Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Part 25

Chapter 253,411 wordsPublic domain

Die gemeinen Soldaten bestanden eben, wie das bei der Art ihrer Aufbringung nicht anders sein konnte, aus allen möglichen Individuen, vom verlaufenen Mönch und verkommenen Offizier an bis zum Studenten, Handwerker, Künstler und Bauern. Daß aber selbst die gebildetsten unter ihnen das an ihnen begangene Verbrechen nicht fühlten, für diese beklagenswerthe Erscheinung liefert den schlagendsten Beweis der bereits angeführte deutsche Dichter Johann Gottfried _Seume_. Derselbe war als Student der Theologie zwischen dem kirchlichen Dogma und seinem Gewissen in Widerspruch gerathen, und verließ, neunzehn Jahre alt, Leipzig, um in Paris Mathematik zu studiren. Auf dem Wege dahin wurde er von landgräflich hessischen Werbern aufgefangen und ohne Weiteres den nach Amerika verkauften Rekruten einverleibt. Seume's Erzählung seiner Pressung und erzwungenen Reise nach Amerika ist einer der werthvollsten und interessantesten Beiträge zur Geschichte des fürstlichen Menschenhandels. Zeigt sie auf der einen Seite, wie kein junger gut gewachsener Reisender, mochte er nun Student oder Handwerker, Künstler oder Kaufmann sein, seiner Freiheit sicher war und befürchten mußte, in die Hände der Menschendiebe zu fallen, so beweist auf der andern Seite die Ruhe und fast objektive Gleichgültigkeit, mit welcher Seume von diesem frechen, gewaltsamen Eingriff in sein Leben spricht, wie wenig Werth das Individuum seinem Ich beilegte, wie wenig selbst von den gebildeteren Geistern der Zeit eine solche Rohheit empfunden wurde. Man glaubt sich fast nach dem Königreich Dahomey versetzt, wenn man diese Diebsstückchen des hessischen Landgrafen liest. Man vergegenwärtige sich nur die Thatsachen! Ein sächsischer Student, der den hessischen Landesvater kaum dem Namen nach kennt und ihm jedenfalls nichts zu Leide gethan hat, wandert arglos auf der Landstraße nach Fulda. Dort wird er überfallen, überwältigt und als Arrestant des Landgrafen nach dessen Festung Ziegenhayn gebracht. Warum? Weil er die erforderliche Größe für einen Soldaten hat, weil also Geld aus ihm herauszuschlagen ist und weil er die Frechheit besitzt, sich seiner Haut zu wehren, seine persönliche Freiheit, das Einzige, was er auf der Welt sein nennt, zu vertheidigen. Ein ähnliches Schicksal mit Seume theilten hundert andere Unglückliche. Als sie den an ihnen begangenen Gewaltakt durch ihre Selbstbefreiung wieder sühnen wollten, erlagen sie und wurden beim Gassenlaufen halb todt geprügelt -- »es war eine grelle Fleischerei«, bemerkte Seume -- zum Galgen verurtheilt oder aus Gnade von demselben Landgrafen, der sie schamlos gestohlen hatte, in Kassel in die Eisen geschmiedet. Wer nicht an den Mißhandlungen zu Grunde ging, ward dann wie ein Häring in's Schiff eingepöckelt und in dieser Lage zu keinem andern Zweck, als um den Beutel des hessischen Menschendiebes zu füllen, bis an's und über's Meer geschafft.

