Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Part 4

Chapter 43,578 wordsPublic domain

Ich war in Vaucluse, dem Lieblingsort eines liebenden Einsamen: des Sängers Petrarka. Dieser Leidensgenosse hat Donna Laura, die schönste Frau der Provence (außer Eleonore von Poitou) in Sonetten von ferne besungen. Die lebenslustigen Nixen lachten, als wir uns über diese Art von Liebe unterhielten. Denn es sind dort genußfrohe Nixen im Quell der Sorgue, unsterbliche Töchter der Elemente, die einst Petrarkas melodische Klagen belauscht haben. Der Sänger trug freilich die Kutte, war grundgelehrt, ein Meister damaliger Bildung, ein Ratgeber der Könige und Päpste; und die Dame, die er liebte, war eines Ritters Gattin und Mutter zahlreicher Kinder. Seit er sie einmal in ihrer Jugend in der Kirche Sancta Clara zu Avignon gesehen hatte, war es um ihn geschehen; sie war fortan sein Stern, an dem er sich orientierte, wenn er das Land der Schönheit betrat.

Ich habe dabei an Dich gedacht, Du -- -- halt, da verschnappt sich einer! Ich wollte sagen: ich habe an Euch _beide_ gedacht, meine Holden, besonders an eine von Euch, doch ratet einmal, an welche? Ach, ich schüttle mich manchmal wie ein Baumwipfel, der Blüten oder Maikäfer oder Kirschen abschütteln möchte -- aber Dein Bild sitzt in mir, süße Schöne, schöne Süße, und ich kann's nimmer abschütteln! Wozu auch abschütteln, was so froh macht? Wie sagt Meister Goethe? Der menschlichen Schönheit wohnt Heilkraft inne: wer sie erblickt, den kann nichts Übles anwehen, er fühlt sich mit sich und der Welt in Übereinstimmung.

Heil also dem ärztlich wohlberatenen Petrarka! Und Heil dem Troubadour und Spielmann!

Unverträumte Wasser sind in Vaucluse. Die Quelle der grünen Sorgue bildet zwar ein stillfunkelndes Becken am Fuß einer überhangenden gelben Felsmasse; doch diese Quelle wird augenblicks ein Bach, ein donnernder Fluß, heroisch, nicht idyllisch; nixenlebendig kringeln sich die rosig vom Mittagslicht überhauchten Schaumwogen in die grünen Wasser hinein und springen über moosige Felsen den Abhang hinunter ins nahe Tal, um dort sofort Papiermühlen zu treiben -- oder was sonst da unten geschäftig rauchen mag. Rasch ziehende, glänzend weiße Wölkchen fliegen wie Schwäne über tiefblauen Himmel -- nach Südwesten, nach Spanien. Es ist ringsum ein Blühen, efeuumsponnene Büsche, wilde Feigen, Wacholder, Zypressen; auch seltsam gezackte Felsen bringen bizarre Linien in die Landschaft; und eine kahle Bergruine starrt fragend in den Himmel.

Hier hat Petrarka vom weiblichen Rätsel geträumt. Ich will Ihnen eine Stelle aus seinem Brief an die Nachwelt abschreiben: „Da ich den mir eingeborenen Widerwillen gegen Städte überhaupt und besonders gegen das mir verhaßte Avignon nicht überwinden konnte, so suchte ich mir einen abgelegenen ruhigen Zufluchtsort, um mich dahin wie in einen Hafen zu flüchten. Ich fand fünfzehn Millien von Avignon ein gar kleines, aber einsames und anmutiges Tal, das geschlossene Tal genannt (~vallis clausa, Vaucluse~), in welchem die Quelle der Sorgue, die Königin aller Quellen, aus dem Felsen springt. Gefesselt von dem Reiz dieses Ortes, wanderte ich mit meinem kleinen Bücherschatz dahin aus. Zehn Jahre bezeugen, wie teuer mir dieser Aufenthalt war. Im Schatten dieses Tales hoffte ich auch die jugendliche Glut, die viele Jahre in mir loderte, zu kühlen. Oft verbarg ich mich dort wie ein Flüchtiger in einer uneinnehmbaren Burg. Ach, ich wußte nicht, was ich tat! Das Mittel selbst ward zum Verderben; die brennende Sorge brachte ich mit; und in so großer Einsamkeit fand ich keine Hilfe gegen den um so heftigeren Brand. So brachen denn die Flammen des Herzens in Klagen aus und erfüllten das Tal, von manchem als wohllautend gepriesen. Dies ist der Ursprung jener in der Volkssprache gedichteten jugendlichen Gesänge der Liebe” ...

