Der Sturm, oder Die bezauberte Insel

Chapter 2

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Prospero. Und doch, so wie er ist können wir nicht ohne ihn seyn; er macht uns unser Feuer, schaft unser Holz herbey und thut uns Dienste, die uns zu statten kommen. He! Sclave! Caliban! du Kloz du, gieb Antwort!

Caliban (hinter der Scene.) Es ist Holz genug drinnen.

Prospero. Komm hervor, sag' ich, es ist eine andre Arbeit für dich da, komm, du Schildkröte! Nun, wie lange--

(Ariel erscheint in Gestalt einer Wasser-Nymphe.)

Eine artige Erscheinung! Mein muntrer Ariel, ich habe dir etwas ins Ohr zu sagen--

Ariel. Es soll geschehen, mein Gebieter.

(Geht ab.)

Prospero. Du krötenmäßiger Sclave, vom Teufel selbst mit der Hexe, die dich gebohren hat, gezeugt! hervor!

Vierte Scene. (Caliban zu den Vorigen.)

Caliban. Ein so schädlicher Thau, als jemals meine Mutter mit Rabenfedern von ungesundem Morast abgebürstet hat, träufle auf euch beyde! Ein Südwest blase euch an, und bedeke euch über und über mit Schwülen und Finnen!

Prospero. Für diesen guten Wunsch, verlaß dich drauf, sollt du diese Nacht den Krampf haben, Seitenstiche sollen deinen Athem einzwängen, und Igel sollen sich die ganze Nacht durch an dir ermüden; du sollt so dicht gekneipt werden, wie Honigwaben, und jeder Zwik soll schärfer stechen als die Bienen, die sie machen.

Caliban. Ich muß zu Mittag essen. Diese Insel ist mein, ich habe sie von Sycorax, meiner Mutter geerbt, und du hast sie mir abgenommen. Wie du hieherkamst, da streicheltest du mich, und thatest freundlich mit mir, gabst mir Wasser mit Beeren drinn zu trinken, und lehrtest mich, wie ich das grössere Licht und das kleinere, die des Tags und des Nachts brennen, nennen sollte; und da liebt ich dich, und zeigte dir die ganze Beschaffenheit der Insel, die frischen Quellen, und die salzigen, die öden und die fruchtbaren Gegenden. Verflucht sey ich, daß ich es that! Alle Zaubereyen meiner Mutter, Kröten, Schröter und Fledermäuse über euch! Daß ich, der vorher mein eigner König war, nun euer einziger Unterthan, und in diesen Felsen eingesperrt seyn muß, indessen daß ihr die ganze übrige Insel für euch allein behaltet.

Prospero. Du lügenhafter Sclave, den nur Schläge, statt Freundlichkeit, zähmen können; So ein garstiges Thier du bist, so hab ich dir doch mit menschlicher Fürsorge begegnet, und dich in meiner eignen Celle beherberget, biß du frech genug warst, meinem Kinde Gewalt anthun zu wollen.

Caliban. O ho! o ho!--Ich wollt' es wäre vor sich gegangen; du kamst zu früh dazu, sonst hätte ich diese Insel mit Calibanen bevölkert.

Prospero. Du abscheulicher Sclave, unfähig den Eindruk von irgend einer guten Eigenschaft anzunehmen, und zu allem Bösen aufgelegt! Ich hatte Mitleiden mit dir nahm die Mühe dich reden zu lehren, und wieß dir alle Stunden etwas neues. Da du nicht im Stand warst, du wilder, deine eigne Meynung zu entdeken, sondern gleich einem unvernünftigen Vieh nur unförmliche Töne von dir gabst, begabte ich deine Gedanken mit Worten, damit du sie andern verständlich machen könntest. Aber ungeachtet alles Unterrichts behielt die angebohrne Bosheit deiner Natur die Oberhand und machte deine Gesellschaft wohlgearteten Geschöpfen unerträglich; ich sah mich also gezwungen, dich in diesen Felsen einzusperren, und begnügte mich, deine Bosheit nur allein unwürksam zumachen, ob du gleich mehr als ein Gefängniß verdient hattest.

Caliban. Ihr lehrtet mich reden, und der ganze Vortheil den ich davon habe, ist daß ich fluchen kan; daß ihr die Pest dafür hättet, daß ihr mich reden gelehrt habt!

