Der Sozialismus einst und jetzt Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart
Part 7
Man könnte nun die Frage erheben: Wie läßt sich das Verbleiben der Mittelschichten vereinbaren mit der Konzentration der Betriebe unter dem Kapitalismus? Der Kapitalismus führt doch immer mehr zur Konzentrierung der Betriebe, immer mehr zur Großproduktion und Maschinenproduktion in der Gesellschaft. Wenn die kleinen und mittleren Betriebe zwar der Zahl nach fast unbeschränkt geblieben sind, so haben doch die Großbetriebe gewaltig zugenommen, nicht nur an Zahl, sondern namentlich auch in der Masse der von ihnen beschäftigten Personen. Und wie läßt sich jene Entwicklung der Reichtumsverteilung damit vereinbaren? Sie erhält zum Teil ihre Erklärung durch die Beweglichkeit des modernen Kapitals, die Beweglichkeit, die das Kapital erhalten hat vermittelst der großen Ausbreitung der verschiedenartigen Formen von Genossenschaften, zu denen ja grundsätzlich ebenfalls die Aktiengesellschaften gerechnet werden müssen, wie sehr sie auch rechtlich und in ihrer Struktur von anderen Genossenschaften abweichen. Die Form der Genossenschaft, des Kollektivkapitals, ermöglicht es einer ganzen Reihe von Schichten der Bevölkerung, sich am Bestand zu erhalten, die unrettbar hätten verschwinden müssen, wenn bei jeder Unternehmung immer nur eine Einzelperson oder eine ganz kleine Personengruppe Eigentümer hätte sein können. In Deutschland gab es im Jahre 1909 -- das ist die letzte Zahl, die das Reichsstatistische Jahrbuch hierüber angibt -- 5222 Aktiengesellschaften mit einem Aktienkapital von rund 14 Milliarden Goldmark und 626 Millionen Mark Vorzugsaktien. Daneben gab es Genossenschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung in einer Zahl von 16500 mit 3 1/2 Milliarden Genossenschaftskapital. Des weiteren eine große Zahl eingetragener Genossenschaften, wozu dann noch kommt ein ganz gewaltiges Kapital von Obligationen der Aktiengesellschaften, das auch viele Milliarden ausmacht, und das ganz gewaltig zugenommen hat, nicht nur infolge der industriellen Entwicklung, sondern auch der militärischen Entwicklung, der steigenden Rüstungen usw., und nicht zuletzt die so stark angewachsenen Staatsanleihen. Durch alles das ist die Zahl der Inhaber von Anteilen an den Erträgen der Volkswirtschaft ungeheuer gestiegen. Wenn Lassalle von den Arbeiterbataillonen sprach, so kann man heute kaum noch bloß von Aktionärbataillonen sprechen, sondern muß schon von Armeekorps reden, unter die sich die Aktien der Industrie verteilt haben. Die Unternehmung selbst ist örtlich gebunden, aber die Aktie, das Kapital, wird immer beweglicher und kann von Hand zu Hand oder auch von Land zu Land gehen. Das zeigt sich sogar beim Grund und Boden, wo die Beweglichkeit des Eigentums ermöglicht wird in erster Reihe durch die Hypotheken, die unschwer ihre Besitzer ändern und geteilt werden können. Allein die Hypothek hat die volle Beweglichkeit nicht, diese hat jedoch der Pfandbrief gebracht. Es entstanden die Hypothekengesellschaften, die Hypotheken aufsammeln und für sie Pfandbriefe ausgeben, die nun, wie das Anleihepapier, jeden Tag den Inhaber wechseln können. Auf diese Weise konnte eine ungeheure Verteilung des Vermögens stattfinden, das in Grund und Boden angelegt war.
