Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Part 2

Chapter 23,509 wordsPublic domain

„Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen Sie an, daß es ein philosophisch gestimmter Mensch sei, den diese Frage beschäftigt! Als diese sechzehnhundert Menschen untergingen, fuhr ebenso ein Entsetzen durch die Welt wie beim sizilischen Erdbeben. Aber -- binnen kurzem ist alles wieder vergessen! Die Jagd saust weiter. Neue Eindrücke stürmen über die alten hinweg; es kommt nicht zu seelischer Verarbeitung. Hat wohl eine Frage nach Sinn und Wesen des Todes die materialistische Menschheit durchschauert? Hat man ein Polarschiff ausgesandt in das unbekannte Land jenseits des Todes? Hat man sich auf Sinn und Wert des Lebens und Sterbens besonnen?”

„Herr Baron, das is Religion -- und Religion is Privatsache!” rief Marx.

„Wer hat denn heute zu solchen Spekulationen Zeit?” setzte Schaller hinzu.

„Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter mit Hölle und Himmel und solchen Popanzen!”

„Aber darüber kann ja jeder denken, wie er will! In Religionssachen bin ich für mein Part indifferent -- und ich hoffe, mit mir jeder moderne Mensch!”

So ging es um den Tisch herum. Der Attaché stemmte den Kneifer ins Auge und betrachtete den Baron wie ein vorsintflutliches Megatherion.

„Sehen Sie! Sie bestätigen, was ich sage!” fuhr Stein fort. „Der Zusammenprall zwischen Titanic und Eisberg war umsonst. Niemand hat die gigantische Frage verstanden. Denn eine Frage ist in jener Aprilnacht über den Ozean geschwommen und hat der Titanic Halt geboten. Die moderne Titaniden-Menschheit hat die Frage nicht einmal gehört!”

Ein Teil der Gesellschaft versuchte ernst zu werden. Man vernahm draußen das Tosen des Gewitters; man vernahm das Donnern der nächtlichen See.

„Nehmen Sie einmal an,” fuhr der philosophische Sonderling fort, „wir alle, wie wir hier sitzen, ganz Europa, die ganze moderne Zivilisation, seien der Schiffskörper einer Titanic, umbraust von den Gefahren des Chaos! Nehmen Sie an, eine Katastrophe bedrohe uns, ein europäischer Krieg, mit Hungersnot, Seuchen und Revolution -- was dann? Nehmen Sie einmal an, wir Zeitgenossen seien dem Untergang geweiht und schauen auf die letzten Jahrzehnte zurück, wie dort in den letzten Minuten die Todgeweihten der Titanic auf ihre Fahrt -- was ist das Ergebnis? Können wir sagen, diese glänzende Anhäufung materieller Güter, diese fieberhafte Konkurrenz aller gegen alle, seien der wahre Sinn und Zweck und Wert des Daseins?”

Er hielt einen Augenblick inne, sah sich fragend um und schloß:

„Sie, meine Damen und Herren, sagen _ja_ -- ich sage _nein_! Das ist unhöflich, denn ich setze mich damit auf einen Nachen und fahre von der Titanic fort. Oder vielmehr: ich fahre gleich nicht mit. Ich lehne die Beteiligung an dieser rasenden Lebensfahrt dankend ab. Wenn mir aber jemand von Ihnen einen Amundsen oder Nansen namhaft zu machen weiß, der ausfährt, um den geistigen Pol, den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht zu entdecken, jenseits der Sinnenwelt, jenseits des Todes -- dieser Polarfahrt würd' ich mich sofort anschließen.”

Das war in liebenswürdigem Ton, lächelnd, aber energisch und bestimmt herausgesprochen.

Der Versammelten, die auf solche Gedankengänge nicht gestimmt waren, hatte sich eine erstaunte oder gar beklemmende Empfindung bemächtigt. Stein hatte eine Erörterung erwartet; aber man ging nicht darauf ein.

