Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Part 6
Als der Professor und Kunstmaler D. damals vor zwanzig Jahren in K. seinen Dienst als Akademiedirektor antrat, fand er ziemlich heillose Zustände vor. Ein Übelstand war am größten: die Akademie war zu klein, und besonders war für den Unterricht der zahlreichen Kunstschüler nicht genügend Platz. Das betrübte den Akademiedirektor, und er machte sofort nach seinem Dienstantritt eine Eingabe an den Oberpräsidenten, schilderte den Sachverhalt und bat mit beweglichen Worten, da an einen Neubau vorläufig nicht gedacht werden konnte, wenigstens um einen Anbau an die alte Akademie. Auf diese Eingabe erfolgte indessen nichts; es fehlte wahrscheinlich an Mitteln, und der Oberpräsident schwieg. Der Akademiedirektor wiederholte nach einem halbem Jahre die Eingabe mit der gleichen Begründung, und wieder kam keine Antwort. So ging das weiter durch sechs, acht lange Jahre. Es wurde dem Akademiedirektor eine liebe Gewohnheit, Semester für Semester beharrlich und ohne Erfolg immer wieder dasselbe Gesuch vorzulegen.
Bis endlich eines schönen Tages der Oberpräsident antwortete: gut, er wolle in eine Prüfung der geschilderten Mißstände eintreten; aber vorher wolle er die Sache persönlich sich mal ansehn, und er käme dann und dann. Dies Schreiben brachte nun den Akademiedirektor in eine arge Verlegenheit: Denn einmal hatte er im Laufe der Jahre mit den vorhandenen Räumen ganz gut sich zu helfen gelernt, und zweitens hatten sich ausgerechnet in diesem Jahre so wenig Schüler gemeldet, daß in diesem Jahre wenigstens die zur Verfügung stehenden Räume prachtvoll ausreichten.
Doch der Akademiedirektor wußte sofort Rat: er versammelte sein Lehrpersonal und seine Schüler, erzählte ihnen die ganze Geschichte und sagte: »Kinderchen, wir machen die Sache so: Wenn der hohe Herr kommt, so steht ihr alle hübsch beisammen, die jüngeren im Vordergrund, unten in der Halle, und was da so vornean steht, wird dem hohen Herrn vorgestellt. Dann beschäftige ich den hohen Herrn eine Weile, ihr lauft was ihr könnt herauf in den Aktsaal und setzt euch fix an die Arbeit. Vornean setzen sich die älteren von euch. Dann kommen wir beide herauf, und ihr werdet alle noch einmal dem hohen Herrn vorgestellt. Dann beschäftige ich den hohen Herrn wieder eine Weile, ihr verteilt euch, was ihr laufen könnt, in die einzelnen Ateliers, und alles weitere überlaßt nur mir. Ich werde die Sache schon machen.«
Es ging auch alles ganz ausgezeichnet. Der Oberpräsident kam, die Vorstellung in der Halle wurde rasch erledigt, die zweite Vorstellung im Aktsaal glückte vorzüglich, der Oberpräsident sah sich mit gedankenlosen Augen alles an, bestätigte, daß hier und da ein Übelstand sei, der abgestellt werden müsse, nickte zustimmend zu den Erklärungen des Akademiedirektors, fragte gedankenlos noch dies und das, wie hohe Herren das so tun, und sprach in der zweiten halben Stunde seines Besuchs schon längst von Dingen, die mit dem Zweck seines Kommens nichts zu tun hatten, von Hasenjagd und Wintersport und anderen schönen Sachen. Der Akademiedirektor strahlte.
Und so nach einer Stunde verabschiedete sich dann der Oberpräsident, sprach seinen Dank für die freundliche Führung aus, murmelte etwas von langgehegter persönlicher Wertschätzung, und der schlaue Akademiedirektor führte den Oberpräsidenten die Treppe hinunter.
