Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Part 15

Chapter 153,388 wordsPublic domain

„Die Seele braucht doch vor allen Dingen einen gesunden Körper, Zucht, Strammheit.”

„Nach meiner Ansicht ist die Nahrung der Seele vor allem andren die Liebe”, erwiderte der Konsul. „Liebe und Weisheit und Schönheit. Bei dem ungeheuren Wettrüsten zwischen Ständen und Nationen züchtet man aber nicht die Liebe, sondern das Mißtrauen.”

„Den Willen!” rief Trotzendorff. „In jeder Armee und in jedem Staatswesen ist Willensschulung das oberste.”

„Es kommt aber doch wohl darauf an, _was_ man will, nicht wahr? Der Wille muß doch wohl ein Ziel haben? Und im Willen der modernen Völker sehe ich das Ziel, den Nachbarn möglichst zu übervorteilen. Die Nationen sind Konkurrenten; aber sie sollten Brüder sein.”

„Nimmt sich auf dem Papier vortrefflich aus!”

„Bitte, ist Hauptforderung der christlichen Religion. Und meines Wissens wird diese Religion in Europa amtsmäßig gelehrt.”

„Mein lieber Herr Konsul, alle Achtung vor Ihren persönlichen Erfahrungen im Ausland! Aber aus Ihren Reden hör' ich die Schalmei der Friedensfreunde. Und da pfeif' ich nicht mit. Sobald wir Deutschen abrüsten, sind wir morgen zerdrückt. Feinde ringsum!”

„Ja, so sagt jeder! Und so zwingt jeder den andren zum ewigen Wettrüsten, statt daß man sich zum europäischen Staatenbund verbrüdert.”

„Zukunftstraum!”

„Mag sein! Doch wirft man Preußen vor, daß es nicht das Talent habe, moralische Eroberungen zu machen. Wie wär's, wenn nun Reichsdeutschland diese feine Kunst ausbilden würde? Sobald man aus dem Ausland gern in unsren heiligen Hain kommen würde, um von uns Göttliches zu lernen, würde sich jenes Wort, das Sie vorhin riefen, verwandeln in ein ‚Freunde ringsum!’”

„Seien Sie froh, daß Preußen nicht weichlich ist! In die schlappe deutsche Wirtschaft hat Preußen Zug gebracht. -- Na, schweigsamer Ingo, und was sagst denn du dazu?”

Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos zugehört. Aber dann war er ins Träumen geraten über seine persönliche ungelöste Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder seit Wochen einen Brief von Frau von Trotzendorff erhalten; und in diesem Schreiben war, zu seiner freudigen Verwunderung, Elisabeths Besuch ausführlich und liebevoll erzählt.

„Prophete rechts, Prophete links!” antwortete er lächelnd. „Ich bin noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber richtig einschätze, so wird mein unermeßlich Reich der stille Gedanke werden, nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten: die Reichsseele, nicht der Reichskörper!”

„Recht so!” bekräftigte Brucks Baß. „Grade darin sollten jetzt die besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.” Er strich den breiten Graubart und fügte die rätselhaften Worte hinzu: „Ich habe gehört, daß einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff zu offenbaren.”

„Erinnerst du dich jenes Gespräches an der Riviera, Richard?” fuhr Ingo fort. „Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man mag heute das grauenhafteste Unglück in der Zeitung lesen -- und schon nach wenigen Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue Nachrichten rasseln täglich über unser Gehirn und die feineren Organe hinweg. Wir haben weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang zu verarbeiten. Es bleibt ein Nervenreiz, es bleibt Papier, wir lesen es nur, wir erleben es nicht. Seelenlos rollt der Apparat des modernen gesellschaftlichen Mechanismus über die einzelne Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo verunglücken oder Zehntausende, es ist ebenso belanglos; der Apparat läuft weiter. Das ist es, Richard, wogegen ich als Ausreißer und Flüchtling ankämpfe; ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich muß oft an Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgräber: er gibt dem Teufel die Seele und erhält dafür Sachen. So hat unser moderner Mechanismus eine Überfülle von gewiß schätzbaren Sachen eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber die Seele verloren.”

Der Major schüttelte zu dieser Philosophie schweigend und mißbilligend den Kopf.

Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab:

„Da Sie von Marx sprechen: ich traf in München, in jener Gesellschaft für Geistesforschung, die sich ja grade um das innere Wesen des Menschen bemüht, Ihren englischen Freund Wallace. Sie entsinnen sich, daß wir auf dem Montserrat von solchen großen Fragen gesprochen haben?”

Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen Felsenberges in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der heilige Gral, das Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erdendasein -- -- es war ihm, dem dankbaren Schüler weimarischer Kultur, als wäre etwas in ihm dort auf dem Montserrat über Weimar und Wartburg hinausgewachsen.

„Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir könnten von den Engländern lernen.”

„Und sie von uns”, brummte Trotzendorff.

„Wir waren”, setzte der Konsul hinzu, „dort in München viel mit Doktor Marx zusammen --”

„Marx?!”

Ingos Fuchs wurde unruhig und begann zu tänzeln.

„Ebenfalls Mitglied”, bemerkte Bruck.

„Der kleine Kommerzienrat?! Schallers Freund?”

„O nein, der nicht!” lachte der alte Herr. „Sein Bruder, ein stiller und sympathischer Gelehrter. Sie wissen ja, daß ich die modernen Israeliten nach zwei Gesichtspunkten einteile: Spinozisten und Mammonisten. Dieser jüngere Marx ist ungefähr das Gegenteil von jenem Mammonisten.”

„Na, auch über diese Rasse dürften unsre Ansichten auseinandergehen”, warf der Major herüber.

„Läßt sich wohl denken”, versetzte Bruck. „Aber mit preußischem Kommando wird auch hier nichts entknotet werden.”

Ingo suchte zu vermitteln.

„Ich fürchte manchmal, daß unser allzu laut gewordenes Deutschland durch Demütigungen hindurch muß, um sich wieder auf seine stille europäische Aufgabe zu besinnen. Es ist etwas Nervöses und Überreiztes in dieser ganzen Zivilisation. Und nun willst du mich auf die Wartburg schleppen, Richard, willst mich dem höchsten Repräsentanten dieser modern-deutschen Entwicklung vorstellen und in dieses jetzige Getriebe einfangen --”

„Ich zähle sogar bestimmt darauf, lieber Ingo! ‚Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben’ -- sagt Schiller.”

„Er sagt aber auch, lieber Richard: ‚In des Herzens heilig stille Räume mußt du fliehen aus des Lebens Drang’!”

„Unsinn! Er sagt aber auch: ‚Rastlos vorwärts mußt du streben, nie ermüdet stille stehen’ -- das hat mir mein alter Oberst unter sein Bild geschrieben.”

„Schon recht! Er sagt aber auch: ‚In die Tiefe mußt du steigen, soll sich dir das Wesen zeigen’.”

Die drei Reiter lachten über dieses schlagfertige Tennisspiel mit Schillerworten.

Der Soldat Trotzendorff war noch nicht geneigt, Frieden zu schließen, obwohl das Schiller-Gelände seiner Generalstabskarte ziemlich dürftig skizziert war.

„Außerdem hat Schiller gesagt”, rief er schneidig: „‚Wer immer strebend sich bemüht’ --”

„Halt, Bataillon! Das sagt nun allerdings Goethe!”

„Und fügt hinzu”, half Bruck: „‚den können wir erlösen’ -- _wir_! Nämlich die ewigen Schicksalsmächte, Herr Major!”

„Mystik, meine Herren! Sie wissen, da pfeif' ich nicht mit! Ich sage nur so viel: Der Deuwel hole die Nation, die nur noch Halleluja singt und nicht mehr die Wacht am Rhein!”

Sie brachen lachend ab. Bruck war taktvoller Weltmann genug, von seinen Geheimkammern nur dann eine Tür aufzuschließen, wenn er einen Gralsucher in der Nähe witterte.

„Herzensjunge,” schloß Trotzendorff in seiner frischen und freimütigen Art, „dein Philosophieren nützt nun alles nichts. Auf die Wartburg sollst du mir doch -- und wenn ich dich auf einem Wartburg-Esel eigenhändig ans Burgtor führen muß!”

„Nun, ich hoffe wieder heil herunterzukommen.”

„Jawohl, einen Orden im Knopfloch und einen Hoftitel in der Tasche! Ein gemachter Mann, auf den ganz Deutschland schaut!”

Der Konsul hielt sein Pferd an. Er hatte, bei aller großartigen Seelenruhe, ein natürliches Gesprächstalent: ging mit Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand ein, ließ höflich, aber schlagfertig eines Gegners Einwand an sich herankommen und trachtete zuletzt nach Abrundung. Um diese war es ihm auch jetzt zu tun. Er reichte dem Major mit einem reizenden Muskelspiel seines verwetterten Gesichtes die Hand.

