Der Sozialismus einst und jetzt Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart

Part 1

Chapter 13,089 wordsPublic domain

E-text prepared by Norbert H. Langkau, Irma Knoll, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (https://www.pgdp.net)

Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this file which includes the original illustration. See 24523-h.htm or 24523-h.zip: (https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/5/2/24523/24523-h/24523-h.htm) or (https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/5/2/24523/24523-h.zip)

Der Sozialismus einst und jetzt

Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart

Von

Eduard Bernstein

»Es hat nichts auf sich, wenn die Erinnerung, die mit Vorliebe das festhält, was erfreute, uns die Vergangenheit schöner erscheinen läßt, als sie war, und es ist nur berechtigt, wenn unser Wollen und Wünschen uns durch den Ausblick auf eine Zukunft, wie sie sein kann, zum Kampf für sie begeistert. Die Gegenwart aber will erkannt sein, wie sie ist.«

1922 J. H. W. Dietz Nachfolger Stuttgart / Buchhandlung Vorwärts Berlin

Inhalt.

Vorwort 3

_Erstes Kapitel._ +Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre+ 5

Begriffsbestimmung. -- Das Alter des spekulativen Sozialismus. -- Der Widerstreit zwischen Radikalismus und Rationalismus in der Spekulation. -- Der theoretisierende Utopismus. -- Vom Utopismus des Ziels zum Utopismus der Mittel. -- Die Grundgedanken des marxistischen wissenschaftlichen Sozialismus. -- Sozialismus und Klassenkampf.

_Zweites Kapitel._ +Die naturrechtliche Begründung des Sozialismus+ 11

Naiver Begriff und wissenschaftliche Theorie des Naturrechts. -- Naturrecht. -- Vernunftrecht. -- Rechtsphilosophie. -- Naturrechtsspekulation in der Geschichte. -- Das Naturrecht in den großen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts. -- Das Naturrecht und die kommunistische Lehre Babeufs. -- Das Naturrecht am Grunde aller Utopien. -- Die Unzulänglichkeiten und das Recht des Naturrechts.

_Drittes Kapitel._ +Die Bedeutung der Werttheorien für den wissenschaftlichen Sozialismus+ 24

Die Werttheorie Ricardos. -- Die Marxsche Werttheorie und ihre Rolle in der Marxschen Gesellschaftslehre. -- Marx über die utopistische Auslegung von Ricardos Formel. -- Die utopistische Auslegung und das Naturrecht. -- Das sogenannte Recht auf den vollen Arbeitsertrag. -- Marx und das Recht des Mehrwerts. -- Mehrwert und Ausbeutung. -- Der Mehrwert und der Klassenkampf.

_Viertes Kapitel._ +Das Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus+ 38

Der Sinn des Begriffs Kapitalismus. -- Sein vielfältiger Inhalt und seine einfältige Ausdeutung. -- Der Kapitalismus als Träger des Fortschritts in der Produktion. -- Die Konzentration der Unternehmungen und der Betriebe. -- Die Raumverteilung der Betriebsklassen. -- Die Konzentration verhindert nicht die Vielheit der Unternehmungen. -- Die Zähigkeit der bäuerlichen Unternehmung. -- Die Klassenbildung und Klassengliederung. -- Die rasche Zunahme der Abhängigen und die langsame Verminderung der Selbständigen. -- Die Verstadtlichung des sozialen Lebens. -- Die gelernten und die ungelernten Arbeiter. -- Die Einkommens- und Vermögensklassen. -- Der nichtverengerte Flaschenhals. -- Die Beweglichkeit des Kapitals als Konservierer der Mittelklassen. -- Die Theorie der Wirtschaftskrisen und die Umkehr der Spirale. -- Die Rückwirkungen des Krieges auf die Wirtschaftsentwicklung und ihre Probleme.

_Fünftes Kapitel._ +Der Sozialismus und die Lehre vom Klassenkampf+ 59

Das Kommunistische Manifest als Kundgebung des Klassenkampfes. -- Adolphe Blanqui und Karl Marx. -- Der Begriff der Klasse: Stand und Klasse. -- Marx über die Zersplitterung der Klassen. -- Der Klassenkampf der Nichtproletarier. -- Der Klassenkampf der Arbeiter und seine Formen. -- Der Klassenkampf und die materielle und geistige Hebung der Arbeiterklasse. -- Die Entwicklung der Gewerkschaften und die Ausbildung der Tarifverträge. -- Der Klassenkampf und die rechtliche Hebung der Arbeiter.

