Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika
Part 22
Und Ihr, betrogene, erniedrigte und verkaufte Völker, Ihr solltet über Eure Irrthümer erröthen! Laßt den Schleier von Euren Augen fallen und flieht den Boden, der vom Despotismus befleckt ist. Durchkreuzt das Meer, flieht nach Amerika; aber umarmt Eure Brüder, vertheidigt dieses edle Volk gegen die übermüthige Raubsucht seiner Verfolger, theilt sein Glück und vermehrt seine Stärke. Helft ihm durch Euren Fleiß und eignet Euch seine Reichthümer an, indem Ihr sie vergrößert; dies ist der Zweck der Gesellschaft, dies ist die Pflicht des Menschen, den die Natur dazu bestimmt hat, seinen Nächsten zu lieben, anstatt abzuschlachten. Lernt von den Amerikanern die Kunst, frei und glücklich zu sein, die Kunst, gesellschaftliche Einrichtungen zum Vortheile jedes Mitgliedes der Gesellschaft zu verwenden. Vergeßt in den geräumigen Zufluchtstätten, welche sie der duldenden Menschheit eröffnen, die Bethörung, deren Theilnehmer und Opfer Ihr waret. Begreift, was wahre Größe, wahrer Ruhm und wahres Glück ist. Mögen europäische Völker Euch beneiden und die Mäßigung der Bürger der neuen Welt segnen, die darauf verzichten werden, sie für ihre Verbrechen zu bestrafen und ihre entvölkerten Gebiete zu erobern, welche von tyrannischen Unterdrückern beherrscht und von den Thränen elender Sklaven befeuchtet werden.«
Der Landgraf von Hessen, nicht zufrieden mit dem Aufkauf der Mirabeau'schen Schrift, suchte diese sogar durch eine Antwort zu widerlegen, welche den Titel führte: »_Vernünftiger_ Rath an die Hessen« und sich selbstredend auf die feudalen Legitimitätslehren stützte. Mirabeau entgegnete ihm aber in einer »Erwiderung auf den vernünftigen Rath«, worin er, durch die Beweisführung des Gegners genöthigt, mehr auf die leitenden Grundsätze eingeht. »Wenn die Gewalt -- sagt er dort -- willkürlich und unterdrückend wird, wenn sie das Eigenthum angreift, zu dessen Schutz sie eingesetzt ist, wenn sie den Vertrag bricht, welcher ihr ihre Rechte sicherte und beschränkte, dann wird der Widerstand Pflicht und kann nicht Empörung heißen. Wenn das nicht wahr ist, dann sind die Holländer sammt und sonders Verbrecher und Empörer. Wer sich bemüht, seine Freiheit wieder zu erlangen und für dieselbe kämpft, der übt ein gesetzliches Recht aus; die Empörung dagegen ist eine durchaus gesetzliche Handlung. Das Verbrechen gegen die Freiheit der Völker ist die größte Unthat.«
Gegen diese und ähnliche Ausführungen ließ der Landgraf durch seinen Minister _Schlieffen_ Artikel in die holländischen Zeitungen rücken, welche damals die gelesensten, weil einzig zensurfreien, waren. Auf Seiten Mirabeau's kämpfte noch der bekannte Abt Raynal, gegen den sich bald die ganze Wuth des Angriffs richtete, weil seine historischen Arbeiten ihm einen weitern Leserkreis sicherten, und er damals der Bekanntere von Beiden war.
