Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Part 3
Die jungen Damen einer Provinzstadt, wo seit kurzem ein vornehmes Kavallerieregiment lag, gewöhnten sich während einiger vergnügter Jahre im Ballsaal, auf dem Eise, auf dem Tennisplatze so sehr an den Verkehr mit den aus Not gefälligen Prinzen und Grafen, daß sie sich ihrer Verwandten, zum Teil auch ihrer Eltern schämten, ja einander schließlich, nach einer subjektiv verschiedenen Skala, als mehr oder minder aristokratisch einschätzten und verachteten. Die sonst üblichen Bezirksrichter, Advokaturkonzipienten und Infanterieoffiziere wurden, soweit sie es nicht selbst vorzogen, die ihnen ungemütliche Geselligkeit zu meiden, mit ausgesuchter Unhöflichkeit behandelt und endlich mit Erfolg abgestoßen.
Als das lächelnd verwöhnte Regiment in eine andere Stadt verlegt und durch ein minder auserlesenes ersetzt worden war, galten die Mädchen, inzwischen etwas älter, den neuen Gästen bald als hochmütig. Die Offiziere suchten unter den inzwischen herangewachsenen jungen Damen einer (nach Meinung jener) minderen Schicht die ihnen gern gebotene Gemütlichkeit, und es gab allmählich eine ganze Reihe von Bräuten dieser so mit entschiedenem Gewinn sich verehelichenden Reiter, während die Zivilisten, die seither in Rang und Einkünften vorgerückt waren, so lange in trotziger Zurückhaltung blieben, bis ihrem unbefangenen Nachwuchs in aller Stille die verblühten »Aristokratinnen« eine um die andere, bürgerlich resigniert, zufielen.
Geselligkeit
Ein Konsul war auf der Rückreise nach Europa in Konstantinopel angelangt. Weil er sich da einige Tage aufzuhalten gedachte, gab er, der seine Pflichten kannte, bei den Mitgliedern der Vertretung seines Vaterlandes und ihren Damen seine Karten ab und ward denn auch alsbald vom Botschafter und seiner Gemahlin zum Speisen gebeten. Es war eine liebenswürdige Gesellschaft miteinander vertraulich verkehrender Paare versammelt. Man ging zu Tische. Dem fremden Gaste war der Platz neben der Hausfrau angewiesen. Als einer der letzten Gänge erschienen Artischocken. Die damit zuerst bediente Dame verzichtete auf die Speise. Der Gast als nächster nahm davon aus Höflichkeit, obwohl er nicht wußte, wie er die grünbraune Frucht zu behandeln hätte. Er wollte vorsichtig abwarten, was die andern damit anfangen würden. Aber einer nach dem andern, Herren wie Damen, lehnten sie ab, so daß er mit seinem Stück verlegen allein blieb. -- Später hat er erfahren, daß das Manöver zwischen den Teilnehmern ihm zu Ehren vereinbart gewesen war.
Anekdote
Von _Alexander_ Freiherr von _Gleichen-Rußwurm_
Die Grenze zwischen Vertraulichkeit und gesellschaftlicher Einfachheit ist schwer zu ziehen. Natürlichen Menschen gelingt ohne Anstrengung, was die Affektierten nie erreichen. Ich will damit nicht wachsender, uneleganter Intimität das Wort reden, wie sie leicht bei Leuten vorkommt, die sich erst jüngst gute Manieren anzugewöhnen suchten. In solchem Fall läßt sich die Situation aber immer mit einem Witz retten, wenn man schlagfertig und bei guter Laune ist. Eine Dame, die mit den Gebräuchen der großen Welt noch nicht ganz vertraut war, saß einmal bei einem Diner neben einem bekannten Diplomaten. Beim ersten Gang redete sie ihn mit »Herr Graf« an, beim zweiten mit »Graf X.«, beim dritten mit »lieber Graf« und erhielt die lächelnde Antwort: »Mein Vorname ist Hugo.«
Die beiden Junggesellen
Eine Anekdote aus Mitau
Von _Herbert Eulenberg_
Wenn man von Mitau auf der Landstraße nach Doblen zu wandert, trifft man plötzlich eine kurze Strecke vor der Stadt am Rande des Weges zwei Denkmäler: einen kleinen Obelisken und eine Trauerurne. Zwischen beiden, die ungefähr einhundert Meter auseinanderliegen, wächst ein Haufen von Birken. Groß und klein, ganz wild zusammengepflanzt. Ein Anblick, der vielleicht das Auge eines Forstmannes wegen der unregelmäßigen Anlage ärgern kann, aber den romantischer Gesinnten gerade wegen dieser Buntheit sonderbar anziehen mag. Vor allem, wenn er die höchst merkwürdige Geschichte dieser Birkenansammlung vernimmt:
