Part 2
Leuten, die in einem sausenden, staubaufwerfenden Automobil sitzen, zeige ich immer mein böses und hartes Gesicht, und sie verdienen auch kein besseres. Sie denken dann, daß ich ein Aufpasser und Polizist in Zivil sei, von hohen Obrigkeiten und Behörden beauftragt, auf das Fahren aufzupassen, mir die Nummer des Fahrzeugs zu merken und solche später zu hinterbringen. Ich schaue da stets finster auf die Räder, aufs Ganze und nie auf die Insassen, welche ich verachte und zwar keineswegs persönlich, sondern rein grundsätzlich; denn ich begreife nicht und werde niemals begreifen, daß es ein Vergnügen sein kann, so an allen Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist, vorüberzurasen, als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht elend zu verzweifeln. In der Tat liebe ich die Ruhe und alles Ruhende. Ich liebe Sparsamkeit und Mäßigkeit und bin allem Gehetz und Gehast im tiefsten Innern in Gottes Namen abhold. Mehr als was wahr ist brauche ich nicht zu sagen. Und wegen dieser Worte wird das Automobilfahren sicher nicht mit einmal aufhören nebst luftverderbendem üblem Geruch, den sicherlich niemand besonders hochschätzt und liebt. Es wäre widernatürlich, wenn jemandes Nase lieben und mit Freuden einziehen würde, was für jede rechte Menschennase einfach manchmal, je nachdem man vielleicht gelaunt ist, empörend und abscheuerweckend ist. Schluß und nichts für ungut. Und nun weiter spaziert. Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es ja, zu Fuß zu gehen. Anzunehmen ist, daß das Schuhwerk und Stiefelzeug in Ordnung ist.
Werden mir sehr geehrte Herrschaften, Gönnerschaften und Leserschaften, indem sie diesen vielleicht etwas zu feierlichen und hochdaherstolzierenden Stil wohlwollend hinnehmen und entschuldigen, nunmehr gütig erlauben, dieselben auf zwei besonders bedeutende Personen, Gestalten oder Figuren, nämlich erstlich oder besser erstens auf eine vermeintliche gewesene Schauspielerin und zweitens auf die jugendlichste vermutliche angehende Sängerin gebührend aufmerksam zu machen? Ich halte diese zwei Leute für denkbar wichtig und habe sie daher geglaubt zum voraus schon, bevor sie in Wirklichkeit auftreten und figurieren werden, ordentlich anmelden und ankündigen zu sollen, damit ein Geruch von Bedeutsamkeit und Ruhm den beiden zarten Geschöpfen vorauseile und dieselben bei ihrem Erscheinen mit all der Achtsamkeit und sorgfältigen Liebe empfangen und angeschaut werden können, womit man meiner geringfügigen Meinung nach solcherlei Wesen fast notwendigerweise auszeichnen muß. Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser bekanntermaßen, zum Lohn für seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er indessen noch eine beträchtliche Strecke Weges zurückzulegen und noch manche Zeile zu schreiben haben. Aber man weiß ja zur Genüge, daß er ebenso gern spaziert als schreibt; letzteres allerdings vielleicht um eine Nüance weniger gern als ersteres.
