Füsse küßte, ohne inzwischen ihr Vorhaben aus der Acht zu lassen. Ich schlug hierauf meine Trummel; dieses Getöse machte sie aufmerksam; sie spizten wie unberittne Füllen ihre Ohren, zogen die Auglieder in die Höhe, und strekten ihre Nasen vor sich hin, wie sie Musik rochen; kurz, ich bezauberte ihre Ohren dergestalt, daß sie wie Kälber meinem Brüllen folgten, durch stachlichte Genister, Disteln, und Dornen, die in ihren dünnen Schienbeinen steken blieben; endlich ließ ich sie in dem kothigen mit Unrath bemantelten Sumpf, hinter eurer Celle, wo sie bis ans Knie hineinsanken, daß der faule Morast ihre Füsse überstunk.

Prospero. Das war wol gethan, mein Vogel; behalt immer deine unsichtbare Gestalt. Geh, bringe mir die abgetragnen Kleider in meinem Hause hieher, wir müssen diese Diebe in Versuchung sezen.*

{ed.-* Dieser Umstand bezieht sich auf den gemeinen Aberglauben des Pöbels in unsers Autors Zeiten, als ob Zauberer, Hexen und dergl. nicht eher eine Gewalt über diejenige, so sie bezaubern wollen, haben, bis sie den Vortheil über sie erhalten, sie bey irgend einer Sünde zu ertappen, als wie hier über Dieberey. Warbürton.}

Ariel. Ich geh, ich geh.

(Geht ab.)

Prospero (vor sich.) Ein Teufel ist dieser Caliban, ein gebohrner Teufel, an dessen Natur keine Erziehung haftet; an dem alle meine Mühe, Mühe wie man an einen Menschen wendet, verlohren, gänzlich verlohren ist; und wie mit dem Alter sein Leib in eine viehischere Ungestaltheit auswächßt, so wird auch sein Gemüth ungeheurer; ich will sie alle plagen, bis zum Heulen.

(Ariel kömmt mit allerley schimmerndem Geräthe beladen.)

Komm, hänge sie an dieses Seil.

Fünfte Scene. (Caliban, Stephano und Trinculo treten alle wohl angefeuchtet und von Morast triefend auf; Prospero und Ariel bleiben unsichtbar zurük.)

Caliban. Ich bitte euch, tretet leise, damit der blinde Maulwurf keinen Fuß fallen hört. Wir sind nimmer weit von seiner Celle.

Stephano. Ungeheuer, euer Kobolt, von dem ihr sagt, er sey ein freundlicher Kobolt, der niemand ein Leid thut, hat nichts viel bessers gethan, als den Narren mit uns gespielt.

Trinculo. Ungeheuer, ich rieche lauter Pferd-Pisse, und ich kan dir's sagen, es will meiner Nase gar nicht schmeken.

Stephano. So geht's der meinigen auch; hört ihr's, Ungeheuer! Wenn ich einen Unwillen wider euch fassen sollte--Sehet zu--

Trinculo. Du wärst ein verlohrnes Ungeheuer.

Caliban. Mein lieber gnädiger Herr, laß mich immer in deiner Gunst stehen; gedulde, der Vortheil, zu dem ich dich führe, wird diesem Unfall die Augen ausstechen; redet nur leise, es ist izt alles so still als Mitternacht.

Trinculo. Schon gut, aber unsre Flasche im Morast zu verliehren--

Stephano. Es ist nicht nur Unannehmlichkeit und Schmach in diesem Abentheuer, sondern ein unendlicher Verlust, du Ungeheuer.

Trinculo. Das ist mir über meine Anfeuchtung, und doch ist das euer freundlicher Kobold, der niemand kein Leid thut, Ungeheuer.

Stephano. Ich will meine Flasche wieder hohlen, und wenn ich für meine Mühe bis über die Ohren hineinplumpen sollte.

