Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

Part 7

Chapter 73,639 wordsPublic domain

Sie hatten für den andern Tag eine Besteigung des Großen Mythen ausgemacht, ohne den Doktor, jedoch von einem Knecht der Doktorsleute begleitet, der schon mehrmals oben gewesen war und die Felswege kannte. Der holte ihn noch halb im Dunkeln zur Morgenmahlzeit ab, worauf sie, mit Proviant reichlich gerüstet, ihre Bergfahrt antraten -- gerade als in der Ferne die weißen Zacken vom Urirotstock in der ersten Sonne glühten, während das Tal, von den Felswänden der beiden Mythen breit überschattet, noch in tauiger Dämmerung lag. Auch kamen sie nach mancherlei Mühsalen gut hinauf bis auf den letzten Grat: als sich die dunstige Morgenhitze unvermutet zu einem Gewitter sammelte, das blauschwarz hinter den grell beleuchteten Felszacken stand und Wolkenfetzen wie Sturmvögel über ihre Köpfe jagte.

Sie versuchten noch, ein Felsloch zu erreichen, das mit Stangen und Steinen bedeckt seit Alters her eine notdürftige Zuflucht bot, schon aber brach ein Donner los, der den Berg zu zersplittern und die losgerissenen Blöcke krachend in die Tiefen zu schmettern schien. Noch war jedoch kein Tropfen gefallen, und während der Knecht mit dem Knaben in dem dunklen Loch aufräumte, blieb die Frau tiefatmend davor stehen und sah in das drohende Wetter hinein. Sie hatte bei der raschen Flucht ihren Hut abgenommen, und der Sturm jagte ihr rotblondes Haar, das in dem grellen Licht feurig leuchtete; senkrecht über ihr aber stand und schien aus ihrem Kopf gewachsen ein altes Steinkreuz vom nahen Gipfel, das von Menschenhänden mit eisernen Stangen in der Spitze des Gesteins verklammert war. Wie der Dichter das sah, in dem donnernden Aufruhr -- darin die schwarzgeballten Lüfte mit den grell umflackerten Felsen eine Schlacht der Apokalypse kämpften -- die lächelnde Frau und das ragende Kreuz unbewegt, riß ihn das Sinnbild zu Gedanken und Worten menschlicher Vollmacht hin, wie sie ihm nie in eine Ode geflossen waren; als ob dies alles, der Vernichtungskampf der Natur, die Frau und das Kreuz lächelnd und leidend darin, nur ein Schauspiel seiner entzückten Seele wäre.

Aber Sturm und Donner rafften die Worte wie fallende Blätter hin; was stark wie Posaunen in ihm klang, wurde leer, wenn sein Mund es in die Welt zurück gab; und was sein eigenes Ohr davon vernahm, war kaum ein Vogelschrei. So grausam überkam ihn da die Ohnmacht des Menschengeistes vor der Natur, daß er aus seinem Hochmut niederbrach auf den Stein und sich mit ausgestreckten Händen anklammerte. Und als er seinem Gefühl mit den strömenden Tränen in Ausbruch solchen Schmerzes doch noch etwas Großes retten wollte, prasselten nach den ersten Tropfen die Wasserstürze nieder und spotteten auch der Winzigkeit seiner salzigen Tränen, sodaß er wie ein gestürzter Vogel daliegen blieb und sich vom Wasser des Himmels durchtränken ließ.

Als der Dichter, dem das begegnet war, wieder zu sich kam aus den Untiefen seiner Ohnmacht, waren Donner und Sturm mit zackigen Blitzen schon weit hinunter ins Land gen Einsiedeln gefahren, und nur noch der Regen strömte sein rieselndes Geräusch. Irgendwer hatte ihn an der Schulter gefaßt, als er aufsah, stand die Frau tiefgebeugt zu ihm und sah mit ihren Augen erschrocken in die seinen. Da griff er die Hand mit beiden Händen und legte Augen und Mund hinein und küßte sie, wie sonst ein Heiligtum geküßt wird. Und sie, die außer dem Bereich seiner Seele eine Doktorsfrau zu Schwyz war und ihren Knaben mit dem Knecht starr auf dies Schauspiel blicken sah, zog ihm die Hand nicht fort und stand ihm bei mit ihrer Menschennähe, bis er sie selber ließ und tief aufstöhnend auch das Gewitter seiner Seele in träufelnden Tränen zur Ruhe brachte.

