Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart
Part 13
Und doch mußte er sich sagen, daß dieser Soldat eine richtige Empfindung gegenüber Ingos Schwärmerei ehrlich aussprach.
„Ich drohe mich in der Tat zu verflüchtigen, ich gehöre nach Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich abgestempelten Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische Deutsche dem Idealisten Führer sein kann? Schwerlich! So wenig wie der Körper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser darf Dichter kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Fürsten. Ich achte den Reichskörper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.”
So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher gegen den andren -- echt und selbständig beide, und doch erst in Gemeinschaft und Ergänzung ein harmonisches Ganzes.
Dann ging er hinauf zu den Damen.
Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen Zauber aus, sie war liebreizend und glückselig. Als er eintrat, legte sie den Finger auf den Mund und deutete nach der Nebentüre.
„Mutter schläft noch”, sagte sie leise.
Er war beglückt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in der seinen und setzte das Gespräch mit gedämpfter Stimme fort:
„Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren? Es kommt mir noch immer wie ein Traum vor, daß wir uns gegenüberstehen.”
„Mir auch, Ingo.”
„Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der Kindheit?”
Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentüre und sah dann wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm, als wollte sie sagen: Sprich hier nicht darüber, aber lies in meinen Augen, du lieber Mann!
Sie setzten sich in die offene Balkontüre und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Ingo erzählte vom Montserrat und konnte sich nicht enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von des ungewöhnlichen Mannes wunderbaren Enthüllungen Andeutungen zu geben.
Doch hier spürte er bald ein feines Widerstreben.
„Man hört jetzt viel von solchen Ideen”, sagte sie. „Kommt diese Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus Indien?”
„Gewiß, ja, aber Bruck ist ein unabhängiger Mann.”
„Oh, es ist gewiß sehr interessant. Aber genügt schließlich nicht das Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, das hat der Herr bereitet denen, die ihn lieben?”
Ingo mußte unwillkürlich lächeln. Das war sie noch immer, seine gute Elisabeth!
„Gewiß genügt es! Es genügt ja auch, in Deutschland den Acker zu bauen”, sprach er. „Wozu also Amerika entdecken? Wozu den Nordpol suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das höchst unsichere Element der Luft befahren wollen? Man könnte ja am Ende einmal herabfallen! Nicht wahr, Spießbürgerchen?”
Sie lachten beide.
„Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg uns nicht wieder fort! Übrigens auch ich interessiere mich lebhaft für Geister,” fügte sie schalkhaft hinzu, „aber für verkörperte!”
Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmädchen brachte einen Blumenstrauß mit einem Briefchen in geschlossenem Kuvert, gab die Sachen an Fräulein von Stein und verschwand.
„Bei euch ist ja die reine Blumen-Ausstellung!” scherzte Ingo. „Was hast du denn da für einen Verehrer?”
„Harmlos! Sieh selber nach!”
„Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?”
„Vor dir hab' ich kein Geheimnis.”
„Wirklich nicht, Elisabeth?”
Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeöffnet gereicht hatte; und als sie so, den Blumenstrauß aus dem Papier wickelnd, vor ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah, konnte er nicht anders: er legte den Arm um ihre Schulter, und sie sahen sich ganz nahe einige Sekunden innig in die Augen. Ein Glücksstrom überrieselte ihn abermals: ich bin am Ziel!
Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf die Brüstung des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete. Er aber öffnete das Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt -- und las folgendes:
„Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich zwar toll vor Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgültig. Auch Sie lieben mich, sagen Sie mir deutlich, daß Sie mich lieben! Tragen Sie eine meiner Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.”
Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann fluteten und brausten plötzlich wieder die Angstzustände der Nacht über ihn herein. Also doch! Seine Elisabeth -- dort im Kahn -- also doch!
Auch Leroux wähnte sich offenbar „am Ziel”! Denn sonst hätte er diese Sprache nicht gewagt!
Er sagte keine Silbe.
Mit unnatürlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und legte das Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe.
Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und führte sie an den Kaffeetisch. Und es wurde eine unsäglich einsilbige und unsäglich steife Kaffeestunde.
Elisabeth, in ihrem stillen, großen Glück, merkte anfangs gar nichts von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit denselben Gefühlen zu, von denen sie selber durchdrungen war. Sie sprach heute reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen Werken; und ihre Mutter machte lächelnd die Bemerkung:
„Oh die, die kann deine Bücher auswendig, Ingo!”
„Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!”
Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wölkchen getrübte Gesicht seiner glücklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte in ihm empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede Unterhaltung unmöglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel ihres Wesens auch sie kokett! Trägt jenen artigen Burschen im Herzen -- und verbindet damit die wieder erwachten Jugendgefühle! O Weib, Weib!
Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und daß er wahrscheinlich recht bald nach München müsse. Man hatte den Namen Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich mit, daß die kranke Frau von Trotzendorff in einem Münchener Sanatorium liege.
Elisabeth wurde schweigsam.
„Ich hatte nur das Bedürfnis,” schloß er höflich und kühl, „Ihnen, liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Es war mir äußerst angenehm, daß ich Sie beide getroffen habe. Weiter fesselt mich nichts mehr hier in Genf; ich kenne den See schon; und Sie gehen ja wohl auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich plötzlich nach München und dann nach Thüringen zu meinem Bruder verschwunden bin.”
Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Nach München! Also doch wieder zu jener Frau!
„Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo”, sagte die Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gespräch fortführen sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen unterstützten sie darin ganz und gar nicht.
So hob sie denn dieses trübselige Kaffeestündchen auf, und Ingo verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ängstlich, bittend seine Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke noch einmal festzuhalten; er spürte, wie ihre Hand zitterte, als sie die seine krampfhaft festhielt -- aber er wich ihren Blicken aus. Es war in ihm eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger Entschluß. In der Form der größten Höflichkeit nahm er Abschied; und die große, weiße, goldverzierte Salontüre fiel hinter ihm zu.
„Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden einen Stich ins Verrückte”, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau, als sie mit ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. „Wirst du nun aus diesem Menschen klug? Da überfällt er uns, scheint die alten Beziehungen wieder anknüpfen zu wollen -- und läuft sofort wieder davon! Ich muß doch einmal gleich an Tante Adelheid nach Weimar schreiben, daß sie ihm den Kopf waschen soll! Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns gar nichts. Auch der französische Herr wird mir unangenehm; und der Engländer nimmt überhaupt keine Rücksicht. Ich will dir etwas sagen, mein liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hörst du, Elisabeth? Das alles regt mich auf.”
„Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...”
Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglüht, hatte sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet. Die Sonne war verschleiert. Es war eine fahle, schwüle Stille. In der Ferne, nach Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter und schüttete am Abend Regenmassen über Berge, See und Stadt.
Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlüssen, packte augenblicklich seine Sachen. Während dieser Arbeit beruhigte er seine leicht erregbare Phantasie. Und seine natürliche Herzenswärme trat wieder hervor.
Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen Abschiedsbrief:
„Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen ist, so wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar aneinander zu denken. Ich will Dir also sagen, daß ich Dir nicht grolle. Denke auch Du gut von mir! Offen will ich Dir mitteilen, daß ich euch zufällig im Kahn beobachtet habe und auch während des Mittagessens nicht blind war; das Briefchen gab dann den Ausschlag. Elisabeth, werde glücklich! Doch bleibe unsre vornehme, gütige, edle Elisabeth, die wir um dieser Eigenschaften willen alle so sehr achten und lieben -- und die ich, das darf ich wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb' wohl, liebes Mädchen! Ingo.”
In der Nacht, während Elisabeth in ihre Kissen weinte und vergeblich das Taschentuch zerbiß, um ihre nahe schlafende Mutter das Schluchzen nicht merken zu lassen, saß der ruhelose Ingo im Schnellzug, um über Zürich nach München zu fahren.
* * * * *
Am andren Morgen troff ein mächtiger Maienregen über das Genfer Gebiet.
Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die Stadt, um einige Besorgungen zu machen.
Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem sie ihrer Mutter verhärmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes Weinen recht wohl gehört hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs unseliges Briefchen gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgruß empfangen hatte; nachdem sie in der Nacht noch einmal alles durchgelitten, was in ihren langen Herzensbund mit Ingo immer wieder störend eingegriffen hatte: gab es für ihre sonst so spröde Natur kein Wanken mehr. Sie beschloß, um den Geliebten zu kämpfen.
Sie ließ unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm klopfte, durch nasse, öde Straßen wandernd, im Geiste vorbeiziehen, was ihren Bund mit Ingo hemmen könnte. Ihre eigene passive Natur? Die war doch wohl ein wenig besser geworden. Leroux? Ach, den hatte sie heute morgen kurz und kühl abgewiesen. Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer wieder jene Frau, die ihr so überlegen war, so schön, so geistvoll, so musikalisch -- -- -- jene Frau Friederike -- -- --
„Wenn sie ein Herz hat,” sagte sich Elisabeth und gab sich alle Mühe, die Tränen zurückzupressen, „darf sie sich nicht mehr zwischen uns beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.”
