Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

Part 4

Chapter 43,725 wordsPublic domain

Ich hatte einst zwei Freunde, die auch untereinander wieder heftig befreundet waren. Nach einer geraumen Zeit aber trat zwischen ihnen jene chronische Spannung ein, die einer Entfremdung vorauszugehen pflegt. Eines Tages nahm mich der eine, sagen wir A., beiseite und beklagte sich ernstlich über B. Dieser habe bei irgendeiner Gelegenheit acht Mark von ihm geliehen und hätte nun schon seit einem Vierteljahr vergessen, ihm das Geld wiederzugeben. Es sei natürlich nur Vergeßlichkeit, aber eben diese Sorglosigkeit würfe doch ein merkwürdiges Licht auf den Charakter des Freundes. Nicht lange darauf vertraute der andere mir mit einigen spöttischen Glossen an, A. täte immer in allen Dingen so schrecklich bürgerlich korrekt und vergäße ganz, daß er ihm immer noch dreizehn Mark schuldig sei. Sagen könne er es ihm doch nicht, und auch ich möchte mir nichts merken lassen, aber eine schnurrige Sache sei es doch. Mir selbst war bei diesen vertraulichen Mitteilungen, deren Kreuzungspunkt ich geworden war, wunderlich zumute. Denn auch von mir hatten beide einmal vor Monaten kleine Summen geborgt, wie man sie auf Landpartien oder sonstwie braucht, wenn ein großer Geldschein sich nicht gleich wechseln lassen will, und diese Tatsache war allen beiden vollständig entfallen. Was war zu tun? Ich dachte nach, ob ich nicht unwissentlich vielleicht den Freunden ebenfalls Geld schuldig sei. Mir war, als wäre einmal so etwas gewesen; aber ich konnte nicht mehr darauf kommen, und ich mußte schließlich einsehen, daß man sich nur dessen deutlich erinnert, was andere uns schulden, nicht aber dessen, was man selbst schuldig ist.

Die Witwe von Ephesus

Früher fuhr ich jeden Nachmittag mit der Vorortbahn in die Stadt. Auf der Fahrt wurde rechts vom Gleis für wenige Sekunden zwischen Häusern ein Stück Friedhof sichtbar, mit Blumengräbern und Grabmonumenten. Auf einer neuen Grabparzelle war täglich eine schwarzgekleidete Frauengestalt zu sehen, die mit Schaufel, Harke und Gießkanne arbeitete, den Efeu aufband, die Sträucher beschnitt oder Blumen pflanzte. Es war offenbar eine Witwe, die ihren Mann dort begraben hatte. Nach einiger Zeit tauchte auf dem Grabgrundstück nebenan ein Mann gesetzten Alters auf, der, wie es schien, das Grab seiner gestorbenen Frau pflegte und mit der Nachbarin an Sorglichkeit und Liebe wetteiferte. Zuerst blieb jeder für sich. Eines Tages aber, als der Zug vorüberfuhr, sah ich die beiden Leidtragenden über den niedrigen Erdwall weg miteinander sprechen. Einige Tage später -- es war ein heißer Sommer -- fuhr mein Zug gerade vorbei, als der Mann der Frau ein gefülltes Weißbierglas hinüberreichte und sie zum Trinken einlud. Und wieder nach einigen Tagen hatte der Mann seinen Rock beim Arbeiten ausgezogen, er plauderte schon vertraulich heiter mit der Nachbarin, und die Große Weiße stand zwischen beiden auf dem kleinen Grenzwall, wie ein gemeinsamer Besitz. Jetzt aber mit Himbeerschuß. Und dann kam ein Tag, wo der Witwer hinübergegangen war zur Witwe, und wo sie ihm alle Herrlichkeiten ihres Grabgartens mit errötendem Eifer zeigte. Noch eine kurze Zeit, und ich sah die beiden Trauernden in dem Gärtchen der Frau auf einem Bänkchen vor dem Leichenstein nebeneinander sitzen, Hand in Hand, sich verliebt ansehend und schnell auseinanderfahrend, als der Zug vorüberrasselte. Fortan blieben die Gärtchen leer. Die Blumen vertrockneten, auf den Wegen wuchs Gras, und der Efeu überrankte die Namen der Toten.

