Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Part 2
In einem Haus, aus dem sie tagsvorher siedendes Wasser hektoliterweis auf uns gschüttet haben, da drin ist der Quirin auf ein riesiges -- Handschuhlager gstoßen. Ich hab mich lang gesträubt mitzutun. Aber Handschuh waren immer ein Traum meiner Kathi. Wie eine Gnädige hab' ich sie schon gsehn herumgehn. -- Ich hab zwei Tag lang gekämpft mit mir selber, dann, na, dann hab ich halt eine Schachtel feine Damenhandschuh gepackt, eine einzige bloß. Die ist freilich gut versteckt worden! Und eine Angst hab ich ghabt, daß s' mir dahinterkommen! Der ärgste Jammer hat angfangen, wie wir nach Verona zurückmarschiert sind. Ich hab die leere Schachtel bei Nacht weggworfen und die Handschuhpakete, in lauter Fußfetzen und Socken eingemacht, in den Tornister gstopft. Wie's der Überacher mit seinen vielen Sachen gmacht hat, hab ich damals nicht gwußt. Der ist vor mir schon mit seinem Bataillon abmarschiert. Nur das weiß ich, daß ich mich schrecklich schwer getan hab, meine Leibesbagage auf dem Kompagniewagen vor dem Herrn Hauptmann zu verstecken. In Verona, in Vicenza und Treviso hab ich keine Nacht gut gschlafen. Nur der Gedanke an die Riesenfreud der Kathi, das war mein einziger Trost.
Wie wir dann viele Wochen vor Venedig glegen sind -- es ist gar nicht zum sagen, was für Ängsten ich wegen der verflixten Handschuh ausgstanden hab. Wenn ich nur nicht der Kathi schon hätt' gschrieben ghabt, daß ich ihr etliche Paar Handschuhe 'kauft hab, alle wären sie ins Adriatische Meer gflogen, die gottunseligen Dinger. In den Laufgräben von Malghera ist mich auch noch das Fieber angekommen. Ich hab immer nur die Handschuh im Kopf ghabt. ›Nur nicht ins Lazarett!‹ hab ich immer gjammert und getan, als ob ich gsund wär. Ich hab's überwunden, die Krankheit, aber nachgschlichen ist's mir bis Padua und Verona. Der Regimentsarzt hat immer gsagt, das Lagunenfieber steck' wohl noch in mir; aber es war doch mehr die Angst und Schlaflosigkeit wegen die Handschuh, die mich ganz heruntergebracht hat. Es ist auch immer schlechter worden. Die ewige Angst, die Gewissensbisse! Ist mir nämlich berichtet worden, daß s' dem Überacher bald auf seinen Raub gekommen sind. Den Kopf hat er nicht verloren, aber -- die Charge auf ja und nein. Und Stockprügel hat er auch bekommen, das höchste Maß. Ich einst so ehrsamer Junggeselle war gleich ihm ein elender Plünderer! Aus Liebe, nur aus Liebe zu meiner Kathi!
Endlich hat es gheißen, ich komme wegen allgemeiner Schwäche einstweilen einmal in meine Heimat zurück. Drei Nächt' hab ich drüber nachgedacht, wie ich's machen soll, daß man mir zu guter Letzt nicht noch bei der Abreise auf die grausam teuren Handschuh kommt. Aber es ist gut gegangen.
Wie ich z'Haus angekommen bin, hab ich meine Kathi a wenig im Vorbeigehn abbusselt und ihr's Paket gebn, das große Paket. Die hat grad so herausglacht vor lauter Freud. Drei Dutzend feine Damenhandschuh! Dann bin i schnell zu mei'm alten Vater und gleich wieder zur Kathi zruck, daß ich ihre Riesenfreud auch mitgnießen kann. Aber was war das? Die Handschuh sind am Boden herumglegen, und die Kathi hat sich vor lauter Weinen nimmer derfangen können.
