Der Spaziergang

Part 4

Chapter 43,453 wordsPublic domain

Herr Dünn besaß die Unverfrorenheit, mir zu sagen: »Ich verstehe Ihre Entrüstung nicht und werde nie zu bewegen sein, sie zu verstehen. Die zahlreichen heftigen Vorwürfe, die Sie mir machen zu müssen glauben, sind mir unbegreiflich und werden mir sehr wahrscheinlich stets unbegreiflich sein. Der Anzug sitzt sehr gut. Niemand wird mich irgend etwas anderes glauben machen. Die Überzeugung, die ich habe, daß Sie ungemein vorteilhaft darin aussehen, erkläre ich für unerschütterlich. An gewisse denselben auszeichnende Eigentümlichkeiten und Eigenartigkeiten werden Sie sich in kurzer Zeit gewöhnt haben. Höchste Staatsbeamte bestellen bei mir ihren überaus schätzenswerten Bedarf; ebenso lassen Herren Gerichtspräsidenten huldvoll bei mir arbeiten. Dieser sicherlich schlagende Beweis meiner Leistungsfähigkeit genüge Ihnen. Auf überspannte Erwartungen und Vorstellungen vermag ich nicht einzugehen, und auf anmaßliche Forderungen läßt sich Schneidermeister Dünn keineswegs ein. Besser situierte Leute und vornehmere Herren wie Sie sind mit meiner Gewandtheit und Fertigkeit in jeder Hinsicht zufrieden gewesen. Diese Anspielung dürfte Sie entwaffnen.«

Da ich einsehen mußte, daß es unmöglich sei, irgend etwas auszurichten, und da ich mir sagen mußte, daß meine vielleicht nur allzu feurige und ungestüme Attacke sich in eine schmerzliche und schmähliche Niederlage verwandelt hatte, so zog ich meine Truppen aus dem unglücklichen Gefecht zurück, brach weich ab und flog beschämt davon. Solchergestalt endete das kühne Abenteuer mit dem Schneider. Ohne mich nach irgend welchen andern Dingen umzuschauen, eilte ich auf die Gemeindekasse oder auf das Steuerbureau wegen der Steuern; aber hier muß ich einen gröblichen Irrtum berichtigen.

Es handelte sich nämlich, wie mir jetzt nachträglich einfällt, nicht um Zahlung, sondern lediglich einstweilen um eine mündliche Besprechung mit dem Herrn Präsidenten der löblichen Steuerkommission und um Eingabe oder Abgabe einer feierlichen Erklärung. Man nehme mir den Irrtum nicht übel und höre freundlich, was ich hierüber zu sagen haben werde. So gut wie der standhafte und unerschütterliche Schneidermeister Dünn Tadellosigkeit versprach und garantierte, verspreche und garantiere ich in Bezug auf die abzulegende Steuer-Erklärung Exaktheit und Ausführlichkeit sowohl wie Knappheit und Kürze.