Uebrigens scheint Schlieffen sich Mirabeau gegenüber nicht bloß auf eine literarische Fehde beschränkt zu haben. Einige Anzeichen deuten vielmehr darauf hin, daß er an der Auslieferung seines Gegners durch die Generalstaaten nicht unbetheiligt war. Mirabeau und Sophie waren am 7. Oktober 1776 in Amsterdam angekommen und lebten hier still und zurückgezogen, bis sie durch einen französischen Polizeispion entdeckt und am 14. Mai 1777 verhaftet wurden. Der »Avis aux Hessois« war zu Anfang 1777 erschienen. Nun behaupten zwar die Biographen Mirabeau's, daß lediglich der alte Marquis und die Eltern Sophie's die Verhaftung der Flüchtlinge verlangt und durch den französischen Minister Vergennes unterstützt, auch bewirkt hätten; allein die Quellen, die sie anführen, sind sehr lückenhaft und theilweise sogar ganz hinfällig. So ist es z.B. unmöglich, daß am 14. Mai die Verhaftung auf Grund eines Urtheils hätte erfolgen können, welches, wie das in Pontarlier gegen Mirabeau und Sophie erlassene, am 10. Mai 1777, also nur vier Tage früher gesprochen war. Ein Erkenntniß lag also noch nicht vor, als die Auslieferungsverhandlungen begannen; es waren vielmehr nur Familienrücksichten und persönliche Rache der nächsten Angehörigen, welche mit Hülfe der französischen Diplomatie das betreffende Gesuch an die Generalstaaten stellten. Eine Verpflichtung derselben konnte nicht geltend gemacht werden; der Privatantrag eines französischen Grafen, wenn er auch vom Minister unterstützt wurde, gab noch keinen Grund ab, ihm willfährig zu sein. Selbst befreundeteren Mächten als der damaligen französischen Regierung gegenüber, hatten die Generalstaaten ganz besonders eifersüchtig das Asylrecht gewahrt, und wenn ihnen zu jener Zeit Mirabeau auch nur als eine gewöhnliche katilinarische Existenz galt, wie sie zu Dutzenden in Amsterdam lebten, so lag doch nach holländischer Anschauung keine Veranlassung vor, gegen ihn einzuschreiten. Es müssen also noch andere Gründe mit untergelaufen sein, welche das gegen Mirabeau heraufziehende Unheil zum Ausbruch und den Becher zum Ueberlaufen brachten. Und sollten nicht gerade hier die Klagen des kasseler Landgrafen und seines Ministers Schlieffen Beschwerden die letzten Tropfen, wenn nicht die bestimmenden Faktoren gewesen sein? Derartige Beeinträchtigungen des Geschäfts, wie sie der Rath an die Hessen enthielt, griffen den Landgrafen an seiner empfindlichsten Seite an. Die Holländer hatten alle Ursache, ihn zu schonen; sie waren seine alten Kunden und Geschäftsfreunde. Seine Brüder und Vorfahren hatten in holländischen Diensten gestanden oder standen noch darin; kurz die Generalstaaten thaten im eignen Interesse wohl daran, einem so gewissenhaften Lieferanten sich gefällig zu zeigen. Zudem war der Dienst, den er verlangte, nicht sehr groß; einem Mann wie Mirabeau gegenüber, der die herrschende Gewalt gegen sich hatte, konnte man um so leichter über Bedenken und Zweifel hinwegkommen, als Frankreich's Minister ja auch thätig für den die Auslieferung verlangenden Vater mit eintrat.
Am 10. Mai 1777 schrieb der damalige amerikanische Geschäftsträger in Holland, C.W.T. Dumas aus Amsterdam an den Ausschuß der auswärtigen Angelegenheiten in Philadelphia (Dipl. Corresp. IX., 318), daß der Verfasser des »Rathes an die Hessen« verhaftet werden solle, was, wie oben angegeben, wirklich einige Tage später geschah. Warum, sagt der in jeder Beziehung gut unterrichtete Dumas nicht, daß Mirabeau ausgeliefert werden solle, warum nennt er diesen, der in den politischen Kreisen allgemein als Verfasser dieser Flugschrift bekannt war, nicht mit seinem Namen und bezeichnet ihn kurzweg als politischen Schriftsteller? Offenbar doch nur, weil er dessen persönliche Verhältnisse nicht kannte oder weil er sie in einem politischen Berichte für ganz untergeordnet hielt, kurz, weil er die Verhaftung des Mannes in eine sachliche Verbindung mit seiner Flugschrift brachte und weil diese Angelegenheit für seine Auftraggeber von großem politischen Interesse war.
Nach Mirabeau kam Raynal an die Reihe, gegen den sich freilich nur mit der Feder, wenn auch unglücklich polemisiren ließ. »Es ist schlimm -- sagt Schlieffen in einer 1782 französisch geschriebenen Antwort gegen den »Deklamateur« Raynal, welche füglich als Muster der hessischen »wahren Philosophie« gelten kann, -- daß die Menschen sich unter einander erwürgen; aber sie haben es von Nimrod an gethan bis auf Louis XVI.; es ist schlimm, daß sie zuweilen sich, ja ihre Unterthanen wegen fremden Streites vermiethen, aber es ist immer so gewesen von den Griechen an bis auf die Schweizer. Die 10,000 Griechen unter Xenophon waren dem jungen Cyrus wegen der Bezahlung gefolgt. Xantippus, der Besieger des Regulus, war ein lacedämonischer Söldling in Carthago. Warum also unsere Zeitgenossen für ein Vergehen verantwortlich machen, welches zu allen Zeiten dasselbe war und in der menschlichen Natur zu liegen scheint?