Sie standen nachher noch auf dem Gipfel bei dem ragenden Steinkreuz, sahen tiefeingebettete Seegewässer und Berggipfel wie einen Sturzacker liegen: in die Seele des Dichters drang nichts mehr ein, die hatte ihre Gehäuse geschlossen, und was dann mit den andern stundenlang auf schlüpfrig gewordenen Felsspuren hinunter stieg, war ein demütiges Menschentier, das in nassen Kleidern fröstelte wie sie. Nur als sie, immer noch stumm von dem Ereignis, sich unten trennten und der Dichter in einem wehen Gefühl, daß sie ihn mißverstehen könnte, zum Abschied noch einmal ihre Hand bekam und sie fragte, ob er ihr davon schreiben dürfte, was ihm da oben begegnet wäre: sah er sie rot und danach blaß werden und dann mit Hinterhalt lächeln, wie nur eine Frau über einen geheimen Einfall lächeln kann: das dürfe er, nur müsse sie ihm dann auch das Rezept von ihrem Vater, dem Landammann, sagen.

* * * * *

So kam es, daß der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock in den »Drei Eidgenossen« zu Schwyz einen Brief schrieb, in dem er tiefer an die hilflose Not des Menschenschicksals zu rühren glaubte als in allem, was er früher gedichtet hatte: wie es stets ein Spielball der Elemente sei, außen und innen. Er schrieb einen Abend lang und bei der Kerze noch die halbe Nacht daran; er traute der tönenden Macht erhabener Worte kaum noch und stammelte mehr, als daß er sprach. Als aber die Kerze schon auf Fingerlänge herunter gebrannt war, als immer stärker durch das offene Fenster das mahnende Geräusch ferner Bäche scholl, legte er die Feder weg, weil ihn die Merkwürdigkeit überkam, dies alles gerade der Doktorsfrau in Schwyz zu schreiben. Sogleich wußte er aber auch, warum; und einmal soweit entfesselt, hielt seine Seele nichts mehr zurück, sodaß seine Niederschrift in das Geständnis einer Liebe auslief, deren Leidenschaft in dieser Nachtstunde keine Grenzen kannte.

Er siegelte den Brief, der viele Bogen füllte, noch in der Nacht, schlief danach einen tiefen Schlaf, und schickte ihn durch einen Burschen zu ihr hinauf. Als er das versiegelte Bündel Papier zum letztenmal in der Hand hielt, fühlte er, daß etwas Schweres damit geschah; doch war er gewöhnt, tapfer zu seinen Dingen zu stehen und nichts zu verbergen, was einmal soviel Gewalt über ihn gewonnen hatte, weil ihm in der Offenheit rauschender Stunden mehr reine Menschlichkeit zu leben schien, als in der Täglichkeit vorsichtiger Überlegung. Er wußte genau, daß es nur einen Ausweg gab nach diesem Brief, wenn sie ihm nicht das Haus verweisen sollte; so wartete er am Morgen und am Mittag den selbstgewählten Gerichtshof ab und dämpfte seinen Trotz erst, als auch der Nachmittag verging, ohne daß eine Nachricht kam.

