Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Part 6

Chapter 63,637 wordsPublic domain

Sie stand in seelischen Kämpfen, von denen ihre Mitreisenden nichts oder wenig ahnten. Oft saß sie allein an der Grotte und setzte sich mit der Tatsache auseinander, daß sie den Freund verloren habe, daß Anmut und Jugend ihn anziehe, daß sie selber unrettbar zu altern beginne. Und das Gesicht der leidenden Künstlerin wurde bleich und verfallen. Aber sie hatte ein meisterhaftes Talent, dergleichen nach außen hin zu verbergen; unter dem Schein leichter Magenverstimmung, verursacht durch die ölige südfranzösische Kost, wußte sie ihren Seelenkampf scherzend ins Harmlose zu deuten.

Fabrikant Muthner, der sich in Cette zu ihnen gesellt hatte und später nach Bayonne und Biarritz weiterwollte, war wieder aufgetaucht: ein ernster, wohlbeschlagener Fachmann, der sich mit Trotzendorff vorzüglich verstand. Er machte der gnädigen Frau mit natürlichem Anstand den Hof. Und Frau Friederike, die für ehrliche Komplimente empfänglich war, hatte sogar den Versuch gewagt, ihren Freund Ingo ein wenig zur Eifersucht zu reizen: ein Zug, der dem erstaunten Troubadour neu war, wie überhaupt das Verhalten der Freundin ihm ebenso Bedenken erregte wie dem Gatten.

An diesem Morgen, kurz vor dem Frühstück, das alle vier gemeinsam einzunehmen pflegten, waren Ingo und Trotzendorff zufällig allein und tauschten ihre Besorgnisse aus.

„Sag' einmal, Richard,” begann Ingo, „die Kränkeleien unsrer Friedel machen mich besorgt. Solltet ihr nicht einen Arzt befragen?”

„Das hab' ich mir längst vorgenommen”, erwiderte Richard in seiner gesetzten, nüchternen Weise. „Denn auf die Wunder von Lourdes will ich mich denn doch als guter deutscher Protestant nicht verlassen. Sie hatte schon einmal, nach der Geburt des zweiten Jungen, solche unangenehme Geschichten -- Frauenleiden -- wo sie auch wie jetzt zwischen Übermut und Schwermut hin und her pendelte. Zarte Geschöpfe, diese Frauen, man kann gar nicht feinfühlig genug sein.”

„Das ist wahr”, versetzte treuherzig der Troubadour, der keine Ahnung hatte, wie er der Freundin weh tat.

„Ich werde sie heute nicht mitwandern lassen”, fuhr der Major fort. „Muthner und ich werden Cauterets und Umgegend besichtigen. Du tust mir einen Gefallen, Ingo, wenn du dich ihrer annimmst, soweit sie überhaupt ausgeht. Zu deinem beliebten Eigenbrödeln und Notizenmachen wirst du ja dazwischen Zeit genug finden. Einverstanden?”

„Vollkommen! Es ist mir heut' überhaupt nicht um Geselligkeit zu tun. Hab' da einen ernsten Brief aus Thüringen erhalten.”

„Nun? Unangenehmes?”

„Mein Bruder hat einen Jagdunfall gehabt. Näheres schreibt mir die Cousine nicht.”

„Elisabeth? Ei was! Ist die wieder in Thüringen?”

„Merkwürdigerweise! Der erste Brief seit mindestens drei Jahren.”

„Ich dachte, sie wäre in Pommern bei ihrem Schwager?”

„Bis jetzt, ja. Ihre Mutter kränkelt. Nun ist sie zu Hause und wechselt in der Krankenpflege zwischen ihrer Mutter und meinem Bruder.”

„Es wundert mich, daß dein Bruder sie nicht genommen hat. Zwei Nachbarsgüter -- das hätte sich nicht übel gemacht! Ruhige Naturen beide.”

„Eben darum vielleicht. Das Gesetz der Ergänzung, verstehst du!”

„Na, dein Bruder hat ein rauhes Fell, die sanfte Elisabeth hätt' ihm gut getan! Übrigens -- du standest ihr doch wohl auch einmal ziemlich nahe?”