Prospero. Du Wechselbalg, hinweg! Bring uns Holz und Reiser zu einem Feuer hieher, und mache hurtig, damit ich dich zu andern Arbeiten gebrauchen kan. Zükst du die Achseln, du Unhold? Wenn du nicht thust was ich dir befehle, oder es unwillig thust, so will ich dich am ganzen Leibe mit krampfichten Zükungen foltern, alle deine Gebeine mit Schmerzen füllen, und dich heulen machen, daß wilde Thiere vor deinem Geschrey zittern sollen.

Caliban. Nein, ich bitte dich.

(Für sich.)

Ich muß gehorchen; seine Kunst giebt ihm eine so grosse Gewalt, daß er im Stande wäre, meiner Mutter Gott Setebos zu bezwingen, und einen Vasallen aus ihm zu machen.

(Caliban geht ab.)

Prospero. So, Sclave, hinweg!

Fünfte Scene. (Ferdinand tritt auf; Ariel unsichtbar singend und spielend.)

Ferdinand. Wo kan diese Musik seyn? In der Luft oder auf der Erde?--Sie hat aufgehört--wahrhaftig es ist eine Anzeige, daß irgend eine Gottheit dieses Eiland bewohnt. Indeme ich auf einer Sandbank saß, und den Untergang des Königs meines Vaters beweinte, schien diese Musik über die Wellen mir entgegen zu schleichen, und besänftigte durch ihre Lieblichkeit beydes ihre Wuth und meine Leidenschaft; ich folgte ihr bis an diesen Ort, oder sie zog mich vielmehr an;--Aber sie hat aufgehört--Nun beginnt sie von neuem.

Ariel (singt:) Fünf Faden tief dein Vater ligt, Sein Gebein ward zu Corallen, Zu Perlen seine Augen-Ballen, Und vom Moder unbesiegt, Wandelt durch der Nymphen Macht Sich jeder Theil von ihm und glänzt in fremder Pracht. Die Nymphen lassen ihm zu Ehren Von Stund zu Stund die Todtengloke hören. Horch auf, ich höre sie, ding-dang, ding-dang--

Ferdinand. Der Gesang spricht von meinem ertränkten Vater; diß ist nicht das Werk eines Sterblichen, noch eine irdische Musik; izt hör ich sie über mir.

Sechste Scene. (Prospero und Miranda nähern sich auf einer andern Seite dem Orte, wo Ferdinand steht.)

Prospero. Ziehe die Vorhänge deiner Augen auf, und sage, was du dort siehest?

Miranda. Was ist es? ein Geist?--Wie es umherschaut! Glaubet mir, mein Herr, es hat eine feine Gestalt. Aber--es ist ein Geist.

Prospero. Nein, Mädchen, es ißt und schläft, und hat solche Sinnen wie wir haben, eben solche; und wenn es nicht von Gram (der der Schönheit Krebs ist) in etwas entstellt wäre, könnte man ihn eine ganz hübsche Person nennen. Er hat seine Gefährten verlohren, und irret umher sie zu suchen.

Miranda. Ich möchte ihn etwas Göttliches nennen, denn nie sah ich in der Natur eine so edle Gestalt.

Prospero (für sich.) Es geht, sehe ich, wie es mein Herz wünschet--Geist, feiner Geist, für diß will ich dich in zween Tagen frey lassen.

Ferdinand

(indem er Miranda gewahr wird.)

Ganz gewiß ist dieses die Göttin, deren Gegenwart jene Harmonien ankündigten. Erlaubet meiner Bitte zu wissen, ob ihr auf dieser Insel wohnet, und würdiget mich einer Belehrung, wie ich mich hier zu verhalten habe? Mein erster Wunsch, obgleich zulezt ausgesprochen, ist, o ihr Wunder! zu wissen, ob ihr geschaffen seyd oder nicht?

Miranda. Kein Wunder, mein Herr, aber ganz gewiß ein Mädchen.

Ferdinand. Meine Sprache! Himmel! ich bin der Erste unter denen die diese Sprache reden; wär' ich nur da wo sie geredet wird.

Prospero. Wie? der erste? Was wärest du, wenn dich der König von Neapel reden hörte?

