Der Sozialismus Einst Und Jetzt Streitfragen Des Sozialismus In

Chapter 6

Chapter 63,497 wordsPublic domain

Ein ganz anderes Bild, als lange Zeit angenommen, zeigt die Entwicklung der Betriebe in der Landwirtschaft. Sie hat der ursprünglichen Auffassung eine große Enttäuschung bereitet, sie geradezu widerlegt. Weil in England in der Landwirtschaft der Großbesitz überwog, hatte man lange Zeit gefolgert, daß dies im Wesen der modernen Wirtschaft liege, und daß, wie in der Industrie, so auch in der Landwirtschaft die kleinen Unternehmungen immer mehr verdrängt würden von den Großunternehmungen. Das ist aber nicht eingetreten, sondern das Gegenteil ist geschehen. In der Landwirtschaft haben in den 25 Jahren die Großbetriebe an Zahl abgenommen, vermehrt haben sich nur die eigentlich bäuerlichen Betriebe und die ganz kleinen Zwergbetriebe. Die kleinen Landparzellen, die wahrscheinlich mit den Laubengärten zusammengerechnet werden, sind von 2 Millionen auf über 3 Millionen gestiegen. Bei Betrieben von 2 bis 5 Hektar beläuft sich die Steigerung in runden Zahlen von 980000 auf 1006000. In diese Betriebe sind auch die Qualitätslandwirtschaftsbetriebe, die mehr gartenmäßig bewirtschafteten Betriebe eingeschlossen. Die mittleren Betriebe von 6 bis 20 Hektar sind gestiegen von 926000 auf 1065000, und dann beginnt gerade bei den Großbetrieben von 20 bis 100 Hektar ein Abstieg. Ihre Zahl fällt von 282000 auf 262000 und die der Betriebe von über 100 Hektar von 25000 auf 23000. Hier zeigt sich also ein ganz anderes Bild der Entwicklung als angenommen. Die bäuerlichen Betriebe halten sich. Es ist das teilweise eine Folge von Eingriffen der Gesetzgebung. Sie hat allerhand Gesetze geschaffen, die dahin gewirkt haben, den bäuerlichen Betrieb konkurrenzfähig zu erhalten. Eine weitere Erklärung liefert die starke Entwicklung des Genossenschaftswesens in der Landwirtschaft sowie der Umstand, daß die landwirtschaftliche Produktion zum Unterschied von der Industrieproduktion wesentlich organische, von Naturvorgängen abhängige Produktion ist. Sie ist daher für die Hebung der Produktivität nicht so auf die Konzentration angewiesen wie die industrielle Produktion. Bemerkenswert ist nun, daß bei alledem, bei dieser Zunahme der Betriebe in der Landwirtschaft selber, die Zahl der in ihr Beschäftigten in den 25 Jahren erheblich zurückgegangen ist. In Deutschland hat die Bevölkerung in dieser Zeit zugenommen um rund 36 Proz. Dagegen ist die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft samt Angehörigen zurückgegangen von über 19 Millionen auf nicht ganz 17700000, so daß man beinahe sagen könnte, der ganze Zuwachs der Bevölkerung in dieser Zeit, der ungefähr 25 Millionen Menschen umfaßte, ist über die Landwirtschaft hinweggerauscht zur Industrie und hat, statt der Landwirtschaft etwas abzugeben, sogar noch 8 Proz. von ihr hinweggenommen. Statistisch betrachtet gilt das. In einzelnen Fällen mag es natürlich anders gewesen sein, im Gesamtbild hat aber die landwirtschaftliche Bevölkerung abgenommen und trotzdem hat die landwirtschaftliche Produktion zugenommen. Vor dem Krieg ging also Deutschlands Entwicklung immer stärker zum Industriestaat.