„Sehr sogar.”

„Ihr seid doch verrückte Kerls, ihr zwei Waldecker!” lachte Richard. „Junggesellen alle zwei! Der eine tost auf der Jagd oder auf landwirtschaftlichen Ausstellungen herum, der andre durchläuft die halbe Welt. Elisabeth hätte ganz gut zu einem von euch beiden gepaßt. Die entfernte Verwandtschaft ist doch kein Hinderungsgrund? In Thüringen vettert sich ja alles!”

Er lachte, er war selber Thüringer. Und als das Gespräch nun auf die Wunder von Lourdes kam, betonte der breitschultrige, wuchtige Mann so scharf und nüchtern seinen protestantischen Standpunkt, daß Ingos Romantik sich rasch in blauen Duft verflüchtigte:

„Unser Reformationsgesang ‚Ein' feste Burg ist unser Gott’ hat mehr Mark als diese ganzen süßlichen Litaneien.”

Beim Frühstück wurde das Programm des Tages mit Vorsicht besprochen und festgesetzt; denn man mußte bei Frau Friedel darauf gefaßt sein, daß sie sich in ihrer gefühlsmäßigen Art auf irgend einen Entschluß versteifte. Doch heute war sie nachgiebig und ließ die Männer entscheiden.

Major und Fabrikant zogen ab.

Der Troubadour wandelte mit Frau Eleonore von Poitou langsam hinaus nach der Grotte.

„Laß uns einen dieser kleinen Becher kaufen, Ingo,” bat sie, als sie aus dem Gasthof traten, der vorn eine Verkaufsstelle führte, „wir wollen heute aus der Quelle trinken.”

Ingo erfüllte den Wunsch.

An der Grotte waren wenig Besucher. Die weißen Kerzen entsandten ihr mildes Licht, das in der Tagesbeleuchtung seltsam wirkte; die weiße Marmorgestalt der Jungfrau stand still über dem kleinen Rosenstrauch. Fünf bis sieben blühende Rosen waren am Strauch, rötlich-weiße Blumen, die sich unter den Füßen der Madonna lieblich entlang rankten.

Die beiden Deutschen setzten sich auf eine Bank, hörten hinter sich das Rauschen der Gave und vor sich das leise Murmeln einer betenden Nonne.

So saßen sie eine besinnliche Weile: Ingo in seinem ungeklärten Drang, Frau Friederike in ihrem steten, starken Kampfe.

Dann erhob sich die gefaßte und stille Frau, schritt an den Brunnen neben dem Gitter der Grotte heran, füllte den Becher und trank; füllte ihn nochmals und reichte ihn Ingo. Hernach tauchte sie die Hand ein und fuhr sich waschend über die Augen. Alles geschah schweigend.

Und schweigend gingen sie dann miteinander den sanft ansteigenden Fußweg hinauf, der hinter der Kirche unter Bäumen nach oben führt.

Sie rang um Kraft. An ihrem Arm trug sie ihr Täschchen; im Täschchen waren die unterschlagenen Briefe.

„Wir wollen erst noch das Panorama sehen”, sagte sie mit schwerer Stimme.

Und so besuchten sie miteinander das Panorama.

Ingo gab die nötigen Erklärungen.

„Siehst du, so sah Lourdes ums Jahr 1858 aus, zur Zeit, als die kleine Bernadette jene Erscheinungen erlebte. Damals stand hier weit und breit noch kein Haus, alles war ländlich, eine Mühle war ja wohl hier in der Nähe. Und dort kniet sie nun, inmitten der zusammenlaufenden Leute; sie trägt das eigentümliche Kopftuch dieser Gegend, gleicht fast einer kleinen Nonne. Mit der linken Hand hält sie die Kerze, mit der rechten berührt sie die Flamme, ohne sich zu verbrennen. Das Feuer-Element scheint ihr verwandt zu sein in diesem Zustand. Sieh nur, wie ist sie entrückt und abgesondert von den ratlosen Gruppen der Menschen! Entrückt ins Land der Schönheit! Wie das Genie einsam! Nur durch Taten der Güte mit den Mitmenschen verbunden!”

