Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Part 17

Chapter 173,626 wordsPublic domain

Ingo schlief.

Die Tür tat sich auf, und eine Dame stand im Zimmer, ohne Hut und Handschuhe.

Jetzt fuhr der Schlafende empor und sprang sofort auf die Füße, verworren die Augen reibend.

Das Glück stand an der Tür.

Erst war er der Meinung, es hätte sich jemand in der Zimmernummer geirrt. Dann aber, obschon bereits Dämmerung war, erkannte er jählings, wer vor ihm stand.

„Elisabeth!”

Sie lehnte wortlos an der Wand. Sie konnte keine Silbe hervorbringen.

„Aber, Kind, meine gute Elisabeth, wie kommst denn du hierher?! Bist du hier abgestiegen? Hast du ein Zimmer hier im Hotel?”

Sie nickte. Ihre Brust arbeitete mächtig.

„Wohnst am Ende gar im Zimmer gegenüber, das Trotzendorff gestern verlassen hat? Das ist ja ein entzückender Streich! Und ganz aus eigenem Entschluß?”

Sie nickte wieder, kurz und heftig. Aber dann hielt sie's nicht länger aus -- mit einem jähen Laut „Ingo!” flog sie ihm um den Hals -- und ihre Arme umschlangen ihn -- und Mund lag auf Mund. Aus ihrer Brust kam ein Ton wie Jauchzen und Angst. Sie ließ ihn nicht los, sie trank seine Küsse, sie suchte immer wieder seinen Mund und preßte ihn mit der ganzen Stärke ihrer starken Arme an ihre wogende Brust.

Und alle Gedanken, Programme, Ideen, die soeben diesen Raum erfüllt hatten -- versunken! Nein, verwandelt! In Leben verwandelt! Verwandelt in den einen großen Ton elementarer Liebe, in diese Flut ungestüm andrängender Liebe, in diesen überwältigenden Duft blühenden Lebens -- ganz verwandelt in dieses atmende, glühende, sinnenstarke und doch so stolze und herbe Mädchen, das sich nur dem einen Manne auftat!

Umwogt und umwunden von diesem langen Haar mit dem natürlichen Duft, saßen sie wie einst im Wald und wurden nicht satt, sich Kosenamen zu stammeln. Ihr Mund, ihre Augen, Ohren, Hals und immer wieder ihr Mund wurden von Ingos Küssen überdeckt; und wenn er den Kopf an ihrem Halse barg, war sie es, die seine Lippen wie in Angst aufsuchte und unzählige Male immer nur das eine Wort wiederholte: „Mein, mein, mein!”

Ingo hatte nie gewußt, wie ein Weib lieben kann, hatte nie gewußt, wie dieses Weib lieben konnte. Mit dem ganzen, zarten, weichen, vibrierenden Organismus liebt das Weib, ihr Körper ist Liebe, ihr Körper ist Sprache ohne Worte. Mächtiger als der Mund allein spricht und jauchzt das ganze Wunderwerk Weib dem Geliebten entgegen. Die Zeit blieb stehen; sie achteten nicht, ob Sonne oder Mond am Himmel stand; sie hatten ja ewig zusammengehört, von Anfang der Welt an, als noch keine Zeit war. Sie hatten sich gesucht durch Jahrtausende seit der alten Atlantis und jetzt gefunden, hier am Fuße der Wartburg, hier im Herzen Europas.

Allmählich stellten sich dann doch Worte ein, süßes Raunen, töricht holde Melodie, innige Koseworte und Wort-Erfindungen, immer wiederholte Fragen, die keine Fragen waren.

„Du bist mein, nicht wahr, ganz allein mein? Ich hab's ja nicht mehr aushalten können! Ach Ingo, sag's, nicht wahr, ich verliere dich nie mehr, nie mehr, nie mehr?”

„Bis in den Tod, Elisabeth!”

„Bis in die Ewigkeit, Ingo! In alle, alle Ewigkeit! Ewig, ewig, ewig dein!”