„Lieber Herr Major, ich bekenne mich hiermit als geschlagen. Sie sind doch von uns dreien der größte Idealist!”

* * * * *

... In Ingo spannen die Gedanken weiter. Er liebte beide brave Deutsche rechts und links; und doch spürte er, daß er mit einem wesentlichen Teil seines Herzens zur stilleren Partei gehöre: zu dem Gefährten vom Gralsberg.

Und er sah in plötzlicher Fernschau seinen eigenen Park der Zukunft, belebt von Steinbildern großer Männer, verschönt durch goldene Sprüche der Poesie und Weisheit. Die Möglichkeit, als Gutsbesitzer an der Scholle haften zu müssen, erschien dem Weltwanderer nicht mehr schreckhaft, vielmehr in neuem und schönem Lichte. Die weiße Tempelsäule auf dem Sonnenhügel, wo er am Rande Europas bei unreifen Mädchen Schönheit gesucht hatte, sah er aufgerichtet mitten in einem deutschen Park. „Auch die Scholle läßt sich weihen, auch die Enge zur Welt erweitern. Wenn nur -- wenn nur lebendige Liebe erwärmend und verschönend mithilft -- lebendige Liebe!” Jetzt trat seine künftige Freifrau aus dem Herrenhause, von der Dogge begleitet, schritt durch den anmutvoll belebten Park und trug etwas von dem Reichtum ihrer Welt hinab zu Kranken des Dorfes ...

„Was träumst du, Ingo?” fragte Richard.

„Was ich träume?”

Ingo sah sich erwachend um. Die Parklandschaft von Tiefurt lag vor ihnen ausgebreitet. Der Spieltrieb schöpferischer Geister hatte einst diesem ganzen weimarischen Gebiet Frohsinn aufgeprägt.

„Ich träume davon, wie dieses weltberühmte Weimar äußerlich so klein ist und hat doch im kleinsten Punkte die höchste Kraft gesammelt. Ich träume davon, daß auch das Herz nur ein kleiner Punkt ist: aber der Mittelpunkt des Menschen.”

Zehntes Kapitel

Kaisergespräch auf der Wartburg

Eins nach außen, schwertgewaltig Um ein hoch Panier geschart, Innen reich und vielgestaltig, Jeder Stamm nach seiner Art!

_Geibel_

Die Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg hingen ohne die mindeste Bewegung schlaff an den Stangen herab.

Die Luft war schwül und schwer. In abenteuerlicher Färbung stand der dunstig heiße, einem Gewitter entgegenbangende Sommertag. Die westlichen und nördlichen Horizonte drohten blauschwarz herüber. Von der Rhön her funkelte Wetterleuchten; ein zweites Wetter ballte sich über der goldenen Aue.

Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren?

Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes?

Malte sich in den Lüften ein Zukunftskrieg um die besten Güter der Nation?

Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft. Aber der heutige Tag war für ihn ein Festtag. Denn er hatte es durchgesetzt: sein Freund, der unseßhafte Weltfahrer, stellte sich zu einer höfischen Audienz!

„Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund und Gönner?” hatte der Spielmann gutmütig gefragt.

Und den kräftigen Schnurrbart mit zwei Bürstchen bearbeitend, hatte der Major vielsagend geantwortet:

„Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich denke, gewissen Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht schaden. Was?”

Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen pflegte. Hier, in diesem nämlichen Zimmer, hatte er vor fünf Jahren gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige Tage in der Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe gewesen, einer vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte ihn unklare Sehnsucht durch die Lande gerissen; inzwischen hatte er in rascher Folge England und Italien, dann Riviera, Lourdes, Montserrat, Genfer See erlebt und war nun auf dem Wege zur Selbstbesinnung.

Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau Friederike, von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit einlud.

Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief seiner Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung über Leroux hinweg; sie erzählte ihren Besuch bei der Kranken in München, die jetzt wieder am Fenster saß; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, ersten und letzten Liebe zu zweifeln. Und sie, die spröde, bat um seine genaue Adresse; sie werde sofort zu ihm reisen und Auge in Auge Schmerz und Mißtrauen zerstreuen, denen er ohne ihre Schuld zum Opfer gefallen.

In ungewohnter ernster Kürze schrieb Frau Friederike:

„Es ist Zeit, lieber Ingo, daß wir alle unsren festen Platz wählen. Ich habe ein Vorgefühl, wenn ich Richards Briefe richtig deute, als ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe bevorstehe. Da fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist. Laß uns zusammenhalten wie bisher, lieber Freund, aber Elisabeth soll mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir Dein Land ab, richte Dein Haus ein, Deine Lehr- und Wanderjahre sind vorüber. Und bleib gut Deinem Kameraden Friedel!”

Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die dort um Deutschland gelagert schienen.

Dann wandte sich sein Blick zu dem üppig-starken Baum- und Graswuchs, der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in schimmernder Schönheit umgrünt. Wie weich und voll die Wipfel, wie anschmiegsam die Wiesen, und schlank darüber der Bergfried mit dem Kreuz!

Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen Bogen standen offen. Die Burg war jetzt gefüllt mit Uniformen und hohen Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem Sängersaal, waren die schön getäfelten, behaglich-vornehmen Gemächer des Kaisers und des Großherzogs belebt. Unter den geladenen Gästen wandelte mit dem weimarischen Burgherrn Seine Majestät der deutsche Kaiser.

Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, holte den Freund ab.

Eine halbe Stunde später bewegten sie sich selber im Farbenspiel des festlichen Gewimmels.

* * * * *

Im zweiten Burghof, wo Waldgrün die Farbe der Landschaft bestimmt, stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann trug Weidmannsuniform. Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit ungezwungen, wenn auch gedämpft durch die lästige Gewitterschwüle.

Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten. Als erster schüttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und hagere Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht, die Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der Nähe, an Gestalt und Schnurrbärtchen dem verstorbenen Karl Alexander nicht unähnlich. Dann sah man den deutschen Kaiser neben des Großherzogs gedrungener Gestalt zwanglos im inneren Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der prächtig sitzenden Gewandung der Jagd.

Was mögen die beiden hohen Herren plaudern?

Ingo wurde aufmerksam.

Er schenkte den übrigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern beobachtete unauffällig die beiden Fürsten, in deren Nähe sich der schlanke Coburger mit einigen Jägern scherzend unterhielt.

Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine unsoldatische Natur; ein Kaisermanöver, das er seinerzeit mitgemacht, hatte er mit der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen verfolgt, zäh und stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen Strapazen gewachsen. Der Verfasser des „Heroismus” hatte Instinkt für Männlichkeit.

Die Fürsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie mochten über Jagd und Wetter gleichgültige Worte wechseln. Vielleicht aber quollen auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengründen empor und verlangten Aussprache und durch Aussprache Klärung und nach der Klärung tatkräftige Überwindung? ...

Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor sich Pallas, Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich nahe die Hügelungen der thüringischen Tannenberge. Landgraf Hermann der Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte dort im Hof als deutscher Kaiser. Ingo selber fühlte sich als Walther von der Vogelweide; vaterländische Treue und dichterisches Empfinden klangen in ihm zusammen; wie jener Walther zog auch er ohne Lehen durch die offene Welt. Und seine Phantasie hörte den Kaiser sprechen ...

Der Kaiser -- so sann er -- knüpft in seiner Unterhaltung vielleicht an sein bevorstehendes Regierungsjubiläum an. Er sieht sich rückschauend auf den Bänken des Casseler Gymnasiums, wo er durch gewissenhaften Fleiß Achtung und Liebe seiner Lehrer erringt; er verlebt zwei unvergeßliche Jahre als Borusse; er empfängt als Soldat in jeder Waffe eine gründliche Ausbildung; er tritt als Oberster des Leibhusaren-Regiments der Üppigkeit im Offizierskorps entgegen; er gibt als Familienvater an der Seite einer edelgestimmten Hausherrin das beste Beispiel strenger Pflichterfüllung und harter, einfacher Lebensweise; er sucht als Kaiser durch warmherzige soziale Fürsorge und durch Betonung der sittlichen und religiösen Fundamente des Volkstums gesunde Verhältnisse zu schaffen; die Marine empfängt durch ihn einen ungemeinen Ansporn, denn er hat von der Mutter her „Seeblut” in den Adern; ein spannkräftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke vor allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne -- -- so schaute Ingo, der Sohn aus königstreuem, altem Adelshause, auf das Leben des Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren Nähe stand.

Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise vielleicht Folgendes?

