Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika
Part 19
»Es ist nicht thunlich, -- schreibt Schlammersdorff am 20. November 1777 -- die Leute in Bendorf einzuquartieren. Es sind keine Häuser dafür vorhanden; das Rathhaus, das größte Gebäude, faßt nicht mehr als 60 Mann. Ich werde deshalb meine Leute so lange als möglich auf den Schiffen halten. 24 Mann vom Altenkirchener Kontingent und 6 Jäger sind hier, die mir das Ufer garantiren. Meine Leute fangen an, mürrisch zu werden; sie fürchten sich vor der Rückkehr nach Anspach. Nach Altenkirchen zu marschiren, dauert zwei Tage; ich muß in einen geschlossenen Ort. Aus meinem Beutel habe ich für etwa 80 fl. den Leuten dann und wann Gemüse, Fleisch, Bier und Taback reichen lassen, um sie gut zu erhalten bei dieser äußerst unangenehmen, naßkalten Saison. Hingegen konnte ich bis vor zwei Tagen Alles mit sie machen, ohnerachtet ich in Fällen rigid strafe. Allein seit gestern muß ich sehr auf meiner Hut sein. Gott gebe eine baldige Aenderung in dieser Lage! Es ist zum rasend werden! Auf den Schiffen -- heißt es am 29. November weiter -- ist Alles gesund und noch ruhig. An Peroriren, Schlagen, Viktualien-Präsenten und Krummschließen lasse ich es nicht fehlen, um den Klumpen in der sehr rauhen Witterung in Ordnung zu halten. Meine Nachbarn, die Hanauer, haben schon 23 Kranke, worunter viele mit hitzigem Seitenfieberstechen. Ich will hier bleiben und nicht nach Altenkirchen marschiren. Es ist zehn Stunden von hier entfernt; wir müssen also zwei Märsche dahin machen. Zur Nachtstation ist nur Diersdorf geeignet, die Residenz des regierenden Grafen, quaeritur, ob er uns einnimmt, und wenn er es thut, wie viel wird man nicht für das bloße Nachtquartier zahlen müssen? Dann ist der Ort Diersdorf mit kaiserlicher, preußischer, französischer und holländischer Werbung angefüllt. Die Soldaten werden unruhig -- fährt Schlammersdorff am 8. Dezember fort -- Gestern Abend nach dem Zapfenstreich wurde mir entdeckt, daß zwei Mann Komplot gemacht, zu desertiren, und den Dritten, als den Denunzianten mit haben wollten. Diese wurden nun sogleich in die Eisen geworfen und heute verhört. In der Nacht um ein Uhr sind aber von der Hauptwache zwei Mann vom Posten mit Ober- und Untergewehr desertirt, worunter ein Mainzer, sechs Zoll messend, die Kanaille, die mich damals, als wir Mainz passirten, bat ihn zu verbergen. Was auch kommen mag, die Desertion bleibt unvermeidlich. Etliche 20 bis 30 Mann, verdächtige liederliche Pursche, sind beim ganzen Transport. Wie wäre es, wir bäten den Erbprinzen von Hanau um Quartiere im Winter? Wir müßten unseren Leuten nur den englischen Sold geben (Serenissimus gab ihnen natürlich nur den anspachischen und steckte die gestohlene Differenz in seine Tasche). Die Verhöre haben ergeben -- schließt Schlammersdorff seine Berichte am 12. Dezember 1777 auf dem Rhein unweit Koblenz -- daß 3-4 Mann desertiren wollten. Gottlob, daß nicht mehr mitimplizirt waren! Zwei Jäger und drei Musketiere habe ich aber der altenkirchener Mannschaft geschlossen mitgegeben zur Bewahrung bis auf weiteren Befehl, und damit solche nicht noch größeres Unheil anstellen. Den Knichtel aus dem Bayreuthischen und den Hubel, ein schöner, junger, großer Pursch, der von die andere Kanaille verführt worden, den habe ich wieder losgelassen. Einen französischen Werber vom Regiment Anhalt, der gleich andern Tages nach meiner Ankunft vor Bendorf an das Ufer kam und einer Soldatenfrau ein Goldstück versprach, wenn sie ihm etliche schöne Pursche brächte, habe, sobald die Frau es mir angezeigt, aufsuchen, arretiren und in die Eisen schmeissen lassen.«
Die Verhandlungen mit der englischen Regierung hatten schließlich dahin geführt, daß die Hanauer und Anspacher in Hanau überwintern sollten, welches, wie Cressener zur Beruhigung an Suffolk schrieb, befestigt war, so daß die Desertion verhindert werden konnte. Jene trafen am 16. Dezember in letztgenannter Stadt ein; diese zwei Tage später. Beim Abmarsch wurde um Bendorf ein Kordon von 40 Jägern und 12 Altenkirchener Musketieren gezogen und das Ufer links zur Abfahrt besetzt gehalten. So ging Alles gut von Statten.
