Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Part 8
»Das war doch der größte rhetorische Phrasenheld, der sich denken läßt, ein moraltriefender theatralischer Fanfarenbläser, nichts weiter, ein bombastischer Stelzengänger und Marquis Posa mühselig hochgepumpter Redensarten, ein selbstberauschter Wolkenkuckucksheimer, der mit seinem aufgedonnerten Jambenschwulst und seiner pathetischen Sentimentalität, mit seinem windigen kosmopolitischen Humanitätsdusel den kraftvoll und zielbewußt realistischen Sinn der deutschen Jugend auf mindestens ein Jahrhundert verpfuscht und verdorben hat ... Ich habe gerade heute zum schwarzen Kaffee eine wirklich erstklassige, epochemachende Broschüre darüber gelesen, einfach katastrophal vernichtend für euren Idealgötzen, vom konsequent naturalistischen Standpunkt aus ...« es zischte, spritzte und sprudelte dem pausbäckigen Bürschlein nur so heraus, daß seine Kameraden im Wortgeplänkel ihm gänzlich den Lauf lassen mußten und sich betreten ob der lauten Generalverdonnerung des karikierten Genius am Kragen zupften, wobei sie rings verlegene Blicke umherirren ließen.
Meister Gottfried, der während des frech-gewaltigen Geredes sich nur einmal, allerdings ziemlich verdächtig, nach dem Sprecher umgedreht hatte, tat noch einen letzten Zug, brummte zu Böcklin: »Sei so gut!« und legte den Zigarrenrest auf den näher geschobenen Aschenbecher behutsam ab. Auf einmal schoß ihm eine Blutwelle zu Kopf, rot wie der Seewein, die Zornesader schwoll: »So'n Scheißjunge, chaibe!« Er zerknüllte mit der Rechten sein Taschentuch und steckte es heftig in die hintere Rocktasche. Böcklin murmelte gelassen bremsend, leichthin: »Laß den Bengel!« Doch schon war der »gesatzliche« annähernde Siebziger wie ein Jüngling emporgeschnellt, rückte auf seinen kurzen Beinen mit dräuendem Schicksalstempo wutbebend auf den Nebentisch los und versetzte mit dem lakonischen Begleitspruch: »_Ehrfurcht, Mosjöh!_« dem rosig winkenden Bäcklein des Schillerzerschmetterers einen saftigen Streich von klatschender, klassisch-naturalistischer Wahrheit und Lebensgewalt.
Schleunig und scheu, selbst ohne zu zahlen, wie ein schmählich gezüchtigter armer Sünder und unfreiwilliger Zechpreller, drückte sich der zukünftige Anwalt der Gerechtigkeit lautlos seitwärts zur Nebentüre hinaus.
Gottfried Keller aber, ohne sich irgend umzusehen, kehrte von seinem handgreiflichen dichterpädagogischen Streifzuge zu seinem Tische zurück und pflanzte sich mit idyllischer Gemächlichkeit auf seinen warmen Platz, wo schon ein neues Schöpplein des wieder völlig beruhigten trinkfesten Altmeisters herzenskundiger und weltweiser Erzählungskunst harrte. Böcklin nickte bloß bestätigend: »Gut so!«, die Hottinger Seßhaften steckten, den jüngsten »Streich« ihres eigenlaunigen Ehrenbürgers einen Augenblick neugierig beschwatzend, die Köpfe enger zusammen, und ein »hierorts« unbekannter, gründeutscher Dichterstudent lachte in der Ecke verständnisvoll beifällig in sich hinein, wozu er ein Glas bräunlich mißfarbenen, aber prickelnd süßen »Sausers im Stadium« stillvergnügt hinunterschlürfte.
Klaus Groth
Von _Carl Bulcke_
In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war ich Student in Kiel. Klaus Groth wohnte in seinem schönen Gartengrundstück am Niemannsweg, war nahe den Siebzigern, groß, hager, ehrwürdig und einsam -- er sah übrigens genau so aus, wie ihn Hans Olde gemalt hat: der helläugige Blick grüblerisch und langsam. Wir Studenten verehrten ihn sehr. Diese Verehrung war indessen nicht ganz ohne Einschränkung: denn er galt für eitel.