Die große Zunahme der Zahl der Aktionäre ist übrigens vom Standpunkte des Sozialisten aus eine keineswegs erfreuliche Erscheinung. Als erfreulich kann sie nur betrachtet werden von Anhängern des Kapitalismus, weil damit eine viel größere Zahl von Menschen an dessen Bestand interessiert werden, als es sonst der Fall wäre. Sie erklärt eine ganze Reihe sozialer und politischer Erscheinungen. In England sind die Brauereien außerordentlich konzentriert, aber das Brauereikapital ist Aktienkapital, und die Zahl der beteiligten Aktionäre geht in sehr viele Tausende. Das Braugewerbe ist nun in England in hohem Grade ein politisches Gewerbe. Bis in die Mitte etwa der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren die Brauer liberal, was in England auch demokratisch bedeutete. Sie waren freihändlerisch, weil sie interessiert waren an der freien Einfuhr der Gerste. Es gibt in England eine große Tageszeitung, die auf den Straßen nicht verkauft wird, die aber doch eine ansehnliche Verbreitung hat, den »Morning Advertiser«. Das ist das Blatt des Braugewerbes, das in allen Schankstellen ausliegt. Am Bier sind natürlich die Trinker auch interessiert. Die ganze politische Stellung des Braugewerbes hat sich nun dadurch geändert, daß die liberale Partei anfing, die Temperenz- und Mäßigkeitsbewegung nachhaltig zu unterstützen. Das brachte die Brauereien in Gegensatz zur liberalen Partei. Je mehr diese sich radikalisierte und für die Erleichterung von Verboten und Einschränkungen der Schankstätten eintrat, um so mehr hat sich der Gegensatz verschärft, und so ward in England das Braugewerbe mit seinem ganzen Anhang nicht nur von Trinkern, sondern auch Aktionären konservativ, und das erklärt wiederum die zeitweilig so bedeutende Stärkung der konservativen Partei in England. Damit in Verbindung steht das Interesse der Wettrennen, da die meisten Wetten in den Schankstätten abgeschlossen werden. Auch das hat eine ganz erhebliche soziale und politische Rückwirkung. Die ungeheure Verbreitung des Brauereikapitals und die Beteiligung des großen Publikums an sonstigen Interessen der Brauereien wirken hier politisch.
Die Beweglichkeit des modernen Kapitals ist also außerordentlich gestiegen. Beweglicheres als den Pfandbrief kann man sich kaum vorstellen. Man kann ihn um 1 Uhr an einer beliebigen Börse kaufen, und um 1/2 2 Uhr kann er schon wieder verkauft sein. Ebenso jede Industrie- usw. Aktie. Diese ungeheure Beweglichkeit des Kapitals hat wieder dazu beigetragen, den Zug zur Stadt zu verstärken. Der nicht arbeitende Kapitalist, ob er nun sein Einkommen von der Landwirtschaft, vom Handel oder der Industrie zieht, kann jetzt in der Stadt wohnen. Wir haben das vor dem Kriege beobachten können, z. B. an den Steuerquoten. In den Orten der Berg- und Industriebezirke des Rheinlandes war der lokale Einkommensteuerzuschlag auf die Staatseinkommensteuer 200 bis über 300 Proz., aber hier in Berlin, wo ein großer Teil der Leute lebt, die ihr Einkommen aus jenen Produktionszweigen ziehen, ging man lange Zeit nicht über einen Zuschlag von 100 Proz. Wir haben z. B. in meiner Gemeinde Schöneberg lange darum kämpfen müssen, um endlich einmal die Mehrheit der Gemeindevertretung zu einer Erhöhung des Zuschlages um 10 Proz. auf 110 Proz. zu bewegen. In den Industriebezirken aber betrugen die Zuschläge 200 bis 300 Proz., weil die Aktionäre, an die der Reinertrag der Produktion ging, eben dort nicht wohnten. Die Industriebezirke hatten die Last für die große Arbeiterbevölkerung zu tragen, während das Kapital sich aus ihnen entfernte. Ähnliches konnte man übrigens auch in der sozialen Gliederung Groß-Berlins beobachten, wo die Inhaber und Aktionäre großer Industrieunternehmungen in den Villenvororten wohnten, während die Arbeiter dieser Unternehmungen in den Industriequartieren und deren Umgebung hausten.
