Der Sozialismus einst und jetzt Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart
Part 8
Vorher möchte ich jedoch noch einiges sagen über die Rückwirkungen des Krieges und der Revolution auf die Wirtschaftsentwicklung. Im ganzen wäre es voreilig, hier prophezeien zu wollen, weil die Rückwirkung sich im ganzen noch gar nicht übersehen läßt angesichts der vollständigen Ungeordnetheit der Verhältnisse, die sich eingestellt haben. Wir übersehen noch nicht vollständig die wirtschaftlichen Rückwirkungen der großen Gegensätze zwischen den Nationen und die großen Verschiebungen innerhalb der Klassen. Wir haben noch keine Statistik darüber, ob die Entwicklung der Klassen, die oben vorgeführt wurde, in der Weise anhält, wie wir das im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege gesehen haben. Wir können noch nicht übersehen, ob wir noch weiterhin etwa jene Zunahme der mittleren Einkommenschichten haben werden, die vor dem Kriege zu verzeichnen war. Es fehlt uns eine Statistik über die gegenwärtige Stärke der Klassen. Wie sie sich in Deutschland gestalten wird, ist ganz besonders deshalb schwer zu sagen, weil seine Industrie mit unberechenbaren Schwierigkeiten zu rechnen hat. Deutschlands Absatzmöglichkeiten in der Welt haben sehr abgenommen, Deutschlands sachliche Produktionskosten haben sich ungemein gesteigert. Es muß seine Rohstoffe, Erze usw. jetzt zum großen Teile aus Ländern mit hoher Valuta kaufen, und daher entsteht die große Frage, ob die Industrie noch weiter die Stellung in der Weltwirtschaft einnehmen kann, die sie vor dem Kriege eingenommen hat. Im allgemeinen wird wohl die Tendenz dahin gehen, daß wir eine Zunahme der Beschäftigung in der Landwirtschaft haben werden, das heißt eine relative Vermehrung der landwirtschaftlichen Bevölkerung, weil Deutschland nicht die Mittel hat, die Nahrungs- und Genußmittel in dem früheren großen Umfange aus dem Auslande zu kaufen. Ein großer Teil der deutschen Sozialpolitik wird jetzt darauf gerichtet sein, mehr Bevölkerung aufs Land zu bringen, als vom Lande in die Industrie und die Städte abfließt, eine Frage, an die sich eine ganze Reihe von Problemen des Sozialismus knüpfen. Das bloße Herausgehen der Arbeiter auf das Land würde unter den bisherigen Verhältnissen tatsächlich eine Herabsetzung ihres ökonomischen, sozialen und kulturellen Höhenstandes bedeuten. Es müssen daher Maßnahmen getroffen werden, diese Wirkung zu verhüten. Eine andere Erscheinung von Bedeutung ist die ungeheure Expropriation von Angehörigen der Mittelklassen durch den Sturz der Valuta. Hunderttausende von Kleinrentnern sind durch ihn vollständig proletarisiert worden. In welchem Umfange nun andere Klassen und Schichten durch ihn hochgekommen sind, das können wir gleichfalls noch nicht übersehen. Diese Dinge sind aber bedeutungsvoll für die Verschiebung der politischen Machtverhältnisse in der Gesellschaft, und auch das führt uns zurück auf die Frage der Klassenkämpfe in der modernen Gesellschaft. Sie sind der Gegenstand des folgenden Kapitels und leiten über zu der weiteren Frage der Theorien über den Staat in den Reihen der Sozialisten.
Fünftes Kapitel.
Der Sozialismus und die Lehre vom Klassenkampf.
Die Frage des Klassenkampfes in der bürgerlichen Gesellschaft hat in der Literatur des Sozialismus als Streitgegenstand Boden gefaßt auf Grund der von Karl Marx und Friedrich Engels in dem Manifest der Kommunistischen Partei niedergelegten Lehre. Dieses Schriftwerk, das Marx und Engels Ende 1847 ausgearbeitet haben und das Anfang 1848 erschienen ist, hat in der Sozialdemokratie aller Länder eine große Bedeutung erlangt. Es ist in unzählige Sprachen übersetzt worden und hat das Ansehen einer Art von Katechismus für die sozialistische Bewegung, ist auch jedenfalls außerordentlich lesenswert --, schon wegen seiner wunderbar lapidaren Sprache, zugleich aber auch wegen des großen Einflusses, den es auf das sozialistische Denken ausgeübt hat und noch ausübt. Es sei nur daran erinnert, daß die Bolschewisten, die sich überall Kommunisten nennen, vornehmlich auf diese Schrift sich berufen.
