Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

Part 9

Chapter 93,581 wordsPublic domain

Um ihn versammelte sich bald ein Häufchen Neugieriger von der gemütlicheren Sorte; doch blieben all ihre Fragen nach Namen und Herkommen vergeblich. Der Alte stierte die Umstehenden verständnislos an und legte nur manchmal geheimnisvoll den Finger auf die Lippen. Zwei- oder dreimal murmelte er etwas in den Bart und blickte dabei ängstlich und scheu um sich her. »Was sagt er?« fragten die Hintersten und drängten sich näher. »Er sagt: Der König ist in Gefahr,« erklärte ein hübsches, junges Weib. Darüber brachen einige in rohes Lachen aus; und man gewann allmählich die Gewißheit, daß man es mit einem Verrückten oder wenigstens ganz in Stumpfsinn Versunkenen zu tun habe. »Kinder und Narren sagen die Wahrheit,« meinte ein buckliger Schneider; »der gute Trottel scheint mir kein schlechter Prophet.«

Dennoch handelte es sich nicht um eine Prophezeiung, sondern um eine Erinnerung.

Dieser Unglückliche war einst ein wohlhabender Lyoner Kaufmann mit Namen Marcel Larousse, und im Winter 1756, kurz vor Neujahr, war dieser Herr Larousse, mit Zurücklassung einer hübschen Frau und zweier Töchterchen von sieben und neun Jahren, in Geschäften nach Paris gekommen, wo gerade der Streit zwischen König und Parlament eine Verschärfung erfahren hatte, die ernstliche Konflikte befürchten ließ. Herr Larousse kam just an dem Tage in Paris an, da auch der König in seiner lieben und getreuen Stadt erschienen war, um im Justizpalast ein feierliches ~Lit de justice~ abzuhalten, das bekanntlich einen recht bedenklichen Ausgang nahm. Der gute Kaufmann aus der Provinz konnte sich vor Erstaunen nicht erholen, als er sah, wie der König mit besonders pomphaftem Gefolge und im offenen Wagen an einer kalt gaffenden Menge vorüber, die den Quai der Goldschmiede und die Sankt Annenstraße füllte, seinen Einzug ins Parlament hielt, ohne daß auch nur der schüchternste Ruf »Es lebe der König« laut wurde.

So erkaltet war in diesem Augenblick die Stimmung des Volkes gegen diesen König, den man nicht ohne Arg den Vielgeliebten nennen durfte, und der nun schon einen Mordanfall brauchte, um die alte Liebe der Pariser für ihn noch einmal auflodern zu sehen. Und dieses Attentat (Könige haben manchmal ein unglaubliches Glück) stellte sich wahrhaftig, wie auf Bestellung, ganz zur rechten Zeit ein.

Und folgendergestalt kam Herr Larousse in Zusammenhang damit. Ihn hatten seine Geschäfte über Neujahr hinaus in der Hauptstadt festgehalten, und als er am vierten Januar von einer Einladung bei seinem Geschäftsfreund in später Nacht nach seiner Herberge kam und, infolge ungewöhnlichen Weingenusses und seiner lebhaften Gedanken an das freudige Wiedersehen mit Frau und Kindern, stundenlang nicht einschlief (er mußte sich immer wieder vorstellen, wie sich seine Frau über den Federnhut und den Spitzenfächer freuen werde, die er am Nachmittag eingekauft hatte): da hörte er plötzlich hart an seinem Ohr deutliches Stimmengeflüster. Er horchte auf und verstand auch bald einige abgerissene Wörter und Sätze, die aber lange ohne Sinn und Zusammenhang für ihn blieben, so daß er sehr ärgerlich wurde, weil er noch weiter an dem nötigen Schlaf gehindert sein sollte. Dennoch konnte er sich nicht enthalten, das Ohr zu spitzen und weiter zu horchen.

»Du wirst im letzten Augenblick den Mut verlieren,« sagte jetzt drüben eine Stimme.