Auf die verschiedenste Weise wuchsen so die Städte in Deutschland. Im Jahre 1867 wohnten in Deutschland noch 2/3 der Bevölkerung, 66,7 Proz., auf dem Lande, d. h. in den kleinen Gemeinden bis 2000 Einwohner. An der Jahrhundertwende waren es nur noch 5/11, rund 45 Proz.; im Jahre 1910 war der Prozentsatz auf 40 gefallen, und es ist gar kein Zweifel, daß wir bis zum Vorabend des Krieges noch weiter heruntergegangen waren. Das Land entvölkerte sich immer mehr und die Städte wuchsen. Von 65 Millionen Einwohnern, die Deutschland 1910 hatte, wohnten nur noch 26 Millionen in den Gemeinden unter 2000 Einwohnern. Dadurch wurde jene überwiegende Stadtkultur herbeigeführt, die, wie schon erwähnt, ein wichtiges Moment mit zur Verschärfung der sogenannten Agrarfrage gewesen ist. Mit dieser Entwicklung fast parallel ging die Steigerung des deutschen Außenhandels. Deutschland war Industriestaat geworden, und das Charakteristische des Industriestaates ist, daß er eine große Ausfuhr von Fertigfabrikaten hat bei einer ziemlich großen Einfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln. In Deutschland ist die Einfuhr von Nahrungsmitteln nicht so groß gewesen wie in England, wo die Produktion von Getreide im 19. Jahrhundert außerordentlich zurückgegangen ist, so daß es kaum den sechsten Teil seines Brotbedarfs selbst herstellte. Dies namentlich infolge seiner ungeheuren kolonialen Entwicklung, wobei man zu den englischen Kolonien im wirtschaftlichen Sinne der Bevölkerungsgliederung im Grunde auch die Vereinigten Staaten von Amerika rechnen muß, wenngleich diese politisch völlig unabhängig sind. Haben sie doch jahrzehntelang einen immer größeren Prozentsatz der englischen Bevölkerung aufgenommen. Von 1848 bis Mitte 1885 sind aus England über 6 Millionen Menschen ausgewandert, und der weitaus größere Teil davon zog in die Vereinigten Staaten.
Diese Riesenauswanderung erklärt manche Erscheinungen, die vielen Leuten lange Zeit unerklärlich dünkten. England hatte in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine gewaltige Arbeiterbewegung, die Chartistenbewegung, die einen geradezu revolutionären Charakter trug. Allmählich aber nimmt das ab, und als in Deutschland die sozialistische Bewegung schon ziemlich stark war, war in England von einer solchen fast gar nichts mehr vorhanden. Man hat dafür eine ganze Reihe Erklärungen angegeben. Ein Faktor liegt darin, daß die große Niederlage des Chartismus entmutigend gewirkt hatte, und ferner dämpfte den revolutionären Drang ein gewisses Entgegenkommen der bürgerlich-liberalen Parteien. Aber auch die Gewerkschaftsbewegung der Arbeiter nahm einen schläfrigen, fast völlig bureaukratischen Charakter an. Meines Erachtens hat dazu auch jene große Auswanderung beigetragen. Im allgemeinen wandern die geistig regsten Naturen aus, die darum noch nicht immer die besten Menschen sind. Wenn nun ein Land einen so großen Prozentsatz seiner regsten Elemente verliert, so kann das nur die Rückwirkung haben, daß bei den Zurückbleibenden die schläfrigen, indifferenten oder wenigstens nachgiebigen Elemente überwiegen, und so verursachte die große Auswanderung Englands auch jene Änderung im Charakter seiner Arbeiterbewegung.
Deutschland hatte bei einer viel zahlreicheren Bevölkerung eine erheblich geringere Auswanderung als England. Um so mehr entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten sein Außenhandel. Es belief sich im Jahre 1913, das letzte Jahr, für das wir eine vom Kriege unbeeinflußte Statistik haben, der Wert seiner Einfuhr an Rohstoffen auf 3 1/2 Milliarden, seine Nettoeinfuhr an halbfertigen Fabrikaten auf 86 Millionen, an lebenden Tieren auf 280 Millionen, an Nahrungsmitteln auf nahezu 1,8 Milliarden, zusammen 5,6 Milliarden Mark Goldwährung. Dagegen betrug der Goldwert seiner Nettoausfuhr von fertigen Waren 4,8 Milliarden. Das ist das Bild des vorgeschrittenen Industriestaates, der Fertigfabrikate ausführt, in denen am meisten höhere menschliche Arbeit steckt, und dafür Rohstoffe, landwirtschaftliche Produkte und Halbfabrikate einführt, bei denen die menschliche Arbeit eine verhältnismäßig geringere Rolle spielt.
