Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Part 5
Vor dem Tore schließt sich ihm ein junges Mädchen an, die auf einem Esel sitzt, den sie mit fester und zierlicher Hand lenkt. Die Freunde haben Boppo gewarnt; es gibt so viele Gauner und Räuber in Rom und Umgebung, daß man sehr vorsichtig sein muß mit neuen Bekanntschaften, wenn man viel Geld in der Tasche trägt. Boppo ist auch ein verständiger Mensch, der weiß, daß ein ehrlicher Mann heutzutage niemand trauen darf; die Menschheit ist zu klug für ihn geworden. Aber das junge Mädchen hat so feurige, schwarze Augen und macht einen so freundlichen Mund, und dann ist sie ja doch überhaupt ein junges Mädchen, und kurz und gut, Boppo geht neben ihr, und die beiden erzählen sich etwas; er spricht von dem Geschäft, das er in Ariccia eröffnen will, wo es nur an Unternehmungsgeist fehlt, denn ein Geschäft ist in Ariccia zu machen, es muß nur der richtige Mann kommen; und sie teilt ihm mit, daß sie in Velletri eine Stellung annehmen will als Köchin bei einem Pfarrer, und daß sie selig ist, mit ihm bis Ariccia zusammen zu sein, denn man hört so viel, was alles geschieht, daß man wirklich Angst kriegen könnte; dabei sieht sie ihn mit einem so freundlichen Blick an und lacht so, daß ihm ganz warm ums Herz wird.
So ziehen die beiden nun vergnügt weiter auf der Via Appia. Es ist Herbst; die Jäger halten überall ihre großen Jagden ab und schießen die Sperlinge, die Karren mit den Bottichen begegnen ihnen, in denen die Weintrauben eingestampft sind; die lieben Kinderchen sitzen unsagbar schmutzig auf den Trauben und quetschen sie zusammen, und die Männer, welche die Pferde führen, sind bis oben mit rotem Traubensaft beschmiert; von überall her hört man Jauchzen, Singen, Knallen, Schreien, und Boppo fühlt sich so glücklich wie noch nie in seinem Leben; er denkt an seinen Laden in Ariccia, an den Tresen, an die Büchsen mit Zuckerwerk, die auf ihm stehen, und wenn man den Kindern ab und zu eine Kleinigkeit zugibt, dann kommen sie immer; er denkt an die Wagen, welche blankgeputzt über ihm hängen, an das Einwiegen, und dann denkt er auch, was er für ein hübscher Kerl ist, und daß sich das Mädchen neben ihm gleich in ihn verliebt hat. Aber er nimmt sich in acht und verplempert sich nicht, denn man weiß ja nicht, ob sie Geld hat, und ein Kaufmann muß eine Frau mit Geld haben, und das kennt man schon, man denkt, man hat ein hübsches Mädchen, und dann mit einem Male kommt ein Bruder oder Vater und sagt: Heiraten!
Die beiden sind früh aufgebrochen, um noch vor der großen Hitze in Ariccia zu sein. Nun aber beginnen sie hungrig zu werden, denn es ist Frühstückszeit. So gehen sie denn vom Wege ab in eine Wiese, wo unter einer einsamen Pappel ein alter marmorner Sarg steht, als Tränke für die Kühe; das junge Mädchen -- wir wollen es nur verraten, es ist die berühmte Colomba, von der selbst Lange Rübe sagt, er könne noch von ihr lernen -- steigt von ihrem Esel, der verständig mit den Ohren zuckt und sich dann an das Fressen begibt; sie zieht ein reinliches Tuch hervor, um es auf der Wiese auszubreiten für die mitgebrachten Speisen; da stößt sie plötzlich einen Laut der Überraschung aus; sie hat im Grase ein kleines Päckchen gefunden, das offenbar hier jemand verloren hat, ein sauber und fest verschnürtes Päckchen in steifem Papier mit einer Aufschrift. Sie wendet das Päckchen hin und her, Boppo nimmt es ihr aus der Hand: »Lies du, ich kann nicht lesen,« sagt Colomba, und Boppo buchstabiert die Aufschrift: »An den hochwohlgeborenen Herrn Matteo, Juwelenhändler in Rom.« »Wenn kostbare Steine in dem Päckchen wären?« fragt Colomba. »Erst prüfen, dann urteilen,« erwidert Boppo, zieht sein Taschenmesser und schneidet die Verschnürung auf. Es kommt ein Schächtelchen zum Vorschein und ein Brief. Colomba faßt nach dem Schächtelchen, öffnet es, da liegt auf weißer Seide ein wunderschöner goldener Ring mit einem Smaragden. Sie streift ihn sofort an den Finger und betrachtet ihn verliebt, indem sie ihn in der Sonne spielen läßt; Boppo ergreift ihre Hand und sieht ihn sich genau an. Er wird aufgeregt. »Das ist ein Stück für einen Kardinal,« sagte er, »das ist ein Stück für den heiligen Vater.« »Lies den Brief,« ruft ihm Colomba zu. Er kann sich nur schwer von der Hand mit dem Ring trennen, aber er entfaltet doch den Brief und studiert ihn, indessen Colomba den Ring weiter nach allen Seiten spielen läßt.