Vor einem bildsaubern und hübschen Haus sah ich, hart an der schönen Straße, eine Frau auf einer Bank sitzen, und kaum hatte ich sie erblickt, so erkühnte ich mich auch bereits sie anzusprechen, indem ich unter möglichst artigen und verbindlichen Wendungen Folgendes vorbrachte:
»Verzeihen Sie, wenn sich mir, einem Ihnen völlig unbekannten Menschen, bei Ihrem Anblick die eifrige und sicherlich dreiste Frage auf die Lippe drängt, ob Sie nicht vielleicht ehemals Schauspielerin gewesen seien. Sie sehen nämlich ganz und gar wie eine einstmals verwöhnte, gefeierte große Schauspielerin und Bühnenkünstlerin aus. Gewiß wundern Sie sich mit größtem Recht über die so verblüffend waghalsige kecke Anrede und Anfrage; aber Sie haben ein so schönes Gesicht, ein so gefälliges, nettes, und ich muß beifügen, so interessantes Aussehen, zeigen eine so schöne, edle, gute Figur, schauen so grad und groß und ruhig vor sich hin, auf mich und überhaupt in die Welt hinein, daß ich mich unmöglich habe zwingen können, an Ihnen vorüberzugehen, ohne gewagt zu haben, Ihnen etwas Artiges und Schmeichelhaftes zu sagen, was Sie mir hoffentlich nicht übel nehmen werden, obschon ich fürchten muß, daß ich wegen meiner Leichtfertigkeit Strafe und Mißbilligung verdiene. Als ich Sie sah, kam ich augenblicklich auf den Gedanken, daß Sie Schauspielerin gewesen sein müßten, und heute, so dachte ich bei mir, sitzen Sie nun hier an der einfachen, wenn auch gleich schönen Straße, vor dem hübschen kleinen Laden, als dessen Inhaberin Sie mir vorkommen. Sie sind vielleicht bis heute noch von keinem Menschen hier so ohne alle Umstände angeredet worden. Ihr freundliches und zugleich anmutiges Äußeres, Ihre liebenswürdige, schöne Erscheinung, Ihre Ruhe, Ihre feine Gestalt und Ihr edles, munteres Aussehen bei vorgerücktem Alter, das Sie mir erlauben wollen anzumerken, haben mich ermutigt, ein zutrauliches Gespräch auf offener Straße mit Ihnen anzufangen. Auch hat der schöne Tag, dessen Freiheit und Heiterkeit mich beglücken, eine Fröhlichkeit in mir angezündet, mit welcher ich vielleicht der unbekannten Dame gegenüber etwas zu weit gegangen bin. Sie lächeln! Dann sind Sie also über die ungezwungene Sprache, die ich führe, keineswegs böse. Es dünkt mich, wenn ich so sagen darf, schön und gut, daß dann und wann zwei unbekannte Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir Bewohner dieses irrenden, seltsamen Planeten, der uns ein Rätsel ist, ja schließlich Mund und Zunge und die sprachliche Fähigkeit haben, welch letztere an und für sich schon so schön und seltsam ist. Jedenfalls haben Sie mir, als ich Sie sah, sogleich herzlich gut gefallen; doch ich muß mich nun respektvoll entschuldigen, und ich möchte Sie bitten, überzeugt zu sein, daß Sie mir die wärmste Ehrfurcht einflößen. Kann das offene Geständnis, daß ich sehr glücklich war, als ich Sie sah, Sie veranlassen, mir zu zürnen?«
»Vielmehr muß es mich freuen«, sagte die schöne Frau heiter; »aber bezüglich Ihrer Vermutung muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Ich bin nie Schauspielerin gewesen.«
Worauf ich mich bewogen fühlte, zu sagen: »Ich bin vor einiger Zeit in diese Gegend aus kalten, traurigen, engen Verhältnissen, krank im Innern, ganz und gar ohne Glauben, ohne Zuversicht und Zutrauen, ohne jegliche schönere Hoffnung hergekommen, mit der Welt und mit mir selber entfremdet und verfeindet. Ängstlichkeit und Mißtrauen nahmen mich gefangen und begleiteten jeden meiner Schritte. Stück um Stück verlor ich dann das unedle, häßliche Vorurteil. Ich atmete hier wieder ruhiger und freier -- und wurde wieder ein schönerer, wärmerer, glücklicherer Mensch. Die Befürchtungen, die mir die Seele erfüllten, sah ich nach und nach verschwinden; Trauer und Öde im Herzen und die Hoffnungslosigkeit verwandelten sich allgemach in heitere Befriedigung und in einen angenehmen, lebhaften Anteil, den ich von Neuem fühlen lernte. Ich war tot, und jetzt ist es mir, als habe mich jemand gehoben und gefördert. Wo ich viel Unschönes, Hartes und Beunruhigendes erfahren zu müssen geglaubt habe, treffe ich den Liebreiz und die Güte an und finde ich alles Ruhige, Zutrauliche und Gute.«
»Umso besser«, sagte die Frau mit freundlicher Miene und Stimme.
