Der Sozialismus Einst Und Jetzt Streitfragen Des Sozialismus In

Chapter 19

Chapter 191,011 wordsPublic domain

Der Umkreis der Anwendung des sozialistischen Gedankens beschränkt sich selbstverständlich nicht auf die Wirtschaftsfragen im speziellen Begriff des Wortes und die mit ihnen verbundenen Eigentumsfragen. Er umfaßt den ganzen Fragenkomplex, der für die Hebung der materiellen Wohlfahrt, der Erzielung der höchstmöglichen geistigen und sittlichen Kultur und der dieser entsprechenden Rechtsgestaltung von Bedeutung ist. Auch hier handelt es sich um Neuerungen, die, einzeln genommen, nicht schon Sozialismus sind, sondern es durch den Geist, der sie erfüllt, und ihren Zusammenhang mit vielen, vom gleichen Geist diktierten Reformen werden. Vom Schulwesen in allen seinen Abstufungen angefangen bis zu den weitverzweigten Gebieten der Sozialpolitik, der Rechtsgestaltung, der sozialen Hygiene und der Kulturpolitik ist es dem Sozialismus vorbehalten, Reformen zu verwirklichen, an welche die bürgerlichen Regierungen und Klassen bisher gar nicht oder nur in Ausnahmefällen herangetreten sind.

Um nur von der Sozialpolitik zu reden, so hat in Deutschland die Revolution vom November 1918 in der Epoche der politischen Herrschaft der Sozialdemokratie neben anderen bedeutsamen Erweiterungen des Arbeiterschutzes die Verkündung des gewerblichen Höchstarbeitstages von acht Stunden gebracht, und wieder können wir uns auf Karl Marx berufen, wenn wir diese Reform einen Fortschritt zum Sozialismus nennen. Noch höheren Anspruch hat auf diesen Namen das Betriebsrätegesetz vom 4. Februar 1920. Dieses von der gesetzgebenden Nationalversammlung, in der noch der belebende Hauch der Novemberrevolution nachwirkte, geschaffene Gesetz gibt den Arbeitern und Angestellten Rechte im Betriebe, die man zur Zeit, wo Karl Marx schrieb, für unmöglich gehalten hätte. Es ist allerdings nicht vollkommen, und seine Rückwirkungen auf die Erträge der Volkswirtschaft lassen sich noch nicht völlig übersehen. Aber eines ist sicher und wird in der Praxis auch von denjenigen Arbeitern anerkannt, die es unter dem Einfluß einer bestimmten Agitation bei seiner Schöpfung bitter bekämpft haben: es ist ein Stück Sozialpolitik, das, wie kein zweites, den Arbeitern und Angestellten die Möglichkeit eröffnet, aus Hörigen des Gewerbes zu Teilhabern oder Genossen im sozialrechtlichen Begriff des Wortes zu werden. Zustandekommen konnte es indes eben nur durch die Erkämpfung der demokratischen Republik. Diese Republik ist gewiß nur erst der juristische Hebel zu ökonomisch-sozialer Befreiung und noch nicht diese selbst. Aber in einem industriell so vorgeschrittenen Lande wie Deutschland, mit einer so entwickelten, politisch und wirtschaftlich so stark organisierten Arbeiterschaft kann dieser Hebel nur in der Richtung zum Sozialismus wirken. Daran ändert der Umstand nichts, daß es nicht nach einer auf alles passenden Formel, daß es nicht auf dem ganzen Gebiet des sozialen Lebens mit einem Male sich durchsetzt.

Vor jetzt 36 Jahren, im Jahre 1885, schrieb der Verfasser dieses im Zusatzkapitel zu der von Jules Guesde und Paul Lafargue verfaßten Erklärung der Marxschen Einleitungssätze des Mindestprogramms der im Jahre 1880 gegründeten Arbeiterpartei Frankreichs:

»Gewöhne man sich nur ab, von einem vollendeten Zukunftsstaat zu träumen, sondern halte man an der Erkenntnis fest, daß es einer geraumen Zeit der Entwicklung bedarf, bis das Prinzip des Sozialismus sich auf allen Gebieten des sozialen Lebens Bahn gebrochen haben wird.