Die Kieler Universität hatte, wohl nur um ihn und sich zu ehren, ihn in ihren Lehrkörper aufgenommen und zum Professor ernannt. Demzufolge war seit Jahr und Tag an dem Schwarzen Brett in der Vorhalle der Universität regelmäßig auch eine Vorlesung von Klaus Groth angekündigt. Das Thema lautete Jahr für Jahr: »Lessing und seine Zeit«. Und dazu stand: »Persönliche Anmeldung von 2--3 nachmittags.«
Um es gleich zu sagen: diese Vorlesung hat Klaus Groth nie gehalten. Geschah es, und es geschah oft, und es geschah auch mir, daß nachmittags zwischen zwei und drei ein Student sich zu ihm verirrte, so empfing ihn der Professor mit Wohlwollen unten in seiner »Kajüte« -- so nannte er sein Arbeitszimmer, das nach alter holsteinischer Sitte troglodytenmäßig im Keller des Hauses lag -- und erklärte, daß er diesmal leider die Vorlesung ausfallen lassen müsse, da sich außer dem Besucher niemand gemeldet habe. Es waren noch schöne alte Zeiten.
Also wollten wir eines Tages den Professor auf die Probe stellen und erschienen nachmittags zwischen zwei und drei gleichzeitig zwölf Mann hoch: So und so, und wir wollten alle die Vorlesung über »Lessing und seine Zeit« belegen. Einer war der Sprecher, wir andern hielten uns im Hintergrund.
Klaus Groth stand prachtvoll groß mit gesenktem Kopf vor uns, die hellen holsteinischen Augen grüblerisch geradeaus, und sagte mit Humor: »Ein Komplott, meine Herren. Sein Sie ehrlich und gestehen Sie, daß Lessing und seine Zeit Ihnen ganz egal ist, dann will auch ich ehrlich sein und Ihnen gestehen, daß auch mir Lessing und seine Zeit ganz egal ist. Sie wollen ja auch gar nicht, meine Herren, den alten Professor hören, Sie wollen sich ja bloß den alten Dichter ansehn. Na, und wenn ich nun jedem von Ihnen die Hand gebe und Sie später Ihren Kindern erzählen können, der alte Klaus Groth hat mir die Hand gegeben, so lassen Sie's damit genug sein.«
Sprach's, gab richtig jedem von uns die Hand, und gleich standen wir wieder vor der Tür.
Geschichte
Aus einem alten Kriege
Von _Wilhelm von Scholz_
Ho-Hang-Fen, ein chinesischer Schriftsteller aus der Zeit der dritten Dynastie, berichtet von einem sagenhaften Vorgang aus der Urgeschichte seines Reiches das folgende:
Zwei Volksstämme, die beide ihren Wohnsitz in der Küstengegend des Landes hatten und sich vom Fischfang, vielleicht auch schon vom Seeraub, nährten, gerieten miteinander in Streit. Sie hatten schon jahrelang eifersüchtig jeder die Fischzüge des anderen beobachtet, hatten einander oft Überschreitung der in Vorzeiten von ihren Vätern durch Verträge festgesetzten Meergebiete vorgeworfen, zerstörten sich gegenseitig oft heimlich des Nachts ihre Stellnetze und behaupteten schließlich jeder vom anderen, er »stehle ihm das Meer«.
Darüber war es erst zu kleinen Händeln zwischen einzelnen gekommen. Die Ältesten beider Stämme -- die ihrem Lebensalter nach schon »jenseits des Fischfangs« standen und das Dasein als ein unaufhaltsames Vorüberfließen erkannten, in welchem der Fischfang wohl wichtig, aber nicht das Allerwichtigste sei -- die Ältesten hatten es öfters noch vermocht, die Händel mit guten Worten zu schlichten. Aber sie konnten es nicht verhindern, daß sich unter den jüngeren Männern beider Stämme mehr und mehr die Überzeugung festsetzte, die Frage müsse einmal durch einen Waffengang entschieden werden.
