Part 1
DER SPANIER
NOVELLE VON GUSTAV FALKE
1910 G. GROTE'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG·BERLIN
Übersetzungsrecht wird vorbehalten Buchschmuck von Carl Weidemeyer Druck von Poeschel & Trepte, Leipzig
DER SPANIER
1. KAPITEL.
Auf und ab flog die Schaukel, und Blanche, in weißem Kleide, ganz in Sonne gehüllt, stand aufrecht darin und konnte sich nicht genug tun. Immer höher! Immer höher! War das eine Lust!
Die Schaukel kreischte in den Angeln, und Blanche fand eine zeitlang an dieser barbarischen Musik Vergnügen.
Wie eine lichte Elfe flog sie zwischen all dem Sonnenschein auf und ab, beständig von weißen Taubenflügeln umspielt. Die dummen und gierigen Geschöpfe flatterten immer wieder von der Dachtraufe, oder der Laube, oder dem Taubenschlag auf die Erde, um dort nach irgend etwas, was ihren Schnabel reizte, zu picken, und alsbald, von der vorübersausenden Schaukel erschreckt, wieder lärmend aufzuschwirren. Es waren ihrer zwanzig, alle schneeweiß mit roten Füßen und roten Schnäbeln, und leuchteten in der Frühlingssonne, wie Blanche in ihrem weißen Kleide. Der ganze Frühling war weiß und leuchtete. Aus dem Garten schimmerten die schneeigen Kronen der vielen Obstbäume, und die hohe Bretterwand der Schaukel gegenüber war ganz und gar mit Pfirsichblüten bedeckt; ein zartes Rosa, wie auf den Wangen der kleinen Blanche.
Wie schön waren doch diese Tage! Es war nicht mehr das erste Knospen, das die Vorfrühlingstage so unendlich reizvoll macht, die Vorfrühlingstage, wo man still, mit einem erwartungsvollen Lächeln, durch den Garten geht, zart und zärtlich die kleinen winzigen Knospenkinder anblickt und fast behutsam auftritt, als könnte man irgend etwas stören, und die ganze erwartete Seligkeit könnte ausbleiben; es war jetzt nichts mehr zu erwarten, es war schon alles da, der ganze, volle Frühling. Wie in einem Rausch hatte sich die Natur erschlossen; ein Blühen und Duften war es, und die Luft schwirrte von den Flügeln der kleinen Insekten, die um die Honigtüten summten, und den Blütenstaub von Blume zu Blume trugen. Und über dem Allen wölbte sich ein reiner, lichtblauer Himmel, durch den nur ein einziges weißes Wölkchen wie in seliger Verträumtheit dahin schwamm.
Über dem Pfirsichspalier tauchte jetzt ein blonder Knabenkopf auf, ein längliches, blasses Gesicht mit einer Pagenfrisur.
»Lux! Lux! komm schnell einmal herüber!« rief Blanche. »Ich habe dir etwas Neues zu erzählen!«
Sofort verschwand der Pagenkopf wieder, und Blanche sprang aus der Schaukel. Ohne sich zu besinnen, lief sie durch die Pforte eines niedrigen, grün gestrichenen Holzgitters, das Hof und Spielplatz gegen den Garten abschloß, und ging dann ein wenig langsamer einen schmalen Steig hinunter, den zu beiden Seiten die schlanken Stämmchen junger blühender Pflaumenbäume einfaßten. Dahinter erstreckten sich rechts und links sauber abgezirkelte Gemüsebeete, gegen den Steig von einer schmalen Blumenrabatte begrenzt, auf der gelbe Tazetten, weiße Narzissen und blaue Iriskelche still in der Sonne standen und sich von einigen gewöhnlichen Kohlweißlingen den Hof machen ließen.
Bei einem alten Dornbusch, dessen phantastisch gewundene Äste weit ausgriffen und eine roh aus Holz gezimmerte Bank überschatteten, und in dessen weißem Blütendach unzählige Sperlinge zankten, bog der Steig nach rechts um und lief hart an der Grenze des Gartens weiter. Hier befand sich in einer wohlgepflegten Ligusterhecke eine schmale Pforte, durch welche die Nachbarkinder miteinander verkehrten. An ihr erschien nun Lux mit fragenden Augen und etwas erhitztem Gesicht; er hatte laufen müssen, um gleichzeitig mit Blanche einzutreffen, denn der Nachbargarten, mehr Zier- und Lustanlage, hatte gewundenere Wege.