Auf der Treppe blieb der Oberpräsident stehen, dachte nach, und ihm schien etwas einzufallen. »Und im übrigen muß ich Ihr Prinzip loben,« sagte der hohe Herr freundlich. »Ich muß an die Zeit denken, als ich noch junger Landrat war. Wenn ich da mal haben wollte, daß ein Wald größer aussah, als er war, so ließ ich die Herren immer im Kreise herumfahren.«
Zwei Anekdoten
Von _Karl Scheffler_
Kunsterziehung
Ein Museumsdirektor, der nicht nur moderne Kunstwerke des In- und Auslandes mit leidenschaftlichem Eifer kauft, sondern der auch den Ergeiz hat, die Bürger seiner Stadt zum Kunstverständnis und zu einer neuen Kulturgesinnung zu erziehen, erzählte mir vieles von der Art seiner Propaganda, von seinen Vereinen, Ausstellungen, Vorträgen und Organisationen. Um die Wirkung seiner Kulturarbeit zu beweisen, führte er freudig das folgende Geschehnis an.
Zu ihm sei eines Sonntagmorgens ein Mann ins Museum gekommen. Ein einfacher Mann aus dem Volke, Werkführer oder dergleichen und Mitglied eines der Kunstbildungsvereine. Er hätte sich vor den Direktor bescheiden, aber sicher hingestellt und gesagt, er habe sich soeben eine neue Krawatte gekauft, und er fühle die Verpflichtung, Rechenschaft abzulegen, nach welchen Gesichtspunkten er sie gekauft habe. ~Ad~ 1, nach welchen ästhetischen, ~ad~ 2, nach welchen ethischen und ~ad~ 3, nach welchen allgemein-kulturellen Gesichtspunkten. ~Ad~ 1 sei zu bemerken, daß eine Krawatte zur Farbe des Anzuges und des Gesichtes sowohl harmonieren wie kontrastieren müsse. Form und Farbe dürften nicht auffallend sein, doch müsse die Krawatte immerhin ein freudiger Farbenfleck sein im grauen Einerlei der männlichen Kleidung. Auf keinen Fall dürfte das Muster naturalistisch sein. Und selbstverständlich sei ein Selbstbinder gewählt worden. Dem kultivierten Manne gezieme es, die Krawatte selbst, individuell, zu knüpfen. ~Ad~ 2 sei zu sagen, daß der Käufer Rücksicht auf seine Mittel und seinen sozialen Stand hätte nehmen müssen. Seine Gesichtspunkte seien gewesen: gut, solide, geschmackvoll, aber einfach. So ein Kauf sei doch eine ernste Sache. Die Krawatte charakterisiere den ganzen Menschen, man erkenne den inneren Wert seiner Mitbürger daran. Zu Punkt 3, fuhr der Museumsdirektor fort, von seinem Thema hingerissen, habe der Mann mit der neuen Krawatte gesagt ... Aber ich weiß nicht mehr, was es war; denn jetzt hörte ich nur noch jenes peinliche Geräusch, das entsteht, wenn man oftmals hintereinander das Wort »Kultur, Kultur, Kultur« ausspricht.
Spanisch
Ein Versdramatiker, dem keine deutsche Bühne ein Stück aufführen wollte, kam auf folgende ingeniöse Idee, um durchzudringen. Als ein neues Lustspiel gedichtet war, gab er es als Buch heraus, verschwieg seine Autorschaft und vermerkte statt dessen auf dem Titelblatt, das Stück sei eine Übersetzung aus dem Spanischen. In dieser Form reichte er es einer Bühne ein, die auf die deutsche Theaterkultur bedeutenden Einfluß hat. An dieser Bühne nun wirkte, mit heiteren Cäsarengebärden, ein Dramaturg. Er las das Stück und bildete sich sein Urteil. -- Einst besuchte ihn ein anderer Dramatiker, um Geschäfte zu besprechen. Als der Besucher Abschied nehmen wollte, ergriff der Dramaturg ihn am Rockknopf und sagte eindringlich: »Ihr Kollege N. hat uns da ein Stück eingereicht, das aus dem Spanischen herkommt. Wir möchten es gern aufführen. Ich sage Ihnen, es ist fabelhaft! Aber miserabel übersetzt. Sehen Sie, lieber Doktor, das sollten _Sie_ uns übersetzen!«
In der Frühlingsnacht
Von _Hans Bethge_
In einer wundervollen Frühlingsnacht schritt ein junger Dichter leichtbeschwingt durch die Villengegend der Stadt. Er kam an vielen duftenden Vorgärten vorüber und dann an einem, in dem der Flieder an großen Büschen besonders üppig blühte und duftete, und jetzt sah er, wie ein junges Mädchen in Weiß aus ihrem erleuchteten Zimmer auf den Balkon der Villa, die in dem Garten lag, hinaustrat.
