Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Part 14

Chapter 143,699 wordsPublic domain

Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte, schritt er im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt.

„Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal recht! Und doch -- und doch -- --”

Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedächtigkeit, die Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte unter einem Stoß von Papieren einige zusammengebundene Briefe hervor.

„Während Sie im Ausland Forschungsreisen machten, haben wir im Inland beinahe eine schwere Tragödie erlebt. Hier habe ich neulich die Briefe geordnet, die mir Elisabeth vom pommerschen Gut geschrieben hat, wo ihre Schwester Mela verheiratet ist. Sie kennen diese Mela: genial und unberuhigt, das hitzige Gegenteil der sanften und etwas apathischen Elisabeth. Nun, ich will keine Einzelheiten ausplaudern. Nehmen Sie einmal an, eine solche heißherzige Frauennatur -- und Mela hat entschieden einen Zug ins Große, das müssen Sie zugeben -- eine solche leidenschaftliche Natur wird von ihrem Mann, der nur Jäger, Landwirt und Politiker ist, wenig verstanden, erhält aber einen umwälzenden Eindruck von einem andren, einem romantischen Nachbarn. Eine nervöse, reizbare Schwiegermutter macht die Situation noch schwieriger; drei allerliebste Mädchen vermögen die schwüle Lage nicht viel zu bessern. Die Sache droht zur Katastrophe zu kommen, mit Duell, Ehrengericht und Skandal -- und da steht nun Elisabeth mitten drin! Das Mädchen hat die Hölle durchgemacht. Aber, ich hätt' es ihr nicht zugetraut, sie hat es fertiggebracht! Sie hat wieder Harmonie geschaffen. Der andre ist zur See gegangen -- und der Gatte wurde durch schwere Erkrankung seiner Frau, wo es auf Tod und Leben ging, mit der Nase auf seine Pflicht gestoßen, sich mehr um Weib und Kinder zu kümmern. Das Beste hat Elisabeth getan, diese nicht blendende, aber so willensstarke und taktvolle Elisabeth. Sie war die Vertraute von allen zugleich; sie hat oft auf der Schwelle ihrer Schwester gewacht, als das extravagante Frauenzimmer drauf und dran war, Mann und Kinder zu verlassen. Bis dann die Klärung kam und die Krankheit für Mela eine Krisis zur Selbstbesinnung wurde. Sehen Sie, Ingo, so wird zu Hause in aller Stille gekämpft -- und ich bitte auch Sie, dies alles diskret zu behandeln -- in aller Stille, Ingo. Und Sie sitzen inzwischen in England oder Italien und schreiben ein Buch über Heroismus.”

So sprach Tante Adelheid und las dann in ihrem besinnlichen und etwas trockenen Ton einige Stellen aus Elisabeths Briefen vor. Ingo zog erstaunt und bewundernd die Brauen hoch und hörte mit Ehrfurcht zu. Dann aber stützte er das Kinn in die Hände, versank ins Brüten und verweigerte weitere Gefolgschaft. Denn er sah plötzlich die flimmernde Fläche des Genfer Sees, einen Nachen darin und zwei Menschen Hand in Hand.

„Sie hat mit Anspannung aller Kraft dieses Versöhnungswerk zustande gebracht,” dachte er, „hat Kranke gepflegt und für die Mutter gesorgt. Da lief ihr ein hübscher junger Mann über den Weg -- und die Natur des Weibes brach wieder heraus.”

Er beschwor diese Bilder nicht weiter, sondern schüttelte den Kopf und erhob sich, um Abschied zu nehmen.

„Liebe Tante,” sprach er, „Sie fragten vorhin, was ich denn eigentlich mit Elisabeth gehabt habe. Uns hat immer nur das eine getrennt: ihre passive Natur. Um diese Menschen hier kämpft sie und lindert Not und Gefahr; ich habe jedoch nie bemerkt, weder früher noch jetzt, daß sie auch nur einen Finger gerührt hätte, um für den Geliebten oder den Freund zu kämpfen. Vielleicht ist das nicht Weibes Art, werden Sie mir antworten? Nun, mag sein! Aber ich bin des männlichen Titanenkampfes satt. Ihr alle fühlt nicht, wie ich gerungen habe. Meine Studien sind mein Herzblut. Sei's denn! Mögen mich die Götter im Schlaf nach Ithaka bringen! Ich bin am Ende meiner Glücksjagd.”

So brachen sie dieses Gespräch ab.