Die schrecklichen Einzelheiten möge der Leser selbst in Seume's Leben nachlesen und dann seine Schlüsse aus der Erzählung ziehen. Die Theilnahmlosigkeit, die resignirte Ruhe, mit welcher Seume von sich spricht und mit welcher er sein furchtbares Loos als eine humoristische Schicksalstücke auffaßt, zeigt uns die empörende Wirkung dieser kleinstaatlichen Willkür und Gewaltthätigkeit auf die Anschauung des durch sie verwilderten deutschen Volkes. »Ich ergab mich -- sagt Seume -- in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so schlecht es auch war. Mir zerriß man meine akademische Inskription, als das einzige Instrument meiner Legitimirung. Am Ende ärgerte ich mich weiter nicht; leben muß man überall; wo so Viele durchkommen, wirst Du auch. Ueber den Ozean zu schwimmen, war für einen jungen Kerl einladend genug, und zu sehen gab es jenseits noch etwas. So dachte ich.«

In diesem Tone geht's fort. Für eine so harmlose idyllische Existenz giebt es keinen Haß und keine Erbitterung, keinen Racheplan gegen den Seelenverkäufer und seine Henkersknechte, ja kaum eine Hoffnung auf Erlösung. Seume begreift gar nicht das an ihm begangene Unrecht und mit dem leichtsinnigen Troste, daß das menschliche Leben kaum mehr als ein schlechter Witz sei, hilft er sich über eine Situation hinweg, die sich in jedem individueller ausgeprägten Charakter zum tragischen Konflikte auf Leben und Tod zugespitzt haben würde. Folgerichtig bildet sich dann später in dem von den Gewalthabern der Heimath verfolgten und unter harten Kämpfen zum Manne herangereiften Dulder der ohnmächtige Grimm gegen die schlechte Wirklichkeit zur kulturfeindlichen Schwärmerei für wilde Natur und Freiheit aus. Er malt sich das Glück des Daseins unter unverdorbenen, ursprünglichen Umgebungen in glänzenden Farben, macht, um möglichst Naturmensch zu sein, Fußreisen nach Schweden oder einen »Spaziergang nach Syracus«, oder flüchtet sich in die Wildniß zu den kanadischen Indianern, die eben, »weil sie Europa's übertünchte Höflichkeit nicht kennen, doch bessere Menschen sind als die Weißen«. Diese schiefen Anschauungen à la Rousseau waren wahrer Balsam für die Zeitgenossen Seume's, welche eben angefangen hatten, den Widerspruch zwischen ihren gedrückten bürgerlichen Verhältnissen und ihren himmelstürmenden Idealen zu erkennen, und vorläufig beim ersten Stadium dieses geistigen Konflikts, bei einer schwächlichen Sentimentalität angekommen waren.

Fern sei es, deshalb einen Stein auf den wackern Seume zu werfen. Er hat redlich gestrebt und trotz aller persönlichen trüben Erfahrungen und Widerwärtigkeiten den Glauben an die Menschheit nicht aufgegeben; allein unser berechtigter Fluch treffe die Menschen und die Zeit, welche energisch angelegte Naturen zu bloßen Spielbällen des Schicksals erniedrigten und selbst in der Brust der edleren Geister das Gefühl der persönlichen Würde und den Glauben an den Beruf ihrer Nation so gründlich zu ersticken wußten, daß sie ihre Ideale bei den Wilden suchen mußten. Leider hat Seume den mächtigen Aufschwung seiner Nation nicht mehr erlebt, da er zur Zeit ihrer tiefsten Erniedrigung (1810) starb. In einem wenig poetischen, aber politisch energischen Gedichte, welches er in seinem Todesjahre an das deutsche Volk richtete, ist es wohlthuend, seinen Haß und seine Verachtung der fürstlichen Seelenverkäufer, wenigstens am Schluß seines Lebens, noch kräftig betont zu sehen.[7]