Ferdinand. Eine einzelne Person, wie izt, die sich wundert, dich vom König von Neapel reden zu hören. Er hört mich, und daß er mich höret, ist was ich beweine. Ich selbst bin nun der König von Neapel, da ich mit diesen meinen Augen, die seit dem niemals troken worden sind, den König meinen Vater im Schiffbruch umkommen gesehen habe.

Miranda. Wie sehr dauert er mich!

Ferdinand. Glaubet mirs, er kam um, er und alle seine Hofleute: der Herzog von Meiland und sein edler Sohn waren dabey.

Prospero. Der Herzog von Meiland und seine noch edlere Tochter könnten dich eines bessern belehren, wenn es izt Zeit dazu wäre--

(vor sich.)

Beym ersten Anblik tauschten sie ihre Augen (Ariel, für diesen Dienst sollt du frey seyn!)

(laut.)

Ein Wort mit euch, mein feiner Herr, ich fürchte ihr habt euch in einen schlimmen Handel verwikelt: Ein Wort--

Miranda. Warum spricht mein Vater so unfreundlich? Diß ist der dritte Mann, den ich jemals sah, und der erste, für den ich seufze. Möchte Mitleiden meinen Vater so gesinnt machen wie mich!

Ferdinand. O, wenn ihr ein sterbliches Mädchen seyd, und eure Neigung noch frey ist, so will ich euch zur Königin von Neapel machen.

Prospero. Sachte, mein Herr; Nur ein Wort--

(vor sich.)

Sie sind beyde eines in des andern Gewalt: aber ich muß diesem plözlichen Einverständniß Schwierigkeiten in den Weg legen, sonst möchte ein zu leichtgewonnenes Glük seinen Werth verringern--Herr, nur noch ein Wort; ich befehle dir, mir zu folgen. Du legst dir hier einen Namen bey, der dir nicht gebührt, du hast dich als einen Kundschafter in diese Insel eingeschlichen, um sie mir, ihrem Herren abzugewinnen.

Ferdinand. Nein, so wahr ich ein Mann bin.

Miranda. Gewiß, es kan nichts böses in einem solchen Tempel wohnen. Wenn der böse Geist ein so schönes Haus hätte, gute Dinge würden bey ihm zu wohnen versucht.

Prospero. Folge mir--Rede du nicht für ihn, er ist ein Verräther. Komm, ich will dir Hals und Füsse zusammenfesseln, Seewasser soll dein Trank, und frische Bachbungen, dürre Wurzeln und Eicheln deine Speise seyn. Folge!

Ferdinand. Nein, eine solche Begegnung will ich nicht leiden, bis mein Feind der stärkere ist.

(Er zieht den Degen, und bleibt bezaubert und unbeweglich stehen.)

Miranda. O mein theurer Vater, verfahret nicht so strenge mit ihm; er ist ja liebenswürdig, nicht fürchterlich.

Prospero. Wie, Mädchen, du willt mich meistern? Zieh dein Schwerdt, Verräther! du willt den Herzhaften machen, und darfst keinen Streich führen? Bilde dir nicht ein, daß du dich wehren wollest; ich brauche nichts, als diesen Stab, dich zu entwaffnen, und deinen Degen fallen zu machen.

Miranda. Ich bitte euch, mein Vater.

Prospero. Weg, hänge dich nicht so an meinen Rok.

Miranda. Mein Herr, habet Mitleiden, ich will Bürge für ihn seyn.

Prospero. Schweige, noch ein einziges Wort mehr wird machen, daß ich dich ausschelte, oder gar hasse. Was? einem Betrüger das Wort reden? husch! du denkst, es habe nicht noch mehr solche Gesichter wie er ist, weil du nur den Caliban und ihn gesehen hast; einfältiges Ding! gegen die meisten Männer gerechnet, ist er nur ein Caliban, und sie sind Engel gegen ihn.

Miranda. So sind meine Neigungen sehr demüthig, denn ich habe kein Verlangen einen schönern Mann zu sehen.

Prospero. Komm mit, gehorche; deine Nerven sind wieder in ihrer Kindheit, und haben keine Stärke mehr.