Im Kommunistischen Manifest nun liest man im ersten Absatz gleich nach der Einleitung:
»Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.
Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.«
Dieser Satz ist sehr stark angegriffen worden, was großenteils der ziemlich roh simplizistischen Auslegung geschuldet ist, die er in sozialistischen Reihen gefunden hatte. Viele faßten ihn so auf, daß die ganze Geschichte aus einer Kette von erbitterten Klassenkämpfen bestehe. Solches sagt der Satz aber nicht. Es ist Marx und Engels, diesen guten Kennern der Geschichte, niemals eingefallen, eine so platte Behauptung aufzustellen. Was sie tatsächlich wollten, war, die Tatsache zur Anschauung zu bringen, daß durch die ganze Geschichte der Menschheit -- Engels hat das später eingeschränkt: mit Ausnahme der Urgeschichte -- sich Klassengegensätze ziehen, die sich stets früher oder später zu heftigen Klassenkämpfen zuspitzen. Marx hat denn auch 1859 im Vorwort zu seiner Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie« dem Gedanken eine mehr wissenschaftliche Form gegeben. Er knüpft da an die Theorie Saint-Simons an, daß die Geschichte der Menschheit sich vollzieht in abwechselnden Perioden, eine sogenannte organische Periode, wo sich die Gegensätze einrenken und die Entwicklung sich verhältnismäßig regelrecht vollzieht ohne große Kämpfe, und dann eine eigentliche kritische Periode, wo es zu Revolutionen kommt, und legt in knappen Sätzen das Wesen dieser Periodizität dar. Solange Klassen in der Gesellschaft bestehen, bestehen auch Klassengegensätze, die wirtschaftliche Entwicklung erzeugt sie in immer neuen Formen und treibt sie auf die Spitze. Eine jeweilige Unterschicht drängt nach oben, und ist sie stark genug, um herrschende Klasse werden zu wollen und zu können, dann tritt die Periode sozialer Revolution ein, die auch wiederum nicht plump genommen werden darf als bloßer Straßenkampf. Der ganze Gesellschaftszustand ist vielmehr erschüttert, die sozialen Kämpfe der Klassen nehmen größere Intensität an, die herrschenden Schichten fühlen sich nicht mehr sicher, und schließlich findet so oder so eine soziale und politische Umwälzung statt. Die Tatsache läßt sich auch gar nicht bestreiten, dagegen ist gegen den obigen Satz des Kommunistischen Manifests der Vorwurf des Plagiats erhoben worden. Ein grusinischer Sozialist W. Tscherkesow zitiert dafür einen Spruch des Ökonomen Adolphe Blanqui, Bruder des Kommunisten und Revolutionärs Auguste Blanqui. Dieser Adolphe Blanqui hatte nämlich im Jahre 1825 geschrieben:
»Es hat immer nur zwei sich gegenüberstehende Parteien gegeben, die der Leute, die von ihrer Arbeit leben wollen und die der Leute, die von der Arbeit anderer leben wollen. Patrizier und Plebejer. Freie und Hörige, Sklaven und Freigelassene. Welf und Waibling, Rote und Weiße Rose. Kavaliere und Rundköpfe, alles sind nur veränderte Formen derselben Gattung.«
Dieser Satz sieht allerdings dem im Kommunistischen Manifest niedergelegten ungemein ähnlich, und die Behauptung, daß Marx ein Plagiat ausgeübt habe, konnte einen Schein von Berechtigung haben. Wenn man aber die zwei Aussprüche näher betrachtet, wird man doch auf einen gewaltigen Unterschied stoßen. Bei Blanqui werden ganz verschiedenartige Gegensätze durcheinander geworfen. Welfen und Waiblinge stehen sich ganz anders gegenüber als Proletarier und kapitalistische Unternehmer. Es sind zwei gleichgeartete Parteien, die gegeneinander kämpfen, weil jede Herrscherin sein will, die aber keinen sozialen Gegensatz vertreten. Dann Freie und Hörige. Das ist ein Unterschied, aber kein Klassengegensatz. Bei Marx heißt es: »Freie und Sklaven«. Die Hörigen sind schon nicht mehr Sklaven. Marx schreibt denn auch: »Baron und Leibeigener«, worin sich das feudale Verhältnis scharf ausprägt. Er und Engels beschränken sich auf Anreihung wirklich wesensgleicher Unterschiede. Im übrigen lagen solche Gegenüberstellungen so sehr im Geist der damaligen Epoche, daß es nicht schwer halten würde, Vorgänger auch von Blanqui zu finden. Marx hat niemals behauptet, seine Gedanken seien nie vorher von anderen ausgesprochen worden. Aber jedenfalls offenbart sich in der marxistischen Zusammenfassung gegenüber der Blanquischen ein bedeutender Fortschritt: eine viel stärkere Präzisierung des Wesens der wirtschaftlichen und sozialen Gegensätze.