Unser Haß wende sich darum auch heute noch gegen jene jämmerliche Kleinstaaterei, welche nur zu lange einer großen Minderheit des deutschen Volkes die Gelegenheit zur Bethätigung in der Heimath entzogen und jene Abenteurersucht, jenes Landsknechtsthum erzeugt hat, welches sich in allen fünf Welttheilen mit seinem gesinnungslosen »Ubi bene, ibi patria!« an den Pranger stellt, welches höchstens einen leeren Unterthanendünkel, aber selbstredend keine stolzen, eines männlichen Ringens würdige Ideale in der Brust des Einzelnen erzeugt und welches uns bis vor Kurzem verhindert hat, uns zusammenzuraffen und ein politisches Volk zu sein. Aus diesem Grunde ist der Deutsche auch noch heute nur zu sehr reiner Privatmensch; er kennt in seiner großen Majorität nur vorübergehende Stimmungen, schwankende Gefühle oder schwächliche »Sentiments.« Für diese Mehrheit giebt es kein politisches Gewissen, deshalb auch mit geringen Ausnahmen keine politische Pflicht. In seiner Betheiligung an der Politik nimmt der Durchschnittsdeutsche darum meistens die Miene eines vornehmen, herablassenden Gönners an, der sich angeekelt und ermüdet zurückzieht, sobald sich die Ereignisse nicht seinem Wunsche gemäß entwickeln.

Wie dem aber auch sein möge, die deutschen Truppen zeigten sich überall, wo sie in's Feuer kamen, tüchtig und tapfer. Suffolk rühmt in besonderen Belobungsschreiben an ihre Fürsten, namentlich das Hanauer Regiment, welches bei Saratoga mit gefangengenommen wurde, und die Anspacher, welche bei Yorktown dasselbe traurige Loos traf. Da das englische Ministerium sonst, wo es nur konnte, auf Seiten seiner Lieferanten Fehler zu entdecken bemüht war, um ihre Ansprüche möglichst herunterzuschrauben, so kann dieses Lob sicher als aufrichtig und wohl verdient gelten. So erfreulich es nun auch im Interesse der freiheitlichen Entwicklung der Menschheit ist, daß unsere Landsleute in jenem Kriege gemeinschaftlich mit den Engländern geschlagen wurden, und so verdient und heilsam diese Niederlage auch war, so darf uns doch diese Genugthuung nicht verhindern, der militärischen Tüchtigkeit und bei allen Gelegenheiten bewiesenen Tapferkeit der deutschen Soldaten volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Die Mehrzahl der deutschen Truppen wurde im Sommer und Herbst 1783 und der kleinere Rest im Frühling 1784 wieder nach ihrer Heimath eingeschifft. So trafen sie hier gegen Ende 1783 und im Laufe des Jahres 1784 wieder ein.

Zwölftes Kapitel.

Es bleibt uns zum Schluß noch übrig, der deutschen Offiziere und ihres Verhältnisses zum Kriege sowohl und ihren englischen Kameraden, als auch zur Krone England und zu ihren Landesvätern zu gedenken.

In ihrer großen Mehrheit fühlten sie das Schiefe und Demüthigende ihrer Stellung nicht. Meist dem niedern Adel angehörend, der wenig mehr gelernt hat als was er nothwendig für's Lieutenants-Examen braucht, und der seit Jahrhunderten für Kost und Logis damals so gut seine Haut zu Markte trug, wie noch heute, kannten sie, wie alle schlecht bezahlten oder halb gebildeten Leute, gar nicht das Gefühl persönlicher Würde und Verantwortlichkeit. Sie waren stolz darauf, zu dienen und Landsknechte zu sein, die sich auf das Geheiß Serenissimi, ohne nach irgend einem Grund zu fragen, an's andere Ende der Welt schaffen lassen und ebenso gleichgültig für die schlechteste wie für die beste Sache kämpfen. Die Lieutenants und die Subaltern-Offiziere jubelten, daß sie aus ihren langweiligen Garnisonen ausrücken durften, daß sie von ihren Gläubigern vorläufig nicht weiter gequält werden konnten, und malten sich das ferne Land in den glänzendsten Farben aus, wo ihre Phantasie Alles zu finden hoffte, was sie zu Hause nicht hatten. Nichts ist erklärlicher als diese freudige Stimmung, wenn man sich die Verhältnisse dieser kleinstaatlichen Truppen im Friedensstande vergegenwärtigt. Zu Hause überall Kleinlichkeit und Armseligkeit, karge Besoldung, kümmerliche Verpflegung, schlechte Behausung und langweiliger Dienst; in der Fremde dagegen ein bewegtes Kriegsleben mit seinem steten Wechsel, seinen Anregungen und Anspannungen, ja ein unbekannter Kontinent mit tausend neuen, Auge und Geist gleichmäßig einnehmenden Erscheinungen und Vorkommnissen, endlich ein großer, lange nicht mehr gekannter Armee-Verband, doppelte Löhnung und reichliche, ja verschwenderische Verpflegung und Aussicht auf schnelle Beförderung! Welcher junge Offizier hätte da nicht mit Freuden zugegriffen und sich nicht glücklich gepriesen, den Krieg in Amerika mitmachen zu dürfen?

