Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart
Part 18
Hier brach der Sänger ab und ging in ernstes Phantasieren über, beginnend mit den Anfangsakkorden von Tristan und Isolde, die ja hier im Orchester der Meistersinger ertönen, überleitend zum Karfreitagszauber, dann Erinnerungen von Lourdes und vom Gralsberg verwebend mit eigenen fremdartigen Phantasien, die zu einem Lieblingswerk von Elisabeth hinüberführten, der Nänie von Brahms: „Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter bezwinget.”
Hier sprang er auf.
„Doch nicht diese wehmutvollen Chöre sind der rechte Abschluß! Jetzt setzt meine Orgel ein.”
Und mit feierlichen und großen Choralphantasien am Meisterharmonium machte er den Beschluß.
Trotzendorff lag im Polsterstuhl, nickte behaglich und war einem gemächlichen Halbschlummer nahe. Der Abend mit seinem milden Schneelicht fing sachte an, in lange Dämmerung überzugehen. Frau Elisabeth saß in ihrer üblichen graden Haltung und verwandte kein Auge von den Künstlern am Klavier, besonders von Frau Friedel. Und als nun Ingo aufstand, erhob sich rasch auch seine Gattin, deren Geist insgeheim gearbeitet hatte; sie kam heran, legte einen Arm um die Freundin und den andren um Ingo und küßte beide mit einer wortlosen Zartheit, denn sie hatte die Sprache der Musik verstanden.
„Wenn ich doch nur die Hälfte deines Talentes hätte!” seufzte sie dann, den Kopf an Frau Friederikens Wange legend.
„Gutes Kind, wieviel hast du im Herzen!” erwiderte die Künstlerin. „Darf ich manchmal zu dir kommen und Wärme holen, Elisabeth? Es gibt Menschen, nach denen man Heimweh bekommt, wenn man mit ihnen zusammen war -- du gehörst zu diesen seltenen Menschen.”
Ingo brachte das Ehepaar persönlich im Wagen an den kleinen Bahnhof.
„Ernste Zeiten, Ingo! Wartezeit! Aber ich denke, wir stehen unsren Mann!” war Richards letztes Wort.
„Auf Wiedersehen, Friedel!”
„Ingo, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich für dich bin! Was ist das für ein begnadetes Menschenkind! Sie wirkt durch ihr bloßes Dasein. Wir andern -- müssen reden und singen, um uns wichtig und beliebt zu machen.”
„Nicht wahr?!”
Sie sagten nicht einmal, wen sie meinten, denn das war ja selbstverständlich.
Als aber Ingo wieder sein Haus betrat, in dem Gefühl, daß doch nun erst seine eigentliche Welt beginne, die heilige Stille, hatte er einen rührenden Anblick. Er hörte Klavier spielen und vernahm dazu Elisabeths feine und gute, doch keineswegs tonstarke Stimme. Leise trat er ein. Die schlanke dunkle Gestalt mit der schweren Haarkrone saß und bemühte sich, Evas Partie zu lernen, indem sie die Singstimme zunächst mit den Fingern nachtupfte und mitsang. Aber sie war, obwohl sie leichte Sonaten einwandfrei spielte, größeren Schwierigkeiten doch nicht gewachsen.
„Elisabeth!” rief Ingo erstaunt, die Türklinke in der Hand.
Sie erschrak und flog empor.
„Meine gute Elisabeth, komm einmal her zu deinem Mann! Sag' einmal, meine süße Santa, was sind denn das für neue Bestrebungen?”
Sie fiel ihm halb lachend, halb verschämt um den Hals.
„Liebster, verzeih! Ich möchte so gern alles mit dir teilen, alles! Auch mit dir singen. Ich möchte dir sein, was dir andre sind.”
„Aber, aber -- spricht das meine großherzige Elisabeth? Möchtest du das wirklich? Möchtest du mir etwa meinen lieben alten Konsul Bruck ersetzen und Geister schauen? Oder Trotzendorff? Möchtest du das? Seit wann will mir denn Elisabeth, die mir immer so viel Freiheit gelassen hat, jetzt zu guter Letzt Frau Friedel überflüssig machen? Sind nicht die Freunde da draußen der Stolz unsres Hauses? Die Guten, die zu uns gehören?”
„O ja, du hast recht! Das will ich nicht, wirklich nicht! Im Gegenteil! Vergib, du hast mich da auf einer rechten Schwäche ertappt! Ich dachte nicht, daß du schon so früh zurück wärest.”
