Der Sozialismus einst und jetzt Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart
Part 15
Welches sind aber die Korrektive gegen die Kehrseiten des Parlamentarismus? Es gab eine Zeit, wo in der sozialistischen Internationale die Ansicht verbreitet war, die sogenannte reine Demokratie, wie sie in der Schweiz weite Verwirklichung gefunden hat, nämlich die direkte Gesetzgebung durch das Volk, sei dieses Gegenmittel! In Deutschland hatte schon früh der deutsche Sozialist Emil Rittinghausen, der zeitweilig dem Reichstag als Abgeordneter der Sozialdemokratie angehört hat, diese Idee in einer Reihe von Broschüren verfochten, die auch in andere Sprachen übersetzt worden sind, und in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der französische Sozialist Jean Allemane den Gedanken agitatorisch aufgegriffen und es erzielt, daß sie dem Züricher Kongreß der sozialistischen Internationale von 1893 in Gestalt eines Vorschlags vorgelegt wurde, der darauf hinauslief, die Parlamente ganz abzuschaffen und durch die direkte Gesetzgebung zu ersetzen. Er fand wenig Gegenliebe, denn was er wollte, war eine einfache Unmöglichkeit! So etwas konnte in kleinen schweizerischen Kantonen mit noch nicht hunderttausend Einwohnern, die keine auswärtige Politik, keine großen Probleme zu lösen haben, durchführbar sein. Aber in einem großen Staatswesen mit Millionen von Einwohnern, mit einer Ausdehnung wie Frankreich oder Deutschland oder Preußen, alle Aufgaben der Gesetzgebung und Staatsleitung durch direkte Volksabstimmung regeln zu lassen, stößt sich schon an den Gesetzen -- wie ich es vorher ausgeführt habe -- von Raum und Zahl. Um die Menge der damit verbundenen Arbeit zu bewältigen, würden die Staatsbürger eines solchen Landes an jedem Abstimmungstag über ganze Bögen von Vorlagen abzustimmen haben, von denen sie die meisten gar nicht überdenken könnten, weil unmöglich jeder von ihnen das nötige Verständnis von der Tragweite jeder einzelnen haben kann. Hier liegt schon deshalb nicht der Ersatz für den Parlamentarismus, auch spricht gegen den direkten Volksentscheid in großen Staatswesen die Erwägung, daß, wo Millionen abstimmen, bei dem einzelnen der Abstimmenden das Gefühl für die Verantwortung, die in der Abgabe der Stimme liegt, naturgemäß nur gering sein kann. Über alle diese Fragen hat damals Karl Kautsky, ein nach meiner Ansicht sehr lesenswertes Buch geschrieben, das den Titel trägt: »Parlamentarismus, direkte Gesetzgebung und Sozialdemokratie«. Ferner hat meine Wenigkeit außer in dem Aufsatz »Die sozialpolitische Bedeutung von Raum und Zahl« die Fragen in der Broschüre »Parlamentarismus und Sozialdemokratie« behandelt, wo ich ähnliche Gedanken entwickelt habe, wie sie hier dargestellt wurden und einige Folgerungen hinsichtlich der Zukunft des Parlamentarismus gezogen habe, der ja schwerlich das letzte Wort der Entwicklung sein wird.