Im Mittelalter war die Gewohnheit, sich zu vermiethen, allgemein, namentlich bei den Deutschen, daher auch der heutige hessische Subsidien-Vertrag vielleicht der zehnte seit Anfang des Jahrhunderts. Ende vorigen Jahrhunderts schickte Venedig die Hessen nach Griechenland gegen die Türken; sie belagerten Athen und brachten ihrem Herrn für seine Museen Alterthümer von dort mit. Der Landgraf tritt also nur in die Fußtapfen seiner Vorgänger; aber diese verminderten die Steuern nicht, bauten nicht, erwiesen dem Lande keine Wohlthaten. Sein Volk liebt ihn wie einen Segen spendenden Vater; seine Stände errichten ihm schon bei Lebzeiten eine Statue. Und diesen Fürsten wagt ein Abbé Raynal, der ihn gar nicht kennt, geizig, geldgierig zu nennen!
Aber was geht dieser Krieg, heißt es, deutsche Fürsten an? Für Anhalt und Waldeck mag das der Fall sein; aber der Landgraf und Prinz von Hessen, sowie der Herzog von Braunschweig sind mit dem englischen Königshause nahe verwandt; ihre Nachkommen können eines Tages den englischen Thron besteigen.
Die Entfernung und das Klima schaden nichts. England, Frankreich und Spanien führen dort auch Krieg; die Hessen sind jetzt sechs Jahre dort und haben verhältnißmäßig nicht viel Leute verloren. Aber schadet diese Entvölkerung dem Lande nicht? Sie würde es vielleicht in einem großen Lande thun. In einem kleinen Staate dagegen ist das Verhältniß ein anderes, so lange hier Hände genug für den Landbau und die Industrie vorhanden sind. Die Hessen würden, wie die Schweizer, auch sonst in's Ausland wandern und somit dem Staate ohne Vortheil verloren gehen. Mißbräuche beim Einstellen unter's Militär mögen wohl hie und da vorkommen, allein das sind Ausnahmen. Wenn man den »Deklamatoren« glauben wollte, so warteten diese uniformirten Sklaven, die von barbarischen Herren zur Unterdrückung der Freiheit der neuen Welt verkauft sind, nur auf die erste günstige Gelegenheit, um ihre Ketten abzuschütteln. Aber die drei bei Trenton gefangenen hessischen Bataillone liefern den Beweis des Gegentheils; nur wenige von ihnen haben sich unter den Amerikanern niedergelassen.
In den Augen dieser Zwitterphilosophen gilt diese Gleichgültigkeit der deutschen Soldaten gegen die Reize einer Gottheit, die ihnen so schön gemalt wird, als der tiefste Grad der Erniedrigung der menschlichen Vortrefflichkeit. In den Augen des unterrichteten Mannes dagegen ist es nur eine verschiedene Anschauungsweise; denn der Hesse sieht ohne Zweifel, daß der Amerikaner nicht freier ist, als er selbst; daß ein vom Kongreß angestellter Oberst ein ebenso roher Vorgesetzter ist als der vom Landgrafen ernannte, und daß ein Richter von Germantown nicht besser als ein Amtmann von Kassel oder Ziegenhayn ist.
