Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

Part 10

Chapter 103,645 wordsPublic domain

Der Geheimrat Wagener räusperte sich und wiegte den Kopf. Aber der Meister fuhr fort. Er war ein eingesessener Bürger. Er hatte immer pünktlich seine Steuern gezahlt. Er verlangte ja nichts, das dem Herrn Geheimrat gegen das Gewissen ging. Der Herr Geheimrat war Beamter, das wußte er wohl. Aber der Herr Geheimrat kannte ihn doch. Haussuchung hatte die Reaktion bei ihm gehalten, in Haft hatte sie ihn gesetzt. Er war ein unbescholtener Mann. Das hatte gewurmt. Er hatte keine Verbindung mit verdächtigen Leuten, er hatte sich aus Büchern und Zeitungen selber gebildet. Und weiter wollte er ja nichts, als daß der Herr Geheimrat ihm bezeugte, daß er ein rechtschaffener Bürger war. Er hatte nur seine Bürgerpflicht erfüllt. Vielleicht hatte er einmal ein Wort zuviel gesagt; das wollte er nicht abstreiten; der Mensch redete manches, wenn er in der Volksversammlung steht, und die Leute wollten etwas von ihm hören. Wenn er da gefehlt hatte, gut, das wollte er büßen. Aber etwas anderes hatte er nicht getan, denn die Ehre ging ihm vor.

Der Geheimrat Wagener antwortete lächelnd, daß er für ihn einstehen werde, wenn man ihn wirklich anklagen sollte; er wisse, daß das wahr sei, was der Meister gesagt habe, und das werde er denn auch bezeugen.

Der Meister stand von seinem Stuhl auf, und ehe der Geheimrat es sich versehen, hatte er in seine Rechte eingeschlagen und gerufen: »Topp, es gilt.« Und dann fügte er hinzu: »Und auf mich können Sie sich auch verlassen. Wenn das Kopfabschneiden angeht, für Sie wird gesorgt.«

Dann bat er noch um eine Empfehlung an die Frau Geheimrat, und darauf ging er.

Der Mann wurde später wirklich angeklagt auf Grund von Aussagen untergeordneter Persönlichkeiten, und es wäre ihm wahrscheinlich schlecht gegangen bei der allgemeinen Verwirrung damals, wenn nicht der Geheimrat für ihn eingetreten wäre und ein gutes Zeugnis für ihn abgegeben hätte.

Der Gesandte von Bismarck

Von _Leo Sternberg_

Wie ein Blitz war dem jugendlichen Deichhauptmann von Schönhausen das blanke »Ja« von den stolzen Lippen gefahren, mit dem er sich verband, am Frankfurter Bundesratstische den Sitz eines preußischen Gesandten einzunehmen. Ein sechsunddreißigjähriger Gutsherr von Gardemaß, der nie ein diplomatisches Schriftstück gelesen! In militärischer Haltung hatte er seinem König, der diese Kühnheit bewunderte, entgegnet: »Der Mut ist ganz auf seiten Eurer Majestät!«

Welche Stimme hatte aus ihm geredet? Verbrennt uns zuweilen ein übernatürlicher Augenblick zur gewaltigen Flamme, die geheimnisvoll ins All hinaus schlägt, und entläßt uns sofort wieder als irdische Schlacke, wenn die Flamme uns entflohen?

In der Tat -- kaum daß der freie Landjunker in der geschäftigen Mainstadt, wo der ältliche General von Rochow einstweilen noch das Gesandtschaftssiegel führte, hinter hohen Aktenstößen saß, von früh bis spät eingekerkert in dem Salongefängnis des Bundestagshotels, so schlug er wild die Faust auf den Rokokotisch und fragte sich, welche Teufelsgewalten das schicksalsvolle Wort aus ihm emporgeworfen, und warum er nicht lieber bei Weib und Kind geblieben und Roggen auf Schönhausen gebaut, statt hier Ballen Papier zu verschmieren, in Kommissions- und Plenarsitzungen, die bis in die Nächte dauern, leeres Stroh zu dreschen und zwischen Tür und Angel die Zeit heranzuwarten, wo er selbst das Steuerrad ergriffe! Rochow zeigte verdammt mehr Lust, sich an der rheinischen Sonne bräunen zu lassen, als ihm das Feld zu räumen. Der Teufel sollte diesen Zustand länger ertragen.