»Der Besitzer hat den Ring an Matteo schicken wollen, er ist fünfhundert Scudi wert, Matteo soll ihn ihm verkaufen,« sagt endlich Boppo, nachdem er das Lesen des Briefes beendet hat. Dann fährt er fort: »Ich mache dir einen Vorschlag. Es ist ein Glück für dich, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Wir haben den Ring zusammen gefunden ...«
»Nein, ich habe ihn allein gefunden,« sagt Colomba.
»Wir haben den Ring zusammen gefunden,« fährt Boppo fort, »du kannst ihn nicht verkaufen, du wirst bloß von den Händlern betrogen. Ich will den Ring annehmen und bezahle dir deinen Teil aus. Ich bin Kaufmann, ich weiß, was ich zu tun habe, mich soll keiner übers Ohr hauen, ich verstehe mich aufs Geschäft. Natürlich habe ich das Risiko. Ich biete dir für deinen Teil hundert Scudi. Abgemacht.«
Colomba beginnt zu weinen. Der Ring ist so schön und steht ihr so gut, und sie würde ihn Sonntags immer tragen, und sie hat ihn doch gefunden, und er gehört doch ihr, und nun will ihr Boppo nur hundert Scudi geben, und sie ist ja ein armes Mädchen, für arme Mädchen sind solche teuren Ringe nicht, das sieht sie wohl ein, aber sie ist nicht so dumm, wie Boppo denkt, sie kann ihn auch selber verkaufen, und hundert Scudi für einen Ring, der fünfhundert Scudi wert ist, das ist eine Ungerechtigkeit, das kann ja der liebe Gott nicht dulden, und sie ist eine Waise, und hat nicht Vater und nicht Mutter, aber für die Waisen sorgt der liebe Gott, und so redet sie weiter und redet immer mehr, und Boppo antwortet ihr, und sie kommen ins Handeln, und schließlich geht Boppo bis hundertfünfzig Scudi. Er holt seinen Beutel heraus, klaubt ihn auf, zählt ihr das Geld vor, sie weint, liest es sorgsam zusammen, zieht ein Tuch und knotet es ein; der Beutel ist recht schmal geworden, wie er ihn mit der Schnur wieder zusammenzieht, aber dafür hat er ja nun den Ring. Sie trocknet sich die Tränen, er will zärtlich ihre Hand ergreifen, aber sie stößt sie von sich und geht zu ihrem Esel. »Was willst du denn tun?« fragt Boppo erstaunt. Sie aber antwortet ihm nicht, sondern steigt auf, und als er immer dringlicher fragt, da erklärt sie ihm, daß er ein Räuber ist, daß sie nicht mehr mit ihm reiten will, denn eigentlich hat sie den Ring allein gefunden, und nun will sie wieder nach Rom, sie muß sich erst ausweinen, denn das hatte sie nicht gedacht, daß es so schlechte Männer gibt. So wendet sie denn ihren Esel zurück, Boppo aber bleibt, und im Grunde ist er nicht ganz unzufrieden, daß er sie nicht mehr sieht, denn nun kann sie ihm doch nicht mehr vorklagen.