Caliban. Ich bitte dich, mein König, sey ruhig; siehst du hier, diß ist der Eingang in die Celle; kein Getöse, schleich hinein, thue diß gute Unheil, das diese Insel auf ewig zu deinem Eigenthum macht; und ich bin dein Caliban, auf ewig dein Fuß-Leker.

Stephano. Gieb mir deine Hand, ich fange an, blutige Gedanken zu haben.

Trinculo. O König Stephen, o Pair! o würdiger Stephen!* Sieh, was für eine Garderobe hier für dich ist!

{ed.-* Der Spaß in diesen Zeilen besteht in einer Anspielung auf ein altes bekanntes Gassenlied, welches anfängt: (King Stephen was a worthy Peer), und die Sparsamkeit dieses Königs in Absicht auf seine Garderobe anpreist. Es sind zwo Stanzen von diesem Lied im Othello. Warbürton.}

Caliban. Laß es gehen, du Narr, es ist nur Trödelwaare.

Trinculo. Oh, oh, Ungeheuer, wir verstehen uns auch darauf, was in eine Trödelbude gehört--o König Stephen--

Stephano. Lange diesen Rok herunter, Trinculo; beym Element, ich will diesen Rok haben.

Trinculo. Deine Gnaden sollen ihn haben.

Caliban. Daß du die Wassersucht kriegtest, du Dummkopf! Wie ungescheidt seyd ihr, daß euch ein solcher Plunder in die Augen sticht! Geht weiter und vollbringet vorher den Mord; wenn er aufwacht, wird er uns vom Wirbel bis zum Zehen die Haut zerkneipen lassen; er wird abscheulich mit uns umgehen.

Stephano. Sey ruhig, Ungeheuer! Frau Seil, ist das nicht mein Wamms?

Trinculo. Ungeheuer komm, schmier ein bißchen Quark an deine Finger, und weg mit dem ganzen Plunder!

Caliban. Ich will nichts davon; wir verderben hier die Zeit, und werden zulezt noch alle in Barnakel** oder in Affen, mit verflucht niedern Stirnen verwandelt werden.

{ed.-** Eine Art von Gänsen auf der Insel Baß, an der Schottischen Küste, von denen ehmals die Tradition gieng, daß sie auf den Bäumen wachsen.}

Stephano. Ungeheuer, leg Hand an; hilf es wegtragen, an den nehmlichen Ort wo mein Weinfaß ligt, oder ich werde dich aus meinem Königreich jagen; geh, trag das!

Trinculo. Und das.

Stephano. Ja, und das.

(Man hört ein Getöse von Jägern. Verschiedne Geister, in Gestalt von Hunden lauffen auf die Bühne und jagen sie fort; Prospero und Ariel sezen ihnen nach. Caliban, Stephano und Trinculo werden heulend ausgetrieben.)

Prospero. Heyda, Sultan hey!

Ariel. Waldmann, hier geht's, Waldmann.

Prospero. Furie, Furie; hier, Tyrann, hier; horch! horch! Geh, sage meinen Kobolden, daß sie ihre Gelenke mit Zükungen zermalmen, ihre Sehnen mit Krämpfen zusammenziehen, und sie am ganzen Leibe von Zwiken und Kneipen flekichter machen sollen als ein Panterthier.

Ariel. Horch, wie sie heulen.

Prospero. Laß sie weidlich herumgejagt werden. Nunmehr sind alle meine Feinde in meiner Gewalt. In kurzem soll sich all mein Ungemach enden, und du sollst deine Freyheit haben. Nur noch eine kleine Weile folge mir, und thu mir Dienste.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene. (Vor der Celle.) (Prospero tritt in seiner Magischen Kleidung mit Ariel auf.)

Prospero. Nun ist mein Entwurf zu seiner Zeitigung gelangt; meine Bezauberungen brechen nicht; meine Geister gehorchen, und die Zeit geht aufrecht mit ihrer Ladung davon; wie viel ists am Tage?