Er dampfte vor Tatkraft, und manche schlaflose Nacht hallten seine Reiterstiefel bis zum grauenden Morgen durch die dunklen Frankfurter Gassen. Wie Rübezahl streifte er durch die Wälder des Taunus, des Spessarts, des Odenwalds; fuhr mit der Wasserdiligenze den Main hinab, um sich auf der Mainzer Schiffbrücke in die Stunde zu verlieren, da Johanna in ihrem flatternden Genfer Mäntelchen dort neben ihm stand; und dreimal schon hatte er das Telegramm an den Minister bereit, in dem er binnen vierundzwanzig Stunden in sein Amt eingesetzt zu werden verlangte oder seine sofortige Entlassung forderte ...

An einem herrlichen Julitage, als selbst in dem muffigen Legationsbureau der Aktenstaub regenbogenfarben auf schrägen Sonnenstrahlen schwebte, schien die angesammelte Elektrizität ihre höchste Spannung erreicht zu haben. Er schritt im Zimmer auf und ab und tobte: »Galeerenarbeit ... bestes Feuer verrauchen lassen ... Fiduz zu sich selbst zum Teufel ... sein gutes Heim aufgeben ...«

Sein Attaché, der schüchterne Lynar, sah ihn an wie einen leidenden Titanen.

»Das ist zu viel, sage ich!« -- schrie er und riß das Fenster auf. Lynars weißer Pudel, der auf dem Teppich lag, winselte mit, wie leises Weinen ...

Da erhob sich Lynar vom Schreibsessel, stellte sich zu ihm an das geöffnete Fenster, wendete seinen Blick fragend hinaus in den kornblumenblauen Sommertag und erinnerte ihn sanft, wie man zu einem Schwerkranken spricht, an den Besuch in Johannisberg, zu dem der greise Fürst Metternich schon wiederholt seine Einladung geschickt hatte.

Fürst Metternich! Der unlängst aus der englischen Verbannung Heimgekehrte! ... Der als erste Stätte auf dem wiedergewonnenen Heimatboden sein altes Geburtshaus am Rhein aufsuchte! ... Der Treue, der auch in den Tagen seines höchsten Glanzes nicht an Koblenz vorübergefahren, ohne sich den Metternicher Hof bis zum letzten Dachwinkel aufschließen zu lassen -- das Boudoir seiner Mutter ... die kleinen Stuben, wo er mit dem Hofmeister gehaust ...

Er mußte an Schönhausen denken ...

Das war sein Mann! Keine von jenen verknöcherten Exzellenzen, die hier ordenbehangen um ihn herstelzten ... Ein Romantiker war er -- auf seinem Schloß, das von dem sonnigsten Rebenhang des Rheins herabglühte ...

Auf! Fort von Bureaukratie und Aktenstaub -- zur Urmutter Natur, wo wilde Sonne brennt und die Woge das Ufer peitscht ...

Der Pudel sprang auf und wedelte und merkte, daß es ging.

Es war eine eigentümliche Fahrt. Das zarte Delfter Blau, in dem sich die Sättel der waldigen Taunuskette neben dem Reisewagen mitwiegten, verwischte sich bald hinter der Weißglut geladener Dünste. Aschenschwarze Wolken schoben sich scharfgerändert aus der Wetterecke des Gebirges vor und verschatteten die hohen, goldenen Ährenfelder, in denen ein schlaffer Wind wühlte. Stickige Schwüle stieg aus dem Staub, nur selten von einer fernen Welle des trockenen Heues durchduftet, das die Bäuerinnen überall noch eilig auf die Leiterwagen gabelten. Dicht über dem Wasserspiegel jagten die Schwalben und netzten sich die weiße Brust in der Flut. Und General von Rochow, der sich der Fahrt ebenfalls angeschlossen, hatte abwechselnd das schwimmende Mützenleder zu wischen und gegen die Schnaken zu fechten. Doch das Gewitter entlud sich nicht.