Er sah sie also nicht mehr, und er hat sie auch später nicht wieder gesehen, obgleich er sie in Velletri und in Rom suchte wie eine Stecknadel; denn als er seinen Ring zu einem Händler brachte und ihn für fünfhundert Scudi anbot, da lachte der Mann und sagte, daß der Stein aus Glas sei und die Fassung vergoldetes Kupfer. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als daß er zu seinem alten Herrn ging und wieder Ladendiener wurde, damit er das verlorene Geld erst wieder zusammenbekam; denn mit dem, was er noch hatte, konnte er bei der heutigen scharfen Konkurrenz keinen Laden in Ariccia eröffnen.
Das Bett
Von _Paul Ernst_
Die Frau des Polizeihauptmanns Tromba war bei der Frau des Stadtrichters Matta gewesen. Matta ist Richter, und Tromba ist nur Polizeihauptmann; das müßte gewisse Schranken für die weibliche Einbildungskraft setzen, sollte man meinen. Es setzt aber diese Schranken nicht. Die Frau des Richters Matta hat ein Fremdenzimmer, weil vornehme Leute zuweilen Besuch vom Lande bekommen. Tromba bekommt zwar keinen Besuch vom Lande, aber seine Frau findet, daß sie reichlich ebenso vornehm ist wie die Frau des Stadtrichters Matta, denn Frau Matta ist eine reiche Fleischerstochter gewesen und sie eine reiche Bäckerstochter; und deshalb ist es notwendig, daß sie auch ein Fremdenzimmer hat.
Tromba wünscht verschont zu werden und wird nervös. Beppina tröstet ihn und sagt, wenn die Mutter erst einmal gestorben ist, dann führt sie dem Vater die Wirtschaft, und dann bäckt sie auch jeden Tag Eierkuchen, und wenn er seinen Teil nicht ganz aufißt, dann schadet das nichts, dann ißt sie ihn mit. Tromba hebt sie hoch, küßt sie und sagt, sie ist ein Engel. Die Frau wischt Staub im Zimmer und wirft Gegenstände, welche sie abwischt, mit merklichem Knall an ihre Stelle. Das leere Zimmer hätte man nämlich; es liegt eine Treppe höher auf dem Boden und hat eine schöne Aussicht, genau wie das Fremdenzimmer der Frau Stadtrichter Matta. Man hätte auch die Bettstelle und die andern Möbel. Es fehlt nur das Bett. Und sie findet, wenn man Polizeihauptmann ist, dann hält man einfach eine Haussuchung ab, und es wäre doch merkwürdig, wenn man da nicht ein Bett fände, das man mit Beschlag belegen kann.
Tromba sagt sich, daß er eine Gemeinheit begeht. Aber was nutzt ihm alles, er muß Ruhe haben. Er kommt nicht zum Arbeiten. Also, er macht eine Haussuchung bei Lange Rübe.
Lange Rübe kann sich natürlich denken, wie die Haussuchung zu erklären ist, und macht bissige Bemerkungen über Ehrenmänner, wie sie beide, welche wissen, was sie sich gegenseitig schuldig sind, über das Unvermutete des Besuchs und über die Mühe, welche sich Tromba hätte sparen können, wenn er seinen Wunsch gegen Lange Rübe geäußert hätte. Tromba kann ihm nichts erwidern, denn Lange Rübe hat ja recht; und so erfüllt er denn mit den Häschern seine Pflicht, ohne Lange Rübe zu antworten. Lange Rübe kann sich nicht ausweisen über den Erwerb eines guten Bettes mit Roßhaarmatratze und Daunendecke; und so wird das Bett denn mit Beschlag belegt.