Ariel. Um die sechste Stunde, mein Gebieter, wann, wie ihr sagtet, unsre Arbeit geendigt seyn sollte.

Prospero. Das sagte ich gleich anfangs, wie ich den Sturm erregte; sage, mein Geist, was macht der König und seine Gefährten?

Ariel. Sie sind alle, euerm Befehl gemäß, zusammengebannt, gerade so wie ihr sie verlassen habt, alle eure Gefangne, mein Herr, in dem kleinen Hayne, der eure Celle vor dem Wetter schüzt. Sie können nicht von der Stelle, bis ihr sie loslasset. Der König, sein Bruder und der eurige sind alle drey in einer Art von Betäubung; die übrigen trauern ihrentwegen, bis an den Rand mit Kummer und Bestürzung angefüllt; insonderheit derjenige, den ihr den guten alten Gonsalo nanntet. Seine Thränen lauffen über seinen Bart herab, wie Winter-Tropfen von einem rohrbedekten Dach. Eure Bezauberungen arbeiten so stark auf sie, daß, wenn ihr sie izt sehen solltet, euer Herz gewiß zu Mitleiden erweicht würde.

Prospero. Denkst du das, Geist?

Ariel. Das meinige würd' es gewiß, wenn ich ein Mensch wäre.

Prospero. Und das meinige auch. Hast du, der du nur Luft bist, eine Ahnung, ein Gefühl von ihrem Leiden, und ich, einer von ihrer Gattung, der allen ihren Leidenschaften und Bedürfnissen unterworffen ist, sollte nicht zärtlicher gerührt werden als du? Ob sie mich gleich durch schwere Beleidigungen bis in die Seele verwundet haben, so soll doch mein edleres Selbst über meinen Unwillen siegen; es ist mehr Würde in großmüthiger Vergebung als in Rache; da sie bußfertig sind, so habe ich meine ganze Absicht erreicht; geh, erledige sie, Ariel; ich will meine Bezauberungen brechen, ich will ihre Sinnen wieder herstellen, und sie sollen wieder seyn, was sie gewesen sind.

Ariel. Ich will sie herbeyführen, mein Gebieter.

(Er geht ab.)

Zweyte Scene.

Prospero. Ihr Elfen der Hügel, der Bäche, stehenden Seen und Hayne, und die auf Sandbänken mit leichtem Fuß den ebbenden Neptun zurükstossen, und ihn fliehen, sobald er wiederkehrt; ihr kleinen Feen, die beym Mondschein im Gras die kleinen sauren Ringe machen, von denen das Schaaf nichts abfrezt; und ihr, deren Zeitvertreib ist, Mitternachts-Schwämme zu machen; die sich freuen den Ruf des feyrlichen Nachtwächters zu hören; durch deren Hülfe (so schwach ihr auch seyd) ich die mittägliche Sonne verfinstert, die widerspenstigen Winde herbeygenöthiget, und zwischen der grünen See und dem azurnen Gewölbe heulenden Krieg erregt habe; dem fürchterlich rasselnden Donner gab ich Feuer, und entwurzelte die Eiche Jupiters mit seinem eignen Keil; ich machte die Grundfeste der Vorgebürge zittern, und raufte die Fichte und die Ceder mit den Wurzeln aus: Gräber thaten auf meinen Befehl ihren Rachen auf, und liessen ihre Schläfer hervor, die meine mächtige Kunst erweket hatte: Aber alle diese rauhe Zauberkunst schwör ich hier ab, und wenn ich vorher eine himmlische Musik befohlen haben werde, wie ich izt thue, (ihre von jenem magischen Donner gelähmten Sinnen wieder herzustellen), so will ich meinen Stab zerbrechen, ihn etliche Klafter tief in die Erde vergraben, und tiefer als jemals ein Senkbley fiel, mein Zauberbuch im Meer versenken.

(Man hört eine feyrliche Musik.)

Dritte Scene.