„Das ist groß”, bestätigte Frau Friederike leise.

„Und sieh, welch ein bläulicher, fast violetter Duft über der Landschaft! Wie eine Verklärung!”

Sie verließen das Gebäude und gingen weiter, am Kalvarienberg vorüber und nach der Gegend der ~grotte du loup~. Immer einsamer und ländlich stiller wurde die Umgebung. Die Luft war mild, voll weicher Färbung der Hügel und einfach-großen Gebirgskämme.

An einer jungen Birke machten sie halt und setzten sich auf die Decke, die Ingo trug. Die runden, hellgrünen Frühlingsblättchen dieses sonst so leicht erzitternden zarten Baumes bewegten sich kaum. Eine weiße Straße lief ziemlich fern zu ihrer Rechten in die Pyrenäen hinein, hell und trocken wie die Straßen der Provence, doch ohne wandernden Staub. Die Dämonen des Windes schliefen irgendwo auf Tempelstufen.

Frau Friederike saß in ihrem mattblauen Kleide, hatte den Hut abgesetzt und ließ ihr Goldhaar leuchten. Aber ihr Gesicht war wie Alabaster, ihre Lippen blaß und stumm. Sie hatte das Täschchen vor sich auf den Schoß genommen und hielt beide Hände darauf.

Ingo legte kameradschaftlich den Arm um den ihrigen. Doch lehnte sie den Kopf nicht an, sie sah nur starr in die Gegend.

„Friedel ist auf Cis-Moll gestimmt”, begann er. „Hast auch du, wie ich heute früh, einen Brief bekommen, der dir Sorge macht?”

„Du hast einen Brief bekommen?”

Er zog sein Taschenbuch und überreichte ihr den Brief seiner Cousine Elisabeth.

„Darf ich lesen?”

„Aber, Friedel --! Seit wann haben wir denn Geheimnisse voreinander?!”

Sie las folgenden schlichten und sachlichen Brief:

„Lieber Ingo!

Du wirst erstaunt sein, von einer alten Freundin diesen Brief zu erhalten, nachdem wir uns seit Jahren nicht mehr geschrieben haben. Ich bitte Dich hiermit herzlich um Entschuldigung, wenn ich Deine Frühlingsfahrt stören sollte. Dein alter Vater kommt ja mit seiner Gicht nicht an den Schreibtisch; und so hat er mich gebeten, Dir mitzuteilen, daß Dein Bruder leider einen Jagdunfall gehabt hat und an den Folgen daniederliegt. Das Gut war ja bis jetzt in den Händen deines Bruders; wenn die Sache übel ausgeht, so könnte an Dich eine Aufgabe herantreten, die allerdings zu Deiner romantischen Freiheitsliebe, wie sich Dein Vater ausdrückt, nicht mehr stimmen würde. Mir würde es leid tun, wenn Du Dir Dein Leben nicht so gestalten könntest, wie Deine Natur es braucht, das weißt Du, lieber Ingo. Zum Glück habt Ihr ja einen guten Verwalter. Auch Dein Vater ist immer derselbe, in allen Unpäßlichkeiten geistesfrisch. Weniger freilich meine Mutter. Ich fahre in eurem gelben Jagdwagen täglich zwischen den beiden Gütern hin und her, von einem Krankenbett zum andren. Nun kommen mir meine Erfahrungen vom Roten Kreuz zugute. Oft auch lauf' ich zu Fuß durch den Wald, wobei mich Harras, unsre unverwüstliche Dogge, begleitet. Ach, ich bin wieder jung geworden, als ich nach harten Jahren meinen Thüringer Wald wiedersah! Es ist allerdings möglich, daß ich von heut' auf morgen mit meiner Mutter an den Genfer See fahre. Denn der Arzt wünscht es dringend. Gib jedenfalls immer Deine genaue Adresse an, für den Fall, daß man Dich hier brauchen sollte. Im übrigen, lieber Ingo, gedenke ich Deiner mit derselben Liebe, die mich von Kindheit an mit Dir verbunden hat. Sei innig gegrüßt!

Elisabeth.”