Der Dichter blieb stehen und sah entzückt hinauf: ein reizendes, überraschendes Bild, dieses einsame, weißgekleidete, junge Ding, das sich da oben bei Nacht auf dem von einem feinen Gitter umgebenen Balkon gegen das rötliche Lampenlicht des Zimmers malerisch abhob. Fast unbewegt stand sie da, das Herz des Dichters klopfte laut, und er glaubte die Sehnsucht jener jungen Brust zu empfinden, die unruhige Sehnsucht, die es in dem engen Zimmer nicht mehr ertrug und nun ihre Zuflucht zu den Sternen und Düften der holdbewegten Mainacht nahm.
In Wirklichkeit war jenes junge Mädchen nicht schön, sondern häßlich von Angesicht, und ach, sie war nur deshalb auf den Balkon getreten, weil sie zuviel von einer schweren Speise genossen hatte, die ihr nun Übelkeit und Magenschmerzen verursachte; sie hoffte, daß ihr in der frischen Luft der Nacht besser werden würde.
Der Dichter ging, nachdem er sich eine Weile an der holden nächtlichen Erscheinung begeistert hatte, nach Hause und bildete eins seiner schönsten Gedichte, das später berühmt gewordene Lied von einem jungen, schönen Mädchen, das in der Frühlingsnacht weißgekleidet auf den Balkon ihres Zimmers hinaustritt und die sehnsüchtigen Gefühle ihres Herzens ängstlich hinaufwendet zu dem tröstenden Licht der Gestirne.
Das seltene Buch
Von _Hermann Hesse_
Vor einigen Jahrzehnten schrieb ein junger deutscher Dichter sein erstes kleines Büchlein. Es war ein süßes, schwaches, unüberlegtes Gestammel von blassen Liebesreimen, ohne Form und auch ohne viel Sinn, wie es viele gibt. Wer es las, der fühlte nur ein schüchternes Gleiten zärtlicher Frühlingswinde und sah schemenhaft hinter knospenden Gebüschen ein junges Mädchen lustwandeln. Sie war blond, zart und weiß gekleidet, und sie lustwandelte gegen Abend im lichten Frühlingsgehölz -- mehr bekam man nicht von ihr zu hören.
Dem Dichter hingegen, dem in diesen Versen die Welt umschrieben und gedeutet schien, war dieses ganz genug, und er begann, da er nicht ohne Mittel war, unerschrocken den alten, tragikomischen Kampf um die Öffentlichkeit, um Kritik, um Ruhm, um Liebe, um Gewinn. Sechs berühmte und mehrere kleinere Verleger, einer nach dem andern, sandten dem schmerzlich wartenden Dichter sein sauber geschriebenes Manuskript höflich ablehnend zurück. Ihre sehr kurz gefaßten Briefe sind erhalten geblieben und weichen im Stil nicht wesentlich von den Antworten ab, wie sie heutigen Verlegern in ähnlichen Fällen geläufig sind; jedoch sind sie sämtlich von Hand geschrieben und insofern tatsächlich wirkliche Briefe, als sie sichtlich für ihren einmaligen Zweck geschrieben und nicht einem im voraus hergestellten Vorrat von gleichlautenden Exemplaren entnommen sind. Ostwald hat recht, die Welt ist seither fortgeschritten.