Da mir der Augenblick gekommen zu sein schien, die ziemlich mutwillig begonnene Unterhaltung zu beendigen und mich zu entfernen, so grüßte ich die Frau, die ich für eine Schauspielerin gehalten hatte, die jedoch jetzt leider keine große und berühmte Schauspielerin mehr war, weil sie selbst es für nötig gefunden hatte zu bestreiten, mit, ich darf wohl sagen, ausgesuchter, sehr sorgfältiger Höflichkeit, indem ich mich vor ihr verneigte, und ging friedlich, wie wenn weiter gar nichts geschehen wäre, weiter.
Eine bescheidene Frage: Ist vielleicht nachgerade für ein zierliches Putzgeschäft unter grünen Bäumen hervorragendes Interesse und womöglich etlicher Beifall spärlich vorhanden?
Ich glaube stark daran, und so wage ich die ganz ergebene Mitteilung zu machen, daß ich im Gehen und Vormarschieren auf dem schönsten aller Wege einen ziemlich albernen, jünglinghaften und lauten Freudeschrei aus einer Kehle ausstieß, die solches und ähnliches selber nicht für möglich hielt. Was sah und entdeckte ich Neues, Unerhörtes und Schönes? Ei, ganz einfach besagtes allerliebstes Putzgeschäft und Modesalon. Paris und Petersburg, Bukarest und Mailand, London und Berlin, alles, was elegant, liederlich und hauptstädtisch ist, trat mir nah, tauchte vor mir auf, um mich zu faszinieren und zu bezaubern. Aber in den Haupt- und Weltstädten fehlt der grüne sanfte Baumschmuck, der Schmuck und die Wohltat freundlicher Wiesen und vieler lieben zarten Blätter und nicht zuletzt der süße Blumenduft, und den hatte ich hier. »Das alles«, so nahm ich mir im stillen und während des Stillstehens vor, »schreibe ich bestimmt demnächst in ein Stück oder in eine Art Phantasie hinein, die ich ›Der Spaziergang‹ betiteln werde. Namentlich darf mir dieser Damenhutladen keineswegs darin fehlen. Ein hoher malerischer Reiz würde dem Stück sonst sicher abgehen, und diesen Mangel werde ich so gut zu vermeiden als zu umgehen und unmöglich zu machen wissen.« Die Federn, Bänder, künstlichen Früchte und Blumen auf den netten drolligen Hüten waren für mich fast ebenso anziehend und anheimelnd wie die Natur selber, die mit ihrem natürlichen Grün, mit ihren Naturfarben die künstlichen Farben und phantastischen Modeformen umrahmte und zart einschloß, derart, als sei das Putzgeschäft ein bloßes liebliches Gemälde. Ich rechne, wie gesagt, hiebei mit dem feinsten Verständnis seitens des Lesers, vor dem ich mich aufrichtig fürchte. Dieses elende Feiglingsgeständnis ist begreiflich. Es ist noch allen kühneren Autoren so gegangen.
Gott! was erblickte ich, ebenfalls unter Blättern, für einen reizenden, niedlichen, entzückenden Fleischladen mit rosaroter Schweine-, Rind- und Kalbfleischware. Der Metzger hantierte im Ladeninnern, wo auch Käufer standen. Einen Schrei ist dieser Metzgerladen gewiß ebenso gut wert wie der Laden mit den Hüten. Drittens sei ein Spezereiladen sanft genannt. Zu allerlei Wirtschaften komme ich später, wie mir scheint, noch früh genug. Man kann mit Wirtshäusern zweifellos nicht spät genug am Tag anfangen, weil sich ja Folgen einstellen, die man kennt, und zwar leider jeder selber nur zur Genüge. Auch der Tugendhafteste darf nicht bestreiten, daß er gewisser Untugenden nie ganz Herr wird. Glücklicherweise jedoch ist man ja -- Mensch und als solcher leicht zu entschuldigen. Man beruft sich einfach auf die Schwachheit der Organisation.
