Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Part 11
Der General hielt auf seinen Stab. Als er die Zeit für gekommen erachtete, schrieb er an den Rittmeister einen Brief. Er stellte ihm vor, wie man doch einen so tüchtigen und tapferen jungen Mann nicht wohl weiter ohne die silbernen Offiziersachselstücke herumlaufen lassen dürfe, da er alle Eigenschaften und Voraussetzungen in sich vereinige, die für die Beförderung zum Offizier verlangt werden müßten. Indem er den jungen Mann nach seiner Beförderung für die planmäßige Stelle des Ordonnanzoffiziers bei seinem Stabe vorsehe, hoffe er nicht nur, ihm die Wege zu ebnen, sondern auch seine Fähigkeiten für die große Sache und das Vaterland in bester Weise auszunutzen.
»So erwarte ich denn, mein lieber Rittmeister,« schloß der General, »wenn es Ihnen recht ist, einen Beförderungsvorschlag für meinen prächtigen Vizewachtmeister. Denn Sie, als der Kommandeur der Schwadron, der er zurzeit noch angehört, müssen die Eingabe abfassen, die erforderlichen Nachweise und Unterlagen verschaffen und den Vorschlag an allerhöchst Seine Majestät richten. Ich aber werde ein Wort der Befürwortung zufügen können, das unserem Schützling von Nutzen sein wird. Es wird nicht fehlen. Schicken Sie mir morgen die Eingabe.«
Der Rittmeister tat, wie ihm befohlen war. Am folgenden Tage gelangte ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtenstande, wie ein derartiges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand des Generals, und alle Spalten, die die gestrenge Vorschrift für eine solche Urkunde verlangt, waren säuberlich gezogen und ordnungsmäßig ausgefüllt. Wohlgefällig überlas der General die über die Person seines Ordonnanzoffiziers gemachten Angaben. Da standen die Vornamen, da die Geburtsdaten, da der Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen; der General hatte sich nicht getäuscht. Seine Blicke wandten sich befriedigt den nächsten Spalten zu, die über Glaubensbekenntnis und die Namen der Eltern aussagten.
Und er erstarrte. Denn da, gerade unter dem Worte »Religion« stand -- (ja! der General konnte es nicht in Abrede stellen) gerade unter dem Worte Religion stand das Wort: »mosaisch«.
Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen über diese Entdeckung. Daß die Angabe falsch sei, war bei der ihm bekannten Genauigkeit des Rittmeisters ausgeschlossen. Er stand vor der schrecklichen Gewißheit.
Alles, was preußisch in ihm war, sträubte sich hoch, und alles, was christlich war, nicht minder. Und der General war sehr preußisch und sehr christlich.
Was tun? Ganz abgesehen von dem Bilde, das sein Stab abgab, wenn ein Jude als Ordonnanzoffizier darin auftrat: wenn er, er, der General R--, einem Juden in den Offiziersstand verhalf, wankten die Grundfesten des Staates. Das war klar. Mochten andere tun, was sie verantworten konnten; da war er denn doch ein preußischer General.
Er ritt sogleich zum Rittmeister. »Haben Sie denn das gewußt, daß K-- Jude ist?« rief er, -- -- »Jawohl habe ich das gewußt,« sagte der Rittmeister ruhig. »Aber dieser Jude weiß, was der Offiziersstand von ihm verlangt. Ich kann nicht finden, daß sein Glaube in irgendwelcher Weise seine Tapferkeit, seine Kenntnisse, seinen Anstand, alle jene Vorzüge beeinflußt, die der Herr General selbst, wie ich höre, an ihm oft genug gerühmt haben.«
»Das ganz gewiß nicht! gewiß nicht!« erwiderte der General »aber --: er hat doch Eigenschaften, die --, ich meine: _jüdische_ Eigenschaften, die --«
»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der Rittmeister, »übrigens darf ich höflichst darauf hinweisen, daß der Herr General -- bisher wenigstens -- von diesen jüdischen Eigenschaften nichts bemerkt haben.«
Das war richtig. Wie war es aber auch nur möglich gewesen, daß er nichts bemerkt hatte!