Durch diese Ablehnungen, die er keineswegs verdient zu haben glaubte, gereizt und ermüdet, ließ der Dichter seine Verse nun auf eigene Kosten in 400 Exemplaren drucken. Das kleine Buch umfaßt 39 Seiten in französischem Duodez und wurde in ein starkes, rotbraunes, auf der Rückseite rauheres Papier geheftet (siehe den berühmten »Katalog für Bibliophilen« von Hofrat Lämmerschwanz, Seite 43, 769). Dreißig Exemplare verschenkte der Autor an Freunde. Zweihundert Exemplare gab er einem Buchhändler zum Vertrieb, und diese zweihundert Stück gingen bald darauf bei einem großen Magazinbrande zugrunde. Den Rest der Auflage, 170 Exemplare, behielt der Dichter bei sich, und man weiß bis heute nicht, was aus ihnen geworden ist (siehe die Abhandlungen hierüber von Lämmerschwanz und Wurmb im Archiv für exklusive Bibliophilie, Jahrgang I, 44 ff. und III, 89 ff.). Durch diese exzeptionellen Schicksale, den Brand und das spurlose Verschwinden jenes Auflagerestes, war das kleine Büchlein zur bibliophilen Seltenheit ersten Ranges prädestiniert; nur kannte damals noch niemand den Namen des gänzlich unberühmten Verfassers. Das Werkchen war totgeboren, und der Dichter verzichtete, vermutlich vorwiegend aus Erwägungen ökonomischer Art, einstweilen völlig auf weitere poetische Versuche oder doch auf deren Veröffentlichung.
Etwa zehn Jahre später aber kam er zufällig einmal dahinter, wie man zügige Lustspiele macht. Er legte sich eifrig darauf, hatte Glück und lieferte von da an jährlich seine zwei Komödien oder Possen, prompt und zuverlässig wie ein Fabrikant. Die Theater waren voll, die Schaufenster zeigten Buchausgaben der Stücke, Bühnenaufnahmen und Bildnisse des Verfassers. Dieser war jetzt berühmt, fast weltberühmt, verzichtete aber auf eine Neuausgabe jener Jugendgedichte, deren er sich nun vermutlich schämte. Er starb in der Blüte der Mannesjahre, und als nach seinem Tode eine kurze, seinem literarischen Nachlaß entstammende Autobiographie herauskam, wurde diese begreiflicherweise gierig gelesen. Aus dieser Veröffentlichung erst erfuhr die Welt von dem Dasein jener verschollenen Jugenddichtungen.
Seither sind jene zahlreichen Lustspiele aus der Mode gekommen und werden nicht mehr gegeben. Die Buchausgaben findet man massenhaft und zu jedem Preise, meist als Konvolute, in den Katalogen der Antiquariate. Jenes kleine Erstlingsbändchen aber, von welchem vielleicht, ja sogar höchst wahrscheinlich nur noch die dreißig seinerzeit verschenkten Exemplare vorhanden sind, ist jetzt eine Seltenheit ersten Ranges und wird von Sammlern mit Leidenschaft gesucht und mit jedem Preise bezahlt. Es figuriert täglich in den Desideratenlisten, nur viermal tauchte es bis jetzt im Antiquariatshandel auf und entfachte jedesmal eine hitzige Depeschenschlacht von bietenden Bestellern. Denn einmal trägt es doch einen berühmten Namen, ist ein Erstlingsbuch und überdies Privatdruck, dann aber ist es für manche Liebhaber auch äußerst interessant und rührend, von einem so berühmten, eiskalten Bühnenroutinier ein sentimentales Bändchen Jugendlyrik zu besitzen. Kurz, man suchte das kleine Ding mit Leidenschaft, und ein tadelloses, unbeschnittenes Exemplar davon gilt für unbezahlbar, namentlich seit auch einige amerikanische Sammler danach fahnden. Dadurch wurden auch die Gelehrten aufmerksam, und es existieren, außer den genannten bibliophilen Publikationen, schon zwei Dissertationen über das Büchlein, von welchen die eine es von der sprachlichen, die andere von der biographischen Seite beleuchtet. Ein Faksimiledruck in 65 Exemplaren, der nicht neu aufgelegt werden darf, ist längst vergriffen, und in den Zeitschriften der Bibliophilen sind immer wieder neue Arbeiten darüber angezeigt. Neuerdings streitet man sich namentlich über den mutmaßlichen Verbleib jener dem Brand entronnenen 170 Exemplare. Hat der Autor sie vernichtet, verloren oder verkauft? Man weiß es nicht; seine Erben sind im Auslande und zeigen keinerlei Interesse für die Sache. Die Sammler bieten gegenwärtig für ein Exemplar etwa das Doppelte wie für die Erstausgabe des »Grünen Heinrich«.