Tromba übt in den ehelichen Kämpfen die bekannte Strategie, welche man auch von andern Ehemännern erzählt. Zunächst wird er immer geschlagen und muß den Willen der siegreichen Frau erfüllen. Wenn er das aber getan hat, so ist die Frau in schwächerer Verfassung, weil ihre Geisteskräfte in Anspruch genommen sind durch das Bedenken, wie sie das Gewonnene verwertet; und nun dreht er sich um und greift seinerseits an. Das Bett wird also gebracht; die Häscher stellen die Bettstelle auf und legen das Bett hinein, verweigern, ein Trinkgeld anzunehmen, und gehen mit höflichen Empfehlungen. Frau Tromba steht im Fremdenzimmer und überlegt, wie sie die Vorhänge aus einem alten Stoff herstellt; Tromba geht auf und ab, die Hände auf dem Rücken, pustet und stößt abgebrochene Laute aus.
Ein Gauner ist auch ein Mensch. Lange Rübe hat nicht gleich ein Bett wieder. Wo soll er denn schlafen? Anständige Menschen nehmen Rücksichten. Tromba hat aus freien Stücken Lange Rübe erklärt, wenn er wieder ein Bett habe, das geht ihn nichts an, er weiß nichts davon, er will nichts davon wissen, ist seine Sache nicht. Er will nichts mehr hören von Betten. Er kann sich nicht um jedes Bett kümmern, das es in Rom gibt. Wenn Tromba zum Kaufmann geht und etwas kauft, der Kaufmann macht ihn doch dumm und nimmt ihm ab, was er kriegen kann, und lügt ihm noch vor, daß er ihm seine Ware zur Hälfte schenkt. Wenn der Bauer etwas in die Stadt bringt, und die Leute haben Hunger, und es ist nichts sonst auf dem Markt, dann verlangt er das Dreifache, und wenn sie es ihm geben, dann steckt er das Zehnfache ein. Sind die denn anders als der Gauner? Aber denen hat die Polizei nichts zu sagen, die werden vom Staat beschützt, ja, die kommen womöglich noch und machen Anzeige, wenn ein Gauner bei ihnen gewesen ist. Als ob der Gauner nicht auch sein Leben in Mühe und Schweiß verdient! Und überhaupt, die Polizei lebt von den Gaunern. Wenn die Gauner nicht wären, dann brauchte man auch die Polizei nicht. Das sagt man sich alles, wenn man ein Mann ist. Aber ein Weib, wenn sich ein Weib eine dumme Idee in den Kopf gesetzt hat, dann muß das geschehen. Dann muß das geschehen, und wenn der Himmel einstürzt. Alles einerlei.
Vielleicht denkt sich Frau Tromba, daß sie ja nun ihr Bett hat, und daß es für die Gesundheit eines Mannes immer besser ist, er tobt sich aus, statt den Ärger hinunterzuschlucken; vielleicht ist sie aber auch wirklich zu sehr mit der Frage der Gardinen beschäftigt; jedenfalls widerspricht sie nicht. Nach gewöhnlicher Psychologie müßte ja nun Trombas Zorn abnehmen; aber bei Tromba, wie bei manchen anderen Männern, wenn sie in ähnlichem Fall sind, steigert er sich jetzt.
Lange Rübe muß natürlich wieder ein Bett haben. Einerseits tut ihm ja Tromba leid; Tromba kann mit den Weibern eben nicht fertig werden; anderseits ist es Lange Rübe auch nicht zu verübeln, wenn er auf Tromba wütend ist, denn eine Gemeinheit bleibt es schließlich, ihm das Bett abzuholen.
Lange Rübe nimmt sich also einen befreundeten Droschkenkutscher und fährt mit ihm zu Trombas Haus. Der Wagen hält unten, Lange Rübe steigt aus, tritt in das Haus, geht die Treppen hoch bis unter das Dach, öffnet das Fremdenzimmer und packt das Bett in zwei mitgebrachte große Säcke. Die nimmt er auf die Schultern und geht still wieder die Treppe hinunter.