»Sie wollen sich also nicht verstehen, Ihren Beförderungsvorschlag zurückzuziehen?«
»Aber Herr General!« sagte der Rittmeister, »Sie selber haben den Vorschlag doch einverlangt! Und wie sollte ich einen Beförderungsvorschlag für einen Untergebenen zurückziehen dürfen, den ich nach Pflicht und Gewissen eingereicht habe? Der Vizewachtmeister, der gestern ein so vortrefflicher Mann war, ist heute kein andrer, weil er ein Jude ist.«
Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht den Rittmeister überzeugen konnte, daß K-- ganz unerträglich jüdische Eigenschaften habe, würde er ihn nicht vermögen, den Beförderungsvorschlag zurückzuziehen. Aber der Rittmeister war doch nicht blind. Und K-- mußte doch derartige Eigenschaften haben. -- Der General zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlags eine Zeitlang hin. Noch immer hoffte er den Rittmeister zu entwaffnen.
Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spielten die jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt haben wollte, die Hauptrolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie benennen wollte, so hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und schienen ihn höhnisch anzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hast Eigenheiten. Und dennoch: der Vizewachtmeister hatte eben jüdische Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab.
So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. »Sie mögen mir sagen, was Sie wollen«, sagte er zu ihm, »K-- hat jüdische Eigenschaften, eigentlich nur jüdische Eigenschaften! Sie _müssen_ zugeben, daß er jüdische, _unerträglich jüdische_ Eigenschaften hat!«
Der Rittmeister bedachte sich. So, wie es bisher gegangen war, kam er nicht weiter.
»Tja! Herr General,« sagte er auf einmal fast verwundert, »da er doch ein Jude ist, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben als jüdische?«
Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie dem Knaben beim Tauziehen, der, fest gegen die Erde gestemmt, mit aller Kraft den Gegner zu sich herüberziehen will; jener aber läßt urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlte sich am Boden. Er hatte zwar eine unbestimmte Empfindung, als ob bei diesem Sieg und dieser Niederlage nicht alles mit rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es nicht zu fassen. Daß er der Sieger war, entging ihm. Die Tatsache, daß ihm der Boden entzogen war, blieb.
Er wußte nicht recht, wie ihm war. »Wenn Sie also wirklich meinen,« sagte er kleinlaut. Und da der Rittmeister bejahte, ging der General an den Tisch und schrieb, noch immer benommen von einem Beweis, der sich so seltsam gegen ihn zu wenden schien, ein »befürwortet« unter das Gesuch zur Beförderung des Juden.
Schwaben
Von _Oskar Wöhrle_
Auf einer Landstraße Russisch-Polens traf ich drei schwäbische Landsturmleute, die einen meuchelnden Russen mit den bloßen Fäusten hatten totschlagen müssen, weil der Kerl so schnell und hitzig und ihnen so nah am Leibe war, daß sie zu keiner Waffe hatten greifen können.
Diese drei Soldaten standen um einen jungen Storchen herum, den der Sturm des Morgens aus dem Neste geworfen hatte. Hilflos lag das Unglückstier da, halbnackt, nur dürftig den Leib mit Fläumling bedeckt, und sperrte den jungen, gelben Schnabel weit auf vor Hunger und Angst. Einer der Männer sagte: »Wir müssen ihn wieder ins Nest bringen, sonst verreckt er.« Aber das Nest hing hoch; die Pappel, darauf es stand, war dick und dünnastig; sie zu erklettern eine heillose Arbeit und konnte das Leben kosten. Einer von den dreien wagte es doch und brachte den Jungen glücklich hinauf. Die Alten flogen in weitem Bogen um den Baum herum und plapperten zornig mit den Schnäbeln.