Kaum dort angekommen, wurde ihm aber die Kehrseite der Medaille sichtbar. Statt des geträumten Reichthums überall fast Noth und Mangel, statt der gehofften Kameradschaft kaltes zugeknöpftes oder gar höhnisches Wesen der englischen Offiziere, statt des raschen Avancements geringe Verluste und meist langweiliger Dienst unter Strapazen und Entbehrungen aller Art. »Daß alle Kapitains und Subalterne zu Fuß gehen müssen -- schreibt der Lieutenant v. Molitor am 4. July 1777 aus dem Lager von Staaten Island an den Hauptmann v. Ellrodt in Anspach -- habe ich Ihnen schon gemeldet. Die Theuerung ist enorm. Was man bei uns in theueren Zeiten vor einen Konventionsthaler kauft, das muß man hier vor eine Guinee bezahlen. Unsere Leute bekommen Tag vor Tag gesalzen Schweinefleisch und alten Zwieback. So lange wir auf dem Lande sind, haben sie erst zwei Mal frisch Fleisch bekommen.« Noch mehr klagt der Lieutenant Bartholomae in einem Briefe aus New-York am 9. Dezember 1779 an Gemmingen geschriebenen Briefe. »Wir anspacher Jäger sitzen auf Spuytin Devil (gegenüber dem nördlichen Ende der Insel New-York). Möchten Ew. Exzellenz ein Mittel ausfinden, wie ich auf gute Art zurückkommen könnte. Ich muß hier schlechter als ein Bettler in Deutschland leben, kann mir weder etwas sparen noch bei meinem gegenwärtigen Dienste Ehre erwerben. Die große Theuerung und Anschaffung der Equipage ist nicht auszuhalten. Wie thöricht war ich, den amerikanischen Krieg mit dem deutschen zu vergleichen. Finden Sie ein Mittel, wie ich nur mit Ehren aus diesem Fegefeuer, dieser Hölle erlöst werden kann.« Bartholomae berechnet sein monatliches Einkommen auf sechs Guineen und drei Thaler, welche ihm nach Abzug der doppelten Provision bleiben. Davon gehen ab zwei Pfund für den Vorschuß, ein Pfund für den Bedienten, ein Thaler für den Feldscheer oder Barbier, zwei Thaler für die Wäscherinn; mithin bleiben drei Guineen für Essen und Trinken, Frühstück, Rauchen und Schnupftaback. Ein Pfund Fleisch kostet 1 fl. 8 kr., ein Pfund Butter dasselbe.