Es handelt sich vor Allem um die individuelle Freiheit; sie ist überall prekär und Veränderungen unterworfen, wie die Gesundheit. Das Individuum ist in Amsterdam, Paris und Genf eben so frei, unterdrückt und beengt. Aber hüten wir uns, diese kostbare Freiheit mit der Sirene zu verwechseln, die ihre Maske blos trägt, um die Unglücklichen zu täuschen, die ihre verrätherische Stimme verführt, mit der gerühmten politischen Freiheit mancher Staaten, welche der persönlichen Freiheit häufig so schroff gegenüber steht, wie der härteste Despotismus. Die Jahrbücher der Geschichte zeigen, daß die republikanischen Regierungen eben so tyrannisch und grausam sind als die monarchischen. Der aufgeklärte Bürger weiß, woran er sich zu halten hat; aber der unwissende Enthusiast, der Schwachkopf, der nicht nachdenken kann, läßt sich leicht vom Bilde dieser falschen Freiheitsgöttin verführen. Es ist Zeit, daß die _wahre Philosophie_ uns gegen die traurigen Verführungen ihrer Bastardschwester schütze.«
Größere Aufmerksamkeit als diese Zeitungs-Artikel und Abhandlungen erregte jedoch der kleine Pamphletkrieg, der von den französischen Feinden Englands und der deutschen Fürsten von Holland aus geführt wurde und sich die Aufgabe stellte, die Amerikaner immer wieder siegen zu lassen oder die Fürsten in den Augen des gebildeten Europa lächerlich und verächtlich zu machen. Selbst Franklin schöpfte in seinen Briefen in die Heimath oft, ohne es nur zu wissen, aus dieser keineswegs reinen Quelle, wenn er z.B. als neueste erfreuliche Thatsache die im vorigen Kapitel erwähnte Anekdote meldet, daß Friedrich der Große von den Minden passirenden Hessen den Viehzoll erhoben habe, weil sie ja als Vieh verkauft seien, wie er denn auch allen Ernstes glaubte, daß der Markgraf von Anspach in Holland vom Pöbel verfolgt und verhöhnt worden sei. Die englischen Oppositionszeitungen machten sich ein besonderes Geschäft daraus, diese vom Parteiinteresse erfundenen Anekdoten weiter zu verbreiten. Natürlich fanden sie in der damaligen amerikanischen Presse stets ihr getreues Echo.
Unter diesen zahllosen Tendenzlügen hat besonders ein Brief unverdientes Aufsehen gemacht und sich bis auf den heutigen Tag erhalten, den der Graf Schaumburg, Prinz von Hessen-Kassel, am 8. Februar 1777 aus Rom an den Oberbefehlshaber der hessischen Truppen in Amerika, von Hohendorff, geschrieben haben soll; er hat der kritik- und gedankenlosen Geschichtsschreibung so viel Kopfzerbrechens verursacht, daß die Frage ob seiner Echtheit der Gegenstand verschiedener Artikel und Ausführungen geworden ist. Dieser Brief scheint zuerst durch Löher's mehr patriotisches als kritisches Werk über die Geschichte der Deutschen in Amerika in der Heimath bekannt geworden zu sein. Er lautet:
»Baron Hohendorff! Ich erhielt zu Rom bei meiner Zurückkunft aus Neapel Ihren Brief vom 27. Dez.v.J. Ich ersah daraus mit unaussprechlichem Vergnügen, welchen Muth meine Truppen entfalteten, und Sie können sich meine Freude denken, als ich las, daß von 1950 Hessen, die im Gefechte waren, nur 300 entflohen. Da wären dann gerade 1650 erschlagen und ich kann nicht genug Ihrer Klugheit anempfehlen, eine genaue Liste an meinen Bevollmächtigten in London zu senden. Diese Vorsicht würde um so mehr nöthig sein, als die dem englischen Minister zugesandte Liste aufweist, daß nur 1455 gefallen seien. Auf diesem Wege sollte ich 160,050 fl. verlieren. Nach der Rechnung des Lords von der Schatzkammer würde ich blos 483,450 fl. bekommen, statt 643,000 fl. Sie sehen wohl ein, daß ich in meiner Forderung durch einen Rechnungsfehler gekränkt werden soll, und Sie werden sich daher die äußerste Mühe geben, zu beweisen, daß Ihre Liste genau ist und die seinige unrichtig. Der britische Hof wendet ein, daß nur 100 verwundet seien, für welche sie nicht den Preis von todten Leuten zu bezahlen brauchten.... Erinnern Sie daran, daß von den 300 Lazedämoniern, welche den Paß bei Thermopylä vertheidigten, nicht Einer zurückkam. Ich wäre glücklich, wenn ich dasselbe von meinen braven Hessen sagen könnte. Sagen Sie Major Mindorf, daß ich außerordentlich unzufrieden bin mit seinem Benehmen, weil er die 300 Mann gerettet habe, welche von Trenton entflohen. Während des ganzen Feldzugs sind nicht 10 von seinen Leuten gefallen.« -- -- --
Wenn nur einer der Abschreiber sich die Mühe gegeben hätte, den hessen-kassel'schen Truppenlieferungs-Vertrag vom 31. Januar 1776 nachzulesen, so würde er sofort den schlagendsten Beweis für die Unechtheit des obigen Briefes gefunden haben. Der Landgraf von Hessen hatte es nämlich, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen haben, für vortheilhafter gehalten, den englischen Vorschlag, sich die Gefallenen und Todten baar vergüten zu lassen, nicht anzunehmen, weil er ohne Kontrolle sein wollte und weil er dadurch, daß er die nicht mehr vorhandenen Soldaten auf der Präsenzliste noch eine Zeit lang fortführte, mehr Geld in seine Tasche spielen konnte. Abgesehen von diesem im Wesen der Sache liegenden Grunde, sind die äußeren Unwahrscheinlichkeiten nicht minder groß. Einmal gab es keinen Grafen von Schaumburg, Prinzen von Hessen-Kassel, dann aber gab es weder einen Herrn von Hohendorff, noch einen Major Mindorf, endlich aber war es zu jener Zeit unmöglich, daß ein Brief vom 27. Dezember schon am 8. Februar in Rom sein konnte. In England selbst traf die Hiobspost von der Niederlage bei Trenton erst gegen Mitte Februar ein; eine direktere Verbindung mit Europa existirte damals aber nicht.