Als der Soldat wieder drunten war, schulterten die drei das Gewehr, sagten mir »Grüß Gott« und gingen davon.
Merkwürdig! dachte ich, wie der Mensch doch beschaffen sein kann. In einem Atemzuge tötet er und setzt nachher sein Leben aufs Spiel, eines Nichts wegen.
Und ich heftete meinen Blick auf die Männer, bis ihre Bilder im Dunste des Himmels verschwunden waren.
Der Intellektuelle
Von _Peter Scher_
Herr von X., ein wohlhabender Privatmann, sah sich, ehe es ihm recht zu Bewußtsein gekommen war, über Nacht als Landsturmmann im Kreise von Männern, zu deren äußeren Verhältnissen und innerem Wesen er soviel Beziehungen empfand, wie sich ihm etwa bei unvermitteltem Zusammenleben mit Marsbewohnern ergeben haben würden.
Als Norddeutscher, wenn auch seit längerer Zeit in Süddeutschland lebend, war er über die völkischen Eigenheiten der Bayern, denen er nun zugeteilt war, durch jenes theoretische Wissen unterrichtet, das sich den Gebildeten durch Überlieferung anekdotischer Einzelzüge leicht und scherzhaft zu vermitteln pflegt. Mit dem eigentlichen Volke war er, seiner Lebenshaltung gemäß, kaum je persönlich in Berührung gekommen, ohne darum auch nur im mindesten die Kraft und Ursprünglichkeit des Volkes niedrig eingeschätzt zu haben. Im Gegenteil -- er neigte, wie wohl die meisten Angehörigen seines Standes, eher zu einer sehr ausgesprochenen Wertschätzung alles Volkstümlichen, und zwar eben auf Grund der von persönlichen Erfahrungen ungetrübten literarisch-anekdotischen Kenntnis der Volksseele.
Nun sah er sich auf einmal, gewaltsam aus seinem eigenen Nährboden gerissen, als einziger Intellektueller unter vielen vor die Aufgabe gestellt, in die kompakte Einheit der durch gemeinsame Interessen verbundenen zwanzig Mann seiner Stube einzudringen; sich -- wenn anders er nicht riskieren wollte, in eine unerträglich abseitige Situation zu geraten -- ihrem Kreis einzufügen; ja sich womöglich Geltung zu verschaffen. Hierzu veranlaßte ihn keineswegs bloß ein persönlicher Erhaltungstrieb, als vielmehr das seinem Charakter entsprechende Bestreben, niemals halb bei einer Sache zu sein ... am wenigsten bei der großen Angelegenheit, von deren Notwendigkeit er sich, nachdem es einmal ernst geworden war, mit aller Entschlossenheit überzeugt hatte.
Die Versuche des Herrn v. X., sich seinen Kameraden anzupassen, hatten, wie häufig in solchen Fällen, damit eingesetzt, daß er sich bemüht zeigte, unter ostentativer Hintansetzung jeglichen Standesbewußtseins, kameradschaftliche Hilfsbereitschaft zu betätigen. Aber damit stieß er nur auf Mißtrauen und Ironien jeder Art -- von der lächelnden Anspielung bis zum fast hämisch herausgeprusteten Spott. Vollends seine törichten Bemühungen, ihren Dialekt und ihre Ausdrucksweise »unauffällig« zu kopieren, forderte die anderen nur noch mehr heraus, ihm seine Ohnmacht zu Bewußtsein zu bringen.