„Wir sind in besondrer Zeit. Die Völker sind durch die Schwingungen eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander in Fühlung und Reibung gekommen. Da ist Gefahr für das Ererbte. Das Alte scheint in diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrücken minderwertig -- die Seele überhaupt. Nicht wahr: was ist denn etwa einem amerikanischen Geldfürsten die ruhmreiche Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft und Höhendunst im Vergleich zu den soliden Massen und Maßstäben seines lauten Neu-Amerika. In welchem Größenverhältnis mag ihm ein Thüringer Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionären des Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds? Ich habe meine Vorliebe für Amerikas energischen Pulsschlag bekundet. Ganz gewiß! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich wider die selbstbewußte Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen fehlt es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender Kraft; das hat schon unsre Hansa samt Reichsstädten und das haben die Staufen- und Sachsenkaiser glänzend bewiesen, und das beweisen wir heute abermals auf allen Gebieten, vom Lloyd bis zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber wir haben noch eine andere, eine feinere, eine tiefere Mission; wir haben den bedeutenden Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste hinzuzufügen: wir haben die neugestaltete Gegenwart zu _beseelen_. Das ist es, was ich auf häufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir müssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust hinaussenden, auch die weißen Tauben des Glaubens an das Göttliche im Menschen über die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem tüchtigen Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott die Fahnenstange des Idealismus in die Hand gedrückt. So soll's bleiben. Das Schwert werden wir geschliffen behalten; die irdischen Verhältnisse zwingen uns dazu. Beides miteinander zu verschwistern: weltweite Horizonte und Kraft der inneren Beseelung, modernes Bewußtsein und historische Ehrfurcht, Tatkraft und Gemüt, wissenschaftliche Unbefangenheit und religiöse Tiefe -- sieh, darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint mir die Aufgabe der Zeit.”

Der Großherzog fühlte vielleicht -- so phantasierte Ingo weiter -- daß der Kaiser nur zu einem ungewöhnlichen Monolog, zu einer Herzenserleichterung großen Stils diese Stunde gewünscht hatte. Der junge Fürst beschränkte sich daher wohl auf leise und leichte Bemerkungen über Dinge der nahen Außenwelt. Der Monarch ging darauf ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden Gedanken in die Nähe zurückzurufen. Bald aber versandete dieses Zwischengespräch. Und der Großherzog schaute stumm, die Hände auf dem Rücken, über den wildreichen Wald hin, in welchem er so gern seiner Lieblingsbeschäftigung oblag.

Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen zwei Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen Wunsch des fürstlichen Weidmannes erraten.

Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:

„Auch ich kenne kein frischeres Vergnügen, abgesehen von einer Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins taunasse Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark einem balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu rücken. Herzhafter Kampf! Ich hab' in meinem Jägerdasein mehr als siebzigtausend Stück aller Arten von Wild geschossen; und es mag manchem vorkommen, als wäre das der Weidmannslust fast zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark und brauche rasche, starke Entspannung. Man müßte freilich ein Genie sein, um alles vom Kern aus zu überschauen: ein Genie der Sammlung ... Da steckt vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ... Sammlung, Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail; wir müssen in der auflösenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, ohne Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns Zeitgenossen ungelöst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie zu reiten, ist leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! Wie untergräbt man Ehrfurcht und Autorität! Wie nörgelt man an meinen gradaus und ehrlich gegebenen Anregungen herum! ... Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur Meine Autorität, nein, Autorität überhaupt gilt diesem aufgeregten, unstet-nervösen Geschlecht als ein unmodernes Gefühl. Adel jeder Art ist hart in Bedrängnis.”

Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das ungeheure Gewölk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein ferner Donner rollte; ein Wind lief ihm voraus.

„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Bürgertum ist zu wenig großzügig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte ein. Macht weit und unbefangen eure Herzen und Köpfe! Einigt euch zu großem Kulturbegriff, positiv gestimmte Männer und Frauen jeder Konfession und Partei! Es gilt einen Kampf um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemüt ... Ich bin mit Bewußtsein evangelischer Kaiser; aber ich habe für warmherzig religiöse und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag bereit. Es muß in die dumpfe, zaghafte Religiosität überhaupt mehr durchwärmender Lebensodem kommen.”

In voller Gemütsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden Steinen hin und her und brach dann plötzlich ab. Er nahm des Großherzogs Hand.

„Du weißt, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, den Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst auf deiner Landburg, deren Kapitän und Kommandant du bist. Nimm meine Worte als den Grundriß eines Regierungsprogramms. Gott helfe uns! Deutschland hat Feinde innen und außen.” ...

So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand Zuneigung zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische Gezänk entschieden Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug beurteilte, dessen Übereilungsfehler eng verwachsen waren mit seinem hilfsbereiten Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und Kräften ...

„Wenn ich selber mit ihm spreche” -- -- --

* * * * *

Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mächtige Stöße des Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft in das Innere des Gebäudes ...