Frau von Trotzendorff gab den Brief zurück und schaute lange vor sich hin.

„Ein Gruß an mich oder meinen Mann ist nicht dabei”, dachte sie. „Ich hab' ihr einst Schweres angetan -- jetzt tut mir das Schicksal das gleiche.”

„Was sagst du dazu?” fragte Ingo.

„Vielleicht wär's das beste, du würdest sofort nach Hause reisen.”

„Unter keinen Umständen!” rief er mit einigem Trotz.

„Und dein Bruder?”

„Ist robust genug, hat sich nie viel um mich gekümmert, wird auch diesen Unfall durchbeißen.”

„Und dein Vater?”

„Ein selbständiger Charakter.”

„Und das Gut?”

„Davon kann man reden, wenn es mit meinem Bruder wirklich schlimm würde.”

„Aber der Brief liest sich wie eine Vorbereitung.”

„Oder auch wie ein Anknüpfungsversuch der guten Elisabeth.”

„Bei ihrem spröden Charakter? Schwerlich! Ich glaube, du solltest den Gedanken an Heimkehr ernstlich ins Auge fassen.”

„Aber wie kommt mir denn Friedel vor? Haben wir zwei nicht hinlänglich mein Verhältnis zu Elisabeth durchgesprochen? Vergißt du, daß wir so gut wie verlobt waren? Und sie schreibt ja, daß sie noch ebenso denkt. Wie kannst du mir da die Rückkehr empfehlen? Bist du gar kein bißchen mehr eifersüchtig?”

Sie ging auf seinen scherzenden Ton nicht ein. Es kämpfte gewaltig in der unglücklichen Frau; sie neigte sich einen Augenblick seitwärts ins Gras und stützte laut seufzend den Kopf in beide Hände. Hier Thüringen -- dort Barcelona! Zwischen Skylla und Charybdis saß sie und rang um den Freund, den sie doch festzuhalten weder Macht noch Recht besaß.

Dann richtete sie sich auf, beachtete seine fragenden und beruhigenden Worte nicht, sondern griff in ihr Täschchen und nahm das Bündel Briefe zur Hand.

„Da!” sagte sie dumpf und preßte die Zähne zusammen.

„Was ist das?”

„Deine Briefe.”

„Welche Briefe?”

„An die Mädchen in Barcelona. Ich hab' sie nicht abgeschickt.”

Er hatte das blaue Band gelöst, ließ aber nun jäh die Hände sinken.

„Nicht abgeschickt?”

„Nein.”

„Aber -- weshalb nicht?!”

„Du kannst es in den Nachschriften lesen.”

Er durchblätterte die Papiere und las die Nachschriften. Dann kam eine lange, unheimliche Stille.

Sie atmete kaum; ihr schwaches Herz pochte zum Zerspringen. Er legte schweigend die Blätter wieder zusammen, band sie schweigend wieder zu und steckte sie schweigend in die Rocktasche.

„Friedel,” sagte er endlich mit gepreßter Stimme, „es ist nicht das erstemal, daß du dich zwischen mich und andre stellst. Fühlst du nicht, wie du mich entwertest?”

Er saß in einem Gemisch von Zorn und Wehmut auf dem Rasen, rupfte sprießende Gräser aus und warf sie wieder fort.

„Würde dieses Lourdes nicht so beruhigend auf mich wirken,” sprach er weiter, „ich fürchte, wir würden im Zorn voneinander scheiden. Denn dieses Bevormunden ist gegen unsre Verabredung einer unbedingt vertrauensvollen Kameradschaft. Meine Schwärmerei für jenes Mädchen mag seltsam sein, meinetwegen; deshalb ist aber die Tatsache, daß ich von jenem Hügel mit der stillen Stickerin und dem unerbauten Tempel einen tiefen Eindruck mitgenommen habe, dennoch vorhanden. Und ich werde dieser Sache auf den Grund gehen -- und werde die Briefe persönlich nach Barcelona bringen.”

Sie saß mit abgewendetem Gesicht, neigte das Haupt und zuckte nur wenig zusammen. Sie kannte ihn und war nicht überrascht; sie wußte, daß er stärkeren Eindrücken und Erkenntnissen unbeirrbar bis zu Ende nachspürte. Hier war nichts zu halten; sie hatte ihn nicht mehr in der Gewalt.