Dennoch ist auch bei Marx-Engels an manchem Kritik zu üben, auch ihre Systematik ist nicht ganz fehlerfrei. Sie stellen schlechthin Zunftbürger und Gesellen gegenüber. Aber zwischen Zunftbürger und Gesellen findet tatsächlich jahrhundertelang kein Klassengegensatz statt. Nichts von dem, was man über angebliche Klassenkämpfe zwischen Zunftbürger und Gesellen im Mittelalter liest, hält näherer Prüfung stand. Über die Gesellenbewegungen des Mittelalters hat ein sehr wertvolles Buch Georg Schanz geschrieben: »Die Geschichte der deutschen Gesellenverbände«. Er teilt da 53 Urkunden mit, aber wenn man sie genau ansieht, so zeigt sich, daß nicht eine davon einen wirklichen Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftmeistern behandelt. Bruno Schönlank spricht in seinem Buche »Soziale Kämpfe vor drei Jahrhunderten« beständig von Klassenkämpfen, aber er führt nicht einen einzigen wirklichen Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftbürgern vor. Einer der berühmteren Zunftkämpfe der Gesellen des Mittelalters war der Kampf der Kolmarer Bäckergesellen, der zehn Jahre dauerte, von 1495 bis 1505. Worum drehte sich aber dieser Kampf? Um die Stellung der Bäcker in der Kirchenprozession. Nun ist das damals keine so leicht zu nehmende Sache gewesen wie es heute erscheint. Vor der Reformation, in einer Zeit, wo die Kirche noch das ganze bürgerlich-soziale Leben erfüllte, wo die Prozessionen eine gesellschaftliche Bedeutung hatten und die soziale Rangstellung der einzelnen und Gruppen sich darin ausprägte, welche Stelle sie in der Prozession einnahmen, in dieser Zeit hatte ein solcher Streit eine ganz andere Bedeutung als heute. Aber ein Klassenkampf war er nicht, er war mehr ein Kampf von Gewerbe gegen andere Gewerbe. Ich habe ziemlich genau verfolgt, worum die Gesellen damals kämpften. Als ich mich mit der Geschichte eines bestimmten Gewerbes beschäftigte, habe ich eine ganze Reihe von Urkunden dieses und anderer Gewerbe durchstudiert, und niemals bin ich einem Kampf begegnet, der ein eigentlicher Klassenkampf war. Es hat sich oft um Streitigkeiten zwischen Meistern und Gesellen gehandelt. Streitigkeiten sind aber noch kein Klassenkampf. Oft waren die Streitigkeiten zwischen Gesellen und Meistern ähnlich den Streitigkeiten, wie wir sie heute etwa zwischen Studenten und Professoren haben. Die Studenten haben gegen die Senate manchmal Beschwerden und bringen sie in den Ausschüssen zur Geltung; aber man wird nicht behaupten wollen, daß solche Konflikte Klassenkämpfe seien.
