Der Spaziergang

Part 5

Chapter 53,263 wordsPublic domain

Ich bin vielleicht in Bezug auf den Baum, den Geiz, den Bauer, den Transport nach Sibirien und die Prügel, die anscheinend der Bauer verdient, weil er den Baum fällt, etwas zu weit gegangen und muß gestehen, daß ich mich habe hinreißen lassen, zu zürnen. Freunde von schönen Bäumen werden indessen meinen Unmut begreifen und meinem so lebhaft zum Ausdruck gebrachten Bedauern beistimmen. Die tausend Peitschenhiebe nehme ich meinetwegen gerne zurück. Dem Ausdruck »Trottel« versage selbst ich den Beifall. Ich mißbillige das grobe Wort und bitte den Leser deswegen um Entschuldigung. Da ich mich bereits mehrmals entschuldigen mußte, so habe ich im höflichen um Verzeihung Bitten schon eine gewisse Übung erlangt. »Gefühlloser und ruchloser Besitzer« hätte ich ebenfalls nicht nötig gehabt zu sagen. Es sind dies geistige Erhitzungen, die vermieden werden müssen. Das ist klar. Den Schmerz um eines schönen, hohen, alten Baumes Sturz lasse ich stehen und eine böse Miene mache ich hierüber sicher, woran mich niemand verhindern darf. »Aus der Gemeinde ausstoßen« ist unvorsichtig gesprochen, und was die Geldgier betrifft, die ich als gemein bezeichnet habe, so nehme ich an, daß auch ich bereits ein oder das andere mal hindiesbezüglich schwer gefrevelt, gefehlt und gesündigt habe und daß gewisse Elendigkeiten und Gemeinheiten auch mir durchaus nicht fremd und unbekannt geblieben sind. Mit diesen Sätzen mache ich Flaumacherpolitik, wie man sie schöner gar nicht zu sehen bekommen kann; aber ich halte diese Politik für eine Notwendigkeit. Der Anstand gebietet uns, acht zu geben, daß wir mit uns selber ebenso streng verfahren wie mit andern, und daß wir andere ebenso milde und gelinde beurteilen wie uns selber, und letzteres tun wir ja bekanntlich jederzeit unwillkürlich. Ist es nicht geradezu reizend, wie ich hier Fehler sauber korrigiere und Verstöße abglätte? Indem ich Eingeständnisse mache, erweise ich mich als friedfertig, und indem ich Eckiges abrunde und Hartes weich mache, bin ich ein feiner, zarter Abschwächer, zeige ich Sinn für gute Tonart und bin ich diplomatisch. Blamiert habe ich mich immerhin; aber ich hoffe, man anerkenne den guten Willen.

Wenn jetzt jemand noch sagt, daß ich ein rücksichtsloser Mensch, Machtmensch und Machthaber sei, der blind drauflos geht, so behaupte ich, d. h. wage ich zu hoffen, daß ich das Recht habe, zu behaupten, daß sich die Person, die das sagt, bös irrt. So zart und sanft wie ich hat vielleicht noch nie ein Autor beständig an den Leser gedacht.