»Das Bild der allerheiligsten Jungfrau, das ich auf der Brust trage«, antwortete die andere Stimme, »wird mir die Kraft geben.«

»Wie willst du ihm aber so nah kommen?«

»Er besucht jetzt fast täglich spät am Nachmittag seine Tochter, die Gräfin von Provence, die krank sein soll, und kehrt erst in der Dunkelheit zurück.«

»Bei der jetzigen Kälte wird er gut eingemummt sein, und du wirst dein Leben umsonst wagen.«

»Mein Dolch ist lang und scharf.«

»Und wenn er nun auf Wochen hinaus das Trianon nicht verläßt?«

Wie ein greller Blitz schlug das letzte Wort in das Bewußtsein des Kaufmanns. Also ein Mordanschlag auf die geheiligte Person des Königs!

Und ihn also hatte Gott zum Schutzengel des Königs bestellt. Darum hatte er ihn so lange den Schlaf nicht finden lassen.

Nun suchte er ihn schon nicht mehr, obwohl es drüben still geworden war. Die ganze Nacht hindurch überlegte der gute Kaufmann, was er tun könne, um das Komplott unschädlich zu machen. Plan um Plan durchdachte er; und einen nach dem andern verwarf er als unpraktisch oder gar gefährlich. Erst gegen Morgen kam er zu einem Entschluß, fest überzeugt nun, daß dieser Schritt der sicherste sei. Er hatte nämlich beschlossen, sich in aller Frühe zu Herrn von Berryer zu begeben, der als Leutnant des Königs der Pariser Kriminalpolizei vorstand.

Schon kurz nach sieben meldete sich der Kaufmann an der Wohnung des Polizeileutnants. Seine Gnaden, sagte man ihm, sei vor elf Uhr nicht zu sprechen. Aber der Kaufmann ließ sich so leicht nicht abweisen. Er komme in einer dringlichen Sache, die Herrn von Berryer persönlich angehe. Da fragte ihn der Lakai nach Stand und Namen und ließ ihn warten.

Ob dieser Lakai nun seinen Herrn von dem Begehren des Fremden wirklich benachrichtigt, oder ob er dem Kaufmann nur eine kleine Komödie vorgespielt hat -- kurz, er kam nach einigen Minuten zurück mit dem Bescheid: Der Herr Polizeileutnant lasse Herrn Larousse bitten, ihm, wenn es möglich sei, um elf Uhr die Ehre zu geben. Larousse begab sich nun in das benachbarte Café Procope, dessen literarische und sonstige Stammgäste zu dieser Stunde noch schliefen. Dort ließ er sich eine Schokolade und dazu Tinte und Feder geben und verfaßte mit großer Sorgfalt einen Brief an Herrn von Berryer, da ihm schwante, daß er auch um elf Uhr nicht vorgelassen werden könnte. »Euer Gnaden, der König ist in Gefahr,« so begann der Brief und erzählte darauf Wort für Wort das erlauschte Gespräch.

Herr Larousse hatte richtig geahnt; als er wenige Minuten nach elf im Vorzimmer Seiner Gnaden erschien, hieß es, der Statthalter des Königs sei augenblicklich von wichtigen Geschäften in Anspruch genommen. Den Brief des Kaufmannes aber wollte der Lakai gerne abgeben. Umsonst erwartete Herr Larousse danach, zur näheren Auskunft vorgelassen zu werden. Eine Stunde verging, es vergingen zwei, es vergingen drei Stunden, worauf man dem Kaufmann bedeutete, Herr von Berryer sei plötzlich in einer dringlichen Angelegenheit ausgefahren und heute nicht mehr zu sprechen. Ob Seine Gnaden den Brief gelesen hätten, wußte der Lakai nicht zu sagen; der Kaufmann aber zweifelte nicht daran, denn sicher bestand zwischen der Lektüre des Briefes und der plötzlichen Ausfahrt des allmächtigen Polizeileutnants ein ursächlicher Zusammenhang. Dabei beruhigte sich Herr Larousse, und da etwas vor fünf die Lyoner Post abging, wofür er sich am Vorabend bereits einen Platz gekauft hatte, nahm er in aller Eile einen Fiaker und fuhr (sein Felleisen hatte er in der Frühe schon hin befördert) nach der Posthalterei von St. Severin nah beim Justizpalast, wo er gerade ankam, als der Postillon das letzte Signal zur Abfahrt blies, während in der Kutsche die Reisenden in dicken Mänteln sich zurechtrückten, und der Stallbursche mit krummen Knien im Schnee stand und heftig die Arme übereinanderschlug, um sich gegen die Kälte zu wehren.