Während der hier geschilderten, die letzte Hälfte des November und die erste Hälfte des Dezember 1777 einnehmenden Vorgänge hatten sich die englischen diplomatischen Agenten und Gesandten, sowie die betreffenden beiden deutschen Fürsten den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die also aufgehaltenen Soldaten am schnellsten und sichersten an's Meer schaffen könnten. Es gab nur zwei Wege, sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen. Entweder marschirten sie auf dem linken Rheinufer über Aachen und Mastricht nach Holland und wurden hier zu Wasser nach einem dortigen Hafen geschafft, oder sie wandten sich auf dem rechten Rheinufer durch die jetzige preußische Provinz Hessen-Nassau bis zur Weser und fuhren von da nach Bremerlehe.
»Der Markgraf von Anspach-Brandenburg -- meldet Cressener am 26. November 1777 -- hat nach Berlin geschrieben und den König um Erlaubniß der ungehinderten Passage für seine Truppen gebeten, da er sonst zu viel verlieren werde. Ich erwarte aber keinen Erfolg von diesem Schritte. Der König von Preußen, der sagt, seine Freundschaft für uns habe sich nicht verändert, aber mittelst eines kleinen Umweges könnten die von uns gemietheten Mannschaften doch an das Ziel ihrer Bestimmung gelangen, giebt uns mit dieser Erklärung einen Fußtritt und bittet dabei mit lächelnder Miene, wir möchten diesen Tritt nicht als einen Bruch seiner Freundschaft betrachten. Wenn er uns nur einen Weg auf der Karte zeigen wollte, wie wir an's Meer kommen können! Es bleibt uns nur übrig, entweder die Truppen zurückzuschicken, oder sie über Aachen nach Holland marschiren zu lassen. Der Weg über Lechenich, Düren, Eschweiler und Aachen ist der kürzeste und leichteste; die Truppen brauchen dann nur kölner, pfälzer, aachener und General-Staaten-Gebiet zu berühren. Von hier über Düren nach Aachen ist nicht über achtzehn Meilen (?), von Aachen nach Mastricht sieben Meilen, von da nach Herzogenbusch zweiundzwanzig Meilen, zusammen also siebenundvierzig Meilen. Endhofen, welches auf dem geraden Wege nach Herzogenbusch liegt, gehört zwar der Kaiserin, kann aber leicht umgangen werden. Mastricht ist die einzige Festung, die im Wege liegt. Um Desertion zu verhindern, können der Markgraf und Erbprinz zur Begleitung und Bewachung der Truppen die erforderliche Anzahl von Subaltern-Offizieren und Soldaten schicken.«
Schlammersdorff weigerte sich aber entschieden, diesen langen Landweg einzuschlagen, da er bei dem Mangel an Bedeckungsmannschaften und in der gefährlichen Nähe der Festung Mastricht nicht dafür stehen könne, daß er mit fünfzig Mann in Nimwegen ankommen werde. Auch Cressener ließ diesen Plan fallen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Gefahr der Desertion in hohem Grade vorhanden. »Denn ich weiß -- so schloß er seinen Bericht vom 1. Dezember an Suffolk -- aus was für Volk seine Rekruten bestehen.«