Umsomehr war er überrascht, als gegen fünf der Knabe heiter wie sonst erschien: Sie sollten mit meiner Mutter noch einen Gang ins Muotatal zur Brücke machen. Auch die Frau, die draußen wartete, war kaum anders als sonst, gab ihm die Hand und fragte, wie ihm die Bergfahrt und die nassen Kleider bekommen wären? Er sah sie unbekümmert lächeln mit allen Zähnen und wußte nicht, ob es Verstellung oder Spott war, und beides verdunkelte ihm ihr Bild, so daß er erst im Gehen Worte fand, ihr für die Einladung zu danken. Sie wehrte den verborgenen Sinn von diesem Dank mit einem Scherzwort ab und blieb auch übermütig, so oft er mit einer Frage an seine Dinge rühren wollte. Dabei kam sie ihm schöner und anmutiger vor als je, wie sie dahin schritt in den Nachmittag, der durch die Entladung der Luft klar und starkfarbig geworden war. Sie gingen durch den Wald von Iberg hinüber, und das moosige Kalkgestein mit seltsamen Höhlen unter Tannenbäumen gab dem Knaben Gelegenheit zu übermütigen Kletterkünsten. Dem Dichter, der sich immer trauriger als Fremder bei ihnen fühlte, und der die Frau -- die ihm gestern auf dem Berg und in dem Aufruhr der Nacht so nahe gewesen war -- in der Wirklichkeit dieser Wanderung sich hoffnungsloser entfernen sah, als es durch irgendeinen Abschied möglich gewesen wäre, wurde schwer und trotzig zumut.

Als sie denn endlich durch die steile Schlucht hinab ins Muotatal und an die Holzbrücke gekommen waren, wo er den Knaben nackt und knieend gefunden hatte -- der nun gleich abwärts in die Felsen kletterte und nach dem rauschenden Spalt hinunterspähte, ob er von seinen Kleidern nicht irgend etwas angeschwemmt fände -- so daß sie beide allein unter dem alten Schindeldach der Brücke im Schatten standen und sich von dem sonnigen Gang erholten, vermochte er die Traurigkeit und den Grimm nicht länger zu bemeistern: Ob sie seinen Brief erhalten habe?

Erhalten wohl, sagte sie und schwieg still, als sie vor seinen Augen noch lächeln wollte; doch wurde dasselbe Gesicht voll weiblichem Hinterhalt daraus, das sie ihm gestern beim Abschied gelassen hatte, nur daß in die Schelmerei der Ernst gefallen war: Da er nun einmal geschrieben habe, sei sie ihm das Rezept von ihrem Vater schuldig geworden, dessen Urteil als Landammann von Schwyz im Land wie ein Gesetz gegolten habe. Da ihre Mutter früh gestorben und sie als einziges Kind geblieben wäre, hätte sie anders als sonst wohl eine Tochter zu ihrem Vater gestanden. So habe er ihr schon als Mädchen abverlangt, stets alles in einem Brief zu schreiben, was sie ihm nicht ohne Überwindung sagen könne; er wolle ihr daraus nie etwas vorhalten, so böse und unrecht es auch sei, damit sich nicht aus Resten der Verstimmung in ihrem Herzen allmählich Mißtrauen gegen ihn sammele.

Sie habe das Rezept durch ihre Mädchen- und Jungfrauenjahre treu befolgt, anfänglich oft, dann seltener; sie sei wohl ungerecht und hitzig, doch immer aufrichtig dabei gewesen, da sie gesehen habe, mit welcher Milde der Vater alle Launen, Klagen und Vorwürfe aufnahm. Bis ihr der Hochzeitstag diese Milde zwar auf eine resolute Art, jedoch die Weisheit des Rezeptes um so unerwarteter offenbart habe. Unter allen Geschenken dieses Tages sei nämlich eins gewesen, das ihr der Vater selber in die Hand gegeben habe: ein Kästchen aus poliertem Birnenholz mit ihrem Namenszug in eingelegter Perlmutterarbeit und einem vergoldeten Schlüsselchen; darin hätten all ihre Briefe in der Reihenfolge gelegen, wie sie geschrieben waren, keiner fehlend, und alle ungeöffnet; da, wie auf einem Zettel von ihres Vaters Hand dabei geschrieben stand, es bei solchem Unkraut wohl wichtig sei, daß es aus dem eigenen Herzen heraus käme, nicht aber, daß es seinen Samen in andere Herzen würfe!