Neuntes Kapitel
Weimar
Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt' gern was Großes geboren, Der sammle still und unerschlafft Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.
_Schiller_
Fräulein Adelheid von Stein-Birkheim stand mitten in ihrer häuslichen Welt voll künstlerischer Schönheit, die sie sich in ihren siebzig Lebensjahren aufzubauen verstanden hatte. Sie stellte eben das grüne Kännchen beiseite, aus dem sie ihre vielen Blumen zu begießen pflegte. Die Wände ihrer Wohnung waren bis oben hin mit schönen Gemälden, Familienporträts und Bildnissen befreundeter und wertvoller Menschen, deren Dasein sich irgendwie mit dem ihrigen versponnen hatte, ausgeziert. Und selbst auf den kleinen Tischen standen Photographien zwischen den auserwählten Büchern, die sie immer im Handbereich hielt.
Draußen leuchtete der jungkräftige Sommer bis in alle Winkel und Höfe des geweihten Städtchens. Rings um Weimar flossen sanfte Höhen und mildes Himmelsblau reizvoll ineinander; es war ein duftiger, die Konturen verwischender, traumhafter Tag. Hinter Belvedere blühte der wilde Rosenstrauch, an dem einmal, abseits von einer steifen Gesellschaft, Ingo seine geliebte Elisabeth überströmend geküßt hatte. Und im Park von Tiefurt stand noch immer auf einem weißen Sockel das neckische Wort: „Mozart und den Musen.”
Die greise Dame pflegte auf ihrem Balkon Meisen, Finken und andere Singvögel zu füttern. Sie schaute hinaus und dachte lächelnd: „Ich bin auf den Singvogel neugierig, der mich heute besuchen wird.” Dann ging sie ihren Hantierungen nach, in gewohnter klassischer Ruhe, nichts überhastend und doch frei von Kleinlichkeit.
Nicht lange darauf tönte die Klingel. Das Mädchen kam herein und brachte eine Besuchskarte: Ingo Freiherr von Stein-Waldeck. Der Spielmann hatte, die Treppe zu Tante Adelheid heraufsteigend, seinen Zustand mit lächelnder Wehmut empfunden: wie leicht bepackt, wie geläutert, wie gesäubert von allen Beschwerungen stieg er doch jetzt diese wohlbekannte Treppe wieder empor zu der Greisin, die ihm in ganz Weimar am nächsten stand! Und drinnen ereignete sich ein drolliger Zufall. Fräulein Adelheid suchte gerade ein Buch, als ihr die Karte überreicht wurde. Da fiel mit Geräusch ein Goethe-Band herunter und blieb aufgeschlagen liegen. Sie warf einen Blick auf die Seite und las die Worte aus der „Pandora”:
„Dort! er taucht in Flutenmitte Schon hervor, der starke Schwimmer; Denn ihn läßt die Lust zu leben Nicht, den Jüngling, untergehn.”
„Willkommen in Deutschland, lieber Ingo! Willkommen in Weimar!” rief sie, als sich der Neffe über ihre Hand beugte. Sie zeigte ihm die Stelle, und beide deuteten des Altmeisters Wort in guter Stimmung als ein freundlich Vorzeichen.
„Sie waren ja immer der Meinung, Ingo, daß Weimar und Wartburg Deutschlands Herz bilden, geographisch und geistig. Also willkommen im Herzen Deutschlands!”
Tante Adelheid war eine hochgewachsene Frau von aufrechter Gangart und pflegte weite, läßliche Kleidung zu tragen. Ein längliches Gesicht, eine mehr hohe als breite Stirn und nach den Schläfen etwas herabgezogene, oft prüfend halbgeschlossene Augen nebst schmalem Mund gaben ihr ein Gepräge sachlicher Klarheit. Es fehlte diesen Zügen nicht an Güte, doch auch nicht an deutlichem Freimut.
„Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie denn so lange Zeit, Sie Ausreißer? Fast zwei Jahre waren Sie nun nicht in Ihrer Weimarer Wohnung! Und Ihr gemütliches Heim da oben am Horn geht in Spinnweben unter, wenn ich nicht Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer unter die Sohlen mache.”
„Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten”, erwiderte Ingo lächelnd. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.”
„Das wollt' ich ihr auch geraten haben”, versetzte Tante Adelheid. „Und wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland natürlich!”
„Sie schwärmen ja wohl immer noch für alte deutsche Nester wie Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?” scherzte Ingo. „Und ich habe beide Städte noch immer nicht gesehen, entschuldigen Sie tausendmal!”
„Natürlich! Echt deutsch! Läuft in der Welt herum und kennt sein eigen Vaterland nicht!”