Wenn aber zufällig irgendwo einmal die fraglichen 170 Exemplare auftauchen und nicht sogleich von einem Sammler ~en bloc~ aufgekauft und vernichtet oder doch totgeschwiegen werden, dann ist das berühmte Büchlein wertlos und wird höchstens noch zuweilen, neben andern lächerlichen Anekdoten, in der Geschichte der Bücherliebhaberei flüchtig und mit Ironie erwähnt werden.
Heinrich Frauenlob stirbt
Von _Wilhelm Schmidtbonn_
Heinrich Frauenlob lag in seiner rosagetünchten Kammer und starb. Sein weißes Haar und sein weißer Bart hingen, zu einem Urwald verwachsen, von seinem Bett bis zur Erde herunter. Das blauseidene Kissen, das den letzten Frost der Glieder zudeckte, und das in den Jahren der Jugend eine schöne Dame von ihrem Bett genommen und dem Dichter zugesandt hatte, war längst schwachfarbig geworden und hing zerfetzt. Auch sonst gab es im Zimmer nichts mehr als Spinnen an den Wänden und einen Stuhl, der Tisch zugleich war. Die Laute lag mit abgerissenen Saiten an der Erde. Zwei Vögel hatten sich ein Nest da hineingetragen und flogen durch einen Mauerriß ab und zu. Jedesmal, wenn ein Flügel an das Holz stieß, gab es einen Ton, der hoch und tief zugleich an den leeren Wänden nachhallte. Dann hob der Sterbende jedesmal den Kopf und horchte, und das weiße, klein gewordene Gesicht färbte sich noch einmal mit einem mädchenhaft zarten Rot.
Heinrich dankte dem Mann, der ihm die letzten Tage das Bett gerichtet und zu trinken gereicht hatte, durch die hingehaltene Hand und schickte ihn aus dem Zimmer. Dann lag er, hielt die blaue Seide fest in den Fingern, horchte nicht länger auf das Tönen der Laute, wartete nur noch. Mit vorgestürzt glühenden Augen. Nachdem er sein ganzes Dasein die Anmut der Frauen gesungen und viel Liebe als Gegengeschenk dafür erhalten hatte, konnte er nicht sterben in dieser Kargheit. Noch eine letzte Schönheit, ehe die schwarze Ungewißheit kam! Wie immer, wenn eine Sehnsucht in ihm sich durch einen Schmerz durchbrannte, begannen in ihm Farben, Töne, Rhythmen gegeneinander zu kochen wie zusammengetriebener Nebel. Bilder rissen sich los, Worte brachen wie Blitze heraus, bis endlich die Ruhe der leuchtenden Reime über die Qual trat. Dieses sein letztes Lied galt der schönsten Frau der Stadt, die jeden Morgen, eine Magd hinter sich, mit niedergeschlagenen Augen ihr rostrotes Haar durch die Reihen der Giebelhäuser und die verwunderte Andacht der Menschen trug. Einmal das rostrote Haar mit der Hand streifen dürfen! Aber der Tod ist da und Armut und Vergessensein. Darum, Herzschlag, bescheide dich.