„Ich habe ja die Pferde gejagt, daß sie dampften, so sehnt' ich mich, mit meiner Einzigen allein zu sein! Du, mit deiner Seele voll Musik! Hast du nicht Verständnis für große Kunst von Bach bis Brahms -- genügt das nicht? Will meine Hausfrau auch noch Sängerin sein? Und daß Meister Wilhelm Raabe dein Lieblingsschriftsteller ist -- stellt das nicht deinem literarischen Geschmack ein gutes Zeugnis aus, du Stille im Lande? Komm, küsse mich! Dein Kuß ist Musik, du Süßeste der Süßen! Wir sind wieder allein!”
Und sie sagten sich innige Worte.
Dann gingen sie Arm in Arm in Ingos Arbeitszimmer.
„Hier ist etwas, was dich interessiert, Elisabeth. Da hat mir der Architekt den Plan unsres künftigen Hauses geschickt, den er nach meinen eigenen Angaben ausgearbeitet hat.”
Er breitete den Grundriß über den Tisch aus; und die Gatten vertieften sich in den groß und persönlich angelegten Zukunftsbau.
„Es sieht aus wie ein großes lateinisches ~T~”, bemerkte Elisabeth, „mit einem kleinen Kreis über der Mitte des oberen Querbalkens. Oder wie ein Mensch mit ausgestreckten Armen.”
„Sonderbar, nicht wahr?” versetzte er. „Am Fuße ist der Haupteingang; ein Korridor läuft im Stamm entlang und in den Seitenarmen. Im Kreuzungspunkt ist die Treppe nach oben; dort ist der Vorraum zur Tempelrotunde, die durch diesen Kreis dargestellt wird.”
„Ein Tempel?”
„Ja, das sind nun einmal meine Besonderheiten. Doch dieser Tempel ist noch Geheimnis. Er wird zuletzt gebaut. Und nicht jeder darf ihn betreten.”
„Wir beide betreten ihn gemeinsam, nicht wahr, Ingo?”
„So ist es, Elisabeth. Wir reifen ihm gemeinsam entgegen, das ahnst du ganz richtig. Diese hohen Dinge kann man nicht so ohne weiteres machen, sie müssen wachsen, sie werden geschenkt, wenn die Zeit gekommen ist. Den Tempel der Erfüllung kann man erst verstehen, wenn man durch Erlebnis reif ist. Was würdest du hineinstellen, Elisabeth? Laß einmal sehen!”
Sie besann sich ein Weilchen, dann sagte sie:
„In die Mitte, auf einem Postament und aus reinstem Marmor, den segnenden Christus von Thorwaldsen. Und in die Nischen an den Wänden -- es sind doch Nischen drin? -- die großen Meister, die du besonders verehrst, lauter weiße Marmorgestalten. Das müßte feierlich stimmen, wenn man unter diese großen Menschen tritt, und es fällt nur von oben Himmelslicht hinein, nicht wahr?”
„Sieh mal an, sieh mal an, mein Weib wird ja schöpferisch! Beginnst wohl schon gleich den Tempelbau?”
Sie hatten die Arme umeinandergelegt, gingen im geräumigen Arbeitszimmer langsam hin und her und plauderten von der Zukunft: er in ernster Symbolik, sie von der weiblichen Freude erfüllt, mit dem Geliebten beraten zu dürfen.
Er sprach über seinen Lieblingsgedanken, drei europäische Grundkräfte zur Harmonie zu bringen: Akropolis, Golgatha und Wartburg -- Griechen-Schönheit, Christus-Güte, Germanen-Ernst. Er flocht im Gespräch unsichtbare Rosen um ein unsichtbares Kreuz. Und er teilte seine Gedanken in einer Sprache mit, die ihrer Fassungskraft zugänglich war.
„Diese künftige Einheit herzustellen, ist die Sendung künftiger deutscher Meister”, sprach er. „Die Vorbereitungen dazu können jetzt schon eines Mannes Leben ausfüllen. Deutschland ist das Herz Europas: es hat den Tempel zu bauen. Auch ich will versuchen, vorbereitend in meinem kleinen Bezirk mitzuwirken. Und Elisabeth soll dabei sein.”
Dann wandte er sich wieder den Plänen zu.
„Um das ganze Haus wird sich im Halbkreis oder in Eiform ein kleines Gitter ziehen, das innerhalb des Parkes den Hausbezirk noch einmal umfriedet. Sinnvolle Blumenanlagen und Statuen werden sich diese Umfriedung entlangziehen. Am linken Flügel mündet der Fahrweg ein, läuft vor den Haupteingang und dann am rechten Flügel wieder hinaus zu den Wirtschaftsgebäuden, führt also ungefähr am inneren Gitter entlang, wo die Statuen grüßen, die gleichsam das Ganze umwachen.”