›Ja, was ist's denn, sans leicht verruiniert vom Lagunenwasser?‹
›Na, na -- dös net -- dös -- net!‹
›Oder sans z' klan oder z' groß?‹
›Na, na, dös net -- dös -- net!‹
›Ja, was ist denn nachher, in Kreuzteufelsnam?‹
›Uhuhu,‹ heult sie da, ›i kann s' net brauchn, es hand ja grad allszamm lauter -- linksseitige!‹«
Das Protokoll
Von _Wilhelm Scharrelmann_
Ein Abbé erzählte einst folgende merkwürdige Geschichte:
»Ich hatte vor einigen Jahren durch das Spiel des Zufalls das Vergnügen, hier in Paris einen Jugendfreund wiederzutreffen, der mir seit langem nicht mehr zu Gesicht gekommen war. Allerdings, der zarte Hauch inniger Freundschaft, die uns einst verbunden, ließ sich nicht wieder erwecken, doch wurde unser Verhältnis herzlicher und vertraulicher, als es sonst zwischen Bekannten zu herrschen pflegt, und ich hatte genügend Gelegenheit, die Wunderlichkeiten und zeitweise verrückten Launen, die sich bei Herrn de P. mit den Jahren eingestellt hatten, kennen zu lernen, denn, unter uns gesagt, er war ein sehr merkwürdiger Kauz geworden, der seine Bekannten oft dermaßen düpierte, daß die meisten immer weniger Gefallen an seinem Umgang fanden und Herr de P. darum mit jedem Tag mehr vereinsamte. Ich bin sogar der Meinung, daß auch seine Verwandten ihn gänzlich sich selbst überlassen hätten, wenn nicht sein Reichtum und die zu erwartende Erbschaft sie bewogen hätte, seine Bosheiten und Wunderlichkeiten mit einem stoischen Gleichmute lächelnd zu ertragen. Er war ein alter Hagestolz, und die Frauen waren ihm so verhaßt, daß er selbst den Besuch weiblicher Verwandter stets übel nahm. Sein Haushalt war so einfach wie möglich. Ein Kammerdiener versah seine ganze Bedienung, und trotz seines Reichtums waren seine Ansprüche mehr als bescheiden. Seine Vereinsamung und eine heimtückische, schleichende Krankheit machten ihn vollends zum Hypochonder, und seine Gesellschaft wäre gewiß eine unerträgliche gewesen, wenn er nicht durch Geist und Witz, sowie durch große Schärfe des Verstandes den Mangel an Herz und Gemüt, der in allem, was er sagte, zutage trat, in etwas ersetzt hätte. Mit den Jahren und der immer zunehmenden Krankheit (er litt an einer Arterienverkalkung) verdüsterte sich sein Sinn mehr und mehr. Er fürchtete den Tod, trotzdem er sich oft darin gefiel, dieses letzte und größte Mysterium unseres Lebens zu verspotten. Eines Tages ließ er mich zu sich rufen und empfing mich, in seinem Bette liegend, mit den rasch hervorgesprudelten Worten: »Ah! Mein lieber Abbé! Ich möchte Sie bitten, einige Stunden am Lager eines Sterbenden zu verweilen. Ich bin bereit, Ihnen das Schauspiel meines Abganges von dieser elendesten aller Welten recht interessant zu machen. Aber bitte, nehmen Sie Platz! Jean soll Ihnen eine Bouteille bringen, und es soll Ihnen ganz gewiß an nichts fehlen, wenn Sie mir versprechen wollen, mich drei Stunden lang nicht zu verlassen! In den nächsten drei Stunden werde ich nämlich sterben und habe mir vorgenommen, die etwaigen Schrecken des Todes dadurch zu bannen, daß ich jede Phase meines Absterbens mit kaltem Blute verfolgen werde. Sie, lieber Abbé, müssen Protokoll über meine Beobachtungen führen, und wenn Sie sagen wollen, daß es eine langweilige Beschäftigung für Sie sein wird, so bedenken Sie doch, daß es der Wissenschaft von großem Nutzen sein wird, eine genaue, sozusagen autorisierte Darstellung der Vorgänge beim Tode eines Menschen zu erhalten. -- Jean!« Er klingelte. »Bringen Sie eine Flasche Burgunder! Keine Widerrede, Abbé! Diese Flasche sollen Sie auf das Gelingen meines Planes trinken.«