Er sah nicht, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, den kristallenen Behälter füllten und dann langsam über die Wangen rollten. Ihr lag es pressend schwer auf dem Gewissen, daß sie sich einst zwischen ihn und Elisabeth gestellt hatte; dieses stille und herbe Mädchen war nach allem, was man seitdem hörte, doch wohl wertvoller, als sie beide damals angenommen hatten. Ingo von Stein, zu Hause wenig verstanden, hatte in Friedels Familie ein neues Heim gefunden; sie hatten sich beide beflügelt und gefördert und hatten einfach vergessen, daß eine stille, etwas spröde Elisabeth irgendwo Kranke pflegte. Oft aber stand jetzt die hohe Gestalt dieser keusch verschlossenen, schwer zugänglichen Jungfrau, die durch gesellschaftliche Beziehungen des thüringischen Adels auch mit Trotzendorffs bekannt war, mit schweigender Mahnung an Frau Friederikens Lager. Sie trug die Tracht der Schwestern vom Roten Kreuz, denen sie zwei Jahre angehörte; und sie schien ernsten Blickes nach Ingo zu fragen. Bislang hatte Friedel wenigstens Rechenschaft über den Freund geben können; jetzt konnte sie auch das nicht mehr; der unbefriedigte Spielmann fuhr weiter.

Die liebende Frau tat, wie sie es manchmal in Zeiten der Mißverständnisse zu tun pflegte: sie setzte stumm den Hut auf, nahm ihr Täschchen und erhob sich, um sich schweigend zu entfernen. Er wollte ihr folgen; aber sie winkte ab und sagte leise:

„Bitte, laß mich allein!”

Jetzt erst sah er, daß ihr Gesicht in Tränen gebadet war. Und sofort loderte Beschämung in ihm empor, die jede Regung des Unwillens verbrannte. Der letzte Satz der letzten Nachschrift stieg ihm riesengroß in Bewußtsein und Empfindung: „Die Sorge um Dich ist meine Krankheit.” Hatte sie nicht recht, um ihn besorgt zu sein? War er nicht ein Phantast, der oft genug sich einfach auf die Bahn gesetzt hatte und in die Welt hinaus gesaust war, wenn ihm irgendwelche menschliche Verhältnisse nicht paßten? War es nicht deutlich, daß er zwischen Wissenschaft, Poesie und Religion tatlos umherschwebte, nippend an allem, von nichts aber sich wahrhaft durchdringend und nichts in Kunst oder Leben prägekräftig gestaltend? Wie unritterlich stand er vor der mütterlichen Sorge der weinenden Freundin!

„Vergib, Friedel!” rief er und wollte in überwallendem Mitgefühl den Arm um ihre Schultern legen. Allein sie befreite sich sanft und bestimmt. Sie wollte kein Mitleid; daß ihr die Tränen flossen, merkte sie kaum. Ihr Entschluß stand fest.

„Groß!” rang sich endlich als erstes Wort aus ihr hervor. „Das letzte Wort deiner Aufzeichnungen heißt groß. Wir wollen nicht kleinlich sein, Ingo.” Sie sprach mühsam und wischte sich mit dem Taschentuch die Tränen fort. „Es spricht auch in mir so viel Unerfülltes mit. Aber groß sein, nicht wahr! Ich hab' mir's an der Quelle da unten gelobt. Und darum bitte ich: Laß mich für heute allein. Ich will ins Hotel zurückgehen und mich niederlegen. Denn ich bin krank.”

Er machte abermals einen Versuch, sich um sie zu bemühen. Aber sie wiederholte nur in ihrer bekannten Art, die jeden Widerspruch ausschloß: „Bitte!”

Dabei sahen sie sich einen Augenblick an. Nur einen Augenblick, wie die Sonne am verschleierten Tage zaghaft hindurchbricht; der Augenblick drohte ihren Entschluß umzuwerfen; doch sie wandte sich rasch und ging den Pfad nach Lourdes hinunter, an einem spät blühenden Apfelbäumchen vorüber, von dem eine Blüte auf ihren Hut fiel -- ein Abschied von der Jugend.