So entstehen Lieder und Klagen, meine Freundinnen -- und so entstehen Troubadour-Briefe ...

In der Provence liegt ja Liebe in der Luft. Quellen und Nachtigallen sind voll davon; die wilden Rosen klettern um alle Burgtrümmer und suchen die Herrin. Sind doch von mehr als vierhundert provenzalischen Dichtern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts Lieder erhalten! Darunter waren fünf Könige, zwei Fürsten, zehn Grafen, fünf Markgrafen und fünf Vizgrafen -- zum Beispiel Bertran de Born --, sechs mächtige Barone und neunundzwanzig Ritter! Ist es nicht eine rechte Herrenkunst, mit Anmut zu lieben?!

Über die Gegend ziehen häufige Wolkenschatten -- und ebenso über das Antlitz der lebendigen Eleonore von Poitou ...

Die historische Eleonore -- erlaubt diese Belehrung! -- war Gemahlin Ludwigs des Siebenten von Frankreich und später des zweiten Heinrich von England und war die Mutter des berühmten Richard Löwenherz. Vollmenschen! Wußten kühn zu lieben und zu leben! Wäre doch mehr Genialität in unserer Krämerwelt! Die Luft war damals Musik von Waffenklang und Lautensang, von Heroismus und Liebe. Ein Buch „Heroismus” hab' ich geschrieben -- nun möcht' ich der Minne gleichfalls ein freundlich Papier widmen -- Papier?! O süße Mädchen, ihr habt so entzückend schmale und doch volle kirschrote Lippen -- und wie singt Klopstock?

„Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!”

Da liegen nun in den Bibliotheken die Papiere der Troubadourlieder, deren Notenschrift einer vor ein paar Jahren mühsam entziffert hat -- aber das _Leben_? Das blühende Leben?! Den Troubadours und Jongleurs pulsierte Wanderblut in den Adern, sie durchstreiften das ganze Kulturgebiet, waren auf dem Felde der Politik zu Hause wie in Herzensrevieren; und viele ritten in den Kreuzzug oder zogen sich am Ende der Umtriebe in ein Kloster zurück, wie Bertran de Born. Und ihre besungenen Damen? Es schickte sich, daß sie verheiratet waren; es gehörte zum Schmuck des Hofes oder der Burg, daß die Herrin von einem Troubadour gepriesen ward. Kurz, ihr Mozart-Mädchen, es war damals mehr Poesie in der Welt, mehr Genie! Selten freilich hat der Gatte die Gattin besungen -- aber der hatte es ja nicht nötig, Poesie zu dichten, denn er _lebte_ ja Poesie! Und das _Erleben_ ist doch immer wieder das _Köstlichste_! ...

Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Gute Nacht!

_Der Troubadour._

_Nachschrift._ Vergib, Liebster, ich _kann_ diesen Brief nicht absenden.

_Eleonore._

* * * * *

_Arles_, im Lenz.

Am letzten Sonntagvormittag, meine süßen Mädchen, haben wir den mehr als achtzigjährigen Dichter der „Miréio” und andrer Gesänge, Frédéric Mistral, in seinem Dörfchen Maillane bei Saint-Rémy aufgesucht.