„Zunächst komm' ich übrigens von einem Krankenlager”, erwiderte er ernst.
„Ihr Bruder, nicht wahr?” nickte sie bedenklich. „Ja, da steht es allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo, und ich kann Ihnen also ruhig sagen, daß ich einen der Ärzte gesprochen habe, die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.”
„Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen”, seufzte Ingo. „Er hat sich zum Erschrecken verändert. Dieser wilde, kühne, rauhe Bursche von ehedem -- und jetzt ein Gerippe!”
„Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die zwei Söhne; und der eine läuft in der Ferne herum, der andere -- er ist ja wohl nur ein Jahr älter als Sie? -- stirbt als Junggeselle hinweg. Wie soll das mit dem schönen Gut werden!”
„Das muß natürlich ich übernehmen.”
„Muß, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich wär's notwendig, obschon Sie's ja schließlich verpachten und als Sommersitz einrichten können. Aber das ist ja das Unglück, daß Sie vor praktischer Arbeit zurückscheuen. Für Sie selber, Ingo, wird es heilsam sein, wenn Sie seßhaft werden. Nur sollte man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen, ohne links einen guten Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu setzen.”
„Na, na, na, auch Sie unterschätzen also meine Energie, Tante Adelheid!”
„Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.”
Ingo sprang auf.
„Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An einem einzigen Tage bin ich in diese Werktäglichkeiten eingelebt -- jawohl -- und am zweiten Tag läuft der Apparat von selber -- und am dritten Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme mich den wertvollen Gütern des Daseins: der Ideenwelt. Der Unterschied zwischen meinem angeblich realistischen Bruder und mir, dem angeblichen Romantiker und Sausewind, besteht nicht darin, daß ich diese äußerlichen Dinge nicht beherrschen könnte -- spielend beherrsch' ich diese Banalitäten, spielend, sobald ich nur will! Unterschätzt doch nicht einen geistig raschen Menschen! Sondern der Unterschied besteht darin, daß er und seinesgleichen in diesen wirtschaftlichen und sportlichen Durchschnittsfragen steckenbleiben, ja daß sie dies für das Leben selber halten! Und so füllen sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwätz über Düngersorten, über Züchtung von Pferden, Hunden und Kälbern, über Prämien bei Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen -- Dinge, die mich mordsmäßig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese Mauern der Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein! Aus dieser Welt bin ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen Ehrentitel, wenn Sie mich als Ausreißer begrüßen.”
„Potztausend!” lachte Tante Adelheid. „Da hab' ich ihn einmal in eine allerliebste Ansprache hineingeärgert! Setzen Sie sich ruhig wieder her, Ingo. Sie wissen, daß ich ein offenes Wort ganz gut vertrage, aber Aufregung und Überspanntheit nicht liebe.”
Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr er fort, auf dem Gut während der wenigen Tage so viel versteckte Vorwürfe von Basen und Gevattern ausstehen müssen, daß nun sein angesammelter Unmut wider seinen Willen ausgebrochen sei.
„Am verständigsten war mein Vater”, schloß er. „Der klopfte mir auf die Schulter und meinte nur kurz: ‚Laß sie reden, Junge, ich glaube dich besser zu kennen!’ Während der ganzen Fahrt von Waldeck nach Weimar sah ich diesen braven alten Herrn vor mir in seinem weißen Bart und seinem leider unentbehrlichen Stock, wie er mich hinkend an den Wagen begleitete und mit seinem schlichten ‚Mit Gott!’ entließ, aufrecht, ein alter Soldat und doch von weichem Gemüt, die beiden Doggen neben ihm -- ein Edelmann von altem Schrot und Korn!”
„Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge! Und nun sagen Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in München?”
„Ich muß Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit einer Reihe von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt' ich nach München fahren, blieb aber in Zürich bei einem befreundeten Schriftsteller und fuhr dann über Heidelberg nach Thüringen.”
„Und das halten Sie aus?”
„Warum nicht?” versetzte er und legte ziemliche Kühle in seinen Ton. „Ich erhalte ja durch Trotzendorff regelmäßige Nachricht.”
„Durch Trotzendorff? Nicht durch sie?”
„Sie liegt zu Bett. Es ist keine gefährliche, aber langwierige Sache.”
„Na, man kann doch aber schließlich auch im Liegen Bleistiftbriefe und Füllfedergrüße senden, das weiß ich am besten, wenn mich Herzschwäche an den Diwan fesselt. Es fällt mir auf, daß Sie so die Fühlung mit Ihrer intimsten Freundin verloren haben.”
