Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

Part 1

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Der Liebhaber-Bibliothek fünfzigster Band

Der Spiegel

Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

Herausgegeben von

Karl Lerbs

Sechstes bis fünfzehntes Tausend

Gustav Kiepenheuer Verlag

Potsdam--Berlin 1919

Dem Andenken

Johann Peter Hebels

Dubonnet

Ein Gruß an Hebel

Von _Otto Flake_

Im Schatzkästlein steht die Geschichte des deutschen Binnenländers, der in die große Stadt Amsterdam kommt und vor einem stolzen Schiff, einem prächtigen Haus und einem gewaltigen Begräbnis fragt: Wer ist es, dem dies gehört? »Kannitverstan«, ist die Antwort, und er beneidet den reichen Mann nicht mehr.

Eine gute Geschichte; Pointe und Moral darin, Treuherzigkeit und Humor. Als Knabe las ich sie im Lesebuch; sie hat mir so gefallen, daß ich sie nie vergaß. Und später, als ich auf Reisen ging, in fremde Städte kam, ging sie mir erst recht auf.

In ihrem Reiz war eine Aufforderung, wie jener junge Deutsche über vier, fünf Eindrücke aufs Geratewohl Eingeborene um Auskunft anzugehen und ein unbekanntes Wort zu erhalten, das ein Band schlang, wo keines war und einen Sinn, wo Sinn fehlte.

Sehr jung, in Weltlichkeit nicht eingeweiht, stieg ich am Ostbahnhof in Paris ab und begann sofort kreuz und quer herumzustreifen. Da stieß ich auf ein Wort, das sich immer, immer wiederholte: Dubonnet.

Zuerst bemerkte ich es in der Metrobahn, alle hundert Meter an den Wänden des Tunnels. Ich setzte mich auf Bänke in den Parks. Dubonnet stand auf der Lehne wie bei uns im Lande der Ordnung »Nur für Erwachsene«.

Wo Löcher in den Häuserzeilen häßlich gleich Lücken in den Zähnen eines Menschen klafften, prangte blau das Wort Dubonnet, auf den Firsten der Dächer flammte es nächtlich auf, in den Zeitungen füllte es halbe Seiten, umrahmt von leerem Weiß: Dubonnet, sonst kein Wort.

Dubonnet wiederholte ich, und als ich es fünfzigmal nachgesprochen hatte, wurde es wie ein mystischer Ruf, Symbol des Geheimnisvollen in der Wirklichkeit. Die Griechen hatten dem unbekannten Gott einen Tempel gebaut, war es nicht denkbar, daß in der Großstadt ein Wort der Gesinnung, Mahnung und fernen Weite metaphysisch rief?

Auf einer Kaffeehausterrasse erfuhr ich die Lösung des Rätselworts; es bestellte einer einen -- Dubonnet. Zuerst war ich enttäuscht, dann lachte ich, so fröhlich, daß man sich nach mir umsah. Lehre war es, daß es in der Großstadt keine Mystik gibt -- wie, warum denn nicht?

Nun _wollte_ ich sie, und wenn es mir gefiel, Dubonnet einen Klang wie dem erhabenen Feldgeschrei einer Religion zu geben, wer konnte mich daran hindern? »~Dieu le veut~« riefen die Kreuzritter, warum ich nicht Dubonnet?

So wurde mir Dubonnet, was jenem Jüngling Kannitverstan gewesen war, Laut des Tiefsinns, Gleichnis, Wort der eignen Souveränität, die ihren Willen setzt. Gruß, Vater Hebel, dir.

Zum Eingang

Der Versuch, die im deutschsprachigen Schrifttum auf dem Gebiet der Anekdote wirkenden Kräfte in einem Sammelbuch aufzuzeigen, erschien in manchem Betracht von Wert. Er wurde unternommen im vollen Bewußtsein seiner Schwierigkeit; hat sich doch die einst so klare Form der Anekdote dem großen Wandlungsvorgang der Zeit nicht entziehen können. Daß solche Wandlung große Gebiete des Stofflichen umfaßt, wird man als eine aus verändertem Zeitbild organisch erwachsene Ausweitung würdigen und begrüßen; daß aber die Bestimmtheit der Form sich verwischte und heute so manches als Anekdote ohne Recht sich ausgibt, -- das scheint eine Abgrenzung der Anekdote gegen andere Kunstformen nötig zu machen. Es sei versucht, von der Kennzeichnung ihres Wesens zu ihrer Wertung vorzudringen.