Es war Herr Otto S. Marx, Buchdruckereibesitzer großen Stils, der die sorglose Stimmung wieder herstellte. Er fuhr mit der Hand über Glatze, Stirn und leicht gebogene Nase zum modern gestutzten rötlichen Schnurrbart herunter, als wische er etwas hinweg, und rief mit Humor:

„Ein entschieden philosophischer Kopf, unser Herr Baron von Stein!”

Diese paar Worte waren mit so komischer, etwas nasaler und nüchterner Betonung gesagt, daß man allgemein in befreiendes Lachen ausbrach.

„Aber einstweilen sitzt er mit auf der Titanic und schlürft Sekt!” trumpfte der derber gestimmte Schaller und erhob mit schallendem Lachen sein kräftig unterbautes Kinnbacken-Gesicht mit dem scharfen Monokel und dem Durchzieher auf der linken Wange. Man konnte ihn für einen Typus des deutschen Korpsstudenten nehmen; seine ansehnliche Statur mit dem ganz kurzen Blondhaar stach wirksam ab vom salopp hingelagerten Marx, der mit den Händen in den Hosentaschen im Plüschfauteuil lehnte und spöttisch-überlegen den Baron anblinzelte.

„Lieber Baron,” fuhr Schaller fort, „Marx und ich liegen uns zwar immer in den Haaren, obwohl er meinen Rat in Bankpapieren schätzt; aber in _einem_ modernen Glaubensartikel sind wir einig: erst die Million -- dann die Seele!”

Erneutes Gelächter stimmte diesem massiven Grundsatz bei. Auch der gutartige Stein lächelte mit; Trotzendorff mochte gleichfalls kein Spielverderber sein; doch seine Frau sah betreten und bedauernd zu Ingo hinüber. Nur der Engländer Wallace trank seine Limonade und rang sich kein Lächeln ab.

Als das Gespräch dann wieder im Gang war und weitersummte, beugte sich Frau von Trotzendorff zu ihrem Liebling hinüber.

„Ingo,” raunte sie, die Hand am Munde, „denk' an das Gleichnis von den Perlen!”

„Stimmt, Friedel!” kam es zurück. „Aber ich sollte charaktervoll sein und selber nicht unter den Säuen sitzen!”

„Unsinn! Willst du wohl --?! Bist schon Einsiedler genug!”

Er zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf und lehnte sich wieder zurück.

Und nun ließ er sein Auge wandern über diese Fräcke und Toiletten. Was für eine Gesellschaft war denn dies hier am Rande Europas, unter die er da geraten war? Wo leuchtet denn hier, aus diesen Gesichtern mit der Tücke des modernen Menschen, der seine Mitmenschen zu überlisten trachtet, aus diesen scharfen oder verlebten Zügen -- wo leuchtet jenes freimütig-unbefangene deutsche Gemüt? Jenes Edelgemüt, das die große Musik, Philosophie und Mystik geboren hat? ... Verstand, Pfiffigkeit, Lüsternheit, Tatkraft, Nervosität -- diese Eigenschaften prägten sich zwar deutlich in den Mienen aus. Aber Seele? Wo ist denn die deutsche Seele? Er nahm nur Frau Friedels schöne und phantasievolle Züge aus neben Trotzendorffs offener Männlichkeit; der Engländer neben ihm war sachlich, der hübsche Franzose kokett. Aber diese beiden jungen Leute waren ihm noch weitaus die angenehmsten unter der unangenehmen Gesellschaft. Unangenehm? Sind es nicht deine deutschen Landsleute? Bist du nicht in Gefahr, deinem Vaterlande fremd zu werden? ... Vaterland! ...

Die Empfindung ließ ihn nicht mehr los, daß er sich auf einem gefährdeten Schiffe befand, selber in Gefahr und nur durch dünne Wände getrennt von den Wassern der Vernichtung.