Tante Adelheid schaute mit forschenden Augen in Ingos gleichmütig ernstes Gesicht.
„Freundschaft und Freiheit gehören zusammen”, bemerkte er allgemein und schaute durchs Fenster. „Nur in Freiheit ist Freundschaft möglich. Wenn der eine Teil den andren mit List oder Gewalt festzuhalten oder abzusperren sucht, so ist das bereits eine verlorene Sache. Man kann weder Glück noch Freundschaft erobern oder erzwingen: derlei hohe Dinge sind Göttergeschenke.”
„Da haben Sie recht, Ingo”, erwiderte Tante Adelheid, und ein weicherer Ton glitt in ihre Stimme. „Das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung bestätigen.”
„Wie geht's denn unsrer Exzellenz?” fragte Ingo sofort. Die Frage schloß sich leicht an das Vorausgegangene an. Denn auf der andren Seite des Stockwerks wohnte der teuerste Freund dieser durch viele hohe Freundschaften ausgezeichneten Greisin. Und sie erzählte von der Tätigkeit und Geistesfrische dieses harmonischen Edelmannes, der gleichfalls schon dem siebzigsten Lebensjahre zusteuerte, aber doch noch fleißig in seiner Kunst der Malerei und Architektur tätig war, dankbar für ein reiches Leben, den Tod nicht fürchtend, Schönheit in seinen Zimmern um sich ausbreitend und durch stille Wohltaten manchen Mitmenschen fördernd. Es war für Ingo jedesmal eine Erhebung, wenn er bei diesen abgeklärten Alten zu Gast war, die er scherzend Philemon und Baucis zu nennen pflegte.
„Lieber Ingo,” sagte Fräulein Adelheid und nahm seine Hand, „nun lassen Sie mich alte Frau einmal ein paar offene Worte sagen. Ich habe da einen Brief bekommen von Mathilde aus Genf. Nun sagen Sie mir: was haben Sie denn eigentlich in der kurzen Zeit Ihres Aufenthaltes in Genf schon wieder mit Elisabeth gehabt, daß dieses durch und durch brave Mädchen aus heimlichen Tränen nicht mehr herauskommt?”
Ingo erbleichte.
Dann schoß eine jähe Blutwelle in sein Gesicht zurück, als er nun so vor Tante Adelheids prüfend ruhigen Blicken gefesselt auf seinem Stuhle saß.
„Wieso denn?” fragte er tonlos.
„Sie haben in Ihrem Verhältnis zu Elisabeth immer vor uns andren Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen Art nie ein Wort darüber geäußert. Es ist ein merkwürdiges und im Grunde seelisch einsames Mädchen; sie hat in tieferen Dingen keine einzige Vertraute -- nicht einmal mich,” setzte sie lächelnd hinzu, „die ich doch so gern Beichtmutter bin. Uns schien damals zwischen Ihnen beiden ein heimliches Verlöbnis zu bestehen -- nun, man hat so dies und jenes beobachtet. Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das mag ja nun sein, wie es will, aber man kann doch in Güte aneinander denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur für andre lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemüt Tränen auszupressen -- Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!”
Ingo war bestürzt.
„Tante Adelheid,” sprach er endlich, „Sie sprechen nur von Elisabeth und was ich ihr etwa angetan haben könnte. Für mich als Mann schickt es sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden zu sprechen und von dem, was ich selber gelitten habe durch Elisabeths sprödes, unergiebiges Naturell. Das ist eben Schicksal. Da kann ein Dritter schwerlich hineinschauen.”
„Danke!” erwiderte Fräulein von Stein kaltblütig. „Sie setzen mir also den Stuhl vor die Türe. Nun, immerhin habe ich in den letzten Jahren tiefer in das Wesen dieser edlen Mädchenseele hineingeschaut als wahrscheinlich ein gewisser anderer, der im Ausland Studien machte. Sie haben zu viel an der Peripherie gelebt, Ingo. Aber leidende und liebende Menschenherzen gibt es auch in der Heimat; Heroismus und Größe gibt es auch im Inland. Man braucht kein Spießbürger zu werden und kann doch mit seinen Mitbürgern in Herzensfühlung bleiben -- nämlich als ein Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Großmut, wenn sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns hier in Ihrem deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr Neffe, auf den ich hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben in Ihre Scheunen -- dann aber muß der Zeitpunkt kommen, wo Sie Ihre Frucht dreschen und in die Mühle bringen. Eine Menge Freunde haben Sie sich draußen erworben -- aber Sie sind im Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die wertvollste von allen, diese innerliche Elisabeth!”