Ich springe sofort in die bezügliche scharmante Situation hinein: »Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen«, sagte ich frei und offen zum Steuermann oder hohen Steuerbeamten, der mir sein obrigkeitliches Ohr schenkte, um dem Bericht, den ich abstattete, mit gehöriger Aufmerksamkeit zu folgen, »daß ich als armer Schriftsteller und Federführer oder _Homme de Lettres_ ein sehr fragwürdiges Einkommen genieße. Von irgend welcher Vermögens-Anhäufung kann natürlich bei mir nicht die Spur zu sehen und zu finden sein. Ich stelle das zu meinem großen Bedauern fest, ohne indessen über die klägliche Tatsache zu verzweifeln oder zu weinen. Ich schlüpfe notdürftig durch, wie man sagt. Luxus treibe ich keinen; das vermögen Sie mir auf den ersten Blick anzusehen. Das Essen, das ich esse, kann als hinlänglich und spärlich bezeichnet werden. Es ist Ihnen eingefallen zu glauben, daß ich Herr und Gebieter von vielerlei Einkünften sei; ich bin aber genötigt, diesem Glauben und allen diesen Vermutungen höflich aber entschieden entgegenzutreten und die schlichte, nackte Wahrheit zu sagen, und diese lautet auf alle Fälle, daß ich überaus frei von Reichtümern, dagegen aber vollbehangen von jeder Art Armut bin, was Sie die Güte haben und vormerken wollen. Sonntags darf ich mich auf der Straße gar nicht blicken lassen, weil ich kein Sonntagskleid habe. An solidem und sparsamem Lebenswandel ähnele ich einer Feldmaus. Ein Sperling hat mehr Aussichten, wohlhabend zu werden als gegenwärtiger Berichterstatter und Steuerzahler. Ich habe Bücher geschrieben, die dem Publikum leider nicht gefallen, und die Folgen davon sind herzbeklemmend. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie das einsehen und daß Sie infolgedessen meine finanzielle Lage verstehen. Bürgerliche Stellung und bürgerliches Ansehen besitze ich nicht; das ist sonnenklar. Verpflichtungen einem Menschen gegenüber, wie ich bin, scheint es überhaupt keine zu geben. Das lebhafte Interesse für die schöne Literatur ist überaus spärlich vertreten, und die schonungslose Kritik, die jedermann an unsereins Werken glaubt üben und pflegen zu dürfen, bildet eine weitere starke Ursache der Schädigung und hemmt wie ein Hemmschuh die Verwirklichung irgend eines bescheidenen Wohlstandes. Wohl gibt es gütige Gönner und freundliche Gönnerinnen, die mich von Zeit zu Zeit in der edelsten Art unterstützen; aber eine Gabe ist kein Einkommen, und eine Unterstützung ist kein Vermögen. Aus allen diesen sprechenden und doch wohl überzeugenden Gründen, mein hochgeehrter Herr, möchte ich Sie ersuchen, von jederlei Steuererhöhung, die Sie mir angekündigt haben, abzusehen, und ich muß Sie bitten, wenn nicht beschwören, meine Zahlungskraft so niedrig einzuschätzen wie nur immer möglich.«

Der Herr Vorsteher oder Herr Taxator sagte: »Man sieht Sie aber immer spazieren!«