Sie erzählte, daß sie keiner Menschenseele von dieser Fahrt nach Eisenach gesagt habe, sondern nach Weimar gefahren sei, um Tante Adelheid zu besuchen. Von dort kam sie her. Sie sprach von allem, was bisher die Liebenden getrennt, sie sprach abgerissen, in Worte zusammendrängend, ohne Satzbildung. Aber sie verstanden sich doch. Es durchflutete die beiden Menschen, die sich so lange gesucht hatten, ein Empfinden, das ihnen bisher unbekannt war: der Jubel der Erfüllung.

Und er gedachte jenes Ringes, den er in Genf gekauft. Er tastete danach, immer noch in ihre herrliche Haarflut gehüllt, und steckte ihn an ihren Finger und zog ihren Schmuckring ab und steckte ihn sich selber an.

„Meine Braut! Mein Weib!”

„Bin ich das? Bin ich dein Weib?”

„Meine Frau halt' ich im Arm! Und was bin ich?”

„Mein süßer Liebster, mein Bräutigam, mein lieber, lieber Mann!”

Ihre Stimme war Herz und Seele; wie ein Kind lag sie an seinem Halse. Die Qual und Spannung von Jahren löste sich in diesen heilig-seligen Augenblicken mit erschütternder Gewalt.

Draußen, weit wo im Westen, flammte ein spätes Abendrot: unter schwarzen Wolkenmassen ein roter Feuerstreifen, als winkte dort, jenseits der Wasser, ein leuchtendes Land.

Zwei Menschen trieben auf einer Planke dem Lande der Liebe zu.

* * * * *

Meine gute Friedel!

Ich habe mich soeben hier in Eisenach mit Elisabeth verlobt. Du sollst die erste sein, die es erfährt, Du, der ich so Unvergängliches verdanke. Ich bin glücklich, Friedel. Mein Herz ist bis obenan voll Dank. Nebenbei war ich gestern auf der Wartburg und hatte die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Aber nicht dahin geht mein Weg, sondern in die arbeitsame Stille -- mit Elisabeth. Bleibt gut, Du und Richard,

Eurem alten Ingo.

_Nachschrift._ Liebe gnädige Frau! Ingo bittet mich, einen Gruß darunter zu schreiben. Gern tue ich das. Ich bin Ihnen von Herzen gut und bitte auch Sie um Ihre Freundschaft. Wie glückselig ich bin, das vermag kein Mund auszusprechen.

Ihre Elisabeth.

Zwölftes Kapitel

Der Gutsherr

Sehnsucht ins Ferne, Künft'ge zu beschwichtigen, Beschäftige dich heut' und hier im Tüchtigen!

_Goethe_

Zeitenwende bereitet sich vor.

Einzelne Wandrer haben sich abgesondert vom Zeitgeist. Sie suchen untereinander Fühlung. Sie bilden eine heimliche Gemeinde der Ernsten und Stillen. Ihr heiliger Hain ist umschirmt von schwarzen Zypressen. Im Innern aber tragen Fruchtbäume rote und goldne Gaben.

Diese Abgesonderten formen langsam das neue Lebens- und Bildungsideal.

Der Spielmann und Gralsucher Ingo von Stein hatte sich nach jenem Wartburgtage dieser unsichtbaren Gemeinde angeschlossen. Sie ist nicht geformt, diese Gemeinde; sie hat weder Satzung noch Rang und Titel. Doch erkennen sich die Begegnenden daran, daß sie, ohne Hast und Unrast, mit einem stillen und starken Herzen Welt und Ewigkeit erleben und verarbeiten. Das kostbare Gut der Ruhe ist ihnen eigen: die Ruhe der gesammelten Kraft. Und ihre Lebensformen sind edel und einfach.

In ihren Tiefen ist Gebet. Sie glauben nicht mehr an den Verstand, sondern an etwas Umfassenderes: an die Gottheit. Nicht sind sie beherrscht vom Willen zur Macht, sondern von einer größeren Kraft: vom Willen zur Liebe. Mit schöpferischer Liebeswärme erobern sie von innen her. Und ihre Gangart ist still und stetig. Denn sie wissen, was sie wollen: Selbstbesinnung. Aus der Selbstbesinnung aber auf edelste Kräfte erwächst die neugestaltende Tat. Auch fehlt ihnen nicht das Arbeitsfeld: denn sie fangen ihr Gestaltungswerk mit sich selber an.