Als so die blonde Doktorsfrau aus Schwyz dem Dichter das Rezept von ihrem Vater, dem Landammann, gegeben hatte, holte sie auch seinen Brief heraus, der ein ziemliches Päckchen war: sie habe ihm kein Kästchen aus Birnenholz machen können, wohl aber eine Tasche aus Zürcher Seide, wenn ihm ein Andenken an sie nachdem nicht unlieb wäre.

Da riß der Dichter, der in seiner Enttäuschung die Weisheit des Landammanns nicht schmackhaft finden konnte und sich in einem Spiel gespiegelt sah, wo er im Feuer gebrannt hatte, den Brief aus seiner bunten Hülle und wollte ihn durch die blaugrünen Spalten unter ihren Füßen in die tiefe Muota hinunter werfen. Weil aber das Päckchen mit dem unerbrochenen Siegel zu dick war und sich zwängte, mußte er ihm knieend nachhelfen, so daß der Knabe, zufällig von seiner Kletterei in den Schattengang der Brücke tretend, ihn in der gleichen Stellung überraschte, in der er selber vor zwei Tagen gewesen war. Nur, daß der Dichter nicht aufsprang bei seinen Schritten, sondern tief auf die Spalten gebeugt, zornige Tränen tropfen ließ.

Doch nahm auch diesmal die Natur mit einem Zufall scherzend den Dichter in die Lehre; denn als der Knabe, die Bewegung mißverstehend, durch die Spalten sah, entdeckte er den Brief tief unten, der im Wind statt ins Wasser auf einen rund gewaschenen Felsblock gefallen und mit seinem roten Siegel als eine merkwürdige Sternblume in der Tiefe aufgeblüht war. Heraufholen konnte ihn von da niemand mehr; und als der Knabe erst wußte, daß er ins Wasser sollte, war es ein rasch ergriffenes Spiel für ihn, mit Stöcken und Steinen dem störrischen Papier den letzten Ruck zur Wasserfahrt zu geben. Es war ein grausameres Spiel, als seine Jugend ahnen konnte, aber der Dichter sprang ihm bei; er war es auch, der dem Brief schließlich mit einem Knüppel in den Strudel half, gerade als ein Landmann mit einer Kiepe aus der Brücke kam und sich an ihrem närrischen Tun verwunderte.

Die Frau hatte unterdessen weitab gestanden, wie wenn sie als die Einzige die Grausamkeit von dieser Handlung empfände; nun ging sie wortlos von den beiden den Talweg fort. Der Dichter sah ihr nach, wie sie den Nacken beugte und Schritt für Schritt die schlanken Beine schwer los zu ziehen schien; dann küßte er den Knaben, wie er die Frau nicht küssen konnte, und entließ ihn mit einem letzten Gruß an sie. Denn sie danach zu sehen, vermochte er nicht mehr: sie ging aus dieser Felsschlucht in das sonnige Tal von Schwyz, wo sie im bürgerlichen Kreis ihrer Leute beheimatet war; indessen er mit seiner Seele, durch kein Rezept geschützt, allen Naturgewalten ausgeliefert blieb.

Der Brief mit seinem Siegel war längst in hundert Strudeln geweicht und aufgerissen, die Dunkelheit fiel schon in das letzte warme Licht, als er noch immer dasaß und seine Traurigkeit in der blaugrünen Tiefe suchen ließ. Er sah den Grund der Vergessenheit, auf dem doch einmal alles endigte, was Großes und Erhabenes gelebt und gedichtet wurde. Der Weg für seinen Brief war kürzer und resolut gewesen.

Und da erst war der Dichter weit genug, aus dem Rezept des Landammanns für sich doch eine Weisheit heraus zu finden: So oder so, wenn alles, was er schrieb, in den Birnenholzkasten wandern oder mit dem Strom der Zeit abtreiben mußte, seiner Seele blieb doch ihr ungeschmälertes Teil, daß sie in Rausch und Glück und Qualen die Elemente sich untertänig machen konnte. Wie ein Brennglas die Strahlen in sich band, so zwang sein Geist in Klang und Ordnung, was für die Sinne Schrecken und Sinnlosigkeit gewesen war. Sein Dichterwort war das Siegel, das der Menschengeist der Welt aufdrücken konnte zum Zeichen einer Herrschaft, die den Naturgewalten trotz Sturm und Donner unnahbar war.