Ich war über diesen unerwarteten Empfang so verdutzt, daß ich verlegen Platz nahm und in einiger Verwirrung entgegnete, daß ich gern drei Stunden in seiner Gesellschaft verweilen wolle, aber die feste Zuversicht habe, ihn dann gesunder denn je wieder verlassen zu können, da mir die gute Farbe seiner Wangen, sowie sein frisches Aussehen überhaupt --
»Keine Widerrede! Lieber Abbé, ich sterbe ganz gewiß und bin so fest davon überzeugt, daß ich eine Wette von zehntausend Franken darauf eingehen würde, wenn ich nicht über mein gesamtes Vermögen vor einer Stunde bereits endgültig Verfügung getroffen hätte. Meine Vaterstadt wird mir dankbar sein.« »Und Ihre Verwandten?« wagte ich zu bemerken, nicht ohne die Befürchtung, seinen Zorn zu erregen. »Pah!« rief er und sah mich pfiffig an. »Glauben Sie, lieber Abbé, es mache mir Vergnügen, nach meinem Tode von den Flüchen dieser lieben Leute verfolgt zu werden, wenn ich nicht der Meinung wäre, daß es ihnen eine Wohltat sein muß, durch eine energische Anregung ihrer Galle einer allgemeinen Säfteverderbnis entgegenzuwirken, die schon manchem unheilvoll geworden ist?«
In diesem Augenblicke brachte der Diener eine Flasche Burgunder, und ich bat Herrn de P. sehr, doch ein Glas mit mir zur Gesellschaft und zu seiner Stärkung zu trinken.
»Nein, nein!« rief er da. »Der Wein könnte in diesem Augenblick nur meine Sinne verderben und abstumpfen. Ich bin schon genötigt, aus Liebe zur Wissenschaft dieses Opfer zu bringen. Ich möchte Sie aber bitten, lieber Abbé, nehmen Sie Ihr Notizbuch, damit wir sofort die ersten Anzeichen des beginnenden Todes protokollarisch festhalten können und nichts uns entgeht. Also schreiben Sie bitte: Am 17. April 1900, abends neun Uhr. Ohne sich beschwert zu fühlen von dem Gedanken des nahen Todes, gibt Patient im voraus an, in drei Stunden etwa zu sterben. Der Patient fühlt sich im allgemeinen wohl und wünscht allen Sterbenden die gleiche schmerzlose Ruhe und Gelassenheit.«
»Aber mein lieber Freund,« unterbrach ich ihn hier, »ich war der Meinung, daß es sich hauptsächlich um psychologische Feststellungen handeln solle. Wenn Ihre Beobachtungen aber physiologischer Natur sein sollen, täten Sie doch besser, einen Mediziner zu Rate zu ziehen?«
»Um Gottes willen nicht, Abbé!« rief er nun voller Verzweiflung. »Kommen Sie mir nicht mit einem Arzt! Ich bin sicher, nicht einmal diese drei Stunden mehr zu leben, wenn er die Stube betritt! Der Anblick eines solchen Mannes würde mich nervös machen und mir dadurch alle Ruhe rauben, die zur Selbstbeobachtung unbedingt nötig ist.«
Was blieb mir anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Überzeugt, daß er sich mit mir einen Spaß erlaube, wie er schnurriger kaum ausgedacht werden könne, nahm ich Papier und Tinte und machte die angedeuteten Notizen. Dann griff ich nach meinem Glase Wein und war nun entschlossen, den närrischen Kauz nicht weiter vom Sterben zurückzuhalten. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! sagte ich mir und fand die Situation komisch genug, um mich durch innere Heiterkeit für die verlorene Zeit schadlos zu halten. Wir plauderten nun eine ganze Weile, und nichts schien meinen Freund an den Tod zu mahnen, als plötzlich die Uhr schlug. Schreckensbleich wandte er sein Gesicht mir zu und flüsterte, kaum, daß der letzte Schlag verklungen war: »Notieren Sie: zehn Uhr. Ein ganz leichter Krampf stellt sich ein, die Atmungsbewegungen machen Schwierigkeiten. Das Herz fängt an, unregelmäßig und ruckweise zu schlagen. Aber der Sinn des Patienten bleibt ruhig und gefaßt!«
Ich notierte gewissenhaft und las ihm die protokollierten Sätze wieder vor.