So, und nun kann ich mit Palais oder Adelspalästen dienstfertig aufwarten und zwar wie folgt: Ich trumpfe förmlich auf; denn mit solch einem halbverfallenen Edelsitz und Patrizierhaus, mit einem altersgrauen, parkumgebenen, stolzen Rittersitz und Herrenhaus wie das ist, das jetzt hier auftaucht, kann man Staat machen, Aufsehen erregen, Neid erwecken, Bewunderung hervorrufen und Ehre einheimsen. Mancher arme aber feine Literat wohnte mit Herzenslust und höchstem Vergnügen in solch einem Schloß oder Burg mit Hof und Einfahrt für hochherrschaftliche, wappengeschmückte Wagen. Mancher arme aber genußfreudige Maler träumt von zeitweiligem Aufenthalt auf köstlichen, altertümlichen Landsitzen. Manches gebildete, aber vielleicht bettelarme Stadtmädchen denkt mit wehmütigem Entzücken und mit idealem Eifer an Teiche, Grotten, hohe Gemächer und Sänften und sich selbst bedient von eilfertigen Dienern und edelmütigen Rittern. Auf dem Herrenhause, das ich da sah, d. h. mehr an als auf ihm, war die Jahreszahl 1709 zu sehen und zu lesen, was mein Interesse natürlich lebhaft erhöhte. Mit einem gewissen Entzücken schaute ich als Natur- und Altertumsforscher in den verträumten, alten, sonderbaren Garten hinein, wo ich in einem Bassin mit reizend plätscherndem Springbrunnen den seltsamsten meterlangen Fisch, nämlich einen einsamen Wels, leicht entdeckte und konstatierte. Ebenso sah und entdeckte ich und stellte ich mit romantischer Wonne fest einen Gartenpavillon im maurischen oder arabischen Stil, schön und reich mit Himmelblau, geheimnisvollem Sternen-Silber, Gold, Braun und edlem, ernstem Schwarz bemalt. Ich vermutete und witterte mit höchst feinem Verständnis sogleich heraus, daß der Pavillon ungefähr im Jahr 1858 entstanden sein und errichtet worden sein dürfte, ein Ermitteln, Erraten und Herausriechen, das mich vielleicht berechtigt, diesbetreffs einmal einen einschlägigen Vortrag oder eine Vorlesung im Rathaussaal vor vielem beifallfreudigem Publikum mit ziemlich stolzem Gesicht und selbstbewußter Miene zuversichtlich abzuhalten. Den Vortrag erwähnte sehr wahrscheinlich dann die Presse, was mir selbstverständlich nur lieb sein könnte; denn sie erwähnt manchmal allerlei mit keinem Sterbenswörtchen. Indem ich den arabischen oder persischen Gartenpavillon studierte, fiel mir ein, zu denken: »Wie schön muß es hier des Nachts sein, wenn alles mit einem beinahe undurchdringlichen Dunkel umflort ist, alles ringsherum still, schwarz und lautlos ist, Tannen aus dem Dunkel leise hervorragen, mitternächtliches Empfinden den einsamen Wanderer festhält, und nun eine Lampe, die süßen, gelben Schein verbreitet, in den Pavillon hineingetragen wird von einer schönen, reizgeschmückten, edlen Frau, die dann, von einem eigentümlichen Geschmack getrieben und von seltsamer Seelenanwandlung bewogen, auf dem Piano, womit in diesem Fall natürlich unser Gartenhaus ausgestattet zu sein hat, Lieder zu spielen beginnt, wozu sie, falls der Traum erlaubt ist, mit entzückend schöner, reiner Stimme singt. Wie würde man da lauschen, wie würde man da träumen, wie würde man über die Nachtmusik glücklich sein.«

Aber es war nicht Mitternacht und weit und breit weder ein ritterliches Mittelalter noch ein Jahr Fünfzehn- oder Siebzehnhundert, sondern heller Tag und Werktag, und ein Trupp Leute nebst einem der unhöflichsten und unritterlichsten, barschesten und impertinentesten Automobile, die mir je begegneten, störten mich an der Fülle meiner gelehrten und romantischen Betrachtungen sehr und warfen mich im Handumdrehen aus aller Schloßpoesie und Vergangenheitsträumerei heraus, derartig, daß ich unwillkürlich ausrief: »Zwar sehr grob ist das, wie man mich hier hindert, die feinsten Studien zu machen und mich in die vornehmsten Vertiefungen zu versenken. Ich könnte entrüstet sein; aber statt dessen will ich lieber sanftmütig sein und manierlich leiden und dulden. Süß ist der Gedanke an das vorübergegangene Schöne und Holde, süß ist das edle blasse Gemälde untergegangener, ertrunkener Schönheit; aber der Mitwelt und den Mitmenschen hat man keinen Grund deswegen den Rücken zu kehren, und man darf nicht glauben, daß man berechtigt sei, Leuten und Einrichtungen zu grollen, weil sie die Stimmung nicht berücksichtigen, die derjenige hat, der sich an Geschichtliches und Gedankliches verliert.«

»Ein Gewittersturm«, dachte ich im Weitergehen, »wäre hier schön. Hoffentlich erlebe ich bei guter Gelegenheit einen solchen.« An einen guten, ehrlichen, kohlrabenschwarzen Hund, der am Weg lag, richtete ich folgende spaßhafte Ansprache: »Kommt dir scheinbar gänzlich unbelehrten und unkultivierten Burschen wirklich nicht im entferntesten in den Sinn, aufzustehen und mich mit deiner pechschwarzen Tatze zu grüßen, wo du mir doch am Schritt und am ganzen übrigen Gehaben ansehen mußt, daß ich ein Mensch bin, der volle sieben gute Jahre lang in der Welt- und Hauptstadt gelebt hat, und der während dieser Zeit aus dem Verkehr und angenehmen Umgang mit ausschließlich gebildeten Menschen fast keine Minute, geschweige denn Stunde oder gar Monat und Woche lang herausgekommen ist? In welche Schule bist du, ruppiger Gesell, denn eigentlich gegangen? Wie? Und nicht einmal eine kleine Antwort gibst du mir? Bleibst ruhig liegen, schaust mich ruhig an, verziehst keine Miene und bleibst unbeweglich wie ein Monument? Schäme dich!«