So hatte Herr von X. die doppelte Last zu tragen, daß er, noch mit allen Fibern den plötzlichen Verlust aller höheren Lebensformen empfindend, in der neuen Umgebung ungeahnte Widerstände fand, wogegen die anderen im gleichen Maße bevorzugt erschienen, indem sie, ihr Leben ungefähr auf dem alten Niveau fortsetzend, zugleich am Rückhalt der Gemeinsamkeit mit ihresgleichen profitierten. Allerdings wurde dieses Mißverhältnis einigermaßen dadurch ausgeglichen, daß manche der ganz Unbemittelten, insbesondere die kleinen Gewerbetreibenden, hinsichtlich ihrer Geschäfte und Familien drückendere Sorgen empfanden als in normalen Zeiten. Aber diese Bedrückten empfanden dann wieder den Reichtum des Herrn v. X., von dem sie sich maßlos übertriebene Begriffe machten, als eine unerhörte Begünstigung, die ihm entsprechend angekreidet werden müsse.
In Verfolg dieses Rattenkönigs von Mißverständnissen und Verkennungen der Umstände geschah es denn wohl, daß von X.s Kameraden seine reichlichen Bier- und Zigarrenspenden niemals entgegennahmen, ohne zuvor durch Blicke und kleine beißende Bemerkungen ihm die Freude vergällt und damit sich den Genuß erhöht zu haben.
Obgleich nun von X., ein kluger Mensch und Lebenskenner, solche Kleinigkeiten nicht eben tragisch nahm, weil er die wahren Beweggründe erkannte, hatte er doch -- besonders in der ersten Zeit -- Momente tiefer Entmutigung. Einmal kam es sogar vor, daß er sich nachts, zwischen den schnarchenden Kameraden schlaflos liegend und grübelnd, zu dem folgenden empfindsamen Gedicht hinreißen ließ:
_In der Nacht_
Die Kameraden schnarchen hart und dröhnen Ganz sagenhafte Töne durch den Raum; Die wache Landsturmseele glaubt es kaum Und muß sich erst so nach und nach gewöhnen.
Wie schließt mein Herz euch ruhende Soldaten Und eure armen Träume in sich ein ... (Gäb' mir nur Gott, so ganz Natur zu sein, Wie sie, mich arglos folternd, hier verraten!)
Der Schuster, rechts von mir, bewegt sich eben; Ich weiß: ein Traumglück löst ihm alle Qual ... Gebräunte Haxe ist sein Ideal ... O mög sie groß und lieblich ihn umschweben!
Ein jeder macht in seinem kleinen Kreise -- Schmied, Fuhrmann, Gastwirt, Knecht und Assistent -- Bevor der Tag uns wieder eint und trennt, Solch eine karg beglückte Heimatreise.
Beklommen seh ich auf die alten Knaben -- Ein alter Knabe selbst und heulend fast: Ach, sind wir uns nur Nacht für Nacht zur Last, Um Tag für Tag an uns vorbeizutraben?!
Am anderen Mittag saßen sie dann wieder, der kleine Schuster, der lange Fuhrmann, der dicke Gastwirt, der hagere Schankkellner, mit ihren Maßkrügen einträchtiglich beisammen, und auch die Bauern, mit denen die Städter sonst nicht immer in seliger Harmonie zusammenstimmten, waren -- wenn es die unausgesprochene Verschwörung des »Ringes« gegen den Intellektuellen zu bekunden galt -- untereinander ein Herz und eine Seele.
So wollte es wenigstens dem Herrn von X. scheinen -- und vielleicht verhielt es sich in gewissem Sinne auch so. Nur ... daß es dem Herrn von X. nie zu Bewußtsein kam, inwieweit er selbst an ihrem Mißtrauen dadurch mitschuldig war, daß er, der nicht aus sich heraus _konnte_, immer und immer wieder mit beleidigender Deutlichkeit erkennen ließ, wie gewaltsam er aus sich heraus _wollte_, um zu ihnen -- -- natürlich -- -- hinab zu gelangen.
Wie er sich, der geistige Mensch, seiner Selbstlosigkeit als eines Gebotes überlegener Kultur bewußt war (ohne sich doch dessen voll bewußt zu werden), so empfanden die Kameraden seine Selbstlosigkeit als Hochmut und zahlten ihm gemäß ihren primitiven Lebensformen und Ausdrucksmitteln kräftig heim.