Nicht weniger wichtig als die Betriebsentwicklung sind die Veränderungen in der Stellung der Personen im Gewerbe. In der Industrie sind die Selbständigen weniger geworden, dagegen hat sich die Zahl der technischen und kaufmännischen Angestellten ganz bedeutend gehoben. Auch die Zahl der Arbeiter ist gewaltig gestiegen; ihre Vermehrung läßt in absoluter Zahl die aller anderen Berufsschichten hinter sich, im Verhältnis aber war doch die Zunahme der kaufmännischen und technischen Angestellten die größere. Ihre Zahl ist gestiegen in der Industrie von 99000 im Jahre 1882 auf 686000 im Jahre 1907, die Zahl der Arbeiter in der gleichen Zeit von 4 Millionen auf 8600000, während die Zahl der Selbständigen zurückgegangen ist von 1861000 auf 1729000. Die Angestellten sind also um 592 Proz., die Arbeiter um 110 Proz. mehr geworden. Im Handel und Gewerbe sehen wir ein ähnliches Bild. Dort haben jedoch auch die Selbständigen zugenommen, weil es ja leichter ist, sich im Kleinhandel zu etablieren als in der Industrie; ihre Zahl wuchs von 505000 auf 843000. Die im Handel Angestellten vermehrten sich aber von 141000 auf 505000 und die Arbeiter in Handel und Verkehr von 727000 auf 1959000. Die Selbständigen haben danach zugenommen um 60 Proz., die Arbeiter um 169 Proz., die Angestellten aber um 257 Proz. In der Landwirtschaft finden wir auch in dieser Hinsicht wieder ein abweichendes Bild. Die Zahlen sind aber zum Vergleich weniger geeignet, weil 1907 eine andere Zählungsart beobachtet wurde als bei den beiden vorhergegangenen Zählungen. Es sind da nämlich die Personen, die dem Haushalt angehören und mitarbeiten, während sie in der früheren Statistik der Familie des Unternehmers, d. h. des Bauern, zugezählt wurden, in der neueren Statistik als Arbeiter gezählt worden.

Die ungeheure Zunahme der technischen und kaufmännischen Angestellten in Industrie und Handel ist die lebendige Illustration einer in der Marxschen Theorie zuerst mit der größten Schärfe hervorgehobenen Tatsache. Vor Marx unterschied die Nationalökonomie nur zwischen dem fixen Kapital, wie man das in Gebäuden, Maschinen usw. angelegte Kapital nannte, und dem beweglichen, dem zirkulierenden Kapital. Marx führte eine andere Unterscheidung ein: er unterscheidet zwischen konstantem und variablem Kapital. Konstant nennt er alles Kapital, das, wie der Verschleiß von Anlagen und Maschinen, der Aufwand von Rohstoffen und Hilfsstoffen usw., mit eingerechnet wird in die sachlichen Kosten der Produktion und deshalb im Preise des Produkts unverändert wieder erscheint, während die Ausgabe für die menschliche Arbeit -- von Arbeitern und Angestellten -- in erhöhter Form in dem Wert der ganzen Produktion zurückkommt. Sie nennt er variables Kapital. Der einzelne kann durch falsche Spekulation verlieren; im allgemeinen aber gilt als Grundsatz, daß der Unternehmer bei seiner Kalkulation zunächst das wiederhaben will, was er ausgelegt hat an Maschinen, Miete, Rohstoffen u. dgl. Daß dieses konstante Kapital in der Industrie im Verhältnis viel stärker zugenommen hat als das variable (Lohn usw.) Kapital, wird nun illustriert durch die im Verhältnis stärkere Zunahme des kaufmännischen und technischen Personals.