Es handelte sich also zunächst darum, vom rechten Rheinufer bis an die Weser und auf ihr an's Meer zu gelangen. »Ich habe -- berichtete Faucitt aus Hannover am 21. November an Suffolk -- die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, daß die Anspacher und Hanauer von Bendorf nach Münden und von dort, mit Vermeidung des preußischen Gebietes bei Minden, nach Bremerlehe geschafft werden. General von Hardenberg hat mir einen in diesen Dingen sehr erfahrenen Offizier, den Hauptmann von Wangenheim, beigegeben, der sofort nach Bendorf gehen und unterwegs alle Anordnungen für den ungehinderten Durchzug der Truppen treffen wird. Die Transportschiffe müssen also nach Bremerlehe fahren. Ich habe die endgültige Entscheidung über meinen Plan Sir Joseph Yorke überlassen. Der Haupteinwand, der sich dagegen machen läßt, ist die Gefahr der Desertion. Ich glaube ihr dadurch vorgebeugt zu haben, daß ich dem kommandirenden Offiziere anbefohlen habe, aus den besten und sanftesten Rekruten eine Art Eskorte zu bilden, ihnen eine außerordentliche Belohnung für ihre Treue und ihr gutes Verhalten auf dem Marsche zu sichern und sie für den Eifer zu beloben, den sie zeigen werden, um ihre Kameraden von der Desertion abzuhalten und Unordnungen zu verhindern. Sollte Frost eintreten, so können die Truppen, wenn sie einmal im Kurfürstenthum sind, in Nienburg oder Stade untergebracht werden, was mir General Hardenberg auch versprochen hat.«
Faucitt berechnete die Entfernung von Bendorf über Montabaur (Trier), Weilburg (Nassau), Wetzlar (freie Reichsstadt), Marburg (Hessen-Kassel), Gesberg und Fritzlar (Mainz), und Kassel nach Münden auf 26½ Meilen und zwölf Marschtage nebst fünf Ruhetagen, bis Bremerlehe aber auf im Ganzen vierzig Marschtage und zehn Ruhetage, während nach seiner Berechnung der Weg über Düren bis Herzogenbusch nur sechszehn Tagemärsche in Anspruch nahm. Diese Entfernungen wären übrigens der geringste Nachtheil gewesen; ein viel größerer bestand in der von den betreffenden Fürsten zu erlangenden Erlaubniß zum Durchmarsche durch ihr Gebiet. Nur unter dieser Bedingung und Voraussetzung genehmigte Yorke den Faucitt'schen Vorschlag.
Anfangs ließen sich die Aussichten gut an. Man hätte glauben sollen, daß der Landgraf von Hessen-Kassel als englischer Soldaten-Lieferant gar nicht weiter befragt worden wäre, allein er war so eifersüchtig auf seine Rechte, daß Faucitt, der sogar ein Verbot des Durchzuges der Hanauer befürchtete, sich an ihn, wie an jeden andern Fürsten, um freie Passage wenden mußte. Es waltete hier nämlich noch eine besondere, und zwar höchst lächerliche Schwierigkeit ob. Der Landgraf stand seit 1754 mit seinem Sohne, dem Erbprinzen und Grafen von Hanau auf gespanntem Fuße und hatte ihn seit dieser Zeit nicht gesehen, ja selbst sein Name, wie überhaupt die souveraine Grafschaft Hanau durfte bei Vermeidung des allerhöchsten Mißfallens vor dem Serenissimus nicht genannt werden. Der Landgraf gestattete zwar in einer höflichen Antwort an Faucitt den Durchmarsch der hanauer und anspacher Rekruten und Jäger durch »seine Staaten«, bestand aber ausdrücklich darauf, daß sie unter dem Namen Anspacher gehen mußten, und daß sie Kassel nicht berühren durften. Er ertheilte demnach freie Passage für 534 Anspacher, obgleich sie für 234 Hanauer und 300 Anspacher verlangt worden war. Die anderen Souveraine waren aber nicht so gefällig als der Landgraf. Der Kurfürst von Trier gab die Erlaubniß nicht. Als die von den Hanauern vorausgeschickten Quartiermeister in Montabaur ankamen, wurden sie vom Magistrat der Stadt abgewiesen, weil sie sich nicht ausweisen konnten. Auch die freie Reichsstadt Wetzlar wollte die Rekruten nicht durch ihr Gebiet ziehen lassen. Man befürchtete eben von ihnen Exzesse, für welche weder die englische Regierung, noch ihre deutschen Lieferanten aufkommen wollten. So ließ man den Plan ganz fallen.