Ferdinand. So ist es; alle meine Lebensgeister sind wie in einem Traum, gefesselt. Aber meines Vaters Tod, die Schwäche die ich fühle, der Schiffbruch aller meiner Freunde, und die Drohungen dieses Mannes, dem ich unterworfen bin, würden mir leicht zu ertragen seyn, möchte ich nur einmal des Tages durch eine Öfnung meines Kerkers dieses holde Mädchen sehen: Die Freyheit mag von dem ganzen Rest der Erde Gebrauch machen; für mich ist Raum genug in einem solchen Kerker.

Prospero (für sich.) Es würkt:

(laut)

folge mir! (du hast dich wohl gehalten, Ariel) folge mir.

(Zu Ariel.)

Höre, was du weiter zu verrichten hast.

(Er sagt dem unsichtbaren Ariel etwas in Geheim.)

Miranda (zu Ferdinand.) Fasset Muth, mein Herr; mein Vater ist von einer bessern Gemüthsart, als ihr aus seinen Worten schliessen könnt; sein iziges Betragen ist etwas ungewohntes.

Prospero (zu Ariel.) Du sollst so frey seyn als die Winde auf hohen Bergen; aber unter der Bedingung, daß du meinen Befehl in allen Puncten aufs genaueste vollziehest.

Ariel. Nach dem Buchstaben.

Prospero. Komm, folge mir! Sprich du nicht für ihn.

(Sie gehen ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene. (Ein andrer Theil der Insel.) (Alonso, Sebastian, Antonio, Gonsalo, Adrian, Francisco, und andre Hofleute, treten auf.)

Gonsalo. Ich bitte euch, Gnädigster Herr, gutes Muths zu seyn; wir haben alle Ursache zur Freude; denn unsre Errettung geht weit über unsern Verlust. Das Unglük das wir gehabt haben, ist etwas gemeines; jeden Tag hat irgend eines Schiffers Weib oder irgend ein Kauffmann das nehmliche Thema zu klagen; aber von einem solchen Wunder wie unsre Erhaltung ist, wissen unter Millionen nur wenige zu sagen. Wäget also, Gnädigster Herr, weislich unsern Kummer gegen unsern Trost, und beruhiget euch.

Alonso. Ich bitte dich, schweige.

[Sebastian.* Er nimmt deinen Trost an, wie kalte Suppe.

{ed.-* Alle diese Reden, welche man zur Unterscheidung in [ ] eingeschlossen, scheinen von einer fremden Hand, vielleicht von Schauspielern, eingeschoben, um so mehr als es nicht nur an sich sehr ungereimtes Zeug, sondern in dem Mund unglüklicher schiffbrüchiger Leute eine höchst unnatürliche und unschikliche Spaßhaftigkeit ist. Es kommen noch mehr Reden von dieser Art in dem übrigen Theil dieser Scene vor. Pope.}

Antonio. Gonsalo wird sich nicht so leicht abweisen lassen.

Sebastian. Seht, er zieht seinen Wiz auf wie eine Taschenuhr, den Augenblik wird er schlagen.

Gonsalo. Gnädigster Herr--

Sebastian. Eins; zählet, Antonio--

Gonsalo. Wenn einer einem jeden Verdruß der ihm aufstößt, nachhängen will, so hat er nichts davon als--

Sebastian. Einen Thaler.

Gonsalo. (Dolores),** in der That, ihr habt besser gesprochen, als ihr im Sinne hattet.

{ed.-** Der frostige Spaß ligt in dem ähnlichen Schall der Worte (dollar), und (dolour).}

Sebastian. Und ihr habt es weislicher aufgenommen, als ich euch zugetraut habe.

Gonsalo. Folglich, gnädigster Herr--

Antonio. Pfui, wie der Mann seine Zunge verschwendet!

Alonso. Ich bitte dich, sey ruhig.

Gonsalo. Gut, ich bin fertig; aber doch--

Sebastian. Will er reden.

Antonio. Was wetten wir, wer von beyden, er oder Adrian zuerst anfangen wird zu krähen?

Sebastian. Der alte Hahn.

Antonio. Der junge.

Sebastian. Gut, was wetten wir?

Antonio. Ein Gelächter.

Sebastian. Es bleibt darbey.

Adrian. Obgleich diese Insel wüste scheint--

Sebastian. Ha, ha, ha--So, ihr seyd bezahlt.