Das führt uns zu der Frage: Was bedeutet überhaupt eine Klasse? Eine Klasse ist nicht zu verwechseln mit einem Stand. Lange hat solche Verwechslung stattgefunden, hat man das eine Wort für das andere gebraucht. Selbst ein so klarer Denker und in der Wahl seiner Ausdrücke gewöhnlich außerordentlich sorgfältiger Schriftsteller wie Ferdinand Lassalle gab seiner berühmten Schrift, die später den Namen »Das Arbeiterprogramm« erhielt, den Titel: »Über den Zusammenhang der Idee der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Bedeutung des Arbeiterstandes«. Es ist eine wahrhaft klassische Schrift, die ich jedem zu lesen empfehle, der sich mit der Gedankenwelt des Sozialismus vertraut machen will, zumal Lassalle ein Meister des Stils war. Einige seiner populären Schriften sind so vorzüglich geschrieben, daß meiner Ansicht nach es ratsam sein würde, Stücke aus ihnen in die Schulbücher als Lehrgegenstand einzuführen, als Muster guter, klarer Darstellung, sowie auch als Gegenstücke gegen die schändliche Mißhandlung, die die deutsche Sprache heute in der Tagesjournalistik erfährt. Lassalle braucht also mit Bezug auf die Lohnarbeiter den Ausdruck Arbeiterstand. Aber schon damals konnte man nicht mehr von einem solchen Stande sprechen. Nach Ständen gruppiert war die Gesellschaft im Mittelalter und Spätmittelalter. Der Stand ist eine abgegrenzte Schicht mit besonderen Rechten, die gesetzlich geregelt sind. Die Aufnahme in den Stand ist begrenzt, er hat seine eigenen Rechte und Gesetze. Im allgemeinen herrscht im Stande lange eine starke Gleichheit der Lebenslage, erst nach und nach bilden sich in einzelnen von ihnen größere ökonomische Unterschiede, wie wir sie auch bei den Kasten in Indien finden, die ja nur eine Verschärfung der Standeseinteilung sind, oder vielmehr eine schärfere Vorstufe. In Indien kommt es vor, daß eine tieferstehende Kaste oft sehr reiche Mitglieder hat und höherstehende Kasten ärmere Mitglieder. Aber selbst die ärmsten Mitglieder der höheren Kaste fühlen sich entehrt, wenn sie mit einem noch so reichen Mitgliede einer unter ihnen stehenden Kaste an einem Tische speisen sollen. Das war natürlich bei uns im Mittelalter nicht im gleichen Maße der Fall, aber die Stände haben sich doch viel schärfer abgegrenzt als heute die Klassen, und jeder einzelne Beruf, jede Zunft bildete einen Stand. Er grenzte sich gegen andere ab und empfand keinerlei Solidarität mit anderen Ständen. Dieser Zunftgeist hat sich bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts fortgepflanzt. Selbst in meiner Jugendzeit noch war allgemein zwischen Schuhmacher- und Schlossergeselle etwa oder Tischlergesellen wenig Solidaritätsgefühl vorhanden. In der Hasenheide zu Berlin haben sie auf den Tanzböden Kämpfe miteinander geführt, die Tatsache, daß sie gemeinsam einer proletarischen Klasse angehörten, haben sie wenig beachtet. Sie kannten wohl den Unterschied von arm und reich, von Meister und Geselle, aber sie wären erstaunt gewesen, wenn man ihnen gesagt hätte, daß der Schuhmachergeselle das gleiche sei wie ein Schlossergeselle; sie empfanden oft eine stärkere Solidarität mit ihren Meistern als mit den Gesellen eines anderen Gewerbes. Ja, als die kapitalistische Produktion anfing sich durchsetzen, sind die Gesellen oft ihr gegenüber viel konservativer als die Meister. Die Verfolgung der nicht zünftigen Handwerker -- im Schneiderberufe nannte man sie Bönhasen -- und die Kämpfe gegen die eindringende Maschine sind von seiten der Gesellen zum großen Teile viel heftiger geführt worden als von den Meistern. Die Klasse ist etwas ganz anderes als der Stand. Die Klasse ist eine soziale Schicht, die allerdings auch gebildet wird durch Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse, aber sie ist keine durch Gesetz oder Satzung und Berufszugehörigkeit abgegrenzte Schicht, sondern sie ist der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung unterworfen. Die Klassenbildung geht neben der Standesentwicklung und später auch innerhalb des Standes selber vor sich. Die Klasse sprengt je nachdem den Stand. Die Linien der Abgrenzung der Stände gehen vertikal, die der Unterscheidung der Klassen horizontal, d. h. nach der Höhe von Besitz und Einkommen. Es sei hierfür auf ein anderes Stück des Kommunistischen Manifestes verwiesen. Auf Seite 24 der neuesten deutschen Ausgabe heißt es dort:
»Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.«
Das ist natürlich richtig, das ist eingetreten. Die feudale Gesellschaft ging an einer ganzen Reihe von Umständen zugrunde, die teils auf die Entwicklung des Weltverkehrs, teils der inneren Wirtschaftsverhältnisse zurückzuführen sind und die zur Folge hatten ein starkes Anwachsen der Städte, deren größere Bedeutung und Macht und zugleich eine Steigerung des zunächst gegen die Feudalherren gerichteten fürstlichen Absolutismus. Es entsteht der absolute Staat, und die feudale Gesellschaft wird gesprengt, zum Teil unter Mitwirkung der staatlichen Gesetzgebung.