Nach einigen Minuten schien er seine Fassung wiedergewonnen zu haben, so daß er die Unterhaltung, die sich um die Frauen gedreht hatte, wieder aufnehmen und in seinen Schmähungen über das zarte Geschlecht fortfahren konnte. »Alles Unglück der Welt«, philosophierte er, »kommt von den Weibern. Lieber Abbé, trauen Sie nie einem Frauenzimmer. Sie dürfen überzeugt sein, daß Treue und Weiberherzen die heterogensten Dinge der Welt sind.« Ich kann mich nicht mehr auf jedes seiner Worte besinnen, aber man kann sich ruhig darauf verlassen, daß alle auf diesen und ähnlichen Grundlagen aufgebaut waren.
Als dann die Uhr zum zweiten Male schlug, wiederholte sich der Vorgang von vorher, nur in noch drastischerer Weise. Er klapperte mit den Zähnen vor Angst, wie ein Verurteilter, der zum letzten Gang hinausgeführt wird, und war von dem Gefühl so beherrscht, nun nur noch eine Stunde zu leben, daß er mich mit angstvollen Augen anstarrte und dann ausrief, als die elf silbernen Schläge verklungen waren: »Notieren Sie, Abbé! Eine Stunde vor dem Tode: Eine Schwere nimmt allmählich alle Glieder gefangen. Atmung und Pulsschlag werden langsamer. Der Geist ist frischer als je, und nur auf der Brust lastet ein unerträglicher Druck!«
Als ich von meinem Papier aufblickte, bemerkte ich, daß er aschbleich geworden war. Er lag da in seinen Kissen, wie ein tatsächlich dem Tode Verfallener, und ich machte mir nun doch Gedanken wegen seines Zustandes. Alle meine Mühe, ihn auf den Ton der harmlosen Plauderei von vorhin zurückzubringen, war vergeblich, und er unterbrach mich mit den Worten: »Abbé! Wenn Sie meinen, daß ich den Tod fürchte, so irren Sie sich! Ich weiß, daß ich um Mitternacht sterben werde (der Himmel mag wissen, _woher_ er es wußte), und es wäre lächerlich, wenn ich Anstrengungen machen wollte, mich meinem Fatum zu entziehen. Glauben Sie mir, daß ich kein Verlangen trage, meine Sünden zu beichten, da ich hoffe, in Kürze vor einem größeren Beichtvater zu stehen. (Es war rührend, wie er dies sagte.) Ich weiß, daß dieser erbärmliche Leib, der mir durch seine Unvollkommenheit nichts als Schmerzen und Ungelegenheiten bereitet hat, bestimmt ist, zu vergehen. -- Was soll ich darüber Angst oder Trauer empfinden? Wo meine Seele bleibt, wenn sie den Körper verlassen hat, vorausgesetzt, daß ich ein solches Unikum überhaupt besitze, -- steht nicht in meiner Macht zu bestimmen. Dagegen habe ich alle Anordnungen, die mein Begräbnis betreffen, bereits getroffen, sie sind mit in mein Testament aufgenommen, und ich brauche darüber keine Worte weiter zu verlieren.« Dann sah er einen Augenblick die Wand an und sagte mit leiser Stimme: »Lieber Abbé! Glauben Sie, daß es ein Wiedersehen gibt?« Als ich bejahte, fuhr er mit bitterem Spott fort: »Ich habe durchaus nicht den Wunsch, die Verwandten oder Bekannten, die mir bereits im Tode vorausgegangen sind, wiederzusehen. Aber schließlich ist es auch gleichgültig.«