Der junge Engländer an seiner Seite unterbrach plötzlich seine düstren Gedankengespinste und fragte den Baron, ob er wisse, daß Mr. Stead, der Vorkämpfer des Spiritismus und der Friedensbewegung, mit der Titanic untergegangen sei? Ingo, der gut Englisch verstand und sprach, verneinte. Und sachte ging Mr. Wallace auf ein Gebiet über, das abseits lag von diesem Kreise und von Ingos künstlerischen Lebenspfaden, das ihn aber rasch fesselte. Der kaltblütige Engländer, der für die Alkoholstimmung dieses deutschen Kreises unempfänglich schien, sprach von einer spiritualistisch-religiösen Bewegung der Neuzeit. Er war Maler aus Liebhaberei, Sprachlehrer aus Beruf; und auf seiner Visitenkarte, die er im Laufe des Gespräches mit dem Baron tauschte, stand ein ~M. A.~: „~Master of Arts~”, sein Universitätsgrad. Er hatte seine Jugend in Indien verbracht. Und es war für den Deutschen eine Wohltat, in dem flackrigen Rhythmus dieser Abendgesellschaft solche gelassene Ruhe zu vernehmen, wie sie aus diesem etwas kühlen, aber sehr unterrichteten Manne zu ihm herüberschwang. Es war ein Ton aus einer weiteren Welt; und daß es ein Ausländer war, von dem dieser Ton kam, machte den Deutschen beschämt und nachdenksam.

„Sie haben übrigens”, sprach Wallace, „in Deutschland einen Mann, der auf diesem Gebiete sehr bedeutend ist.”

Und er nannte einen Namen, den Ingo nie vernommen hatte.

Doch das beruhigende Zwischenspiel wurde durchbrochen. Stein, mitunter zum Aufbrausen geneigt, schnaubte plötzlich empor und rief einem Lebemann am Ende der Tafel kampflustig zu:

„Wer verunglimpft da unten Schiller?! Lassen Sie unsren Schiller in Ruhe! Hätten wir nur etwas von seiner Männlichkeit!”

„Aber Sie haben mich wohl nicht ganz verstanden, mein verehrtester Herr Baron”, erwiderte Herr von Jedermann und Überall. „Ich habe nur ganz einfach festgestellt: Damals war der Wallenstein modern -- heute der Rosenkavalier; damals die Iphigenie -- heute die Salome. Na, und warum soll ich das nicht sagen?”

Stein lachte und rief mit Schärfe zurück:

„Sagen Sie das, Edler! Und fügen Sie hinzu: Damals war das weimarische Hoftheater modern -- heute das Kino!”

Er warf sich wieder in seinen Sessel und machte eine segnende Handbewegung gegen den Ritter des Geistes, der den linken Daumen unter die linke Achselhöhle eingeklemmt, die rechte Hand gespreizt hatte und mit der Zigarette im Mundwinkel wiederholte: „Na, warum nicht?”

Da war nichts zu widerlegen.

Jetzt tauschte Schaller seinen Platz mit Mr. Wallace und ließ sich neben dem thüringischen Freiherrn nieder.

„Herr Baron, nichts für ungut, aber Sie philosophieren zu viel! Sie müssen mich in Barcelona besuchen! In allem Ernst! Ich habe Ihnen nachher auch etwas Amüsantes zu erzählen. Unter uns: ein Restchen deutsches Gemüt in mir beneidet Sie. Verstehen Sie? Nein? So will ich's Ihnen erklären. Gestern warfen Sie gesprächsweise die Bemerkung hin: als Sie die Wahl hatten zwischen Staatskarriere und geistiger Vertiefung, haben Sie unbedingt das letztere vorgezogen. Universalbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts -- sagten Sie; moderne Fortsetzung des klassischen Idealismus -- sagten Sie. Sie sehen, ich hab' mir's gemerkt, bin also gar kein so feister Materialist, wie es allerdings aussieht. Und darum sag' ich: ein Rest in mir beneidet Sie um dieser freien Wahl willen, die Sie getroffen haben. Hol's der Teufel! Etwas wie Sentimentalität sitzt immer in uns Deutschen.”

„Das Deutschland von heute hat sich für _Ihren_ Weg entschieden, mein lieber Herr Schaller”, erwiderte Ingo gelassen. „Erst die Million -- dann die Seele! Beneiden Sie mich vielleicht um das Martyrium der Heimatlosigkeit?”