Einsilbig saß der feurige Legationssekretär im Wagen und schaute wie Wotan unter dem großen, breitkrämpigen Strohhut in die Ferne ...

»Schönhausen, ganz wie Schönhausen!« rief er versunken, als sie an den ersten rheingauischen Herrensitzen vorüberrasselten. »Meine liebe Zampel« -- als das Gefährt den plätschernden Kiedricher Bach überschritt. »Der Kniephof!« seufzte er leise und zog den Duft einer mächtigen Linde ein, die am mohnroten Feldrain in der grellen Sonne stand ...

Der verstehende Lynar, um ihn mit seinen Gedanken allein zu lassen, hielt Rochow im Gespräch, aus dem Bismarck manchmal nur dunkel ein Wort aufgriff ... »Rheinische Backofenglut ...« »Wie es reift!« war das geheimnisvolle Echo. »Wie es reift« -- wiederholte er im unverwandten Anblick der reichbehangenen Rebgärten und pfirsichglühenden Spaliere, die sein Auge angestrengt im Vorüberfahren abwanderte. Solchermaßen arbeitete es in ihm ...

Unterdessen waren sie in Winkel angekommen, wo der Weg zum Johannisberg abzweigt. Da aber zeigte es sich, daß das, weswegen er die Reise unternommen, innerlich schon überlebt und ihm zuteil geworden war, und der Seitenpfad zu dem Schlosse hinauf jetzt nur ein lästiger Abweg gewesen wäre von der Hauptstraße seines Dranges, der ihn dem Strome entlang vorwärts trieb. Konnte es im Grunde größere Gegensätze geben, als ihn, den Diplomaten in Holzschuhen, und den ~ministre papillon~? Und was sollte er jetzt auf zierlich gepflegter Schloßterrasse zwischen Semperflorens-Rosen und einer in Töpfen gezogenen Orangerie anfangen?

Rochow, wegen seiner heimlichen Mitbewerbung um den Frankfurter Gesandtschaftsposten befangen, ließ sich ohne Widerspruch den edlen Tropfen aus den fürstlichen Weinkellern von den Lippen reißen und schickte nur einen verlechzten Blick nach dem entschwindenden Schlosse auf die Höhe hinauf -- ohne zu ahnen, daß seine Gegenwart mit die Ursache war, warum es den andern vom Menschen fortdrängte ins Grenzenlose der Natur, bei der wir uns allein von unserer letzten Einsamkeit befreien, weil wir im tiefsten mit ihr zusammenklingen.

Und wie jeder redliche Entschluß erfrischt, so begann auch der junge Diplomat, nachdem er sich den Weg freigemacht in eine unbestimmte Weite, seine Verschlossenheit mit dem beginnenden Abend abzuwerfen, sich den Traum von seiner pommerischen Heimat aus den Augen zu wischen und mit erhöhtem Pulsschlag zu fühlen, daß er nicht mehr an den Wiesenbächlein der heimatlichen Scholle, sondern am Rheine war -- dem deutschen Strom! So lebhaft zeigte er jetzt nach der dunkelnden Giebelfront der Hallgarter Zange, jetzt nach den heidnischen Walddolmen der Rabenköpfe, jetzt nach den goldgelben Sanden und Pappelauen mitten in den Fluten, daß Lynars Pudel den deutenden Händen bald herüber, bald hinüber, die Vorderpfoten über den Wagenschlag gelegt, nachsprang, um zu ergründen, was es da draußen zu apportieren gebe ... Als sie aber neben der reichgezackten Silhouette des Adlerturms mit seinem Birkenbäumchen in der Zinnenkrone in Rüdesheim einfuhren; drüben auf dem Rochusberg die Kapelle im Mondschein aufragen sahen; das dunkle Felsentor, das der Strom durchbricht, mächtig vor ihren Blicken lag; und rings um die Ufer die abendlichen Lichter an den Berglehnen sich entzündeten, als sei Vineta heraufgestiegen -- da wußte er, daß ein höher gewolltes Ziel ihn richtig geführt hatte ...