Aus diesen Saatschulen werden die Führer der Zukunft genommen.

Draußen aber vollziehen sich unterdessen die harten Ereignisse, die dem bisherigen Lebenston ein Ende bereiten.

„So stand einst Oberlin als Zeder mitten in der Revolution”, sagte sich Ingo von Stein, als er sich zu jenem Anschluß an die Gemeinde der Stillen entschloß. „So will auch ich auf meinem Felsen stehen.”

* * * * *

Jäh war das Glück der Erfüllung über Ingo gekommen. Aus der verhaltenen Kraft seiner Elisabeth war eine Liebe aufgeblüht, wie er sie nie für möglich gehalten hätte.

Fast unmittelbar hinter jenem Tag von Eisenach starb sein Bruder, der Jäger und Sportsmann, als hätte das Schicksal nur auf diesen Augenblick gewartet.

Ingo war nun Herr über ausgedehnten Landbesitz und umfangreiche Forste. Aber sein Herz hatte nie an äußeren Gütern gehangen; seelische Erfüllung war ihm von Kind an als das Wesentliche erschienen, schon als der Knabe Lieblingsgegenstände hergab, nur um dafür Freundschaft einzutauschen und Freude zu machen. Doch war es ihm ein sinnreiches Symbol, daß er nun auch äußerlich den Lehr- und Wanderjahren entnommen und auf den festen Boden der jetzt anhebenden Mannes- und Meisterjahre gesetzt war. Noch blieb seine eigentliche Kraft und Lebensbestimmung verdeckt und wartend; seine Stunde war noch nicht gekommen; er fühlte sich als Vorbereiter einer neuen Lebensstimmung für ein neues und wieder mehr innerliches Geschlecht.

Und in diesem wichtigen Punkte verstand er sich ausgezeichnet mit dem Vertreter der älteren Generation, der bei Ingo im Hause lebte: mit seinem alten Vater. Dieser Edelmann war von wunderbarer Geistesfrische, wenn er auch durch seine Gicht an den Stock und durch leidige Gewohnheit an die lange Pfeife gekettet war und in seinem Lederstuhl, von den beiden Doggen umlagert, einem Invaliden ähnlich sah. Er trug die Bartform des alten Kaisers, unter dem er die siebziger Schlachten mitgefochten hatte und mit dessen vornehm zurückhaltender edelmännischer Art er auch innerlich verwandt war. Unter Ingos anregendem Geisteshauch lebte der Alte wieder auf; denn er hatte immer eine stille Vorliebe für diesen jüngeren Sohn gehegt, dessen unzeitgemäße Sehnsucht er recht wohl nachfühlen konnte.

Elisabeth, in dem schwarzen Kleid der Trauer noch anziehender, hatte ihre Mutter verloren und war in aller Stille Ingos Gattin geworden. Über ihrem Wesen lag jener Schimmer von Wärme, den man mit dem Worte Innigkeit bezeichnen könnte, einem Worte, das mit Innerlichkeit verwandt ist. Kind, Jungfrau und reifes Weib schienen alle drei in dieser stillen und feinen Gestalt erhalten zu sein, einander ergänzend, nicht störend. Ihre stattliche äußere Erscheinung war von gebietender Hoheit, die aber von der etwas gedämpften und guten Stimme und von einem einfachen, kindlichen, ja fast schüchternen Lächeln des Wohlwollens wieder ausgeglichen wurde. Es war in ihr etwas wie seelische Leuchtkraft. Es gibt Menschen der Erfüllung, wie es Menschen der unruhigen Sehnsucht gibt; Elisabeth war ein Mensch der Erfüllung. Alles Unstete wird in solchen Naturen selige Gegenwart. Sie sind nicht mehr Hitze, sondern Wärme, nicht mehr Kometen, sondern Planeten oder gar Sonne. Dem Unerfüllten ist die Welt romantisch: aber die Erfüller machen die Welt traulich und heilig. In ihnen ist etwas, was der Romantiker leicht unterschätzt: die große Geduld. Sie haben es nicht mehr nötig, Tempelsucher zu sein: sie sind bereits Tempelbauer und Tempelhüter.