Gedanken reifen allmählich die Tat. Es bedarf dazu nicht einmal des eigentlichen Willens. Gedanken haben eine gefährliche Fähigkeit, Ereignis zu werden, rein in sich. Sie führen eine unwirkliche Existenz hart an der Wirklichkeit hin und sehnen sich aus dem Hungerdasein im Geiste fort, möchten sich mit Leben nähren.
Hundert Jahre hatte der Gedanke und die Vorstellung dieses Krieges unsichtbar in den beiden Völkern gelebt, ohne daß sich in der schwer und langsam fließenden Wirklichkeit eine Raumleere fand, wo er einschießen und Ereignis werden konnte. Aber die Vorstellung nutzte diese hundert Jahre wohl, um sich immer mehr zu befestigen, auszubreiten und ins einzelne zu entwickeln. Sie knüpfte da und dort mit den Begebenheiten Verbindungen und Beziehungen an, sie wurde in den Seelen ein unverrückbarer Glaubenssatz.
Dann hatte eine in der Nähe der Küste hinziehende, ihre Bahn plötzlich ändernde Meeresströmung einmal die in einer seichteren Bucht ausgestellten Netze des einen Volksstammes fortgeführt in die Meeresweite hinaus. Die geschädigten Fischer hatten Fischer des feindlichen Nachbarortes beschuldigt, da sie die gewaltige und übermenschliche Ursache des Vorganges nicht begreifen und einsehen konnten. Es kam zu ernsten Streitigkeiten der einzelnen, denen auf beiden Seiten ihre Stammesgenossen zu Hilfe eilten. Jetzt besannen sich alle Köpfe in den beiden Ländern auf den alten Gedanken einer Waffenentscheidung zwischen den Stämmen, wie auf eine Prophezeiung oder eine vorhergesagte Notwendigkeit. Und die alte Vorstellung hatte plötzlich die Gewalt eines Schicksalsbefehls, dem sich niemand entziehen konnte. Auch in dem Verstande derer, die jetzt die Ältesten waren, und die in gealterter Weisheit und dem ruhigen müderen Gange ihres Blutes über den Kriegsgedanken oft gelächelt hätten, herrschte er auf einmal.
So wurde der Krieg Ereignis, wütete auf den unfruchtbaren Dünenfeldern, durch welche die Grenze beider Stammlande ging. Er wütete lange unentschieden hin und her, da beide Stämme nicht nur fast gleich stark waren, sondern in der langen Herrschaft des Gedankens an diesen Kampf auch sehr kriegerisch geworden waren. Auch Reichtum und Fülle war bei ihnen eingekehrt, so daß sie immer neue Hilfsquellen und Kräfte zur Verlängerung des Waffenganges in sich entdeckten.
Der Krieg hatte schon manchen Mondumlauf gewährt, Tausende junger Männer waren auf beiden Seiten in das windüberwehte Dünengras gesunken, und noch immer zeigte sich keine Entscheidung, keine Aussicht auf Wiederherstellung des Friedens. Da geschah eines Tages das Wunderbare, das die beiden Stämme in weniger als einer Stunde zu Verbündeten machte. Ein dritter Gegner erschien auf der Walstatt: das Meer.