Kommen wir zurück auf die Verschiebungen der Berufsgruppierung in der kapitalistischen Gesellschaft. In der Land- und Forstwirtschaft haben wir die Berufszugehörigen in den 25 Jahren von 19 auf 17 1/2 Millionen zurückgehen sehen. In Industrie und Bergbau wuchs dagegen die Zahl der Berufszugehörigen von 16 auf 26 Millionen, in Handel und Verkehr von 4 auf 8 Millionen. Dazu kommen aber hinzu die Angehörigen der freien und öffentlichen Berufe, die auch eine gewaltige Zunahme erfahren haben, nämlich von 1 1/2 auf 2,6 Millionen. Alles das zeigt eine sehr bedeutsame Verschiebung an, eine ganze Veränderung des sozialen Charakters der Bevölkerung. Als das Deutsche Reich gegründet wurde, lebte noch weit über die Hälfte seiner Bevölkerung auf dem Lande und von der Landwirtschaft als Erwerbsquelle. Jetzt aber ernährte die Landwirtschaft als Berufszweig einen immer geringeren Teil der Bevölkerung; die Masse lebte von Industrie, Handel und Verkehr, von freien und öffentlichen Berufen. Im ganzen bedeutete das einen gewaltigen Kulturfortschritt, der allerdings auch seine Kehrseite hat: die Abkehr von der Natur und verschiedene andere Schäden. Unbestreitbar ist nur, daß im ganzen die Industrie die höhere Wirtschaftsform repräsentiert als die Landwirtschaft, trotz der Verbesserungen, die auch in dieser stattgefunden haben.

Eine weitere bedeutungsvolle Tatsache ist, daß, wie die Stadt auf Kosten des Landes wächst, das soziale Leben überhaupt sich immer mehr sozusagen _verstadtlicht_. Es ist das eine der charakteristischsten Erscheinungen der Epoche, die sich vor dem Kriege übrigens noch viel mehr als in Deutschland in England vollzog. Die Stadt spielt eine immer größere Rolle im ganzen sozialen Leben, und ein großer Teil dessen, was man lange Zeit die Agrarfrage genannt hat, besteht darin, daß, während in früheren Perioden der Bauer seine eigene Kultur hatte und auf sie stolz war, geradezu auf den Städter herabsah, er jetzt sein Leben selbst verstadtlicht, wie der Städter leben will, und wie er, so auch der Landarbeiter. Darin liegt ein großer Teil der Unzufriedenheit auf dem Lande; denn wenn der Bauer so leben wollte wie seine Väter, dann hätte es keine Agrarfrage gegeben. Der Preis der Bodenprodukte war gestiegen, das Geldeinkommen hatte in keiner Weise gelitten.