Und während der Engelwirt seine Begleiter von dem Wagenschlag durch den vornehmen Treppenpavillon in den Gasthof komplimentierte, stand er just, wie er aus dem Reisewagen gesprungen, schon am grasigen Ufer drunten, an dem muschelknirschenden vordersten Kiesrande, -- allein mit dem erdgeisterhaften Rauschen der nächtlichen Brandung ...

Das Gewitter hatte sich jenseits der Berge entladen und gereinigte Lüfte herübergesandt. Der Wisperwind kam aus den Felstoren und kräuselte Schaumkämme über die Wasserfläche, die im Mondschein spiegelte, als glühte das Nibelungengold aus der Tiefe herauf ... Er stand mit seherischen Sinnen und setzte sich allmählich, dem Stromlauf folgend, in Bewegung, wie ein Nachen auf den Wellen treibt, immer von dem Verlangen gequält, dem Strome näher zu kommen, anstatt verurteilt zu sein, auf dem Leinpfad nebenher zu schreiten -- bis er an die Klippe gelangte, darin der Lehrer Metternichs sein Herz hatte begraben lassen, daß es dort ewig umwiegt sei von den heiligen Wogen, über denen der Geist des Vaterlandes schwebt. Da riß es ihn plötzlich hin, all das Licht der Wasser in die Arme zu fassen; und, dem verankerten Dreibord seine Kleider hinterlassend, warf er sich in die Flut und tauchte bald wie ein Rheingott in der Ferne auf, wo die Mäuseturminsel mit ihrem Pappelhain traumhaft aus der Tiefe steigt ...

Und während er auf den Wellen dahinwiegte, von der riesigen Stufenpyramide der Weinberge und mondduftigen Waldhöhen eingeschlossen, überglitzert von Sternen, die durch die Fensterhöhlen der getürmten Burgruine schauten, und der schäumende Wogenfall des Bingerloches durch die Stille donnerte, da fühlte er, wie er dem ganzen Lande angehörte; wie seine Arme erstarkten, indem er spielend die Flut bezwang an einer Stelle, wo die Strömung reißend den gefährlichen Felsenbänken entgegenschießt; und wie in seine Schultern die Kraft strömte, das Schicksal des geliebten Landes zu tragen ...

Aber nur die murmelnden Wogen, die der Wiegengesang des Lebens sind, vernahmen, wie es ihn, reingebadet von Druck und Zweifel, betend erfüllte: In sein Wirken hineinzutragen und nie zu verlieren, was er, in der lichten Dunkelheit schwimmend, in weiten Armen hielt! Mit den Füßen im Bodenlosen schwebend auch am Tische des Rates! Aus der Urtiefe des Elementes das Wort hinaufzurufen und die Tat zu schwingen -- die wilde Woge im Blut und Sternengüte, Ruinenschweigen und Donner der Gegenwart, Felsenfinster und streichelnden Wind! Und das Segel des Staatsschiffes zu bewegen mit dem Sturmodem des ganzen Weltzaubers, der allein an die Küsten des Lebens bläst! ...

Als er ans Ufer stieg, saß der weiße Pudel, der den Weg zu dem leeren Nachen gefunden, auf seinen Kleidern und erkannte ihn erst, als der Riese sich wieder in der Maske des bürgerlichen Rockes verborgen hatte und, während das Flämmchen der fernen Lichtboje auf den Wassern tanzte, schweigend im Dunkel neben ihm schritt.

Ein Anekdotenkreis aus dem Kriege

Sechs bayrische Reiter

Von _Emil Lucka_

Am dritten September, an einem sonnigen Vormittag hat sich's zugetragen, daß fünf schwere bayrische Kürassiere, ein Gefreiter voran, das waldige Vogesental von Stoßweiler hinauf gegen die Grenze geritten sind, um ein bißchen nach Franzosen oder anderem schlechtem Volk, das an dem Ort nichts zu suchen hat, Ausschau zu halten. Weil ihnen die Zeit lang wird, fangen sie an zu jodeln und zu juchezen, aber die Pferde spitzen plötzlich die Ohren, und der Gefreite Jagenteufel schreit: »Maul halten!« Richtig kommt ein Zug Franzosen den Weg daher, vielleicht sechzig oder siebzig Leute, jeder sein Gewehr über der Schulter.