„Ach was, Unsinn! Sie sind jung, nicht älter als ich! _Schaffen_ Sie sich eine Heimat, _bauen_ Sie sich ein Schloß! In der Calle Muntaner zu Barcelona steht meine Burg; kommen Sie einmal hin, sehen Sie sich an, was deutsche Energie im Ausland fertigbringt! Bis dahin hab' ich ein hübsches junges Weib im Hause. Schaffen auch Sie sich eine Frau an, Herr Baron, das bewahrt vor philosophischen Hühnerleitern! Und kommen Sie! Ich bin manchmal hungrig nach Geist -- ausgehungert! Und ~à propos~, wissen Sie, was ich Ihnen jetzt Amüsantes zu verzapfen habe, Sennor? Wissen Sie, daß Sie entdeckt sind?”

„Wieso entdeckt?”

„Als ein Troubadour namens Ingo, der meinen zwei jungen Nichten den Hof macht!”

„Potztausend noch einmal!” fuhr Ingo auf und hätte vor Verblüffung fast sein Sektglas fallen lassen. „Die zwei jungen Mädchen da oben auf dem Hügel sind Ihre Nichten?!”

„Sind meine Nichten, ich kann nichts dafür!” bestätigte der lachende Kaufmann. „Niedliche Lärvchen, was? Beide haben's nicht von mir, denn wir sind nicht blutsverwandt; die Mutter der Älteren, eine Witwe aus Straßburg, ist die Schwester meiner Stiefmutter; so sind wir in eine Art Onkelschaft geraten, und ich versteh' mich mit den Mädels ganz famos. Die Jüngste ist ja entzückt von Ihnen, einfach aus dem Häuschen!”

„Aber sagen Sie mir doch -- wie hat sich denn das herausgestellt? Aus Straßburg? Jetzt begreif' ich! Dort war's, dort hab' ich das Mädchen gesehen, in der Vogesenstraße, als ich im Herbst ein paar Wochen dort wohnte! Aber wie hat man denn mich entdeckt?”

„Nichts einfacher als das! Durch Ihr Buch ‚Heroismus’, das Sie mir geliehen haben! Da steht Ihr Name, Ingo von Stein. Dies Ingo hat sie verraten. Ich habe das Buch meinen Nichten hinaufgebracht, wir blättern drin, der kleine Grashüpfer schwatzt immerzu von dem Besuch des reizenden Unbekannten, der Ingo heiße. Ingo? Ingo heißt euer romantischer Anbeter? Wie sieht er denn aus? So und so! Famos, da haben wir ihn ja! ~Voilà! Ecco!~”

Er lachte herzhaft. Stein lachte mit.

Aber in seinem Herzen schloß sich doch etwas zu; ein musikalischer Zauber, ein poetischer Duft drohte zu entfliegen, der Reiz des Magischen und Fremdartigen. Denn jene Welt Mozarts, jenes reine Eiland der Schönheit, wurde überflutet von der breiten Alltagswelt dieser knochigen Millionenmacher, dieser Geldmagnaten, dieses modernen Amerikanismus.

Daher ging Ingo recht bald und mit leichtem Scherz über die Sache hinweg, zumal Frau Friederike, zur Eifersucht geneigt, gespannt herüberfragte, von welchen reizenden jungen Mädchen denn hier so angelegentlich die Rede sei. Nur eines merkte er sich: die jungen Damen waren im Begriff, mit Frau Frank-Dubois, Marthas Mutter, nach Barcelona zu reisen, um dort einige Wochen bei Onkel Schaller zu wohnen.

„Eine Reise nach Barcelona”, warf Ingo hin, „steht übrigens bei mir schon längst auf dem Programm. Denn dort in der Nähe ist der berühmte Montserrat, der Gralsberg, der Montsalvat der Sage.”

„Kenn' ich natürlich genau! Famoser Berg! Großartige Aussicht! Also kommen Sie! In meinem Hause finden Sie etwas, was Ihnen so leicht kein Privatmann bietet: zwei echte Velasquez! Heh, was meinen Sie dazu? Raus aus dem Beamten- und Spießbürgernest Deutschland! Nur der Mittelmäßige kommt dort vorwärts! Für geniale Köpfe ist kein Platz mehr im Reich. Großzügige Naturen treiben sich im Ausland herum oder ersticken im deutschen Winkel.”