Man geht in solchem Falle bekanntlich rückwärts die Treppe hinunter; wenn jemand einen sehen sollte, dann kann man gleich so tun, als steige man nach oben und sagt, man bringe die Säcke zu einem Herrn Francesco, der ja wohl in diesem Hause wohne, mit einer schönen Empfehlung von Herrn Augusto. Herr Francesco wohnt nicht in diesem Hause; man schimpft über Herrn Augusto, der einem doch stets die unrichtige Hausnummer nennt, so daß man doppelte Arbeit hat; die Person, welche einem begegnet ist, bedauert einen, daß man die schweren Packen so hoch geschleppt hat, und gibt einem den guten Rat, sich lieber immer erst unten zu erkundigen, ob man auch recht gegangen ist; dann geht man die Treppe hinunter und hat seine Masematten in Sicherheit.
Demnach geht auch Lange Rübe rückwärts hinunter. Aber die Bodentreppe ist steil, und wie er eben auf der vorletzten Stufe ist, tritt er fehl, stürzt, die Säcke rollen von den Schultern, und er selbst schlägt mit aller Wucht an Trombas Tür. Lange Rübe steht langsam auf und reibt sich das Bein, Tromba öffnet die Tür.
Natürlich tut Lange Rübe ganz selbstverständlich. Er beklagt sich über die Treppe und preist sein Glück, denn er hätte ein Bein brechen können bei dieser Gelegenheit, und das hätte er dann von seinem guten Herzen gehabt. Da aus diesen Ausrufen und Erklärungen nicht zu erkennen ist, was Lange Rübe mit den beiden prallen Säcken will, so fragt Tromba; Lange Rübe tut wieder selbstverständlich und erklärt, in denen sei doch das Bett; er habe gehört, daß der Herr Polizeihauptmann ein Bett brauche, und da er ein Bett überflüssig habe, so bringe er es ihm; der Herr Polizeihauptmann könne es behalten, so lange er wolle, bei ihm sei es nicht nötig, und er freue sich sehr, daß er dem Herrn Polizeihauptmann die kleine Gefälligkeit erweisen könne, als ein Ehrenmann dem andern.
Tromba denkt bei sich, daß Lange Rübe ja verdammt schnell wieder ein Bett gefunden hat, sein Gewissen ist beruhigt; einigermaßen ärgert er sich ja über die Frechheit, daß er es ihm gleich zeigen will, aber dann kann er ihm die Frechheit auch wieder nicht übel nehmen, denn Lange Rübe sieht zu komisch aus, wie er dasteht mit dem dummen Gesicht. Also erklärt er kurz, er brauche kein Bett weiter, er sei schon versehen. Lange Rübe entschuldigt sich, setzt die Mütze wieder auf und reibt sich das Bein. Tromba fragt, ob es noch sehr weh tue; Lange Rübe erzählt, daß er mit dem Schienbein gerade auf die scharfe Schwellenkante geschlagen ist, wie er die letzte Stufe nach oben steigt; er hat die Engel im Himmel pfeifen hören.
Tromba geht in die Stube, bringt eine Schnapsflasche mit einem Glas heraus und gießt Lange Rübe ein. Lange Rübe dankt mit einer höflichen Verbeugung, leert das Glas und stellt es Tromba wieder zu. Dann sieht er seine beiden Packen an.
Tromba versteht den Blick. Er gibt Lange Rübe die Weisung, daß er sich auf eine Treppenstufe setzt, dann legt er ihm die beiden Packen auf den Rücken; Lange Rübe erhebt sich, dankt von Herzen und geht die Treppe hinunter auf die Straße, wo ihn sein Freund mit der Droschke erwartet.
Als Frau Tromba wieder in ihr Fremdenzimmer geht, fehlt das Bett. Sie stürzt zu ihrem Mann und erzählt es ihm. Die Vorwürfe, die sie ihm macht, sind berechtigt. Daß die Gauner so frech sind, selbst den Polizeihauptmann zu bestehlen, das muß denn doch an ihm liegen. Bei einem anderen würden sie mehr Furcht haben. Tromba sieht ein, daß er den Zwischenfall mit Lange Rübe nicht erzählen darf, und in seiner Bestürzung weiß er gar nichts zu erwidern, sondern schweigt, indessen die Frau den Übergang zum Weinen macht.