Während eine Küstenschlacht tobte, verfinsterte sich Himmel, Meer und Erde mit schwerem, wuchtendem Gewölk. Unheimlich schossen in der wie durch Zauber eingebrochenen Nacht die Scharen der weißen Sturmvögel unter den Wolken umher wie aufgeflogene Schaummähnen der höher und höher anschwellenden und sich überschlagenden Wellenrosse, so daß mancher der Kämpfer auf Augenblicke das Gesicht von seinem Gegner weg und dem Meere zuwendete, zu dem er im Frieden täglich hinaussah, dessen Laune ihm Arbeit und Feierzeit bestimmte, aus dessen Tiefen sein Dasein floß. Ein ungeheures Donnern, Rollen, Dröhnen wanderte in den Wassergründen und jetzt auch unter dem flachen Lande hin; so, als rannten die Meergottheiten der Tiefe in ihrer purpurnen Nacht mit riesigen erzenen Balken gegen die unterseeischen Gestadefelsen. Dann erhob sich landeinwärts wehender, fliegender, jagender, mit ungeheurer, unentrinnbarer Kraft drängender und drückender Sturm. Das Meer schäumte nicht nur in weißen Kämmen auf, es schien weithin eine einzige weiße Schaummasse. Unübersehbare Wogen- und Wellenscharen rannten, stürzten, brachen heran. Sie stießen wie bei der beginnenden Flut, wenn die Ebbe vorüber ist, nach jedem Zurückrollen weiter ins Land vor; aber viel drohender, wuchtiger, schneller als bei der gewöhnlichen regelmäßigen Flut, so daß es oft schien, als stieße die vorgerollte Welle gar nicht wieder zurück, sondern bleibe im Lande stehen, bis die nächste kam, sie mit flachem Hinzischen weit zu überholen und höher ins Land mitzunehmen.
Aber das war noch nicht das Furchtbare. Das stand draußen in der Nacht von Wolken und Wasser als ein immer mehr aufsteigender und durch sein unaufhaltsames, fußloses Herankommen bis zu seiner grausig-wirklichen Greifgröße anwachsender Flutberg, der bald mit seiner Schattenschwärze die schwarze Wolkendecke zu streifen, dann schon die niederhängenden Gewölkfetzen abzureißen und in seinen Wogengang einzuschlingen schien.
Wenn man noch vor Stunden die Kämpfenden hüben oder drüben gefragt hätte, wann wohl der Friede kommen würde, so hätten sie die Achseln gezuckt und gesagt: Das weiß noch niemand.
Jetzt aber kam der Friede.
Schon daraus, daß sich mehr und mehr Augen der Kämpfenden vom Gegner fort und hinaus in die ungeheure Meerwetternacht wandten, war das Tosen und Gebrüll des Kampfes schwächer geworden, verebbt, fast verstummt. Die nicht mehr vom Auge geführten Schwerter und Äxte schlugen noch wenige Momente; aber sie schlugen ins Leere und trafen keine Gegnerwaffe, keinen Schild mehr. Dann sanken sie -- als hätte sich ihr Gewicht um den allgemeinen Schrecken vermehrt und sei nun zu schwer für die Muskeln, die sie eben noch schwangen -- da, dort, an vielen Stellen in schlaffen Armen herab.
Das unterirdische Rollen dröhnte aus dem erbebenden Erdboden in die unheimliche plötzliche Waffenstille. In Gruppen erstarrt standen die Kämpferscharen.
Und dann kam irgendwoher der Ruf: »Die Flut!« Ohr nahm ihn auf und Auge. Und jeder Mund gab ihn weiter, mehrte seinen grausigen Schall. Er klang von allen Seiten, erst einzeln, dann zusammen wie ein Gebrüll des Entsetzens. Wie eine einzige Volksstimme; denn das Wort »Flut« war in den Sprachen der beiden Nachbarstämme noch dasselbe und unterschied sich nur wenig in der Aussprache.