Je näher aber der Zeiger der Zwölf auf dem Zifferblatt rückte, desto unruhiger wurde er. Er starrte die Uhr an, zuckte mit den Augen und schwieg eine ganze Zeit. Ich gab mir die erdenklichste Mühe, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ich fing an, ihm einige Tagesneuigkeiten zu erzählen. Er gebot mir zu schweigen. Ich lachte krampfhaft, machte Radau im Zimmer, riß die Vorhänge auf und ließ frische Luft herein: Er sagte mir mit leiser Stimme, daß ich sein einziger Freund sei und er von mir erwarte, daß ich im Zimmer eines Sterbenden Ruhe bewahre und mein Wort halte, seine letzten Beobachtungen aufzuzeichnen. Ich muß gestehen, in diesen Augenblicken glaubte ich, mein guter Freund sei nun wirklich verrückt geworden. Ich hatte bisher alles, was geschehen war, als eine Eingebung seiner ewig tollen Laune aufgefaßt und sah nun, daß es ihm blutiger Ernst zu sein schien. Der Arme mußte entsetzliche Qualen ausstehen. Ich wußte wirklich nicht, was zu tun war. Er beschwor mich, niemanden zu rufen. Er trage Verlangen, in Ruhe zu sterben, auch sei alle Hilfe ganz gewiß unnütz. Statt dessen möchte ich doch notieren. Und ich notierte: »Der Zustand des Patienten ist beklommen. Der Puls schlägt schwach und ist kaum hörbar. Die Füße werden kalt. Im Nacken macht sich eine Steifheit bemerkbar, die in schmerzhafte Kontraktionen der Nackenmuskeln übergeht. Lichtempfindung geschwächt. Gehör ausgezeichnet. Die Kontraktionen der Nackenmuskeln nehmen mit jeder Minute zu. Die Kälte steigt langsam aufwärts. Nun! Jetzt!
Abbé! Eine schwarze Riesenfaust streckt sich langsam, langsam nach mir aus. Sie preßt mir die Brust zusammen, der Atem stockt mir! Luft! Lieber Abbé! Luft!«
Es war nun einige Minuten vor zwölf. Ich sah mit unbeschreiblichem Grauen, daß ihm plötzlich die Fähigkeit, weiterzusprechen, genommen war. Sein Gesicht war blaufahl, und die Lippen hingen schlaff und willenlos herab.
»Um Gottes willen,« rief ich aus, »was ist Ihnen?« Er versuchte zu lächeln, was einen schrecklichen Anblick gewährte, da sich nur seine rechte Gesichtshälfte zu einem Lächeln verzog. Er bedeutete mir durch ein Zeichen, seinen Puls zu kontrollieren. Ich kam seinem Wunsche nach, setzte mich auf den Bettrand und sah ihm in die Augen. Da schlug die Uhr. Beim ersten Tone der feinen Glocke zuckte er leicht zusammen, sah mich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an und starb. _Starb_, meine Herren! Programmäßig, auf die Minute!«
»Nun,« sagte ein Herr lachend, der dem Abbé am nächsten saß, »an irgend etwas muß doch der Mensch zugrunde gehen, und sei es auch an seinen eigenen Einbildungen!«
»Auch ich bin überzeugt, daß es eine Art von Selbstmord war, den Monsieur de P. an sich beging,« sagte der Abbé. »Ich habe mir nachher viele Mühe gegeben, zu erfahren, woher er die fixe Idee hatte, daß er gerade an diesem Tage und zu dieser Stunde sterben werde. Ich wüßte nicht, daß er jemals abergläubische Anwandlungen gehabt hätte! Wie gesagt, das ist mir rätselhafter geblieben als sein Tod!«
In einem Seminar -- --
Von _Felix Freiherr von Stenglin_
Es war zur Zeit, als die Prüfungsarbeiten der Seminaristen bevorstanden.
In diesen Jünglingen gärte es wie in jungem Wein. Am Tore des Lebens, in dem sie nie geahnte Taten zu vollbringen gedachten, empfanden sie mit Grimm den täglichen Zwang, dem sie noch immer ausgesetzt waren, und gelegentlich brach sich die Urnatur in rücksichtslosester Weise Bahn. Einige Lehrer (aber sehr wenige) ließen sie gelten, andere sahen sie als ihre persönlichen Feinde an. Der Direktor aber war in ihren Augen ein Pedant, dem sie mit Vergnügen den größten Schabernack gespielt hätten. Ein Pedant! Was lag alles in diesem Worte!