Natürlich kann Tromba jetzt nicht noch einmal Haussuchung halten. Aber er hat auch die Aufsicht über die Gewichte und Wagen in den Kaufmannsläden. Deshalb schießen die Kaufleute zusammen und kaufen ihm ein Bett, und so sind denn nun alle Teile zufriedengestellt.
Die Sklavin
Von _Heinrich Mann_
Der Venezianer Benedetto Dolan war ein Trinitarier, er zerbrach die Ketten der Sklaven. Aber einmal brachte er aus der Berberei eine Sklavin mit, deren Kette konnte er nicht zerbrechen, weil er selbst darin gefangen war. Wie hat er sie lieb gehabt! In einem Saal seines Palastes am Großen Kanal schloß er sich mit ihr ein und verließ sie nie mehr. Es gab darin einen hohen, wunderbar geschmückten Sockel, auf den sie sich stellen mußte: ganz nackt, wie eine Statue; eine köstlich ziselierte Silberschale, in die sie sich legen mußte, ganz nackt, ähnlich einer Perle; und einen von erhabenen Bildern umzogenen Marmorsarkophag, auf dem sie sich ausstrecken mußte, ganz nackt, gleich einer Toten.
Wenn sie auf dem hohen Sockel stand, erreichte ihr Kopf mit den langen, langen Haaren die wunderschöne Fensterrose, die in der Mauer des Palastes ist. So kam es, daß man sie von draußen sah, von dem Seitengäßchen, das neben dem Hause herläuft. Und jedesmal sammelte sich das Volk und verlangte, die schöne Sklavin solle hinausgeführt und ihm gezeigt werden. Der Ritter verweigerte es. Aber da man hörte, sie sei übermenschlich schön, drohte in Venedig ein Aufruhr, und die Signori schickten ihre Abgeordneten zu Benedetto Dolan: er solle seine Sklavin hinausführen. Er verneigte sich und gehorchte.
Er trug sie in seine Gondel: nicht auf dem hohen Sockel, worauf sie, ganz nackt, wie eine Statue stand; auch nicht in der Silberschale, in der sie, ganz nackt, einer Perle ähnlich ruhte; -- sondern ausgestreckt auf dem marmornen Sarkophag, ganz nackt, gleich einer Toten. So fuhren sie, der Ritter in seiner Rüstung ihr zu Häupten, den Großen Kanal hinab. Als sie aber an der Piazzetta landeten, wo das ganze Volk wartete, da sah das ganze Volk, daß aus ihrem Herzen ein roter Tropfen trat.
Von Künstlern und Kunstwerken
Memlings Bild
(April 1473)
Von _Paul Enderling_
Paul Beneke stand vorn am Bug, wasserdurchnäßt und blutbespritzt.
»Smiet de Hakens röwer!« brüllte er durch Sturm und Kampfgeschrei.
Die Enterhaken packten das englische Schiff und fraßen sich gierig in das Holz. Ein Armbrustbolz zeichnete eine blutige Spur über Paul Benekes borstigen Schädel und riß seine Mütze weg in die schaumbespritzte See. »Wart, ick wull di!!« Er drohte wütend mit der Faust herüber. Dann stülpte er sich den Helm eines Gefallenen auf.
Nun stürmten die Danziger Matrosen hinüber auf den »Sankt Thomas«. Ein paar Minuten später glitt die burgundische Flagge nieder, unter der das englische Schiff gefahren. Die Schiffsbesatzung hielt die Hände hoch. Der Kapitän, der totenblaß am halbzersplitterten Mast hockte, winkte den hanseatischen Kapitän zu sich.
»Ihr seid Paul Beneke, den sie einen ›harten Seevogel‹ nennen. Ists nit so?«
»Hol det Mul!« Das galt einem schreienden Matrosen. Paul Beneke beugte sich zu dem gefangenen Gegner hernieder, der ihm seine Worte ins Ohr wiederholte. Er nickte nur.
»Dann ist's keine Schande für mich, gekapert zu werden,« sagte der Sterbende. Er stockte. Am Mast seines Schiffs stieg die Hansaflagge empor. Nun schwebte sie hoch oben und schlug fröhlich knatternd um sich.