In der Arbeiterschaft der Industrie vollzieht sich gleichfalls eine Entwicklung, die unser Interesse beansprucht. Die Klasse ist, wie wir gesehen haben, gewaltig an Zahl gestiegen. Nun aber unterscheidet man in der Industrie zwei Gattungen von Arbeitern, die gelernten, d. h. in einer Lehrzeit ausgebildeten, und die sogenannten ungelernten Arbeiter. Früher sagte man qualifizierte und unqualifizierte Arbeiter, d. h. bezeichnete den gelernten Arbeiter als einen qualifizierten, den ungelernten als unqualifizierten Arbeiter. Es gibt aber, wie ein Unternehmer einmal sehr richtig gesagt hat, keine unqualifizierte Arbeit. Auch die ungelernte Arbeit muß gehörig geübt werden und erfordert oft in ihrer Weise erstens große Kraft und dann auch große Geschicklichkeit. Ich möchte keinem es zumuten, einmal mit einem Karrenschieber in dessen Arbeit es aufnehmen zu wollen. Wer das versuchte, würde bald bemerken, daß auch zu dieser Arbeit eine bestimmte Geschicklichkeit gehört und nicht nur Körperkraft. Immerhin steht der ungelernte Arbeiter sozial und ökonomisch unter dem gelernten Arbeiter, in Deutschland allerdings nicht ganz so stark wie in England. In England war die Trennung zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern bis zum Kriege viel stärker gewesen als in Deutschland. Daher die Erscheinung, die vielen, die nach England kamen, aufgefallen ist, daß sie dort eine ungeheure Zahl von tiefstehenden Arbeitern vorfanden, tiefstehend in der Art ihrer Lebensweise, tiefstehend in ihrer Wohnweise und tiefstehend auch in der Art der Kleidung. Sie schlossen daraus, daß überhaupt das Elend in England viel größer sei als auf dem Festlande. Aber es handelt sich da um eine Teilerscheinung, die sich erklärt aus der ganzen Geschichte der englischen Arbeiterschaft. Infolge besonderer Umstände bekam in England der Ungelernte, der Labourer, im Gegensatz zum Gelernten, zum Worker, einen sehr viel geringeren Lohn, nur etwa 60 oder gar bloß 50 Proz. vom Lohn des Gelernten, während in Deutschland der ungelernte Arbeiter bis 70 und 80 Proz. vom Lohn des Gelernten bekommt. Die Zahl der gelernten Arbeiter hat sich in Deutschland anders entwickelt als die der ungelernten. Seit 1895 ward bei der Berufszählung zwischen den beiden Kategorien unterschieden, so daß wir nun für die 12 Jahre von 1895 bis 1907 einen Vergleich der Entwicklung der beiden haben. Danach ist die Zahl der gelernten Arbeiter in der Industrie gestiegen von 4 auf 5,4 Millionen, aber die der ungelernten von 2,3 auf 3,9 Millionen, im Verhältnis also haben die letzteren eine sehr viel stärkere Vermehrung erfahren. Auf 100 gelernte kamen 1895 55 ungelernte Arbeiter, 1907 aber schon 73. Die vervollkommnete Maschine hat also hier vielfach statt gelernter ungelernte Arbeiter gebraucht. Trotzdem hat sich aber, und das ist das Wichtige, in dieser Periode, wo die Zahl der ungelernten Arbeiter so stark wuchs, die Zahl der gelernten Arbeiter in der Industrie immer noch stärker vermehrt als die Zahl der Gesamtbevölkerung. Die Gesamtbevölkerung ist in den 12 Jahren um 19 Proz. gestiegen, dagegen die Zahl der gelernten Arbeiter um gegen 29 Proz. Auch das ist charakteristisch für die ungeheure Entwicklung zum Industriestaat, die sich in Deutschland vollzogen hat.

Die Frage ist nun: Woher kam der Zuwachs der ungelernten Arbeiter? Sie führt auf eine sehr charakteristische Erscheinung. Zum Teil zogen deutsche Arbeiter vom Lande als Tagelöhner in die Stadt und wurden auf dem Lande durch Ausländer ersetzt, d. h. die landwirtschaftlichen deutschen Arbeiter gingen in die Industrie, und aus Polen und anderen Ländern wurde ein großer Teil Arbeiter, teils als Saisonarbeiter, teils aber auch als ständige Kräfte, für die deutsche Landwirtschaft gewonnen. Die deutsche Arbeiterschaft konnte sich auf diese Weise über die polnischen usw. Arbeiter hinweg auf eine höhere Stufe erheben. Indes war es auch für die Polen ein Aufstieg im Verhältnis zum Lebenszuschnitt in ihrer Heimat. Sie zogen nach Deutschland, weil sie da immerhin bessere Löhne erhielten als zu Hause. Bei alledem bleibt es ein bemerkenswerter Umstand, daß zum Teil nur auf dem Rücken jener ausländischen Arbeiter sich die deutsche Industrie und Industriearbeiterschaft in der geschilderten Zeit so entwickeln konnte. Ohne jene ausländischen Tagelöhner wäre ein Teil des großen Aufschwungs unmöglich gewesen, dessen Endresultat das war, daß jede Arbeiterschicht schließlich etwas höher stand als vorher, die Schicht der Gelernten im Verhältnis stärker zugenommen hatte als die Bevölkerung. In dieser Beziehung ist das Wort von Marx, das im »Kapital« steht und von vielen buchstäblich genommen wurde: »Die Maschine schlägt den Arbeiter tot«, nicht eingetroffen. Denn diese ungeheure Vermehrung der Arbeiter in der Industrie finden wir nicht nur in Deutschland, sondern gleichzeitig auch in England, in Frankreich, wie in allen Ländern moderner Entwicklung, und am stärksten davon in Amerika. Das erklärt sich aus einer Reihe von Gründen, die Marx nicht genügend berücksichtigen konnte.