Andrerseits hatte keiner dieser Offiziere eine Ahnung von der Macht des Volkes, von der Existenz einer Nationalkraft und den letzten Gründen der amerikanischen Erhebung. Mit dem Augenblick, wo sie von England übernommen wurden, fingen sie auch pflichtmäßig an, über das amerikanische Rebellengesindel zu schimpfen. In Amerika angelangt, wunderten sie sich über die Wohlhabenheit und den Reichthum des Farmers und berichteten ganz naiv nach Hause, daß eine Neu-Engländerin oder Staaten Isländerin bessere Kleider, ja selbst ein feineres Benehmen habe, als selbst manche junge adelige Dame in Deutschland. Namentlich waren sie von der Schönheit und Eleganz der Frauen entzückt. Unter zehn Mädchen finden sie kaum eins, welches nicht schön wäre. »Ihr Anzug -- meint Lieutenant v. Wöllwarth, der auf diesem Gebiete ein Kenner zu sein scheint -- ist der vortheilhafteste von der Welt, eine geschmackvolle Vermittlung zwischen französischer und englischer Mode mit eigenen Zuthaten: das giebt der angeborenen Schönheit ein um so reizenderes Aussehen.« Um so schlimmer war es mit dem politischen Urtheil der Herren bestellt. So schrieben sie die Revolution nur dem Uebermuthe des »frechen Packs« zu, dem es unter englischer Herrschaft zu gut gegangen sei. Auch die höheren Offiziere zeigen nirgends ein Verständniß für die politischen Fragen, die sich im amerikanischen Kriege zur Entscheidung drängten. Es sind manche interessante militärische Denkschriften von ihnen erhalten, aber nirgend wird die Politik selbst nur als untergeordneter oder beiläufiger Faktor der Ereignisse erwähnt. Das Volk hat rebellirt, also muß es mit der »ultima ratio regis« zur Raison gebracht werden -- in diesen paar Worten erschöpft sich die ganze politische Anschauung der damaligen deutschen Offiziere. Da geht, unmittelbar nach der Schlacht, die das Geschick eines ganzen Kontinents entscheidet, ein deutscher Oberst am Meeresstrand spazieren, sucht Muscheln und preis't die »Allmacht des Schöpfers«. Ein anderer sieht von den Höhen von Brooklyn aus, wie die ganze englische Flotte vor Anker geht und sich anschickt, die Stadt zu bombardiren. Das große ungewohnte Schauspiel hat wenig oder gar keinen Reiz für ihn, aber er vergleicht New-York, das strahlende, Europa zugekehrte Auge Amerika's, mit preußisch Minden, das ungefähr von derselben Größe und Ausdehnung sei. Es klingt heutzutage wahrhaft komisch, wenn man diese Parallele zwischen der größten und der reichsten Stadt der neuen Welt und zwischen dem verschuldetsten rotten borough preußischer Offiziere liest. Ein Dritter endlich erzählt den Seinigen daheim, daß der bei Brooklyn gefangen genommene General Sullivan dem Metzgermeister Fischer in Rinteln auf's Haar gleiche und schimpft über die Mosquitos, die ihm die geträumten Freuden in der neuen Welt gleich anfangs verleiden.

Dieses Kleben an Nebendingen, welches nur den engen Kreis der persönlichen Interessen kennt, tritt uns, kaum zwei oder drei nennenswerthe Ausnahmen abgerechnet, in den Aufzeichnungen der deutschen Offiziere über den amerikanischen Krieg überall entgegen. Der werthvolle Aufschluß, den wir über einzelne Ereignisse und Personen erhalten, findet sich nur gelegentlich und meistens unter einem Haufen von gleichgültigen Notizen versteckt. Politisches Urtheil hat Keiner der Tagebuchschreiber.

Hie und da klagen sich denn die deutschen Generale und Obersten wohl ihre Noth über die Anmaßungen der Engländer, die ihnen und den deutschen Soldaten oft etwas zuviel zumuthen; Einzelne verfluchen den Dienst, welcher ihnen so manche Entbehrung auferlegt und kaum einen Vortheil dagegen bietet; ja in einem unbewachten Augenblicke malt sich sogar der hessische General _Loos_ das »philosophische Vergnügen« aus, einem undankbaren, fühllosen Fürsten und hochmüthigen Minister trotzend, sagen zu können: »_Ich will Euch nicht länger dienen!_« Zu der höhern Anschauung jedoch, daß dieser Dienst ein verächtlicher Schergendienst und mit dem Selbstgefühl eines freien Mannes unverträglich war, können und wagen sich diese Herren nicht zu erheben; sie sind nur hie und da, innerhalb der gegebenen und von ihnen gehorsam anerkannten Dienstverhältnisse, mit der ihnen zu Theil werdenden Behandlung nicht zufrieden.