Im Februar 1778 wurde man endlich mit Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt über eine neue Marschroute einig, so daß in der letzten Woche dieses Monats die Anspacher und Hanauer ihr zeitweiliges Quartier Hanau verlassen konnten. Faucitt nahm ihnen hier den Eid der Treue für den König von England ab, weil dieser Akt einen mächtigen Eindruck auf die Rekruten mache und die Desertion auf dem Marsche verhindere. In der That war diese äußerst gering, was aber wohl hauptsächlich der tüchtigen Führung durch erfahrene Offiziere zu verdanken war. Zudem ließ zur größern Vorsicht der Erbprinz den Transport durch ein Korps seiner Haustruppen bis Münden eskortiren. Der Weg ging von Hanau über Windecken, Friedberg, Butzbach, Gießen, Marburg, Felsberg, Münden und Hannover nach Nienburg, wo die Truppen am 8. März eintrafen und auf die für Bremerlehe bestimmten englischen Transportschiffe warten mußten. Erst am 23. März konnten sie in Nienburg weiter nach Bremerlehe eingeschifft werden; von hier fuhren sie am 8. April nach Portsmouth ab. Diesen Hafen verließen sie am 24. Mai, aber erst am 8. September 1778 kamen sie in Newyork an. Die Unglücklichen hatten Anspach und Hanau in den letzten Tagen des Oktober resp. ersten Tagen des November 1777 verlassen, waren also im Ganzen länger als zehn Monate unterwegs gewesen.
Natürlich hatte die englische Regierung die Kosten für alle diese unvorhergesehenen Zwischenfälle zu tragen. Suffolk gab schon Ende Dezember 1777 Anweisung an Faucitt, Alles, was recht und billig sei, zu berichtigen. »Wir müssen den Markgrafen und Erbprinzen natürlich entschädigen -- schrieb er am 23. Dezember an Faucitt -- Sie hätten sich das selbst wohl denken und dieserhalb nicht lange Briefe an mich schreiben lassen sollen. Thun Sie also, was verständig ist. Zahlen Sie alle nothwendigen Ausgaben, welche wir ohnehin gehabt haben würden, wenn die Einschiffung stattgefunden hätte, binden Sie sich aber nicht die Hände für die Zukunft. Ist Gefahr vorhanden, daß wir die Leute bis zum Frühjahr nicht einschiffen können, so lassen Sie die Kerle laufen und bezahlen Sie dieselben bis auf den letzten Tag.« Offenbar, um sich zu entschuldigen, erklärte Faucitt in seiner Antwort vom 8. Januar 1778 aus Hannover, daß die Fürsten von Anspach und Hanau die maßlosesten Ansprüche erhoben hätten. »Die außerordentliche Aengstlichkeit -- schrieb er -- womit Gemmingen und Malsburg, die Minister von Anspach und Hanau, ihre Entschädigungsforderungen bei mir geltend gemacht haben, erschien mir so unanständig und unbegründet, daß ich nicht umhin konnte, ihnen ernstlich den Kopf zu waschen. Seitdem ist der Ton ihrer Briefe ein anderer und athmet nichts als Unterwürfigkeit und Zufriedenheit.« Das gerade Gegentheil war der Fall. Statt unterwürfig zu sein, traten die Minister, namentlich Gemmingen, seit sie das Spiel in der Hand hatten, sehr selbstbewußt und positiv fordernd auf; Faucitt aber hielt es im Interesse seiner Aufgabe für das Beste, sich ihnen stets willfährig und entgegenkommend zu zeigen. Statt übermäßige Forderungen zu erheben, verlangten die Minister von Anspach und Hanau nur den Ersatz der Transport- und Unterhaltungskosten der Truppen während des Winters; Malsburg im Ganzen 1600 Pfund Sterling, Gemmingen bei der größern Entfernung und längern Zeitdauer etwas mehr. Faucitt gab das selbst zu, indem er am 30. Januar 1778 von Hanau aus an Suffolk schrieb, daß die Rechnungen billig seien und daß sich anständiger Weise nichts davon abziehen lasse.