Ihre Vorgänger hatten es ähnlich getrieben wie sie. Besonders hatte man auch früher schon alle List und Tücke daran gesetzt, sich vor dem Examen die Prüfungsarbeiten zu beschaffen, denn so kühn und selbstbewußt diese jungen Leute auch in die Welt sehen mochten, bei der Prüfung vertrauten sie doch lieber sicheren Tatsachen, als der unbestimmten eignen Kraft.
Das Dienstmädchen des Direktors war in diesen Zeiten eine umworbene Persönlichkeit. Diesmal gelang es einem gewissen P., zarte Beziehungen zu ihr anzuknüpfen und sich die Schlüssel zu dem Zimmer des Direktors zu verschaffen. Er geht über Leichen, sagten seine Kameraden von ihm. Der Schreibtischschlüssel lag an einem bestimmten Platze, das hatte man herausbekommen; es galt also nur, unbemerkt einzudringen, die Aufgaben abzuschreiben und alsbald wieder zu verschwinden.
In der Nacht schlich also P., mit einer Blendlaterne und einem Notizbuch bewaffnet, in das Allerheiligste. Er fand den Schlüssel zum Schreibtisch, öffnete das inhaltreiche rechte Schubfach, entnahm ihm ein Päckchen mit Papieren -- und siehe da, obenauf lag der Zettel mit den Aufgaben. Der »Pedant« war also immer noch nicht vorsichtig genug gewesen!
Mit fliegender Hast schreibt der Eindringling beim Schein der Blendlaterne die Aufgaben ab. Schon ist er bis ans Ende gelangt, als er Schritte hört. Schnell wirft er die Papiere wieder ins Schubfach, schiebt es zu, legt den Schlüssel fort, löscht die Blendlaterne und will entfliehen. Er hat aber nur noch so viel Zeit, unter den großen Tisch in der Mitte des Zimmers zu kriechen, dessen Decke fast bis auf den Fußboden reicht. Die Tür öffnet sich; ein Licht in der Hand, in einem großen Schlafrock, schlurft der Direktor über die Schwelle. P. ist ganz von der Decke verborgen und verhält sich mäuschenstill.
Der Direktor bleibt stehen und sieht sich um. Er scheint zweifelhaft zu werden, ob er wirklich etwas gehört habe. Der Seminarist glaubt schon, die Gefahr sei vorüber, als der Zipfel der Tischdecke leise hochgehoben wird, und das Licht sich dem Fußboden nähert. Schnell pustet er es aus. Der Direktor wirft den Leuchter fort und packt den Eindringling gerade noch, als er entwischen will. Der will sich frei machen, und es kommt zu einem stummen Ringen Mann gegen Mann. Es widersteht dem Direktor, Hilfe herbeizurufen. Daß er sich hier mit einem Seminaristen balgt, darf nach seiner Meinung nicht an die große Glocke gehängt werden, es wäre blamabel. Aber er fühlt, daß seine Kräfte nachlassen, und daß der junge Mensch ihm im nächsten Augenblick entgleiten wird. Und wie dann den Täter herausbekommen? Da hat er den glücklichen Einfall, ihn mit den Nägeln der rechten Hand im Gesicht zu zeichnen, er kratzt ihm ein paar scharfe Striemen über die linke Wange. Dann läßt er ihn laufen.
Am nächsten Morgen im Betsaal nähert sich der Direktor von links her der Reihe der Prüflinge. Da geht ein teuflisches Lächeln über seine Züge. Im linken Flügelmann hat er den Täter entdeckt. Doch gleich darauf erstarren seine Züge zu Stein -- --
Alle Prüflinge ohne Ausnahme haben drei Nägelspuren auf ihrer linken Wange.
Die größte Kirche der Welt
Von _Wilhelm Schussen_
Heute hat mir jemand eine Geschichte erzählt, die erst gestern passiert sei. Sie lautet:
Ein Mann mit Halalihut, Rucksack und kurzen Hosen, der einem Schwarm lärmender Ausflügler voranging, sagte scherzend zu einem ihm bekannten alten Pfarrer:
»Guten Tag, Herr Pfarrer. Wie schön, daß ich Sie wieder einmal treffe! Ich habe Sie, wenn ich mich recht erinnere, seit Jahren nimmer gesehen.«
»Ist meine Schuld nicht,« lächelte der Pfarrer.