So lange England siegreich war, und namentlich die deutschen Regimenter seine Siege erringen halfen, ging natürlich Alles gut. Gleich nach der ersten Niederlage aber traten, namentlich zwischen den Offizieren Reibungen ein, die sich in der Folge fast täglich wiederholten. »Unter den englischen und deutschen Truppen -- lautet ein den preußischen Ministern von W. Carmichael, dem amerikanischen Agenten, mitgetheiltes Schreiben eines hochgestellten Engländers aus New-York vom 5. Januar 1777 -- ist keine gute Harmonie. Unsere Leute sagen, daß zu Trenton die drei Bataillons Hessen die Waffen zu früh niedergelegt und nicht so viel Widerstand geleistet hätten als sie hätten können und sollen. Die Hessen beklagen sich hingegen, daß die frischen Lebensmittel unbillig vertheilt werden und daß sie nicht den gehörigen Antheil davon erhalten, auch daß man sie zu dem beschwerlichsten Dienst gebraucht, ihnen die gefährlichsten Posten giebt, und sie nicht gehörig soutenirt. Einer unserer vornehmsten Offiziere antwortete hierauf unbedachtsamer Weise, daß der König sie von ihrem Herrn gekauft hätte, um seine eigenen Truppen zu schonen, wodurch die Hessen sehr beleidigt worden sind. Sie fangen auch an, von ihrem Landgrafen mit ungeziemender Freiheit zu reden, indem sie sagen, er habe kein Interesse bei diesem Kriege, und verkaufe das Blut seiner Unterthanen, welches in Amerika vergossen würde, um das Geld in auswärtigen Ländern auf seine Vergnügungen zu verwenden.«

Im gleichen Sinne äußert sich ein Jahr später vom deutschen Standpunkte aus der anspachische Lieutenant v. Wöllwarth, Vetter des Ministers Gemmingen. Er bittet diesen darum, daß er seine Rückkehr nach Deutschland vermittle, zu einer Zeit, wo der eben ausbrechende bayrische Erbfolgekrieg einem Offizier bessere Aussichten für Auszeichnung und Beförderung bot. Dieser mit feinem Humor und beißender Ironie geschriebene Brief zeigt den ganzen Mißmuth und die gründliche Verachtung eines unabhängigen Charakters gegen den ihm zugemutheten Dienst. »Ein gewisser Lord in Schottland -- schreibt Wöllwarth am 4. Mai 1778 aus Philadelphia -- hatte eine sehr sorgfältige Parforcejagd. Er sah aber ein, daß es patriotischer und vernünftiger für sein Vaterland gedacht sein würde, bei dessen gegenwärtiger Verfassung solche abzuschaffen und dafür ein Regiment zu werben, welches in des Königs Dienst treten sollte, um gegen die rebellischen Kolonieen auf seine eigenen Kosten gebraucht zu werden. In England fand er keinen Käufer; er ließ deshalb auf Anrathen seiner Freunde seine ganze Hunde-Equipage in eine teutsche Zeitung unter die zu verkaufenden Sachen setzen, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß man in Teutschland mehr Hunde- als Menschenliebe besitzt. Man behauptet, ein teutscher Reichsfürst habe ihm dagegen ein Regiment Soldaten vertauschen wollen; allein letzteres, glaube ich, ist erdichtet und halte die ganze Geschichte für eine Erdichtung. Doch können gnädigster Herr Vetter sich nicht genug vorstellen, mit welch einem Auge die vernünftigen und uninteressirten Engländer das Betragen der teutschen Reichsfürsten ansehen. Und noch zum größern Ruhme werden alle teutschen Truppen vor Leute angesehen, welche zu viel in ihrem Vaterland gewesen sind und dessendwegen diese Umstände und Begebenheiten vor unsere glücklichste Ausflucht halten. Schließen also gnädigster Herr Vetter hieraus nicht, daß dieser Dienst ein Weg und Feld der Ehre sein sollte.