Die Zeitungen

In einem Neubau hatten die Stubenmaler ihre Gerüste aufgeschlagen, um die Decken zu bemalen. Sie standen oben auf den Brettern, den Kopf im Nacken, Ornamente schablonierend und pinselnd. Unter dem Gerüst hatten zwei Tapezierer ihren Tisch aufgestellt. Sie waren beschäftigt, die unteren Wände mit Makulatur zu bekleben. Dabei unterhielten sie sich eifrig. Sie sprachen von den Berliner Tageszeitungen und konnten nicht recht einig werden. Der eine behauptete: »Das einzige vernünftige Blatt in Berlin ist die »Vossische«.« »Nein,« erwiderte der andere, »die »Kreuzzeitung« ist mir lieber.« »Die ist auch gut,« gab der erste zu, »aber nicht so gut wie die »Vossische.« »Tägliche Rundschau« geht übrigens auch an.« »Ach, damit bleib mir vom Leibe,« rief der zweite, »das ist lappriges Zeug. Dann kannst du ja auch nur gleich »Tageblatt« und »Lokalanzeiger« sagen. Und das sind doch die schlechtesten Blätter in Berlin. Mosse und Scherl, das ist Jacke wie Hose.« »Ein Blatt ist doch noch schlechter,« sagte der andere, »das ist das allerschlechteste.« »Na, welches?« »Der »Vorwärts«!« »Da hast du recht, mit dem ist überhaupt nichts anzufangen.«

Die Maler auf der Rüstung wurden unruhig. Einer rief hinab: »Na, ihr seid ja schöne Genossen. Der eine ist für die Junker, und der andere ist für die Bourgeois. Und ihr wollt Arbeiter sein?« Die Tapezierer antworteten grob, und ein Streit begann. »Wer so von dem »Vorwärts« spricht, ist ein Verräter,« schrie einer der Maler. »Und wer mir den »Vorwärts« hier auf den Tisch legt, dem schmeiß ich ihn an den Kopf,« schrie einer der Tapezierer zurück, »was verstehst du überhaupt vom Tapezieren!« »Na, vom Tapezieren versteh ich nichts, aber von der Politik verstehe ich was,« rief der Maler. »Was geht uns denn deine Politik an?« sagte verwundert der Tapezierer. »Wir reden hier doch von der Makulatur, von der Güte des Papiers.« »Ach so,« sagten die Maler, »sie reden von der Makulatur!«

Moral: Der Mensch ist immer noch mehr Tapezierer als Politiker.

Darwinismus im Ausverkauf

»~Eritis sicut deus~«.

Vor einigen Jahren, als die Bevölkerung Deutschlands, vor allem die Berlins, durchaus wissen wollte, ob Christus gelebt hat, hielt ein berühmter Professor des Monismus (so darf man ja wohl sagen) vor einem großen Zuhörerkreis einen Vortrag über diese neugierige Frage. Im Laufe seiner freigeistigen Rede, in der Christus durch Darwin ersetzt werden sollte, sprach der Vortragende von dem natürlichen Werden alles organischen Lebens, er rekapitulierte die Leitsätze des Darwinismus und wies u. a. nach, in welcher Weise sich die Lunge der atmenden Geschöpfe aus der Luftblase der Fische entwickelt hätte. »Ja, meine Damen und Herren,« rief er in den Saal, mit einem triumphierenden Seitenblick auf eine Anzahl kampfbereit zuhörender Pastoren, »wie haben wir uns diese Entwicklung denn vorzustellen? Wir müssen sie uns folgendermaßen denken: eines Tages wurde ein Fisch von den Brandungswellen an den Strand geworfen. Da stand der Fisch nun vor der Frage: du mußt entweder zugrunde gehen, oder du mußt deine Luftblase in eine Lunge verwandeln, um in der Luft weiterleben zu können -- eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Der Fisch tat natürlich das letztere -- und so, meine Damen und Herren, entwickelte sich aus der Blase des Fisches ...«

Kein Schmerzensschrei wurde hörbar.