„Steckt vielleicht ein bißchen Egoismus in Ihrer Glücksjagd?” sprach die Greisin beim Abschied. „Verstehen Sie mich übrigens nicht falsch, wenn ich einer Natur wie Ihnen den Ausgleich durch die Ehe anrate. Ich warne sonst vor diesem Institut. Ich selbst bin als Unvermählte so glücklich gewesen, daß ich mein Leben gleich noch einmal von vorn anfangen möchte. Geschlechtsduselei neigt ja dazu, das unvermählte Fräulein geringer zu achten. Du lieber Himmel, wieviel versimpelte Ehefrauen sind mir über den Weg gelaufen! Da imponiert mir denn doch ganz anders die stolz und still durchgeführte Selbständigkeit einer Einsamen. Anfangs ist es nicht immer leicht; lächelt man freundlich, so vermutet Bosheit, man lächle, um zu gefallen und einen Mann zu fangen; später, so nach und nach, glaubt man uns, daß man aus selbstloser Herzensfreundlichkeit lächeln kann, und dann beginnt man, uns ohne alle Nebengedanken liebzugewinnen. Aber dieser Weg ist nicht für jeden. Einer Elisabeth möcht' ich einen Gatten -- und einem Ingo eine Gattin wünschen. Adieu, mein Lieber!”

Ingrimmig füllte Ingo die nächsten Stunden mit Besuchemachen aus. Er war in zorniger Stimmung und wußte gar nicht, weshalb. Schillerhaus, Goethemuseum, Bibliothek, Theaterintendantur wurden aufgesucht. Das blühende Städtchen übte jedoch nach und nach seinen beruhigenden Zauber aus. Er empfand mehr und mehr das seelische und geistige Eigenwesen der weimarischen Kultur: nach Fernfahrten eine Hochschule der Verinnerlichung zu sein.

„Fort mit den egoistischen Sentimentalitäten!” sprach er aufmunternd zu sich selber, als er durch den klassischen Park schritt. „Wieder an geistige Arbeit! Keine Glücksjagd mehr! Und so bleib' ich eben allein, verzichte auf persönliches Glück und schaffe für andre!”

Eine wonnige Erinnerung durchrieselte ihn, als er am römischen Hause hinunterschritt und am Felsen jene Bitte an die „heilsamen Nymphen” las: „Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!” ... Hier war er einmal im weißen Mondschein bis Mitternacht mit Elisabeth im Park spazieren gegangen, in einer jener gesteigerten Lebensstimmungen, wo wandernde Kameraden, gemeinsam Schönes genießend, in Eins zusammenzufließen scheinen. Er spürte wieder ihren atmend lebendigen Körper. Sie hatten Weimars Schönheit, durch ihre eigene gegenseitige Liebe verklärt, mit allen Poren in sich eingesogen. Ach, und der Spielmann brauchte nun einmal lebenswarme Menschen weit mehr als selbst das gelehrteste Papier!

Der Park war erfüllt von einem undeutlichen sommerlichen Wipfelsausen, das groß und geheimnisvoll den schreitenden Gralsucher umgab. Das Goethehäuschen enthüllte sich weiß aus dem dichten Grün. Wolkenschatten flogen über Wiesen und Ilm. Anschwellend, ihn überbrausend und wieder verwehend kamen Geisterstimmen, bis sich endlich eine ruhig tiefe Stimme vom Geräusch der andren löste und vernehmbar an sein Ohr klang:

„Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es; Was zu geben sei, die wissen's droben. Groß beginnet ihr, Titanen! Aber leiten Zu dem ewig Guten, ewig Schönen, Ist der Götter Werk: die laßt gewähren!”

* * * * *

In denselben Tagen erlebte Frau von Trotzendorff in München eine Stunde der reinsten Glückseligkeit.

Die Leidende hatte sich anfangs dem Tode nahe gefühlt. Da ihr Seelenbau wesentlich aus Phantasie und Gefühl zusammengewoben war, so empfand sie Glück und Schmerz eindringlicher als andre Sterbliche. Jetzt ging ihre Lebenskurve wieder aufwärts.

Die Stimmung eines genesenden Menschen, besonders nach schmerzlichen Fiebernächten, ist von angenehmer Mattigkeit und Milde. In dieser weichen Ruhe ist er für Güte zwiefach empfänglich. Er will nicht mehr titanisch erzwingen; er läßt sich lächelnd von Gesunden beschenken und hat als ganze Gegengabe nur Blick und Händedruck des Dankes. Der Wille hat seine Grenzen erkannt gegenüber der Übermacht des Schicksals. Als Schiffbrüchiger treibt er aus den Strudeln der Krankheit zu Lande, seines nackten Lebens froh und gewaltsam befreit von vielem Lebensballast. Denn die Götter sind mächtiger als die Titanen.