Von jetzt an legte Friedrich der Große den Soldatenhändlern keine Hindernisse mehr in den Weg; die Beförderung der Truppen an den Ort ihrer Bestimmung konnte also ohne Umwege erfolgen. Die Baggage ließ er ebenfalls ungehindert passiren und sogar den im Herbst 1777 von seinen Beamten auf die Uniformen und das Gepäck der Anspacher erhobenen Zoll von 600 Dukaten niederschlagen.
Am Lästigsten waren übrigens die Nachtheile, welche das Verbot des Königs von Preußen für die zerbstischen Truppen nach sich zog. Die preußischen Minister, an welcher sich die zerbster Behörden um Aufhebung desselben gewandt hatten, erwiderten ihnen am 20. November höhnisch, daß nachdem Anspach und Hanau mit ihren Gesuchen um den Durchmarsch durch preußisches Gebiet abgewiesen worden seien, auch Zerbst nicht besser behandelt werden dürfe, und gaben den wohlfeilen Rath, das zerbster Regiment auf einem kleinen Umwege durch den Harz nach dem Kurfürstenthum Hannover marschiren und von da an den Ort seiner Bestimmung gelangen zu lassen. »Da der König von Preußen -- schreibt Faucitt am 27. November 1777 an Suffolk -- auf seiner Weigerung besteht, so muß das zerbster Regiment Stade oder Bremerlehe auf Umwegen durch Sachsen, Braunschweig und Hannover zu erreichen suchen; allein bis es so weit sein wird, haben wir Frost und sind die Flüsse gefroren. Ich weiß nicht, welcher Ursache ich diese plötzliche Maßregel des Königs zuschreiben soll, es müßte denn die sein, daß seine Werbeoffiziere sich neuerdings vielfach darüber beschweren, daß sie keine Rekruten mehr bekommen können und daß so viele preußische Soldaten desertiren, um sich für Amerika anwerben zu lassen. Namentlich haben die Hessen viele Deserteure aus Preußen aufgefangen und die Weser hinuntergeschmuggelt. Im Ganzen ist aber ihre Zahl zu unbedeutend, als daß sie den Gegenstand ernstlicher Erörterungen bilden könnten, zumal es unter den deutschen Fürsten als erlaubt gilt, einander Unterthanen und Soldaten abzufangen und zu verführen.«
Suffolk hielt es unter diesen Umständen für das Gerathenste, den Abmarsch der Zerbster bis zum Frühjahr zu verschieben, und wies Faucitt an, sich in diesem Sinne mit der dortigen Regierung zu verständigen. Der zerbster Fürst mußte sich also in sein Schicksal fügen und gedulden. Er wüthete in seinen Briefen barocker denn je; sein Haß gegen Preußen erreichte jetzt die höchste Spitze. Der Selbstherrscher aller Zerbster wandte sich sogar an die Selbstherrscherin aller Reußen, um sie zur Intervention gegen Friedrich den Großen zu veranlassen, allein Katharina von Rußland erklärte Preußen weder den Krieg, noch erwirkte sie für ihres Bruders Truppen die Oeffnung des preußischen Theils der Elbe. Uebrigens war für Friedrich August die Gefahr des Verlustes durch Desertionen größer als bei jedem andern Soldatenhändler, weil er im eigenen Lande so gut wie gar nicht werben konnte und für seine Leute fast ausschließlich auf das deutsche Ausland, bei dem damaligen längst fühlbaren Mangel an tauglichen Subjekten aber vorzugsweise auf Menschenraub und Zwang, List, Betrug und Gewalt angewiesen war. Sobald Serenissimus sein in dieser Weise zusammengebrachtes Regiment unter gehöriger Bewachung