Die Anekdote ist die gedrängte, unbedingt in sich gerundete Darstellung eines Vorganges von irgendwie kennzeichnender Bedeutung, -- gleichgültig, ob kennzeichnend für eine bekannte Persönlichkeit, für einen Einzelmenschen, einen Menschentypus oder nur als Vorgang an sich. Sie ist nicht Ausmalung, Betrachtung, Stimmung, sondern Leben, Bewegung, Handlung. Das umrankende Beiwerk darf, sparsam verwandt, nicht die klaren, sicheren Linien des fortschreitenden Geschehens überwuchern; es darf nur dazu dienen, die plastische Wesenheit der Handlung zu erhöhen, die Farben mit lebendiger Leuchtkraft zu untermalen. Alles dient nur der Weiterführung des Geschehens, dem fortschreitenden Vordringen zu Wesen und Sinn; alles steht für sich selbst ohne breite, nachdenkliche Erläuterung da, die Klarheit bedarf keiner Erklärung und Erklügelung. Die Anekdote ist ein unbestechlicher _Spiegel_ des Lebendigen; darum habe ich dieses Buch »Der Spiegel« benannt. Wie ein Spiegel dem Betrachter einen fest umrissenen Ausschnitt aus einem Geschehen körperhaft zeigt, so auch die Anekdote. Man hat sie mit einer Zeichnung verglichen. Darin liegt viel Richtiges, wenn man die Zeichnung als Ganzes und Fertiges betrachtet, -- und doch kann der Vergleich irreführen. Denn die Technik des Anekdotenerzählers ist im wesentlichen eine andere als die des Zeichners. Dieser baut aus Linien ein Bild auf, das die zur Reglosigkeit erstarrte Plastik einer Situation wiedergibt, und erst die weiterschaffende Phantasie des Beschauers flößt ihm Leben ein. Ich erinnere z. B. an die Zeichnungen Menzels; sie sind in ihrer plastischen Kraft gewissermaßen Stoffe zu Anekdoten, und der Betrachter schöpft aus ihnen die Anregung zur Vervollständigung des linienscharf erfaßten Vorganges. Der Anekdotenerzähler aber packt mit sicherem Griff ein Lebendiges und läßt es durch Tun und Gebärde sein Wesen ausprägen. Zur langsam strichelnden Stimmungsergänzung bleibt ihm wenig Zeit, das drängende Tempo reißt ihn wie seinen Leser fort.

Das führt abermals auf den »Spiegel«-Vergleich, und diesmal tiefer. Die Anekdote kann sich nicht auf die ausführliche und _betrachtende_ Zerlegung seelischer Vorgänge einlassen. Diese Vorgänge sollen aus dem Geschehnis, das den Leser zum Nachdenken zwingt, erhellen. Auch der Spiegel liefert dem Beschauer Merkmal und Ausdruck des Seelischen und überläßt ihm die Folgerung daraus. Und weiter: Er fängt mit dem Handelnden zugleich auch seine Umgebung auf; aber von diesem Beiwerk wird auch nur dem eine wesentliche Rolle zufallen, das dazu dienen kann, den Vorgang zu begründen und zu unterstreichen, ihn zu erklären und zu ergänzen -- soweit ihm das überhaupt gegeben ist. So wird auch der Anekdotenerzähler vom »Milieu« in knappen, aber scharf und körperhaft bildenden Worten nur das erstehen lassen, was seinem Vorwurf farbigen Hintergrund gibt und den Fluß der Handlung weiterleitet.

Gewiß wird der »Spiegel«-Vergleich auch in anderen Fällen zutreffen; auch Satire etwa und Groteske können Spiegelungen sein, aber sie müssen um ihres Zweckes willen die Linien verstärken, verzerren, übertreiben. Die Anekdote ist aus dem Wirklichen erwachsen; Leben schaffen und wirken lassen nur durch seine Kraft ist ihr einziger Zweck. Ein alter Irrtum verlangt von ihr, daß sie zum Lachen reizen soll; auch das _kann_ ihre Folge sein, aber die Verallgemeinerung solcher Forderung ist natürlich unsinnig.