Tatsächlich jedoch gefiel mir der Hund, der in der treuherzigen Wachsamkeit und in der humorvollen Ruhe und Gelassenheit, die er zur Schau trug, prächtig aussah, ungemein gut, und weil er mich so fröhlich anblinzelte, redete ich mit ihm, und weil er ja doch wohl kein Wort verstand, durfte ich mir herausnehmen, ihn zu schelten, was aber, wie man aus der Possierlichkeit der Redeweise gemerkt haben wird, jedenfalls nicht böse gemeint sein konnte.

Beim Anblick eines höchst soigniert dahertrabenden und wackelig stolzierenden feinen steifen Herrn hatte ich den wehmütigen Gedanken: »Und vernachlässigte kleine arme schlechtgekleidete Kinder? Ist es möglich, daß so ein schöngekleideter, grandios aufgeputzter, glänzend ausstaffierter und austapezierter, ring- und schmuckbehangener, geschniegelter und gewichster Herr keinen Augenblick an arme junge Geschöpfe denkt, die oft genug in Fetzen einhergehen, traurigen Mangel an Pflege und Säuberlichkeit offenbaren und kläglich verwahrlost sind? Geniert sich der Pfau nicht ein bißchen? Fühlt sich der Herr Erwachsene, der so schön einhergeht, beim Anblick der schmutzigen, fleckigen Kleinen ganz und gar nicht betroffen? Mich dünkt, es dürfte kein erwachsener Mensch Lust zeigen, geputzt aufzutreten, solange es immer noch Kinder gibt, denen jeder äußere Schmuck mangelt.«

Aber man könnte mit ebenso viel Recht sagen, daß niemand ins Konzert gehen oder eine Theatervorstellung besuchen oder sonstwelche Lustbarkeit genießen sollte, solange es Gefängnisse und Strafanstalten mit unglücklichen Gefangenen in der Welt gibt. Dies geht selbstverständlich zu weit. Und wenn jemand mit Genießen und mit aller Lebenslust solange warten wollte, bis die Welt endlich keine unglücklichen armen Menschen mehr aufweisen würde, so müßte er bis an das graue unausdenkbare Ende aller Tage und bis ans eisigkalte, öde Ende der Welt warten, und bis dahin dürfte ihm die Lust und das Leben selber gründlich vergangen sein.

Eine zerzauste, zerarbeitete, zermürbte, wankende Arbeiterin, die auffällig müde und geschwächt und doch hastig daherkam, weil sie offenbar rasch noch allerlei zu verrichten hatte, mahnte mich im Augenblick an feingepflegte, verwöhnte Töchterchen oder höhere Töchter, die oft nicht wissen oder zu wissen scheinen, mit welcher Art zierlicher vornehmer Beschäftigung oder Zerstreuung sie ihren Tag zu verbringen haben, und die vielleicht nie rechtschaffen müde sind, die tagelang, wochenlang darüber nachdenken, was sie tragen könnten, um den Glanz ihres Bildes zu erhöhen, und die lange Betrachtungen darüber anzustellen Zeit in Hülle und Fülle haben, was sie bewerkstelligen sollen, damit mehr und immer mehr übertriebene kränkliche Finessen ihre Person und ihr süßes, zuckerbäckerhaftes Figürchen einhüllen.

Aber ich bin ja meistens selber ein Liebhaber und Verehrer solcher liebenswürdiger, bis ins äußerste gepflegter, mondscheinhaft schöner, zarter Mädchenpflanzen. Ein reizendes Backfischchen könnte mir befehlen, was ihm einfiele, ich würde ihm blindlings gehorchen. O wie ist die Schönheit schön und das Hinreißende hinreißend!

Wieder komme ich auf Architektur und Baukunst zu sprechen, wobei ein Stückchen oder Fleckchen Kunst und Literatur zu berücksichtigen sein wird.

