Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Part 18

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Natürlich wußten die armen in Amerika gefangen gehaltenen Braunschweiger nichts von dieser freundlichen Fürsorge ihres Serenissimus, denn sonst würden sie sich wohl nicht so oft über Zurücksetzung hinter die Engländer beschwert oder ihrem Fürsten selbst unter den härtesten Entbehrungen die unverbrüchlichste Treue bewahrt haben. Es ist ein rührendes Bild, wie die mitgefangene deutsche Generalsfrau die Fahnen, um sie zu retten und unverletzt nach Hause zu bringen, bei Nacht in ihre Betten einnäht, und wie ein, wenn auch mißverstandenes Ehr- und Pflichtgefühl die Unglücklichen selbst in der Gefangenschaft zusammenhält; aber es ist eine jeder Charakteristik spottende, selbst in jener Zeit einzig dastehende Infamie, wie der herzlose braunschweiger Herzog dieselben Soldaten, welche ihre Haut für ihn zu Markte trugen und ihn dadurch vom Bankerott retteten, jetzt im unverdienten Unglück nicht wieder sehen will, weil sie ihm das Geschäft verderben könnten. Also nicht genug, daß die eigenen Landeskinder verkauft sind; jetzt nachdem es geschehen, dürfen sie sich nicht mehr blicken lassen, damit ihrer noch mehr verkauft werden können. Und der braunschweiger Herzog war noch lange nicht der schlimmste unter seinen fürstlichen Zeitgenossen, er galt im Gegentheil als aufgeklärt, liberal und leutselig.

Wie stolz und Ehrfurcht gebietend steht diesen kleinen Fürsten der große König von Preußen gegenüber! Friedrich ist fast der einzige deutsche Regent jener Zeit, der, weil er seine persönliche Verantwortlichkeit vor der Welt fühlt, auch persönliche Würde hat; der einzige Herrscher, der mit klarem Auge große politische Ziele verfolgt, und der sich mit wahrhaft erhabener Vorurtheilslosigkeit nicht scheut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Man kannte außer beim König kaum eine selbständige Politik mehr in Deutschland, die meisten kleinen Staaten fristeten ihre klägliche Existenz nur durch geschmeidiges Anklammern an fremde Interessen. Deshalb ist der souveraine Hohn und die kalte Verachtung, welche er England und seine Lieferanten überall fühlen läßt, doppelt wohlthuend.

Friedrich's Verhältniß zum Soldatenhandel ist vielfach entstellt und übertrieben worden; führen wir es deshalb auf den richtigen Thatbestand zurück!

Der König sowohl wie der deutsche Kaiser hatten ein naheliegendes politisches Interesse an den Truppenlieferungen. Einmal verstießen dieselben gegen die Reichsgesetze, deren Hüter der Kaiser sein sollte, dann aber raubten sie ihm, sowie dem König von Preußen bei dem damaligen Werbesystem einen großen Theil der Mittel zur Füllung ihrer eigenen Regimenter, wenn der amerikanische Krieg noch unbestimmte Zeit fortdauerte.

So lange die ersten Verhandlungen schwebten, erwartete man höchstens einige tausend Mann als ihr Ergebniß, denn Niemand hatte geglaubt, daß die kleineren Fürsten kaum dreizehn Jahre nach dem siebenjährigen Kriege im Stande sein würden, innerhalb weniger Monate nahe an 20,000 Mann zu liefern. Gleichwohl wurden der Verschiffung der Hauptkorps nicht die mindesten Hindernisse in den Weg gelegt. Erst mit den Sendungen des Jahres 1777 begann, wie wir im siebenten Kapitel gesehen haben, auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten, sich unter den rheinischen Fürsten eine, vorläufig noch in kleinen Chikanen auftretende Feindseligkeit gegen die Truppenlieferanten zu entwickeln, die gleichwohl diesen und England die ernstlichsten Besorgnisse einflößte, weil sie für die Folge das Geschäft bedeutend verzögern und dadurch beeinträchtigen konnte. Schlimmsten Falls war aber mit den geistlichen und pfälzer Kurfürsten durch diplomatische Vorstellungen und Drohungen, Geschenke, Baarzahlungen und sonstige Aufmerksamkeiten an ihren Höfen schon fertig zu werden. Auch des Kaisers Befehle waren unter Umständen zu umgehen und fielen mehr durch ihr moralisches Gewicht als durch ihre praktische Tragweite in die Wagschale.