»Spazieren«, gab ich zur Antwort, »muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrecht zu halten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet. Ohne Spazieren und Bericht-Auffangen könnte ich auch keinen Bericht mehr abstatten und nicht den winzigsten Aufsatz mehr, geschweige denn eine ganze lange Novelle verfassen. Ohne Spazieren würde ich ja gar keine Beobachtungen und gar keine Studien machen können. Ein so gescheiter und aufgeweckter Mann wie Sie darf und wird das augenblicklich begreifen. Auf einem schönen und weitschweifigen Spaziergang fallen mir tausend brauchbare nützliche Gedanken ein. Zu Hause eingeschlossen, würde ich elendiglich verkommen und verdorren. Spazieren ist für mich nicht nur gesund und schön, sondern auch dienlich und nützlich. Ein Spaziergang fördert mich beruflich und macht mir zugleich auch noch persönlich Spaß und Freude; er erquickt und tröstet und freut mich, ist mir ein Genuß und hat gleichzeitig die Eigenschaft, daß er mich zu weiterem Schaffen reizt und anspornt, indem er mir zahlreiche kleine und große Gegenständlichkeiten als Stoff darbietet, den ich später zu Hause emsig und eifrig bearbeite. Ein Spaziergang ist immer voll sehenswerter und fühlenswerter bedeutender Erscheinungen. Von Gebilden und lebendigen Gedichten, von Zaubereien und Naturschönheiten wimmelt es auf netten Spaziergängen meistens, und seien sie noch so klein. Naturkunde und Landeskunde öffnen sich reizvoll und anmutvoll vor den Sinnen und Augen des aufmerksamen Spaziergängers, der freilich nicht mit niedergeschlagenen, sondern mit offenen und ungetrübten Augen spazieren muß, wenn ihm der schöne Sinn und der heitere, edle Gedanke des Spazierganges aufgehen soll. Bedenken Sie, wie der Dichter verarmen und kläglich scheitern muß, wenn nicht die mütterliche und väterliche und kindlich schöne Natur ihn immer wieder von neuem mit dem Quell des Guten und Schönen erfrischt. Bedenken Sie, wie für den Dichter der Unterricht und die heilige goldene Belehrung, die er draußen im spielenden Freien schöpft, immer wieder von der größten Bedeutung sind. Ohne Spazieren und damit verbundene Naturanschauung, ohne diese ebenso liebliche wie ermahnungsreiche Erkundigung fühle ich mich wie verloren und bin es auch. Höchst liebevoll und aufmerksam muß der, der spaziert, jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke, ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus, ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg, ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier, auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefügen Buchstaben geschrieben hat, studieren und betrachten. Die höchsten und niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise lieb und schön und wert. Keinerlei empfindsamliche Eigenliebe und Leichtverletzlichkeit darf er mit sich tragen. Uneigennützig und unegoistisch muß er seinen sorgsamen Blick überallhin schweifen und herumstreifen lassen; ganz nur im Anschauen und Merken der Dinge muß er stets fähig sein aufzugehen, und sich selber, seine eigenen Klagen, Bedürfnisse, Mängel, Entbehrungen hat er, gleich dem wackeren, dienstbereiten und aufopferungsfreudigen erprobten Feldsoldaten, hintanzustellen, gering zu achten und zu vergessen. Im andern Fall spaziert er nur mit halber Aufmerksamkeit und mit halbem Geist, und das ist nichts wert. Er muß jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und der Begeisterung fähig sein, und er ist es hoffentlich. Er muß in den hohen Enthusiasmus hinaufzudringen und sich in die tiefste und kleinste Alltäglichkeit herunterzusenken und zu neigen vermögen, und er kann es vermutlich. Treues, hingebungsvolles Aufgehen und Sichverlieren in die Gegenstände und eifrige Liebe zu allen Erscheinungen und Dingen machen ihn aber dafür glücklich, wie jede Pflichterfüllung den Pflichtbewußten glücklich und reich im Innersten macht. Geist, Hingabe und Treue beseligen ihn und heben ihn hoch über seine eigene unscheinbare Spaziergängerperson hinaus, die nur zu oft im Geruch und schlechten Rufe des Vagabundierens und unnützen Herumstreichens steht. Seine mannigfaltigen Studien bereichern und belustigen, besänftigen und veredeln ihn und streifen mitunter, so unwahrscheinlich das auch klingen mag, hart an exakte Wissenschaft, die dem scheinbar leichtfertigen Bummler niemand zutraut. Wissen Sie, daß ich hartnäckig und zäh im Kopfe arbeite und oft im besten Sinn tätig bin, wo es den Anschein hat, als ob ich ein gedankenlos und arbeitslos im Blauen oder im Grünen mich verlierender, saumseliger, träumerischer und träger, schlechtesten Eindruck machender Erztagedieb und leichtfertiger Mensch ohne Verantwortung sei? Geheimnisvoll und heimlich schleichen dem Spaziergänger allerlei schöne feinsinnige Spaziergangsgedanken nach, derart, daß er mitten im fleißigen, achtsamen Gehen innehalten, stillstehen und horchen muß, daß er über und über von seltsamen Eindrücken und bezaubernder Geistergewalt benommen und betreten ist und er das Gefühl hat, als müsse er plötzlich in die Erde hinabsinken oder als öffne sich vor seinen geblendeten, verwirrten Denker- und Dichteraugen ein Abgrund. Der Kopf will ihm abfallen, und die sonst so lebendigen Arme und Beine sind ihm wie erstarrt. Land und Leute, Töne und Farben, Gesichter und Gestalten, Wolken und Sonnenschein drehen sich wie Schemen rund um ihn herum, und er muß sich fragen: »Wo bin ich?« Erde und Himmel fließen und stürzen mit einmal in ein blitzendes, schimmerndes, übereinanderwogendes, undeutliches Nebelgebilde zusammen; das Chaos beginnt, und die Ordnungen verschwinden. Mühsam versucht der Erschütterte seine gesunde Besinnung aufrecht zu halten; es gelingt ihm, und er spaziert vertrauensvoll weiter. Halten Sie es für ganz und gar unmöglich, daß ich auf einem weichen geduldigen Spaziergang Riesen antreffe, Professoren die Ehre habe zu sehen, mit Buchhändlern und Bankbeamten im Vorbeigehen verkehre, mit angehenden jugendlichen Sängerinnen und ehemaligen Schauspielerinnen rede, bei geistreichen Damen zu Mittag speise, durch Wälder streife, gefährliche Briefe befördere und mich mit tückischen ironischen Schneidermeistern wild herumschlage? Das alles kann vorkommen, und ich glaube, daß es in der Tat vorgekommen ist. Den Spaziergänger begleitet stets etwas Merkwürdiges, Gedankenvolles und Phantastisches, und er wäre dumm, wenn er dieses Geistige nicht beachten oder gar von sich fortstoßen würde; aber das tut er nicht; er heißt vielmehr alle sonderbaren, eigentümlichen Erscheinungen willkommen, befreundet und verbrüdert sich mit ihnen, weil sie ihn entzücken, macht sie zu gestaltenhaften wesenvollen Körpern, gibt ihnen Bildung und Seele, wie sie ihrerseits ihn beseelen und bilden. Ich verdiene mit einem Wort mein tägliches Brot durch Denken, Grübeln, Bohren, Graben, Sinnen, Dichten, Untersuchen, Forschen und Spazieren so sauer wie irgend einer. Indem ich vielleicht die allervergnügteste Miene schneide, bin ich höchst ernsthaft und gewissenhaft, und wo ich weiter nichts als zärtlich und schwärmerisch zu sein scheine, bin ich ein solider Fachmann! Ich hoffe, daß alle diese eingehenden Aufklärungen Sie von meinen ehrlichen Bestrebungen überzeugen und Sie vollauf befriedigen.«