Blanche winkte mit einem kurzen Ruck ihres hübschen Köpfchens den Knaben herüber, und er trat durch die schmale Pforte an ihre Seite. Sie gaben sich stumm die Hände, sahen sich einen Augenblick mit Wohlgefallen an und gingen dann Hand in Hand tiefer in den Garten hinein. Sie gewahrten nicht, daß sich nebenan ein schlanker, ernster Mann mit schwarzem Vollbart ein wenig aus einem niedrigen Strandstuhl vorbeugte, das Buch, in dem er gelesen hatte, einen Augenblick auf den Knien ruhen ließ, und ihnen mit einem leisen Lächeln in den sinnenden Augen nachblickte.
Der Weg führte die Kinder in eine parkartige Anlage, wo dann ein schmales, schnellfließendes Bächlein die Grenze des Besitzes bildete. Jenseits dehnte sich eine schöne, von hohen Bäumen umsäumte Wiese aus; die gehörte zu einem Bauernhof, dessen Gebäude unter und zwischen den dichten, dunkellaubigen Baumwipfeln sichtbar wurden.
An diesem Bächlein ließen sich die Kinder nieder. Es stand hier, auf einer kleinen künstlichen Erhöhung des Ufers, ein fünfeckiger, mit Stroh bedeckter Pavillon. Seine drei Bänke boten einen behaglichen Ruhesitz und einen beschaulichen Blick auf das grüne Wiesenbild, dem jetzt die ersten Hundeblumen ihre unzähligen goldenen Sterne eingestickt hatten. Aber nicht auf eine dieser einladenden Bänke setzten sich Blanche und Lux, sondern auf ein paar rohe Holzstufen, die zum Wasser hinabführten. Und nicht eher begann Blanche die Spannung ihres Freundes zu lösen, als bis sie es sich auf diesem primitiven Sitz völlig bequem gemacht hatte.
»Rate mal, was wir bekommen,« begann sie kindlich und lebhaft.
»Einen Bernhardiner,« rief Lux, der den Lieblingswunsch seiner kleinen Freundin wohl kannte.
»Nein, ganz etwas anderes!«
»Was schöneres noch?«
»Du rätst es doch nicht. Besuch bekommen wir. Und rate mal von wem.«
Lux sah sie hilflos an.
»Von einem Spanier!« trumpfte Blanche heraus und legte den Kopf ein wenig zurück, um sich an der Wirkung ihrer Worte zu weiden.
»Ein Spanier?« fragte Lux voller Verwunderung. »Wie heißt er?«
»Den Namen habe ich vergessen. Aber er ist der Sohn von Papas Geschäftsfreund und soll hier die Schule besuchen.«
Lux schwieg und sah aufs Wasser, das in kleinen, hastigen Wellen vorüber lief. Es war seine Art, zu verstummen, wenn ihn etwas innerlich sehr bewegte.
»Ist er schon groß?« fragte er langsam.
»Er ist ein halbes Jahr älter als du,« sagte Blanche. »Ich freue mich furchtbar darauf. Denke dir, wie nett wir dann zusammen spielen können.«
»Spricht er denn deutsch?«
»Ich glaube. Aber wenn nicht, so wird er es doch lernen. Wie könnte er sonst hier die Schule besuchen.«
Lux unterdrückte einen kleinen Seufzer. Er wußte selbst nicht, warum er sich zu dem neuen Kameraden nicht freuen konnte.
»Die Schule hat doch schon angefangen,« sagte er.
»Das macht nichts. Er soll erst zu Michaelis eintreten, bis dahin soll er sich hier einleben und an uns gewöhnen, sagt Mama.«
»So kommt er bald?«
»In acht Tagen. Denke, wie schön!«
Lux stand langsam auf.
»Du scheinst dich gar nicht ein bischen zu freuen,« sagte Blanche vorwurfsvoll.
»O doch!« stieß Lux hastig heraus und errötete heftig. »Ich freue mich schon. Ich habe nur so eine Angst, -- daß ich nicht spanisch verstehe. Und dann sind Spanier immer so wild, weißt du. Es sind doch ganz andere Menschen als wir. Sie sind ganz braun, glaube ich.«
»Das tut doch nichts!«
»O nein, im Gegenteil,« versicherte Lux.