Ingo stand betäubt.

Er übersah, empfand und begriff mit einemmal den Schmerz, den diese Frau von großzügiger Künstlerleidenschaft und zugleich von früh geübter Gewissenhaftigkeit so lange schon durchkämpfte. Mit jenem stürmischen Isoldengesang hatten diese Tage von Lourdes begonnen; mit offenem Haar, wie Wogen des offenen Ozeans, war sie noch einmal einhergerast. Jetzt schlich sie weinend nach Lourdes hinunter.

„Das ist die zweite Frauen-Freundschaft, über deren Trümmer hinüber ich mein Glück suche”, sprach er in knirschendem Kummer zu sich selber. „Sollte wohl auf dieser Glücksjagd Segen ruhen? Aber ich will sie wiedergewinnen, Friedel und Elisabeth, beide, sobald ich -- sobald -- -- ja, was denn nun wohl?”

Da war wieder das Unerfüllte. Und er sah wieder jene Mozart-Mädchen auf einem Hügel der Freiheit und Schönheit winken und warten -- warten auf ihn?

„Weltfahrer bin ich”, sprach er, indem er durch die Hügel wanderte und schließlich zu einem kleinen Schilfsee gelangte, dessen Stille beruhigend auf ihn wirkte. „Weltfahrer bin ich, immerzu von Melodien durchsungen, und sehne mich nach dem festen Punkt, von dem aus das Nahe und Ferne reich und tief sich erfassen läßt. Ich will Friedel nicht durch Mitleid beleidigen; sie ist tapfer und wird das allein durchhauen. Aber ich will doch neben der Phantasie fortan der Güte einen größeren Raum in meinem Herzen gestatten -- wie diese Bernadette, wie meine vergessene Elisabeth.”

Er ging an die Grotte von Lourdes zurück, saß dort lange und sammelte sich zu einer Gebetsstimmung, seine Augen heftend auf die Marmorstatue der weißen Madonna mit der blauen Schärpe.

* * * * *

Am Abend, als die willensstarke Frau bleich und gefaßt wieder am Tisch saß und über ihre Schwächlichkeit zu scherzen versuchte, wurde von dem Ehepaar beschlossen, über Paris nach München zu fahren und dort ein Sanatorium aufzusuchen.

Ingo, der sehr zart zu Friedel war, hielt in möglichst unbefangenem Ton an seinem Abstecher nach Barcelona fest.

Richard schaute einen Augenblick vom Kursbuch auf, es zuckte ironisch um seine Mundwinkel, und er fragte:

„Suchst du Schallers Nichten oder den Gralsberg?”

„Beides”, bemerkte Ingo trocken ...

Am Bahnhof von Toulouse nahmen sie Abschied. Der Troubadour und Frau Eleonore hielten sich lang an beiden Händen und schauten mit Wehmut einander an.

Die Lippen der blassen Frau bebten. Sollte sie ihm sagen, wie sehr sie krank war? Sollte sie ihm sagen, daß hier vielleicht auf Leben und Tod Abschied genommen wurde? Nein! Es war einer ihrer heroischen Momente. Galt es zu sterben, so wollte sie allein sterben. Die Heroine lächelte und zwang sich zu einigen Worten von allgemeiner Herzlichkeit, das Weh in sich begrabend, das tiefe Weh, auf den abirrenden Freund nicht mehr von Einfluß zu sein:

„Groß bleiben, lieber Ingo! Es wird gewiß alles gut werden, wir wollen dir lauter gute Gedanken mitsenden. Madonnengedanken!”

Er nickte schweigend.

Und zu Richard sprach er mit bewegter Stimme:

„Gib gut auf sie acht, Richard! Sie ist doch die Beste von uns dreien!”

Sechstes Kapitel

Die Verlobung

O brich nicht, Steg! du zitterst sehr. O stürz nicht, Fels! du dräuest schwer. Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein, Eh' ich mag bei der Liebsten sein!