_Sechstes Kapitel._ +Die Staatstheorie und der Sozialismus+ 75

Der Einfluß der Theorie auf die Praxis. -- Der Streit um den Begriff des Staates. -- Staatsfeindschaft und Staatskultus in der Geschichte. -- Der romantisch-reaktionäre und der demokratische Staatskultus. -- »Das Vestafeuer aller Zivilisation.« -- Die kritische Staatsidee bei Marx und Engels. -- Die Lehre vom Absterben des Staates. -- Der Staat als Auswuchs oder Schmarotzer am Gesellschaftskörper. -- Marx und Proudhon über die staatsfreie Gesellschaft. -- James Ramsay Macdonald und die Erhaltung des Staates.

_Siebentes Kapitel._ +Der Sozialismus als Demokratie und der Parlamentarismus+ 91

Die sozialistische Bewegung mit Notwendigkeit demokratische Bewegung. -- Begriff des Parlamentarismus. -- Der Parlamentarismus in der Geschichte. -- Das Budgetrecht, das Fundamentalrecht der Parlamente. -- Die Krone und das Parlament. -- Die Auswüchse des Parlamentarismus. -- Wilhelm Liebknechts Gegnerschaft gegen die Teilnahme am Parlament. -- Friedrich Engels' Würdigung der parlamentarischen Aktion. -- Die qualitative Steigerung der parlamentarischen Arbeit. -- Der Streit um die Budgetbewilligungen. -- Der Streit um die Teilnahme an der Regierung: Jean Jaurès und August Bebel. -- Der Beschluß von Amsterdam. -- Der Streit um die Bewilligung der Kriegskredite. -- Die Selbstverwaltung als Korrektiv des Parlamentarismus.

_Achtes Kapitel._ +Die bolschewistische Abart des Sozialismus+ 113

Das Kommunistische Manifest und die Formel von der Diktatur des Proletariats. -- Das Aufkommen des Bolschewismus. -- Seine Vorgänger, die Utopisten der sozialistischen Revolution. -- Das reformistische Element im Marxismus. -- Marx bindet den Sieg des Sozialismus an eine ökonomische Reife. -- Der Bolschewismus will die Reife mit der Gewalt erzwingen. -- Sein Aberglauben an die Schöpferkraft der Gewalt. -- Trotzkis Reitenlernen auf dem Rücken der Nation. -- Der Marxismus zeigt die Grenzen des Willens auf, der Bolschewismus ignoriert sie. -- Stümpernde Experimentiererei. -- Die Nachahmung des zarischen Despotismus. -- Die Blutschuld des Bolschewismus.

_Neuntes Kapitel._ +Die nächsten möglichen Verwirklichungen des Sozialismus+ 126

Die Welt, die Marx kannte, und die heutige Welt. -- Das Proletariat zur Zeit von Marx und die Arbeiterklasse am Vorabend des Weltkriegs. -- Durch Gesetz und Organisation erlangte Verbesserungen. -- Die Organisationen der Unternehmer. -- Die Volkswirtschaft im Kriege. -- Der sogenannte Kriegssozialismus. -- Die deutsche Revolution und die Zwangslage der deutschen Volkswirtschaft. -- Die neue Republik im Daseinskampf. -- Die Anstürme der Verführten des Bolschewismus lähmen die Schöpferkraft der Republik. -- Die Wahlergebnisse nötigen die Sozialisten zur Koalition mit bürgerlichen Parteien. -- Trotzdem sind sozialistische Verwirklichungen möglich. -- Die verschiedenen Wege der Sozialisierung durch die Finanznot erzwungen. -- Die Sozialisierung durch die Sozialpolitik. -- Kein großer Sprung, aber viele bedeutsame Übergänge. -- Ökonomie des Wollens verbürgt Erreichung des Gewollten.

Vorwort.