Diese drei, mehr oder minder auf Innerlichkeit und Gehaltenheit abgestimmten Menschen bildeten nun im Thüringer Herrenhause, im Herzen Deutschlands, den Grundstock der neuen Familie. Und es war eigenartig, daß gerade die einfachsten Menschen des Gutes, von der Waschfrau bis zum Feldarbeiter und Waldgänger, dem anscheinend durch Klüfte hoher Bildung von ihnen getrennten neuen Gutsherrn und seiner wahrhaft herzensadligen Gattin Zutrauen entgegenbrachten. Denn sie spürten in diesem jungen Ehepaar reines Menschentum. Auf den Höhen wahrer Bildung wird der Mensch wieder einfach.

Dabei legte Ingo großen Wert auf eine auserwählte und geschmackvolle Bibliothek. Mit ebensolcher Sorgfalt wählte er seinen Wandschmuck, wobei besonders sein Liebling Feuerbach neben alten Meistern in guten Kopien vertreten war. Flügel und Meisterharmonium zierten den großen Saal, der noch mit Jagdtrophäen und Waffen gefüllt war von der andren, der sportsmäßig unruhigen Generation, für die das Tuten eines Automobils wohllautender war als eine Sonate von Beethoven.

In diesem Saale war an einem Winterabend, der etwas Neuschnee über die Fichten gestreut hatte, das Ehepaar Trotzendorff zum ersten Male bei den Jungvermählten zu Gast. Und seltsamerweise hatte sich noch ein Bekannter eingefunden, den einst Ingo in Cette und Lourdes so gut wie gar nicht beachtet hatte: der ernste, etwas trockene Fabrikant Muthner.

Der Diener reichte Tee herum; der Vater hielt sich rauchend im Hintergrunde. Auch Muthner, der ohne seine ägyptischen Zigaretten unglücklich war, bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen, was die Damen gern gewährten. Und dennoch blieb, bei aller äußeren Gemütlichkeit und bei aller Gedämpftheit auf diesen vielen Fellen und bequemen Polstern des Salons, eine feine Trauer die eigentliche Stimmung.

„Es ist noch kein ganzes Jahr verflossen seit der Riviera”, stellte der Gutsherr fest. „Und was hat uns dieses eine Jahr gebracht! Als hätten sich zehn Jahre in diese kurze Zeitspanne eingepreßt! Erinnert ihr euch jenes Gespräches über die Titanic, Friedel und Richard? Und wer spricht heut' noch von der Titanic! Alle Welt ist voll vom Balkankrieg.”

„Die Geschäftslage ist drückend ernst”, warf der Fabrikant ein.

„Auch in die Feier der Befreiungskriege will kein rechter Schwung kommen”, bedauerte Trotzendorff.

Der Major z. D. hatte sich den nach seiner Meinung schmachvoll mißglückten Wartburgtag so zu Herzen genommen, daß ein Unmut in ihm zurückgeblieben war. Und bei nächster Gelegenheit hatte er sich aus dem Hofdienst zurückgezogen und sich als Offizier zur Disposition stellen lassen. Vereinstätigkeit und statistische Arbeiten machten ihm nun Freude. „Innere Arbeit am deutschen Volke” nannte er das mit seinem etwas doktrinär betonten vaterländischen Bewußtsein. Friedel saß wieder mit ihrem ganzen blühenden Künstler-Naturell neben dem anders gearteten Gatten, so prächtig erholt, daß sie sogar ein wenig zur Fülle neigte, was ihr keinen geringen Kummer verursachte.

„Es geht mir mit diesen Feiern sonderbar”, bemerkte Ingo. „Ich bin doch sonst ziemlich leicht in der Handhabung von Feder und Laute. Aber wenn ich mit meinem Verwalter fertig bin und mich dann wieder zu diesem Stoß von illustrierten Büchern über 1813 wende -- ich weiß nicht, wie es kommt: ich vermag nicht recht mitzujubeln.”

Der alte Vater nickte.

„Wir von 1870 wußten noch, um was wir kämpften. Wir hatten ein Ideal. Heute hat alle Welt Kriegsfurcht.”

„Vielmehr Furcht vor wirtschaftlichen Schädigungen”, verbesserte der Fabrikant. „Damals hatte man etwas zu gewinnen, heute fürchtet man nur zu verlieren.”