In der Vorstadt von St. Anton schlug die Uhr das erste Viertel nach Fünf, als der wackelige Postkarren, an der Bastille vorbei, über den knirschenden Schnee rollte, dem Tor von Vincennes zu. Trotz der beißenden Kälte ließ es sich der junge Postillon nicht nehmen, das finstere Staatsgefängnis drüben, das bei der hereinbrechenden Nacht sich nur unbestimmt vom schwarzen Himmel abhob, auf seinem Horn mit einer lustigen Weise, wie er immer pflegte, neckisch zu begrüßen, indessen im Innern der Kutsche Herr Larousse, gehoben von dem stolzen Gefühl, den König gerettet und dem Vaterland still und bescheiden einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben, sich aufs neue dem beglückenden Vorgenuß eines zärtlichen Wiedersehens hingab. In derselben Viertelstunde aber geschah draußen in Versailles die Tat, die den guten Parisern, trotz aller Verstimmung gegen den König, so entsetzlich schien, daß zuerst niemand daran glauben wollte.

Der König, der zu dieser Zeit das Trianon bewohnte, war um vier Uhr nachmittags nach dem Schloß gefahren, um seinen beiden Töchtern, deren eine, die Gräfin von Provence, etwas kränkelte, einen Besuch abzustatten, wie er fast täglich zu tun pflegte. Genau ein Viertel nach Fünf verabschiedete er sich von den Prinzessinnen. Er nahm beim Herabsteigen die kleine Treppe, da er fast ohne Gefolge war. Zwei Fackeln wurden ihm vorgetragen. Als er, unten angelangt, schon den Fuß erhoben hatte, um in den Wagen zu steigen, sah sich der nächststehende Oberst der Leibwache plötzlich mit einem Ruck auf die Seite geschoben, und der König fühlte etwas wie einen Faustschlag auf der linken Brust. Er fuhr nach der Stelle und griff in Blut. »Ich bin ermordet,« rief er, »haltet den Täter!« Der war schon ergriffen: ein großer, starker Mann in schwarzem Anzug mit einer Beutelperücke auf dem Kopf.

Dies war der Vorgang bei dem bekannten Attentat des Hausknechts Damiens auf Ludwig den Fünfzehnten; und wenn man auch heute weiß, daß der König dabei nur ganz leicht verwundet wurde, so war doch zunächst alles zu befürchten und der Schrecken und die Verwirrung ungeheuer.

Die erste amtliche Nachricht, die nach Paris abging, war an Herrn von Berryer gerichtet. Der reitende Kurier fand den hohen Polizeibeamten bei der Baronin von Breteuil, seiner anerkannten Geliebten, wo er in großer Gesellschaft bei Tische saß. Gerade wurde der sechste Gang, ein getrüffelter Pfau, aufgetragen, als sich die Staffette meldete. Man denke sich die Bestürzung der illustren Gesellschaft. In eiliger Hast verabschiedete sich der Königsleutnant, um seines Amtes zu walten. Das heißt: um im weitesten Umfang und mit äußerster Strenge alle die Maßregeln zu treffen, die eine hohe Polizei mit Sicherheit immer anzuordnen pflegt, wenn ein Unglück geschehen ist. Herr von Berryer war um so verwirrter, als der Brief, im Namen des Königs geschrieben, einen Zusatz enthielt, der sich wie eine erste Andeutung allerhöchster Ungnade ausnahm. »Auf daß es Euch nicht etwa einfallen mag,« hieß es da, »zu uns nach Versailles zu kommen, verbieten wir Euch ausdrücklich, unsere Stadt Paris für die nächste Zeit auch nur auf einen Augenblick zu verlassen.« Das war mehr als genug, um den Königsleutnant in einen Zustand der Verzweiflung zu versetzen.