Bereits im Oktober 1777 hatte der Wiener Hof allen seinen Gesandten bei den verschiedenen deutschen Fürsten Auftrag gegeben, die Truppenlieferungen an England soviel als möglich zu verhindern, da sie das Reich entvölkerten und sonstige schlechte Folgen nach sich zögen. »Die Wahrheit ist -- schreibt Cressener am 17. November 1777 aus Bonn an Suffolk -- daß die österreichischen Werbe-Offiziere große Schwierigkeiten beim Rekrutiren fanden, daß die Rekruten den Dienst in Amerika vorzogen, und daß selbst die kaiserlichen Regimenter in Folge dessen mehr als gewöhnlich durch Deserteure verloren. Aehnliche Beschwerden brachten die preußischen Werbeoffiziere vor. Namentlich klagten sie darüber, daß seit dem amerikanischen Kriege ihre Rekruten nur selten noch das erforderliche Maß hätten, also bloß Ausschuß wären.«

Ein zu derselben Zeit den Direktoren des westfälischen Kreises vom Kaiser gemachter Vorschlag, innerhalb ihres, ganz Westfalen und Niedersachsen umfassenden Gebietes, die Truppenaushebungen für England zu verhindern, scheiterte gleichwohl mit am Widerspruch des preußischen Residenten Emminghaus, da der König sich dem Kaiser nicht unterordnen wollte und er selbst möglichen Falls unter den Konsequenzen des Verbots zu leiden gehabt haben würde. Uebrigens kümmerte sich England in der Folge gar nicht um den Widerspruch von Kaiser und Reich, und diese ließen es auch ruhig gewähren.

Anders dagegen bei Friedrich, der seiner Politik bei Freund und Feind Respekt zu verschaffen wußte. Sein Verhältniß zu England war seit dem Jahre 1761, wo er so schmählich durch Bute im Stich gelassen wurde, sehr lau gewesen und seit der ersten Theilung Polens, wo es seinen Ansprüchen auf Danzig mit entschiedenem Erfolge entgegengetreten war, sogar ein erbittertes geworden. Aeußerlich höflich, verachtete Friedrich die damals England beherrschende Aristokratie und sprach sich bei jeder Gelegenheit mit der äußersten Geringschätzung gegen sie aus, diese Menschen, bei denen die Liebe zum Gelde und der persönliche Vortheil den Sieg über das öffentliche Wohl davon trage. »Dieser Engländer -- hatte er früher einmal von Bute gesagt -- glaubt, er könne mit Geld Alles erreichen.« Jetzt war die Gelegenheit gekommen, England empfindlich zu kränken, ohne ihm gerade feindlich gegenüberzutreten -- und Friedrich ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Andererseits fürchtete er aber wirklich, daß die bedeutenden Truppenlieferungen nach Amerika ihn in seinem eigenen Bedarf verkürzen würden, und das zu einer Zeit, wo der täglich drohende Tod des Kurfürsten Maximilian Joseph den bei den österreichischen Ansprüchen unvermeidlich gewordenen Krieg wegen der bairischen Erbschaft zum Ausbruch bringen konnte.

»Der König von England -- sagt Friedrich in seinem Anhang zu den Memoiren seit dem Frieden von Hubertsburg bis zum Ende der Theilung Polens -- unterhandelte mit allen Höfen Deutschlands, um die wenigen Leute daraus zu ziehen, die es noch zu liefern vermochte. Deutschland spürte schon die Nachwehen der zahlreichen Menschenlieferungen, die in fremde Welttheile geschickt waren, und der König von Preußen sah mit Sorge, daß im Falle eines neuen Krieges das Reich seiner Vertheidiger beraubt sein würde, denn im Jahre 1756 hatten Niedersachsen und Westfalen allein eine Armee auf die Beine gebracht, mit welcher man die Fortschritte des französischen Heeres aufhalten und vereiteln konnte. Aus diesem Grunde chikanirte er die Truppen der mit England verbündeten deutschen Fürsten, sobald sie durch Magdeburg, Minden und das Gebiet am Niederrhein passiren mußten. Es war das eine schwache Rache für das schlechte Verhalten, welches der Hof von London ihm gegenüber rücksichtlich der Stadt und des Hafens von Danzig beobachtet hatte. Der König wollte übrigens die Dinge nicht zu weit treiben, denn eine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man immer eine Menge Feinde findet, ohne daß man sie sich aus Uebermuth auf den Hals zu laden braucht.«