Was nun die auf dem Boden der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft erwachsenden großen Geschäftskrisen anbetrifft, so zeigte sich die erste davon in England, dem Heimatland der modernen Großindustrie, im Jahre 1825, zehn Jahre nach Abschluß der napoleonischen Kriege. Die Wiederherstellung des allgemeinen Friedens in Europa hatte zunächst eine ungeheure Steigerung der Produktion und damit verbundene Prosperität zur Folge, die nahezu zehn Jahre anhielt, dann aber in eine große Krisis auslief, während der das Geschäft fast vollständig stagnierte. Solche allgemeinen Krisen wiederholten sich von da ab ziemlich alle zehn Jahre, und es erstanden verschiedene Theorien über ihre Natur, ihre Ursachen und ihre Zukunft, Theorien, die bald auch in der sozialistischen Welt zu lebhaften Diskussionen führten.
Hinsichtlich der Erklärung der Krisen stritten lange Zeit zwei Auffassungen: die eine leitete sie ab von der Überproduktion, die andere von der Unterkonsumtion, was durchaus nicht das gleiche ist. Die Unterkonsumtion wurde damit erklärt, daß man sagte, es ward viel mehr produziert als die Bevölkerung gemäß ihrer Zusammensetzung in der Lage war zu kaufen und daher auch nicht konsumierte. Man ging dabei von der Idee aus, erstens, daß die sozialen Mittelschichten verschwinden -- die berühmte Flaschenhalstheorie --, und zweitens, daß die Lage der Unterschicht, der arbeitenden Klasse infolge ihrer wachsenden Zunahme sich beständig verschlechtere, ihre Vermehrung also zur Verelendung führe. So könne die Kaufkraft mit der Entwicklung der Produktion nicht Schritt halten und stellten sich von Zeit zu Zeit Krisen ein, die sich von Epoche zu Epoche immer mehr verstärkten. Die Theorie der Überproduktion hat zum Teil dasselbe Bild des Kreislaufs des allgemeinen Geschäftsganges zur Grundlage wie die Theorie der Unterkonsumtion, nämlich eine Periode mit gutem Geschäftsgang, die in eine solche mit fieberhaft erhöhter Produktion ausläuft, die Lager überfüllen sich, Geldknappheit tritt ein, und Zwangsverkäufe führen zu einem Geschäftskrach, an den eine Zeit der Stagnation, des allgemeinen Stillstands sich anschließt. Dann erholt sich das Geschäft allmählich, und der geschilderte Kreislauf wiederholt sich auf erweiterter Grundlage. Sie sagt aber auch, daß infolge der Anarchie der freien Konkurrenz auf dem Wirtschaftsmarkt tatsächlich überproduziert wird, nicht etwa bloß im Verhältnis zur Kaufkraft, sondern auf den verschiedensten Gebieten über den wirklichen Bedarf hinaus. Zum Beispiel mehr Rohstoffe und Halbfabrikate, als die vorhandenen Fabriken verarbeiten können. Solcher Anarchie gegenüber ist die Geschäftskrise ein Mittel zeitweiliger Heilung.