Unter jenen beiden Denkmälern haben nämlich zwei Junggesellen ihre letzte Ruhestätte. Gerade einander gegenüber, so daß sie sich noch aus ihren Särgen anlächeln könnten, wie sie es soundso oft mal in ihrem Leben getan haben. Denn sie waren, solange sie atmeten, unzertrennlich verbunden und mochten darum auch die ganze lange Zeit, die ihnen nach ihrem Tode bevorstand, nicht weit voneinander liegen. Darum kauften sie sich schon bei Lebzeiten diese beiden Grabplätze vor den Toren der Stadt, zu denen sie häufig einträchtiglich nebeneinander hinauspilgerten. Sie hatten jeder einen Feldstein auf die Stelle gerückt, unter der sie begraben sein wollten. Auf diese Steine setzten sie sich oftmals gegen Abend, als sie noch müde werden konnten, und sprachen dann freundschaftlich zueinander hinüber: »Hier werde ich ruhen, Arthur, -- Und dort, mir ~vis-à-vis~, wirst du ruhen, Arthur.« Sie waren einander so völlig gleich geworden und harmonierten derart zusammen, daß sie sich sogar auf einen Namen für sie beide geeinigt hatten. Und natürlich mußte dies der Vorname ihres Lieblingsphilosophen Schopenhauer sein, den zufälliger-, oder darf man sagen, unglücklicherweise, einer von ihnen schon führte.
Auf solche Weise lebten sie, da sie sich beide ein hübsches Vermögen erarbeitet und erspart hatten, ohne Sorgen und voller Eintracht zusammen. Lasen Schopenhauer, schimpften über die Menschheit und spazierten an ihren schwarzen Ebenholzstöcken miteinander zu ihren künftigen Gräbern. So verging Jahr um Jahr über ihnen und Mitau. Da ereignete sich plötzlich in einem Frühling etwas ganz Ungeheuerliches, noch nie Dagewesenes in ihrem Leben. Es geschah nämlich, daß sich die beiden Junggesellen allen ihren bisherigen Grundsätzen zum Trotz sterblich verliebten. Der weibliche Gegenstand ihrer Zuneigung ist nie bekannt geworden. Einige Leute in Mitau -- man wird gleich merken, was für Leute -- behaupten, sie hätten sich beide in ihre alte Köchin und gleichzeitige Waschfrau verliebt. Andere hingegen, die etwas poetischer veranlagt sind, erzählen, sie wären beide für zwei hold erblühte Mädchenknospen, zwei Schwestern, erglüht, denen sie abwechselnd Blumen oder Verse dargebracht hätten. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide in ihrer Liebe unglücklich gewesen sind. Das oder die Opfer ihrer etwas verspäteten Frauensehnsucht blieb oder blieben hart gegen jede Werbung der beiden armen alten bekehrten Junggesellen. Eine Zeitlang verschlossen sie ihren Gram voreinander, wie sie sich auch geschämt hatten, gegenseitig ihre verliebte Schwäche zu bekennen. Aber eines Abends, als sie sich wieder einmal auf ihren künftigen Gräbern gegenüber saßen, rückten sie mit der Sprache heraus. »Ich war ein Esel, Arthur!« gestand der eine.
»Ich war auch ein Esel, Arthur,« echote der andere.
»Wir waren beide Esel,« stellten sie im Chorus fest.
Zur bleibenden Erinnerung aber an diese wohlverdiente Schmach, die ihnen, die zeitlebens Verächter des weiblichen Geschlechtes gewesen waren, noch kurz vor Todesschluß begegnet war, beschlossen sie eine Bestimmung in ihr gemeinsames Testament aufzunehmen. Ihr zufolge sollte jedem Liebespaar in Mitau, das sich am ersten Tage des Mai, als des Monats, in dem die meisten Menschen derartige blöde Eseleien zu begehen pflegen, verloben oder vermählen würde, eine gewisse Summe Geldes ausgezahlt werden. Zum Dank für diese Ehespende sollte dann ein jedes Paar auf dem Grund und Boden zwischen ihren beiden Gräbern eine Birke pflanzen. Ihnen und ihrer unglücklichen Liebe zum Gedächtnis.