(Ariel geht voran; ihm folget Alonso mit den Gebehrden eines von Schwermuth verrükten Menschen, von Gonsalo geführt, hierauf Sebastiano und Antonio auf gleiche Weise, von Adrian und Francisco geleitet; sie gehen in den Cirkel den Prospero vorher gemacht hat, und bleiben da bezaubert stehen. Indem sie kommen, fangt Prospero an.)

Prospero. Die Magische Gewalt der Harmonie, der besten Arzney für eine zerrüttete Phantasie, heile dein izt untüchtiges Gehirn--hier bleibt unbeweglich stehn!--Rechtschaffner Gonsalo, ehrwürdiger Mann, meine Augen schmelzen, von den deinigen erschüttert, in sympathetische Tropfen.--Die Bezauberung lößt auf einmal sich auf; und wie der Morgen, die Nacht überraschend, die Finsterniß hinwegschmelzen macht, so fangen ihre aufgehenden Sinnen an, die betäubenden Nebel zu verjagen, die ihre Vernunft umhüllen--O! mein guter Gonsalo, mein wahrer Erhalter, und ein redlicher Diener dessen dem du folgest; ich will, wenn wir wieder zu Hause sind, deine Wohlthaten beydes mit Worten und Werken bezahlen.--Du, Alonso, du bist höchst grausam mit mir und meiner Tochter umgegangen; dein Bruder war ein Beförderer der bösen That, und wird izt dafür an Leib und Gemüth gefoltert; Ihr, mein Bruder, der seiner Herrschsucht Natur und Gewissen aufopferte, der mit Sebastian seinen König hier ermorden wollte; ich vergebe dir, so unnatürlich du bist!--Ihre Denkungskraft fängt an zu schwellen, und die wiederkommende Fluth wird in kurzem das Gestade der Vernunft anfüllen, das izt faul und sumpficht ligt--Noch ist nicht einer unter ihnen, der mich ansehen darf, oder mich erkennt--Ariel, hole mir meinen Hut und meinen Degen in der Celle; ich will mich ihnen in derjenigen Gestalt darstellen,

(Ariel geht ab, und kommt in einem Augenblik wieder zurük.)

worinn sie mich zu Meiland gekannt haben. Munter, mein Geist; in kurzem sollst du deine Freyheit haben.

Ariel (singt, indem er ihn ankleiden hilft.) Wo die Biene saugt, saug' ich; Im Schooß der Primul lagr' ich mich; Dort schlaf ich, wenn die Eule schreyt; Ich flieg', in steter Munterkeit, Fern von des Winters Ungemach Dem angenehmen Sommer nach; Wie frölich wird künftig mein Aufenthalt seyn Unter den Blüthen im düftenden Hayn!

Prospero. Gut, das ist mein artiger Ariel; ich werde dich vermissen, aber doch sollst du frey seyn. So, so, so; izt, unsichtbar wie du in deiner eignen Gestalt bist, zu des Königs Schiff; dort wirst du die Schiffleute im Raum schlaffend beysammen finden. Weke sie, und nöthige sie hieher; aber hurtig, ich bitte dich.

Ariel. Ich trinke die Luft vor mir, und bin wieder da, eh euch der Puls zweymal schlägt.

(Er geht ab.)

Gonsalo. Lauter Schreknisse, Verwirrung, Wunder und Erstaunen wohnen hier; möge uns irgend eine himmlische Macht wieder aus diesem fürchterlichen Lande führen!

Prospero. Siehe hier, o König, den ungerechter Weise gekränkten Herzog von Meiland, Prospero: Dich desto besser zu versichern, daß ein lebender Fürst izt mit dir spricht, umarme ich dich, und heisse dich und deine Gesellschaft von Herzen willkommen.