Die Damen und einige Herren zogen sich zurück.

Trotzendorff trat zu Stein heran, der sich gleichfalls erhoben hatte.

„Weißt du das Neueste, Ingo?”

„Nun was denn, Richard?”

„Meine Berufung ist Tatsache! Hoheit hat's bestätigt!”

„Also von jetzt ab Hofmann, lieber Richard? Na, mein herzliches Beileid!”

„Danke für den Glückwunsch! Das wird auch für dich entscheidend, alter Flüchtling! Ich habe meinen Plan. Und du weißt, ich bin in solchen Dingen zäh. Auf dem Weg über Seine Hoheit komm' ich an den Kaiser heran, mache Majestät mit deinen Gedanken bekannt, verschaffe dir eine persönliche Vorstellung, und du wirst an den Platz gestellt, wo du wirken kannst!”

Ingo legte den Arm um die Schulter des Freundes.

„Du bist doch ein unverbesserlicher Utopist!”

„Abwarten, Junge!” erwiderte der straffe Soldat und strich seinen dicken grauen Schnurrbart. „Wenn du erst einmal mit dem deutschen Kaiser auf der Wartburg ein richtiges Kaisergespräch geführt hast, dann sprechen wir weiter!”

Frau Friederike war herangekommen. Es war heute abend in ihrem Wesen etwas wie nervöses Fieber.

„Richard hat recht”, sagte sie hastig. „Wir müssen dich unter Aufsicht nehmen, lieber Ingo, wir müssen dich mit Gewalt an die rechte Stelle schieben. Die Sache wird gemacht! Du kennst meinen Alten, der läßt nicht locker, wenn er etwas im Kopf hat!”

„Hier steh' ich nun wie Buridans Esel zwischen den zwei bekannten Heubündeln”, lächelte Stein. „Die Lockung dort heißt Barcelona -- die Lockung hier heißt Wartburg. Wohin?”

„Nach Deutschland, Ingo! An deine deutsche Aufgabe!”

„Hat mich nicht gerade Friedel aus Deutschlands Enge herausgeschmeichelt?”

Doch Frau Friederike schob ihren Arm unter den seinen und entführte ihn samt ihrem Gatten aus der Riviera-Gesellschaft.

Aber sie konnte sich oben, als sie einander Gute Nacht sagten, nicht enthalten, noch einmal nach den hübschen jungen Mädchen zu fragen, die ihn so lebhaft entflammt hatten. Er warf lachend einige beschwichtigende Worte hin; doch ihr entging nicht, daß er errötet war, und sie schied mit langen, schweren Blicken ...

Das Gewitter war vertost. Von den Stauden und Palmen troff noch die himmlische Feuchtigkeit; das Meer rauschte bedeutend.

Stein atmete auf seinem Balkon die würzige Nachtluft ein und verglich die muntren Mozart-Mädchen auf jenem offenen, hellen Hügel mit diesem drückenden Salon-Parfüm und Salon-Geschwätz dieser Riviera-Hotels und Riviera-Spielhöllen. Und in der Ferne vernahm er ununterbrochen das ozeanische Brausen der Titanic-Katastrophe.

„O du Tiefstes meiner Seele, du kannst ja doch nicht hinauf! Wenn meine Seele tost wie die schäumende See und zitternd solche machtvolle Schönheit aushält, dann ist es in mir wie ein schweres, langsames Glockenläuten. Und das zu ertragen, dieses Gewaltige, hilft mir nur eins: die Seelensprache der Poesie und Musik. Sie segnet meine Herzensglut, und mit ihr ertrag' ich die Schönheit der gewaltigen Erde ...”

Lang noch saß er über Büchern und Papieren, Schwermut durch Arbeit bekämpfend. Spät entschlief er.