Zwei Anekdoten vom Marquis Bonvivant

Von _Karl Ettlinger_

Der Marquis über Heidenbekehrung

Der Pariser Frieden von 1763 war noch nicht geschlossen, und Frankreich sonnte sich noch im Besitze seiner wertvollsten Kolonien. Der Jesuitenorden, -- den der durch die Unterrockpolitik der Pompadour erhobene und durch die Hemdpolitik der Dubarry gestürzte Choiseul 1764 vertrieb -- sandte noch seine Missionäre in die fremden Länder, um aus guten Götzendienern schlechte Christen zu machen. Der freigeistige Marquis Bonvivant bezeigte diesem Missionseifer nur geringe Sympathie, und er pflegte in seiner frivolen Weise zu spotten: »Statt den Heiden das Wasser der Taufe auf den Kopf zu träufeln und Schnaps zum Trinken zu verkaufen, wäre es besser und christlicher, ihnen Wasser als Getränk zu verhandeln und ihnen den Schnaps über den Kopf zu gießen.« Ein Bettelmönch, dem des Marquis Denkungsart unbekannt war, sprach einst bei ihm vor, um eine fromme Gabe für die Missionen zu heischen. Wie schlug ihm das Herz voll eitler Freude, als der Marquis ihm versprach, für das nächste Missionsschiff eine ganze Kiste Kruzifixe zu spenden! Mit den bestgemeinten Segenswünschen dankte der harmlose Bettelmönch.

Das Missionsschiff lag abfahrtbereit im Hafen, in wenigen Stunden sollten die Anker gelichtet werden, -- als acht stämmige Männer erschienen, die im Auftrage des Marquis eine große schwere Kiste an Bord trugen, die die Aufschrift zeigte: »Kreuze für die Heiden.«

Der frommen Mannschaft dünkte diese Kiste ein wenig groß geraten -- es mußten ja Abertausende von Kreuzen darin Raum haben --, und so wurde beschlossen, die Kiste zu öffnen, um die Hälfte der zur Verwendung für die Heiden bestimmten Kreuze für das nächste Missionsschiff zurückzubehalten.

Man brach die Kiste auf. Sie enthielt -- ein halbes Hundert Grabkreuze.

Der Marquis über das Duell

Siebenunddreißig Duelle hatte der Marquis Bonvivant in seinen jungen Jahren ausgefochten, und er hatte damit bewiesen, daß es ihm nicht an Mut fehlte, in Streitfällen hinter jede Beschimpfung einen Florettstich als Schlußpunkt zu setzen. Als aber das Leben seine Haare mit dem Puder des Alters betupfte, als er in dem Garten seiner Erfahrungen die kostbarste Frucht: das Lächeln geerntet hatte, da änderte sich auch seine Sinnesart über das Duellwesen. »Es mag Ausnahmefälle geben, in denen ein Duell unvermeidlich ist,« sagte er. »Allein das Meer von Zweikämpfen würde zu einer Pfütze austrocknen, wenn meine lieben Zeitgenossen endlich einsehen wollten, daß ein Amtsgericht weit zuverlässiger ist als ein Gottesgericht.«

Kurz nachdem er diesen Ausspruch getan hatte, der ihm sehr übel vermerkt wurde, gebot ihm die Freundespflicht, einem Baron de Sulpice Sekundantendienste zu leisten. Dieser hatte einem Chevalier, der beim Kartenspiel trefflich das Glück zu korrigieren verstand, das Wort »Falschspieler« ins Gesicht geschleudert. Nach dem ersten Gange lag der Falschspieler tot am Boden: eine Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt.

Marquis Bonvivant stand bei dem Leichnam; er betrachtete den leblosen Körper aufmerksam, hob ihn auf, musterte die Rückseite, befühlte den Kopf und ließ die Leiche kopfschüttelnd wieder zu Boden gleiten.

»Was soll dieses Spiel?« herrschte ihn der anwesende Arzt an.