Alonso. Ob du Prospero bist, oder irgend ein bezaubertes Phantom, (wie ich kürzlich selbst war,) das meine Augen täuschet, weiß ich nicht; dein Puls schlägt, wie eines würklichen Menschen, und seit ich dich sehe, nimmt die Bangigkeit des Gemüths ab, worinn mich, wie ich fürchte, eine Beraubung der Vernunft sezte; wenn diese Dinge anders würklich sind, so muß die Geschichte davon höchst seltsam seyn--Ich gebe dir dein Herzogthum zurük, und bitte dich, mir zu verzeihen. Aber wie ist es möglich, daß Prospero leben und hier seyn soll?

Prospero (zu Gonsalo.) Zuerst, mein alter edler Freund, laß dich umarmen; du, dessen Redlichkeit so unschäzbar als ohne Grenzen ist.

Gonsalo. Ob das würklich ist, oder nicht, wollt' ich nicht beschwören.

Prospero. Ihr seyd noch so sehr von einigen Seltsamkeiten dieser Insel betroffen, daß ihr nicht glauben könnet, was gewiß ist. Willkommen, meine Freunde, alle willkommen! Aber ihr, mein feines Paar Herren, wenn ich Lust hätte, so sollte mir's nicht schwer fallen, euch den Unwillen seiner Majestät zu zu ziehen, und zu beweisen, daß ihr Verräther seyd; allein ich will izt keine Geschichten erzählen.

Sebastian. Der Teufel spricht aus ihm.

Prospero. Nein--Was euch betrift, höchst boshafter Herr, welchen (Bruder) zu nennen meinen Mund schon vergiften würde, ich vergebe dir deine ungeheursten Vergehungen alle zusammen; aber ich fordre mein Herzogthum von dir zurük, welches du, wenn du gleich wolltest, mir länger vorzuenthalten, nicht vermögend bist.

Alonso. Wenn du Prospero bist, so berichte uns, wie du erhalten worden, und auf welche Weise wir hier mit dir zusammen kommen, nachdem wir vor drey Stunden an diesem Ufer einen Schiffbruch erlidten haben, der mich, (o schmerzliches Angedenken!) meinen Sohn, meinen theuren Sohn Ferdinand gekostet hat.

Prospero. Ich bedaure es, Sire.

Alonso. Der Verlust ist unersezlich, und die Geduld selbst gesteht, daß sie ihn nicht heilen kan.

Prospero. Ich glaube vielmehr, ihr habt ihre Hülfe nicht gesucht; denn durch ihren milden und allesvermögenden Beystand, hab ich einen gleichen Verlust mit Gelassenheit ertragen gelernt.

Alonso. Ihr einen gleichen Verlust?

Prospero. Zum mindsten, der für mich eben so wichtig ist, und ihn erträglich zu machen, hab' ich weit schwächere Mittel als ihr zu euerm Trost ruffen könnt; denn ich habe meine Tochter verlohren.

Alonso. Eine Tochter? O Himmel, möchten sie beyde in Neapel leben, König und Königin daselbst zu seyn. Damit sie es seyn möchten, wie gern wünscht' ich selbst in dem nassen Bette versunken zu seyn, wo mein Sohn ligt. Wenn verlohrt ihr eure Tochter?

Prospero. In diesem lezten Sturm--Ich merke, daß diese Herren, über unsre unvermuthete Zusammenkunft so erstaunt sind, daß sie ihren Sinnen nicht trauen dürfen, und mit Mühe glauben, daß ihre Augen ihnen die Wahrheit zeigen, und ihre Worte natürlicher Athem seyen. Allein, so mißtrauisch euch die kürzlich erlidtene Beunruhigung eurer Sinne gemacht hat, so wisset doch für gewiß, daß ich Prospero bin; eben dieser Herzog, der von Meiland ausgetrieben wurde, und auf eine wunderbare Weise an diesem Eilande, wo ihr gestrandet seyd, anländete, um der Herr davon zu seyn. Nichts mehr hievon, denn es ist eine Chronik von Tag zu Tag, und nicht eine Erzählung bey einem Frühstük, noch für diese erste Zusammenkunft geschikt. Willkommen, Sire; diese Celle ist mein Hof; ich habe hier wenige Hausgenossen, und ausser demselben keine Unterthanen. Ich bitte euch, schaut hinein; da ihr mir mein Herzogthum wieder gegeben habt, so will ich euch etwas eben so gutes dagegen geben, oder doch wenigstens ein Wunder vor eure Augen bringen, das euch so sehr erfreuen wird, als mich mein Herzogthum.