Während nun sein schwergebauter Wagen über das holprige Pflaster in heftigen Schwankungen dahinfuhr, und seine Seele in tausend Ängsten und Befürchtungen schwebte, fiel ihm plötzlich der Brief des fremden Kaufmanns ein, den er am Vormittag zu sich gesteckt, aber zu lesen vergessen hatte. Er zog das Schreiben hervor und überflog es. Und so erschrak er, daß die zitternde Hand das Blatt zu Boden fallen ließ. »Ich bin ein verlorener Mann,« rief er aus. »Der Mensch wird plaudern; ich bin unrettbar verloren.« Ein paar Sekunden saß er wie erstarrt. Dann kam ihm ein rettender Gedanke; er klopfte heftig an den Wagenschlag. Der Wagen hielt, und schon war auch der Jäger vom Bock gesprungen und stand, des Befehles gewärtig, den Federhut in der Hand, vor dem Schlag. »Kaserne St. Eustache, eilig!« befahl Seine Gnaden; und der Wagen setzte sich wieder in Trab.

Die Lyoner Postkutsche hatte in dem Städtchen Pansou zum drittenmal die Pferde gewechselt und wollte eben mit ihren drei Insassen sich langsam wieder in Bewegung setzen, als plötzlich ein Trupp galoppierender Reiter die Straße herunter gegen sie heransprengte. Im Nu war der Wagen von den berittenen Gardisten umstellt. »Der Kaufmann Larousse aus Lyon!« rief der Gefreite.

Ein eigentümlicher Glücksschauder durchrann in diesem Augenblick die Seele des Lyoner Kaufmanns, der aus seinen Gedanken an die zu Haus harrende junge Frau und die schönen Kinder wie aus einem lieblichen Traum emporfuhr. Aber nur, um in einen noch zauberhafteren einzutreten. Wie eine blendende Phantasmagorie tauchte es ihm vor den Augen auf. Kristallene Kronleuchter mit Tausenden von Kerzen flammten und vervielfältigten sich in Spiegeln bis ins Unabsehbare, auf goldgestickten Westen blitzten diamantene Sterne, nackte Frauenschultern leuchteten über Sträußen von Blumen, seidene Kleidfalten knisterten, Atlasschleppen rauschten; plötzlich ein allgemeines Knixen und Verbeugen: Der König! Denn der gute Kaufmann dachte, daß die Boten des Königs ihn einholten und ihm eine großartige Belohnung bevorstehe. Aber nur ein Wimperzucken lang stand ihm die beglückende Fata Morgana vor dem Blick.

Denn schon fühlte er sich einen Knebel in den Mund gestoßen und eiserne Schließen an die Gelenke gelegt. Wie in einem Räuberroman war's. Kein Wort wurde laut, und ehe Herr Larousse sich's versah, saß er im Pferdesattel eng zwischen zwei Dragonern, die mit ihren Armen unter die seinen faßten.

Und fort gings in gestrecktem Galopp auf der winterlichen Landstraße, zwischen verschneiten Hügeln mit den Flecken dunkler Gehölze, vorüber an Gehöften, wo die Hunde ängstlich knurrten, über Brücken und durch verschlafene Dörfer, in gestrecktem Galopp immer fort. Der arme Kaufmann verfiel zuletzt in jene todähnliche Betäubung, aus der er erst -- im Grabe wieder erwachte.