direkt bis an's Meer schaffen lassen konnte, erlitt er verhältnißmäßig geringe Verluste; ein langes Müßigliegen in offenen, unbefestigten Garnisonsorten drohte ihm aber mit unerhörter Desertion und Widersetzlichkeit. Noch vor Weihnachten brach denn auch unter den Soldaten eine Meuterei aus. Es sollten ein paar Dutzend Zerbster Kavalleristen, um das nach Amerika bestimmte Infanterie-Regiment zu verstärken, in dieses gesteckt werden. Sie nahmen aber die Maßregel als Beleidigung auf und empörten sich, bei welcher Gelegenheit einige Offiziere gefährlich verwundet wurden. Die Meuterer flohen, nachdem sie überwältigt waren, zum Theil nach Sachsen, wo ihnen natürlich niemand etwas anhatte. Bei einer andern Gelegenheit machte sich sogar ein Lieutenant mit seinem ganzen Kommando von fünfzig Mann aus dem Staube und ging ebenfalls nach Sachsen.
Endlich war der Winter überstanden und das zerbstische Regiment trat, 841 Mann stark, am 21. Februar 1778 seinen Marsch, wie die preußischen Minister höhnisch gerathen hatten, durch den Harz und Hannover nach Stade an. Als es am nächsten Tage die Elbe erreicht hatte, ließ der Oberst halten; die Sappeure mußten ihre Aexte in die Brückengeländer einhauen und das Ganze einen Kreis bilden. Der Kommandeur ließ hierauf die Kriegsartikel noch einmal verlesen und dann beschwören; darauf hielt er eine geharnischte Anrede und warnte namentlich vor den preußischen Werbern. Er drohte, daß derjenige, der dawider handle und ertappt werden würde, sofort erschossen werden solle; aber trotzdem desertirten schon an demselben Tage der Regiments-Tambour, ein Feldwebel, ein Korporal und einige Soldaten. Weiterhin wurden deshalb die Städte und Flecken auf dem Marsche möglichst umgangen, um weitere Desertionen zu verhüten, da die Entwichenen überall rege Hülfe und Theilnahme fanden. Um das Betreten des preußischen Gebietes zu vermeiden, ging die Marschroute über Dessau (Anhalt), Merseburg, Laucha, Birchlingen (Kursachsen), Greußen (Sondershausen), Mühlhausen (freie Reichsstadt), Duderstadt (Kurmainz), Eimbeck (Hannover), und von da durch's Braunschweigische wieder durch Hannover nach Stade.
Trotz der strengen Ueberwachung und der angedrohten Todesstrafe kamen noch täglich Desertionen und allerlei Exzesse vor. Im Dorfe Zeulenrode entsprang ein Mann, der von einem Korporal verfolgt wurde, und lief in's Wirthshaus. Ohne weiter nachzusehen, schoß der allzu diensteifrige Verfolger blindlings durch das Fenster in die Wirthsstube hinein, wo die Kugel die ruhig dasitzende Wirthin traf, so daß diese sofort todt zu Boden sank. Durch diese Gewaltthätigkeit wurden die Bauern sehr aufgebracht. Als die Baggage nachkam, bei der sich ein Oberlieutenant befand, kam es erst zu einem Wortwechsel und dann zu Thätlichkeiten, wobei der Offizier so übel zugerichtet wurde, daß er am andern Tage zu Stadtworbis starb. Die Bauern, durch deren Dörfer der Transport ging, nahmen auch anderwärts Antheil an dem Schicksal der nach Amerika bestimmten Soldaten und verschafften ihnen überall Gelegenheit zu entkommen. In Greußen kam es mit den preußischen Werbern, die hier Geschäfte machen wollten, zu einer Schlägerei, wobei auf beiden Seiten viel Blut floß.