Den Vorwurf formalistischer Engherzigkeit, den man mir nach alledem vielleicht entgegenhält, wird man fallen lassen, wenn man erkannt hat, daß gerade hier dem wirklichen Künstler die klare Umreißung des Formbegriffs Schaffensvorbedingung ist. Und solche Beschränkung ist keine Enge; sie eröffnet das Feld für den stärksten Einsatz gestaltender Kraft, sie fordert eine gezügelte, aber gerade darum ganze und bedingungslos sich einsetzende Kunst. Sie belohnt den Bildner tausendfach durch die Freude am schöpferischen Wort, am lebenzeugenden Stil, am schönen, festen Gefüge des unverrückbar dastehenden Ganzen. Ihr Beherrscher wird sich aus eigener Kraft vom »Rezept« freimachen und in der strengen Form ein in sich vollendetes Mittel zur Geltendmachung seines Willens sehen; er wird auch ohne Schwanken darüber entscheiden, welche Möglichkeiten sich ihm auftun, wo die Grenzen liegen, bis zu denen er seine Kraft spielen lassen kann. Und aus solcher Meisterung, solcher unbeirrbaren Blickschärfe wird ihm ein Gewinn erstehen, der weit über den Sonderfall hinaus in anderen Formen der Kunst sich auswirkt.

Soweit der Versuch zur Festlegung des Programmatischen. Ich erhebe nicht den Anspruch, Abschließendes gesagt zu haben; ich bin mir auch durchaus bewußt, daß dieses Buch, rein als Auswahl genommen, diese oder jene Anforderung unerfüllt läßt, da es in seiner _anthologischen_ Eigenart einen ersten Schritt in unbegangenes Gebiet tut. Der Einladung, die ich an die hier vereinigten berufenen Erzähler ergehen ließ, lag die Absicht zugrunde, das Problem von recht vielen Seiten zu beleuchten und den Mitarbeitern die Möglichkeit zu schaffen, ihrer Auffassung durch das Beispiel Ausdruck zu geben. Darüber hinaus wird sich vielleicht über als wichtig erkannte Formprobleme eine Aussprache entspinnen, die (soweit das denkbar ist) zur Klarheit führt. Wenn aber der »Spiegel« diese Schattierungen in der Auffassung anschaulich macht, und wenn er durch den stets beobachteten einigenden Gesichtspunkt des Gewählten und die aus der Vielheit des Inhalts ganz unverkennbar sich abhebende Einheit der Grundlinien die Wirkung hat, eine als _Kunst_form nicht mehr nach Gebühr geachtete Erzählungsgattung wieder in ihre Rechte einsetzen zu helfen, so ist sein Zweck erreicht.

Warum dieses Buch der Lebendigen dem Andenken eines seit langem Toten gewidmet ist? Weil in der klaren, urwüchsigen Kraft der Hebelschen Anekdoten ein zeitloser Wert an lebensstarker, herzhafter Kunst und weltfrohem Menschentum steckt; weil wir Heutigen, die wir eigene Wege gehen und gehen sollen, diesem deutschen Erzähler Dank und Achtung schulden wegen der helläugigen Geradheit und aufrechten Schlichtheit seiner Geschichten.

Es bleibt mir noch die gern erfüllte Pflicht, allen, Mitarbeitern und Verlegern, die durch Beiträge und Nachdruckserlaubnis zu dem Buche beisteuerten, auch hier herzlichen Dank zu sagen.

Bremen, im Januar 1918.

Karl Lerbs

Von allerlei Leuten

Der ungebetene schwarze Gast

Von _Paul Keller_

In einer schlesischen Stadt lebte ein Schornsteinfegermeister, der das war, was man ein »gelungenes Huhn« nennt. Seine Streiche hatten von Jugend auf immer etwas Kühnes gehabt, und da er ein wohlhabender Mann war, konnte er seine angeborene Abenteuerlust auch auf nichtschlesische Gegenden ausdehnen. Eines Tages kam der Schornsteinfeger auf einer Sommerreise nach Friedrichshafen am Bodensee. Da erfuhr er, daß am nächsten Tage die württembergischen Landtagsabgeordneten die Luftschiffanlagen besichtigen und vom Grafen Zeppelin selbst geführt werden würden. Nach der Besichtigung sollten die Herren im königlichen Schloß bewirtet werden, der König und Zeppelin selbst würden dabei die »Honneurs« machen.

In der Seele des schlesischen Schornsteinfegermeisters entstand sofort ein kühner Plan. Er verschaffte sich eine passende Kleiderausrüstung und mischte sich am nächsten Morgen mit der zuversichtlichsten Miene der Welt unter die württembergischen Abgeordneten, ließ sich auch gar nicht dadurch beirren, daß ihn dieser oder jener etwas »befremdet« ansah, sondern »besichtigte« die Luftschiffanlagen und hörte den Erklärungen Zeppelins mit regem Interesse zu. Nachmals, als er in sein schlesisches Heimatstädtchen zurückgekehrt war, zeigte er voller Stolz die Photographien, die in Friedrichshafen aufgenommen worden waren, und auf denen unser Schornsteinfegerlein immer in dichtester Nähe von Zeppelin stand. Auch die illustrierten Zeitschriften haben ihn damals so verewigt.