Denn ganz an eine Gruft erinnerte das Gelaß, in dem er, ahnungslos, wie lange seine geistige Lähmung gedauert hatte, zur Besinnung kam. Nackte Mauern, zwei plumpe, mit Ketten befestigte Stühle, ein rohgezimmerter Tisch und eine hölzerne Lagerstatt: das waren die Gegenstände die er in dem schwachen Licht erkannte, das durch eine schmale Luke aus der Höhe herab spärlich in den trostlosen Raum sickerte. Er mußte sich besinnen, was mit ihm vorgegangen war. Aber umsonst suchte er nach einer Erklärung der furchtbaren und rätselhaften Ereignisse. Sein Kopf war düster wie die Gruft, die ihn umschloß. So versank er in ratloses, dumpfes Brüten. Und Stunden mochten so hingehen. Stunden oder Ewigkeiten: er hätte es nicht zu sagen gewußt. Ein Geräusch ermunterte ihn. Er hörte Schlüssel drehen und Riegel sich verschieben und eine schwere Tür in ihren Angeln knarren. Dreimal wiederholte sich das. Denn drei schwere Türen führten in seinen unterirdischen Kerker. Nach Öffnung der letzten Tür wurde wirklich ein lebendiger Mensch sichtbar. Er trug am Gürtel ein Gehäng mit gewaltigen Schlüsseln. Ein Gehilfe, der ihm auf den Fuß folgte, setzte ein Brett mit einem vollständigen Mittagsmahl auf den Tisch.

Von dem Schließer erfuhr der Kaufmann, daß er in der Bastille sei.

So hatte Herr von Berryer die ihm drohende Gefahr beseitigt. Auch in anderer Richtung wußte er der Ungnade des Hofes energisch vorzubeugen. Seine strengen Maßnahmen in der nächsten Zeit nach dem Attentat des Damiens fanden ganz die Billigung des Königs, der seinem Polizeichef dafür so dankbar war, daß er ihn bereits ein Jahr darauf, obwohl Herr von Berryer in seinem Leben noch nie ein Schiff gesehen hatte, zum Minister der Marine ernannte, wie in jedem Kompendium der französischen Geschichte zu lesen ist. Herr Larousse aber war in der Bastille und blieb darin. Erst der berühmte vierzehnte Juli des Jahres 1789 gab ihm die Freiheit; gab ihm aber weder seinen Verstand wieder, den er verloren, noch sein geliebtes Weib und seine schönen Kinder, auf die sich sein braves Herz so unsäglich gefreut hatte, als er vor dreiunddreißig Jahren, am Vorabend der heiligen drei Könige, an der Bastille vorüber durch das Tor von Vincennes in die frühe Winternacht hinausgefahren war, nicht nur vom Vorgefühl des Ersehnten, sondern auch von dem Gedanken beglückt, den König gerettet und dem Vaterland still und bescheiden einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben.

Napoleons größter Sieg

Von _Walter von Molo_

Napoleons größter Sieg wurde vor der Entscheidungsschlacht erstritten, als seine zusammengeballten Soldatenmassen, noch in Ruhe, unübersehbar die Hügel füllten, wie Tiger zum Sprunge geduckt. Sie standen wie erstarrte, verlassene Wogen, die auf den Rückprall der Flut des Geschehens warteten, um fessellos wieder ins Chaos zu rasen. Erz klirrte, Pferde wieherten, Waffen klangen; hunderttausend Kürasse, Säbel und Bajonette, flatternde Standarten und gähnende Schlünde der Geschütze gleißten in der Sonne, die den Nebel scheuchte, die den Tod eilends rief.

Napoleon saß, das Kinn wider die Brust gepreßt, auf seinem Schimmel, die Rechte im Brustausschnitt der grünen Uniform. Er sprach zu uns:

»... Soldaten! Ihr dürft den Tod nicht fürchten; wenn Soldaten ihm trotzen, schleicht er in die feindlichen Reihen! Verachtet den Tod! Seid _stolz_!« ... Napoleons Schimmel begann unruhig zu werden, Napoleon stockte, seine Faust ballte sich fester um das Lederband des Zügels. Der Schimmel unter Napoleon wurde kleiner und streckte sich; des Kaisers messerscharfe Lippen wurden schmale Striche.