»Verzeihen Sie meine Neugierde!« gab der Marquis zurück. »Ich bin nun einmal eine gründliche Natur: ich habe das Loch in der Brust gesehen, aus dem das Leben das Chevaliers entflohen ist, und ich suche nun das andere Loch, durch das angeblich die Ehre wieder in seinen Körper eingezogen ist!«

Der Garibaldiner

Von _Karl Federn_

Es war an einem Mainachmittag des Jahres 1891 in Rom, als ich meinen Freund Cesare Salvadori aus Cefalù traf. Am Abend vorher hatte eine patriotische Gedenkfeier stattgefunden; die schwarzen Carabinieri, kriegerische und andere Vereine mit vielen Fahnen, die Garibaldiner mit ihren roten Hemden waren unter rauschender Musik durch die staubigen Straßen des glänzenden Rom aufs Kapitol gezogen: Salvadori war mit im Zuge gewesen, denn er war Garibaldiner. Sie wissen, was das heißt; Sie kennen die tausend Helden, die überall in Italien mit Verehrung und Begeisterung betrachtet werden, die für das Land und die Freiheit geblutet haben, und die nie sterben, weil, wenn einer von ihnen zu Grabe getragen wird, der Nächstälteste der Familie das rote Hemd anlegt, um die Ehre und den Vorteil dem Hause zu erhalten.

Als ich mit Salvadori vor dem Café Aragno saß, trug er das rote Hemd nicht mehr, sondern einen schlaffen schwarzen Tuchrock, und schlaff waren auch seine Züge, selbst der eisgraue Schnurrbart unter der Hakennase.

»Wie geht es Ihnen, Salvadori?« fragte ich. Den Toskano im Mundwinkel, den einen Fuß mißmutig über dem andern wippend, saß er da. »Schlecht,« war seine Antwort. »Man lebt, aber es geht schlecht. Wie Sie mich sehen, bin ich wieder ohne Stellung. Man tut nichts mehr für uns, man schreit, wenn wir vorüberkommen, aber man tut nichts.«

Nun war gerade kurz vorher Giovanni Nicotera, der sizilianische Baron und Revolutionär, gleichfalls ein ehemaliger Garibaldiner, Minister des Innern geworden. Daran erinnerte ich den Alten.

Die grauen Augen in dem verwitterten Kriegergesicht zogen sich zusammen.

»Ich bin bei ihm gewesen,« antwortete er und sah vor sich hin. »›Giovanni,‹ sagte ich ihm, ›du bist nun mächtig: du mußt etwas für mich tun.‹ Und er, ›mein Lieber,‹ sagte er, ›viel kann ich dir nicht bieten; es waren schon zu viele vor dir da. Aber wenn du unten in Calabrien, beim Präfekten von Catanzaro Amtsdiener werden willst: die Stelle ist frei. Anderes habe ich jetzt nicht. Vielleicht später; wir werden sehen.‹

Was wollen Sie? Ich nahm die Stelle an und fuhr nach Catanzaro. Es ging auch; bis eines Tags eine Deputation kam; aus Tiriolo, wegen einer Wahlsache. Sie wissen ja, wie das ist. Am Morgen sagt mir der Präfekt: ›Wenn die Deputation aus Tiriolo kommt, Cesare, bin ich nicht da.‹ ›Eccellenza,‹ sagte ich, ›es ist gut.‹

Und nun denken Sie: wie die Leute kommen -- sie waren vier Stunden gefahren -- waren drei davon alte Garibaldiner wie ich.

›Freunde,‹ sagte ich, ›es tut mir leid, aber der Herr Präfekt ist nicht da.‹ ›Cesare,‹ sagte der eine, der mich kannte, ›wir müssen den Präfekten sprechen. Und wir wissen, daß er da ist, ich habe ihn selbst am Fenster gesehen. Und du wirst uns anmelden.‹

Was wollen Sie, Herr? Es waren Garibaldiner; es war nichts zu machen. Ich habe sie angemeldet, und der Präfekt hat sie empfangen, und sie haben ihm einen heißen Kopf gemacht, wegen der Wahl, über die er nichts hatte hören wollen.