„Und was steht hier über der Eingangspforte?”
„Dort ist in der höchsten Mitte des Steinbogens ein steinernes Kreuz; darum ein Kranz von sieben Rosen, vier unterhalb, drei über dem Querbalken; die mittlere dieser drei oberen Rosen ist angeheftet am Stamm. Unter diesem Rosenkreuz ist eine Marmortafel, darauf in Goldschrift folgende Worte:
„Hier ragt in Stein das Zeichen edler Großen, Und diesem Zeichen sei das Haus geweiht: Haus Waldeck steht im Bann von Kreuz und Rosen, Von heitrem Ernst, von ernster Heiterkeit. Und wer des Zeichens tiefren Sinn erfaßt, Der sei willkommen als erles'ner Gast.”
Es war dunkel geworden. Aber das geheimnisvolle Schneelicht und ein blauer Nachthimmel mit vielen Sternen ließen es nicht ganz finster werden.
Die glücklichen Liebenden kosteten so recht die traute Wärme dieser Schummerstunde. Und es war schwer zu entscheiden, was ihnen inniger am Herzen lag: diese Pläne selber oder die Wonne des gemeinsamen Plänemachens, in dem sich ja symbolisch nur wieder ihr eigenes tiefstes Lieben oder Sehnen aussprach.
Er setzte sich in den Schaukelstuhl; sein Weib schmiegte sich auf seine Kniee und in seine Arme. Warm und nahe gingen ihres Busens Atemzüge. Man hörte nur das Ticken der Uhr. Und sie träumten in die erhabene Winternacht.
Um Park und Haus erhoben sich rechts und links Tannenberge; aber die vordere Seite war weithin offen; und erst ganz fern schloß sich der Horizont durch die zart geschwungene Linie bewaldeter Hügel. Man konnte dort an hellen Tagen eine Lücke unterscheiden, und in der Lücke eine Bergstraße, die hinausführte in neue Länder und Weiten. Dorthin schaute der Gutsherr oft und gern. Denn nicht ganz verklungen war die Melodie der Sehnsucht, die ihn einst hinausgetrieben hatte, der Ferndrang, das Iphigenien-Heimweh am Ufer von Tauris. Aber ihn durchdrang die männlich-sichere Empfindung: jene Schönheit auf dem Rivierahügel, jene Geister vom Montserrat -- sie sind nicht draußen, sie sind nahe bei mir und in mir; ich habe die weite Welt hereingeholt in die erweiterte Enge.
„Kreuz und Rosen”, sagte Frau Elisabeth träumerisch, ihren Gatten umrankend wie ein Rosenzweig. „Ist es nicht Verklärung des Lebens durch die Liebe? Oder was ist des Zeichens tieferer Sinn?”
„Das werden wir alles noch verstehen lernen, Elisabeth.”
„Wir? Du verstehst es ja schon.”
„Nicht ohne dich. Diese Geheimnisse offenbaren sich nur durch Liebe, nicht durch Verstand. Darum verstehe ich sie nicht ohne dich -- und du nicht ohne mich. Ich erlebe und erlerne in dir und du in mir. Und unsere Liebe hat schon alle künftigen Erkenntnisse in sich -- wie eine Rosenknospe die künftige Rose.”
_Ende_
Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart
Friedrich Lienhards Werke
Lyrik
·Lebensfrucht.· _Gesammelte Gedichte._ 4., auch die Sammlungen „Lichtland” und „Kriegsgedichte” umfassende Gesamtausgabe. 6 Mk., geb. 7 Mk.
·Die Schildbürger.· Frühlingsdichtung in zehn Gesängen. 2. Aufl. 4 Mk., geb. 5 Mk.
Dramatik
·Till Eulenspiegel.· Narrenspiel in drei Teilen. 4. Auflage. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk.
·Münchhausen.· Lustspiel. 3. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk.
·König Arthur.· Trauerspiel. 3. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk.
·Gottfried von Straßburg.· Schauspiel. 3. Aufl. 2 Mk., geb. 3 Mk.
·Odilia.· Legende. 2. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk.
·Wieland der Schmied.· Dramatische Dichtung. 4. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk.