»Aha, ich verstehe. Sie wollen damit sagen, daß ich nie zur Kirche komme,« entgegnete fröhlich der Mann mit dem Halalihut und paffte ein paar kräftige Züge aus seiner Kurzpfeife.
Der Pfarrer nickte leise.
Unterdessen hatte sich der ganze, laute Lustverein um die beiden Plauderer versammelt. Auch einige Radfahrer, die in diesem Augenblick daherjagten, stiegen neugierig von ihren Gäulen ab. Und zu guterletzt machte noch ein vollgepfropfter Kraftwagen mit einem vornehmen Inhalt an der Stelle halt.
»Ihre Kirche ist eben leider zu klein, zu eng und zu beschränkt,« nahm der Mann mit dem Halalihut wieder das Wort.
»Heute vormittag war sie es jedenfalls nicht; denn sie war mehr als zur Hälfte leer,« widersprach der greise Pfarrer.
»Aber sie ist trotz alledem zu klein. Ich kenne eine viel, viel größere, schönere, weitere und herrlichere Kirche als die Ihrige, Herr Pfarrer, eine Kirche, die ohne Zweifel die wunderbarste und größte der Welt ist.« Und der Mann im Halalihut hob seinen Bergstock in die Höhe und beschrieb damit einen Halbkreis in der Luft. »Eine Kirche, Herr Pfarrer, vom größten aller Architekten erbaut, himmelhoch und wundervoll und zur Andacht geschaffen, wie keine andere. Kennen Sie diese Kirche, Herr Pfarrer?«
Der neugierige Lustkreis um die beiden war jetzt so stille, daß einer den anderen atmen hörte.
»Nein,« gab der alte Pfarrer zur Antwort, obwohl er sich schon einiges denken konnte.
»Nicht?« rief der launige Mann im Halalihut aus, »so will ich es Ihnen sagen, Herr Pfarrer.« Und noch einmal stieg der lange Bergstock ins Blaue hinauf.
»Es ist die Natur, Herr Pfarrer. Ist sie etwa nicht die größte, wunderbarste, von Gott selbst gebaute, einzige Kirche, zum wahren Gebet und zur wahren Andacht geeignet wie keine andere?«
Der Schwarm der Umstehenden aber gab jetzt eine Beifallssalve ab, daß die Lerchen aus den Lüften fielen. Einige der jungen Leute warfen dazu die Hüte in die Höhe, und die Fräulein hoben ihre bunten Feldsträuße empor. Ein vom Wein angesäuselter Biedermeier aber ließ noch hintendrein ein Bravo los, das einem regelrechten Donner glich. Dann trat plötzlich wieder Totenstille ein vor lauter Spannung, was nun der alte Pfarrer auf diese fadenklare Weisheit sagen würde.
Der aber nahm den Schlapphut ab und erwiderte liebreich und gelassen: »Sie haben wohl recht, mein lieber Herr Landsmann. Wenn indessen die Natur eine so wundervolle, einzige, göttliche Kirche ist, dann sollte man sich darin auch bewegen wie in einer Kirche. Dies scheint mir nun nicht immer der Fall zu sein; denn ich sehe, wenn ich Sonntags aus meinem Ihnen so armselig erscheinenden Kirchlein trete und einen Gang in die größte aller Kirchen tue, leider eben nicht heftig viele Beter und Andächtige, wohl aber ziemlich viele recht merkwürdige Leute, die ihrem erhabenen Aufenthaltsort nicht immer Ehre machen.«
Die Menge schwieg und wartete, ob der Mann im Halalihut wohl seinen Witz wiederfände. Aber er fand ihn nicht mehr.
»Nichts für ungut,« schloß jetzt der greise Pfarrer, indem er, immer noch den Schlapphut in der Hand, barhäuptig und langsam aus der kleinlauten Menge hinwegging.
Zwei Anekdoten
Von _Richard Schaukal_
Verkehr