„~Merci de votre bonne visite~” -- das Schlußwort des liebenswürdigen Greises tönt mir noch immer im Ohr. Nur eine Viertelstunde waren wir bei ihm, um diesem provenzalischen Meister zu danken für das, was er getan, für das, was er ist. Wie artig war er zu Eleonore von Poitou! Blumen gab er ihr aus seinem Garten. Zwei drollige Hunde hängten sich neckisch an Frau Eleonorens Mantel -- „~Toutours~” hieß der eine, der sie gar nicht mehr loslassen wollte --, um uns her blühte der einfache Dorfgarten, zu ebner Erde ist sein Arbeitszimmer. Er ist nur wenig gebeugt, kam uns in seiner Samtjacke hohen Wuchses heiter entgegen, in seinem bekannten weißen Spitzbart, so daß ich ihn gleich erkannte. Ich erzählte ihm von Thüringen, dankte ihm, daß er das Banner des Idealismus und der Regeneration hochhalte in einer Zeit, die überflutet ist von Literatur, nicht aber von Poesie. „Und Poesie ist eine so einfache Sache”, bemerkte er lächelnd. „Man braucht nur die Kinder anzusehen: ein Kind weiß ganz von selber, was Poesie ist. Es schaut in die Wolken und schaut Poesie. Man braucht nur im Herzen Kind zu bleiben, und man hat Poesie in sich.” -- „Das ist es!” rief Frau Eleonore innig. „Wir lesen jetzt eben Ihre Lebenserinnnerungen -- wie köstlich war Ihre Jugend! Ein entzückendes Buch!” -- „Ich hörte, daß man in Deutschland einen Auszug daraus für die Schule hergestellt hat.” -- „Sie haben überhaupt viel Freunde in Deutschland.” -- „Ja, man beschäftigt sich dort wissenschaftlich mit dem Provenzalischen sehr eingehend; ein deutscher Professor schreibt mir sogar geläufig und ohne Fehler Briefe in provenzalischer Sprache.” -- „Der Name Mistral ist bei uns untrennbar mit der Provence verwachsen; die Provence ist Mistral, Mistral ist die Provence. Sie haben in Ihren Büchern, in Ihrem Lexikon, im Museum zu Arles Dauerndes für dieses Land getan. Wir wollten Ihnen also danken, nicht nur für Ihre glänzenden Verse, sondern dafür, daß Sie uns andre ermutigt haben: Ihr Name bedeutet ein Programm, ein Symbol, wie man seiner Heimat treu bleiben und doch ins Große wachsen kann. Dafür wollten wir Ihnen danken” ...

Meine Freundinnen -- lassen Sie mich Sie beide so nennen, denn in hohen Stunden bin ich allen guten Menschen gut! --, ich wallfahrte gern zu Stätten, wo bedeutende Geister und Herzen ihren Mitmenschen etwas zu künden wußten aus höheren Sphären. So war ich in Stratford am Avon an einem wolkenlosen Sommertag; die glührote Sonnenscheibe ging unter, als ich von Warwick kam, und die ebenso große rote Mondscheibe stieg auf, als ich im Kahn auf dem nächtlichen Avon hinter dem Kirchhof langsam einherfuhr, zwischen Weiden und Wiesen und alten Ulmen; so war ich in Schottland bei Walter Scott in Abbotsford und bei Robert Burns in Alloway; so in Florenz bei Dante, Savonarola, Michelangelo und in Assisi bei Sankt Franziskus -- und so sind mir von Kindheit an Weimar, Wartburg und Sanssouci vertraute Stätten. Und so war ich nun in Vaucluse und Maillane -- und war auf dem Hügel der Mozart-Mädchen! Sagt einmal, Mozart-Mädchen, ist es nicht alles ein und dasselbe? Seid nicht auch Ihr beide _Offenbarungen der Schönheit_?

Mistral hat aus den öden Rhonelandschaften Crau und Camargue die dichterische Seele eingesogen; die Crau ist eine weite steinige Steppe, die Camargue eine Sumpfwildnis voll Herden und wildem Geflügel. Und doch hat er sie lebendig gemacht. Ein schöner Menschenschlag in dieser Provence! Schön sind die ~Arlésiennes~, aber ich habe schon schönere Mädchen gesehen ...