Adrian. Unbewohnbar, und in der That ganz unzugangbar--

Sebastian. So kan sie doch--

Adrian. So kan sie doch--

Antonio. So kan er doch nicht weiter--

Adrian. Nicht anders, als von einer subtilen zärtlichen und angenehmen Temperatur seyn.

Antonio. (Temperantia) war ein hübsches Mensch.

Sebastian. Ja, und subtil, wie er auf eine sehr gelehrte Art angemerkt hat.

Adrian. Die Luft weht uns hier recht lieblich an--

Sebastian. So lieblich, als ob sie eine faule Lunge hätte.

Antonio. Oder als ob sie von einem Morast parfümirt würde.

Gonsalo. Man findet alles hier, was zu einem angenehmen Leben gehört.

Antonio. In der That, ausser nichts zu essen.

Sebastian. Nun, das eben nicht.

Gonsalo. Wie frisch und anmuthig das Gras aussieht! wie grün!

Antonio. In der That, der Boden ist braungelb.

Sebastian. Mit einem Gedanken von grün vermengt.

Antonio. Er trift es doch nicht übel.

Sebastian. Nicht übel; es ist weiter nichts, als daß er die Wahrheit ganz und gar verfehlt.

Gonsalo. Das seltsamste aber, und was in der That allen Glauben übersteigt--

Sebastian. Wie manche Raritäten der Reisebeschreiber--

Gonsalo. Ist, daß unsre Kleider, ungeachtet sie im Meer wohl durchnezt worden, nichts destoweniger Farbe und Glanz behalten haben; man sollte eher denken, sie seyen noch einmal gefärbt, als vom Seewasser beflekt worden.

Antonio. Wenn nur eine von seinen Taschen reden könnte, würde sie ihn nicht Lügen strafen?

Gonsalo. Mich dünkt, unsre Kleider sehen so neu aus, als wie wir sie in Africa das erstemal anzogen, da der König seine schöne Tochter Claribella mit dem Könige von Tunis vermählte.

Sebastian. Es war eine lustige Hochzeit, und die Heimreise schlägt uns recht wohl zu.

Adrian. Tunis hat noch nie die Ehre gehabt, eine Königin von so seltnen Vollkommenheiten zu haben.

Gonsalo. Seit der Wittwe Dido Zeiten nicht.

Antonio. Wittwe? daß der Henker die Wittwe! Wie kommt diese Wittwe hieher? warum Wittwe Dido?

Sebastian. Und wie, wenn er noch gesagt hätte: Wittwer Äneas? Euer Gnaden nehmen ihm auch alles zum schlimmsten auf.

Adrian. Wittwe Dido, sagtet ihr? Dabey fällt mir auch etwas aus der Schule ein. Dido war von Carthago, nicht von Tunis.

Gonsalo. Aber Tunis, mein guter Herr, war einst Carthago.

Adrian. Carthago?

Gonsalo. Das versichre ich euch, Carthago.

Antonio. Sein Wort ist über die wunderthätige Harfe Amphions.

Sebastian. Es richtet die Mauren mit samt den Häusern auf.

Antonio. Was für unmögliche Dinge wird er nun zustande bringen?

Sebastian. Ich denke, er wird auf der Heimreise diese Insel in seine Tasche steken, und sie seinem Buben statt eines Apfels nach Hause bringen.

Antonio. Und die Kerne davon in das Meer säen, damit er eine junge Zucht von Inseln kriegt.

Alonso. Wie, wovon sprecht ihr?

Gonsalo. Gnädigster Herr, wir redten davon, daß unsre Kleider noch so neu aussehen, als wie wir sie zu Tunis auf eurer Tochter Vermählungsfest trugen.]

Alonso. Ihr erinnert mich zur Unzeit an das, worüber ich mir selbst nur allzuviel Vorwürfe mache--Wollte der Himmel, ich hätte meine Tochter nie zu Tunis verheurathet! Weil ich dahin reißte, hab ich meinen Sohn verlohren, und meiner Rechnung nach, sie dazu; da sie soweit von Italien entfernt ist, daß ich sie nimmer wiedersehen werde. O du mein Erbe von Neapel und Meiland, was für einem Meer- Ungeheuer bist du zur Speise geworden!