Hier habe ich mich wieder einmal neu zu orientieren. Ich setze voraus, daß mir Neueinrichtung und Umgruppierung so gut gelingen wie irgend einem Generalfeldmarschall, der alle Umstände überblickt und alle Zufälligkeiten und Rückschläge in das Netz seiner, es wird gestattet sein zu sagen, genialen Berechnung zieht. In den Tagesblättern liest solches ein fleißiger Mensch gegenwärtig täglich, und er merkt sich Ausdrücke, wie: Flankenstoß. Ich bin in letzter Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß Kriegskunst und Kriegführung fast so schwer und geduldheischend sind wie Dichtkunst und umgekehrt. Auch Schriftsteller treffen oft, wie Generäle, langwierigste Vorbereitungen, ehe sie zum Angriff zu schreiten und eine Schlacht zu liefern wagen, oder mit andern Worten ein Machwerk oder Buch auf den Büchermarkt schleudern, was herausfordernd wirkt und mitunter zu gewaltigen Gegenangriffen mächtig reizt. Bücher locken Besprechungen hervor, und diese fallen manchmal so grimmig aus, daß das Buch sterben und der Verfasser verzweifeln muß!
Befremden darf nicht, wenn ich sage, daß ich alle diese hoffentlich zierlichen netten Zeilen mit deutscher Reichsgerichtsfeder schreibe. Daher die sprachliche Kürze, Prägnanz und Schärfe, die an einigen Stellen zu spüren ist, worüber sich jetzt niemand weiter wundere.
Aber wann komme ich wohl endlich zu dem wohlverdienten Schmaus bei meiner Frau Aebi? Ich fürchte, daß das noch ziemlich lange dauert, da noch erkleckliche Hindernisse wegzuräumen sind. Appetit wäre längst in Hülle und Fülle vorhanden.
Indem ich wie ein besserer Strolch, feinerer Vagabund und Tagedieb oder Zeitverschwender und Landstreicher so des Weges ging, neben allerlei mit zufriedenem behaglichem Gemüse vollbepflanzten und vollgestopften Gärten vorbei, neben Blumen und Blumenduft vorbei, neben Obstbäumen und neben Bohnenstangen und Stauden voll Bohnen vorbei, neben hochaufragendem Getreide, wie Roggen, Hafer und Weizen vorbei, neben einem Holzplatz mit vielen Hölzern und Holzspänen vorbei, neben saftigem Gras und neben einem artig plätschernden Wässerchen, Fluß oder Bach vorbei, neben allerhand Leuten, wie lieben handeltreibenden Marktfrauen, hübsch vorbei, neben einem mit Lust- und Freudenfahnen geschmückten Vereinshaus ebenso gut wie an manchen andern gutmütigen und nützlichen Dingen vorbei, neben einem besonders schönen und lieben Feen-Apfelbäumchen vorbei und weiß der liebe Gott an was sonst noch allem Möglichen vorbei, wie z. B. auch an Erdbeerbüschen und Blüten oder besser bereits an den reifen roten Erdbeeren manierlich vorbei, währenddessen mich immer allerlei mehr oder weniger schöne und angenehme Gedanken stark beschäftigten, weil beim Spazieren viele Einfälle, Lichtblitze und Blitzlichter sich ganz von selber einmengen und einfinden, um sorgfältig verarbeitet zu werden, kam ein Mensch, ein Ungeheuer, ein Ungetüm mir entgegen, der mir die helle lichte Straße fast völlig verdunkelte, ein lang- und hochaufgeschossener unheimlicher Kerl, den ich leider nur allzu gut kannte, ein höchst sonderbarer Geselle, nämlich der Riese
Tomzack.