Wenn man sich die damalige deutsche Politik des Königs vergegenwärtigt, so wird man finden, daß er erst dann, als der Krieg mit dem Kaiser gewiß geworden war, ernstliche Maßregeln gegen England und seine Lieferanten ergriff. Friedrich hat in den obigen Worten ihnen gegenüber ganz genau seinen Standpunkt bezeichnet. Wir werden später sehen, daß jede seiner Handlungen damit übereinstimmt; gleichwohl haben selbst angesehene deutsche Geschichtsschreiber, wie z.B. Schlosser, von den Amerikanern nicht zu reden, seine Motive und Akte in dieser Beziehung gröblich entstellt. Diese tendenziöse Auffassung der Opposition Friedrich's verräth namentlich amerikanischer Seits einen eben so großen Mangel an Einsicht in die Politik jener Zeit als in den Charakter des Königs. Ein Fürst, der, um seine Zwecke zu erreichen, ohne jedes Bedenken hundert Tausende von Menschenleben opfert; ein Feldherr, der sich wundert, daß »die Hunde von Grenadiere ewig leben wollen«, wenn sie sich nicht gleich in den Rachen von hunderten, Tod und Verderben speienden Geschützen stürzen, ein solcher Mann wird, ohne das moralische Ungeheuer zu sein, als welches ihn höchst oberflächlicher Weise Macaulay karrikirt, nie wie ein junger sentimentaler Lyriker für die Sache unterdrückter Unterthanen in die Schranken treten und am allerwenigsten ihnen zu Liebe seines Gleichen den Krieg erklären. Nichts ist deshalb ungerechtfertigter als die Annahme, daß Friedrich aus Sympathie für die amerikanischen Rebellen dem Landgrafen von Hessen und seinen Kollegen feindselig gegenübergetreten sei.

Um hier nur eine der bekannteren falschen Geschichten hervorzuheben, so ist es zum Beispiel eine von Kortüm zuerst Franklin nacherzählte und später von Schlosser wiederholte Anekdote, daß die hessischen Soldaten auf Befehl des Königs bei Minden den Viehzoll hätten entrichten müssen, weil sie ja wie Vieh verkauft seien[5]. Schlosser druckt den Passus sogar mit gesperrter Schrift. Nie hat Friedrich eine derartige Maßregel angeordnet. Er beschränkte sich einfach, wie er das selbst ausdrücklich hervorhebt, auf die Chikane und zwang die Miethstruppen, eine Zeit lang sein Gebiet bei Magdeburg, Minden und Wesel zu umgehen oder er besteuerte ihr Gepäck. Zudem haben wir es hier nicht mehr mit dem jugendlich übermüthigen König zu thun, der die hallischen »Fasen« zum Theaterbesuch zwang, sondern mit dem gewiegten Staatsmann, der nur das Interesse seines Staates im Auge hat und jedes Ereigniß in diesem Verhältniß auffaßt und benutzt. Sodann darf man nicht übersehen, daß die preußische Armee damals auch noch keine Landwehr hatte, sondern fast in derselben rohen Weise wie jede andere durch Werbungen rekrutirt wurde, und daß der König viel zu klug war, um seine eigenen Soldaten einer ähnlichen Behandlung Seitens eines übelgesinnten oder mächtigen Nachbarn auszusetzen.

Schon bei einer frühern Gelegenheit, im Anfang seiner Regierung, hatte der König, als die Holländer Truppen von Braunschweig mietheten, die Käufer mit Metzgern verglichen, welche nach Podolien wandern, um dort schwere Ochsen einzuhandeln. Eine ähnlich klingende gelegentliche Aeußerung findet sich in einem am 18. Juni 1776 an Voltaire geschriebenen Briefe Friedrich's, worin er diesem gegenüber die Ehre ablehnt, der Lehrer des Landgrafen von Hessen gewesen zu sein, der gerade einen Katechismus für Fürsten geschrieben und ihn Voltaire geschickt hatte. »Wäre der Landgraf -- schrieb Friedrich -- aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Unterthanen nicht verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank zu schleppen.« Der König nahm allerdings aus Haß gegen England unbedingte Partei für die Amerikaner und gefiel sich sogar dem englischen Gesandten gegenüber darin, deren Erfolge zu übertreiben oder die den englischen Waffen ungünstigen Berichte gehässig zu erläutern oder geschäftig zu verbreiten. Nur von diesem rein persönlichen Gesichtspunkte aus darf man daher seine Stellung in der Subsidienfrage beurtheilen.