Marx hatte seine Beispiele aus der Textilindustrie genommen, die zu seiner Zeit in England die maßgebende Industrie war. Aber die Faser setzte der Behandlung durch die Maschine viel geringeren Widerstand entgegen als Leder, Holz, Metalle usw. Während die Maschine in der Textilindustrie allerdings Teile der Arbeiterschaft beiseite geschoben hat, ist das in anderen Industrien nicht geschehen, sondern im Gegenteil, da hat die Arbeiterschaft sich gewaltig vermehrt, namentlich in den Industrien der Metalle, die ja allmählich in der Welt die Führung erhalten haben. Diese gesteigerte Entwicklung ist dadurch möglich geworden, daß es sich nicht nur handelte um Maschinen für die Herstellung von Gegenständen des persönlichen Verbrauchs, sondern um die große Erweiterung der Verkehrsmittel, der Eisenbahnen, Dampfschiffe usw. Die ungeheure Verdichtung des Eisenbahnnetzes, die in den verschiedenen Ländern, vor allem in den Vereinigten Staaten, aber nicht zum wenigsten auch in Deutschland vor sich gegangen ist, ist in der Hauptsache erst eingetreten, nachdem Marx sein »Kapital« geschrieben hatte. Man braucht nur eine Eisenbahnkarte aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, den Jahren, wo Marx sein »Kapital« schrieb, mit einer Karte von 1914 zu vergleichen, dann sieht man, welche kolossale Entwicklung das Eisenbahnwesen genommen hat. Die Verkehrsmaschinen selbst, die Lokomotiven, Dampfer usw., haben aber auch ihren Charakter geändert, sie sind riesenhaft gewachsen, und ihr Wachstum wie ihre Zunahme hat stark zurückgewirkt auf das Wachstum der Industrie und wesentlich beigetragen zur gewaltigen Industrialisierung nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen Welt.

Dann haben wir aber auch ein weiteres zu verzeichnen. Die ungeheure Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums, die eine Folge gewesen ist der großen Vervollkommnung der Produktionsmittel, der ins Riesenhafte gesteigerten Gewinnung und Verarbeitung der Erze und Erdschätze, und fortgesetzten Steigerung der Produktivität der Menschen an den Maschinen hat als Zweites zur Wirkung gehabt eine große Förderung der Qualitätsarbeit in der Industrie. Die erste Wirkung der Maschinen war im Gegenteil die Herabdrückung der Qualität des Fabrikats gewesen, wie das Marx auch feststellt. Die billigen Fabrikate drängten die bessere, solide Arbeit zurück. Aber im weiteren Verlauf der Entwicklung steigt mit dem wachsenden Reichtum der Gesellschaft auch der Markt der Qualitätsindustrien, die wiederum eine zunehmende Beschäftigung von gelernten Qualitätsarbeitern herbeiführt. Diese Tatsachen, die große Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums mit ihren technischen Nachwirkungen, stellen uns nun vor die Frage: Wie wirkt das alles zurück auf die Klassengliederung in der Gesellschaft?

Die erste soziale Einwirkung der Maschinenindustrie war, daß sie mittlere Schichten der Bevölkerung zurückdrängte, das Proletariat vermehrte, und daß die Schicht der Reichen und ihr Reichtum wuchsen. So entstand in der sozialistischen Welt die Theorie, die lange Zeit agitatorisch in Aufklärungsvorträgen propagiert wurde -- ich habe noch stark daran teilgenommen --, daß im weiteren Verlauf der kapitalistischen Entwicklung die Mittelschichten von der kleinen Schicht der Reichen vollständig verdrängt werden, während daneben das Proletariat und gleichzeitig auch seine Verblendung ungeheuer zunehmen. Der in seiner Art sehr bedeutende, wenn auch mehr konservativ gerichtete sozialistische Ökonom Karl Rodbertus stellte das im bildlichen Vergleich einmal so dar, daß die soziale Pyramide sich in der Weise eines immer mehr sich verengernden Flaschenhalses gestaltet. Ich habe das gelegentlich zeichnerisch so zu veranschaulichen versucht:

Figur I zeigt die gesellschaftliche Pyramide in ihrem vermuteten Ursprung; unten die ärmeren Klassen, oben, in immer schmälerer Zuspitzung, die besitzenden Klassen. Mit dem Aufkommen der kapitalistischen Produktion bildet sich oben eine kleine Schicht von ganz Reichen, die Mittelschichten nehmen ab, die unteren Schichten aber zu. Die Pyramide gestaltet sich wie auf Figur II. Allmählich aber gewinnt sie die Gestalt des Flaschenhalses wie auf Figur III. Es schwillt an der Kopf der ganz Reichen, es verengert sich vollständig die mittlere Schicht und immer größer wird unten die Schicht des Proletariats. Es war Professor Julius Wolff, der die Theorie damit ironisierte, daß er sagte, nach ihr müßte es dahin kommen, daß eines Tages der Hals völlig verschwinde, nur noch ganz oben der Kopf sei und, jeder stützenden Zwischenschicht bar, unten in den breiten Boden der Flasche stürze. Die wirkliche Entwicklung hat aber diesen Weg nicht genommen. Wenn wir die Einkommensgliederung in den verschiedenen Ländern verfolgen, wie sie uns die Statistik zeigt, so erhalten wir ein ganz anderes Bild. Da für Deutschland als ein Ganzes erst jetzt eine Einkommensteuer eingeführt ist, müssen wir für Vergleichszahlen Preußen nehmen, das fünf Achtel des Deutschen Reichs umfaßt. Preußen hat seine Einkommensteuer im Jahre 1892 bei der bekannten Miquelschen Steuerreform grundlegend reformiert. Nehmen wir an, daß vor dem Kriege alle Zensiten mit unter 3000 Goldmark Einkommen zum Proletariat gehörten und mit 3000 Goldmark steuerdeklariertem Einkommen die Mittelschichten beginnen. Dann kommen oben zunächst die Schichten von 3000-6000 Mk. Einkommen, alsdann die mit 6000-10000 Mk. und hierauf die mit 10000-30500 Mk. Die letzteren sind schon gut bürgerliche Existenzen. Die Zensiten mit 30500 bis 100000 Mk. deklariertem Einkommen können wir als teils wohlhabend, teils reich rechnen und die mit über 100000 Mk. Einkommen als die Schicht der ganz Reichen. Die letzten Zahlen über die Zensiten nach der alten Miquelschen Einkommensteuer liegen mir für 1916 vor. Von 1892 bis 1916, also in der Epoche des großen Aufschwungs der kapitalistischen Produktion, nun ist gestiegen die Schicht der ganz Reichen mit über 100000 Mk. Einkommen von 1780 auf 3561, hat sich also mehr als verdoppelt; die Zahl der Wohlhabenden und Reichen ist in derselben Zeit gestiegen von 6700 auf 22000, hat sich also mehr als verdreifacht. Die Zahl der Wohlhabenden mit einem Einkommen von 6000-30500 Mark hat sich vermehrt von 104000 auf 210000, also gleichfalls mehr als verdoppelt. Auch diese Schicht hat weit über die Vermehrung der Bevölkerung hinaus zugenommen. Und schließlich hat die untere Mittelschicht, die man ganz ausgestochen wähnte, die Klasse der Zensiten mit Einkommen zwischen 3000 und 6000 Mk., sich gar vermehrt von 205000 auf 578000, also auf nahezu das Dreifache. Keine Schicht aus diesen Einkommensgruppen verschwindet also, im Gegenteil alle Zahlen nehmen zu. Wer sich die Entwicklung der Städte in den letzten Jahrzehnten vergegenwärtigt, wie der Zug zur Wohlhabenheit im Bau der Wohnungen und dergleichen sich immer stärker bemerkbar machte, der wird auch begreifen, daß dies gar nicht möglich gewesen wäre ohne die Zunahme der Mittelschichten im Einkommen.