Blanche war sitzen geblieben, neigte sich ein wenig nach vorn und ließ ihr schönes blondes Haar übers Gesicht fallen. Wie ein Nixchen sah ihr Bild aus dem Wasser zurück, und sie ergötzte sich in unschuldiger Eitelkeit daran.
»Fall nicht ins Wasser,« warnte Lux besorgt.
»Und wenn?« fragte sie. »Es ist nicht tief hier. Du meinst wohl, ich ertrinke wieder wie damals. Aber dazu bin ich doch schon zu groß.«
»Damals wärst du freilich bald ertrunken,« sagte er mit einem leisen Schauder in der Stimme. »Aber Papa war in der Nähe und konnte dich retten.«
»Heute käme ich allein wieder ans Land. Soll ich mal?«
Sie streckte die schlanken, weiß bestrumpften Beine aus, als wollte sie direkt in den Bach steigen.
»Du bist imstande, es zu tun.«
Blanche lachte selbstbewußt, als wäre sie noch zu ganz anderen Streichen fähig, erhob sich aber doch und meinte: »Ich finde es langweilig hier, ich gehe wieder schaukeln.«
Nicht mehr Hand in Hand, sondern Lux in einigem Abstand hinter dem Mädchen, gingen sie wieder den Steig hinauf. Ein leiser Windstoß fuhr durch die Zweige der Obstbäume und streute einen leichten Schnee weißer Blütenblätter über Blanche aus; sie schüttelte sich lachend und sprang, wie fliehend, ein paar lustige Sätze voraus.
Bei dem Heckenpförtchen zögerte sie ein wenig.
»Kommst du mit?« fragte sie halb über die Schulter zurück.
Der Knabe besann sich.
»Ich muß zu Papa,« sagte er.
Sie nickte ihm leicht zu und setzte ihren Weg fort, während er unschlüssig das Pförtchen öffnete und ihr noch einen schnellen Blick nachwarf, bevor er hindurch schritt. Er sah suchend umher, entdeckte den Vater auf seinem Strandstuhl und lief zu ihm.
2. KAPITEL.
Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent, der alle seine Zeit, die ihm seine Studien ließen, der Erziehung seines einzigen Sohnes widmete. Seine Frau war früh gestorben, und das Kind, ein schöner blonder Knabe, den die Eltern im Übermaß ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das einzige Licht in seinem verdüsterten Leben. Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt, hatte lange um die Schöne und Herzensfeine geworben und sah sich nun, kaum im Besitz des erstrebten Glückes, desselben wieder grausam beraubt. Er war ganz zerschmettert, und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt ihn noch am Leben. Er zog sich mit ihm und einer alten Haushälterin aus dem lauten Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille und Einsamkeit zurück.
In seinem Gartenhäuschen, von dessen Terrasse aus er den Anblick strohbedeckter Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten Weidelandes und die Schönheit alter Buchen- und Eichenstände genoß, umgab ihn ein Friede, der seinem kranken Gemüt wohltat, und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis wurde. Mit der stillen Freude und dem ernsthaften Interesse des Gelehrten widmete er sich seinem Garten, der eine Fülle auserlesener Blumen und Sträucher aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein und die baumreiche Umgebung auch einen landschaftlichen Reiz verliehen.
Hier liebte er es an schönen Tagen, sich in den Schatten selbstgepflanzter Obstbäume mit einem Buch zurückzuziehen und sich dabei eines schlichten, niedrigen Strandstuhles zu bedienen, in dem einst, im letzten Sommer ihrer kurzen Ehe, die geliebte Frau am Strande der Ostsee täglich geruht hatte. Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten dieser Gartenfreude mit ihrer zarten Blumenseele walten und wirken zu dürfen. Warum hatte er nicht schon früher das Opfer gebracht und war mit ihr der großen Stadt entflohen? Damals meinte er, die Nähe der Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht entbehren zu können; und jetzt ging es doch, und er fühlte sich sogar wohler und zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte er in einer kleinen Stunde in der Stadt sein, der er immer so bald als möglich wieder entfloh.
Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens Lux die Wohltat dieses ländlichen Aufenthaltes genoß, und daß der zarte, ganz der Mutter ähnliche Knabe in der gesunden Luft gut gedieh und sich zusehends kräftigte. Daß er ihn, ohne es zu wollen, ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; war es doch natürlich, daß er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte.
Wohl dachte er manchmal, ob nicht die alte Haushälterin, eine verständige, herzenstüchtige Person, vielleicht etwas zu nachgiebig gegen den Gutherzigen und Einschmeichlerischen wäre. Auch ginge Lux, der ohne gleichaltrige Nachbarskinder einsam zwischen ihm, dem stillen, viel arbeitenden Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs, der Vorteile einer härteren Knabenzucht verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu ändern; denn nie hätte er sich entschlossen, den Knaben von sich zu geben, und ihn in ein Erziehungsinstitut zu tun.
Da war es für ihn von besonderem Interesse, als es hieß, das Nachbargrundstück sei verkauft worden, und es wolle sich ein reicher Kaufmann dort eine Villa bauen. Das konnte einen Verlust für ihn bedeuten, aber auch einen Gewinn. Der Friede seiner ländlichen Beschaulichkeit brauchte nicht notwendig dadurch gestört zu werden, wohl aber die Stille und Einsamkeit; vielleicht nahte eine laute Kinderschar mit den neuen Nachbarn. Für Lux könnte das freilich Nutzen bringen. Und er wünschte sich zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne Kinder sein, und zwar möchten es Knaben sein, die im Alter zu seinem Sohne paßten.
Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht, als er hörte, jenes Ehepaar besäße nur ein einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete sich aber dann bei dem Gedanken, daß er von einem so kleinen Wesen viel Störung seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu gewärtigen haben würde.
Das Vermessen und Graben und Bauen auf dem Nachbargrundstück begann. Dr. Irmler machte von weitem die Bekanntschaft des Bauherrn, eines noch jüngeren Mannes von sympathischem Aussehen, der fleißig kam, um nach dem Rechten zu sehen, und sah auch einmal an seinem Arm die junge Frau. Die Leute gefielen ihm wohl, soweit die äußere Erscheinung nicht täuschte, und da er sah, daß mit Geschmack und ohne Kärglichkeit gebaut wurde, und daß ein tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen leitete, söhnte er sich mit dem Gedanken, so nahe Nachbarschaft zu bekommen, aus und versprach sich sogar mancherlei Gutes davon, denn er gehörte zu den Leuten, die das Böse und Widerwärtige weniger in ihre Rechnung stellen, weil sie mit ihren Gedanken immer nur im Guten und Reinen leben.
Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit rüstig gefördert worden war, stand im September zum Beziehen fertig da. Es dauerte nicht lange, da rückten auch schon die Besitzer ein, um noch ein paar Wochen des schönen Spätsommers in dem neuen Gartenheim genießen zu können.
Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem freundlichen Sonntag.
»Da wir nur das Eine haben, entschuldigen Sie wohl, daß wir uns Ihnen gleich vollzählig vorstellen,« sagte die junge Frau mit einer gewinnenden, liebenswürdigen Schlichtheit.
»Gib auch hübsch dein Händchen, Blanche.«
Dr. Irmler hielt das kleine Händchen einen Augenblick in der seinen und dachte, »welch ein schönes Kind!«
In der Tat war das kleine Wesen von holdem Liebreiz. Lange, seidenweiche Haare von einem seltenen Blond umrahmten ein Engelsgesichtchen, aus dem eine unbefangene Schelmerei lächelte; sie spielte um den kleinen zierlichen Mund und blitzte aus den hellen blauen Augen.
Er verglich das Gesichtchen mit dem der Mutter und stellte eine Ähnlichkeit fest.
»Siehst du, Rudi,« sagte die junge Frau, und zu Dr. Irmler gewandt, setzte sie hinzu:
»Er bildet sich nämlich ein, das Kind hätte alles Gute von ihm.«
Es entstand ein kleiner scherzhaft geführter Streit, den die Mutter mit der Anerkennung beschloß, daß die kleine Blanche in der Tat viel von dem Wesen ihres Vaters habe und eigentlich »ein kleiner Racker« sei; »aber ein süßer,« fügte sie hinzu und zog die Kleine zärtlich an sich.