»Drauf!« schreit der bayrische General und zieht sein breites Schlachtschwert, hinter ihm das Heer. Und sie stimmen ein solches Kampfgeschrei an, daß die Franzosen glauben, die ganze deutsche Armee wäre schon da, und werfen ihre Gewehre ins Gras. Der Leutnant, der sie führt, ein feines Bürschel ohne Bart, tritt vor den Jagenteufel und bietet ihm mit einer guten Verbeugung seinen Degen an, den der Jagenteufel nimmt. Und weil er nicht weiß, was er damit anfangen soll, stößt er ihn in einen alten Baum hinein, daß das Federmesser gleich abbricht. Dann brüllt er die Franzosen an: »Vorwärts!« -- und sie gehen ganz folgsam ihren Weg weiter, aber ohne Gewehre und von fünf bayrischen schweren Reitern flankiert und hinter einem Gefreiten her anstatt wie bisher hinter einem Leutnant. Und sie schämen sich, weil sie geglaubt haben, es wär die ganze deutsche Armee, nicht nur sechs Mann.

Vom Tal herauf schlägt's gerade zwölf Uhr, wie sie einem Wirtshaus nah kommen, das sonst für Touristen und Fuhrleute bestimmt ist, jetzt aber verlassen steht. Der Jagenteufel sieht das Wirtshaus schon von weitem und muß sich das Bier vorstellen, das dort vielleicht im Keller liegt. Und weil ein braver Soldat dieselben Gedanken haben soll wie sein Feldherr, denken alle Fünfe mehr ans Wirtshaus als an die Franzosen, die zwischen ihnen her laufen. Auch das Pferd vom Jagenteufel hat das Wirtshaus bemerkt, und so geht der ganze Zug, er weiß selber nicht wie, immer mehr nach rechts, bis er vor der Tür halt macht.

Der Wirt und die Wirtin und ein paar Kinder und andere Leute stehen da und schauen mit großen Augen, wie sechs bayrische Reiter sechzig oder siebzig Franzosen daher führen, und schreien: Hurra! -- denn sie sind gut deutsch -- und der Herr Wirt sagt gleich, die Herren Soldaten sollten hereinkommen, und zu bezahlen brauchten sie nichts.

Aber die armen Schlucker müßten auch was kriegen! meint der Jagenteufel. Und richtig wird den Franzosen zu essen und zu trinken herausgebracht, während die Bayern vom Pferd steigen und mit viel Freude ins gute Zimmer geführt werden. Der Wirt schlägt gleich ein Faß Bier an, und die Wirtin stellt sich zum Herd. Weil aber ein Bayer nicht vom Bier weggeht, bis das Faß leer ist, so dauert die Mittagsrast drei Stunden, die Franzosen brauchen derweilen auch nicht hungern. Und wie die Bayrischen endlich herauskommen, sind ihre Pferde schon mit roten Hosen besetzt und die sechs Gewehre und die sechs Säbel auch schon vergeben -- die hat einer unbemerkt aus der Stube getragen. Der junge Leutnant sitzt hoch auf dem Pferd vom Jagenteufel und kommandiert stramm, so daß sich die fünf Reiter mit ihrem Gefreiten keinen andern Rat wissen, als zu Fuß zwischen den gut berittenen Franzosen denselben Weg zurückzugehen, den sie am Mittag gekommen sind.

Die Bayern jodeln jetzt nicht mehr und bedenken, daß sie da ein übles Stück vollbracht haben, und trauen sich nicht, ihren Pferden ins Auge zu schauen; aber die Franzosen sind um so lustiger. Ihre Gewehre liegen richtig noch am selben Platz, jeder findet seines, und der Leutnant sucht den Strunk von seinem Säbel zusammen; so müssen die Bayern nach Frankreich ziehen, anstatt die Franzosen nach Deutschland.