Vorher eine Bemerkung: Alte edle würdige Häuser, historische Stätten und Bauten mit Blümchen-Ornamentik zu beputzen, kündigt denkbar schlechten Geschmack an. Wer das tut oder tun läßt, sündigt gegen den Geist des Würdigen und Schönen und verletzt die schöne Erinnerung an unsere ebenso tapferen wie edlen Vorfahren. Zweitens bekränze und bestecke man nie Brunnen-Architekturen mit Blumen. Blumen sind an sich freilich schön; aber sie sind nicht dazu da, um die edle Strenge und strenge Schönheit von Steinbildern zu verlalifaren und zu verwischen. Überhaupt kann die Vorliebe für Blumen in dumme Blumensucht ausarten. Persönlichkeiten, Magistrate, die dies angeht, mögen sich autoritativen Ortes erkundigen, ob ich recht habe, und sich hernach hübsch danach gütig verhalten.

Um zwei schöne und interessante Gebäulichkeiten zu erwähnen, die mich stark fesselten und meine Aufmerksamkeit in ungewöhnlichem Grad in Anspruch nahmen, sei gesagt, daß ich nämlich, indem ich so meinen Weg weiter verfolgte, vor eine entzückende seltsame Kapelle kam, die ich sogleich die Brentano-Kapelle nannte, weil ich sah, daß sie aus der phantasieumwobenen, goldumhauchten, halb hellen und halb dunklen Zeit der Romantiker stammte. Der große wilde stürmische dunkle Roman »Godwin« von Brentano fiel mir ein. Hohe schlanke Bogenfenster gaben dem höchst originellen, sonderbaren Gebäude ein zartes, liebliches Ansehen und verliehen ihm den Geist des Zaubervollen, den Zauber der Innigkeit und des gedankenhaften Lebens. Feurige tiefsinnige Landschaftschilderungen von eben erwähntem Dichter kamen mir in Erinnerung, namentlich die Beschreibung deutscher Eichenwälder. Bald darauf stand ich vor der Villa genannt »Terrasse«, die mich an den Maler Karl Stauffer-Bern, der hier zeitweise wohnte und hauste, und gleichzeitig an gewisse sehr vornehme edle Baulichkeiten mahnte, die an der Tiergartenstraße zu Berlin stehen, die um des strengen, hoheitvollen und schlicht-klassischen Stiles willen, den sie zum Ausdruck bringen, sympathisch und sehenswürdig sind. Das Staufferhaus und die Brentano-Kapelle stellten sich mir als Denkmäler zweier streng von einander getrennter Welten dar, die beide auf ihre eigentümliche Art anmutig, unterhaltend und bedeutend sind. Hier die gemessene, kühle Eleganz, dort der übermütige, tiefsinnige Traum, hier etwas Feines und Schönes und dort etwas Feines und Schönes, aber als Wesen und Bildung völlig verschieden, obwohl einander der Zeit nach nah. Es fängt jetzt auf meinem Spaziergang allmählich an zu abenden, und das stille Ende, scheint mir, sei nicht mehr gar so fern.