Die vorliegende Schrift gibt, von ihrem Schlußkapitel abgesehen, den Inhalt von Vorlesungen wieder, die ich im Sommerhalbjahr 1921 in der Universität Berlin gehalten habe. In Antwort auf ein ohne mein Wissen aus akademischen Kreisen ergangenes Gesuch, mir das Vorlesen in der Universität zu ermöglichen, hatte das Ministerium mir das Halten von Gastvorlesungen freigestellt, und die Erlaubnis hieß für mich unter den gegebenen Verhältnissen das Pflichtgebot, von der Möglichkeit, zu Studierenden in den Räumen der =alma mater= zu sprechen, nun auch Gebrauch zu machen. Und zwar erschien es mir angezeigt, in einem Zeitpunkt, wo die große Partei des Sozialismus, der ich seit nun bald fünfzig Jahren angehöre, zu maßgebendem Einfluß im Republik gewordenen Reich gelangt ist, über die Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart zu reden, das heißt die Meinungsverschiedenheiten zu kennzeichnen, die unter den Vertretern des Sozialismus über dessen Grundideen und deren Anwendung obwaltet haben und in einigen Fällen obwalten.

Leider ist es mir jedoch nicht möglich gewesen, mehr als einen Teil der einschlägigen Fragen abzuhandeln. Meine außerordentlich knapp bemessene Zeit erlaubte mir nur eine Stunde in der Woche für diese Vorlesungen, und noch weniger als die akademische Stunde sich mit der astronomischen Stunde deckt, deckt sich das akademische Halbjahr mit dem Kalenderhalbjahr. So war ich genötigt, eine Auswahl zu treffen und manche Frage von Bedeutung, die mir am Herzen liegt, beiseite zu lassen. Indes glaube ich trotzdem in den Vorträgen genug des Wissenswerten über die Grundfragen des Sozialismus gesagt zu haben, um ihre Herausgabe als Schrift zu rechtfertigen.

In bezug auf die Form der Vorlesungen ist zu bemerken, daß ich meine Aufgabe nicht dahin aufgefaßt habe, Lehrvorträge im schulmäßigen Begriff des Wortes zu halten, sondern je nach der Natur des Gegenstandes die Behandlungsart gewechselt, den einen mehr deduktiv, andere mehr induktiv-genetisch zur Anschauung zu bringen gesucht habe. Daher auch die Ungleichheiten im Umfang der hier der Anredeform entkleideten und als Kapitel vorgeführten Vorträge. Der Umstand, daß diese zum Teil Fragen behandeln, mit denen ich mich in früher von mir veröffentlichten Arbeiten schon beschäftigt habe, machte es ferner unvermeidlich, daß hier und dort einzelnes von dem dort Gesagten nun wiederholt wird. Es wegzulassen hätte mir unnötige, wenn nicht unzulässige Pedanterie geschienen.

Das Schlußkapitel, das die nächsten möglichen Anwendungen des Sozialismus behandelt, ist, wie oben angedeutet, in den Vorlesungen nicht mehr zur Behandlung gekommen. Wenn ich es hier angefügt habe, so geschah dies nicht nur in dem Wunsche, einer Schrift, die zu einem großen Teil kritisch gehalten ist, einen möglichst positiven Abschluß zu geben. Es lag und liegt mir auch daran, zu zeigen, daß die Anschauungsweise, die ihr zugrunde liegt und die ich nun seit ziemlich einem Vierteljahrhundert verfechte, durchaus nicht, wie manche befürchtet haben, zu pessimistischer Betrachtung der Dinge und aus ihr erwachsendem indifferenten Verhalten führt. Dem Pessimismus fällt nur der anheim, der von den Menschen mehr erwartet, als sie leisten können, und an die Dinge den Maßstab seiner Wünsche legt. Mit dieser Bemerkung ist jedoch durchaus nicht gesagt, daß man sich nicht große Ziele setzen soll -- was wäre die Sozialdemokratie ohne solche? -- Man wird aber nichts Großes erreichen, wenn man die Dinge nicht so betrachtet, wie sie sind, und, wo Millionen von Menschen in Betracht kommen, ihnen zumutet, wozu außergewöhnliche Charaktere gehören.

Ende November 1921. _Ed. Bernstein._

Erstes Kapitel.

Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre.

Bevor man an die Aufgabe herangeht, Streitfragen des Sozialismus zu erörtern, wird man sich darüber zu äußern haben, was man überhaupt unter Sozialismus versteht, wie weit man den Rahmen des Begriffs gezogen wissen will. Das Wort Sozialismus ist sehr verschiedentlich gedeutet worden. Vielfach wird es als der Ausdruck für einen vorgestellten Zustand gebraucht, dem eine bestimmte Eigentums- und Wirtschaftsordnung zugrunde liegt, und der sich in einem ganzen Idealstaat verkörpern soll. Andere setzen es als gleichbedeutend mit einer Bewegung oder einem Kampf von Gesellschaftsklassen zur Verwirklichung solcher Wirtschaftsordnung, und wieder anderen ist es der Sammelbegriff für eine Summe von Forderungen oder Einrichtungen, denen bestimmte Rechtsgedanken und ethische Begriffe zugrunde liegen. Alle diese Deutungen haben insofern ihre Berechtigung, als sie auf bestimmte Formen des Sozialismus sich beziehen oder bestimmte Seiten der sozialistischen Bewegung kennzeichnen. Aber keine davon erschöpft den Gegenstand.