Die genesende Mutter hatte auf ihrem Leidenslager die Freude erlebt, nach langen Schmerzenswochen zum ersten Male wieder ihre beiden Kinder sehen zu dürfen. Sie saß in den hochgebauten Kissen des Bettes und hatte rechts und links je einen der Knaben im Arm, herzige Flachsköpfe von sieben und neun Jahren, die in ihren neuen Jäckchen und verklärt vom Jubel entzückend aussahen und die geliebte Mutter fast erdrückten vor Zärtlichkeit. Der Arzt mit seiner zierlichen Frau und Trotzendorff waren selber bewegt und hatten alle Mühe, Kurt und Helmut zur Besonnenheit anzuhalten. Der Jüngste hatte die Knie ins Federbett gestemmt und wischte der Mutter mit seinem kleinen Taschentuch die Freudentränen ab; der andere zeigte ihr Hefte und selbstgefertigte Zeichnungen; und sie selber riß immer wieder beide an sich: „Hab' ich euch denn noch? Darf ich denn noch bei euch bleiben, meine süßen Jungen? Habt ihr denn eure Mutter noch lieb?!”

Man mußte die Erschöpfte nachher allein lassen. Das Wiedersehen hatte sie angegriffen.

Sie lag wohl eine Stunde lang mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen in der feinen, gedämpften Beleuchtung des reinlich weißen Krankenzimmers.

Noch war ein Nachleuchten dieses langentbehrten Glückes in den abgezehrten Zügen, als ein Besuch gemeldet wurde.

„Ein Fräulein von Stein läßt fragen, ob die gnädige Frau zu sprechen sei”, meldete die Schwester.

„Fräulein von Stein? Am Ende gar -- Elisabeth von Stein?!”

Frau Friederike fuhr hastig empor. Sie bat die Pflegerin, nachzusehen, ob an ihr und um sie her alles in Ordnung sei, ließ das Tageslicht noch mehr dämpfen und schaute mit Herzpochen nach der Türe.

Gleich darauf stand Elisabeth im Zimmer. Nach kurzem Zaudern schlug sie den hellen Schleier zurück und trat mit raschen Schritten und ausgestreckter Hand an das Bett heran.

„Ich hörte von Ihrer Erkrankung,” sprach sie rasch herunter, denn sie hatte diese Einführungsworte gradezu auswendig gelernt, „und da ich mit meiner Mutter durch München zurückfahre, wollte ich mir die Freiheit nehmen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.”

Da stand nun also das Edelfräulein, im silbergrauen Kleid mit weißen Handschuhen, die stattliche Haarkrone samt Hut vom Schleier umwunden, Aug' in Auge mit ihrer Feindin -- mit der Frau, die ihr einst den Geliebten genommen hatte. Ihre Hand, die sie nur zu leichtem Druck gereicht hatte, zitterte; das Herz des spröden und herben Mädchens pochte heftig. Die beiden Frauen sahen sich einige Augenblicke an; doch keine las zunächst, was im Herzen der anderen vorging.

„Das ist lieb von Ihnen, daß Sie mich besuchen”, erwiderte die Kranke mit Fassung. „Nehmen Sie Platz, liebes Fräulein von Stein. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Sie finden mich heute in einer ziemlich matten Stimmung -- nein, bleiben Sie nur sitzen, Ihr Besuch ist mir sehr willkommen! -- aber ich bin trotz aller Mattigkeit glücklich, sehr, sehr glücklich. Ich habe soeben Besuch gehabt. Raten Sie, von wem!”

Ihre Augen leuchteten. Sie war so voll von ihren Kindern; und Elisabeth war so voll von Ingo. So senkte Letztere unwillkürlich die Blicke und wandte den Kopf zur Seite, als sollte ein Schlag gegen sie geführt werden. Es waren nur wenige Sekunden; aber diese Gebärde nervöser Angst war so ausdrucksvoll, so sprechend, daß die Leidende sofort das Mißverständnis erriet. Und ein jähes Mitleid zuckte in der seelenvollen Frau empor.