·Wartburg.· Drei dramatische Dichtungen: „_Heinrich von Ofterdingen_”, „_Die heilige Elisabeth_”, „_Luther auf der Wartburg_”. 4. Auflage. Je 2 Mk., geb. 3 Mk.; in einem Band 5 Mk., geb. 7.50 Mk.
·Odysseus auf Ithaka.· Dramatische Dichtung. 2. Aufl. 2 Mk., geb. 3 Mk.
·Ahasver am Rhein.· Trauerspiel. 1.50 Mk., geb. 2.50 Mk.
·Phidias.· Schauspiel in drei Aufzügen. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk.
Epik und Prosa
·Helden.· Bilder und Gestalten. 3. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk.
·Oberlin.· Roman. 45. Auflage. 7.50 Mk., geb. 9 Mk.
·Der Spielmann.· Roman. 30. Auflage. 5 Mk., geb. 6 Mk.
·Der Einsiedler und sein Volk.· Novellen. 11. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk.
·Wasgaufahrten.· 12. Tausend. 4 Mk., geb. 5 Mk.
·Thüringer Tagebuch.· 23. Auflage. 4.50 Mk., geb. 5.50 Mk.
·Neue Ideale.· Gesammelte Aufsätze. 2. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk.
·Wege nach Weimar.· 6 Bde. 4. Aufl. Jeder Band einzeln geb. 6 Mk.
·Deutschlands europäische Sendung.· Kriegsgedanken. 18. Tausend. 50 Pfennig.
·Deutsche Größe· (Schillers Gedichtentwurf). 50 Pfennig.
·Jugendjahre.· Erinnerungen. 6. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk.
·Lesebuch aus Lienhards Werken·, herausgeg. von Kreuzberg. 1 Mk.
Friedrich Lienhard
Deutsche Dichtung
160 Seiten. Gebunden Mk. 1.50
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Das klassische Weimar
3. Auflage. 123 Seiten. Gebunden Mk. 1.50
„Als treuer Hüter steht Friedrich Lienhard am Tor des Graltempels der idealistischen Weltanschauung unserer klassischen Kunst von Weimar. Und _mit tiefen Begeisterungen, mit priesterlicher Weihe, mit echter Wärme, ein wahrhaft Gläubiger_, weist er uns immer wieder hin auf das einzig Eine, was uns not tut: daß wir die Seele, das Wesen dieser Weimarer Kultur uns wahrhaft innerlich aneignen und das ganze tiefe Empfinden, die Sicherlichkeit und Gewißheit von ihrer vollkommenen und höchsten Schönheit und Wahrheit in uns erfahren. In großen Linien zeichnet er den Entwicklungsgang, den Aufstieg von Friedrich dem Großen und Klopstock bis zur Vollendung in Goethe, und legt den Wert und die Bedeutung der Führer in ihren Besonderheiten dar.”
_Julius Hart, Der Tag._
Einführung in Goethes Faust
3. Auflage. 116 Seiten. Gebunden Mk. 1.50
„Auf eigenem Wege bahnt Friedrich Lienhard seinen Hörern den Zugang zum Innersten der Dichtung. Er erfaßt den Faust als Mysterium, als Erlösungswerk, leitet ihn aus dem religiösen Untergrund der Persönlichkeit Goethes ab, die er zuerst in ihrem Werden und Sein mit großen Linien zeichnet, und nennt den „Faust” glücklich ein Drama vom inneren Menschen ... Auch denen, die von der gewöhnlichen Faustliteratur nichts wissen wollen (und ihre Zahl scheint mir immer größer zu werden), kann ich Lienhards Buch warm empfehlen.”
_Das literarische Echo._
Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig
+----------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | | gebräuchlich waren, wie: | | | | andere -- andre | | benützt -- benutzt | | Goethe-Band -- Goetheband | | Grashupfer -- Grashüpfer | | Helena-Tragödie -- Helenatragödie | | Riviera-Hügel -- Rivierahügel | | tapferen -- tapfren | | unsere -- unsre | | Wanderer -- Wandrer | | | | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | | | | Der Schmutztitel wurde entfernt. | | S. 9 „Schaller & Ko.” in „Schaller & Co.” geändert. | | S. 46 „Les Beaux” in „Les Baux” geändert. | | S. 48 „Flotillen” in „Flottillen” geändert. | | S. 71 „Scylla” in „Skylla” geändert. | | S. 122 „Bhagavad Ghita” in „Bhagavad Gita” geändert. | | S. 127 „Park Guell” in „Park Güell” geändert. | | S. 141 „Kalvinistenstadt” in „Calvinistenstadt” geändert. | | | +----------------------------------------------------------------+