Der Herr von X. ist sich dieser Wahrheit erst viel später bewußt geworden -- nämlich dann, als er, durch Umstände in größere Distanz zu ihren physischen Verhältnissen gekommen, nicht mehr in Gefahr war, die Fühlung mit den Kameraden äußerlich zu suchen.
Es gelang ihm, ohne sich in ihre Sprache und Gebärden einzumischen, ihnen menschlich so nahe zu kommen, daß sich die Kameraden -- allerdings nicht die einmal mißtrauisch und verstockt gewordenen seiner Stube, aber andere vom gleichen Stande -- mit Respekt und ehrlicher Freundschaft zu ihm stellten.
Später, im Felde, wurde er sogar im besten Sinne des Wortes beliebt. Und das war, als er, seiner eigentlichen Bestimmung entsprechend, ein guter _Führer_ und damit der beste Kamerad geworden war.
Das unterbrochene Erlebnis
Von _Karl Lerbs_
Ein Leutnant, dessen jungfröhliche Art sich unter dem harten Griff unerhörten Erlebens zu bewußter Männlichkeit gefestigt hatte, bestieg, seinen Anteil an den wilden flandrischen Kämpfen durch eine Fahrt in die lange entbehrte Heimat unterbrechend, in Brüssel den nach Deutschland bestimmten Zug. Er traf im Abteil mit einem Hauptmann zusammen, der vor dem Kriege in einem westfälischen Städtchen den wenig aufregenden Posten eines Amtsrichters ausgefüllt hatte und durch den nervenanspannenden Wachtdienst in einem belgischen Küstenort aus der leise beginnenden Beschaulichkeit zunehmender Jahre aufgerüttelt worden war. Da der ältere Offizier an der heiteren Offenheit des jüngeren ein rasch erwidertes Gefallen fand, verging ihnen die Zeit, da der Zug seinen Weg durch den regnerisch verhangenen belgischen Herbsttag nahm, in gutem Gespräch rasch genug.
Erst als der wirre Klirrklang der über viele Weichen hineilenden Räder sie aus dem Getriebe des ersten deutschen Bahnhofs entführte, wurde ihr angenehm empfundenes Alleinsein durch eine junge Dame unterbrochen. Indessen die neue Reisegefährtin sich mit anmutig runden, sicheren Bewegungen ihres geschmeidigen Körpers augenscheinlich für eine längere Fahrt einrichtete, tröpfelte das unwillkürlich verlangsamte Gespräch der Herren in spärlichen Worten weiter, da sie beide in der unauffälligen, aber gründlichen Art, wie sie Männern von Welt eignet, ihre Beobachtungen anstellten. Das übereinstimmende Ergebnis war die Feststellung großen natürlichen Reizes, der durch eine schelmische, naiv ungezwungene Koketterie eher vermehrt als vermindert erschien. So kam es, daß dem Leutnant das Zusammentreffen wie ein Gruß und Vorgenuß lange ersehnter friedlicher Heimatstage war, und er sah sich alsbald von rheinischer Fröhlichkeit, die das Abteil mit hellem Lachen und melodisch zwitscherndem Plaudern erfüllte, in ein heiteres Wortgeplänkel verstrickt, in dem er sich in aufquellender Frohlaune wacker behauptete.
Darüber entging es ihm, daß der ältere Kamerad allmählich in ein Stillschweigen verfiel, das seinen Grund in einer diesem selbst nicht recht erklärlichen Verstimmung hatte. Hätte jemand sie ihm als Ausfluß einer mißgünstigen Regung gedeutet, so würde er das sicherlich weit von sich gewiesen haben; immerhin gewann sie soviel Macht über ihn, daß er, obwohl seinem Reiseziel noch ziemlich fern, seinen Säbel einhakte und sich, aufbruchsbereit dasitzend, einem verdrossenen Spiel mit der Säbelquaste widmete. Bald aber mischte er sich, einem plötzlichen Antrieb folgend, in das Gespräch der anderen und geriet dabei in einen solchen, ihm selbst seit langem fremden Eifer, daß in dem anfangs spielerisch harmlosen Hin und Her launigen Wortgefechtes zuweilen die schärferen Waffen einer leichten Spannung flüchtig aufblitzten.