Gleichwohl aber liegt in Friedrich's Worten und Maßregeln eine solche geistige Ueberlegenheit, und eine solche souveräne Verachtung der elenden Bereicherungsmittelchen der kleinen Reichsfürsten ausgedrückt, daß man sich den Jubel der Unterdrückten und die Freude der bei dem schmachvollen Handel Unbetheiligten sehr wohl erklären kann. Das Volk liebt es, seinen Helden seine eigenen besten Gedanken unterzuschieben, es macht sie zu Trägern seiner liebsten Wünsche und Hoffnungen. So wurde denn auch allmälich auf Grund von ein paar scharfen Aeußerungen, die der amerikanischen Revolution günstig waren und die geizigen und gierigen Fürsten brandmarkten, in Friedrich der Haß und die Verachtung aller denkenden Zeitgenossen gegen die Seelenverkäuferei verkörpert.

Der König von Preußen hatte, wie wir bereits gesehen haben, den bis zum Herbst 1777 durch sein Gebiet fahrenden und nach Amerika bestimmten Truppen so gut als keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Den ersten Anstoß dagegen nahm er an 308 anspacher Jägern und Rekruten, die am 31. Oktober jenes Jahres mit den neuen Uniformen für das erste Regiment in Stefft eingeschifft waren und Main und Rhein hinunterfahrend, am 15. November in Dortrecht eintreffen sollten. Der Markgraf dachte so wenig an Hindernisse irgend welcher Art, daß er am 16. Oktober, um seine durch die englischen Zahlungen verbesserte Vermögenslage zu genießen, mit seiner Maitresse Lady Craven nach Paris abgereist war, wo er sich während des Winters aufzuhalten gedachte. Unmittelbar vor seiner Abreise hatte er die an den Rhein gränzenden Staaten um freie Durchfahrt für seine Truppen gebeten und sich am 14. Oktober auch an den König gewandt. Er betrachtete diese Requisitionen als bloße Formsache und ließ deshalb auch seine Leute, ohne nur eine Antwort abzuwarten, marschiren. Pfalz, Mainz und Trier gaben am 5. und 6. November die gewünschte Erlaubniß und bewilligten zugleich Zollfreiheit für Mannschaft und Gepäck. Der Kurfürst von Mainz knüpfte an seine Genehmigung zwar die Drohung, daß er den anspacher Transport nach mainzer Landeskindern oder Deserteuren durchsuchen lassen werde. Da indessen der Oberst Schlammersdorff die letzteren am 7. November, als er bei Mainz vorbeifuhr, auf den Rath Gemmingen's versteckte, so fanden die mit der Durchsuchung beauftragten Mainzer Offiziere Niemanden und trennten sich nach einer gemüthlichen Kneiperei von ihrem neuen anspacher Freunde. So harmlos ließen nun der alte Fritz und seine Untergebenen nicht mit sich handeln. Der König schlug dies Mal ganz wider Erwarten das anspachische Gesuch rund weg ab. Sein Antwortschreiben, welches in der Gesammtausgabe seiner Werke nicht enthalten, noch überhaupt sonst irgendwo veröffentlicht ist, findet sich in den anspacher Manual-Akten. Es ist vom 24. Oktober 1777 aus Potsdam datirt und lautet wörtlich (das Original findet sich im Anhang) wie folgt:

»Ich gestehe Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, daß ich niemals an den gegenwärtigen Krieg in Amerika denke, ohne von der Gier einiger deutscher Fürsten unangenehm berührt zu werden, welche ihre Truppen einer sie gar nichts angehenden Sache opfern. Mein Erstaunen vergrößert sich, wenn Ich Mir die alte Geschichte und jene weise und allgemeine Zurückhaltung unserer Vorfahren in's Gedächtniß rufe, welche sie verhinderte, deutsches Blut für die Vertheidigung fremder Rechte zu vergießen und welche sogar als Gesetz in das deutsche Recht übergegangen ist.