Vierte Scene. (Die Thüre der Celle öffnet sich, und entdekt Ferdinand und Miranda, die mit einander Schach spielen.)

Miranda. Mein liebster Herr, ihr spielt mir einen Streich.

Ferdinand. Nein, meine Allerliebste, das wollt ich für die ganze Welt nicht thun.

Miranda. Wenn es Königreiche gälte, ihr würdet gewiß schicaniren, und ich würd' es euch nicht übel nehmen.

Alonso. Wenn das nur eine von den Erscheinungen dieser Insel ist, so werd' ich einen theuren Sohn zweymal verliehren.

Sebastian. Ein erstaunliches Wunder!

Ferdinand. Wenn die Wellen schon drohen, so sind sie doch mitleidig; ich habe ihnen ohne Ursache geflucht.

(Ferdinand kniet vor seinem Vater.)

Alonso. O! alle Segnungen eines erfreuten Vaters ergiessen sich über dich! Steh auf, und sage wie du hieher gekommen bist?

Miranda. O Wunder! Wie viele feine Geschöpfe sind hier beysammen! Wie schön ist das menschliche Geschlecht! O brave neue Welt, die solche Einwohner hat!

Prospero. Das ist etwas neues für dich.

Alonso. Wer ist diß Mädchen, mit dem du spieltest? Eure längste Bekanntschaft kan nicht drey Stunden seyn: Ist es die Göttin die uns getrennet, und wieder zusammengebracht hat?

Ferdinand. Sire, sie ist eine Sterbliche, aber durch unsterbliche Vorsicht, ist sie mein. Ich wählte sie, da ich meinen Vater nicht zu Rathe ziehen konnte, da ich nicht einmal denken durfte, einen Vater zu haben. Sie ist die Tochter dieses berühmten Herzogs von Meiland, von dem ich so vieles erzählen hörte, eh ich ihn sah; von dem ich ein zweytes Leben empfangen habe, und den diese junge Dame zu meinem zweyten Vater macht.

Alonso. Ich bin der ihrige; aber, oh wie wunderlich wird es klingen, daß ich mein Kind um Verzeihung bitten muß!

Prospero. Haltet ein, Sire; laßt uns unser Gedächtniß nicht mit unangenehmen Dingen beschweren, die vorüber sind.

Gonsalo. Das Übermaaß der zärtlichsten Freude ließ mich nicht zu Worten kommen. Schauet herab, ihr Götter, und lasset eine segensvolle Krone auf dieses Paar herunter steigen; denn ihr seyd es, die den Weg vorgezeichnet, der uns hieher gebracht hat.

Alonso. Ich sage: Amen, Gonsalo!

Gonsalo. Mußte Prospero von Meiland vertrieben werden, damit seine Nachkommen Könige von Neapel werden möchten! O freuet euch über alle gewöhnliche Freuden, und grabt es in Gold auf ewig daurende Pfeiler! In Einer Reise fand Claribella einen Gemahl zu Tunis, und Ferdinand, ihr Bruder, eine Braut, da wo er selbst verlohren war; Prospero sein Herzogthum in einer armen Insel, und wir alle uns selbst, zu einer Zeit, da niemand sein eigen war.

Alonso (zu Miranda und Ferdinand.) Gebt mir eure Hände.

(Er legt ihre Hände in einander.)

Gram und Kummer umschling' auf ewig dessen Herz, der euch nicht Freude wünschet!

Gonsalo. So sey es, Amen!

Fünfte Scene. (Ariel mit dem Schiffspatron und dem Hochbootsmann, die ihm ganz erstaunt und erschroken folgen, zu den Vorigen.)