„Nämlich Geld und Gut!” rief der alte Baron aus seinem Sessel zurück. „Und das ist ja wohl schließlich des modernen Menschen höchstes Ideal. Ach, meine Herren, was weiß man heute noch von unsrer Stimmung von 1870? Ich hab' es oft erzählt, wie am Abend einer jener mörderischen Schlachten vor Metz unser alter Kaiser an unser zusammengeschossenes Regiment herangeritten kam. Wahrhaftig, es sah bei uns allerdings kläglich aus, wir waren kaum noch ein Trüppchen. ‚Kinder, ihr habt ja wohl heute schwer gelitten’, sagte der Kaiser mit seiner etwas hohen Stimme, ich hör' ihn heute noch. ‚Ist das alles, was von euch geblieben ist?’ Ich stand vor ihm -- was sollte ich melden? ‚Es werden sich ja wohl noch etliche zusammenfinden, Majestät.’ Da warf er einen Blick über uns hin -- den vergess' ich nie -- und die hellen Tränen liefen ihm über die Wangen. Er sagte dann gar nichts weiter, winkte nur mit der Hand -- so -- zu uns herüber -- Unaussprechliches lag in dieser Handbewegung, etwa als wollt' er gute Kameraden grüßen: Haltet aus, liebe Kameraden, seid bedankt, treue Kameraden, es gilt eine hohe Sache! Oh, da war keiner von uns, der nicht gern sein Leben gelassen hätte.”

Der Alte schwieg bewegt.

„Ja, Sie hatten noch Ideale, Herr Baron!” rief Trotzendorff. „Das Deutsche Reich! Und so war's vor hundert Jahren, als sich Deutschland vom Druck befreite. Aber heute?”

„Ein Krieg von heute würde die europäische Luft reinigen”, führte Ingo die angeschlagenen Gedanken fort. „Und dann wäre Raum und Empfänglichkeit für eine neue Lebensstimmung.”

„Was verstehen Sie eigentlich unter neuer Lebensstimmung?” fragte der Fabrikant.

„Nun, was hab' ich Ihnen neulich geraten, als ich Ihre Fabrik besichtigte, Herr Nachbar? Erfinden Sie ein Entgiftungsmittel und lassen Sie sich ein Patent darauf geben. Ein chemisches Mittel, das unsrer gespannten und mißtrauischen sozialen, politischen und geistigen Luft reinen Sauerstoff zuführt. In Oberitalien traf ich einmal eine feine kleine Dame, ebenso praktisch wie anmutig, die mir die Einrichtungen ihres Arbeiterdorfes zeigte: Milchanstalt, alkoholfreie Wirtschaft, Bade- und Krankenhaus -- unpoetische Dinge, die ich aber seither achten gelernt habe. Was ist die Triebfeder bei dieser guten und klugen Witwe? Menschenliebe. Sie ist selber durch Leid gegangen. Und nur so erobert man Herzen, nicht mit Polizei, Paragraphen und Kanonen.”

Dieser Grundanschauung versagten selbst die härteren Elemente der Gesellschaft, Major und Fabrikant, nicht ihren Beifall, wollten aber für Rekruten, Spitzbuben und Feinde unbedingt Polizei und Kanonen geachtet wissen.

„Nicht alles kann mit Menschenliebe erreicht werden”, sagte der Fabrikant. „Das erfahren wir Arbeitgeber bitter genug. Schlagen wir Arbeitsteilung vor! Mag Liebe und Strenge nebeneinandergehen!”

„Der Troubadour hat sich also der sozialen Frage verschrieben?” neckte Friedel. „Und auch die Gedenkfeiern locken dir kein Lied ab? Der unheimliche Rückzug aus Rußland? Die Freiheitsschlachten?”

„Doch, Friedel”, erwiderte Ingo. „Ich habe in der Tat einige Blätter geschrieben. Habt ihr Geduld? So les' ich sie euch vor. Sie sind zugleich Lebensprogramm für mich und mein Weib. Nicht wahr, Elisabeth?”

Er lief in sein Schreibzimmer, kam mit drei Blättern zurück und las ...