Ach, von des Hügels fernherlachendem Zauber Will sich noch immer kein Bote des Himmels lösen Und mir sagen, ob ich die Eine minnen -- Oder ob ich sie wieder vergessen soll?

Seid mir gewogen, zierliche Strahlen der Mondnacht Webt aus Goldbrokat ein haltbar Brückchen, Daß mein Bote, mein leichthintanzender Bote Bald und gewiß die freundliche Botschaft bringe!

Auf ein Zeichen wart' ich des deutlichen Boten, Den die Heimlichen, die mich schon immer beraten, Senden mögen: soll ich die Eine minnen? Oder -- --?

Dies schrieb ich, als wir am starken, viereckigen, nach außen fast fensterlosen Schloß des Königs „René des Guten” zu Tarascon saßen. ~Le bon roi René~ war ein poesievoller König der Provence; er hatte _Phantasie_ und _Güte_ -- kann es _schöneren Bund_ geben? Auch Frédéric Mistral ist ein ~bon roi René~, ein guter König der Provence, aus dessen Wesen die einfache Güte eines edelnatürlichen Menschen leuchtet. Wenn ich alt werden soll, so will ich mir solch ein Abendrot um meine Welt wünschen.

Aber auch dann werde ich nicht aufhören, alles Schöne zu verehren, berauscht zu stehen vor griechischen Statuen, schönen Gemälden, großer Musik -- und niedlichen Zöpfen mit ganz entzückenden Gesichtern dazu! ...

Hier schaute mir Frau Eleonore in die Blätter; ich neckte sie sofort, indem ich recht herzhaft für ferne Schönheiten schwärmte. Doch nun droht sie, mir den Stift aus der Hand zu winden! Kämpfend schreib' ich nur noch eben hin: -- bitte, liebste Mägdlein, schreibt mir einen Gruß nach Lourdes, postlagernd! Oder fliegt selber zu eurem -- von Heimweh nach dem Land der Schönheit durchglühten

_Troubadour_.

_Nachschrift der Frau Eleonore._ Solche Liebesbriefe vertraut mein Herzensfreund mir an?! Ich soll sie lesen, soll sie absenden! O mein Ingo, was verstehen denn wohl diese blutjungen Mädchen von deinen sehnenden Gedanken? Und was wissen sie denn wohl von der Kraft und Tiefe, mit der eine reife Frau einem Freunde gut ist? Wie kannst du solche Tändelbriefe ins Unbekannte aussenden und mir vertrauend zumuten, daß ich deine Werbung segne? Willst du mir Eifersucht aberziehen? Willst du mich auf eine Verlobung vorbereiten? Ein Ingo Freiherr von Stein-Waldeck und irgendeine Dir nur wenig, mir gar nicht bekannte bürgerliche Fräulein Frank-Dubois -- soll das einen würdigen Bund geben? Nein, lieber Schwärmer, so darfst Du denn doch nicht auf meinem Herzen tanzen. Ich sende auch diesen Brief nicht ab, sondern verschließe ihn schweigend in meine Kassette.

_Eleonore von Poitou._

* * * * *

_Cette_ am Mittelmeer, auf dem Wege nach Lourdes.

Liebe Freundinnen!

In einer toten Hafenstadt, deren nächtliche Laternenreihen gespenstisch an den stummen Kanälen stehen, übernachten wir. Meine letzten Briefe waren -- Kirschbaum; dieser ist -- Zypresse. Zwischen Kirschbaum und Zypresse saßen dort die zwei Schönheiten, die mir das Herz ein bißchen verwirrt haben: die zapplige Jüngste dem heitren Kirschbaum näher; Sie aber, meine Stille, nahe an der Zypresse.