Als in der Nacht aus den »Drei Eidgenossen« zu Schwyz der Fremdling einsam abwanderte, der in Hemdärmeln mit dem Sohn der Doktorsfrau so landsmännisch zu ihm gekommen war, da schüttelte der Wirt den Kopf, um wieviel merkwürdiger doch solche Gäste wären als alles, was in Schwyz und sonst redlich sein Tagwerk täte.

Begegnung mit Hebbel

Von _Wilhelm von Scholz_

Ein stiller alter Maler aus der Zeit Schwinds, ein kluger, feiner Greis, dessen ganze lebensvolle, kunsterfüllte Welt aus dem Getriebe des Tages verschwunden und in eine ruhige, abseits gelegene Wohnung zurückgeglitten war, wo nur noch der befreundete Gast in sie eintrat, an Möbeln, Bildern und Menschen eine längst zum Stillstehn gekommene Zeit freundlich, wie in Dämmerung dauern sah -- dieser liebenswürdige alte Mann, zu dessen gelegentlichen Gästen auch ich gehörte, und bei dem ich viel Vergangenheit kennen und begreifen lernte, hat mir von einer persönlichen Begegnung mit Hebbel erzählt; mir den großen Mann geschildert, der in München seinen Freund Dingelstedt besuchte oder damals zur Aufführung seiner »Agnes Bernauer« gekommen war.

Wir hatten erst beiläufig von Hebbel gesprochen. Der Alte hatte des hübschen, wenig bekannten Momentes gedacht, wie Hebbel bei irgendeinem Spaziergang in Wien auf dem anderen Fußsteig Grillparzer gehen sieht und mit leiser Ergriffenheit zu seinem Begleiter sagt: »Ein Unsterblicher!« Mir fiel auf, daß wir beide in anderem Tone von dem Dichter sprachen. Kühler, kritischer klangen die Worte des alten Mannes, der Hebbels jüngerer Zeitgenosse gewesen war und ihn immer als Zeitgenossen sah, das heißt: als irrenden, fehlenden Mitmenschen; während er mir nur mit seinem Wesentlichen, Zeitlosen vor Augen stand.

Dann kam der alte Mann auf die Begegnung selbst. Ganz unerwartet war der große Dichter plötzlich in seine Stube getreten. Er liebte es, auf Reisen und in fremden Städten auch Menschen aufzusuchen, zu denen ihn kein praktischer Zweck führte, mit denen ihn manchmal nichts als der Zufall flüchtigen Kennenlernens verband. Dann kam er unvermittelt, unvermutet. Der andere trat für eine Stunde in den Kräftekreis des Hebbelschen Geistes. Die Beziehung erlosch so rasch wieder, wie sie angeknüpft worden war; und in der Seele des Dichters blieb vielleicht nur ein Wort, eine Gebärde, ein Gesichtsausdruck oder der Umriß eines Menschen zurück -- Eindrücke, die ihm, dann schon ohne Namen, wiederkommen mochten, wenn aus seinem Innern Gestalten und Charaktere herausdrängten.