Die Engländer sehen uns gar nicht davor an und können gar nicht begreifen, wie ein Mann von Ehre seinen Ehrgeiz auf das treiben kann, seine Haut vor Geld zu verkaufen. Alles, was wir in Ansehung unseres Exerzierens voraus haben, ist in ihren Augen lächerlich und sehen uns allein dazu tüchtig an, diejenigen Posten zu besetzen, welche sie erobern. Unsere Lage ist höchst unerquicklich; wir sind weder Fisch noch Fleisch, weder halb noch ganz. Ich bin aber nicht gesonnen, noch länger unter meiner Charge aus Liebe vor Ihro Durchlaucht zu dienen, will also lieber unter derselben in einem andern Dienste dienen und lieber nicht in meiner jetzigen Stellung ein rapides (?) Glück machen.«

Gemmingen nahm als vorurtheilsfreier Mann diesen Brief gut auf und berief umgehend dessen Absender nach Europa zurück, wo dieser Mitte Oktober landete.

So glücklich wie Wöllwarth waren aber die wenigsten seiner Kameraden. Es hatte nicht lange gewährt, bis sie sich ihre traurige Lage klar gemacht hatten, allein sie wandten sich mit der Bitte um Rückkehr in der Regel vergebens an ihre Landesväter. Namentlich war der Landgraf von Hessen selbst Kranken gegenüber ein strenger Herr. Wenn er endlich nothgedrungen seine Einwilligung zur Rückkehr ertheilen mußte, so verzögerte er gewöhnlich die Uebermittlung so lange, daß die Bittsteller keinen Gebrauch mehr davon machen konnten, indem sie schon vorher gestorben waren. Eine Luftveränderung, andere Umgebungen und bessere Nahrung hätten die Armen sicher am Leben erhalten. Bei den hessischen Regimentern, die von 1779-1783 im Süden standen, reichten die Offiziere fast wöchentlich Entlassungsgesuche ein; nur einige wenige wurden genehmigt; die Bittsteller aber fielen meistens dem Faulfieber zur Beute. Andrer Seits kam es vor, daß junge Fähndriche und Lieutenants desertirten, weil sie nicht unbestimmte Zeit auf die Antwort aus Kassel warten wollten, so z.B. ein Fähndrich Karl Wilhelm Kleinschmidt aus Landau in Waldeck und ein Lieutenant Führer.

Zu diesen Uebelständen gesellte sich nun bei den Hessen das schlechte Avancement, das bei einzelnen Regimentern langsamer war als in den heimischen Garnisonen. Nach der Niederlage bei Trenton (26. Dezember 1776) bis zum 19. November 1779 unterschrieb der Landgraf keine Beförderung eines Offiziers der bei jenem unglücklichen Ereigniß betheiligten Regimenter. Selbst der Kommandeur des früher vom Obersten Rall befehligten Grenadier-Regimentes war zuletzt ein Major, nachdem der Obristlieutenant mit Tode abgegangen war. »Bei der noch immer nicht in völliges Licht gesetzten fatalen Affaire von Trenton -- schrieb der Landgraf am 11. August 1779 aus Hofgeismar an den Major Mathaeus -- kann ich mich vor der Hand, und bis das Regiment durch wesentliche und eklatante Proben seiner Tapferkeit sich meiner Gnade wieder gänzlich würdig gezeigt haben wird, zu keinem Avancement derer dabei mitgewesenen Offiziers entschließen. Des Herrn Majors gethaner Vorschlag wegen Ernennung derer beyden Premier-Lieutenants Saltzmann und Stoebell zu Stabskapitains hat also auch keine Statt finden können.«