Statt zu sagen, wer hier gewesen, streckte Frau von Trotzendorff in plötzlicher Herzlichkeit die Hand aus, ergriff Elisabeths Rechte, nahm sie in beide Hände und sagte innig, mit dem so gern bei ihr überwallenden Gefühl: „Mein liebes, liebes Fräulein Elisabeth!”

Dann beeilte sie sich, von ihrem Besuch zu sprechen:

„Meine Kinder sind hier gewesen! Meine süßen Jungens sind hier auf diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur! Zum ersten Male seit langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt und Helmut wieder gesehen! Ach, ich bin fast gestorben vor Glück. Bei mir -- ich bin ja nun mal so ein weichselig Geschöpf! -- sitzen ja die Tränen so locker, im Glück und im Schmerz.”

Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die wieder feuchten Augen.

Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, daß sie das nachfühlen könne.

„Nicht wahr,” fuhr die Kranke fort, „Sie haben ja auch so viel Freude an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen kann, was es heißt, auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang seine Kinder nicht sehen zu dürfen -- mit dem Gefühl, daß man vielleicht sterben muß, ohne dieses anvertraute Gut zum Edlen erziehen zu dürfen! Ach, meine liebe Elisabeth, das goldige Lachen der Kleinen und ihre rührenden Zärtlichkeiten! Spüren Sie nicht, wie noch überall hier in der Luft ein Lachen nachklingt? Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz zerknülltes kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen getrocknet hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde lang still gelegen und gebetet -- ich darf Ihnen das wohl sagen --, so innig zu Gott gebetet, er möge meine Kinder zu braven Männern erwachsen lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa -- was etwa die Mutter verfehlt hat.”

Jetzt begann sie in ihrer großen Schwäche wirklich zu weinen und suchte sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die rinnenden Tränen zu stillen.

Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende Worte.

„Ich war nämlich viel schwerer krank, als mein Mann und Ingo ahnten -- --”

Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung „mein Mann und Ingo” derart angewöhnt, daß auch jetzt die Namen gemeinsam von der Zunge glitten. Sogleich aber ward es ihr bewußt, wer an ihrem Bette saß. Sie zögerte einen Augenblick und setzte dann hinzu: „Es hat nämlich niemand gewußt außer dem Doktor und seiner Frau Hermine, die eine Jugendfreundin von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich darf wohl sagen, ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und das ist heilsam. Ich ließ mein ganzes Leben an mir vorüberwandern und gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben -- und -- und wenn möglich niemandem mehr weh zu tun.”

Sie brach ab und drückte Elisabeths Hand. Dann sprach sie gefaßter weiter:

„Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?”

„Nur ganz kurz.”

„Geht's ihm gut? Ist er heiter?”

„Ich wollte Sie dasselbe fragen. Ist er nicht hierhergekommen?”

„Nein.”

„Nicht hierhergekommen? Er wollte von Genf hierher zu Ihnen fahren.”

„Nein, er ist in Thüringen. Und es ist gut so. Ich wollte ihn auch gar nicht hier haben. Selbst nicht Richard, niemanden, denn -- wissen Sie, manche Dinge muß man eben allein durchkämpfen. Aber Sie -- ja, grade Sie habe ich mir oft herbeigewünscht.”

„Mich?”

„Ja, Sie, liebe Elisabeth. Sehen Sie, wenn man so wie ich dem Tode nahe war, da wird man einfach und wahrhaftig. Wieviel Phantasterei hat mein Leben unstet gemacht! Und wie fest und gütig sind Sie Ihren Weg gegangen, Sie Gute!”

Elisabeth war verlegen. Sie kannte den Gefühlsüberschwang dieser künstlerischen Frau; sie wagte daher nicht zu entscheiden, wie weit diese Gefühle echt und von Dauer waren. Diese Salondame hatte so viel Talent, ihre Gefühle in Worte zu fassen; und sie selbst, Elisabeth, war so wortarm. Sie war hierhergekommen in dem dumpfen Drang, mit dieser Frau um Ingo zu ringen; es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie einen Schritt für sich selber tat. Freilich war in ihr das Mitleid mit der Kranken gleich nach den ersten Sekunden hochgestiegen, und sie wußte nun gar nicht, wie das Gespräch weiterführen.

„Es ist sehr gütig von Ihnen,” sagte sie, „in dieser Weise zu mir zu sprechen. Ich muß allerdings gestehen -- ich habe -- früher -- --”

Sie stockte.