Heitre Mozart-Melodien vermischten sich im Entschlummernden mit der Notturno-Stimmung des „Don Juan” -- der Anfang von Beethovens ~Sonate pathétique~ brauste herein, wuchtig, zornig -- und die schwermütigen, harfenartigen Einleitungsakkorde des Brahmsschen Liedes „Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt”. Doch in diesem Chaos von Tönen behauptete sich zuletzt Schuberts „Wandrer”: „Wo bist du, mein geliebtes Land?” ...

* * * * *

... Marx und Schaller, die Unzertrennlichen, saßen noch beisammen, ließen sich einen Mokka brauen und sprachen von Dividenden und Prozenten.

Plötzlich warf Marx mit zweifelhaftem Blinzeln hin:

„Hm, sagen Se mal, was halten Sie von diesem Stein?”

„Ein sympathischer Mensch!” beteuerte Schaller, der ziemlich gezecht hatte. „Eine von jenen hochbegabten Naturen, die keinen Platz finden im hundsgewöhnlichen, miserablen, mittelmäßigen Reichsdeutschland! Verstanden, Otto S.?!”

„Na, na! Das glauben Sie ja selber nich!”

„Selber nicht? War ich nicht Referendar, ehe ich Kaufmann wurde? Warum bin ich ausgerissen? Weil mir der Atem ausging zwischen euren Hinter- und Vordermännern, die einander Hacken und Zehen abtreten!”

„Riesiger industrieller Aufschwung in Deutschland! So 'ne Titanic -- die übertrumpfen wir! Mittelmäßig? Steckt 'ne Masse Genie im modernen Deutschland!”

„I natürlich! In allen technischen Dingen, selbstverständlich! Zeppelin -- bravo! Aber sonst? Genie? Wo denn? Was wissen Sie denn, Samuel, in Ihrem Verstandeskasten, was Genie ist? Wo sind denn die großen und ewigen Ideen in eurer Politik oder Literatur? Reporter seid ihr, ganz schwunglose Reporter und Photographen!”

„Na, und Richard Strauß?! Und Reinhardt! Gehen Se mal in den Berliner Zirkus und sehen Se so 'ne Aufführung! Und hat nicht Hauptmann den Nobelpreis gekriegt? Was wollen Se denn noch? Wollen Se wieder Vergißmeinnichts-Geschmack einführen, Sie?!”

„Mann, Markuse, machen Sie mich nicht wild!” schrie der Champagner aus Schaller. „Wo ist denn da Größe?! Größe, sag' ich, Sie, Sie -- Sie Mann mit dem zweckdienlichen Verstandes-Apparat! Sie Nüchterling! Sie Mensch ohne Seele! Kurzum, Sie Geldbeutel!”

„Schaller, Sie schallen wieder mal brutal, aber brillant!” Der Kommerzienrat lachte sein meckerndes Lachen, ohne das geringste übelzunehmen. „Ihnen fehlt ein pikantes Weibchen -- so wie da die Trotzendorff. Unter uns -- die und der Stein, hä? Da ist auch nicht alles geheuer. Hat übrigens in Weibersachen Geschmack, dieses Mineral -- seine Freundin ist hübscher als seine Bücher!”

Und Marx lachte und schlürfte zwinkernd seinen Mokka.

„Was halten Sie denn von seinen Büchern?” fragte Schaller unwirsch, denn er empfand für Ingo entschiedene Zuneigung.

„Nu, ich hab' se nich gelesen -- aber was man so hört -- Nee! Heroismus? Das Buch ist geschmacklos eingebunden. Und der Inhalt -- süßliche Phrasen!”

„Phrasen? Dieser grundehrliche Stein? Sehen Sie sich doch dieses offene Gesicht an!”

„Ich nenne das Phrasen.”

„Beweis!”

„Nu, ich sage Ihnen, ich nenne das Phrasen, und damit Punktum! Was ist da zu beweisen?! Und sein Drama: ‚Der Sängerkrieg’! Das hat ja schon der Wagner komponiert! Und was er sonst verfaßt hat aus der Mythologie, das kann man höchstens noch mit Musik goutieren! Für mich Schwulst, süßer Brei, Phrasen!”