Spekulativ, in ihrem Kopf, haben zu allen Zeiten sich einzelne Menschen über gewisse Übergangsstadien hinweggesetzt. Aber noch stets hat die Praxis solchen Phantasten einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Vages Träumen ist der Todfeind alles konkreten Denkens. Letzteres aber ist es, was der Arbeiterklasse nottut. Ohne konkretes Denken keine Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, und ohne diese kein planmäßiges Zielbewußtsein, zielbewußtes Handeln, das Haupterfordernis der Befreiung der Arbeiterklasse.«

In viel höherem Grade als ich es damals ahnte, haben diese Sätze sich als berechtigte Mahnung erwiesen, und es wäre noch manches hinzuzusetzen. Ließ doch meine sozialökonomische Erkenntnis noch viel zu wünschen übrig. Auf Grund sehr überschätzter Erscheinungen im Wirtschaftsleben hielt ich West- und Mitteleuropa für der Verwirklichung des Sozialismus viel näher, als sie tatsächlich waren, und den Weg der Verwirklichung für viel einfacher, als er tatsächlich ist. Die Erfahrung hat uns belehrt, daß die Entfernung eine bedeutend größere war, der Weg aber ganz und gar nicht einfach, überhaupt nicht schlechthin Ein Weg ist.

Aber wir haben keinen Grund, darum etwa kleinmütig zu sein. Ich darf es wohl sagen: wenn ich zurückblicke auf das, was damals war, und es mit dem vergleiche, was heute ist, dann sehe ich erst, welch großer, welch gewaltiger Fortschritt in der für das Leben von Völkern doch verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit sich vollzogen hat. Der Weg ist nicht so einfach, wie er damals erschien, aber der Kräfte, die an seiner Überwindung arbeiten, sind in noch ganz anderem Grade mehr als damals.

Von den verschiedensten Seiten her, unter Anwendung sehr verschiedenartiger Mittel und Methoden arbeitet ein mehr als zwanzigmal größeres Heer von Arbeitern aller Art, als damals an der Verwirklichung des Sozialismus. Das, was jeder einzelne zum Ganzen hinzufügt, erscheint klein im Verhältnis zur Größe des zu verrichtenden Werkes, und der Fortschritt des Tages geringfügig im Verhältnis zum Stand vom Tage vorher. Nur erst, wenn wir von einem gewissen Abstand her ihn messen, von dem aus wir das Ganze überschauen können, erkennen wir den vollzogenen Fortschritt. Mit dem Traum von dem großen Sprung geht uns aber nichts verloren, was des Bewahrens wert wäre. Junge, schwache Bewegungen mögen seiner bedürfen, um auf dem weiten Weg, der noch keine sozialen Erfolge verspüren läßt, den Mut nicht zu verlieren. Starke, gereifte, zu schöpferischem Wirken gelangte Bewegungen haben seiner nicht nötig. Er kann ihnen im Gegenteil nur schaden. Denn ihnen wird falsches Messen um so verhängnisvoller. Für sie behält im hohen Grade das oft mißbrauchte Wort des Dichters volle Berechtigung:

Vergebens werden ungebund'ne Geister Nach der Vollendung reiner Höhe streben; Wer Großes will, muß sich zusammenraffen.

Erstarkte Bewegungen gewöhnen sich daran, von ihren Zielen jeweilig nur das auf gegebener Stufe der Entwicklung Mögliche für den unmittelbaren Kampf ins Auge zu fassen. In dieser Ökonomie des _Wollens_ aber liegt die sicherste Gewähr der _Erreichung des Gewollten_.

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