Da überflog eine furchtbare Grimasse das Antlitz des Engländers. Getrieben von Scham und Grimm, versuchte er, das neben ihm liegende Enterbeil nach Paul Beneke zu schleudern. Es entfiel aber seiner kraftlosen Hand.
»Ick versteh' di, min Söhn,« sagte Paul Beneke nachdenklich und begab sich achselzuckend zur Schiffsluke, daraus seine Leute die Schätze des Schiffsbauchs holten, um sie zu dem eigenen großen Kraweel herüberzubringen.
Der Steuermann zählte die Kisten und Säcke, die man herüberschleppte. Das monatelange Kreuzen und Segeln war mit einem Schlag reich gelohnt. Die Mannschaft sang und gröhlte vor Freude bei jedem neuen Stück, das an die Oberfläche kam.
Nun war's ein hoher, flacher Kasten, der nach dem Stempel darauf der Handelsgesellschaft der Portunari in Brügge gehörte. Die Leute wußten nichts damit anzufangen.
»Upbreeken!« befahl Paul Beneke.
Mit den Beilen, die eben noch auf die Schädel der Feinde niedergekracht waren, brachen sie die Bretter auf.
Der Lärm verstummte. Auch die See, die in der ganzen Zeit des Kampfes als eine rechte Mordsee mitgebrüllt hatte, beruhigte sich. Leichte, weiße Schaumkrönchen tanzten noch auf den grünen Wellen. Eine Wolke verschob sich. Sonnenschein glitzerte auf den Panzern und Helmen, auf den Waffen und nun auf dem breiten Goldrahmen des großen Bildes, das einer aufgeklappt hatte.
... Der Erzengel Michael in funkelnder Rüstung hielt die Wage -- ein frommer Beter kniete in der tiefen Schale, ein Verzweifelter jammerte in der nach oben geschnellten Schale. Christus saß auf dem Regenbogen und hielt Weltgericht über all die, so aus den Gräbern stiegen, der Seligkeit oder der Verdammnis entgegen.
Auf dem linken Flügelbild zogen die Seligen in den goldenen Himmelspalast ein, auf der rechten Seite stürzten viele in den Höllenschlund, der ewigen Qual entgegen ...
Erst war's Mathias Groddeck, der die Mütze langsam abnahm und in die Knie sank.
Dann tat es der Steuermann. Und der Schiffsboden ächzte, als er es tat, und es krachte, als der Helm aufschlug.
Dann knieten die anderen Matrosen vor dem »Jüngsten Gericht«, das der Maler Memling gemalt.
Zulegt nahm Paul Beneke den Helm ab und beugte die Knie, indes das rote Blut langsam über die Stirn am rechten Auge entlang sickerte.
... Die Seligen gingen in das goldene Haus des Himmels. Christus blickte milde nieder, und die große Wage schwankte auf und ab ...
Wohin würde einmal ihrer aller Weg gehen? Zur Rechten? Zur Linken? »~Te Deum laudamus~,« begann langsam mit heiserer Stimme Dietrich Bernecker, der ein entlaufener Mönch gewesen war und seit zwölf Jahren in geteerten Hosen herumlief.
Erst blickten sie ihn verwundert an. Dann nickten sie bedächtig und stimmten ein, so gut es ging.
... Die Engel stießen in die Posaune, als bliesen sie die Melodie dazu. Die vielen Toten stiegen aus den Gräbern und hoben betend die Hände ...
Paul Beneke erhob sich. Sein Blick hatte den englischen Matrosen gestreift, der grinsend dem Gebahren der Sieger zusah. Er ging langsam auf ihn zu und schlug ihm die Mütze vom Kopf.
»Siehst du nit, dat hie Gottesdienst ist, min Söhn? Und weißt du nit, daß es sich geziemet, die Mütze vom Grindkopf zu nehmen?«
Das war der längste Satz, den Paul Beneke seit langem gesprochen.
Dann ging er befriedigt zu den Betern zurück.
Der schlaue Akademiedirektor
Von _Carl Bulcke_