Auch in den Lehrbüchern oder Kompendien der Sozialwissenschaftler stoßen wir auf sehr unterschiedliche Definitionen des Begriffs. Um nicht weiter in der Geschichte zurückzugehen und uns auf Deutsche zu beschränken, so finden wir bei Schmoller eine andere Deutung als bei Roscher, bei Sombart eine andere als bei Schmoller, bei Oppenheimer eine andere als bei Sombart, und so noch weiter. Es wäre nicht uninteressant, sie vergleichend gegeneinander zu halten und festzustellen, was ihnen gemeinsam ist und zu sehen, ob sie sich nicht sozusagen auf einen Generalnenner bringen lassen. Mir scheint jedoch ein anderer Weg ratsamer, nämlich der Weg der Betrachtung der geschichtlichen Erscheinungsformen. Vermöge ihrer werden wir uns, glaube ich, am besten darüber unterrichten können, was wir heute unter Sozialismus zu verstehen haben.

Der allgemeinste und darum allerdings auch der oberflächlichste Begriff von Sozialismus ist die Vorstellung von einem Gesellschaftszustand, wo es weder Reiche noch Arme gibt, wo vieles allen gemeinsam ist und eine starke Brüderlichkeit herrscht. Wo diese Merkmale fehlen, wo weitgehende sachliche Gemeinschaft, weitgehende ethische Gemeinschaftlichkeit und Abwesenheit großer Vermögensunterschiede fehlen, fehlen die wesentlichen Attribute des Sozialismus. So begriffen nun ist er sehr viel älter als sein Name. Während dieser erst im 19. Jahrhundert aufkommt, findet man die Sache als Idee oder Bewegung schon in dem Zeitalter, das wir Altertum nennen. Überall dort, wo die Menschen nicht mehr in einfachen, ihren Wohnsitz wechselnden Stammesverbänden leben, sondern sich seßhaft gemacht haben und staatliche, beziehungsweise territorial gegliederte Gemeinwesen geschaffen haben, die der Bildung großer Vermögensunterschiede und Rechtsungleichheiten Vorschub leisten, stellt sich früher oder später bei Individuen oder Schichten der Wunsch nach Beseitigung dieser Ungleichheiten ein und findet in der Ausmalung von besseren Gesellschaftszuständen seinen ideologischen, in Kämpfen für solche seinen politischen Niederschlag. Die Geschichte der asiatischen und vorderasiatischen Kulturvölker, die Geschichte der Griechen und Römer gibt uns zwar nur lückenhaft, aber doch unmißverständlich Kunde von solchen Bewegungen. Als Quelle dafür sei auf Robert Pöhlmanns Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus verwiesen, ein Werk, gegen dessen kritische Aufstellungen ich mancherlei starke Einwände zu erheben habe, aus dem man aber ersehen kann, wie sehr nicht nur die sozialen Kämpfe, von denen uns die Geschichte der Alten erzählt, sondern auch die mehr oder weniger phantastischen Konstruktionen oder Ausmalungen von Idealstaaten, die uns -- leider oft nur sehr skizzenhaft -- überliefert sind, einer geschichtswissenschaftlichen Würdigung fähig sind und einer solchen daher auch bedürfen. Ob man das Urchristentum, das in Rom seine eigentliche Ausbildung erfahren hat, als eine sozialistische Bewegung auffassen darf, mag dahingestellt bleiben. Bekannt ist, daß ihm diese Eigenschaft vielfach bestritten wird und man es lediglich als eine ethische Bewegung aufgefaßt wissen will. Aber wenn es als Gesamterscheinung nicht auf die Bezeichnung sozialistisch Anspruch haben soll, so ist es doch unbestreitbar die Nährquelle vieler sozialistischer Theorien und Bewegungen gewesen. Zeugnis legen ab allerhand Kapitel aus der großen Literatur der Kirchenväter und der Scholastik, und Beispiele sind eine Reihe noch dem Altertum angehöriger kommunistischer und halbkommunistischer christlicher Sekten, denen solche des Zeitalters der Renaissance und der Reformation gefolgt sind.