Eine andere Krisentheorie ist die des englischen Philosophen und Sozialökonomen Stanley Jevons. Sie bringt die Krisen in ursächlichen Zusammenhang mit dem Auftreten der Sonnenflecken, das sich alle zehn bis elf Jahre wiederholt und das auf die Gestaltung der Ernten ungünstig einwirkt, was bei der großen Bedeutung der Erträge der Landwirtschaft, d. h. der Preise ihrer Produkte für das Wirtschaftsleben, die Kaufkraft für Industrieprodukte verringert. Die Theorie hat das sozialistische Denken wenig beeinflußt, obwohl man zugeben muß, daß die Entwicklung der Landwirtschaft bei den Krisen ein großes Wort mitzusprechen hat. Bleiben wir daher bei den beiden vorerwähnten Theorien, von denen wir gesehen haben, daß ihr Streit die Tatsache und ihren ursächlichen Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktions- und Wirtschaftsordnung unbezweifelt läßt. Auf Grund von bestimmten Sätzen in Karl Marx' Kapital befestigte sich in sozialistischen Kreisen die Anschauung, daß eine gleichförmige Wiederholung der Krisen nach zehn Jahren der zunehmenden Produktionshöhe und Wirtschaftsanarchie widerspreche, sondern daß vielmehr der Zyklus allmählich immer kürzer werden würde. Dem Wesen der kapitalistischen Jagd um den Markt bei steigender Produktivität entspreche es, daß die Entwicklung sich vollziehe in Form einer Spirale, die immer enger wird, daß also die Krisen sich zeitlich häufen und immer größeren Umfang annehmen.
In der Zeit, wo die sozialistische Bewegung einen besonderen Aufschwung in Deutschland nahm, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, schien diese Anschauung sich vollständig zu bestätigen. Nach dem Deutsch-Französischen Kriege trat in Deutschland zunächst eine ungeheure Prosperität ein, die aber ziemlich schnell ein jähes Ende nahm. Schon in den Jahren 1873/74 stellte sich ein großer Börsenkrach ein, und ihm folgte ein ungeheurer Stillstand der Geschäfte, der sich bis in die achtziger Jahre hinzog. In der Arbeiterwelt sah man eine große Verelendung vor sich und folgerte daraus auf den Bankrott der kapitalistischen Wirtschaft. Die marxistische Auffassungsweise drängte alle früheren sozialistischen Theorien zurück, und sehr stark wuchs die Meinung, daß man vor einem völligen Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft stehe. Dieser Zusammenbruch ist aber nicht eingetreten, sondern es stellte sich etwas anderes ein. Von Beginn der neunziger Jahre ab beginnt eine Prosperitätsperiode, die viel länger andauerte als die früheren Prosperitätsperioden, und der lange Zeit keine größere Stagnation folgte. Bürgerliche Ökonomen und auch Sozialisten sahen sich zu der Frage veranlaßt, wie diese Erscheinung zu erklären und was aus ihr zu folgern sei. Vielfach erkannte man, daß die Ursache in der ungeahnten Entwicklung des Transportwesens und der Weltwirtschaft liege, die eine gewaltige Erweiterung der Märkte bei großer Verbesserung des Nachrichtenwesens und der Handelsstatistik herbeigeführt habe. Die Geschäfte konnten besser übersehen werden. Ferner vollzog sich eine starke Organisation des Kapitals bzw. der Unternehmer in Kartellen und Syndikaten, die es ermöglichte, gewisse Wirkungen der Krisen abzuwehren, indem man die Produktion selbst teilweise einschränkte, um so dem ungeheuren Mißverhältnis zwischen Produktion und Absatz gewisse Grenzen zu ziehen. Ich selbst folgerte damals aus diesen und noch einigen anderen Erscheinungen, daß wir mit Krisen, wie sie sich vorher gezeigt hatten, wohl kaum in absehbarer Zeit zu rechnen haben würden, und habe das in einer Schrift, die ein gewisses Aufsehen machte, ausgesprochen. Es hat mir allerhand Entgegnungen eingetragen, darunter ganz besonders vom Ökonomieprofessor Ludwig Pohle. Meine Schrift war 1899 erschienen, und schon 1900 stellte sich eine neue Geschäftskrisis ein. Das hielt mir Pohle triumphierend entgegen. Aber Tatsache ist, daß jene Krise überraschend schnell ein Ende nahm und schon 1902 sich eine Erholung einstellte, die sehr lange andauerte, nämlich bis 1906/07, wo wieder ein Geschäftsdruck eintrat, der aber gleichfalls nur kurz war, und dem dann bis zum Weltkriege keine größere Depression gefolgt ist.