Die weißen Straßen der Provence mit ihrem ziehenden Staub schlafen dahinten; Orange, Nimes, Les Baux -- all die Schönheiten dieser stillen Städte sind hinter uns verblichen; Regenwetter fröstelt auf den blühenden Hügeln; der Mond ist verhüllt. Frau Eleonore kränkelt und ist früh zu Bett gegangen; ihr Gatte sitzt unten bei einem thüringischen Fabrikanten, der sich uns angeschlossen hat; ich habe mich zeitig auf mein Zimmer zurückgezogen.

Wissen Sie, Fräulein Martha, daß ich mich auf Wandermüdigkeit ertappe? Wissen Sie, daß ich anfange, Sie um den Frieden zu beneiden, in dessen feinem, rosigem Gewölk sich Ihre Seele immerzu behütet findet? Denn ob ich in einem alten, weitläufigen Hotel der Provence, mit Steinfliesen und Kamin, übernachte oder in einem Temperance-Hotel zu Edinburg oder zu Christiania oder zu Rom oder gar hinter einem Moskitonetz auf Ceylon -- es ist dieselbe Welt der Gegenständlichkeit. Ist es der Mühe wert, so viel Maulwurfshügel dieser Erdkugel abzuklettern? Lohnt es Zeit und Kraft, so viel Augenkost einzuschlürfen, auf die Gefahr hin, sie seelisch nicht mehr verarbeiten zu können? Das Reisen ist eine Stufe und muß überstiegen werden; so wie die moderne Titanenschlacht, dieser Wettkampf aller gegen alle, enden muß in einer Katastrophe, wonach dann entfieberte und entgiftete Menschen als freie Freunde ruhig miteinander verkehren werden -- jenseits der Titanen, auf den Hügeln der Schönheit, wo meine Mozart-Mädchen ein so lieblich Leuchten ausstrahlen.

Jenseits der Titanen Sind keine Waffen mehr, Sind nur noch Wunden Und heilende Hände; Jenseits der Titanen Eroberst du nimmer; Dort wirst du beschenkt. Jenseits der Titanen Wohnt auf den Hügeln der Götter Die Schönheit, das Glück. Doch niemand wandelt ohne Narben Jenseits der Titanen ...

Ihnen, mein stilles Fräulein Martha -- ich will es bekennen: an Sie besonders muß ich immerzu denken, die Sie so lieb und langsam die langbewimperten Augen auftun, immer mit einem schüchternen Lächeln um den verlegen halb geöffneten Mund -- Ihnen besonders gilt dieser nächtliche Gruß. Es ist mir, als ob ich in einer Kapelle säße, obwohl Protestant, und schlicht und fromm zu einer Madonna spräche. In meiner Wohnung in Thüringen sind alle Wände voll von Bildern, denn ich muß Schönheit um mich haben. Auch zu Marseille habe ich Ihrer gedacht, dort oben in der Kirche ~Notre Dame de la Garde~, wo die gnadenreiche Jungfrau Meer und Hafen bewacht. Über dem Altar jener Kirche, die den ganzen Hafen überleuchtet, steht eine silberne Madonna, darüber der Gruß an die Gnadenbringerin: ~Ave gratia plena!~ Daß sich das Heilige und Reine so gern in ein Jungfrauenbild symbolisiert! Jungfrau und Kind! Etwas Jungfräuliches und Kindliches in unsren Seelentiefen antwortet wie ein Echo im tiefen Walde, wie eine versunkene Glocke aus den Vineta-Gewässern des Herzens. Die Wände sind dort bedeckt mit ~Ex-voto~-Tafeln dankbarer Besucher; ich entsinne mich einer Tafel: „~Retour du Dahomey et du Soudan d'un capitaine père de famille~”; und so drückten viele ihren Dank aus, ihre „~reconnaissance à Marie~” oder „~à notre honne mère~”. Die Luft ist an jener schönen, steil gelegenen Kirche voll von Dank- und Bittgebeten. Und das ist sinnig. So mögen schon in Urzeiten die Schiffer des Mittelmeers ihre Heimat gegrüßt und mit erhobenen Händen zu ihren Göttern gebetet haben. Vielleicht stand eine sinnliche, schaumgeborene Aphrodite, wo jetzt eine seelenvolle Madonna silbern strahlt ...