Gegen Abend kommen alle in ein französisches Dorf. Kinder, Weiber und Männer laufen zusammen und schauen jubelnd die gefangene Armee an. Und die Franzosen stolzieren einher, jeder wie ein Marschall, der Leutnant mit dem zerbrochnen Säbel aber wie Napoleon selber. Feierlich werden sie zum Diner geladen. Der Leutnant, der weiß, was sich schickt, sagt gleich auf die Ansprache des Bürgermeisters: »Unsere Feinde haben uns ein Dejeuner serviert, wir wollen ihnen das Diner nicht schuldig bleiben!« -- Und der Herr Maire ist rot vor Stolz, daß er das siegreiche Heer mit seinen Gefangenen bewirten darf, eine große Tafel wird auf der Wiese gerichtet für die Franzosen, die Bayern aber bekommen im Gemeindestübel, das vergitterte Fenster hat, ein Diner mit feinem Wein vorgesetzt. »Der Wein ist nicht schlecht!« schmunzeln die Gefangenen und begießen ihr trauriges Los.

Der Jagenteufel hat aber schon das Eiserne Kreuz auf seiner Brust gesehen, und so wurmt es ihn, daß sich das Antlitz der wetterwendischen Kriegsgöttin schnöde von ihm abgekehrt hat. Er geht -- doch nicht bevor die Flaschen leer sind -- auf Kundschaft aus. Eigentlich sollte die Tür versperrt sein, aber die Kellnerin hat sie versehentlich offen gelassen. Das erste, was dem Jagenteufel ins Auge sticht, sind die sechs bayrischen Rösser, die gut gefuttert haben und ihn mit Wiehern begrüßen; nicht weit davon vorm Wirtshaus tanzen die Soldaten mit den Dorfmädeln. Da geht der Jagenteufel um seine Mannschaft, sie schleichen zur Gewehr-Pyramide, die ganz im Dunkeln steht, werfen die Gewehre in den Brunnen außer ihren eigenen, die zu unterst liegen, schnallen sich die breiten Säbel um, sitzen auf und fahren mit »Hurra!« in den Dudelsacktanz hinein. Der Leutnant ist gleich da und springt auf einen Tisch, die Soldaten laufen nach ihren Gewehren, kommen aber wieder leer zurück, und der Leutnant überreicht seinen halben Degen dem Jagenteufel, der ihn dieses Mal zwischen seinen Händen bis auf den Griff abbricht. Dann marschieren alle den Weg zurück, den sie heut schon zweimal gegangen sind, hinterdrein Kinder und Weiber. Und das bayrische Heer jodelt wieder wie am Vormittag und singt: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!« -- und die Franzosen fangen an mitzusingen, weil sie viel Wein getrunken haben und die Worte doch nicht verstehen.

Bei der Grenze müssen die Mädel Abschied nehmen, weinen auch ein bissel dazu und hoffen aufs Wiedersehen; und der Jagenteufel mit seiner Patrouille führt hoch zu Roß (das gefährliche Wirtshaus bleibt dieses Mal rechts liegen) seine Gefangenen ins deutsche Quartier hinein.

Der Talisman

Von _Oskar Wöhrle_

Unteroffizier Bück, im Leben vor dem Kriege Theologe, ein kleiner, schmächtiger Mensch, dem man den Bücherhocker schon in der ersten Minute ansah, war der einzige von den Einjährigen-Unteroffizieren, der das Eiserne nicht hatte. Trotzdem, so ging die Meinung der ganzen Batterie, das heißt aller Kanoniere, hätte er es zehnmal eher verdient als mancher andere; denn er war ein Kerl, der mit einer unglaublichen Waghalsigkeit vorging.

Bei Sachen, vor denen es selbst den abgebrühtesten Infanteristen graulte, zeigte er, der Artilleriehilfsbeobachter, einen solchen Schneid, als hätte er Zeit seines Lebens mit den russischen Pimpatschen zu tun gehabt.