Die Scharen, die dem Meer am nächsten waren, wandten sich zur Flucht und stürmten, wie Tiere des Urwaldes vor einem Waldbrande, in wirrem Durcheinander davon, den höheren Dünenwällen zu. Was war jetzt Freund und Feind? Hier riß ein Mann den neben ihm stürzenden Feind hilfreich wieder hoch, ja einer schleppte gar einen verwundeten Gegner eine Strecke weit mit sich; dort stieß ein anderer seinen Stammesgenossen zu Boden, weil er ihm den Lauf behinderte. Und immer wieder, wenn die Fliehenden auf noch erstarrte, weiter zurückstehende Scharen stießen, schäumte wie eine gräßliche Brandung von Schall der Ruf auf: »Die Flut!«
Als die zurückfliehende, durcheinandergeworfene Menge von Freund und Feind an dem hohen Dünenwall ankam, bewirkte das schwerere, mühsamere Klettern, das manche Leute auch zu minutenlangem Stehenbleiben und Atemholen zwang, einige Besinnung. Und die die Flucht anhaltenden Rufe der schon vereint beieinanderstehenden Führer beider Völker fanden Gehör. Man rief und gab es weiter: »Jede Lücke des Dünenwalls verstopfen!«
Die Panzer wurden abgeschnallt und weggeworfen, die Schwerter wie die Schilde wurden zu ungefügen Schaufeln, die Äxte schlugen das niedere Dünengesträuch ab, damit es in die in rasender Eile aufgeschütteten Sandmassen zur Befestigung eingebaut würde.
Durch die fieberhafte Arbeit ging plötzlich ein Erlahmen und Anhalten. Der Flutberg hatte den weißen Strand erreicht, der in dem Wetterdunkel ganz fahl dalag, und stürzte seine Wassermassen aus schwindelnder Höhe donnernd herab auf den Sand, auf die Toten und Verwundeten, die weggeschleuderten Waffen und Beutestücke. Aber trotz der abstürzenden schäumenden Wasser, die von seinem Kamm herunterbrachen, schien er nicht im mindesten kleiner zu werden, wie er jetzt auf den Dünenwall zuwanderte.
Schon begann da und dort wieder die wilde Flucht weiter ins Land hinein. Scharen anderer standen stumm, fassungslos, todergeben, ohne sich zu regen, und starrten der hereinbrechenden Übergewalt entgegen.
Mit einem furchtbaren Anprall rannte der Flutberg gegen die Düne. Als er ihr auf hundert Schritte nahegekommen war, hatten die Leute erkannt, daß er wohl doppelt so hoch war wie die Sandmauer, deren Lücken zudem erst in ganz geringer Höhe verstopft und zugeschüttet waren. Da ließen auch die letzten, die dumpf vor sich niederblickend noch immer geschaufelt und gebaut hatten, die Hände sinken. Das Niederschütten der oberen Wassermenge über die Düne ins Land, das wie das Einschmettern von Millionen von Scherben klang, war das letzte, was ihre schon vom hereinrauschenden Wasserdruck betäubten Ohren hörten ...
Von den beiden Völkern überlebten nur kleine, weit im Hinterlande wohnende Teile die Wasserkatastrophe. Sie hatten schon vorher etwas Ackerbau und Viehzucht getrieben und wurden nun ganz friedliche Ackerbauer. Die Küstenstriche, in welchen der eigentliche Sitz beider Volksstämme gewesen war, riß das Meer, das sie einander gestohlen haben sollten, und das mit seiner unachtsamen, die Netze entführenden Strömung den Krieg entfacht hatte, zerstört und verschwemmt in sich zurück, nachdem es furchtbaren Frieden gestiftet.
Heute ist dort die weite, tiefe Bucht von Hang-Tschu.
Rastrelli
Eine Anekdote aus Mitau
Von _Herbert Eulenberg_
Der italienische Graf Rastrelli, der einzige große russische Architekt, wie der boshafte Diderot bemerkt hat, ist auch der Erbauer des riesigen Schlosses zu Mitau gewesen, das Herzog Ernst Johann Biron auf der Stelle der alten Ordensritterburg errichten ließ. Ernst Johann hatte, da er noch seinen guten alten westfälischen Adelsnamen von Bühren führte, statt des parfümierten französischen Biron, den er sich erst als anerkannter Günstling der Zarin Anna zulegte, den Grafen Rastrelli auf einer seiner vielen Reisen kennen gelernt. Die beiden verstanden sich ausgezeichnet. Sie förderten einander wie zwei Brüder, die sich vertragen. In Mitau wie in Petersburg, wo Rastrelli, von Biron an die große Katharina empfohlen, die gewaltigsten weltlichen Bauten Rußlands, den Winterpalast und die kaiserlichen Schlösser von Zarskoje Sselo, entwarf. Das einzige, was sie zuweilen auseinander brachte, waren die zahlreichen Liebesabenteuer, in die sich beide mit einer bewundernswerten Unermüdlichkeit zu stürzen pflegten. Die Eifersucht plagte sie, wenn sie sich, was ihnen nicht selten zustieß, beide zu gleicher Zeit um die Gunst einer Schönen bewarben, ganz besonders. Wie zwei Rennpferde mühten sie sich dann, innerlich wütend aufeinander, ab, bis einer von ihnen zu seinem Triumph glücklich durchs Ziel gekommen war.