Von den vielen gegen seine Auswüchse vorgeschlagenen Korrektiven kommt unzweifelhaft an hervorragender Stelle in Betracht das Mittel der Beschränkung der Übergriffsmöglichkeiten der Zentralgewalt durch Stärkung der örtlichen und bezirklichen Selbstverwaltung und Demokratisierung dieser Verwaltungskörper. Ein Gedanke, dem, wie früher bemerkt, mit starken Übertreibungen Proudhon in seiner Schrift über den »Föderalismus« Form gegeben, aber auch Karl Marx in seiner Schrift »Der Bürgerkrieg in Frankreich« weitgehend Rechnung getragen hat. Aus dieser letzteren Schrift sei hier ein Satz noch einmal zitiert:
»In einer kurzen Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune nicht die Zeit hatte weiter auszuarbeiten, heißt es ausdrücklich, daß die Kommune die politische Form selbst des kleinsten Dorfes sein und daß das stehende Heer auf dem Lande durch eine Volksmiliz mit äußerst kurzer Dienstzeit ersetzt werden sollte. Die Landgemeinden eines jeden Bezirks sollten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch eine Versammlung von Abgeordneten in der Bezirkshauptstadt verwalten, und diese Abgeordneten dann wieder Abgeordnete zur Nationaldelegation nach Paris schicken; die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die Instruktionen ihrer Wähler gebunden sein.«
Und Marx selbst sagt dazu: »Die Kommunalverwaltung würde dem gesellschaftlichen Körper alle die Kräfte zurückgegeben haben, die bisher der Schmarotzerauswuchs »Staat« ... aufgezehrt hat.«
Also auch er will eine starke Entwicklung der örtlichen und der bezirklichen Selbstverwaltung, die leichter zu übersehen sind, und dann von unten auf einen föderativen Bau, dessen letzte Instanz -- der aber dann die erstgenannten Instanzen die Aufgaben zuweisen und nicht etwa dieser jenen -- die Zentralbehörde bilden sollte. Ob solcher nationale Aufbau auf der gegenwärtigen Stufe der sozialen Entwicklung sich als möglich erweisen und die erwarteten Ergebnisse haben würde, scheint mir zweifelhaft, aber der Hinweis auf die Notwendigkeit einer weitgehenden Ausbildung der demokratischen Selbstverwaltung ist sicher ein sehr beachtenswerter Gedanke, der ja auch bis zu einem gewissen Grade bereits Verwirklichung gefunden und manche guten Früchte gezeitigt hat. Diese örtlichen Selbstverwaltungskörper sind Zwangsgenossenschaften genannt worden, weil jeder Orts- bzw. Bezirksbewohner von Gesetzes wegen ihnen angehört, ob er will oder nicht. Zu ihnen treten als Verwaltungsorgane hinzu die freien Genossenschaften, die heute auf verschiedenen Gebieten bedeutsame Funktionen erfüllen und Teile der öffentlichen Verwaltung werden. Als solche haben sich Anerkennung erzwungen die Organisationen der Arbeiter, so sehr sie im Anfang verhaßt waren, an erster Stelle die Gewerkschaften der Arbeiter, dann aber auch die Konsumgenossenschaften der Arbeiter und die freien Verbindungen für Zwecke der körperlichen und kulturellen Entwicklung. Indes auch Genossenschaften anderer Klassen -- man denke an die ländlichen Genossenschaften -- erfüllen gesellschaftliche Funktionen und sind damit ein Stück der großen Selbstverwaltung der Gesellschaft. Das macht sich nicht nach einem einzigen Schema, das gestaltet sich auf verschiedenen Wegen, aber die administrative Selbständigkeit der Bevölkerung nimmt zu, die Regierung von oben nimmt an Bedeutung ab, wenngleich -- das muß denen gesagt werden, die glaubten, den Staat abschaffen zu können -- sie nicht verschwindet. Zentrale Gesetzgebungs- und Verwaltungsfunktionen werden noch auf ziemliche Zeit bestehen bleiben. Nur schrittweise übernimmt die Selbstverwaltung von ihr Funktionen auf Grund der gemeinsam geschaffenen Gesetze. Das Parlament wird nicht in Bausch und Bogen abgetan. Aber man kommt zu einer Entwicklung, von der man hoffen darf, daß sie zu einem großen Teil die Gefahren, die mit dem alten Parlamentarismus organisch verbunden scheinen, immer mehr einengen und schließlich überwinden wird. Man muß also verstehen, diese Fragen nicht dogmatisch, sondern als Fragen der Entwicklung zu begreifen.