Wenige Wochen darauf starben die beiden Junggesellen am nämlichen Tage oder doch ziemlich kurz hintereinander. Einige Leute -- man kann sich denken, was für Leute -- behaupten, sie seien an Galle und allzu reichlichem Essen eingegangen. Andere hingegen, die sich das Leben schöner auslegen, meinen, sie seien an gebrochenem Junggesellenherzen gestorben und hätten einander in einer Nacht verabredeterweise süßes Gift im Schaumwein zugetrunken. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide tot sind, und daß ihr Testament, wie sie es bestimmt haben, in Kraft getreten ist. Von einem jeden Paar, das sich in Mitau am ersten Mai verlobt oder vermählt hat, ist die Summe, die ihm damit gleichsam vom Himmel in den Schoß gefallen ist, stets dankbar eingestrichen worden. Und ein jedes Paar hat dann zum Lohn den unbekannten Spendern, die wie Hymen, der Ehegott, über ihnen walteten, eine Birke gepflanzt. Woher denn die verschiedene Höhe und Größe der Bäume, die sich zwischen den beiden Gräbern erheben, zu erklären ist. Die beiden alten Junggesellen aber liegen auf ihren Rücken in wohlverdienter Ruhe unter der Erde und den ihnen zu Ehren wachsenden weißen Birken einander gegenüber. Einige Leute -- man ist selbst im Tode nicht vor ihnen sicher -- behaupten, daß die beiden alten Herren dort unten fortwährend einander hämisch angrinsten über die törichten Leute, die sich über ihnen am ersten Tage ihres Ehebundes wunders wie verliebt anstellten und, womöglich mit veranlaßt durch ihre Mitgift, mit der Anpflanzung einer neuen Birke den Grundstein zu ihrem mehr oder minder lebenslänglichen Unglück legten. Andre hingegen, die immer nur das Beste an der Welt sehen, meinen, daß die beiden guten greisen Junggesellen dort unten einander ewig zulächelten voll Seligkeit darüber, daß sie durch ihre Spende auch im Tode noch ihr Scherflein beitragen könnten zu dem süßesten Traum der Menschen, dem Liebes- und Ehetraum.
Es bleibt dem Leser anheimgestellt, sich seiner Gemütsart und seiner Erfahrung folgend für eine dieser beiden Ansichten zu entscheiden.
Anekdote
Von _Rudolf G. Binding_
Es scheint, daß es Witze gibt, die selbst der humorvollste Mensch nicht ertragen kann -- nämlich wenn sie auf ihn gehen. Sie sind vielleicht zu gut, um ertragen zu werden. Dies wäre eigentlich kein Grund, aber ich weiß, soviel ich auch darüber nachdenke, keinen anderen für die Wirkung der folgenden Geschichte ausfindig zu machen, die eine Trübung einer guten Freundschaft nur wegen eines Witzes zur Folge hatte.
In einem kleinen Schwarzwaldbade trafen sich im Sommer 19... in einer Gesellschaft außerordentlich gebildeter Leute, wie sie der Zufall nur selten an solchen Plätzen zusammenführt, am Mittagstisch ein Oberhofprediger und ein schwäbischer Kandidat der Gottesgelahrtheit, welche die Geschicklichkeit des Wirtes für die Zeit ihres Aufenthaltes zu den Mahlzeiten nebeneinander placiert hatte. Der Oberhofprediger, froh, den hallenden Gewölben des Doms der Residenz und anderem entgangen zu sein, was ihn dort droben im Norden beengte, freundete sich mit dem frischen jungen Schwaben, der das Herz auf dem rechten Flecke und die Zunge auf keinem anderen hatte, rasch an. Da der Kandidat nur wegen eines Herzleidens seinen früheren Beruf, welcher der eines Forstmannes war, hatte aufgeben müssen, so war es begreiflich, daß er aus diesem eine große Anhänglichkeit für alle Tiere des Waldes und der Lüfte mit hinüber genommen hatte in Gottes Reich, dem er nun dienen wollte. So war es besonders die Menge der verschiedenartigsten Vögel, welcher seine stundenlange Beobachtung in den Anlagen des Parkes, in den Hecken der Straße und in dem bronzefarbenen Dunkel unter den sonnenbestrahlten Tannen galt. Dieser täglichen Gepflogenheit schloß sich der alte würdige Oberhofprediger, welchem die behutsamen Spaziergänge, wie sie dem jungen Schwaben vorgeschrieben wurden, gerade recht waren, eifrig an. Seine bisherigen Kenntnisse auf dem Gebiete der Vogelkunde mochten nicht viel über Noahs Taube, den Raben des Eremiten und den heiligen Geist hinausgehen, und einer allzu ausgiebigen Erforschung der vielen Arten, die dort in der gehegten Umgebung sich zusammenfinden, widersetzte sich sein Auge, das, wie er scherzhaft behauptete, wohl schon zu sehr nach innen gerichtet war, um nach außen noch sehr brauchbar zu sein. So kam es, daß er manchmal die gewöhnlichsten und bekanntesten Vögel verkannte oder als Seltenheiten beschrieb. Das alles aber hielt ihn nicht ab, aus der reinsten Liebenswürdigkeit und Freude an seinem jungen Freunde dessen Liebhaberei, so gut es eben ging, zu teilen.