Wunderschön ist der Blick von jenem Steinhügel über Marseille, die vorgelagerten Inseln, worunter die Türme des kleinen Château d'If, die langen Höhenzüge, die Flotillen der Segelschiffe und einzelne große Dampfer. Und wenn man sich aus dieser bunten Vielheit umdreht, so glüht hinter uns, im Dunkel der Kirche, die immer gleich ruhige rote Ampel, das ewige Licht, wie der feste Mittelpunkt einer unsterblichen Seele.

Ich habe Sie zuerst auf einem Hügel gesehen, Fräulein Martha. Auf den Hügeln standen immer die Tempel und Kirchen und Leuchttürme und Burgen der Menschheit -- alles, was Wege weist und Schutz gibt. Dort auf dem Riviera-Hügel liegt auch und wartet der unerbaute Marmortempel ...

Es raunt etwas in mir: Troubadour, du sprichst ja dies alles gar nicht zu einer Erdenjungfrau, sondern deine eigene unerfüllte Sehnsucht nimmt Gestalt an -- und Martha oder Madonna sind nur Weckmittel, leuchten wie ein Grubenlicht in den Schacht deiner Seele, und fördern aus deinen Tiefen dein eigenes Lebensziel zutage. Aber es ist ungalant, Ihnen das zu sagen, liebes Fräulein ...

In Arles hatten wir den letzten sonnenhellen Tag; auch Frau Eleonore war noch heiter. Da haben wir vor Mistrals bronzenem Standbild verehrend Rückschau gehalten; die dankbare Provence hat es ihm errichtet. Die Namen seiner Werke sind darauf eingegraben: ~Miréio~, ~Calandau~, ~Netto~, ~Les isclo d'or~, ~Lou trésor dou félibrige~ -- und andre. Und wie reich ist sein Museum! Welch schön gerundetes Lebenswerk! ... Ich aber -- wie fahr' ich in der Welt umher! ...

Übrigens, meine reizende Elsässerin, hab' ich hier in der Provence entdeckt, woher der Name Elsaß stammt. Es gibt in Arles eine Sarkophagen-Allee, die „~Aliscamps~”, die „~Champs Élysées~”. Offenbar hängt Elsaß mit Elysium zusammen, mit elysäischen Gefilden. Seit ich zwei so anmutige Elsässerinnen kennen und lieben zu lernen das Glück hatte, bin ich von dieser Abstammung des Namens Elsaß durchdrungen und überzeugt ...

Wie tot die mitternächtige Stadt mit ihren stummen Kanälen! Wie unbewegt diese Lichter an den nassen, menschenleeren Gassen! Es ist ein schwermütiges Stadtgebilde ohne Mond und Sterne, ohne Melodie ... Doch formt sich mir, indem ich auf zerrissenen Teppichen des vernachlässigten Hotels schlaflos auf und ab schreite, dieses Lied ...

Im Lande der Trauer gedeiht keine Frucht, Da rieselt und seufzt in vertrockneter Schlucht Nur traurig ein Tropfen zum andern; Da starrt in gläserne Luft das Laub, Kein Wind scheucht unter den Sohlen den Staub, Wenn es dich lüstet, zu wandern.

Und sucht die Flöte den Freudenton, So schleicht sich der Laut wie ein Dieb davon; Auch sind keine Mädchen zum Tanzen. Die Ritter reiten verdrossen vorbei, Sie fragen umsonst, wo Großtat sei; Der Rost sitzt an den Lanzen.

Doch sprengt Frau Freude die Hügel hinan Auf weißem Roß, mit Schellen dran, So weiß sie die Sonne zu geben! Schon jauchzte die Flöte, das Mädchen sprang, Es reift die Tat und die Frucht am Hang -- Und heilig wird wieder das Leben!