So wetteiferten sie einstmals um die Zuneigung einer reizenden jungen kurländischen Baronesse, deren Namen heute, wo derartiges natürlich nicht mehr vorkommt, verschwiegen werden darf. Eines Abends erschien der Graf Rastrelli, der sich über der Besichtigung seines Schloßbaues in der Zeit verguckt hatte, später als sonst vor der zarten Schönen, bei der der Herzog Biron indessen schon sein ganzes Süßholz abgeladen hatte. Rastrelli hatte in der Eile, mit der er zu der lieblichen Baronesse gestürzt war, seinen Anzug nicht beachtet, so daß er hinten auf dem Rücken seines blauen Rockes noch Spuren von dem weißen Mörtel trug, an den er beim Besteigen der Baugerüste mehrfach gestreift hatte. Die junge Baronesse meinte nicht anders, als daß er sich zu stark gepudert hätte, und versuchte lächelnd mit ihrem Fächer den Staub von seinen Schultern zu wehen. Herzog Biron aber, der die wahre Beschaffenheit der weißen Flecken sofort erkannte, bewitzelte die vergeblichen Versuche der Baronesse, sie zu entfernen, indem er boshaft bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herr Graf trägt das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«
Rastrelli, der für diesesmal vollkommen bei der kleinen Baronesse ausgestochen war, ärgerte sich gründlich über die Geringschätzung, die ihm und seiner Kunst damit widerfuhr, und beschloß, sich zu rächen. Er erkundigte sich am nächsten Abend genau im Marstall des Herzogs, wann dieser vom Reiten, dem er mit größter Leidenschaft morgens und nachmittags oblag, zurückkäme. Dann machte er sich eine Weile bei den Gäulen zu schaffen und hob unbemerkt einen jener runden Gegenstände vom Boden auf, welche die Pferde ihrer Natur folgend zu verstreuen pflegen, und mit denen sich sonst nur die Stalldiensttuenden befassen. Im Vorzimmer der zarten Baronesse wartete er hierauf, bis Herzog Biron kam, und schmuggelte, da er sich nach der Art sehr vieler Italiener ein wenig auf Taschenspielerkunststückchen verstand, den besagten runden Gegenstand, indes Biron seinen Mantel ablegte, verstohlen in dessen braunseidenen Rock hinein. Vor der niedlichen Baronesse, zu der sie beide nun hineintraten, zeigte sich Rastrelli an diesem Abend von der besten Seite. Er glänzte wie ein feingeschliffener Diamant und wußte der Baronesse die geistreichsten Artigkeiten um ihren blonden Kopf zu schleudern. Herzog Biron, der sich ins Hintertreffen kommen sah, suchte schnell seinen vom langen Reiten etwas müden Kopf etwas aufzufrischen. Indem er nun hastig in die Tasche griff, eine Prise zu nehmen, was man damals für eine stets wirksame Anreizung der Gehirntätigkeit hielt, schlenkerte er gleichzeitig mit der Dose den besagten runden Gegenstand aus dem Pferdestall hervor. Und zwar zu seinem Unglück noch gerade auf den Schoß der jungen Schönen. Die zarte Baronesse wußte vor Entsetzen und schrecklichster Verlegenheit nichts anderes zu tun, wie ihr wohlriechendes Spitzentüchlein vor ihre Nase zu halten. Rastrelli aber, der die vergeblichen Versuche der Baronesse, die Lage zu verbessern, belächeln mußte, beugte sich zu ihr, indem er scherzhaft bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herzog trägt das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«
Hiermit entfernte er so zierlich wie möglich den anstößigen Gegenstand aus ihrem Schoße. Man will wissen, daß sich das Herzchen der lieblichen Baronesse von diesem Augenblick für ihn entschied.