Nicht ganz das gleiche Bild zeigt sich, wenn wir die Vermehrung der Vermögen an sich beobachten. Die Vermögenssteuer wurde in Preußen _erst_ seit 1895 erhoben. Meine Zahlen reichen bis 1911. Sie umfassen also nur eine Periode von 16 Jahren, eine Zeitspanne, in der die Bevölkerung Preußens sich um etwa 25 Proz. vermehrte. Die Zahlen zeigen nur die versteuerten Vermögen, nicht die wirklichen, die ja höher sind, weil bei der Steuer alle möglichen Abzüge gemacht werden. Es haben sich nun in dieser Periode vermehrt die versteuerten Vermögen der Gruppe von 6000 bis 32000 Mk. von 767000 auf rund 1200000, die Gruppe 32000 bis 100000 Mk. von 284000 auf 419000, die Gruppe 100000 bis 500000 Mk. von 87000 auf 136099 und die Gruppe über 500000 Mk. -- die Mark immer in Goldwert -- von 15600 auf rund 23000. Überall findet man also eine Vermehrung. Die Pyramide hat sich nicht in der Richtung des Flaschenhalses entwickelt, sondern ziemlich gleichmäßig in allen Schichten. Das Proletariat ist sehr stark gewachsen, die Mittelschichten aber auch und ebenso die Oberschicht. Der Reichtum der Gesellschaft hat gewaltig zugenommen, aber an ihm haben nicht nur die ganz Reichen, sondern alle Schichten der Besitzenden teilgenommen.

Wenn die Entwicklung, wie man sie sich früher vorgestellt hatte, wie sie nicht nur Marx und Rodbertus, sondern auch Lassalle und alle anderen Sozialisten angenommen hatten, nicht eingetreten ist, so ist damit die sozialistische Bewegung noch nicht als überflüssig nachgewiesen. Was sich vollzogen hat, ist, daß die Spannung zwischen den großen Einkommen und dem Einkommen der Volksmasse bedeutend zugenommen hat, und darauf kommt es an. Die Pyramide der Einkommen und Vermögen entwickelt sich nicht im Sinne des Flaschenhalses, sondern etwa im Sinne einer umgekehrten Ziehharmonika. Man nehme an, eine Ziehharmonika werde auf die Seite gestellt und so beschwert, daß sie sich unten nur langsam heben kann, während eine andere Kraft sie nach oben zieht. Dann wird die Spannung zwischen der beschwerten Masse unten und den oberen Teilen immer größer werden, und das sehen wir tatsächlich in dem Verhältnis der zunehmenden Zahl der Reichen und ihrem wachsenden Luxus zu dem, der Masse nach am stärksten wachsenden Heer derjenigen, die sozial in ihren Diensten stehen. Die Vermehrung der Arbeiter und unteren Angestellten übertrifft der absoluten Zahl nach die aller anderen Klassen zusammen um ein Vielfaches. Wir sehen daran, daß die Entwicklung keineswegs als eine so gesunde bezeichnet werden kann, wie sie von Leuten hingestellt worden ist, die aus der Zunahme aller Schichten der Besitzenden nun eine vollständige Rechtfertigung der ganzen sozialen Entwicklung unter dem Kapitalismus herleiten. Nur eins ist unbestreitbar: der Kapitalismus hat den Reichtum der Gesellschaft ganz ungemein gesteigert; aber die Verteilung des Reichtums hat nicht in jeder Hinsicht die Entwicklung genommen, die die Sozialisten früher voraussetzten, sondern sie hat teilweise andere Bahnen eingeschlagen. Damit haben sich die Probleme, vor die der Sozialismus gestellt ist, allerdings verändert, und die Feststellung und Erkennung dieser Tatsache sowie die Frage, welche Folgerungen aus ihr zu ziehen waren, haben lange Zeit ein gewaltiges Streitobjekt theoretischer und praktischer Art unter Sozialisten gebildet.