»Ich war erfreut und erstaunt,« sagte der Alte, »als ich im Dunkel des Flurs die große Gestalt des Dichters mit der mächtigen Stirne erkannte und mag sehr verlegen gewesen sein. Meine Verlegenheit schwand aber bald, als er ein paar Worte gesprochen hatte. Während er in dem Künstlerkreise, in dem ich ihn kennen gelernt hatte, sich unnahbar verschlossen und hoheitsvoll-abseitig gezeigt hatte, war er jetzt harmlos-natürlich, ja fast ein wenig unbeholfen im Gespräch, schwieg mehrmals lächelnd und sah sich dann in meinem Zimmer um. Er betrachtete alles, was an Bildern und Zeichnungen von mir herumhing, genau und schien bei mancher gezeichneten kleinen Szene in schaffendes Sinnen zu versinken. Ich glaube, daß er gar nicht darauf achtete, wie sie gezeichnet waren, daß er nur irgendeinen dichterischen Sinn aus ihnen herauslas. Im Basler Museum hängt ein allegorisches Figurenbild von mir: ›Der Dreißigjährige Krieg‹, das hatte ich damals auf der Staffelei stehen. Es beschäftigte ihn am längsten. Im Vordergrund -- unterhalb der Fürsten-, Staatsmänner- und Heerführer-Gruppen, am Fuße der Stufen, die die Gestaltenversammlung tragen, sitzen zwei symbolische Wesen: die Pest und der Tod; und zwischen ihnen liegt ein schlummerndes Kind, die neue unschuldige Zukunft nach der Zeit der Greuel. Hebbel, dessen zärtliches Familiengefühl ja bekannt ist, sah immer auf das Kind zwischen den Unholden. Mir war, als träte eine Träne in sein Auge; mochte ihm seine Kindheit und Jugend vor Augen stehen, mochte er an seine, von ihm sehr geliebte kleine Tochter denken. Endlich sagte er: ›Hier haben Sie das tragische Gesetz der Welt dargestellt. Das schuldlose, schlummernde Kind wird groß. Es wächst hinein zwischen die längst schuldigen Älteren, es wird im Umgange mit ihnen ebenso schuldig, es vergißt selbst den Schlummer seiner reinen, göttlichen Herkunft. Es steigt auf zwischen die Greuel, die Sie da gemalt haben, zwischen Pest und Tod, und in den Kreis verschlagener, heimtückischer, unredlicher Machtmenschen, die hier vor den rauchenden Trümmern stehen. Ihr Bild ergreift mich deshalb so, weil es, damit diese Tragödie zustandekommt, nicht erst eines dreißigjährigen Krieges bedarf.‹ Dann wurde sein Blick abwesend, und es schien, als nähme er nun von dem kurzen Besuch so viel mit, daß er ihm nicht ganz unlohnend scheinen mochte. Er schrieb sich etwas auf und fragte mich dann, wo wir uns durch Dingelstedt kennen gelernt hatten.«

Viele Jahrzehnte lag diese Begegnung zurück. Aber der Alte erzählte mit dem Ton und der Gebärde der Nähe, so, als ob sie gestern gewesen sein konnte. Und das war sie für ihn auch. Es gibt eine Stufe hohen Alters, wo alles Gewesene fast gleichzeitig wird, wo dem Greise fast ununterscheidbar belanglos ist, wie weit etwas zurückliegt. Dieser Schauer des Gewesenseins, der von dem alten Manne kam, ließ mich einen Moment wie Halt suchend mich zurücklehnen und die Augen schließen.

Da sprach er noch von dem Ende des kurzen Besuches, das ihm großen Eindruck gemacht hatte, und in dem Hebbels gelegentliches Berserkertum hervortrat -- wenn nicht, was der Erzähler offen ließ, Hebbel von seinem Freunde Dingelstedt eine gewisse ironische Art angenommen haben mochte, mit der er jüngere Bewunderer zum besten hatte, indem er seine bekannten Eigentümlichkeiten übertrieb. Hebbel sprach davon, wie sein Töchterchen sich an einer Stuhlkante eine Brausche geschlagen hatte, und fuhr dann, aufspringend, fort: »Sie begreifen doch, daß ich den Stuhl ergriff und in tausend Stücke zertrümmerte?!«

Der Erzähler, der mir schon vorher eindrücklich und nachahmend die Gestalt und Gehabensart Hebbels geschildert hatte, nahm bei diesen Worten, wie ein Schauspieler, eine ihm fremde, herrische, zornige Haltung und einen großen, gebieterischen Gesichtsausdruck an. Seine Blicke funkelten. Ganz lebendig, das fühlte ich, stand das Erinnerungsbild vor ihm, ja um ihn. Sein Auge, das in eine dämmerige Ecke des Zimmers, wie in die um vier oder fünf Jahrzehnte zurückliegende Zeit sah, riß die Vergangenheit heran.