Diese seltsame Wendung der Dinge brachte es mit sich, daß in dem Leutnant, der erst nur dem prickelnden Regen seines nach langer Haft wieder lustvoll aufwallenden Blutes nachgegeben hatte, ein Plan entstand, der, anfänglich fast erschrocken und abweisend beiseite geschoben, bald sich unwiderstehlich aufdrängte. Als daher der unerleuchtete Zug durch den Schacht eines langen Tunnels toste, erhob sich nach einem letzten kopfschüttelnden Zögern der junge Offizier und tastete sich in herzklopfender Spannung vorwärts, um, ohne der möglichen Folgen seines Tuns zu gedenken, von den willfährig lockenden Lippen seines anmutigen Gegenübers in knabenhaftem Trotz die Bekrönung dieser wunderlich erregten Stunde zu pflücken. Da geschah es, daß er innehielt in dem unabweisbaren, alle Nerven durchzuckenden Gefühl, daß jemand neben ihm stehe; er tat einen unwillkürlichen, heftig zufassenden Griff ins Dunkle und hielt einen Gegenstand in den Händen, in dem er tief erschrocken _die Säbelscheide des Hauptmanns_ erkennen mußte.
Es ist sicher, daß beide Herren sich nach dieser Begegnung wieder an ihre Plätze verfügten und die ihnen noch verbleibende kurze Spanne Dunkelheit dazu benutzten, ihre ins Wanken geratene Sicherheit und Unbefangenheit zurückzugewinnen. Nicht sicher dagegen ist, ob die junge Dame, die zu alledem Anlaß gewesen war, des unterbrochenen Erlebnisses inne ward. Denn beide Offiziere wagten keinen Blick in ihr Gesicht. Der Leutnant sah unverwandt zum Fenster hinaus, um nicht zu zeigen, daß ihn nach anfänglichem Ärger eine kaum zu bezwingende Lachlust anwandelte; und der Hauptmann, dem das Blut in die Ohren gestiegen war, saß vornübergebeugt, mit einer scharfen Falte zwischen den Brauen, und ließ den Zorn über sich selbst an der heftig zwischen den Fingern gewirbelten Quaste seines schuldig-unschuldigen Säbels aus.
Als indessen der Hauptmann, seinem Reiseziel nahe, von dem jungen Kameraden Abschied nahm, da sah der Leutnant in dem Gesicht des anderen ein gütiges und von leichter Traurigkeit überschattetes Lächeln, das von einer wehmütigen Resignation Kunde gab; und er umspannte die dargereichte Hand mit festem Druck. Er begriff plötzlich, daß jenem diese Stunde mehr bedeute als den überlegen belächelten Verzicht auf eine flüchtig lockende Tändelei. Und er blieb auf der ferneren Fahrt schweigsam und sinnend, da er sich nicht eines billig errungenen Sieges freuen mochte. Denn er fühlte tief, daß ihn in diesem Erlebnis ewiges und schmerzliches Schicksal mahnend gestreift hatte.
Inhalt
Seite
_Bethge_, Hans, ~Dr. phil.~, * am 9. Januar 1876 in Dessau, lebt in Berlin-Wilmersdorf.
_Der Dichter_ (handschriftlich) 91
_In der Frühlingsnacht_ (handschriftlich) 130
_Binding_, Rudolf G., * am 13. August 1867 in Basel, lebt in Buchschlag (Hessen).