Inzwischen war Lux herbeigerufen worden und näherte sich den Fremden mit knabenhafter Scheu. Auf die kleine Blanche warf er einen verschämten Blick und reichte ihr auf Aufforderung seine kühlen Fingerspitzen. Sie hingegen begrüßte ihn mit großen unbefangenen Augen und einem zutraulichen Lächeln, das aber gar keinen Eindruck auf ihn zu machen schien; er zog sich vielmehr hinter den Stuhl seines Vaters zurück. Dr. Irmler holte ihn jedoch wieder hervor, zog ihn an seine Seite, und legte fast unbewußt den Arm um seinen Nacken. So geborgen, musterte Lux etwas dreister die kleine Nachbarin. Wie niedlich ihr das weiße Atlashäubchen stand, unter dem das goldene Haar so reich hervorquoll. Und wie hübsch sie angezogen war. Ein blaues Jäckchen mit weißem Seidenfutter war jedenfalls noch ganz neu. Und wie unbefangen sie sich gab, als ob sie hier zuhause wäre. Das wollte ihn eigentlich ärgern, aber es kam nicht dazu, weil sie eben so niedlich war.
Als sich der Besuch verabschiedete, gab er der Kleinen aus eigenem Antriebe die Hand.
»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz enthusiastisch, als sie allein waren.
»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt.
Lux antwortete nicht. Aber den Rest des Tages trieb er sich im Garten umher, und zwar an der Heckenseite, und warf suchende Blicke in den Nachbargarten. Einmal hörte er ihre Stimme, die kam aber von daher, wo in der Nähe des Hauses die beiden Grundstücke durch die hohe Spalierplanke getrennt waren, an der Dr. Irmler seine herrlichen Pfirsiche zog.
Wäre doch ein Loch in der Planke, dachte Lux. Aber sie war so solide gefugt, daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken bot.
»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst das kleine niedliche Mädchen oft genug sehen.«
In der Tat sah er es fast täglich im Garten, so lange das schöne Wetter anhielt. Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht, und es hatte sich schnell ein nachbarliches Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte es sich auf einen teilnehmenden Verkehr über den Zaun hinüber, und der Herbst kam, ohne daß eine größere Annäherung, auch nicht zwischen den Kindern, stattgefunden hatte.
Die Eltern der kleinen Blanche waren noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Vieles war noch zu vervollkommnen, und mit dem Fertigen mußte man sich näher vertraut machen, um es zu besitzen. Neue Wege wurden angelegt, ein Pavillon am Bach erbaut, und hier und da noch ein Obstbaum oder ein Ziergesträuch gepflanzt, soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit Eifer beschickte Frau Elisabeth manches selbst im Garten, wobei sie einmal wegen eines jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht recht hin wußte, Dr. Irmlers freundlichen Rat in Anspruch nahm.
So vergingen geschäftige Wochen, und man hatte für die Nachbarn nicht viel Zeit übrig. Blanche war fast nie allein im Garten. Entweder war die Mutter bei ihr, oder das Kindermädchen, und Lux konnte nur von weitem seine kleine Freundin bewundern, da niemand ihn rief.
Da sollte der rauhe Herbst das Band, das der schöne Sommer nur lose verschlungen hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit setzten die Oktoberstürme ein, es wurde früh kalt und naß, die jungen Bäumchen standen bald kahl, und der Bach hinterm Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt, vorüber und führte viel welkes Laub mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen Anwohner, wie schnell ein einziger, anhaltender Platzregen das schmale Bett des Bächleins mit schäumenden, gurgelnden Wassermassen füllte, und wie das zum reißenden Strom gewordene, über seine Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht achtende, die drüben liegenden Wiesen zu einem kleinen See machte, auf dem tausend winzige Wellchen zitterten, und aus dem hier und da ein Hügelchen, wie eine einsame Grasinsel melancholisch herausragte.