Am 3. März meldete der Oberst Rauschenplatt dem damals in Hannover weilenden Faucitt, daß er in den ersten zehn Tagen nach dem Abmarsch durch Desertion nicht weniger als _dreihundertvierunddreißig_ Mann verloren habe. Am 21. März waren sogar nur noch 494 Mann bei der Fahne.
»Was soll ich thun -- fragte Faucitt am 23. März 1778 bei Suffolk an -- wenn die Uebrigbleibenden nicht mehr stark genug sind, um ein Bataillon daraus zu bilden? Die Lücken sind zu groß, als daß sie zur rechten Zeit ausgefüllt werden könnten. Ich fürchte, daß der größte Theil des Regiments vor der Ankunft in Stade desertirt sein wird. Ich hoffe, aus den Resten wenigstens noch ein Bataillon formiren zu können. Die Zerbster fanden übrigens überall in Sachsen schlechte Aufnahme, waren täglich von den Werbe-Offizieren verschiedener Fürsten umgeben, die in Verbindung mit den Eingeborenen des Landes jedes Mittel benutzten, um die Soldaten zu verführen. In ähnlicher Lage würden die besten Truppen gelitten haben.«
Yorke bestätigte im Wesentlichen Faucitt's Schilderung und nahm sich des Zerbster Fürsten warm an. »Seinen Bemühungen -- schreibt er d.d. Haag, 7. April 1778 -- des Königs Schutz und Freundschaft zu verdienen, ist von so vielen Seiten entgegengewirkt, daß ich es meinem persönlichen Verhältniß zu ihm schuldig bin, den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit zu melden. Des Königs von Preußen Weigerung, die zerbstischen Truppen durch sein Gebiet passiren zu lassen, (obgleich rechtlich nichts dagegen gesagt werden kann) veranlaßte den Fürsten, sich an den russischen Hof zu wenden, damit dieser seinen Einfluß in Potsdam geltend mache; aber ich weiß nicht, ob diese Bitte irgend welchen Erfolg gehabt hat. Inzwischen setzte der Fürst, da es bei der vorgerückten Jahreszeit mit der Einschiffung zu spät geworden sein würde, seine Truppen in Bewegung, ohne ein vorheriges Uebereinkommen mit England wegen eventueller Entschädigung getroffen zu haben, und schickte sie durch Kursachsen auf Umwegen nach Hannover. Auf diesem Marsche waren sie jeder Chikane und Schwierigkeit ausgesetzt, sowohl seitens der Preußen als Sachsen und bei mehr als einer Gelegenheit haben sich seine Offiziere ihren Weg erkämpfen müssen. Sie bewiesen dabei große Entschiedenheit und Tapferkeit. Natürlich war die Desertion sehr stark; ich wundere mich überhaupt, daß nur noch Soldaten beisammen blieben; die übrig gebliebenen sind aber wahrlich nicht schlecht. Seit Ankunft im Kurfürstenthum Hannover hat die Desertion aufgehört, und mit Hülfe der von Jever geschickten Rekruten ist immer noch ein gutes Bataillon zusammen zu bringen. Ich trete für den Prinzen ein und hoffe, daß angenommen werde, was er mit so großer Mühe, Kosten und Gefahr an's Meer geschafft hat. Ich thue es um so mehr, als ich höre, daß die Transportschiffe für die Zerbster zurückbeordert sind; es wäre eine zu große Enttäuschung für den Fürsten, wenn er nicht endlich angenommen werden sollte. Viel Gewinn bleibt doch für ihn nicht übrig.«