An allen andern Orten und auf allen andern Wegen eher als hier auf dem lieben weichen Landweg würde ich ihn vermutet haben. Seine trauervolle, schauervolle Erscheinung, sein tragisches, ungeheures Wesen flößte mir Schrecken ein und nahm alle gute, schöne und helle Aussicht und alle Froheit und Freude von mir weg. Tomzack! Nicht wahr, lieber Leser, der Name allein klingt schon nach schrecklichen und schwermütigen Dingen. »Was verfolgst du mich, was hast du nötig, mir hier mitten auf meinem Weg zu begegnen, du Unglückseliger?« rief ich ihm entgegen; doch Tomzack gab mir keine Antwort. Groß schaute er mich an, d. h. er schaute nur so von hoch oben auf mich herab; denn er überragte mich an Länge und Höhe um ein Bedeutendes. Ich kam mir neben ihm wie ein Zwerg oder wie ein kleines armes schwaches Kind vor. Mit der größten Leichtigkeit hätte mich der Riese zertreten oder erdrücken können. Ah, ich wußte, wer er war. Für ihn gab es keine Ruhe. Ruhelos ging er in der Welt umher. In keinem sanften Bett schlief er, und in keinem wohnlichen heimeligen Hause durfte er wohnen. Er hauste überall und nirgends. Heimat hatte er keine, und irgend ein Heimatrecht besaß er keins. Ohne Vaterland und ohne Glück war er; gänzlich ohne Liebe, und ohne Menschenfreude mußte er leben. Anteil nahm er nicht, und auch an ihm und an seinem Treiben und Leben nahm niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren ihm eine wesenlose Wüste, und das Leben war zu gering, zu klein, zu eng für ihn. Es gab keinerlei Bedeutung für ihn, und er selbst wieder bedeutete für niemanden etwas. Aus seinen großen Augen brach ein Glanz von Überwelten- oder Unterwelten-Gram. Ein unendlicher Schmerz sprach aus seinen müden schlaffen Bewegungen. Er war nicht tot und nicht lebendig, nicht alt und nicht jung. Hunderttausend Jahre alt schien er mir zu sein, und es schien mir, als müsse er ewig leben, um ewig nicht lebendig zu sein. Er starb jeden Augenblick und vermochte dennoch nicht zu sterben. Kein Grab mit Blumen gab es für ihn. Ich wich ihm aus und murmelte für mich: »Leb wohl, und laß es dir immerhin gut gehen, Freund Tomzack.«
Ohne mich nach dem Phantom, nach dem bedauernswürdigen Koloß und Übermenschen weiter umzusehen, wozu ich wahrhaftig nicht die geringste Lust hatte, ging ich weiter und gelangte bald nachher, so in der weichen, warmen Luft ruhig weiterschreitend und den trüben Eindruck verwindend, den die fremdartige Mannes- oder vielmehr Riesengestalt auf mich gemacht hatte, in einen Tannenwald, durch den sich ein gleichsam lächelnder, schelmisch anmutiger Weg schlängelte, den ich mit Vergnügen verfolgte. Weg und Waldboden waren wie ein Teppich, und hier im Waldinnern war es still wie in einer glücklichen Menschenseele, wie in einem Tempelinnern, wie in einem Palast und verzauberten und verträumten Märchenschlosse, wie im Dornröschenschloß, wo alles schläft und schweigt seit Hunderten von langen Jahren. Tiefer drang ich hinein, und ich rede vielleicht ein wenig schön, wenn ich sage, daß ich mir wie ein Prinz mit goldenem Haar und den Körper bedeckt mit einer kriegerischen Rüstung erschien. Es war so feierlich im Wald, daß schöne und feierliche Einbildungen ganz von selber sich des empfindlichen Spaziergängers bemächtigten. Wie war ich über die süße Waldesstille und Ruhe glücklich! Von Zeit zu Zeit drang von außen her einiger schwacher Lärm in die liebliche Abgeschiedenheit und reizende Dunkelheit hinein, etwa ein Schlag, ein Pfiff oder sonst ein Geräusch, dessen ferner Schall die herrschende Geräuschlosigkeit nur noch erhöhte, die ich recht nach