An dem Tage selbst aber, als die »Führung« beendet war und die gastronomischen Genüsse kamen, die Bewirtung, dachte unser Meister: »Ich tue nichts Halbes; ich bleibe bei der Sache!« Er entwickelte im Schloß, wo ein »zwangloses kaltes Büffet« aufgestellt war, einen glänzenden Appetit; als er sich aber gerade einen Benediktiner zu Gemüte führen wollte, tippte ihn jemand auf die Schulter und fragte ganz leise: »Sie sind wohl ein blinder Passagier?«

Dunnerwetter, erschrak der Schornsteinfeger und begoß sich die Nase! Aber der andere blinzelte ihm beruhigend zu und flüsterte im schönsten Berlinerisch:

»Ick nämlich ooch!«

* * * * *

Diese Geschichte sieht so aus, als ob sie erfunden sei. Aber sie ist buchstäblich wahr. Ich veröffentlichte sie damals. Der Schornsteinfeger war außer sich, obwohl ich seinen und seines Heimatortes Namen natürlich gar nicht genannt hatte. Nun, glaubte er, sei eine hochnotpeinliche Untersuchung und seine Bestrafung außer Frage. Der Brave ängstigte sich umsonst. Es kam eine Postkarte folgenden Inhalts an mich:

»Friedrichshafen, den ...

Für die Mitteilung der köstlichen Geschichte von meinem ungebetenen ›schwarzen Gaste‹ danke ich bestens.

Graf _Zeppelin_.«

Wie hat da der kühne Schornsteinfeger triumphiert! Und ich bin ganz sicher: zu den Deutschen, die heute den Heimgang unseres geliebten Zeppelin im tiefsten Herzen beklagen, gehört sein »ungebetener schwarzer Gast«.

Eine Abelsberger Heiratsgeschichte

Von _Peter Rosegger_

Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt, und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres machen, als wieder einen Unseligen hineinzustecken. Ihren ersten Gatten hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes Haus zusammengefegt; die Gallbeißerin liebte ihn.

Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von seinem Gesichte wusch, um darzutun, daß er noch fein glatt und nicht alt sei; und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas verdünntem Karmin anstrich, um darzutun, daß sie fein und rot und noch jung sei.

Alsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit, wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes tat. Die Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgendeinem hohen Schornsteine eine Lungentzündung herab und legte sich damit zu Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und Neubrunn feierlich verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken einen schallenden »Tusch« aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit auf dem Chore mitmusiziert hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch nicht gesund, und zweitens, weil er todkrank wäre. Man stelle sich den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, alles aufzubieten, um zu retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister, ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der Meister bejahte und ein Übereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr befürwortete. Es geschah, aber der Notar, wie solche Leute schon in allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen, schrieb unter den Ehevertrag als letzte Klausel: »Dieser Kontrakt tritt mit der kirchlichen Trauung obengenannten Paares in Gültigkeit.«

Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur noch wenige Stunden mehr zu leben habe.

»Ist denn nicht _ein_ Stock mehr zu retten?« wimmerte die Braut und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin ans Bett und rief: »Mein Geliebter, mein Einziger, ich will dein Weib oder deine Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!« Der Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb' und Treue. Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.

Es _sei_ kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte sich ins Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bett gebe und somit der Herzenswunsch beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie Gott es wolle.

So wurde, da alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr obwalteten, die Trauung »einfach und würdig«, wie die Gallbeißerin es wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette weg in den Gasthof zum Festmahle, bei dem es gar heiter herging, die Braut viel mit Wein verehrt und sogar der Sterbende leben gelassen wurde.

Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister beigestellt hatte, und bei welchem wieder wacker angestoßen werden sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn entschlafen.

Die Braut flennte eins und dachte bei sich: Ach, was bei solchen Gelegenheiten die Zeremonien lästig sind!

Am anderen Morgen, während auf dem Turme die Totenglocken klangen, bestieg die Gallbeißerin tränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des Schmerzes, wieder zur Erde nieder.

Am Haustore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.

Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die nicht früh genug ins reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne er von dieser höchst ehrenwerten Seite. Er habe -- und damit zog der Bäckermeister ein Papier aus der Tasche -- einen Schuldbrief in der Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfeger Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe; diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden wert, ein anderes Vermögen sei nicht da, und es freue ihn -- den Bäckermeister --, daß sein ehrenwerter, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu werden. Er sei überzeugt, die Witwe und Erbin werde das Andenken des Verstorbenen dadurch ehren, daß sie -- wozu er bereits die amtlichen Wege zu betreten sich erlaubt habe -- ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen, sondern erkläre sich in Gottes Namen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.