Dieser Brief ist nichts als die amerikanische Verballhornung eines französischen Pamphlets, welches offenbar aus den Mirabeau'schen Kreisen hervorgegangen ist und im Anhang nachgelesen werden mag; er erschien in den vierziger Jahren, zur Blüthezeit der nativistischen Bewegung, als ein »Campaignpaper« gegen die Fremden, besonders uns Deutsche, und Herr Löher, scheint es, hat ihn auf Treu und Glauben als echt angenommen und aus einer St. Louiser Zeitung abgeschrieben. In Amerika glaubt man noch heute an seine Echtheit.
Uebrigens ist nichts unwahrer und verlogener, als die weinerliche Sentimentalität, mit welcher kleinstaatliche deutsche Offiziere für den Landgrafen von Hessen gerade wegen dieses Briefes in die Schranken getreten sind. Als ob ein deutscher Fürst einer so zynischen Offenheit gar nicht fähig gewesen wäre! Zu welchem Zwecke stiehlt er denn tausend und aber tausend Unglückliche, als um Geld aus ihnen herauszuschlagen? Zu welchem Ende bittet der Herzog von Braunschweig den englischen Minister, die bei Saratoga geschlagenen Braunschweiger ja nicht in die Heimath zurückzuschicken? Doch aus keinem andern Grunde, als um sich durch die wahre Schilderung, welche die Zurückgekehrten voraussichtlich von ihren Leiden in Amerika machen würden, die Fortsetzung des gewinnreichen Geschäfts nicht zu verderben. Warum reist der Markgraf von Anspach so eilig aus der Residenz ab, daß er sogar seine Uhr auf dem Tische liegen läßt und nicht einmal ein frisches Hemd mitnimmt, ja, warum begleitet er im rauhen Winter seine Truppen bis Holland? Einfach, weil er eine neue Meuterei und den Verlust seiner Subsidien befürchtet und weil er nicht beabsichtigt, einen so reichen in Aussicht stehenden Gewinn fahren zu lassen. Die sittliche Entrüstung über den Verfasser dieses »monströsen« Briefes ist also gar nicht am Platze, dagegen ist sie den Fürsten gegenüber, die Anlaß zu seiner Erfindung gegeben haben, vollkommen gerechtfertigt. Der Pamphletist hat nur die logischen Folgerungen aus den fürstlichen Prämissen gezogen. Wer in Fleisch und Blut handelt, will natürlich auch seine Waare bezahlt haben; je mehr er erhält, desto besser! Das ist ein einfaches Rechen-Exempel. Aufstellungen und Berechnungen, welche den Gegenstand des fraglichen Briefes bilden, wurden von den bei der Seelenverkäuferei betheiligten Fürsten fast täglich beim englischen Ministerium eingereicht; sie stritten sich jahrein, jahraus mit diesem um Pfennige, Groschen und Thaler herum, und einem einzigen Todten wurde lediglich aus finanziellen Gründen mehr Aufmerksamkeit erwiesen, als fünfzig Lebendigen. Der Pamphletist hat also nichts gethan, als den gegebenen Fall in seinen haarsträubenden Konsequenzen ausgeführt und dadurch das Treiben der deutschen Fürsten in seiner ganzen Verächtlichkeit gezeigt.