Das Kommunistische Manifest sagt in dem Absatz »Bourgeoisie und Proletarier« weiterhin:
»Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.«
Das nahmen die Verfasser des Manifestes, das nahmen auch alle Sozialisten, die Schüler von Marx und Engels waren, das nahm gleichfalls Ferdinand Lassalle an. Sie alle folgerten, daß die Gesellschaft sich vereinfache zu dem großen Gegensatz: Bourgeoisie und Proletariat, während die in der Mitte stehenden sozialen Zwischenschichten verschwinden. In dieser Annahme steckt auch etwas Richtiges, aber sie erschöpft die Sache nicht. Es ist eben der große Fehler, den auch die modernen Kommunisten begehen, daß sie das Kommunistische Manifest als das höchste Produkt des Marxschen Geistes maßgebend sein lassen wollen. Aber das Kommunistische Manifest ist ein Produkt der Frühentwicklung von Marx und Engels, und so bedeutende Geister die beiden auch schon damals waren, so muß man ihnen doch das Recht der Jugend zuerkennen, die einer vorschnellen Verallgemeinerung zuneigt. Was sie in England vor sich gesehen hatten, dem Musterland der kapitalistischen Wirtschaft, dem sprachen sie eine Entwicklung in gerader Linie zu, verallgemeinerten und bezogen es auf die ganze moderne Gesellschaft. Zum großen Teile ist ihre damals gefolgerte Vorhersage aber nicht eingetroffen. Liest man die Schriften, die Marx auf der Höhe seiner Entwicklung geschrieben hat, so findet man eine ganz andere Sprache. Im dritten Bande seines Werkes »Das Kapital«, das freilich die wenigsten gelesen haben -- von den Schülern Marx' abgesehen werden es kaum etliche Hundert gelesen haben --, unterscheidet Marx erstens noch einen anderen Faktor sehr streng, auf den er in dem Kommunistischen Manifest noch gar keinen Bezug nimmt, er unterscheidet nämlich Grundbesitz von Kapitalbesitz. Demgemäß teilt er nun die Klassen anders ein. Er spricht von den drei _großen_ Klassen der modernen Gesellschaft, die sich durch die Natur der Quelle ihres Einkommens, nämlich Arbeitslohn, Profit und Grundrente, unterscheiden, und dann von einer Vielheit der Schichten innerhalb dieser großen Klassen. Er schreibt im letzten »Die Klassen« überschriebenen Kapitel:
»Die Eigentümer von bloßer Arbeitskraft, die Eigentümer von Kapital und die Grundeigentümer, deren respektive Einkommensquellen Arbeitslohn, Profit und Grundrente sind, also Lohnarbeiter, Kapitalisten und Grundeigentümer, bilden die drei großen Klassen in der modernen, auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden Gesellschaft.