„Sie haben früher andere Urteile über Sie aus meinem Munde zugetragen bekommen, nicht wahr!” half ihr Frau von Trotzendorff nach. „Ja, da haben Sie leider recht. Leider! Ich habe oft vorschnell geurteilt und oft sehr rasch nach meinen Neigungen gelebt; und Sie sammelten derweil Ihre Kraft in der Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager, habe ich grade über Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes Salon- und Konzert- und Gesellschaftswesen doch für ein eitles Blendwerk ohne Wärme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik -- doch in den Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behütetes, etwas Keusches, eine jungfräuliche Kraft in Ihnen. Und darum sind -- trotz alledem -- grade Sie die einzige, die er jemals geliebt hat!”

Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau berührte ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe. Noch kämpfte die Schüchterne ein Weilchen, dann schlug sie die Augen auf und schaute der Kranken voll ins Gesicht.

„Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden gehaßt, das kann ich wohl sagen, denn solche Gefühle liegen nicht in meiner Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch -- ich hab' in den letzten Jahren -- ich muß es Ihnen gestehen -- die Empfindung nicht loswerden können, daß ich eine Feindin habe, die mir unsäglich weh tat. Nicht eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das ja nicht so wissen -- aber die Verhältnisse -- es ist nun einmal so gekommen. Und ich selber war schuld daran, ich habe nicht das Talent besessen, ihn in würdiger Weise festzuhalten. Aber wenn mich jemand unterstützt hätte -- jemand, der so viel mehr Geist und Gewandtheit besitzt als ich -- jemand wie Sie, statt sich zwischen ihn und mich zu stellen -- -- ich sagte mir oft, Gott hätte an solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann später in eine ähnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe ich mit ganzer Kraft an der Aussöhnung gearbeitet. Und es war Segen auf meinen Bemühungen. Wenn wir alle einander helfen würden, es wäre so schön zu leben! Statt dessen bereiten wir einander Schmerzen.”

Elisabeth senkte das Haupt, so daß man ihre zusammengepreßten Lippen nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer fiel, mit ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte und tastete dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die feuchten Augen trocknend.

„Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort für Wort recht. Nur das _eine_ kann ich vielleicht zur Entschuldigung anführen: auch ich habe viel gelitten.”

„Aber Sie hatten Mann und Kinder -- ich hatte nur ihn!”

Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im Leben, daß Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf Ingo kämpfte. Es ließ sich an, als sollte nun erst der eigentliche Kampf beginnen. Doch wie es kam, wußten sie hernach selber nicht: plötzlich hielten sich die beiden Frauen in den Armen, küßten sich und weinten beide.

Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und dieser Sache. Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende Krankenschwester; sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es der Ermatteten liebevoll und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr dann zart über die Wangen, als sie mit geschlossenen Augen lag, und küßte sie abermals.

„Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!” sagte sie innig. „Und sagen Sie Ingo, daß er mir nicht grollen soll!”

Elisabeth wollte sich entfernen, aber ihre Hand ward festgehalten.

„Und mir verzeihen Sie, Elisabeth! Und Ingo -- Sie _müssen_ ihn festhalten, recht innig fest! Denn Ihnen gehört er, Ihnen hat er immer gehört, Ihnen ganz allein!”

Elisabeth ging.

Die Frau, die hinter ihr zurückblieb und sofort in wohltätigen Schlummer sank, war sehr müde, aber auch sehr glücklich.

* * * * *

Trotzendorff, Bruck und Ingo, drei stattliche Männer, ritten von Weimar nach Tiefurt.

Der Konsul war auf dem Heimweg in Weimar abgestiegen, um seinen Freund und Genossen vom Montserrat zu besuchen.

Der Sommermorgen umgab die drei Reiter mit lebendigen Tönen und Farben. Der Äther war klar. Durch die alten Bäume des Webicht funkelte die Sonne; aus den Gräsern antwortete funkelnder Tau. Ein Wandrer sang ein Schubertsches Müllerlied; die Vögel in Gärten und Waldung lärmten nach Herzenslust; und fern zur Linken, am Ettersberg entlang, sauste die Eisenbahn.

Wie sie auf ruhigen Pferden meist gemächlichen Schrittes, manchmal in gelindem Trab dahinritten, boten die drei Männer ein kräftiges Bild: rechts und links die breitgebauten älteren Herren auf braunen Tieren mit weißen Fesseln, in der Mitte der schlanke Ingo auf schlankem Fuchs. Konsul Bruck, den Arm in die Seite gestemmt, war nicht unähnlich einem Farmer, der mit Würde und Behagen durch seine Pflanzung ritt; der Major, mit vorschriftsmäßig eingezogenen Ellenbogen und in straffer Haltung, war auch zu Pferd und in Zivil vor allen Dingen Soldat.