Eines schönen Tages kam der Oberhofprediger von einem seiner Spaziergänge, den er aus irgendwelchem Grunde ohne die Begleitung des jungen Vogelkenners gemacht hatte, in ziemlicher Aufregung nach Hause. Er hatte einen ihm unbekannten, höchst merkwürdigen und seltenen Vogel gesehen, den er jedoch nicht weiter und genauer zu beschreiben vermochte, als daß er etwas Gravitätisches an sich gehabt und eine rot gefiederte Brust und ein graues Kleid zeige. Der Kandidat, der die ganze Tischzeit über sich mit seinem Nachbarn über dieses Wundertier unterhielt, ließ sich genau den Ort beschreiben, wo der Vogel gesehen war und glaubte sicher desselben an gleicher Stelle und zu gleicher Zeit ebenfalls ansichtig zu werden, hatte aber nicht die leiseste Vorstellung, um welchen Vogel es sich handeln könne. Dies betrübte den Oberhofprediger um so mehr, als er am nächsten Tag in der Frühe abreisen wollte und somit fürchtete, daß ihm der Wundervogel wirklich nur einmal in seinem Leben begegnet sein möchte und er nicht einmal Name und Herkunft desselben erfahren solle. Sein junger Freund indessen versprach ihm, sobald er den Vogel gesehen und bestimmt hätte, den Namen schriftlich mitzuteilen.
Am andern Morgen reiste der Oberhofprediger zu Tal, während der Theologie-Kandidat ungesäumt die Spur des Wundervogels aufnahm, welcher denn an der bezeichneten Stelle bald sich seinem geübten Auge vorstellte.
An demselben Abend trug mein Schwäblein schmunzelnd eine an den Oberhofprediger gerichtete Karte auf die Post.
»Ein instinktives Gefühl«, so schrieb er, »hat Sie ein besonderes Interesse an einem Vogel nehmen lassen, welcher ganz und gar nichts besonderes an sich hat. Es ist nämlich ein _Dompfaff_.«
Nun war der Oberhofprediger sicher ein humorvoller Mann und ertrug auch den feinen Witz über seinen Stand, wie es jeder, der einen Spaß versteht, erträgt. Aber diesen Witz hat er doch nicht vertragen. Es muß gesagt werden, daß es eine eigentümliche Laune des deutschen Sprachgebrauchs ist, denselben Vogel sowohl mit dem Ausdruck Dompfaff, als mit dem Ausdruck _Gimpel_ zu belegen; denn im menschlichen Leben ist ein Dompfaff sicher kein Gimpel und ein Gimpel gewöhnlich kein Dompfaff. Aber, könnt ihr mir einen anderen Grund für die Verstimmung des Oberhofpredigers angeben, als daß der Zufall hier einen zu guten Witz gemacht hatte, den der junge Schwab mit seinen hellen Augen und seinem klaren Verstand nur entdeckte?