Am anderen Tage ließ mich der Präfekt in sein Bureau rufen: ›Einen Amtsdiener, der sich nicht nach meinen Weisungen richtet, kann ich nicht brauchen,‹ sagte er, ›Sie sind entlassen.‹

Ich habe ihn angesehen, Herr. Und dann sagte ich: ›Eccellenza, Sie können mich entlassen. Aber wenn ich morgen nach Rom fahre und zum Minister gehe und mit Giovanni Nicotera spreche, so werden _Sie_ entlassen, und nicht ich. Aber, Eccellenza, Sie sind ein verheirateter Mann, Sie haben Frau und Kinder, und ich bin allein. Darum gehe ich, und Sie können bleiben.‹ Und so bin ich gegangen.«

»Ja, und Nicotera?« fragte ich, »hat er nichts mehr für dich getan?«

»Nun, ich war natürlich wieder bei Giovanni und sprach mit ihm. Er bot mir eine Stelle als Amtsdiener in Sardinien an. Aber dahin wollte ich nicht gehen. So ist es, Herr. Und so sitze ich hier und bin wieder ohne Stelle.«

Der Dichter

Von _Hans Bethge_

Ein junger Dichter schlenderte müde und blaß durch die Straßen von Montmartre oberhalb Paris. Er war sehr einsam und unglücklich. Sein Magen war leer, auch sah er andere Künstler, ihre Mädchen am Arme, heiter an sich vorüberschreiten, er aber hatte keine Freundin, denn die Mädchen waren ihm nicht hold. Er sehnte sich nach Liebe und zugleich nach einer guten Mahlzeit, und er war recht zornig gegen das Schicksal.

Während er so dahinschritt, öffnete sich plötzlich neben ihm eine Tür. Ein Mädchen stürzte heraus, ein Mann hinterdrein mit einem Stock, den er auf den Rücken des Mädchens niederschwingen wollte. Aber das Mädchen entschlüpfte, und der Stock traf den Rücken des vorüberschreitenden Dichters, der einen Schrei des Schmerzes ausstieß, worauf er sich empört dem mit dem Stock bewaffneten Manne zuwandte.

Dieser, äußerst bestürzt, bat vielmals um Verzeihung und fragte, welche Sühne er dem Geschlagenen zuteil werden lassen dürfe. Er wies auf die geöffnete Tür und bat den Dichter, näherzutreten. Es zeigte sich, daß der Mann eine Speisewirtschaft besaß, die er vor kurzem von seinem zu früh gestorbenen Vater geerbt hatte. Der Dichter ließ sich nicht weiter nötigen und wurde in aufmerksamer Weise mit einem so wohlbereiteten und verschwenderischen Mahle bewirtet, wie er es seit langem nicht mehr zu sich genommen hatte. Während des Mahles erzählte ihm der junge Mann, daß jenes Mädchen, seine Geliebte, heute zu ihm gekommen sei, um ihm mitzuteilen, daß sie nichts mehr mit ihm gemein haben wolle, weil sie einen anderen liebe. Daher die Szene.

Nachdem der Dichter, der von dem Schlage schon längst nichts mehr spürte, mit vollem Behagen gegessen und getrunken hatte, verabschiedete er sich dankend, schlenderte vergnüglich die Straße hinauf, -- und wer trat an der nächsten Ecke an ihn heran? Das Mädchen.

Es ergriff erregt seine Hand, küßte sie, bat vielmals um Verzeihung und fragte, welche Sühne es ihm, dem ihretwegen Geschlagenen, zuteil werden lassen dürfe. Er beschwichtigte die Demütige, sie schritten gemeinsam dahin, und als sie vor dem Hause angelangt waren, in dem er wohnte, bat er sie, mit in sein Zimmer hinaufzukommen, das seit langer Zeit von keiner Frau betreten worden war. Sie kam seinem Wunsche mit Vergnügen nach, riß ihm eilig die Kleidung vom Nacken und küßte ihn voll Liebe und Leidenschaft auf jene Stelle, wo er ihretwegen geschlagen worden war.

Noch niemals war dem Dichter so himmlisch wohl gewesen, wie an diesem Abend.

Später hat ihn das hübsche und vortreffliche Mädchen noch oftmals lachend auf jene Stelle geküßt, der er erstens ein lange entbehrtes köstliches Mahl und zweitens eine reizende Geliebte zu verdanken hatte.