_Uhland_

Aus dem dröhnenden Geräusch der spanischen Hafenstadt Barcelona hebt sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug Tibidabo empor und sucht reine Luft.

Dort klettert die Straße, die nach einem katalonischen Dichter den Namen führt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan.

Auf der Terrasse eines prächtig unterhaltenen Gartens voll immergrüner Gewächse standen dort die beiden Mozart-Mädchen.

Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten Riviera-Hügel. Die zwei jugendlichen und schönen Geschöpfe lachten nicht aus ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natürliche Welt; sie waren vielmehr eingenäht in nagelneue, steif knisternde Festkleider. Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz Schallers große Villa, ein viereckiger Bau mit flachem Dach, einem Kastell nicht unähnlich.

Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll gefüllt mit Palmen, Orangenbäumchen, Zitronen und andren Stauden und Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren Füßen funkelte abendschön die laute, energische, menschenvolle Stadt; in der Ferne glühte blendend das Meer; zur Rechten sahen sie den schräg ansteigenden und steil abfallenden Festungsberg Montjuich den Hafen bewachen. Hinter ihnen, auf den Höhen, waren Pinien rötlich angeglüht von der sinkenden Sonne, und wie Minarets winkten dazwischen fremdartige Türmchen.

Man spürte wohl noch an diesen graugrünen Abhängen den Pulsschlag der Arbeitsstadt, den Atem des Hafens, den Duft des Mittelmeers. Aber man war zugleich diesen Regionen entrückt und schloß sich durch eine hohe und weitläufige Gartenmauer vom Arbeitstag ab.

Hier also hatte Schaller seine Burg erbaut.

Im Innern des Hauses hatten sich manche Kostbarkeiten und manche wertvollen Gemälde angesammelt. Ein Innenhof war von farbiger Kuppel überdacht; dort spielte ununterbrochen der feine Strahl eines Springbrunnens und verbreitete zugleich Kühle und das Gefühl einer leichten Lebenslaune, einer Überwindung der Arbeitsschwere. Es stimmten dazu die heiter geschnitzten Geländer der Stockwerke, die diesen dämmernden Innenhof umrankten. So war dort eine maurische Stimmung geschaffen, die zum subtropischen Gartenbild paßte und gegen den brennenden spanischen Sommer schützte.

Die Mädchen, in Seidenkleidern und weißen Schuhen, gingen wie auf Stelzen und bemühten sich, gesetzt zu sein; aber sie konnten ihre Erregung nicht verbergen. Denn es war keine gewöhnliche Abendgesellschaft, der sie entgegenfieberten.

Die lebhafte Jüngere entlud ihre Gespanntheit in fortwährenden Umarmungen und Küssen, die Fräulein Martha über sich ergehen lassen mußte, besorgt um die Falten und Bauschungen ihres feierlichen Kleides.

„Ich freue mich ja schrecklich, ganz schrecklich für dich!” rief der hübsche kleine Zappelkäfer. „Freust du dich denn nicht auch? Hältst du's überhaupt noch aus vor Ungeduld?”

„Gewiß, ja, nur weiß ich nicht recht --”

„Na, was denn nun wieder? Pfui, schäm' dich! Etwa wegen des Spanischredens heut' abend? Aber du bist ja schon einmal ein ganzes Jahr hier gewesen!”

„Ich hab' aber vieles vergessen. Nein, das nicht, ich meine nur -- ich wollte, es wäre schon vorüber. Ich bin ja viel zu jung -- und -- mein Gott, wie sie mich alle ansehen werden!”

„Laß sie gaffen, du bist süß, sie werden sich alle verlieben! Zwei junge Spanier werden sich deinetwegen erdolchen, es wird ein Duell geben mit zehnmaligem Kugelwechsel, heute nacht reißen die Katzen aus vor den vielen Serenaden -- und ich gieße den Sängern Wasser über den Kopf.”

„Glaubst du, daß sie Reden halten auf -- auf ihn und mich?”

„Natürlich! Dann sagst du ganz einfach ~gracias~ oder ~merci beaucoup~ und nickst ein klein wenig mit dem Kopf -- aber nur ein wenig, vornehm -- siehst du, ungefähr so!”