Zunächst hatte man von äußeren Dingen gesprochen, von deutscher Luft und Landschaft.

„In Heidelberg ist mein Herz wieder warm und hell geworden”, erzählte der heimgekehrte Spielmann. „Ich kam in gedrückter Stimmung an. Aber da oben auf dem Heidelberger Schloß, um mich her den jungen Sommertag -- unvergleichlich schön!”

„Nicht wahr?!” frohlockte der kerndeutsche Trotzendorff. „Scheltet auf Scheffel, soviel ihr wollt, ihr Modernen, und verdammt den Tonsetzer des ‚Trompeter von Säckingen’ in Grund und Boden! Schon recht! Aber singt einmal, singt sein Alt-Heidelberg -- und er behält recht! Hol's der Deuwel, da werde sogar ich ein Dichtersmann!”

Und sofort klang es in Ingo, und er sang in den Morgen:

„Alt-Heidelberg, du feine, Du Stadt an Ehren reich! Am Neckar und am Rheine Kein' andre kommt dir gleich!”

„Das kann man nämlich nicht zitieren, meine Herren, das muß man singen!”

Man war wieder in Deutschland.

Und nach und nach lenkte sich durch Trotzendorff das Gespräch vom lyrischen Deutschland zum politischen hinüber.

„Verfluchte Sackgasse, unsre Politik! Die sich in das Wort zusammenfaßt: Feinde ringsum! Käm's doch endlich zum Krachen! Ich fürchte, daß wir mit diesen diplomatischen Hinauszögerungen die rechte Stunde des Losschlagens verpassen. Denn um den europäischen Krieg kommen wir doch nicht herum. Und dabei fehlt in unsren deutschen Rüstungen die Straffheit. Allgemeine Wehrpflicht? Auf dem Papier! Aus siebzig Millionen ließe sich mehr herauspressen! Sehen Sie doch nach Frankreich hinüber, wie das den letzten Mann heranholt und sogar die farbige Armee aus Afrika! Auch Maschinengewehr-Kompagnien fehlen uns noch; der Artillerie fehlt ein Einheitsgeschoß; zu wenig Einzelflieger -- und so wäre manches auszusetzen. Ich fürchte, der deutsche Michel muß im nächsten Krieg erst nach Jena, ehe er nach Leipzig marschiert!”

„Und im Innern?” warf Bruck herüber.

„Die Sozialdemokratie? Je rascher und gründlicher die Auseinandersetzung, um so besser!” klang es vom Major zurück, in seinem etwas nasalen, doch festen Ton, den er sich auf dem Kasernenhof angewöhnt hatte.

„Vielleicht besinnt sich dann nach solchen Erschütterungen Deutschland auf seine wahre Aufgabe”, meinte der Konsul.

„Worin bestände diese Aufgabe? Doch wohl in der Heranzüchtung einer strammen Menschenrasse?! Ich habe neulich wieder einmal eine größere Parade mitgemacht -- Donnerwetter, es ist doch ein großartiges Schauspiel! In Tausende von Menschen gesetzmäßige Bewegung zu bringen, daß alles klappt wie ein Uhrwerk -- was für Arbeit! Und Drill! Und Zucht! Großartig!”

„Schon die alten Römer leisteten hierin Großartiges”, bemerkte der Konsul bedenklich. „Ich meine aber mehr Deutschlands seelische Aufgaben unter den Völkern Europas. Darin sind wir verarmt und bedeuten kein führend Volk mehr.”

„Sie meinen die Zersetzung der Religion?”

„So ungefähr. Hier hat der nervöse moderne Intellekt unser Gemütsleben tief geschädigt. Wenn man dieses Weimar so betrachtet -- sollte man für wahr halten, daß es erst hundert Jahre her sind, seit sich hier so schöne und große Wahrheiten dichterisch offenbart haben?”

„Na, mein wertester Herr Konsul, in Deutschland haben wir unsren Schiller und Goethe noch immer im Bücherschrank. Im übrigen sind wir jetzt im Zeitalter Bismarcks und haben eiserne Aufgaben zu lösen.”

„Auf Kosten der Seele?”

„Was heißt Seele!”

„Was Seele heißt?”