Francisco. Sire, verhoffentlich lebt er noch. Ich sah ihn die entgegenschwellenden Wellen unter ihm wegschlagen, und auf ihrem bezwungenen Rüken reiten; er erhielt sein kühnes Haupt immer über ihnen empor, und steurte sich selbst mit starken Armen ans Ufer, welches sich über seine von den Wellen abgespülte Basis in die See hinaus bog, als ob es ihm eine Zuflucht darbieten wollte. Ich zweifle nicht, er kam lebendig ans Land.

Alonso. Nein, nein, er ist nicht mehr.

Sebastian. Sire, diesen grossen Verlust habt ihr niemand zu danken als euch selbst, da ihr eure Tochter lieber an einen Africaner verliehren, als unser Europa mit ihr beglükseligen wolltet.

Alonso. Ich bitte dich, sey ruhig.

Sebastian. Wir alle ermüdeten euch ihrentwegen mit Bitten und Kniefällen, und die schöne Seele selbst wog zwischen Neigung und Gehorsam, wohin sich das Wagzünglein neigen sollte. Ich besorge, wir haben euern Sohn auf ewig verlohren; Meiland und Neapel haben mehr Weiber, die dieses Geschäfte zu Wittwen gemacht hat, als wir Männer mitbringen sie zu trösten. Der Fehler ist euer eigen.

Alonso. So wie der gröste Verlust.

Gonsalo. Prinz Sebastian, wenn ihr gleich die Wahrheit sagt, so sagt ihr sie doch auf eine unfreundliche Art, und zur Unzeit; ihr reibt die Wunde, da ihr ein Pflaster drauf legen solltet.

Sebastian. Wohl gesprochen!

Antonio. Und sehr chirurgisch!

Gonsalo. Sire, es ist schlimmes Wetter bey uns allen, wenn Euer Majestät bewölkt ist.

Sebastian. Schlimmes Wetter?

Antonio. Sehr schlimmes.

Gonsalo. Hätte ich eine Pflanzstätte in dieser Insel anzulegen, Gnädigster Herr--

Antonio. So würd' er Brenn-Nessel-Saamen drein säen.

Sebastian. Oder Kletten und Pappel-Kraut.

Gonsalo. Und wäre der König davon, was würd' ich thun?

Sebastian. Euch wenigstens nicht betrinken, denn ihr hättet keinen Wein.

Gonsalo. Die Einrichtung des gemeinen Wesens müßte mir gerade das Wiederspiel von allen unsrigen seyn; denn ich wollte keine Art von Handel und Wandel gestatten; Von Obrigkeitlichen Ämtern sollte nur nicht der Name bekannt seyn; Von allen Wissenschaften sollte man nichts wissen; Kein Reichthum, keine Armuth, kein Unterschied der Stände; nichts von Käuffen, Erbschaften, Marchen, Grenzsteinen, Braachfeldern noch Weinbergen; Kein Gebrauch von Metall, Korn, Wein oder Öl; Keine Arbeit, alle Leute müßig, alle, und die Weiber dazu; aber alles in Unschuld. Keine Oberherrschaft--

Sebastian. Und doch wollt' er König davon seyn.

Antonio. Das Ende von seiner Republik vergißt den Anfang***

{ed.-*** Dieses ganze Gespräch ist eine feine Satyre über die Utopischen Tractate von Regierungsformen, und die schimärischen und unbrauchbaren Entwürfe, die darinn angepriesen werden. Warbürton.}

Gonsalo. Alle Dinge sollten gemein seyn; die Natur sollte alles von sich selbst hervorbringen, ohne Arbeit und Schweiß der Menschen. Keine Verrätherey, keine Übelthaten, folglich auch kein Schwerdt, kein Spieß, kein Messer, kein Schießgewehr, kurz keine Nothwendigkeit von irgend einem Instrument; denn die Natur sollte aus eignem Trieb alles in Überfluß hervorbringen, was zum Unterhalt meines unschuldigen Volkes nöthig wäre.

Sebastian. Würde man denn in seiner Republik nicht auch heurathen?

Antonio. Heurathen? Nichts weniger; lauter müßiges Volk, Huren und Spizbuben.

Gonsalo. Ich wollte mit einer solchen Vollkommenheit regieren, Gnädigster Herr, daß das goldne Alter selbst nicht damit in Vergleichung kommen sollte.

Sebastian. Der Himmel schüze seine Majestät!

Antonio. Lang lebe Gonsalo!