Will man erkennen, wie sich die Verwaltung mit dem Wachsen des Organismus verändert, so kann man das beim Studium der Verfassungsgeschichte -- einfacher ausgedrückt der Geschichte der Statuten -- der Arbeiterorganisationen verfolgen. Die Arbeiterorganisationen fangen gewöhnlich an mit der extremsten Demokratie, meist mit der direkten Gesetzgebung und Auswahl der Beamten durch die Mitgliederversammlung. Je mehr sie aber wachsen, sind sie gezwungen, Vertretungskörper zu bilden und den Vertretungen bestimmte Macht- und Leitungsbefugnisse zu übertragen. Die Masse hat dann nur noch vermittelst ihrer Vertrauensmänner eine Art ständiger Kontrolle auszuüben. Die Organisation selbst aber gestaltet sich zu einem Organismus, der eine Art demokratischen Staat darstellt. An der freien Arbeiterbewegung zeigt sich, wie das ziffernmäßige Wachstum, die größere Quantität die gleichberechtigten Genossen selbst zur qualitativen Änderung der Verfassung ihrer Organisation zwingt. Wer das nicht begreift und nicht die sich daraus ergebenden Folgerungen anerkennt, der wird auch nie begreifen, was in dem Wort wissenschaftlicher Sozialismus liegt. Dieser ist, wie im ersten Kapitel gezeigt wurde, soziologische Entwicklungslehre, das heißt die Auffassung der sozialistischen Bewegung als eine Bewegung, die in ihrem Fortgang sich selbst gestaltet und dabei eng abhängt von den organischen Gesetzen sozialer Entwicklung. Eine Erkenntnis, die heute wiederum Streitgegenstand geworden ist im Sozialismus der Gegenwart, und zwar auf die Tagesordnung gesetzt durch das Erscheinen des sogenannten Bolschewismus; und mit dieser Frage wollen wir uns nunmehr befassen.
Achtes Kapitel.
Die bolschewistische Abart des Sozialismus.
Was sind die Grundgedanken der Doktrin, die wir als Bolschewismus kennen gelernt haben? Worauf fußt sie?
Im ersten Band seines großen Werkes »Das Kapital« schildert Karl Marx im 25. Kapitel, sechster Abschnitt, der sich mit der Genesis der industriellen Kapitalisten befaßt, die verschiedenen Methoden der sogenannten »ursprünglichen Akkumulation« des Kapitals, d. h. der ursprünglichen Bildung von Kapital. Gegenüber den Darstellungen der bürgerlichen Ökonomen, welche die Bildung von Kapital auf »Ersparnis«, beziehungsweise Sparen zurückführen, weist Marx nach, daß das Kapital auf ganz andere Weise entstanden ist, und schreibt hinsichtlich der Methoden dieser wirklichen ursprünglichen Akkumulation des Kapitals:
»In England werden sie am Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefaßt in Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernem Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhen zum Teil auf brutalster Gewalt, wie das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. _Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie ist selbst eine ökonomische Potenz._«
Der hier gesperrte Schluß dieses Satzstücks hat in der sozialistischen Bewegung unserer Zeit bei Parteien, die ihre theoretische Erkenntnis direkt von Marx ableiteten, eine eigenartige Rolle gespielt. Von französischen Sozialisten, die sich Marxisten nannten, und deren einer Führer Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, der andere, Jules Guesde, mit Marx befreundet war, ward er in dogmatischer Auslegung als Beweis dafür propagiert, daß alle sozialistische Tätigkeit auf die Eroberung der politischen Macht durch Revolutionsgewalt abzielen müsse. Es ist aber zu bemerken, daß Marx in dem Satz einfach eine geschichtliche Tatsache konstatiert, aber keine Formel für die unmittelbare Anwendung aufstellt.[7]
[7] Wie wenig Marx mit der Auslegung einverstanden war, die Lafargue seinen Feststellungen gab, geht aus seinem Brief an Friedrich Engels vom 11. November 1882 hervor. Dort schreibt Marx dem Freunde, daß Lafargue in Wirklichkeit Schüler des Russen Bakunin sei, und ruft ärgerlich aus: »Longuet (der andere Schwiegersohn von Marx) als letzter Proudhonist und Lafargue als letzter Bakunist! =Que le diable les emporte!=«
Aus dieser Feststellung einer geschichtlichen Tatsache macht indes die Fraktion der russischen Sozialisten, die sich Bolschewiki nennen, einen Imperativ der ganzen sozialistischen Politik: Wir müssen die Gewalt haben, um die neue Gesellschaft zu errichten, anders geht es nicht, unser ganzes Sinnen und Trachten muß auf die Eroberung der politischen Macht gerichtet sein. Eine Auffassung, die sich freilich auf bestimmte Stellen im Kommunistischen Manifest stützen konnte. Dort heißt es z. B. am Schluß, wo von der Erringung der politischen Macht durch das Proletariat die Rede ist:
»Wir sahen schon oben, daß der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie ist.
Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.
Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittels despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Laufe der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.«
Dann werden eine Reihe von Maßnahmen aufgezählt, die gewissen Maßnahmen des Bürgertums in früheren Revolutionen entsprechen. Im weiteren berufen die Verfechter der geschilderten Denkweise sich auf eine Stelle in dem Brief von Karl Marx über den Entwurf zum Einigungsprogramm der deutschen Sozialdemokratie von 1875, dem Entwurf des Gothaer Programms. Dort sagt nämlich Marx:
»Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Ihr entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.«
Auch dieser Satz wird von den Bolschewisten, wie man das Wort Bolschewiki ins Deutsche übernommen hat, dogmatisch ausgelegt. Diese Partei, die heute als Partei der russischen Kommunisten an der Spitze der dritten oder kommunistischen Internationale steht, hat sich früher auch Partei der Maximalisten genannt. Im Streit der russischen Marxisten untereinander hatten sich zwei Richtungen ausgebildet: die eine wollte den Kampf der Sozialdemokratie Rußlands mit einem Programm sozialistischer Mindestforderungen (»Minimumprogramm«) führen, ähnlich wie es seinerzeit die französischen Marxisten mit einer für sie von Marx verfaßten Einleitung ausgearbeitet hatten, die anderen vertraten den Standpunkt, man müsse ein Maximum von Forderungen aufstellen und es der Bewegung als eine Art Fanal ständig vorhalten. Von diesen zwei Richtungen ist die letztere eben die der Bolschewisten, während die erstere Fraktion oder Partei der Menschewisten genannt wird -- Benennungen, die den Begriffen mehr und minder entsprechen, die man teils auf die Höhe der Forderungen, teils auf das Zahlenverhältnis der Anhänger bezieht. Der Streit lief zum großen Teil in ein scholastisches Ausspielen von Aussprüchen von Marx aus, wobei die eine Seite die Tatsache ignorierte, daß die ganze Marxsche Lehre vornehmlich Entwicklungslehre ist und Marx selbst im Laufe der Jahre eine Entwicklung durchgemacht hat. Engels hat wiederholt anerkannt, daß ihm und Marx in der ersten Epoche ihres Schaffens bedeutungsvolle Irrtümer über Schnelligkeit und den Gang der Entwicklung unterlaufen sind. Ist dadurch aber die Marxsche Lehre selbst abgetan? Sicherlich nicht. Das Große, Bleibende am Marxismus, was über allen Einzelanwendungen steht, ist eben die Tatsache, daß der Marxismus der sozialen Entwicklungslehre eine neue, in ihrem Hauptgedanken, der Theorie vom bestimmenden Einfluß der Produktionsweise, unerschütterte Grundlage gegeben hat. Marx hat den organischen Entwicklungsgedanken seiner Lehre wiederholt sehr bestimmt zum Ausdruck gebracht. So im Vorwort zu seiner 1859 erschienenen Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, so aber auch 1866 im Vorwort zum »Das Kapital«. Im letzteren sagt Marx, was sehr bemerkenswert für seine Anschauungsweise ist, selbst den herrschenden Klassen der Gegenwart dämmere die Erkenntnis auf, daß die jetzige Gesellschaft »kein fester Kristall«, sondern »_ein umwandlungsfähiger und ständig in der Umwandlung begriffener Organismus_« sei.
Hier ist der Gegensatz der Grundanschauungen angezeigt, der die große Mehrzahl der sozialdemokratischen Parteien unserer Tage von der Partei der Bolschewisten und ihren westeuropäischen Nacheiferern unterscheidet.