Herzenslust einatmete, und deren Wirkung ich förmlich trank und schlürfte. Da und dort in all der Schweigsamkeit und in all der Stille ließ ein Vogel aus dem liebreizenden und heiligen Verborgenen heraus seine heitere Stimme vernehmen. Ich stand so und horchte, und plötzlich befiel mich ein unsagbares Weltempfinden und ein damit verbundenes, gewaltsam aus der Seele hervorbrechendes Dankbarkeitsgefühl. Die Tannen standen kerzengerade wie Säulen da, und nicht das Geringste rührte sich im weiten zarten Walde, den allerlei unhörbare Stimmen zu durchklingen und zu durchhallen schienen. Töne aus der Vorwelt kamen, von ich weiß nicht woher, an mein Ohr. »O, so will denn auch ich gerne, wenn es sein soll, zu Ende gehen und sterben. Eine Erinnerung wird mich dann noch im Grabe beglücken, und eine Dankbarkeit wird mich im Tode beleben; ein Danksagen für die Genüsse, für die Freude, für das Entzücken; ein Danksagen für das Leben und eine Freude über die Freude.« Leises hohes Rauschen ließ sich, von oben aus den Tannwipfeln herabsäuselnd, vernehmen. »Hier müßte Lieben und Küssen göttlich schön sein«, sagte ich mir. Die bloßen Schritte auf dem angenehmen Boden wurden zum Genuß, und die Ruhe zündete in der fühlenden Seele Gebete an. »Hier tot zu sein und in der kühlen Walderde unauffällig begraben zu liegen, müßte süß sein. Ach, daß man den Tod im Tode fühlen und genießen dürfte! Vielleicht ist es so. Im Walde ein ruhiges kleines Grab zu haben, wäre schön. Vielleicht würde ich das Singen der Vögel und das Waldrauschen über mir hören. Ich wünschte mir das.« Herrlich fiel eine Sonnenstrahlen-Säule zwischen Eichenstämmen in den Wald herab, der mir wie ein liebes grünes Grab erschien. Bald trat ich wieder ins helle Freie hinaus und ins Leben.
Es käme jetzt und träte hervor ein Wirtshaus, und zwar ein sehr feines, reizendes, schmeichelhaftes, ein Wirtshaus, nah am Rand des Waldes gelegen, aus dem ich soeben erst herauskam, ein Wirtshaus mit köstlichem Garten voll erquicklichem Schatten. Der Garten läge auf einem aussichtsreichen niedlichen Hügel, und dicht daneben läge oder stände ein künstlicher Extra-Aussichtshügel oder Rondell, wo man stehen und ziemlich lang sich über die prächtige Aussicht freuen könnte. Ein Glas Bier oder Wein wäre sicher auch nicht schlecht; aber der Mensch, der hier spaziert, besinnt sich rechtzeitig, daß er sich ja auf keinem gar so sehr anstrengenden Ausmarsch befindet. Das mühereiche Gebirge liegt weit in der bläulich glänzenden, weißumhauchten Ferne. Er muß sich ehrlich gestehen, daß sein Durst weder mordsmäßig noch heidenmäßig ist, da er bis jetzt verhältnismäßig nur kleine Strecken zurückzulegen gehabt hat. Handelt es sich doch hier mehr um zartes, sanftes Spazierengehen als um eine Reise und Wanderung, und mehr um einen feinen Rundgang als um einen Gewaltritt und -Marsch, und daher verzichtet er gerechter- so gut wie vernünftigerweise auf den Eintritt ins Lusthaus und Erquickungshaus und nimmt Abgang. Alle ernsthaften Leute, die dies lesen, werden seinem schönen Entschluß und seinem guten Willen gewiß reichen Beifall zollen. Nahm ich nicht bereits vor einer Stunde Anlaß, eine jugendliche Sängerin anzumelden? Sie tritt jetzt auf.
Und zwar an einem Fenster zu ebener Erde.
Ich kam nämlich jetzt aus der Waldabschwenkung wieder in den Hauptweg zurück und da hörte ich -- --
Doch halt! und eine kleine Anstandspause gemacht. Schriftsteller, die ihren Beruf verstehen, nehmen denselben möglichst ruhig. Sie legen gern von Zeit zu Zeit die Feder ein wenig aus der Hand. Anhaltendes Schreiben ermüdet wie Erdarbeit.