Die Banknote
Von _Karl Federn_
Diese Geschichte erzählte mir eine Freundin, als wir uns eines Tages über die seltsam trügenden Erscheinungen unseres Bewußtseins und Gedächtnisses unterhielten: Ihr Vater, zur Zeit, da die Sache sich ereignete, bereits ein älterer Mann, reich, vornehm, von sehr bestimmten Anschauungen und Gewohnheiten, hielt es für richtig, jeden Tag, wenn er das Haus verließ, in Brieftasche und Börse eine Tausendernote, zwei oder drei Scheine von je hundert, fünfzig und weniger Gulden bis zur kleinen Münze hinab, sorgfältig zusammengestellt und nachgezählt, bei sich zu tragen. Vor Tische -- er wohnte für sich allein -- pflegte er einen Spaziergang zu machen, um dann in einem der bekanntesten Gasthöfe der inneren Stadt zu speisen. Und so war er auch an diesem Tage ausgegangen, war wie immer zahlreichen Bekannten begegnet, hatte mit manchen einen Gruß gewechselt, mit andern länger und eingehend gesprochen, hatte vielleicht in einem Laden einen Einkauf gemacht, und wurde dann plötzlich, sei es von einem Gedanken, der ihm kam, sei es von irgendeinem Vorfall, einem gestürzten oder durchgehenden Wagenpferd oder sonst einem Ereignis, das einen kleinen Volksauflauf verursachte und auch seine Gedanken lebhaft beschäftigte, vollkommen hingenommen, so daß er noch bei seiner stets sorgfältig gewählten und froh genossenen Mahlzeit, bei dem Wein, den er als Kenner trank, über die Sache nachdachte. Dann nach dem schwarzen Kaffee und der Zigarre hatte er den Kellner mit einer Hundert-Guldennote bezahlt und den Rest in Scheinen und Münze zurückbekommen.
Als er im Laufe des Nachmittags bei einer Gelegenheit wieder Geld aus seiner Brieftasche nehmen wollte, vermißte er die Tausendernote, die darin sein mußte, -- denn er hatte die Tasche, seitdem er das Hotel verlassen, nicht mehr berührt, -- er mußte sich also geirrt und dem Kellner die Tausendernote gegeben haben.
Er kehrte sofort nach dem jetzt verlassenen Speisesaal des Hotels zurück und sagte dem Manne, der ihn seit langem bediente, in nicht ungütiger Weise, er, der Kellner, habe wohl seinerseits auch nicht bemerkt, daß er ihm aus Versehen die größere Note gegeben, und sie wahrscheinlich für die geringere genommen und als solche gewechselt ... Der Kellner versicherte sehr höflich und bestimmt, aber nicht ohne eine gewisse Befangenheit, daß er lediglich eine Hunderternote von ihm zur Zahlung bekommen und dies sehr genau gesehen hätte, daß auch seine Rechnung vollkommen stimme, und daß der Gast im Irrtum sein müsse. Nach wenigen Sätzen, in denen jeder bei seiner Meinung blieb, sagte der alte Herr, er bedauere den Vorfall sehr und wolle auch nichts Schlimmes von ihm geglaubt haben, aber da es sich um einen bedeutenderen Betrag handle, sei er genötigt, die Sache dem Besitzer mitzuteilen und ihm das weitere anheimzustellen.
Der Zahlkellner, gleichfalls schon ein älterer Mann, schwieg darauf eine Weile bestürzt, dachte nach und sagte zuletzt: »Das möchte ich nicht; vielleicht habe ich mich doch geirrt ...« und gab die fehlenden neunhundert Gulden heraus.
Mit einem peinlichen Gefühl für den Mann nahm der alte Herr das Geld und ging, und wurde auch in den nächsten Tagen durch das gleiche Gefühl im Genuß seiner Mittagsmahlzeit gestört. Bis Wochen vergingen und die Sache für ihn schon eine halb vergessene war, -- als er eines Tags einen eingeschriebenen Brief erhielt, in dem eine Tausendernote lag, die ihm ein Freund mit vielem Dank für seine Liebenswürdigkeit zurückschickte.
Und da erst kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß er ja an jenem Vormittage auf seinem Spaziergang einem Bekannten begegnet war, einem gleichfalls sehr vermögenden Manne, der sich vorübergehend in Wien aufgehalten hatte und plötzlich und sofort abreisen mußte, und ihn für dringende Einkäufe, die er noch machen wollte, um jene Gefälligkeit ersucht hatte; daß er diesem Manne die Tausendernote eingehändigt, und daß, sei es eine Gedächtnisschwäche, mehr aber jener Vorfall, der ihn dann so sehr beschäftigte, jede Erinnerung daran in ihm ausgelöscht hatte.