Gonsalo. O sehet, Sire, sehet, hier sind noch mehr von unsrer Gesellschaft. Prophezeyte ich nicht, wenn noch ein Galgen auf dem Lande wäre, so könnte dieser Bursche nicht ersauffen? Nun, wie? du, der die Gnade selbst über Bord zu fluchen pflegte, hast du keinen Schwur auf dem festen Lande übrig? Hast du kein Maul zu Lande? Was giebt es neues?

Hochbootsmann. Das beste Neue ist, daß wir unsern König und unsre Gesellschaft gesund wieder antreffen; das nächste an diesem, daß unser Schiff, welches wir erst vor drey Stunden dem Sturm preiß gaben, so ganz, so neu und so wohl getakelt ist, als da wir es zuerst in die See stiessen.

Ariel. Mein Gebieter, alles das hab ich gethan, seit ich euch verließ.

Prospero. Mein artiger Taschenspieler!

Alonso. Das sind keine natürliche Begebenheiten; immer eine wunderbarer als die andre! Sage, wie kamst du hieher?

Bootsmann. Gnädigster Herr, wenn ich dächte, daß ich gewiß wach wäre, so wollt ich versuchen, ob ichs euch erzählen könnte. Wir waren alle in dichtem Schlaf, und, ich weiß selbst nicht wie, alle in den Raum des Schiffs zusammengepakt, wo wir nur eben von einem seltsamen und manchfaltigen Getöse von Brüllen, Schreyen, Heulen, Rasseln mit Ketten, und andern entsezlichen Tönen aufgewekt wurden; auf einmal hörte alles auf, wir sahen unser schönes, königliches Schiff mit seinem ganzen Zugehör, in bestem Zustand; und indem unser Patron von einer Seite zur andern sprang, um es in Augenschein zu nehmen, so wurden wir, mit eurer Erlaubniß, in einem huy, wie in einem Traum, von unsern Cameraden geschieden, und schlaftrunken hieher gebracht.

Ariel (zu Prospero.) War es wohl gethan?

Prospero. Recht wohl, mein fleißiger Ariel, du sollst frey sein.

Alonso. Das ist ein so seltsamer Irrgarten, als je ein Mensch betreten hat, und es ist mehr als die Natur zuthun vermag, in diesem Geschäfte; ohne ein Orakel ist es unmöglich, etwas davon zu begreiffen.

Prospero. Mein gebietender Herr, beunruhigt euch nicht, das Wunderbare in diesen Dingen zu ergründen; in kurzem will ich euch bey beßrer Musse alles Stük vor Stük auflösen, was euch izt unbegreiflich ist: bis dahin seyd frohen Muthes, und denkt von allem das beste.

(Zu Ariel leise.)

Hieher, Geist; seze Caliban und seine Gesellschaft in Freyheit; löse die Bezauberung auf--Wie befindet ihr euch, mein Gnädigster Herr? Es mangeln noch ein Paar alte närrische Kerls von euerm Gefolge, die ihr vergessen habt.

Sechste Scene. (Ariel treibt Caliban, Stephano und Trinculo in ihren gestohlnen Kleidern vor sich her.)

Stephano. Jedermann sorge nur für andre Leute, und niemand bekümmre sich um sich selbst; denn es ist alles nur Zufall und blindes Glük; Courasche, du dikwanstiges Ungeheuer, Courasche!

Trinculo. Wenn die Spionen, die ich in meinen Augen habe, die Wahrheit sagen, so ist das ein hübscher Anblik.

Caliban. O Setebos, das sind brave Geister, in der That! Wie fein mein Meister ist! Aber ich fürchte, er wird mich züchtigen.

Sebastian. Ha, ha; was für Dinge sind das, Antonio? Kan man die um Geld haben?

Antonio. Ich denk' es; einer davon ist ein Fisch wie sich's gehört, und vermuthlich feil.