Der Schutzengel des Königs
Von _Benno Rüttenauer_
Als im Jahre 1789 am vierzehnten Juli zu Paris das unglaublichste Wunder geschah und die ungeheuren Mauern und Türme der Bastille dem anstürmenden Volkshaufen zum Opfer fielen, beherbergte diese symbolische Zwingburg des königlichen Absolutismus kaum noch ein halbes Dutzend Gefangene (darunter den Grafen Delorges, dessen Kerkerhaft gerade vierzig Jahre gedauert hatte); denn wie das Königstum erst, nachdem es schwach und wankend geworden, gestürzt werden konnte, so fiel auch die Bastille zu einer Zeit, da sie schon lange her kaum noch benutzt wurde. Und wie einige Wochen darauf, am Geburtstag der vielbeschrienen Menschenrechte, die hohe Aristokratie die besten Köpfe einer Bewegung zur Verfügung stellte, in deren Verlauf unzählige Aristokratenköpfe, gute und schlechte, mit grauenhafter Hast abgeschnitten wurden, so hat an diesem vierzehnten Juli das gemeine Volk, ohne viel zu denken, seinen Arm der verhaßten Sache des Adels geliehen; denn in die Bastille eingekerkert zu werden, gehörte ja eben zu den Privilegien der Aristokratie, die des Geistes mit eingerechnet. Der gemeine Mann verirrte sich in dieses Gefängnis der Mächtigen und Bevorzugten nur selten, nur in ganz außerordentlichen Fällen, wie etwa der einer war, wovon diese kleine Geschichte zu berichten hat.
Kaum ein halbes Dutzend Gefangene, wie gesagt, fanden die jubelnden Erstürmer in den dreimal vermauerten Gelassen der erschrecklichen Türme. Sie begnügten sich damit, die furchtbaren Riegel und Schlösser zu erbrechen; im übrigen hatte niemand Zeit und Muße, sich um die Befreiten weiter zu kümmern.
Ein interessanterer Gegenstand war dem Volk, das sich vom ersten Rausch der aufdämmernden Freiheit auch gleich bis zur sinnlosen Tollheit fortreißen ließ, der unbeugsam strenge Graf von Launay, der Gouverneur und Verteidiger der Festung, den die rasende Menge, trotz zugestandenem freien Abzug, auf der Stelle zu zerfleischen drohte. Den militärischen Anführern des Unternehmens, zwei braven Soldaten der ~Gardes Françaises~ (Hulin hieß der eine, der andere Hélie) gelang es nur mit Gefahr des eigenen Lebens, den Unglücklichen eine Strecke weit durch den tobenden Pöbel hindurchzuretten, bis er ihnen doch zuletzt auf dem Greveplatz entrissen und in schauerlicher Weise hingeschlachtet wurde. Ein Fleischermeister, namens Bourtas, spießte den zerhackten gräflichen Kopf auf die Bajonettspitze eines geraubten Gewehrs, gleich einer Trophäe, und hinter ihm her wälzte sich die Hefe der Pariser Bevölkerung, die Fischweiber der Markthallen voran, in grauenhaftem Jubel durch die Straßen der inneren Stadt, während andere Haufen, nicht so sehr lüstern nach Blut als nach weniger symbolischen Dingen, in der erstürmten Bastille raubend und plündernd zurückgeblieben waren.
Die Gefangenen aber hatten sich inzwischen längst unbeachtet verloren. Nur ein zitternder Greis in schwarzem Tuchrock, mit ergrautem Haar und wirrem Bart, saß noch auf einem Prellstein des inneren Tors und rührte sich nicht von der Stelle.