Der Beamte sagte: »Gut!«, und er fügte bei: »Ihr Gesuch betreffs Bewilligung möglichst niedrig zu veranschlagenden Steuersatzes werden wir näher prüfen und Ihnen diesbezüglich baldige abschlägige oder einwilligende Mitteilung machen. Für freundlich abgelegten Wahrheitsbericht und eifrig geleistete ehrliche Aussagen dankt man Ihnen. Sie dürfen einstweilen abtreten und Ihren Spaziergang fortsetzen.«

Da ich in Gnaden entlassen war, so eilte ich freudig fort und war bald wieder im Freien. Freiheitsbegeisterungen ergriffen mich und rissen mich hin. Ich komme jetzt endlich, nach so manchem tapfer bestandenem Abenteuer und nach so manchem mehr oder weniger siegreich überwundenen schwierigen Hindernis, zu dem längst angemeldeten und vorausgesagten Eisenbahnübergang, wo ich eine Weile stehen bleiben und niedlich warten mußte, bis etwa allmählich der Zug gütigst die hohe Gnade gehabt hätte, säuberlich vorüberzufahren. Allerlei männliches und weibliches Volk jeglichen Alters und Charakters stand und wartete wie ich an der Stange. Die korpulente, nette Bahnwärtersfrau stand still wie eine Statue da und musterte uns Herumstehende und Wartende gründlich. Der vorbeisausende Eisenbahnzug war voll Militär, und alle zu den Fenstern herausschauenden, dem lieben teuren Vaterland Dienste weihenden und widmenden Soldaten, diese ganze fahrende Soldatenschule einerseits und das unnütze Zivilpublikum anderseits grüßten und winkten einander gegenseitig freundlich und patriotisch, eine Bewegung, die rund herum liebliche Stimmungen verbreitete. Da der Übergang frei geworden war, gingen ich und alle andern friedlich und ruhig weiter, und nun schien mir jederlei Umgebung mit einmal noch tausendmal schöner als vorher geworden zu sein. Der Spaziergang schien immer schöner, reicher und größer werden zu wollen. Hier beim Bahnübergang schien mir der Höhepunkt oder etwas wie das Zentrum zu sein, von wo aus es leise wieder sinken würde. Ich ahnte bereits etwas vom beginnenden sanften Abendabhang. Etwas wie goldene Wehmutwonne und süßer Schwermutzauber hauchte wie ein stiller, hoher Gott umher. »Hier ist es jetzt himmlisch schön«, sagte ich zu mir selber. Wie ein bezauberndes, Tränen heraufbeschwörendes Abschiedlied lag das zarte Land mit seinen lieben, bescheidenen Wiesen, Gärten und Häusern da. Tönend drangen leise uralte Volksklagen und Leiden des guten, armen Volkes aus allen Seiten daher. Geister mit entzückenden Gestalten und Gewändern tauchten groß und weich auf, und die liebe, gute Landstraße strahlte himmelblau und weiß und goldig. Rührung und Entzücken flogen wie aus dem Himmel niederstürzende Engelsbilder über die golden gefärbten, rosig angehauchten kleinen Armutshäuser, die der Sonnenschein zärtlich umarmte und umrahmte. Liebe und Armut und silberner-goldener Hauch gingen und schwebten Hand in Hand. Es war mir zumut, als rufe mich jemand Liebes beim Namen oder als küsse und tröste mich jemand. Gott der Allmächtige, unser gnädiger Herr, trat auf die Straße, um sie zu verherrlichen und himmlisch schön zu machen. Einbildungen aller Art und Illusionen machten mich glauben, daß Jesus Christus heraufgestiegen sei und jetzt mitten unter den Leuten und mitten durch die liebenswürdige Gegend wandere und umher wandle. Häuser, Gärten und Menschen verwandelten sich in Klänge, alles Gegenständliche schien sich in eine Seele und in eine Zärtlichkeit verwandelt zu haben. Süßer Silberschleier und Seelennebel schwamm in alles und legte sich um alles. Die Weltseele hatte sich geöffnet, und alles Leid, alle menschlichen Enttäuschungen, alles Böse, alles Schmerzhafte schienen zu entschwinden, um von nun an nie mehr wieder zu erscheinen. Frühere Spaziergänge traten mir vor die Augen; aber das wundervolle Bild der bescheidenen Gegenwart wurde zur überragenden Empfindung. Die Zukunft verblaßte, und die Vergangenheit zerrann. Ich glühte und blühte selber im glühenden, blühenden Augenblick. Aus näheren und weiteren Entfernungen trat Großes und Gutes mit herrlicher Gebärde, Beglückungen und Bereicherungen silberhell hervor, und ich phantasierte mitten in der schönen Gegend von nichts anderem als nur eben von ihr. Alle übrigen Phantasien sanken zusammen und verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Ich hatte die ganze reiche Erde dicht vor mir und schaute doch nur auf das Kleinste und Bescheidenste. Mit Liebesgebärden hob sich und senkte sich der Himmel. Ich war ein Inneres geworden und spazierte wie in einem Innern; alles Äußere wurde zum Traum, das bisher Verstandene zum Unverständlichen. An der Oberfläche herab stürzte ich in die fabelhafte Tiefe, die ich im Augenblick als das Gute erkannte. Was wir verstehen und lieben, das versteht und liebt auch uns. Ich war nicht mehr ich selber, war ein anderer und doch gerade darum erst recht wieder ich selbst. Im süßen Liebeslichte erkannte ich oder glaubte ich erkennen zu sollen, daß vielleicht der innerliche Mensch der einzige sei, der wahrhaft existiert. Der Gedanke griff mich an: »Wo wollten wir armen Menschen sein, wenn es keine treue Erde gäbe? Was hätten wir noch, wenn wir dieses Schöne und Gute nicht hätten? Wo sollte ich sein, wenn ich nicht hier sein dürfte? Hier habe ich alles, und anderswo hätte ich nichts.«