Daß übrigens die Versicherungen dieser Herren von ihrer unbegränzten Treue, ihrem gehorsamen Ersterben, ihrer unterthänigen Verehrung der hohen Tugenden ihres erhabenen und großherzigen Beschützers, des Königs von England, in Wirklichkeit wenig oder vielmehr gar nichts bedeuteten, daß sie schnöde Redensarten waren, um sich desto besser und glatter ein gewinnbringendes Geschäft zu sichern, diese Thatsache ergiebt sich ganz unmittelbar aus einem Briefe, den Franklin am 9. August 1780 aus Passy an den Präsidenten des Kongresses richtete. »Der deutsche Fürst -- schreibt er -- der mir vor einigen Monaten anbot, dem Kongreß Truppen zu liefern, dringt wiederholt auf Antwort. Ich machte ihm keine große Hoffnungen, sondern gab ihm zu verstehen, daß Sie voraussichtlich einen derartigen Vorschlag nicht annehmen würden.« (Franklin's Werke VIII., 490.) Wer dieser von Franklin nicht genannte Fürst war, ist ganz gleichgültig. Er handelte jeden Falls im Einklang mit der Ueberlieferung seiner Standesgenossen, welche -- siehe S.21 und 22 -- womöglich ihre Truppen an beide Krieg führenden Parteien verkauften. Wenn der persönliche Haß gegen »die Rebellen« auch groß war, ihr Geld war nicht schlechter als das englische, und wenn man einen guten Vertrag bekam, so lag gar nichts daran, ob der verkaufte Soldat auf republikanischer oder königlicher Seite fiel.
In derselben vernichtenden Weise wie Mirabeau und seine politischen Freunde spricht sich auf deutscher Seite Schiller in »Kabale und Liebe« gegen den Soldatenhandel aus. Er hatte wie Mirabeau persönlich, wenn auch nicht so lange Zeit, den Despotismus kennen gelernt und zeichnete also nach der Natur. Die grausige Darstellung eines Zustandes, in welchem der Privilegirte Alles wagen konnte, der Unglückliche Alles verlieren mußte, bildet den Vorwurf eines Stückes, dessen zweiter Akt speziell auf die Unglücklichen zurückkommt, welche von ihren Fürsten nach Amerika verkauft waren. Es geschieht dies an der Stelle, wo die gutherzige Lady Milford -- es ist charakteristisch für die Zeit, daß eine fremde Maitresse die edelste Person an einem deutschen Hofe ist -- voll Verachtung und Entsetzen die Diamanten zurückweist, als sie erfährt, daß sie mit dem für die verkauften Soldaten gewonnenen Gelde beschafft sind. »Gestern -- sagt der Kammerdiener -- sind 7000 Landeskinder nach Amerika fort die zahlen Alles; ich habe auch ein paar Söhne darunter.« »Doch keine gezwungenen?« fragt die Lady. »O Gott nein -- fährt der Kammerdiener fort -- lauter Freiwillige! Es traten wohl etliche vorlaute Bursche vor die Front und fragten den Obersten, wie theuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? Aber unser gnädigster Landesfürst ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschiren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf's Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: _Juchhe nach Amerika!_ Die Herrlichkeit hättet Ihr nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wüthende Mutter lief, ihr säugendes Kind am Bajonette zu spießen, und wie man Braut und Bräutigam mit Säbelhieben auseinander riß, und wie Graubärte verzweiflungsvoll dastanden und den Burschen noch zuletzt die Krücken nachwarfen in die neue Welt! O! und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören! -- -- Noch am Stadtthore drehten sie sich um und schrieen: Gott mit Euch, Weib und Kinder! Es lebe unser Landesvater, am jüngsten Gerichte sind wir wieder da!«
Als Modell des hier gezeichneten Landesvaters hat dem Dichter offenbar der Markgraf von Anspach gedient, dessen Truppen sich beim Ausmarsche empörten, während in Lady Milford eher die Gräfin Franziska Hohenheim, die Maitresse des würtembergischen Herzogs, als Lady Craven, die Maitresse des Anspachers, geschildert zu sein scheint. Es war übrigens ein Glück für den jungen Dichter und für Deutschland, daß in Folge der preußischen Chikanen Karl Eugen mit dem englischen Minister des Handels nicht einig wurde, und daß demnach die würtembergischen Truppen zu Hause blieben, denn sonst hätte der junge »Regimentsmedikus« sehr leicht eine »Berufsreise« nach Amerika antreten und die Studien zu seiner Nadowessischen Todtenklage unter den Mohawks oder Mohikans machen können.