Nun selber bestürzt und mit vielen Entschuldigungen gab er am nächsten Tag dem Kellner sein Geld zurück. »Ich wußte es ja,« sagte dieser und nahm die neun Hunderter und was er zur Entschädigung dazu erhielt, mit tiefem Dank. »Aber,« fragte der andre, denn das hatte ihn am meisten in Erstaunen gesetzt, »wie konnten Sie mir nur damals das Geld herausgeben?«
»Herr W.,« sagte der Mann, »ich habe ja gesehen, daß Sie es selbst glaubten. Wenn die Sache zum Prinzipal gekommen wäre ... Ihnen hätte jeder geglaubt, und mir nicht. Wie hätt' ich's beweisen sollen? Ich bin Familienvater, und ich habe hier eine Stellung, die mir viel einbringt. Die hätt' ich verlieren können, und die ist mir mehr wert als neunhundert Gulden ...«
Der Schlaftrunk
Von _Richard Schaukal_
Der Vater mehrerer gesunder schöner Kinder, Besitzer eines großen, auf viele Millionen geschätzten Unternehmens, Bewohner eines geräumigen bequemen Hauses, außerdem ein vollkommen gesunder Mann von angenehmer Gesichts- und Körperbildung, einem vorzüglichen Appetit und im selbsterworbenen Genusse mancher nützlichen Kenntnisse, übrigens eigentlich anspruchslos und in einer schönen Gegend durch lohnende Spaziergänge täglich zum besten unterhalten, begann, da er einige Stunden einer Nacht mit einem ungewöhnlichen peinigenden Gedanken schlaflos verbracht hatte, dem Glauben Raum zu geben, er leide an beständiger Schlaflosigkeit. Als dieser Glaube durch häufiges Übersinnen des Einfalls ihm zur Gewißheit geworden war, verlor er den Appetit, alterte sichtlich, erlebte viel Ärgerliches an seinen Kindern, wurde von plötzlichen quälenden Sorgen um sein Unternehmen angefallen und durch anhaltendes schlechtes Wetter an seinen Spaziergängen gehindert. Da seine Laune sich unangenehm im Kreise der Familie bemerkbar machte, verfiel der älteste Sohn nach häufigen und erfolglosen Beratungen mit Ärzten und Freunden auf ein ihm glücklich dünkendes Mittel, das er sofort in Anwendung brachte. Er ließ durch einen fremden, sehr gerühmten Gelehrten, dem er seinen Plan vorgetragen und genehm gemacht hatte, dem Vater täglich zwei Tropfen eines leichten ungarischen Weines als angeblichen Schlaftrunk verschreiben, und dieser, sobald er das Mittel versucht hatte, behauptete, es leiste ihm vorzügliche Dienste, wachte sorgfältig über dessen tägliche Vorbereitung, nahm an Appetit zu, erholte sich körperlich, scherzte im Kreise seiner Kinder täglich bis zur festgesetzten Schlafensstunde und war, da gutes Wetter eintrat, er also seine Spaziergänge aufnehmen konnte, innerhalb weniger Wochen wieder ein rüstiger und behaglich lebender Mensch geworden.
Der lächelnde Tod
Von _Wilhelm Schussen_
Einen Mann namens Heinrich, der ein schönes Weib namens Elise geehelicht hatte, traf eine große Heimsuchung. Als nämlich seine Frau wieder einmal unter höchsten Nöten niederkam, wußte er, daß sie das nächste Mutterglück mit ihrem Leben bezahlen müßte. Da schwuren die beiden, aus eigenem Antrieb und auf das Drängen des Arztes hin, aller Liebeslust zu entsagen. Und Heinrich nagelte im ersten heiligen, zornigen Eifer ein leibhaftiges Totengerippe ans Fußende des Ehelagers, auf daß sie, so sie etwa schwach und wankend würden, allzeit einen ganz furchtbaren Prediger in der Nähe hätten. Nach einiger Zeit brachte Heinrich dann noch ein rotes Lämpchen über dem Gerippe an. Das wirkte. Der Prediger blieb wach und schrecklich und stieg bis in ihre Träume hinab, und wenn sie nachts erwachten, wagten sie es nicht, die Augen zu öffnen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Im Laufe der Zeit jedoch erschien ihnen der Furchtbare immer milder und freundlicher und schließlich beinahe wie zur Familie gehörig. Ja, während einer hellen, silbernen Mondnacht kam er dem ruhenden Menschenpaar fast verschönt und verklärt und verlieblicht vor. Da erhob sich Heinrich leise und blies das rote Lämpchen aus. Und Elise lächelte ihm zu und erinnerte ihn daran, daß die Nächte nun wieder abnähmen und man endlich wieder dem Frühling entgegenginge. -- -- -- --
Durch den nächsten weißen Winter aber wallte langsam ein großer dunkler Leichenzug mit blumenbeladener Bahre nach dem Kirchhof.
Vier Anekdoten
Von _Karl Scheffler_
Schuldner und Gläubiger