Was ich sah, war ebenso klein und arm wie groß und bedeutend, ebenso bescheiden wie reizend, ebenso nah wie gut und ebenso lieblich wie warm. An zwei Häusern, die wie lebendige, gemütliche Nachbarsgestalten nah beieinander im hellen Sonnenlicht lagen, hatte ich große Freude. Eine Freude kam auf die andere, und in der weichen, zutraulichen Luft schwebte ein Behagen auf und ab und zitterte es wie von verhaltenem Vergnügen. Eines der beiden kleinen, feinen Häuser war das Wirtshaus zum »Bären«; der Bär war im Wirtshausschild trefflich und drollig abgebildet. Kastanienbäume überschatteten das zierliche, gutmütige Haus, das sicher von lieben, netten, freundlichen Leuten bewohnt war; sah doch das Haus nicht wie manche Bauwerke hochmütig, sondern wie die Zutraulichkeit und Treue selber aus. Überall, wohin das Auge blickte, lag dichte, zufriedene Gartenpracht und schwebte grünes, dichtes Gewirr von artigen Blättern. Das zweite Haus oder Häuschen glich in seiner sichtlichen Lieblichkeit und Niedrigkeit einem kindlich schönen Blatt aus einem Bilderbuch, einer süßen Illustration, so reizend und seltsam stellte es sich dar. Die Welt rund um das Häuschen erschien vollkommen gut und schön. Ich verliebte mich in das bildschöne, kleine Hauswesen allsogleich bis über die Ohren und wäre von Herzen gern hineingegangen, um mich einzunisten und einzumieten und für immer im Zauberhäuschen und Kleinod zu wohnen, und mich wohlzufühlen; aber gerade die schönsten Wohnungen sind leider Gottes meistens besetzt, und wer für seinen anspruchsvollen Geschmack eine passende Wohnung sucht, dem geht es schlecht, weil, was leer steht und zu haben ist, oft greulich ist und Grauen erregt. Das schöne Häuschen war sicherlich von einem alleinstehenden Frauchen oder Großmütterchen bewohnt; es duftete danach und schaute so danach aus. Wenn es gestattet ist, zu sagen, so melde ich ferner, daß an der Wand des Häuschens Wandmalereien oder erhabene Fresken strotzten, die himmlisch fein und lustig waren und eine Schweizeralpenlandschaft darstellten, auf der wieder ein Haus und zwar ein Berner-Oberländerhaus stand, nämlich gemalt. Gut war die Malerei an sich wahrhaftig keineswegs. Solches behaupten zu wollen wäre keck. Herrlich kam sie mir aber trotzdem vor. Simpel und einfältig, wie sie war, entzückte sie mich; mich entzückt eigentlich jedes noch so dumme und ungeschickte Stück Malerei, weil jedes Stück Malerei erstens an Emsigkeit und Fleiß und zweitens an Holland erinnert. Ist denn nicht jede Musik, auch die kärglichste, für den schön, der das Wesen und die Existenz der Musik liebt? Ist nicht fast jeder beliebige Mensch, auch der böseste und unangenehmste, für den Freund der Menschen liebenswürdig? Gemalte Landschaft mitten in der wirklichen Landschaft ist kapriziös, pikant. Das wird niemand bestreiten können. Den Tatbestand, daß ein altes Mütterchen in dem Häuschen wohne, nagelte und heftete ich übrigens gewiß nicht fest und vermochte ich durchaus nicht aufzunehmen. Mich nimmt aber nur wunder, warum ich hier Worte wie »Tatbestand« in den Mund zu nehmen wage, wo alles so weich und voll Menschennatur ist oder wenigstens sein soll wie Empfindungen und Ahnungen eines Mutterherzens. Übrigens war das Häuschen graublau angestrichen und hatte hellgolden-grüne Fensterläden, die zu lächeln schienen, und rund herum in einem Zaubergärtchen dufteten die schönsten Blumen. Über ein Lust- und Gartenhäuschen neigte und krümmte sich in entzückender Anmut ein Rosenstrauch und -Busch voll der schönsten Rosen.