Die bolschewistische Partei ist hervorgegangen aus der marxistischen Schule des russischen Sozialismus, wobei es bemerkenswert ist, daß gerade die drei Persönlichkeiten, die man als die eigentlichen Stifter dieser Schule bezeichnen kann, der verstorbene Georg Plechanow, die soeben verstorbene Vera Sassulitsch und der noch lebende Paul Axelrod, Gegner der Bolschewisten waren beziehungsweise Axelrod ein solcher ist. Wenn ich oben bemerkte, daß die Bolschewisten bei ihrer Berufung auf Marx vielfach scholastisch vorgehen, so will ich hinzufügen, daß ich als Scholastik diejenige Geistesrichtung oder Geistestätigkeit betrachte, die darauf gerichtet ist, für schon feststehende Lehrsätze oder Gedanken die Beweise oft mit erzwungenen Deutungskünsten deduktiv zu erbringen, wobei das induktive Moment, die Prüfung an den Tatsachen, außerordentlich zu kurz kommt, wenn es nicht ganz unerörtert bleibt. Nun ist gerade die wesentliche Eigenschaft der sozialen Entwicklungslehre von Marx und Engels, daß sie den Ton legt auf den engen, man kann hier mit größtem Recht sagen, auf den _organischen_ Zusammenhang des Politisch-Sozialen mit den Tatsachen der _ökonomischen_ Entwicklung, das heißt, der _Produktionsverhältnisse_. Von diesem Standpunkt aus haben die Verfasser des Kommunistischen Manifests, so revolutionär sie für ihre Zeit dachten und wie rückhaltlos sie für die kommunistischen Ideen des vorgeschrittenen Flügels der Arbeiterbewegung ihrer Tage Partei ergriffen hatten, doch schon, als sie ihre Theorie ausarbeiteten, Stellung genommen gegen radikale Sozialisten ihrer Tage, die für revolutionäre Kommunisten galten, tatsächlich aber nur Anspruch hatten auf die Bezeichnung als Utopisten der sozialistischen Revolution. Zu ihnen gehörte der unzweifelhaft begabte, aber wissenschaftlich ungeschulte deutsche Kommunist Wilhelm Weitling, der Verfasser der Schrift »Garantien der Harmonie und Freiheit«, die 1842 erschien und von Marx als sehr beachtenswert begrüßt wurde, was aber nicht hinderte, daß Marx später sich scharf gegen Weitling wandte, als dieser in seiner Agitation den Arbeitern mit übertriebenem Radikalismus den Kopf verdrehte. Es ist das deshalb von Interesse, weil Weitlings Ideen mit vielen Schlagworten Ähnlichkeit haben, die heute von Anhängern des Bolschewismus den Arbeitern gepredigt werden.
Im Winter 1846/47 kam Weitling nach Brüssel, wo Marx und Engels damals lebten und ihre große Theorie ausarbeiteten und polemisch verfochten. Bei einem Besuch, den Weitling Marx machte, war der russische Schriftsteller Annienkoff zugegen, und er schildert in seinen Erinnerungen einen heftigen Zusammenstoß zwischen Marx und Weitling. Weitling, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war, berief sich Marx gegenüber wesentlich darauf, wie überhaupt auf die Gefühlsseite seiner Theorie, und es ist bemerkenswert, wie energisch Marx nach Annienkoff Weitling gegenüber die Unerläßlichkeit konkreten wissenschaftlichen Denkens betonte und einmal mit der Faust auf den Tisch schlagend wütend ausrief: »_Noch niemals hat Unwissenheit jemandem genützt!_«
Vier Jahre darauf, nach der Revolution, kam Marx in Konflikt mit seinen früheren Kampfgenossen, die in ähnlicher Weise wie Weitling sich auf das Gefühl und den Willen beriefen. Es war das die von Karl Schapper und A. Willich geführte Fraktion des Kommunistenbundes. Der Gegensatz wiederholte sich in den Jahren 1870 bis 1872 in der Internationalen Arbeiterassoziation in dem Kampf von Marx gegen den russischen sozialistischen Revolutionär Michael Bakunin, den, und noch mehr dessen -- ich kann nicht sagen »Schüler« und nicht einmal »Genossen«, obwohl er auf Bakunin großen Einfluß ausübte, aber -- zeitweiligen Mitkämpfer Bakunins, den Studenten Netschajeff, der als ein Vorläufer des Bolschewismus bezeichnet werden muß. Seine Ideen sind dargelegt und kritisiert in der wesentlich von Friedrich Engels in Übereinstimmung mit Marx verfaßten