Im Angesicht der Armeen, die das Los der Erde entschieden, tat Napoleons Schimmel die Notdurft. Der stärkste Feind zog wider den Weltherrscher zu Felde: die Lächerlichkeit des Seins, die Würdelosigkeit des Lebens.

Napoleons stählerne Augensterne hielten uns niedergestemmt; tyrannisch zwang er unsere Blicke, unser Denken, unsere Seelen in sein Antlitz. Wir Pariser, ~40. de ligne~, standen und starrten, unsere Witzworte starben ungeboren, unser Lachen und Hohn verkrochen sich. Napoleon sprach ruhig weiter:

»Soldaten, _Menschen_! Seid _stolz_! In euere Hand ist es gegeben, das Angesicht der unvollkommenen Welt zu _ändern_!« Mit Kniedruck und Sporenstich riß Napoleon den Schimmel zusammen; sein Antlitz war dunkelrot, wie vor Erschöpfung. Wir jubelten ihm zu.

Napoleon wandte verächtlich den Kopf:

»Marschall Ney,« rief er, »geben Sie jetzt den Befehl zum Angriff!«

Von diesem Angriff und dessen Erfolg spricht die Weltgeschichte; doch Napoleons Sieg _vor_ der Schlacht war größer!

Revolution

Von _Paul Ernst_

Im Jahre Achtundvierzig fanden bekanntlich an einigen Orten in Deutschland Unruhen statt. Deren eigentliche Bedeutung war, daß den veränderten Verhältnissen entsprechend sich verschiedene Einrichtungen des öffentlichen Lebens hätten ändern müssen; aber da sich bei den Akten kein Vorgang für solche Änderungen fand, so geschahen sie immer nicht, bis endlich der weniger einsichtsvolle Teil der Bevölkerung ungeduldig wurde. Diese Ungeduld aber hielt man für revolutionäre Stimmung, und als sie sich äußerte, da glaubten sowohl die Regierung als auch die Ungeduldigen, daß eine Revolution gemacht werde.

Man erzählt, daß damals in Berlin zwei Geheimräte, Exzellenzen und Abteilungsvorstände in ihren Ministerien, sich auf der Straße getroffen haben, sich kummervoll begrüßt und dann einander gefragt, was denn eigentlich der Grund für die Revolution sein könnte. Sie wußten es beide nicht. »Es kommt ja wohl einmal vor bei uns, daß ein Rest bleibt; die Eingänge sind ja nicht jeden Tag gleichmäßig,« sagte der eine; »aber das kann ich beschwören: jeden Sonnabend wird aufgearbeitet; und wenn ich bis zwölf Uhr des Nachts sitzen bleiben soll, bei mir findet der Registrator am Montag früh immer einen leeren Aktenständer.« »Jawohl,« entgegnete ihm der andere, »das kann ich bezeugen, bei uns wird es genau so gehalten, und in sämtlichen anderen Ministerien meines Wissens gleichfalls.«

Ein Bäckermeister in Berlin, der ein gutgehendes Geschäft in der Krausenstraße führte, war schon in der Zeit vor der Revolution beim Bürgerstand eine angesehene Persönlichkeit gewesen, indem er Vorsitzender eines bei der Polizei angemeldeten freisinnigen Vereins war; er hatte zwei Haussuchungen erlitten und war drei Wochen lang in Haft gehalten, weil die Polizei glaubte, daß er mit den Häuptern der internationalen Demokratie in Verbindung stehe. Als die Revolution gesiegt hatte, da wurde er zu verschiedenen Vertrauensämtern gewählt, denen er redlich und brav vorstand.