Gonsalo. Ihr versteht mich doch--

Alonso. Ich bitte dich, hör auf; du unterhältst mich mit einem Gespräch von Nichts.

Gonsalo. Das glaub ich Euer Majestät, und ich that es bloß, um diesen beyden Herren Gelegenheit zum Lachen zu geben; denn sie haben so reizbare und zärtliche Lungen, daß sie immer über nichts zu lachen pflegen.

Antonio. Wir lachten über euch.

Gonsalo. Der in dieser Art von Spaßhaftigkeit gegen euch nichts ist; ihr könnt also fortfahren, über nichts zu lachen.

Antonio. Das hat eine Ohrfeige seyn sollen?

Sebastian. Wenn sie nicht neben bey gefallen wäre.

Gonsalo. Ihr seyd tapfre Herren; ihr würdet den Mond aus seinem Kreise heben, wenn er nur fünf Wochen nach einander ohne abzunehmen scheinen würde.

(Ariel erscheint, den redenden Personen unsichtbar, mit einer ernsthaften und einschläfrenden Musik.)

Sebastian. Das wollten wir, und dann auf den Vogel-Heerd.

Antonio (zu Gonsalo.) Nein, mein guter Herr, werdet nicht böse.

Gonsalo. Ich stehe euch davor, daß ich zu gescheidt bin über eure Einfälle böse zu werden. Wollt ihr mich in den Schlaf lachen? denn ich bin ganz schläfrig.

Antonio. Geht, schlaft und hört uns zu.

Alonso. Wie? Alle schon eingeschlafen! Meine Augen schliessen sich auch, möchten sie meine Gedanken zugleich verschliessen!

Sebastian. Sire, wiedersteht dem Schlummer nicht, der sich euch anbietet. Er besucht selten den Kummer, und wenn er's thut, ist er ein Tröster.

Antonio. Wir zween, Gnädigster Herr, wollen indessen daß ihr der Ruhe geniesset, für eure Sicherheit wachen.

Alonso. Ich danke euch--eine wunderbare Schläfrigkeit! --

(Alle schlaffen, ausser Sebastian und Antonio.)

Sebastian. Was für ein seltsamer Taumel ist das, der sich ihrer bemeistert?

Antonio. Die Beschaffenheit des Clima muß daran Ursache seyn.

Sebastian. Warum sinken dann unsre Auglieder nicht auch? Ich spüre nicht die mindeste Schläfrigkeit.

Antonio. Ich auch nicht; meine Lebensgeister sind ganz munter. Sie fielen alle hin als ob sie es mit einander abgeredet hätten, sie sanken um, wie vom Donner gerührt. Was könnte, würdiger Sebastian--O! was könnte--Nichts weiter!--Und doch, dünkt mich, ich seh es in deinem Gesicht, was du seyn solltest. Die Gelegenheit sagt es dir, und meine Einbildungs-Kraft sieht eine Krone über deinem Haupte schweben.

Sebastian. Wie? wachest du?

Antonio. Hört ihr mich denn nicht reden?

Sebastian. Ich höre dich, aber wahrhaftig es sind Reden eines Schlafenden; du sprichst im Schlaf. Was sagtest du? Es ist ein seltsamer Schlaf, mit weitofnen Augen zu schlafen; stehen, reden, sich bewegen, und doch so hart eingeschlaffen seyn!

Antonio. Edler Sebastian, du lässest dein Glük schlafen. Stirb lieber! du wachest mit geschloßnen Augen.

Sebastian. Du schnarchest verständlich; es ist Bedeutung in deinem Schnarchen.

Antonio. Ich bin ernsthafter als meine Gewohnheit ist. Seyd auch so, wenn ich euch rathen darf; und es wird euer Glük seyn, euch rathen zu lassen.

Sebastian. Gut, ich bin stehendes Wasser.

Antonio. Ich will euch fliessen lehren.

Sebastian. Thue das; stehen lehrt mich meine angeerbte Trägheit.

Antonio. O! wenn ihr nur wißtet, wie sehr ihr meinen Vorschlag liebet, ob ihr ihn gleich zu verwerfen, wie ihr euch immer mehr darinn verwikelt, je mehr ihr euch loß zu winden scheint. Langsame Leute werden oft durch ihre Zagheit oder Trägheit nur desto schneller auf den Grund gezogen.