Schrift: »Ein Komplott gegen die Internationale«. Mit äußerster Schärfe wendet diese sich namentlich gegen den Revolutionsromantismus von Bakunin, den Netschajeff noch ins Extrem übertrieben hatte, so daß eine Art Sozialismus im Sinne von Rinaldo Rinaldini herauskam. Bakunin hatte speziell die russischen Räuber verherrlicht und war soweit gegangen, zu erklären, man müsse die Zuchthäuser öffnen, wenn man Revolution mache. Eine Spekulation auf Elemente, die ohne Rücksicht auf Theorie und Moral usw. schlechthin sich in Gegensatz zur geordneten Gesellschaft stellten. Die Abweisung solcher Phantasien und die Betonung des Zusammenhanges der Entwicklung zum Sozialismus mit der Entwicklung der Wirtschaft im allgemeinen, das heißt zuletzt der Produktionsweise, ist der maßgebende Gedanke der Marxschen Lehre. Hierfür ist der schon zitierte Satz aus dem Vorwort zu »Das Kapital«, daß die jetzige Gesellschaft -- die Gesellschaft der liberalen Ökonomie, »kein festes Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und einem ständigen Prozeß der Umwandlung unterworfener Organismus« ist, viel wichtiger als mancher andere Satz, der oft zitiert wird. In »Das Kapital« sagt Marx an einer anderen Stelle, wo er von der Fabrikgesetzgebung spricht und die Wirkung des Zehnstundentages auf die Baumwollarbeiter von Lancashire schildert:
»Dennoch hatte das Prinzip[8] gesiegt mit seinem Sieg in den großen Industriezweigen, welche das eigenste Geschöpf der modernen Produktionsweise. Ihre wundervolle Entwicklung von 1853 bis 1860, Hand in Hand mit der physischen und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter schlug das blödeste Auge.«
[8] Der gesetzlichen Begrenzung der Arbeitszeit. Ed. B.
Und im Zusammenhang mit dem vorher zitierten Satz im Vorwort sagt Marx:
»In England ist der Umwandlungsprozeß (der soziale Umwandlungsprozeß) mit Händen zu greifen. Auf einem gewissen Höhepunkt muß er auf den Kontinent rückschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiterklasse selbst. Von höheren Motiven abgesehen, gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräumung aller gesetzlich kontrollierbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der Arbeiterklasse hemmen. Ich habe deswegen u. a. der Geschichte, dem Inhalt und den Resultaten der englischen Fabrikgesetzgebung einen so ausführlichen Platz in diesem Bande eingeräumt. Eine Nation soll und kann von der anderen lernen.«
Auch das zeigt, darf ich sagen, einen stark reformistischen Einschlag in der dem Gedankengang nach revolutionären Lehre von Marx. Je weiter er in der geistigen Entwicklung fortschreitet, um so mehr findet bei ihm der Gedanke des Zusammenhanges zwischen der ökonomischen Entwicklungshöhe und den Möglichkeiten der politischen und rechtlichen Eingriffe genaueren Ausdruck. Im Jahre 1875 sagt er in seinem Brief über den Entwurf des Gothaer Programms der damaligen geeinten Sozialdemokratie:
»Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und die dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.«
Beim Bolschewismus nun -- ich betone nochmals: in seiner Doktrin! -- wird alles das ignoriert oder umgangen. Der Bolschewismus stützt sich entweder auf das Kommunistische Manifest mit seinen lapidar zugespitzten, aber der Frühperiode von Marx und Engels angehörigen Aussprüchen, wo diese sich darin gefielen »=à épater le bourgeois=« -- dem Bürgersmann etwas Verblüffendes zu sagen. Oder er gibt späteren Aussprüchen von Marx unter Herausreißung aus dem Zusammenhang die ungeschlachteste und vergröberteste Auslegung. So sagt Marx im vorletzten Kapitel des ersten Bandes von »Das Kapital«, der die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation kennzeichnet:
»Die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt [nämlich im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung. Ed. B.], wo sie unerträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropiateurs werden expropriiert.«