~I.~

„Rückzug aus dem eisigen Rußland! ... Eines Titanen hochgespannte Willensleistung ist von den Göttern zerbrochen worden! ... Durch die weiße Wüste, deren Horizonte sich im Schneelicht verlieren, schlürfen die zerlumpten Reihen der Franzosen, umstäubt von Schneewind und Kosaken -- aufgelöste, dumpf marschierende, stumm dahinknirschende Grenadiere ... Welch ein Geräusch! Das Zornweinen einer Armee!

Und zwischen den vereisten Bärenmützen, zu Fuß, um sich wieder zu erwärmen, der Kaiser selber. An toten Soldaten und an Pferdeleichen vorüber. Hinter ihm, gleichfalls abgesessen, der Schwarm der Generalität. Und stumpf über den Schnee schlürfend, schlürfend, schlürfend die Reste der Regimenter ...

~II.~

Wo sind sie heute, die Enkel jener Massen von Hunderttausenden, die der geniale Korse über die Schlachtfelder Europas gejagt hat?

Wiederum bilden sie Massen: sie fronen in den Fabriken.

Wieder um sie her Glut und Rauch, wie einst in den Schlachten um die Großväter. Gespenstische Gestalten stehen mit langen Stangen, wie Kanoniere, und stoßen in rotfließende Glutmasse.

Aus den Schloten züngelt die Überkraft des Hochofenfeuers. Es überflammt an diesem grauen Winterabend selbst die elektrischen Lichtkugeln.

Und aus diesen steilen schwarzen Kaminen wälzt und rollt und ringelt sich, schwer und dick, ankämpfend gegen pressenden Winternebel, der schwarze Rauch und dunkelt dämonisch den Himmel ein.

Sind es die Geschütze von ehedem? Sind sie steil emporgerichtet und beschießen den alten Himmel? Sind die Titanen wieder im Kampf gegen die Götter?

Ein unsichtbarer Herr lenkt den Willen dieser Hunderttausende, benützt ihre Muskeln, zwingt ihre Kraft nach einem bestimmten Ziel. Denn sie sind Elementarkraft, nicht Geist.

Doch sie dienen. Sie dienen, wie sie einst dem Willen und dem Genie Napoleons gedient haben. Und das Feuer, das in Hallen und Höfen blendend flammt, legt einen verklärenden Goldrand um diese rußigen Männer der Arbeit.

~III.~

Jedem aber ist ein Feierabend beschieden.

Dann ist ein Tor offen, um sich zurückzuziehen aus der Fron und aus der Gattung, seinen Geist wieder heimzurufen aus dem Dienst an der irdischen Lebenspflicht -- und dann allein zu sein, sich wieder als einen selbständigen Geist zu wissen, sich wieder als eine einzelne persönliche Seele zu empfinden.

Nun treten in die Gesellschaft dieses aufatmenden Feierabend-Menschen die großen, guten und schönen Gedanken und Gebilde aus dem Reiche des Geistes.

Hier sind keine rauchenden Schlote; hier wirkt keine Erdenschwere. Dahinten sind Spannung, Kampf, Haß und Verdruß; sie sind abgelegt wie ein Panzer. Der Befreite geht im Festgewand seiner Phantasien und Gedanken.

Hier ist die Liebe Königin; ihre Prinzessinnen heißen Schönheit und Weisheit. Die Edlen, die sich im Seelenland begegnen, sind freie Freunde.

Jetzt beginnt das Amt des Spielmanns und des Gralsuchers.

Er spricht zu Menschen, die wieder ihre unsterbliche Würde empfinden.

Und nun fühlst du plötzlich, daß auch Gedankensenden eine Tat ist. In deinem Zimmer wandelnd, an deinem Ofen träumend, bist du mit Geist und Herz nicht an die Enge gebunden. Dein Drang, Schönheit und Güte zu suchen oder zu entzünden, läuft wie ein Strahlenwerk hinaus durch die sternklare Nacht.

Und wenn alsdann an dein eigenes Herz Gutes pocht, du bedrückter Mann der Arbeit; wenn ein Harfenton der Liebe deine eigene Seele berührt, du müde Freundin -- so wisse, daß auch andre Herzen liebevolle Gedanken aussenden an alle sorgende, kämpfende, leidende Menschheit.