Als unser Gespräch wieder ruhig und halblaut dahinfloß, und mein nicht mehr gebannter Blick rings über die Möbel, die alten Zierstücke, Kränze und Becher, die goldgerahmten Aquarelle ritterlicher Szenen, dieses stille Zeitinnere aus den vierziger und fünfziger Jahren hinglitt, hatte ich plötzlich das bestimmte Gefühl, als sei ich eben für eine einzige Sekunde Hebbel begegnet. Das Erinnerungsbild Hebbels in der Seele des alten Künstlers, das im Zimmer neben mir gestanden hatte, hatte sich mir blitzschnell mit Abbildungen, die ich kannte, und mit der Gedankengestalt des Mannes verbunden und war nun so stark geworden, daß ich es jetzt, wo es aus dem Zimmer geschwunden war, nicht anders vor mir sah, als wie einen eben hinausgegangenen wirklichen Menschen.

Gottfried Keller und der freche Student

Von _Karl Henckell_

Gottfried Keller, berühmter Dichter und Alt-Staatsschreiber von Zürich, saß wie allabendlich gewohnt im geräumigen »Pfauen«, nahe seinem schwesterlich betreuten Junggesellenheim am Hottinger Zeltweg, und trank mit beschaulichem Behagen ganz langsam sein wohlverdientes Schöppli Roten, unauffällig angesehen, als ein echt bürgerlich schweizerischer Hafis und Homeros inmitten seiner frohmütig-grillig gemischten Seldwyler. Sein großes Sinnier- und Fabulierhaupt mit der stark ausladenden Stirn nur wenig vorgeneigt, in der linken Hand die brennende Zigarre, die rechte leicht zur Faust geballt auf den stämmig breitwinkligen Oberschenkel gestützt, lugte der untersetzte Mann unter der Brille durch mit bedächtigem Ernst vor sich nieder und schwieg anhaltend bedeutsam in seinen aschgrauen Vollbart hinein.

Mit energisch zurückgelehntem Oberkörper überragte ihn gegenüber am selben Tisch in strammer Haltung sein hochansehnlicher Basler Landsmann und sozusagen Dichterkollege von der malenden Fakultät -- seiner eigenen Jugendliebe -- _Arnold Böcklin_.

Dessen vorwuchtende Augenknochen und bismarckisch pupillenfester Blick, die kurz auftrotzende Haarwelle vorn und der fast verächtlich hochgestrichene Schnurrbart zeugten, wiewohl heute zur ausgeglichenen Überlegenheit gemildert, von rauhem Künstlerkampf und Schicksalsgang stürmisch heldenhafter Jahrzehnte. Böcklin schaute klar und gerade vor sich aus, wie auf ein fernes Ziel innenäugiger Vorstellung zu, nicht getrübt durch weltfremde Schwärmerei, nur durch seelische Sammlung weltunbeirrt, schaute, schaute und schwieg, des heimlichen Sichverstehens mit dem bewährten Freunde und Trinkgenossen sicher, in den allmählich immer dunstiger werdenden gefüllten Wirtshaussaal hinein.

Da platzte plötzlich vom Nebentisch, dem Keller seinen episch breiten Rücken zukehrte, eine dramatische Lärmbombe prasselnd in die Luft:

»Laßt mich gefälligst mit diesem hochtrabend langweiligen _Schiller_ in Ruh!« zeterte mit greller Stimme ein geschniegeltes junges Herrchen und, wie sich nachher herausstellte, frischgebackenes Studentlein beider Rechte, dessen Stirn freilich mehr auf kantige Sinnesenge als auf kantische Geistesweite schließen ließ, während der ausgiebige Mund sein Werk geräuschvoll verrichtete und vor allem eine unsagbar abschätzige Mundfalte dem aufgeblähten Gesicht den Stempel hemmungsloser Arroganz aufprägte.