Er trank erbittert und nervös seinen Mokka leer, hatte sich in Hitze geredet und schaute ergrimmt seinen Gegner an. „Nu, was wollen Sie noch? Im übrigen ein liberaler und honetter Mensch, sag' ich selber! Alles, was recht ist! Und ohne Adelsdünkel! Ein Charakter, aber ein sehr bescheidenes Talentchen!”

„Was verstehen Sie denn eigentlich unter Talent?”

„Nu, daß einer was kann!”

„Wer stellt denn fest, ob einer was kann oder nicht?”

„Die öffentliche Meinung! Wir! Leute von Geschmack! Ganz einfach!”

„Wenn aber die öffentliche Meinung auf Irrwegen läuft? Habt ihr euch nicht hundertmal geirrt, ihr Deutschen, und lebende Talente totgeschwiegen und totgeschwatzt?!”

„Mit dieser Ausflucht kann sich jeder erfolglose Dilettant decken”, bemerkte Marx nicht mit Unrecht. „Man hat denn doch im allgemeinen eine sichere Witterung, was ein moderner Mensch is und was nur so nachdichtet. Unsere Nerven brauchen ein Stimulans, Neutöner, Reizungen, pikante Probleme -- verstehen Se? Ich protegiere da einen Dramatiker -- was wetten wir, daß ich ihm den Schillerpreis verschaffe? Wissen Se, wie so wat gemacht wird?”

Marx rückte vertraulich näher; und Schaller starrte unbeholfen in ein Paar pfiffige Augen.

„Denn solche Talente _kann_ man machen, den Stein nicht. Da wird in klugen Abständen eine Notiz ins Tageblatt lanciert -- übrigens auch Durchfälle schaden nicht, wenn nur die Öffentlichkeit beschäftigt bleibt! -- also eine Notiz: der ringende, begabte, geniale Dramatiker ~etc., pp.~ -- merken Se wat? Dann gute Verbindungen bei der Presse -- nu, und nach und nach gewöhnt sich die Welt an den Namen. Aber pikant muß er dichten, pikant! Mit diesem biedren Stein -- nee, damit ist kein Haus zu bauen.”

Schaller senkte den Kopf und betrachtete die Diamantknöpfchen seines zerknitterten Frack-Vorhemdes.

„Ihr habt unbedingt die Herrschaft”, sprach er dumpf, wie zu sich selber.

Dann schaute er aus seiner halben Betrunkenheit auf, faßte seinen Freund Marx ins Auge und schnarrte plötzlich in schärfstem Leutnantston:

„Otto Samuel, Sie heißen Markuse -- und damit ist alles gesagt! Schluß der Debatte!”

Marx sprang ärgerlich auf. Aber einige spät zurückkommende amerikanische Dollarkönige gaben dem Gespräch einen neuen Aufschwung. Es war von Kartellen, Syndikaten, Trusts die Rede, nüchtern, kaufmännisch, und die Sätze waren gespickt mit Zahlen.

Der kleine Marx und der große Schaller waren wieder in ihrem Element. Und sie schüttelten sich beim Auseinandergehen gemütlich die Hände. Denn jeder schätzte des andren kaufmännische Begabung.

Drittes Kapitel

Die Freundin

Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!

_Nietzsche_

Ein heißes Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann sich, wie leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die Sonntagsspiele mit seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene Spieltage waren so voll, so glühend schön, daß ihm am Abend das Herz weh tat, wenn er sich von den Gespielen trennen sollte. Noch oft im Leben mußte er mit männlicher Besonnenheit Heimweh nach dem Schönen und Guten ins rechte Maß zwingen.

So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bändigung allzu drangvoll emporquellender Gefühle. Und wie für das Schöne, so war er für Güte empfänglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man alles von ihm erreichen; Härte rief seine Vertrutzung wach. Er war geschaffen zur Freundschaft, zur Brüderlichkeit, zur Liebe. Doch grade weil seine Natur so warmherzig und phantasievoll allen Reizungen antwortete, brauchte er als Gegenkraft viel Kultur und Bildung, um in sich jenes edle klassische Gleichmaß auszugestalten, das dem Idealisten vorschwebte.

Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo von Stein und dem Ehepaar Trotzendorff.