In England ist unstreitig die moderne Gesellschaft in ihrer ökonomischen Gliederung am weitesten, klassischsten entwickelt. Dennoch tritt diese Klassengliederung selbst hier nicht rein hervor. _Mittel- und Übergangsstufen vertuschen auch hier_ (obgleich auf dem Lande unvergleichlich weniger als in den Städten) _überall die Grenzbestimmungen._«
Man sieht schon hier, daß man nicht damit fertig wird, einfach zu sprechen von den beiden großen Klassen »Bourgeoisie und Proletariat«. Marx wirft alsdann die Frage auf: »Was bildet die Klassen?« und schreibt, daß hiernach auf den ersten Blick die »Dieselbigkeit der Revenuen und Revenuenquellen« sich als maßgebend zeige. Indes würden, fährt er fort, »von diesem Standpunkte aus z. B. Ärzte und Beamte auch zwei Klassen bilden«, und »dasselbe gälte für die _unendliche Zersplitterung der Interessen und Stellungen_, worin _die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit_ die Arbeiter wie die Kapitalisten und Grundeigentümer -- letztere z. B. in Weinbergbesitzer, Äckerbesitzer, Waldbesitzer, Bergwerksbesitzer, Fischereibesitzer -- spaltet!«
Hier bricht das Manuskript zum dritten Bande ab. Marx ist leider nicht über die ersten Sätze des für seine Theorie so wichtigen Kapitels hinausgekommen. Es mag dahingestellt bleiben, warum er gerade an ihm so wenig gearbeitet hat. Wir können nur so viel sagen, daß selbst wenn er dazu gekommen wäre, es zu vollenden, es für heute doch unzureichend sein würde. Denn seit der Zeit, wo Marx das Zitierte geschrieben hat -- seine letzten Arbeiten am dritten Bande datieren vom Anfang der siebziger Jahre --, hat die Entwicklung so vieles an der sozialen Schichtung geändert, so viele neue Erscheinungen gezeitigt, daß das Bild, das er zu jener Zeit geben konnte, doch heute unvollständig und vielfach sogar unrichtig sein würde. Was z. B. bei ihm in der Wertung noch vollständig vernachlässigt wird, ist die Frage des technischen und kaufmännischen Personals in der Volkswirtschaft. Wir wissen, welche bedeutende Zunahme diese Klasse seit dem Tode von Marx erfahren hat.
Wenn heute ein großer Teil der Angestellten, und zwar nicht nur der technischen Angestellten, eine starke Gemeinsamkeit der Interessen mit den Arbeitern empfinden, sich ähnlich wie die Arbeiter organisieren und viele sich ihnen ganz zurechnen, so hat man lange Zeit ganz anderes beobachtet, und es bleibt auch heute noch ein ziemlich starker Prozentsatz übrig von kaufmännischen und technischen Angestellten, die auf Grund ihrer Klassenherkunft und Erziehung sich mehr den Unternehmern nahefühlen, Elemente, die eine Zwischenstellung einnehmen und die die bürgerlichen Volkswirtschaftler seinerzeit als den »neuen Mittelstand« begrüßt haben, der an Stelle der teilweise verschwundenen Mittelstandsunternehmer getreten sei. Jedenfalls bot die kapitalistische Gesellschaft in der Tat am Vorabend des Weltkrieges ein anderes Bild dar, als Marx es zu seiner Zeit vorzeichnen konnte.
Marx leitet die Klassenzugehörigkeit, wie wir gesehen haben, von der Natur der Einkommensquellen ab und gruppiert diese in Grundrente, Profit, Lohn. Er schweigt vom Gehalt und rechnet das Gehalt offenbar dem Lohn zu. Aber das läßt die gewaltigen Unterschiede aus, die z. B. bei den Beamten bestehen, die doch gleichfalls Gehalt beziehen. Auch die Schicht der Beamten hat in der Neuzeit sehr zugenommen, sie ist durch die ungeheure Ausdehnung der Verwaltung bedeutend vermehrt worden, und wenn die Angestellten und Beamten zeitweise eine Gemeinsamkeit der Interessen mit den Arbeitern empfinden, so kommt es doch auch zwischen ihnen und jenen zu Gegensätzlichkeiten der Interessen. Welche bedeutsamen Unterschiede zwischen den Grundbesitzern bestehen, je nachdem es sich um rein landwirtschaftlichen Grundbesitz, um Waldbesitz, Weinbergbesitz oder um Grundbesitz in Bergbau und Fischerei handelt, läßt Marx selbst durchblicken, und so sehen wir schon, daß die moderne Gesellschaft keineswegs das ganz einfache Bild darstellt, wie es sich dem oberflächlichen Leser des Kommunistischen Manifestes zeigt: hier Bourgeoisie, hier Proletariat, und die Mittelschichten verschwinden.