Nino Sventatello

Von _Heinrich Mann_

Dies ist die Geschichte von einem, der Hans Leichtfuß hieß, und der auf den Stufen eines Brunnens schlief, weil ihm kein Bett gehörte. Aber als er eines Morgens erwachte, gehörte ihm Rom; denn ein großer Herr, der erst am hellen Morgen nach Hause ging, hatte Gefallen gefunden an seinen hellen Locken und an den Schatten um seine geschlossenen Lider. Er ließ ihn in seinen Palast tragen und sorgte dafür, daß ihm mit äußerster Vorsicht neue Kleider angelegt wurden: weißseidene Schuhe, Strümpfe und Hosen, ein grüner, gestickter Rock, -- denn er hoffte, wenn Nino in diesem prinzlichen Staat erwache, werde er zu lachen geben.

Nino aber lachte selbst, sobald er die Augen aufschlug, sehr befriedigt von den Kavalieren, die ihn bekomplimentierten. Ihre Perücken schleppten vor ihnen her am Boden, so oft verbeugten sie sich. Er dehnte sich sodann mit solcher Anmut, dem Lakaien, der die Schokolade verschüttete, gab er so gewandt eine Ohrfeige, und setzte sich mit solcher Sicherheit auf das Lieblingspferd des großen Herrn, daß dieser endlich sagte: »Halt! Du tust ja, als ob du ein Prinz wärest.« -- »Sie meinen?« entgegnete Nino. Der Herr verstand Scherz. »Du sollst wirklich einer sein. Aber vorher mußt du beweisen, daß du Mut, Artigkeit und Redekunst besitzest. Diese Eigenschaften zu besitzen, ist leicht für den, der schon in den Kleidern eines Kavaliers steckt. Darum sollst du sie in deinen alten Kleidern zeigen.« -- »Alte? Ich habe nie etwas altes getragen.« -- Man zog sie ihm an. »Ich lasse die Verkleidung gelten,« sagte Nino. Er sah sich den Kutscher des Hauses an: »Das ist ein starker Mann, ich wage es.«

Als der Herr mit seiner schönen Tochter daherfuhr, legte Nino sich über den Weg, den Hals gerade vor das rechte Rad. Rechts saß das junge Mädchen, es kreischte angstvoll. Der Kutscher riß an den Zügeln, das Rad berührte Ninos Hals. Der Herr wollte herausspringen, aber das Mädchen hielt ihn fest: »Du bist zu schwer, der Wagen würde einen Ruck bekommen, und er ist tot.« -- Während die Pferde um seinen Kopf her mit den Hufen stießen, redete Nino:

»Sie kennen mich, schöne Prinzessin, ich bin einer der Knaben, die am goldenen Schlage Ihrer bunt bemalten seidenen Kutsche standen und die Hand hinhielten; ich aber ließ die meine sinken, weil Ihre Augen so groß und blau waren. Sie kennen mich, ich bin einer der Knaben, die am Küchenfenster Ihres Palastes die Düfte einatmeten und dabei ein Stückchen trockenes Brot aßen. Aber droben an Ihrem Fenster sah ich ein Stückchen von einer weißen Schulter mit einer goldenen Locke darauf -- und ließ mein Brot einem anderen. Sie kennen mich, ich bin einer der Knaben, die die Stäbe Ihres goldenen Parkgitters mit den Händen umfaßten, wenn auf den bunten Wiesen die Damen und die Herren Ball spielten. Ich aber sah Ihre goldenen Locken wehen und Ihre leichte Gestalt über die Blumen hinfliegen, ohne ihnen ein Leid zu tun -- und umklammerte die Stäbe, sonst wäre ich über das Gitter fort in die glänzende Gesellschaft mitten hinein und Ihnen zu Füßen geflogen. Und weil ich mich noch nicht fest genug gehalten habe, liege ich jetzt mit dem Halse unter den goldenen Rädern Ihrer Galakutsche und sage Ihnen, wie schön Sie sind, und wie sehr ich Sie liebe.« (Dabei zitterte Ninos Stimme.) »Und gleich wird Ihr Kutscher, wenn er auch stark ist, die Pferde nicht mehr halten können, und ich sterbe für Sie. Denn die Leute, die hier in Haufen umherstehen, werden sich hüten, mich unter Ihren Rädern hervorzuziehen. Sie sind den schönen Reden viel zu geneigt und viel zu begierig auf anregende Schauspiele, um diesem unterhaltenden und spannenden Auftritt vor der Zeit ein Ende zu machen.«