Falls ich nicht krank, sondern gesund und munter bin, was ich hoffe und woran ich nicht zweifeln will, kam ich, indem ich behaglich weiterging, vor ein ländliches Friseurgeschäft, mit dessen Inhalt und Inhaber ich mich jedoch, wie mir scheint, nicht Grund habe abzugeben, da ich der Meinung bin, daß es noch nicht dringend nötig ist, mir das Haar schneiden zu lassen, was ja vielleicht ganz hübsch und spaßhaft wäre. Ferner kam ich an einer Schusterwerkstatt vorbei, die mich an den genialen aber unglücklichen Dichter Lenz erinnerte, der während der Zeit seiner Geistes- und Gemütszerrüttung Schuhe machen lernte und machte. Schaute ich nicht auch im Vorbeigehen in ein Schulhaus und in eine freundliche Schulstube hinein, wo gerade die gestrenge Schullehrerin examinierte und kommandierte? Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, wie sehr der Spaziergänger im Flug und im Nu wünschte, wieder ein Kind und ein unfolgsamer, spitzbübischer Schulknabe sein zu dürfen, wieder zur Schule gehen und eine wohlverdiente Tracht Hiebe zur Strafe für begangene Unartigkeiten und Untaten einernten und in Empfang nehmen zu können. Da wir von Prügel reden, sei gerade noch erwähnt und beigeflochten, wir seien der Meinung, daß ein Landmann ehrlich und tüchtig durchgeprügelt zu werden verdiente, der nicht zaudert, den Schmuck der Landschaft und die Schönheit seines eigenen Heimwesens, nämlich seinen hohen, alten Nußbaum umzuhauen, um schnödes, schlechtes, törichtes Geld damit zu erhandeln. Ich kam nämlich an einem bildhübschen Bauernhaus mit hohem, herrlich-mächtigem Nußbaum vorbei; da stieg mir der Prügel- und Handelsgedanke auf. »Dieser hohe, majestätische Baum«, rief ich hell aus, »der das Haus so wunderbar beschützt und verschönt, es in eine so ernste und fröhliche Heimeligkeit und traute Heimatlichkeit einspinnt, dieser Baum, sage ich, ist eine Gottheit, ein Heiligtum, und tausend Peitschenhiebe dem gefühllosen und ruchlosen Besitzer, der all diesen goldenen, himmlisch grünen Blätterzauber verschwinden zu machen wagen darf, damit er seinen Gelddurst, das Gemeinste und Schnödeste, was es auf Erden gibt, befriedige. Solche Trottel sollte man aus der Gemeinde ausstoßen. Nach Sibirien oder nach Feuerland mit solchen Schändern und Umstürzern des Schönen. Doch es gibt gottlob auch Bauern, die Herz und Sinn für etwas Zartes und Gutes haben.«