_Anekdote_ (handschriftlich) 64
_Wie ein peußischer General einen Juden zum Offizier vorschlug_ (handschriftlich) 229
_Bulcke_, Carl, Staatsanwalt, * am 29. April 1875 in Königsberg, lebt in Charlottenburg.
_Der schlaue Akademiedirektor_ (handschriftlich) 123
_Klaus Groth_ (handschriftlich) 167
_Enderling_, Paul, * am 22. April 1876 in Danzig, lebt in Stuttgart.
_Memlings Bild_ 118
_Ernst_, Paul, ~Dr. phil.~, * am 7. März 1866 in Elbingerode a. Harz, lebt in Neustadt a. Südharz.
_Der Fund_ (handschriftlich) 98
_Das Bett_ (handschriftlich) 106
_Revolution_ (handschriftlich) 202
_Ettlinger_, Karl, Herausgeber der »Jugend«, * am 22. Januar 1882 in Frankfurt a. M., lebt in München.
_Zwei Anekdoten vom Marquis Bonvivant_ 83
_Eulenberg_, Herbert, ~Dr. jur.~, * am 25. Januar 1876 in Mühlheim a. Rh., lebt in Kaiserswerth a. Rh.
_Die beiden Junggesellen_ (handschriftlich) 58
_Rastrelli_ (handschriftlich) 181
_Federn_, Karl, ~Dr. jur.~, * am 2. Februar 1868 in Wien, lebt in Lugano.
_Die Banknote_ (handschriftlich) 69
_Der Garibaldiner_ (handschriftlich) 87
_Flake_, Otto, * am 29. Oktober 1880 in Metz, lebt in Berlin.
_Dubonnet_, Ein Gruß an Hebel (handschriftlich) 7
_Gleichen-Rußwurm_, Alexander Freiherr von, * am 6. November 1865 in München, lebt in München.
_Anekdote_ (handschriftlich) 57
_Henckell_, Karl, * am 17. April 1864 in Hannover, lebt in München.
_Gottfried Keller und der freche Student_ (handschriftlich) 162
_Hesse_, Hermann, * am 2. Juli 1877 in Calw, lebt in Bern.
_Das seltene Buch_ (handschriftlich) 132
_Huch_, Rudolf, Justizrat, * am 28. Februar 1862 in Porto Allegre, lebt in Helmstedt.
_Ein Wiedersehen_ (handschriftlich) 27
_Keller_, Paul, Herausgeber der Monatsschrift »Die Bergstadt«, * am 6. Juli 1873 in Arnsdorf, lebt in Breslau.
_Der ungebetene schwarze Gast_ (handschriftlich) 18
_Lerbs_, Karl, * am 22. April 1893 in Bremen, lebt in Bremen.
_Das unterbrochene Erlebnis_ (handschriftlich) 244
_Lucka_, Emil, * am 11. Mai 1877 in Wien, lebt in Wien.
_Sechs bayrische Reiter_ 220
_Mann_, Heinrich, * am 27. März 1871 in Lübeck, lebt in München.
_Nino Sventatello_ 94
_Die Sklavin_ 114
_Molo_, Walter von, * am 14. Juni 1880 in Sternberg (Mähren), lebt in Frohnau b. Berlin.
_Napoleons größter Sieg_ 200
_Rosegger_, Peter, ~Dr. phil. h. c.~, Herausgeber des »Heimgarten«, * am 31. Juli 1843 in Alpl, lebt in Graz.
_Eine Abelsberger Heiratsgeschichte_ 21
_Rüttenauer_, Benno, ~Dr. phil.~, * am 2. Februar 1855 in Wittstadt, lebt in München.
_Der Schutzengel des Königs_ 185
_Schäfer_, Wilhelm, Herausgeber der »Rheinlande«, * am 20. Januar 1868 in Ottrau, lebt in Vallendar a. Rh.
_Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammanns_ 142
_Scharrelmann_, Wilhelm, * am 3. September 1875 in Bremen, lebt in Bremen.