Aber Ich merke, daß Mein Patriotismus Mich fortreißt und Ich komme auf das Schreiben Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht vom 14.d.M. zurück, welches ihn so stark angefacht hat. Sie verlangen darin die freie Durchfahrt für die Rekruten und das Gepäck, welches Sie Ihrem, im großbrittanischen Dienste befindlichen Truppen-Korps zuschicken wollen. Ich nehme Mir die Freiheit, Ihnen zu bemerken, daß wenn Sie dieselben nach England gelangen lassen wollen, Sie durchaus nicht nöthig haben, sie durch meine Staaten passiren zu lassen, sondern daß Sie dieselben einen kürzern Weg zum Einschiffungshafen einschlagen lassen können.

Ich unterbreite diese Ansicht dem Urtheil Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, und Ich bin nicht weniger mit aller Zärtlichkeit, die Ich Ihnen schulde, mein Herr Neffe, Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht guter Onkel Friedrich.«

Dieser Brief gelangte in der ersten Woche des November nach Anspach. Gemmingen und Benckendorff, welche während der Abwesenheit des Markgrafen eine Art Regentschaft bildeten, erbrachen ihn, hielten es aber für das Beste, seinen Inhalt zunächst ganz zu ignoriren. Sie dachten offenbar, in Potsdam herrschte dieselbe Wirthschaft wie in Anspach, und die preußischen Minister könnten hinter dem Rücken des Königs thun und lassen, was Sie wollten. Sie schrieben also am 16. November noch einmal an Hertzberg und Finckenstein und baten, als ob der Markgraf noch keinen abschlägigen Bescheid vom König erhalten hätte, noch einmal dringend um endliche Gewährung des freien Durchzugs. »Der unerwartete Aufenthalt dieses Truppentransports -- so motivirten sie ihr Gesuch wörtlich -- wird der Hochfürstlichen Durchlaucht zu einem gar empfindlichen Schaden gereichen, zumalen Hochdieselbe, wie Ihro Königl. Majestät bereits bekannt ist, die Ueberlassung Ihro Trouppes in Königlich Großbritannischen Sold und Dienst bloß in der patriotischen Absicht bewilligt haben, durch die erlangenden Subsidien mehrere Landesschulden zu tilgen.«

Die königlich preußischen »verordneten wirklich Geheimde Estats-Räthe«, Finckenstein und Hertzberg antworteten aber am 22. November 1777, daß sie das Gesuch der anspachischen hochgeehrtesten Herren Sr. Majestät zwar gebührend mit ihrem Berichte vorgelegt, daß Höchstdieselbe aber befohlen habe, darauf zu erwidern, daß Sie bei der des Herrn Markgrafen Durchlaucht ertheilten Antwort beharre. Auch der englische Gesandte Elliot in Berlin, der sich in derselben Angelegenheit in Suffolk's Auftrag an den König gewandt hatte, erhielt dieselbe abschlägige Antwort mit dem Zusatze, daß die im vorigen Jahre unter den Rekruten vorgekommenen Unordnungen Se. Majestät veranlaßten, in Zukunft ähnlichen Transporten die Durchfahrt zu verweigern. Das durch einen solchen Zusatz motivirte Verbot klang wie ein Hohn, weil die Truppen damals gar nicht hatten an's Land gehen dürfen; allein es fiel wie eine Bombe unter die von ihm betroffenen englischen Agenten und deutschen Fürsten sammt ihren Ministern. Mit Recht schreibt Sir Joseph Yorke, als er diesen merkwürdigen Vorwand hörte, am 15. November 1777 an Rainsford: »Jedermann hat eine zu heilige Scheu vor Seiner Preußischen Majestät und schwebt vor ihr in zu großer Furcht, Leute auf der Passage durch ihr Gebiet zu verlieren, als daß er es wagen würde, dort irgend eine dem Könige mißfällige Handlung zu begehen.« Expresse und Kouriere wurden jetzt aber schleunigst von einem Hofe zum andern geschickt, Noten gewechselt und Versuche bei dem preußischen Gesandten in Köln und dem Kommandanten von Wesel gemacht, damit sie ein Auge zudrückten; aber Alles war vergebens. »Bisher -- ruft Faucitt aus -- war der Rhein der ganzen Welt offen, jetzt wird er unerwartet und plötzlich geschlossen. Es ist zu spät, unsere Route zu ändern. In Minden droht dieselbe Unterbrechung. Ich habe sofort nach Berlin, Hanau, Anspach und Kassel geschrieben und Schlieffen gerathen, die Hessen an der Weser das preußische Gebiet umgehen zu lassen.« In demselben Tone jammerte Cressener: »Zu Lande können die Truppen nicht marschiren, zudem ist es den Rhein entlang unmöglich, das preußische Gebiet nicht zu berühren, und dann werden die Boote mit den Uniformen doch in Wesel angehalten werden.« »Wenn Ihr Hof -- wehklagt der anspachische Oberst Schlammersdorff in seinem Briefe an Rainsford d.d. Bendorf 18. November 1777 -- keine Mittel findet, den Entschluß des Königs von Preußen zu ändern, so ist Alles verloren, so sind wir ruinirt, denn es ist absolut unmöglich, zu Lande zu marschiren.« Rainsford selbst, der bereits in Nimwegen auf die neue Zufuhr wartete, fand den Verzug um so unangenehmer, als die Transportschiffe schon in Holland eingetroffen waren, das Wetter ganz prachtvoll war und ein paar Tage hingereicht hätten, die Truppen einzuschiffen. Hier war also guter Rath theuer.