»Aber ich tue es!« rief das junge Mädchen, hüpfte aus dem Wagen und hob Nino auf. »Wer bist du?« -- »Ich bin Prinz Nino, Ihr Herr Vater kennt mich.« Der große Herr schnaubte zornig: »Was ist das für eine Komödie? Was fällt dir ein, Betteljunge?« -- Nino erwiderte ruhig und vornehm: »Sie wollten, daß ich eine Komödie als Betteljunge spielen sollte. Ich, der Prinz, sollte beweisen, daß ich auch als Betteljunge Mut, Artigkeit und Redegewandheit besitze. Ist es nicht mutig, wenn ich den Hals vor die Räder einer Kutsche lege, die von zwei wilden Hengsten gezogen wird? Ist es nicht artig, wenn ich es zu Ehren einer Dame tue? Und werden mir nicht alle Anwesenden bezeugen, daß ich, selbst noch in einer ungewöhnlichen und halsbrecherischen Lage, zu reden verstehe?« -- Der Herr lachte laut, ließ Nino die Prinzenkleider wieder anziehen und vermählte ihn mit seiner Tochter.

Der Fund

Von _Paul Ernst_

Ein junger Mann namens Boppo hat treu und ehrlich lange Jahre einem Kaufmann gedient. Wenn die Frauen kamen und für einen Soldo Öl verlangten, so maß er ihnen das Öl in ihre Flaschen, indem er mit spitzen zwei Fingern das Maß hielt und die anderen drei Finger zierlich spreizte, dann den Trichter schwungvoll aus der Flasche zog, ihn noch einmal aufstieß, daß auch der letzte Tropfen in die Flasche lief, und ihn endlich mit sicherem Augenmaß wieder in sein Loch im Ständer stellte; wenn sie eine Tüte Pfeffer haben wollten, so riß er unbarmherzig aus einem schönen alten Buch ein Blatt, rollte es fix in der Hand zur Tüte, schob mit elegantem Schwung des Beines die Stehleiter zu sich, kletterte leicht nach oben, zog den Kasten halb vor und nahm mit dem Schäufelchen Pfeffer heraus, stieg dann herunter, indem er der entzückten Frau eine Schmeichelei sagte, legte die Tüte auf die Wage und schüttete mit dem Schäufelchen, sorgfältig prüfend, als wiege er Gold ab, die Pfefferkörner in die Tüte.

Wie gesagt, Boppo hatte seinem Herrn treu und ehrlich gedient. Aber, natürlich hatte er keine Veranlassung, über die Grenzen seiner Pflichten hinauszugehen. Er versteht die Kunst, einzuwiegen und einzumessen, das heißt, wenn er hundert Pfund oder hundert Maß zu verkaufen hat, so kann er hundert und ein Pfund oder hundert und ein Maß verkaufen, ohne daß eine Frau zu wenig bekommt. Dieses eine Pfund oder eine Maß ist natürlich sein eigener Gewinn, von dem er ja seinem Herrn nichts zu sagen brauchte; er hatte es deshalb immer so eingerichtet, daß er von jedem Scudo einen Quattrino für sich einbehielt, das war nur eine abgerundete Rechnung; aber der Herr stand sich ganz gut dabei, denn Boppo war ein treuer und ehrlicher Ladendiener. Diese Quattrini aber, kann man sich denken, häuften sich im Laufe der Zeit an; und so kommt es denn, daß Boppo, wie er nun seinen Dienst aufgegeben hat, um nach seinem Heimatsort Ariccia zurückzugehen und dort selber einen Laden zu eröffnen, einen schönen Beutel voll Scudi in der Tasche hat.