Ein solches Schauspiel war der kleinen Blanche, die in der letzten Zeit schon einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht hatte, verhängnisvoll geworden. Die Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu nahe gewagt, war auf dem schlüpferigen Boden ausgeglitten und wurde schon von dem wirbelnden Wasser, in dem sie sich vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte, fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem erstickten Schrei aufgeschreckt, sie erblickte. Er war im Begriff gewesen, zwischen dem Bach und seinem kleinen Karpfenteich einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da das Wasser den trennenden Steig zu überfluten drohte. Irgend ein Rettungsinstrument, eine Stange, ein Haken, war nicht zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt, aber sein Spaten erwies sich zu kurz. Schnell entschlossen eilte er die überfluteten Stufen hinab in das wogende Wasser, das ihm bis an die Brust stieg, und erhaschte die schon bewußtlose Blanche an ihrem Kleidchen, als sie gerade an der Treppe vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie schnell wieder zu sich, schlug die Augen auf und fing an, jämmerlich zu weinen. Das triefende Kind auf den Armen, selbst triefend, lief er durch den ganzen Garten, umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke suchend, wo er hätte durchbrechen können, um das Nachbarhaus schneller zu erreichen.
Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen mit Jammern und Klagen und überströmendem Dank gegen den Retter in Empfang. Die Kleine wurde eiligst ins warme Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage schon wieder verlassen wollte; sie war diesmal mit dem Schrecken davongekommen, und auch Dr. Irmler hatte außer einem mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl aber diente dieser Vorfall dazu, die Nachbarn noch näher zueinander zu führen und ein Verhältnis einzuleiten, das sich dann mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs. Daß der Zugang zum Bach mit einer schützenden Pforte gesichert wurde, versteht sich von selbst. Auch wurde es Blanche auf das strengste verboten, je wieder allein ans Wasser zu gehen.
Lux, der mit kindlichem Erschrecken von dem Unglück der kleinen Nachbarin gehört hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl, das ihn erfüllte, als er von dem guten Ausgang hörte und Blanche am anderen Tage wieder im Garten sah. Er hütete ängstlich sein keusches Geheimnis, das zärtliche Gefühl, das er für sie empfand. Wurde nur ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz schon höher, und hörte er ihre Stimme von drüben herüberschallen, blieb er wohl erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis er sich verschämt getraute, nach ihr auszuschauen. Wie glücklich war er daher, als von diesem Tage an die Beziehungen zum Nachbarhause inniger wurden.
Blanche war von ihrer Mutter angehalten worden, dem Herrn Doktor zu danken und nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte es ohne Scheu getan. »Was macht denn dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt und hatte sich sehr befriedigt mit einem geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen. Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen und vermehrte ihre kindliche Begehrlichkeit.
Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald nannte, hatte eine reiche Ernte von seinen älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller, während die jungen Bäumchen im eigenen Garten ja erst tragen sollten. Da suchte denn Blanche oft ein Gespräch mit dem »Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken an einen Apfel; und da Dr. Irmler darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst bekam, so fiel manche saftige Frucht auch in ihre kleine Hand.
Den größten Gewinn hatte Lux von dieser Annäherung: Nicht nur, daß sein Vater an Blanche Gefallen fand, und das lachende, sonnige Kind manchmal über die Hecke herüber in seinen Garten hob, auch die Mutter seiner kleinen Freundin tat sich gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem Retter ihres Töchterchens ihre Erkenntlichkeit nicht besser zeigen zu können, als indem sie lieb und gütig mit seinem Knaben war.
Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen aneinander fanden und sich schätzen und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte und der lebhafte, kluge und welterfahrene Kaufmann. Da gab es denn nach Feierabend manche Stunde traulichen Beisammenseins in anregendem Gespräch. Die Kinder spielten bald täglich zusammen; und schließlich wurde als äußeres Zeichen eines so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen von einem zum anderen Garten in der Ligusterhecke angebracht.
Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte, so nannte nun auch Lux die Eltern seiner kleinen Freundin Onkel und Tante und hatte besonders ein Herz für die immer freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter aufgewachsen, nur von der alten grobknochigen Magdalene betreut, war es ihm ein nie gekanntes Gefühl, als zum ersten Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit um ihn legte und ihn mütterlich an sich zog, und als eine weiche, schlanke Hand ihn streichelte. Die Hände der alten Hüterin waren hart und knochig, und die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war spröde und gab sich nur gelegentlich in kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut hatte es doch Blanche dagegen! Er beneidete sie. Doch mißgönnte er es ihr darum nicht, denn wer verdiente mehr eine solche Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte wohl, was in der Seele seines Knaben vorging und dankte Frau Elisabeth in seinem Herzen dafür.