Wäre mein Leben tatengroß und heilig, liebes Fräulein! Ich habe mich leicht geschwatzt und heiter gereimt, holdes Mädchen! Weltschmerz hat nie lange Raum in meiner Seele, ich räuchre und reime und klimpre den Kerl wieder hinaus. Haben Sie Dank, daß Sie zugehört haben! Ich beherberge in mir die phantastische Hoffnung, daß uns in Lourdes -- wenn wir über Carcassonne und Toulouse ankommen -- irgend etwas Wundervolles erwartet: -- ein Brief von Ihnen --?! Oder gar Sie selber?! ...

Närrische Welt! Ich lasse mich treiben und überraschen und beschenken. Ist ja doch alles Glück und Gnade! Gute Nacht!

_Troubadour._

_Nachschrift._ Und kommst nicht mehr an meine Tür? Und sagst mir nicht Gute Nacht? Bist aber so ehrlich, mir am andren Morgen mit gekünsteltem Lächeln auch diesen verschwärmten Brief zu überreichen? Du hast ein übergroßes Vertrauen zu mir, liebster Freund, und hältst mich für stark und hochherzig. Ich bin's aber nicht. Mein Herz möchte dich glücklich sehen, aber mein Herz weint. Ich kann auch diese immer unverhülltere Werbung nicht gutheißen. Ich lege den Brief zu den andern.

_Eleonore._

Fünftes Kapitel

Lourdes

Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun Und deinem Beistand fest vertraun, So löse doch des Alters Binde und mache mich zu deinem Kinde!

_Novalis_

Wo war Friedels Feuerseele geblieben?

War diese Frau, die da neben zwei frischen Männern einherschlich, noch die einst entzückende Sängerin, die den Spielmann Ingo von Stein hingerissen hatte als Sieglinde und Isolde?

Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene Hausfrau?

Doch nein -- wo waren die glänzenden Hauskonzerte noch vom vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, daß sich die siebenunddreißigjährige Frau in zehnjähriger Ehe glänzend entfaltet hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo als zwei einzige Zuhörer im Schatten des Hintergrundes saßen und die Frau am Klavier zwei und drei Stunden lang ihr loderndes Temperament entladen ließen, daß die Kämme und Nadeln aus den goldenen Haaren flogen -- die zahllosen Haarnadeln, die dann der allezeit ritterliche Richard mit elegantester Gewandtheit, auf den Zehen, unnachahmlich komisch auflas, auf einer silbernen Visitenschale sammelte und zum Schluß mit gebeugtem Knie der Künstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der herausgeschleuderten Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend festgestellt. Doch nicht selten geschah es, daß man ergriffen und begeistert die Feststellung vergaß.

Oder wenn Friedel und Ingo vierhändig Symphonien von Brahms und Beethoven spielten, daß die Wände bebten beim Fortissimo und die beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster flog beim Adagio -- wo war das?

Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von Brahms, Schubert und Schumann, wandte sich in den Pausen nach den lauschenden Freunden um und fragte: „Seid ihr noch nicht müde, Kinder?” -- „Wenn du nicht müde bist, Friedel --?” -- „Oh, jetzt fang' ich erst an!” Erst gegen Mitternacht wurde mit Tee und Brötchen oder mit einer von Richard glänzend bereiteten Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und „ihr seid geniale Zuhörer”, dankte die Sängerin, das Gesicht fächelnd, strahlend und gesättigt. „Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik ist in aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!”

Wo war das alles?

Kann Geniefeuer versprühen, das bis vor kurzem in dieser ungewöhnlich lebensvollen Frau gesprüht hatte? Nein, nein, es kann sich veredeln, verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ...

„Spielmann,” sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglückliches Kind am Ärmel, „lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn nicht mehr? Warum sind wir denn so säuerlich ernst geworden? Warum bin ich denn so schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete Harfe, ich bin alt, alt, Kinderchen, ich bin über Nacht alt geworden!”

Mit keiner Silbe berührten sie und Ingo die provenzalischen Briefe an jene jungen Mädchen. Richard hatte von dem Dasein dieser Briefe überhaupt nur ein flüchtiges Wissen; bei guter Laune hätte er den Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen Ernst langweilte ihn solche Romantik.