Dem letzteren Zeitalter gehört auch die Entstehung des Buches an, dessen Titel zum Sammelbegriff für die ganze Gruppe der Beschreibungen spekulativ konstruierter Gemeinwesen oder Idealstaaten wird, nämlich die Abhandlung _Utopia_ des Thomas More. Man kann von dieser Schrift des charaktervollen Staatskanzlers Heinrichs VIII. von England sagen, daß sie einer ganzen Literatur Leben gegeben hat. Denn sie machte für ihre Zeit Sensation und wurde in die verschiedensten Sprachen übersetzt. Das 16., 17. und 18. Jahrhundert sind voll von Beschreibungen vorgestellter Idealgemeinwesen, von Staatsromanen, wie man sie auch im Hinblick auf die Form der Beschreibung nennt. Nicht alle davon haben auf die Bezeichnung als sozialistisch Anspruch, es fehlt durchaus nicht an Utopien, die nach unseren heutigen Begriffen bürgerlicher Natur sind. Das gilt z. B. von der unvollendeten Utopie »Die neue Atlantis«, die einen der Amtsnachfolger des Thomas More, den berühmten Philosophen der empirischen Methode, Francis Bacon, zum Verfasser hat.

Nach zwei Seiten hin läßt sich in den sozialistischen Utopien des mit der Reformation einsetzenden Zeitalters eine abgestufte Entwicklung feststellen: erstens eine Tendenz der Überbietung in phantastischen Ausmalereien, und zweitens eine Tendenz zum größtmöglichen Rationalismus in der Spekulation. Diese letzte Tendenz ist für unsere Betrachtung die wichtigere, denn sie war ein Hebel zur Förderung der sozialen Erkenntnis und führte schrittweise zur wissenschaftlichen Behandlung der sozialistischen Bestrebungen. Die Verfasser rationalistischer Utopien des Sozialismus suchen ihre Vorgänger zu korrigieren, und wenn das lange Zeit ohne die Form der Polemik vor sich geht, so läßt sich doch bei verschiedenen Autoren eine unausgesprochene Bekämpfung von Ideen des oder der Vorgänger feststellen.

Es handelt sich schon um ernst aufgefaßte Streitfragen, der Nachfolger widerlegt den Vorgänger, ohne ihn zu nennen.

Was aber den Utopien gemeinsam war, was das eigentliche Merkmal der Utopie ist, ist die entscheidende Rolle, die bei ihnen der _Zufall_ und der noch _vom Zufall abhängige Wille_ spielen. Lange Zeit ist in diesen Beschreibungen der geschilderte Idealzustand hergestellt worden durch das Eingreifen einer ungewöhnlich weisen Persönlichkeit, eines Gesetzgebers oder anordnenden Fürsten, so daß, wenn dieser Fürst oder Gesetzgeber zufällig nicht geboren oder vor der Zeit gestorben wären, das betreffende Volk oder Land den Idealzustand nicht zu kosten bekommen hätten. Später, im Zeitalter der französischen Revolution, tritt an die Stelle des individuellen Willens oder Schaffensdranges von Wohltätern in der Konstruktion der Utopie als schöpferische Kraft der _Kollektivwille_ von Anhängern einer bestimmten Idee. Dieser Kollektivwille ist aber, selbst wo er als der Wille eines ganzen Volkes gedacht wird, immer noch Zufallssache. Ob die Gruppe oder die Volksmasse für die Idee kämpfen, hängt lediglich davon ab, wie weit und wie stark sie von der Propagierung dieser Idee erfaßt sind, das Aufkommen der Idee aber selbst ist noch wesentlich vom Zufall abhängig.