Einige Alltäglichkeiten und Verkehrserscheinungen sind hier vielleicht ganz am Platz, nämlich etwa der Reihe nach: eine stattliche Klavierfabrik nebst andern Fabriken und Etablissementen, eine Pappelallee dicht neben einem schwärzlichen Fluß, Männer, Frauen, Kinder, elektrische Straßenbahnwagen, ihr Krächzen und der ausschauende verantwortliche Feldherr oder Führer, ein Trupp reizend gescheckter und gefleckter blaßfarbiger Kühe, Bauernfrauen auf Bauernwagen und dazugehöriges Rädergeroll und Peitschenknallen, etliche schwerbepackte, hochaufgetürmte Lastwagen, Bierwagen und Bierfässer, heimkehrende, aus der Fabrik hervorströmende und -brechende Arbeiter, das Überwältigende dieses Massen-Anblicks und -Artikels und seltsame Gedanken hierauf bezüglich; Güterwagen mit Gütern vom Güterbahnhof herfahrend, ein ganzer fahrender und wandernder Zirkus mit Elefanten, Pferden, Hunden, Zebras, Giraffen, in Löwenkäfigen eingesperrten grimmigen Löwen, mit Singalesen, Indianern, Tigern, Affen und einherkriechenden Krokodilen, Seiltänzerinnen und Eisbären und all dem nötigen Reichtum an Gefolge, Dienerschaft, Artistenpack und -Personal, weiter: Jungens mit hölzernen Waffen bewaffnet, die den europäischen Krieg nachahmen, indem sie sämtliche Kriegsfurien entfesseln, ein kleiner Galgenstrick, der das Lied »Hunderttausend Frösche« singt, worauf er mächtig stolz ist; ferner: Holzer und Waldmenschen mit Karren voll Holz, zwei bis drei Prachtschweine, wobei sich die lebhafte Phantasie des Beschauers die Köstlichkeit und Annehmlichkeit eines herrlich duftenden, fertig zubereiteten Schweinebratens gierig ausmalt, was ja verständlich ist; ein Bauernhaus mit Sinnspruch über der Einfahrt, zwei Böhminnen, Galizierinnen, Slavinnen, Wendinnen oder gar Zigeunerinnen in roten Stiefeln und mit pechschwarzen Augen und dito Haar, bei welchem fremdartigen Anblick man vielleicht an den Gartenlauberoman »Die Zigeunerfürstin« denkt, der zwar in Ungarn spielt, was aber wenig ausmacht, oder an »Preziosa«, die ja zwar spanischen Ursprungs ist, was man aber nicht gar so genau zu nehmen braucht. Ferner an Läden: Papier-, Fleisch-, Uhren-, Schuh-, Hut-, Eisen-, Tuch-, Kolonialwaren-, Spezerei-, Galanterie-, Mercerie-, Bäcker- und Zuckerbäckerläden. Und überall, auf allen diesen Dingen liebe Abendsonne. Ferner viel Lärm und Geräusch, Schulen und Schullehrer, letztere mit Gewicht und Würde im Gesicht, Landschaft und Luft und viele Malerei. Ferner nicht zu übersehen oder zu vergessen: Aufschriften und Ankündigungen wie »Persil« oder »Maggis unübertroffene Suppenrollen« oder »Continental-Gummiabsatz enorm haltbar« oder »Grundstück zu verkaufen« oder »Die beste Milch-Schokolade« oder ich weiß wahrhaftig nicht, was sonst noch alles. Wollte man so aufzählen, bis alles getreulich aufgezählt wäre, so käme man an kein Ende. Einsichtige fühlen und merken das. Ein Plakat oder Tafel fiel mir vorzüglich auf; der Inhalt war folgender:

Kostgängerei

oder feine Herrenpension empfiehlt feinen oder wenigstens besseren Herren ihre prima Küche, die derartig ist, daß wir mit ruhigem Gewissen sagen können, sie befriedige den verwöhntesten Gaumen und entzücke den lebhaftesten Appetit. Auf allzu hungrige Mägen möchten wir indessen lieber verzichten zu reflektieren. Die Kochkunst, die wir darbieten, entspricht höherer Erziehung, womit wir angedeutet haben möchten, daß es uns lieb sein wird, nur wirklich gebildete Herren an unserer Tafel schmausen zu sehen. Kerlen, die ihren Wochen- und Monatslohn vertrinken und daher nicht prompt zu zahlen imstande sind, wünschen wir nicht im entferntesten zu begegnen; vielmehr halten wir inbezug auf unsere sehr geehrte Kostgängerschaft auf zarten Anstand und gefällige Manieren. Reizende, artige Töchter pflegen bei uns an den köstlich gedeckten, mit Blumen aller Art geschmückten, appetitlichen Tischen zu servieren. Wir sprechen das aus, damit Herren Reflektanten einsehen, wie nötig es ist, sich von dem Augenblick an fein zu benehmen und tatsächlich flott und proper aufzuführen, wo der allfällige Herr Pensionär seinen Fuß in unsere estimable, respektable Pension setzt. Mit Wüstlingen und Raufbolden, mit Prahlhelden und Großtuern wollen wir ganz entschieden nichts zu schaffen haben. Solche, die Anlaß zu haben glauben, sich zu sagen, daß sie zu dieser Sorte gehören, wollen die Güte haben, unserem Institut ersten Ranges fern zu bleiben und uns mit ihrer unangenehmen Gegenwart zu verschonen. Jeder nette, zarte, höfliche, artige, feine, zuvorkommende, freundliche, fröhliche, aber nicht übermäßig freudige und fröhliche, sondern eher leise, vor allen Dingen aber zahlungsfähige, solide, pünktlich zahlende Herr hingegen wird uns in der Tat in jeder Hinsicht willkommen sein, und er soll auf das feinste bedient und auf das allerhöflichste und schönste behandelt sein; das versprechen wir ehrlich und denken es auch allezeit zu halten, daß es eine Lust ist. Ein solcher netter, reizender Herr soll auf unserer Tafel so ausgesuchte Leckerbissen finden, wie er die größte Mühe haben würde, sie andernortes anzutreffen; denn tatsächlich gehen aus unserer exquisiten Küche Meisterwerke der Kochkunst hervor; das wird jeder Gelegenheit haben zu bestätigen, der es mit unserer vornehmen Herrenkostgängerei versuchen will, wozu wir ihn auffordern und jederzeit ermuntern. Das Essen, das wir auf den Tisch setzen, übersteigt sowohl an Güte wie an Menge jeden einigermaßen gesunden Begriff, und keine noch so lebhafte Phantasie und menschliche Einbildungskraft ist fähig, sich die delikaten und mundwässernden Bissen auch nur annähernd vorzustellen, die wir zu verabfolgen und vor die freudig erstaunten Gesichter unserer Herren Eßmannschaften zu stellen gewöhnt sind. Aber es kommen, wie bereits mehrmals betont, nur bessere Herren in Betracht, und man erlaube uns gütig, um Irrtümer zu vermeiden und Zweifel zu beseitigen, unsere diesbezügliche Auffassung kurz kundzutun. In unseren Augen ist nur derjenige ein besserer Herr, der von Feinheit und Bessersein strotzt und der in jeder Beziehung halt einfach viel besser ist als andere schlichte Leute. Leute, die weiter nichts als schlicht sind, passen uns durchaus nicht. Ein besserer Herr ist nach unserer Meinung nur der, der sich ziemlich viel eitles und albernes Zeug einbildet und der sich vor allen Dingen einzubilden vermag, daß seine Nase besser ist als irgend eines beliebigen andern guten und vernünftigen Menschen Nase. Das Betragen eines bessern Herrn spricht diese eigentümliche Voraussetzung deutlich aus, und hierauf verlassen wir uns. Wer nur gut, grad und ehrlich ist und weiter keinen andern bedeutsamen Vorzug aufweist, der bleibe uns bitte fern; denn er scheint uns kein feinerer und besserer Herr zu sein. Für die Auswahl von nur feinsten und gediegensten besseren Herren besitzen wir das feinste Verständnis. Wir merken es sofort am Gang, an der Tonart, an der Art, Unterhaltung zu machen, am Gesicht, an den Bewegungen und namentlich an der Kleidung, am Hut, am Stock, an der Blume im Knopfloch, die entweder existiert oder nicht, ob ein Herr zu den besseren Herren zu zählen sei oder nicht. Der Scharfblick, den wir hierin besitzen, grenzt an Zauberei, und wir wagen zu behaupten, daß wir uns in diesen Stücken eine gewisse Genialität zumuten. So, nun weiß man, mit welcher Art von Leuten wir rechnen, und kommt ein Mensch zu uns, dem wir von weitem ansehen, daß er sich für uns und unsere Pension nicht eignet, so sagen wir ihm: »Wir bedauern sehr, und es tut uns recht leid.«

Zwei bis drei Leser werden vielleicht in die Wahrscheinlichkeit dieses Plakates einige Zweifel setzen, indem sie sich sagen werden, daß man nicht recht daran glauben könne.

Vielleicht sind da oder dort Wiederholungen vorgekommen. Ich möchte aber bekennen, daß ich Natur und Menschenleben als eine ebenso schöne wie reizende Flucht von Wiederholungen anschaue, und ich möchte außerdem bekennen, daß ich eben diese Erscheinung als Schönheit und als Segen betrachte. Es gibt freilich manchenortes durch Überreizung verdorbene, sensationslüsterne Neuigkeitenschnapper und -Lecker, Menschen, die fast jede Minute nach irgend noch niedagewesenen Genüssen lüsten. Für solcherlei Leute dichtet der Dichter keinesfalls, wie der Musiker nicht Musik für sie macht und der Maler nicht für sie malt. Im großen und ganzen dünkt mich das stetige Bedürfnis nach Genuß und Kost von immer wieder gänzlich neuen Dingen ein Zug von Kleinheit, Mangel an innerem Leben, Naturentfremdung und mittelmäßiger oder mangelhafter Auffassungsgabe zu sein. Kleine Kinder sind es, denen man immer irgend etwas Neues und Anderes vorführen muß, damit sie nur nicht unzufrieden sind. Der ernsthafte Schriftsteller fühlt sich nicht berufen, Anhäufungen des Stofflichen zu besorgen, nervöser Gier behender Diener zu sein, und er fürchtet sich folgerichtigerweise nicht vor einigen natürlichen Wiederholungen, obgleich er sich selbstverständlich stets Mühe gibt, zu viele Ähnlichkeiten fleißig zu verhüten.