Um dieselbe Stunde saß die Frau mit dem rostroten Haar, das sie in einem dicken Kranz um den Kopf gelegt hatte, während in der Mitte des Kranzes der helle Scheitel wie ein liebliches Tal im Gebirge glänzte, mit ihren Freundinnen zu Hause und trat das Spinnrad. Da geschah das Seltsame. Mitten in heiterer Erzählung blieben ihr Augen und Mund stehen. Den Kopf ein wenig geneigt gehalten, horchte sie in sich hinein, und plötzlich, von der Fernkraft einer verlangenden Stimme gerufen, erhob sie sich, gab auf keine Frage Antwort, warf ein lilafarbenes Tuch um die Schultern, füllte einen großen Korb schnell mit roten, gelben, blauen, weißen, schwarzen Violen, Tulpen, Rosen aus dem Garten, und eilte, den Korb mit beiden Händen vor ihrem Leib hertragend, die Treppe hinunter. Mit bittender Gebärde hielt sie die Freundinnen ab, ihr zu folgen, und lief mit ihren Blumen, den farbigen Widerschein davon auf dem Gesicht, nicht anders als ein Märchen durch die Straßen. Ohne vor der fremden Tür, vor der sie niemals gestanden, zu zögern, trat sie ein und sah, ohne Verwunderung, aber in einer sogleich ausströmenden Liebe, zu dem Sterbenden hin. Sie erinnerte sich wie in einem Traum daran, ihn einmal auf der Straße gesehen zu haben: da stand er, sah sie an und taumelte unter dem Anstoß der mit Traglasten vorüberschreitenden Menschen. Sie stellte ihren Korb hin, trat behutsam an das Bett, wischte dem Aufstarrenden mit den Spitzen der Finger den Schweiß von der weißen Wölbung der Stirn, hielt ihm das Glas zum Trinken an den Mund. Er aber drehte den Kopf ein wenig, um abzuwehren. Sie stellte das Glas wieder hin und fing an, ihre Blumen im Zimmer auszuschütten, über die Erde, über den Stuhl, über die Seide des Bettes, über Hände und Haar des Dichters. Dann, immer in heiterer Ruhe, immer einem geheimen Befehl gehorchend, legte sie ihr Tuch und Kleid ab, hängte alles sorgsam über den Bettrand, löste ihr Haar, schüttelte den Kopf, daß das Haar um ihre Schultern und Knie fiel, flocht Blumen hinein. Und während sie in seliger Unbekümmertheit nackt und flechtend dastand, begann sie zu singen. Die zwei Vögel flatterten aus ihrer Laute auf die Fensterbank auf die Schultern der Frau, saßen da, die Köpfe zum Mund der Frau hingedreht, flogen hin und wieder auf und schwirrten um die Töne, die aus dem Mund kamen, im Spiel herum. Die Augen des Dichters weiteten sich, bis das ganze Gesicht ein Auge schien, das dann in seinem eigenen Licht verbrannte und zusammenbrach.
Sowie das Feuer der Augen erloschen war, schreckte die Frau plötzlich aus ihrer Verzauberung auf. Sie sah sich im Zimmer um, sah an sich hinunter. Sie starrte in die Augen des Toten, geriet in Furcht vor dem leeren Blick daraus, warf mit beiden Händen Blumen darüber, warf ihre Kleider über sich und floh.
Als die Frau fort war und das Zimmer wieder still lag, setzten sich die Vögel in das wirre Haar des Dichters, mitten zwischen die Blumen, und sangen, als ob sie nun erst das Singen gelernt hätten, und riefen hundert andere Vögel durchs offene Fenster herein, die mit ihrem Gesang wieder das Volk der Straße anlockten. Kopf über Kopf standen die Menschen in der Tür und sahen verwundert, von einer Demut angerührt, nach dem Toten hin, den sie, als er noch lebendig über die Straßen ging, vor jungen Rittern und Rossen übersehen hatten.
Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammanns
Von _Wilhelm Schäfer_
Als Klopstock, der Messiasdichter, vor der Pietisterei seiner Zürcher Freunde einmal ins Gebirge geflohen war und vom Klöntal her den Pragelpaß herunter kam, überraschte er an der Muotabrücke einen Knaben aus Schwyz in einem seltsamen Mißgeschick. Der hatte baden wollen in der schattigen Schlucht und nicht an das Windgebläse gedacht, wie es an heißen Sommertagen vom Stoos herunter einfallen kann. Nun waren ihm die leichten Kleider bis auf die Schuhe durch eine Sturmluft in den Fluß geworfen worden, sodaß er nackt auf der Muotabrücke kniete und durch einen Spalt hinunter spähte. Der Dichter war von dem schlanken Körper und der schönen Stellung entzückt, als ob ihm in der grünen Wildnis ein Götterkind begegnet wäre; er rief den Knaben, der sich vor seinem Schritt noch flüchten wollte, mit scherzhaften Worten an und half seiner Blöße aus mit seinem Rock, sodaß sie halb und halb bekleidet als Wandergefährten nach Schwyz hinunter kamen, wo der Dichter in den »Drei Eidgenossen« eine saubere Herberge fand, indessen der Knabe, mit seinem Rock über den nackten Körper angetan, heim ging zu seinen Eltern, die gegen Rickenbach hinauf in einem Landhaus wohnten und wohlhabende Doktorsleute waren.
Der Dichter saß gerade, von dem Staub der langen Wanderung gesäubert, hemdärmelig in dem getäfelten Saal, die Abendmahlzeit abzuwarten, als mit dem Knaben -- der seinen Rock sorglich gefältet trug -- eine Frau herein trat, wie der Knabe von schlankem Bau, nur höher in den Schenkeln und rotblond. Auch zeigte sie ganz dessen freie Art, gab ihm mit herzlichem Dank die Hand und lud ihn ein, das Nachtmahl in ihrem Garten einzunehmen, wenn er nicht anderswo verpflichtet sei. Obwohl der Sohn im dreizehnten Jahre stand, war sie noch jung und schien dem Dichter von einer freieren Anmut, als er sie sonst bei Frauen kannte. Er nahm die Einladung mit Freuden an und ging sogleich mit ihnen durch den wohlgebauten Ort und über grüne Matten zu dem Haus hinauf, das mit zwei Gartenhäuschen auf der Mauer gleich einem Landschlößchen dalag, sonst aber den breiten Giebel der Schwyzer Bürgerhäuser zeigte. Er hatte seinen Namen Klopstock dreimal sagen müssen, bevor sie ihn verstand; auch dann war er nichts anderes für sie, als daß der sonderbare Klang sie lächeln machte. So sah der Dichter sich der Rolle entkleidet, die er in Zürich spielen mußte, und obgleich es seiner Eitelkeit unlieb war, gerade hier nicht mit der Geltung seines Namens eingeführt zu sein, gab er sich fröhlich der Begegnung hin.
Der Doktor war unterdessen ausgefahren, und als er mit flinken Rossen von Steinen herauf kam, paßte der kleine schwarze Mann mit der klugen Geschäftigkeit kaum zu der hohen Frau und ihrem Knaben; doch war er gleich freundlich gegen den Gast, so daß es unter dem breiten Ahornbaum im Garten ein fröhliches Mahl gab, bei dem der Dichter sich immer mehr für die rötlichblonde Doktorsfrau entzündete. Auch sie schien Wohlgefallen an dem Fremdling zu finden, der so schwärmerisch von ihrer Landschaft, vom Menschengeist, von Freundschaft und von der Seele zu sprechen wußte, obwohl sie sich mit der Verschiedenheit ihrer Sprache nicht immer gleich verständigten. Als der Dichter durch einen Abend mit fernen Blitzen in seine Kammer zu den »Drei Eidgenossen« kam, hing er noch lange im Fenster und sah dem Geleucht der fernen Wetter wie dem Geflacker seiner erregten Jünglingsseele zu, bis er seinen Rock dankbar küßte und sich endlich in einen kurzen Schlaf fand.