An der Wende zum 19. Jahrhundert und in dessen erstem Drittel tritt hier ein wesentlicher Fortschritt ein. Es ist in der Geschichte des Sozialismus die Epoche der großen, kritisch gerichteten Utopisten, der Robert Owen, Charles Fourier und Henri Saint-Simon und ihrer Schulen. Das Merkmal dieser Sozialisten, das sie von den Utopisten des 18. Jahrhunderts unterscheidet, ist die Rolle, die bei ihnen der Entwicklungsgedanke spielt, und das Bestreben, an das Gegebene anzuknüpfen, die Welt, die sie vor sich haben, weiterzubilden. Robert Owen verweist in seinen sozialistischen Abhandlungen auf die in England aufgekommene kapitalistische Fabrik und die Zustände, die sie geschaffen hat, und nimmt sie zum Ausgangspunkt sozialistischer Reformpolitik. Charles Fourier im noch stark kleinbürgerlichen Frankreich sucht den Sozialismus als Ideal psychologisch zu fundieren, in der Praxis auf dem Wege der Genossenschaften zu verwirklichen, wobei sein Plan kommunaler Genossenschaftspolitik auf besonderes Interesse Anspruch hat. Saint-Simon ist so sehr Entwicklungstheoretiker, daß es fraglich wird, ob man ihn überhaupt noch einen Utopisten nennen kann, wie er zugleich so sehr Wirklichkeitsmensch ist, daß man befugt ist, seinen Anspruch auf Einreihung in die Geschichte des Sozialismus zu bestreiten. Wenn Fourier stark von Morelly, dem geistreichen Verfasser der Utopie »Die Basiliade«, beeinflußt ist, so Saint-Simon von Condorcet, dem Enzyklopädisten und Verfasser der wissenschaftlichen Abhandlung über den Fortschritt des menschlichen Geistes und die Vervollkommnungsfähigkeit der Menschheit. Bei den Saint-Simonisten finden wir unter anderem schon die Einteilung der Geschichte der sich fortschrittlich entwickelnden Nationen in organische und kritische Perioden, d. h. Perioden relativ ruhiger Entwicklung und Perioden revolutionärer Umwälzungen.

Aber bei allen dreien, bei Owen, bei Fourier und bei Saint-Simon und ihren Schülern spielt trotz ihres Strebens nach Wissenschaftlichkeit und Anknüpfung an das Gegebene die _Erfindung_ der Mittel zur Verwirklichung des Sozialismus die entscheidende Rolle; wo sie praktisch sein wollen, arbeiten sie _Rezepte_ aus, und immer wieder sind sie in Gefahr, auf die Utopie zurückzugreifen. An die Stelle des Utopismus des Ziels tritt ein _Utopismus des Mittels_. Die Literatur des Sozialismus im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ist voller Schriften, die utopistisch im Mittel sind, wobei man wieder einen utopistischen Reformismus und einen utopistischen Revolutionarismus unterscheiden kann. Der eine versteift sich auf ökonomische Experimente, die wegen ihrer unzulänglichen Voraussetzungen notwendig fehlschlagen müssen, der andere huldigt einem Wunderglauben an die schöpferische Allmacht der Revolutionsgewalt.

Hier nun bewirken einen grundlegenden Wandel in den Anschauungen die beiden großen Männer, die heute als Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus weithin anerkannt sind: Karl Marx und Friedrich Engels.

Warum trägt ihre Lehre diesen Namen, hat sie den besonderen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit? Weil sie tiefer und systematischer als alle vor ihr aufgestellten sozialistischen Theorien eindringt in das Wesen der Kräfte und Entwicklungsgesetze des gesellschaftlichen Fortschritts, den Kampf für den Sozialismus auf eine durchgearbeitete Entwicklungstheorie stützt, in der der Gedanke von der _organischen_ Natur der sozialen Entwicklung zum Unterschied von der Auffassung dieser Entwicklung als eines mehr mechanischen oder chemisch bestimmten Vorgangs zu seinem Rechte kommt.

Wille und Idee, die von den Utopisten in der einen oder anderen Weise überschätzt werden, werden in der Marx-Engelsschen Lehre zwar nicht, wie vielfach angenommen worden ist, als Triebkräfte der sozialen Entwicklung gering eingeschätzt oder gar ignoriert -- ohne Idee kein Wille und ohne Wille keine Aktion --, aber sie werden in ihrer _sozialen Bedingtheit_ gekennzeichnet. Es wird gezeigt, wie sie abhängig sind von den materiellen Bedingungen und Formen des gesellschaftlichen Daseins der Menschen, für die der maßgebende Faktor ist die Art und Weise der Produktion der Lebensgüter der Menschen.

Denn diese Produktion wird entscheidend bestimmt vom _Werkzeug_, über das der Mensch verfügt; vom Werkzeug aber, das die Arbeitsweise vorschreibt, hängt zugleich ab das Eindringen des Menschen in die Gesetze der Natur und damit zuletzt auch der Höhegrad seiner Welterkenntnis.

Sozial betrachtet ist es das Werkzeug, das bestimmt, ob individualistisch oder kollektivistisch produziert wird.