Galt's eine verlorene Patrouille vorzutreiben, Bück war dabei. Galt's eine feindliche Beobachtungsstelle auszuknobeln, Bück erknobelte sie. Galt's eine Leitung zu legen in schwierigem Gelände, im Artilleriefeuer, Bück legte sie. Und alle seine Verrichtungen tat er, dem Gefauche der blutgierigen Schrapnelle zum Hohn, mit einer Unbekümmertheit, als sei er unverwundbar.

Wir, seine Kameraden, warnten ihn mehr als einmal, sein Leben nicht so leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.

»Ach was!« sagte er. »Was heißt Gefahr? Mumpitz! Mir tut keine Kugel was, ich habe einen Talisman.«

»Sie, der Bibelpflüger, einen Talisman?«

Er lachte nur zu unseren Erstaunungen und sagte in seiner etwas schüchternen Art:

»Und wenn ihr erst wüßtet, was für einen!«

Bück hat recht behalten. Er fiel keiner Kugel zum Opfer, er mußte in den giftigen Krallen des Typhus enden. Bei Blonie liegt er begraben.

Als die Batterie seine Sachen heimatfertig machte, wurde auch der Talisman gefunden, ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier. Darauf stand mit violetter Tinte geschrieben, in klaren, unerschrockenen Buchstaben:

»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh; denn es ist alles eitel.

Es fähret alles an _einen_ Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub.

Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde fahre?

So sah ich denn, daß nichts Besseres ist, denn daß ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil; denn wer will ihn dahin bringen, daß er sehe, was nach ihm geschehen wird?«

Dieser Zettel wurde nicht mit weggeschickt. Er sei zu unchristlich, sagte der Feldwebel. Ich bat ihn mir aus. Als ich ihn späterhin, nicht ohne eine gewisse Bewegung, einem Kandidaten zeigte, zuckte der gleichmütig die Achseln: »Was ist denn da besonders Großes dabei? Die Stelle ist doch sattsam bekannt, siehe Prediger 3, Vers 19--22!«

Wie ein preußischer General einen Juden zum Offizier vorschlug

Von _Rudolf G. Binding_

Der General v. R--, Kommandeur einer Infanterie-Brigade, hatte in seinem Stab einen Ordonnanzoffizier. Diese Stellen wurden im Anfang des großen Krieges, mit dem der Sommer des Jahres 1914 die Welt überzog, vielfach nicht mit Offizieren besetzt, sondern mit solchen, die es werden sollten. In der Regel machte man, da die Infanterie an Offiziersaspiranten nicht geschwächt werden sollte, bei der Kavallerie eine Anleihe, und auf dieser Grundlage hatte der Rittmeister einer der Division unterstellten Schwadron den Befehl erhalten, zum Stabe des Generals v. R-- einen Ordonnanzoffizier zu kommandieren. Der Rittmeister kommandierte den Vizewachtmeister der Reserve K-- in die Stelle.

Der General war glücklich mit seinem Ordonnanzoffizier. Denn dieser war ein gebildeter, anstelliger junger Mann von gutem Aussehen, reiterlichen und anderen Fertigkeiten und trug sein Herz ziemlich am rechten Fleck. Der General konnte nicht umhin zu bemerken, wie nützlich sich K-- bei ihm machte, wie gut seine Pferde gediehen, seit K-- bei seinem Stabe war, wie dieser auch für sein, des Generals, leibliches Wohl in bester Weise sorgte, wie er selbst am liebsten nur mit K-- auf Erkundung oder zu den Stellungen seiner Truppen ritt, da kein andrer sich auf der Karte so gut auskannte wie sein neuer Ordonnanzoffizier, und was dergleichen Tugenden mehr waren, die er an ihm entdeckte. Es vergingen kaum ein paar Wochen, so erhielt der Vizewachtmeister, der sich bei einigen Aufträgen hervorgetan und dabei bewiesen hatte, daß er sich aus englischen Granaten nicht einen Pfifferling machte, das Eiserne Kreuz.