Seiner Frau war das politische Treiben von Anfang an nicht lieb gewesen. Sie sagte ihm, ein Bäcker habe die Reaktionäre ebenso zu Kunden wie die Demokraten; sie selber besorge den Laden, und der Mann gehöre in die Backstube; wenn der Meister außer dem Hause ist, dann tun die Gesellen nichts; es seien schon Klagen gekommen, und sie habe es ja auch selber gemerkt, daß der Teig nicht ordentlich geknetet werde; und was denn dergleichen Reden mehr sind. Man kann sich denken, wie die Haussuchungen und die Haft die gute Frau erregt hatten. Als aber die Revolution nun wirklich gekommen war, und ihr Mann einer der Führer des Volkes wurde, da überfiel sie eine unbeschreibliche Angst.

Zu den Kunden des Meisters gehörte der Geheimrat Wagener, welcher damals die Konservativen zum Widerstand sammelte, eine Zeitung begründete, die »Kreuzzeitung«, und als der entschiedenste Gegner der Revolution galt. Die Frau hatte vor ihrer Heirat in dem Hause gedient und verehrte den Geheimrat Wagener, der ihr immer als ein höheres Wesen erschienen war; und auch der Geheimrat und seine Familie hatten Elschen, denn das war der Name der Frau, immer gern gehabt wegen ihres treuen und aufrichtigen Gemüts, und Frau Wagener war auch Patin bei dem ältesten Kind geworden.

An einem Abend, kurz vor zehn Uhr, als gerade die Haustür schon geschlossen werden sollte, klingelte der Bäckermeister bei dem Geheimrat und verlangte den Herrn zu sprechen. Er wurde in das Arbeitszimmer geführt und entschuldigte sich dort vielmals, daß er störe; dann bat er darum, daß sein Besuch verschwiegen bleiben möge, denn er selber sei ja wohl nicht so einseitig und erkenne die Berechtigung des gegnerischen Standpunktes an; aber seine Freunde würden sagen, daß er das Volk an die Reaktion verrate, wenn sie erführen, daß er bei dem Herrn Geheimrat gewesen sei.

Nach dieser Vorrede begann er nun seine Gedanken vorzutragen. Er hatte die Geschichte der Französischen Revolution studiert. Man lebte in einer Revolutionszeit. Das Volk hatte gesiegt. Der Herr Geheimrat mußte doch zugeben, daß das Volk gesiegt hatte.

Der Geheimrat Wagener gab es zu.

Nun, man weiß, was geschehen kann, wenn das Volk seine ewigen Rechte in die Hand nimmt, die eine kurzsichtige Regierung ihm vorenthält. Das Volk ist edel, aber es kann auch schrecklich sein. Das heißt, der Meister billigte es ja nicht, wenn Mord und Totschlag geschah. Wenn man die Preßfreiheit hatte, wenn man die Versammlungsfreiheit hatte, wenn man die Verfassung hatte, was wollte der friedliebende Bürger mehr? Er wollte seinen Geschäften nachgehen und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein. Aber zum Beispiel die Bäckergesellen gingen weiter.

Hier nickte der Geheimrat bedeutungsvoll. Aber der Meister, welcher in dem Nicken wohl eine Bestätigung zweifelnder Stimmen in seinem Innern ahnte, schlug sich an die Brust und rief, er werde die heilige Sache des Volkes nie verlassen.

Unvermittelt an diesen Ausruf schloß er nun einen Vorschlag. Das Volk hatte gesiegt. Der Meister hatte das Vertrauen des Volkes. Aber er verehrte auch den Herrn Geheimrat. Wenn nun, was Gott gewiß verhüten würde, das Volk seine Feinde zur Rechenschaft zog, dann konnte der Meister dem Herrn Geheimrat doch nützlich werden?

Der Geheimrat Wagener nickte zustimmend.

Nun also. Wenn man sich aber umgekehrt dächte, daß die Reaktion siegte, daß die Führer des Volkes eingekerkert würden, dann konnte der Herr Geheimrat dem Meister doch nützlich werden?