Inzwischen waren die anspachischen Truppen am 12. November nach Bonn gelangt, wo Oberst Schlammersdorff durch den englischen Gesandten Cressener mündlich und durch Oberst Faucitt schriftlich Kenntniß von dem Verbot des Königs erhielt. »Es ist somit -- schreibt er am 13. November an Gemmingen -- die Transportirung unmöglich 1. weil das preußische Gebiet doch nicht zu evitiren; 2. keine Requisitoriales für die Landmärsche ergangen sind, folglich die Einquartirung refusirt werden wird; 3. die Baggage nicht mit fortgebracht werden kann und 4. die Desertion inevitabel sein wird, wofür ich absolute nicht responsabel sein kann. Ich fahre also zurück nach Bendorf, um dort oder in Altenkirchen die Leute einzuquartiren. Ich habe per Estafette sofort Serenissimo Bericht nach Paris erstattet.« Als die kurfürstlich kölnischen Behörden von dem preußischen Verbote hörten, wurden sie auch unangenehm. In Bonn wollten sie die Anspacher nicht länger dulden, und täglich fragte der dortige General Kleist höflich bei Schlammersdorff an, wann er abzufahren gedenke? Dieser verließ Bonn am 18. und traf am 19. November Abends in Bendorf ein.

Der Markgraf von Anspach besaß zu jener Zeit die seinem Vater im Jahre 1741 anerfallene Grafschaft Sayn-Altenkirchen mit der Stadt Bendorf (am rechten Rheinufer zwischen Neuwied und Ehrenbreitstein). Oberst Schlammersdorff gab, um dort Platz zu bekommen, dem Gouverneur der Grafschaft Befehl, die in Bendorf stehende Kompagnie tiefer in's Land zu legen. Als Schlammersdorff aber selbst nach Bendorf kam, fand er, daß die Stadt keine Wälle hatte, daß er also seine Leute nicht sicher bewachen konnte. Er beschloß deshalb, dieselben in den Booten zu behalten und diese mit Oefen zu versehen, die Soldaten aber von Zeit zu Zeit truppweise unter Aufsicht an's Land zu lassen, damit sie sich Bewegung machen und erholen könnten. So lagen sie etwa vier Wochen lang Bendorf gegenüber auf dem Rhein. Ihnen zur Seite hatte sich ein hanauer Transport von etwa 250 Rekruten gelagert, welcher am Rheinfels von dem preußischen Verbote benachrichtigt und jetzt auf Wunsch des Erbprinzen zu den Anspachern gestoßen war, nachdem dieser sich feierlich verpflichtet hatte, alle Bedürfnisse für seine Leute baar zu bezahlen. Diese nach Anspach oder Hanau zurückzuschicken, durften der Markgraf und Erbprinz nur im alleräußersten Nothfall wagen, weil sie sich dadurch den Markt für die Zukunft verdorben, die Desertion befördert und zugleich die englischen Subsidien und Löhnung geschmälert hätten.

Die Schlammersdorff'sche Korrespondenz mit Gemmingen wirft einige interessante Streiflichter auf die Mittel, welche während jener Zeit zur Aufrechterhaltung der Zucht und zur Verhinderung der Desertion der Soldaten für nöthig erachtet wurden.