So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen, und nun kamen für die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.

Es wäre unerquicklich, ihre Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde gelange.

Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, und so weiter. -- Der Bäckermeister soll's auch bedenken!

Ein Wiedersehen

Von _Rudolf Huch_

Als ich noch zu den jüngeren Rechtsanwälten gehörte, kam einmal ein Mann aus Braunschweig zu mir, der wirklich Schulze hieß. Er war ein älterer Mann, kam auf einem Rade gefahren und trug eine runde Radfahrermütze mit einem bunten Stern. Das gefiel mir nicht. Er wollte einen Prozeß führen. Ich sagte, daß er ihn zur Hälfte gewinnen und zur Hälfte verlieren würde. Er wollte das nicht glauben, es kam aber doch so. Als er einmal wieder sehr lange bei mir gesessen und das Gegenteil bewiesen hatte, erklärte ich ihm, ich brauchte das alles nicht, sondern nur eine Erklärung auf den letzten Schriftsatz des Gegners. Er behauptete, eben darüber hätte er sich seit einer Stunde verbreitet.

»Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn!«

Seine Augen quollen auf eine beängstigende Art hervor, er verzog sich rückwärts aus der Tür und kam nicht wieder.

Wenigstens erst nach drei Jahren. Ich war von der Herzogstraße in eine andre Wohnung gezogen und hatte mir einen Bart stehen lassen. Herr Schulze wollte wieder einen Prozeß führen, und zwar einen großen. Unsre Bekanntschaft erwähnte er nicht und ich auch nicht.

Diesen Prozeß gewann er, aber als das Urteil rechtskräftig war, meldete der Schuldner Konkurs an. Ich mußte Herrn Schulze auch im Konkurse vertreten, obwohl ich ihm sagte, das könne er selbst. Der Gemeinschuldner bot einen Vergleich mit fünfundzwanzig Prozent an. Ich sagte, dreißig müßten es sein, worauf er antwortete, dann wolle er dreißig zahlen. Damit war meine Tätigkeit beendet. Die fünf Prozent kamen allen Gläubigern zugute, meine Kosten mußte Schulze natürlich allein tragen. Er kam selbst, um das Geld zu bringen.

Ich sagte einigermaßen befangen: »Es hat sich recht aufgesummt!«

»Bitte sehr,« erwiderte er höflich. »Man zahlt gern, wenn man so gut aufgehoben ist. Ich hatte vor drei Jahren hier am Orte einen Prozeß. Damals vertrat mich Ihr Kollege, der auf der Herzogstraße wohnt, ich weiß nicht mehr, wie er heißt. Der Mann konnte mir nicht imponieren!« -- »Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn, was Sie mir damals sagten!«

Herr Schulze gab keine Antwort. Seine Augen quollen auf eine beängstigende Art hervor, er verzog sich rückwärts aus der Tür und kam nicht wieder.

Engelbert Meisenheimers Kriegsbeute

Von _Heinrich von Schullern_

Engelbert Meisenheimer, der uralte Radetzkyveteran, ist nun auch gestorben. Er war einer der »Salzburger Edelknaben«, die einst Brescia bezwangen. Dabei will gerade er sich löwenkühn benommen haben. Das hat seine eigene Bewandtnis.

»Nur die Liebe zu meiner jetzt im Herrn ruhenden Alten«, pflegte er noch in den letzten Lebensjahren zu erzählen, »war größer als die Ehrfurcht von unseren Generalen. Denken Sie nur, die Kathi ist meine Braut gewesen, den ganzen langen Krieg hindurch. Den reichen Obergugginger Franz hat sie ausgschlagen und geduldig auf mich armen Korporal gwartet. Ich war immer der Überzeugung, so etwas muß belohnt werden. Gold und Edelsteine haben andere aus Feldzügen mitgebracht. Bei Vater Radetzky aber -- das ist uns gleich gsagt worden -- war die Plünderei verboten. Recht so, hab ich gedacht und auch gut gheißen, wie unser Haynau mit dem Galgen gedroht hat. Es war grimmig schlecht von mir, daß ich in Brescia seinem strengen Befehl zuwiderghandelt habe; aber es war auch meine größte -- Heldentat. Unter Haynau über die Welschen siegen, war eine Kleinigkeit, ein Kinderspiel. Seine strengen Befehle übertreten, diesem fürchterlichen Mann Trotz bieten, das hab nur ich und der Feldwebel Überacher Quirin vom Ersten Bataillon zusammengebracht. Er tragt die Hauptschuld, er hat mich überredet.