In der Tat ist also durch die Organisationen des Kapitals und eine ganze Reihe verwandter Ursachen der Umstand eingetreten, daß die Krisen der früheren Jahre sich nicht wiederholt haben. Krisenmomente und -faktoren sind ja immer da, aber auch Gegenkräfte, die zur Zeit, als Karl Marx schrieb, noch nicht zu übersehen waren. Übrigens hat bis zu einem gewissen Grade zur Milderung der Krisen auch beigetragen die gewaltige Steigerung der Rüstungen, die in steigendem Maße Arbeiter beschäftigten.
Der Hinweis auf die Tendenz der Abschwächung der Krisen ist aber durchaus nicht als Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaft aufzufassen. Daß die Organisation des Kapitals bedeutende Nachteile hatte, habe ich wie andere nicht verfehlt hervorzuheben, und das muß auch hier geschehen. Die Krisen, wie sie vordem waren, hatten die eine gute Wirkung, daß das Bedürfnis der Entlastung des Marktes durch Verbilligung der Güter nicht aufgehoben, sondern gesteigert wurde, und damit auch die Rücksicht auf den Konsum der Massen zu ihrem Rechte kam. Die Krisen konnten -- wie etwa das Fieber von den Ärzten -- betrachtet werden als eine Art Reaktion des Wirtschaftskörpers zur Überwindung schädlicher Faktoren. Das war übertrieben optimistisch, aber ein Stück Wahrheit steckte doch darin. Wenn sich nun das Unternehmerkapital organisiert und die Krisen mindert, geschieht es zu dem Zwecke, durch Koalitionen die Preise hochzuhalten. Dadurch wird ein Hauptmoment der Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaft, nämlich die ihr nachgerühmte ständige Verbilligung der Produkte und dadurch die Erweiterung des Konsums der großen Masse der Bevölkerung, beeinträchtigt oder aufgehoben. Man kann daher dieses kapitalistische Gegenmittel doch nur als von sehr bedingtem Nutzen betrachten und nicht als Mittel zu völliger Heilung von den Schäden, die die kapitalistische Wirtschaft im Gefolge hat. Es hebt die Steigerung des Wohlstandes der arbeitenden Klassen in außerordentlichem Maße wieder auf.
Nun haben wir allerdings Gegenaktionen der Arbeiter selbst in den Arbeiterorganisationen, Lohnkämpfen usw., die auch manches dazu beigetragen haben, die Rückwirkung des Druckes des Kapitals auf die Lage der Massen und die Herrschaft des Kapitals über die Produktion aufzuhalten. Zu erwähnen ist hierbei das Wachstum der Ansprüche der Arbeiter. Man kann es natürlich je nach den verschiedenen Standpunkten sehr verschieden auffassen. Der Sozialist wird diese Steigerung der Ansprüche für sehr wünschenswert halten. Er wird gegebenenfalls nur daran Anstoß nehmen, daß die erhöhten Einnahmen der Arbeiter falsch verwendet werden. Vergesse man aber folgendes nicht. Der Arbeiter, der lange Arbeitszeit hat, kann, wenn die Löhne steigen, nicht so schnell seine Lebensweise ändern, er wird daher den in guter Konjunktur erlangten Mehrverdienst in der Tat zum Teil vergeuden. Dazu, daß er ihn besser verwendet, gehört ein regelmäßiges Steigen, nicht ein Auf- und Absteigen und Sinken nach der Konjunktur. Abgesehen von der Berechtigung der Arbeiter, ihre Ansprüche zu erhöhen, darf auch ein Zweites nicht vergessen werden, nämlich, daß mit dem Steigen des Reichtums der bürgerlichen Gesellschaft allmählich auch dem Arbeiter die Lebensansprüche von selbst sich erhöhen. Er lebt doch in der Gesellschaft, sieht, was dort vorgeht, und muß sich der allgemeinen Entwicklung der Lebensgewohnheiten anpassen. Gewisse Wohnungen, mit denen er sich früher begnügte, werden nicht mehr hergestellt, weil die hygienischen Ansprüche gesteigert sind, und auch die Wohnungspolizei andere Grundsätze aufstellt. Die sozialen Ansprüche _an_ den Arbeiter erhöhen sich, und er muß sie auch erhöhen. Das ist einer der Faktoren des ständigen Kampfes um die Löhne, und das führt uns hinüber zum Thema von den Klassenkämpfen in der modernen Gesellschaft.