Und du bist nie allein! ...”

* * * * *

So las Ingo.

Die Gesellschaft gab einen behaglichen Beifall zu erkennen. Aber die unruhig mit den Fingern trommelnde Friedel hatte einen Einwand bereit:

„Lieber Spielmann, jetzt noch ein Schrittchen weiter -- und du steckst mit beiden Füßen im sozialen Moralpredigen!”

Man lachte.

„Jawohl!” beharrte sie. „Und das ist heute die größte Gefahr des Künstlers -- und alle tappen hinein, alle!”

„Das will ich nicht hoffen, Friedel!” rief Ingo. „Ich hab' auch noch ein paar andre Stimmungen und Geheimkammern. Und überhaupt: das müßte denn doch ein geistverlassener Tropf sein, der das reizvoll-bunte Lebensspiel bloß moralisch deuten wollte. Moralisch kann auch der Philister sein. Die Türpfosten zu meinem Studierzimmer heißen Phantasie und Güte. Und auf dem Querbalken steht der Spruch: Leben entzündet sich nur am Lebendigen!”

Es hatte dies einen leichten Beigeschmack von Zurechtweisung. Elisabeth empfand es, beugte sich zu Frau Friederike hinüber und sagte: „Liebe Friedel, es sind rings um Schloß Waldeck viele Singvögel: da wird er gewiß das Singen nicht verlernen.”

Elisabeth pflegte mit solchem Eingreifen in das Gespräch so sparsam zu sein, daß diese ausgleichende Bemerkung in ihrer freundlichen Sicherheit um so wirksamer war. Es wurde gelacht. Aber man hatte dabei die eigenartige Empfindung: diese Beiden da wissen, was sie wollen!

Als sich der Fabrikant verabschiedet hatte, blätterte die Sängerin anspielenderweise im Klindworthschen Klavierauszug der „Meistersinger” und lobte den prachtvollen roten Ledereinband, den Elisabeth um einige Lieblingswerke ihres Gatten zum Geburtstag hatte besorgen lassen. Sie schlug auf und stieß auf den Namen Hans Sachs.

„Wie duftet doch der Flieder So mild, so stark und voll!”

Laut las sie die Worte, drehte den Kopf nach Ingo und schaute ihn fragend an, indem sie den Flügel öffnete und die Partitur aufstellte.

Es war seit vielen Wochen in dem Trauerhause fast gar nicht gespielt worden. Jetzt setzte sich Ingo vor die Tasten und sang gedämpft, zum Inhalt und der Stimmung des Hauses passend, jenen Monolog des Meisters Sachs. Und bald stand die genesene Freundin hinter ihm und sang die Rolle der Eva. Ein Zwiegesang entfaltete sich; sie hatten seit Lourdes nicht mehr miteinander musiziert. Jetzt aber hatte Ingo die Führung, wandte sich dazwischen um und rief mit Feuer:

„Was für ein reifer Mann und Poet, nicht wahr, dieser Sachs! Dieses innige Motiv, der Nachhall aus Stolzings Lenzlied, so biegsam, daß es von Verträumtheit in Jubel übergehen kann: Lenzes Gebot, die süße Not, die legt' es ihm in die Brust! Das ist wie ein Bach unter Winterschnee: verhaltene, gesammelte Kraft, die noch in sich hat die Melodien vom verflossenen Sommer und schon in sich die künftigen Frühlingslieder. Gesammelte Kraft! Ja, so ist das Gemüt der besten Deutschen! Hans Sachs in dieser Geklärtheit und männlichen Güte, ein Greis und doch jung und mit Jungen fühlend -- das ist ein Spielmann! Das ist ein Edelmann!”

Und als Eva bekannt hatte, daß sie nur ihn zum Gemahl genommen hätte, wär' nicht der andre gekommen, nach jenem ganzen Dank der Eva -- „O Sachs, mein Freund, du teurer Mann, wie ich dir Edlem lohnen kann?” -- sang Elisabeths Gatte bedeutsam weiter:

„Von Tristan und Isolde Kenn' ich ein traurig Stück, Hans Sachs war klug und wollte Nichts von Herrn Markes Glück” ...