Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Part 17

Chapter 173,425 wordsPublic domain

In der Stadt Zerbst wurde sofort ein Werbebureau errichtet, und mit allen in diesem Geschäfte üblichen Listen die nöthige Mannschaft angelockt. Im Anfang ging Alles über Erwarten gut, Meister, Gesellen und Lehrlinge, Bewohner der Stadt und Umgegend, welche sonst kein Auskommen hatten, nahmen Dienste. Schon im November waren mehr Soldaten als das von England geforderte Minimum beisammen. Da die Zerbster Bürger sich weigerten, das zum großen Theil verlorene Gesindel in's Haus zu nehmen, so mußte es im fürstlichen Schlosse untergebracht werden. Ueberhaupt scheint der Respekt der Zerbster vor Serenissimo nicht zu groß gewesen zu sein, denn sie redeten den Soldaten zu, daß sie doch nicht marschiren möchten, da sie schnöde verkauft wären und elendiglich umkommen würden, »und was dergleichen grobe Lügen und strafbares Beginnen mehr«, wie der Stadt-Kommandant General v. Rauchhaupt in einem Garnisonsbefehl erklärte. Da die Gränze nicht weit war, so wurde es den Bürgern auch nicht schwer, den Desertionslustigen zur Freiheit, d.h. zum Thore hinaus zu verhelfen. Um den Mangel an Offizieren zu beseitigen, machte die Regierung in den Zeitungen bekannt: »Wer Dienste als Offizier zu nehmen wünsche, vorzüglich aber sich getraue, Chef eines Regiments Infanterie zu werden, der könne sich sogleich bei der Hochfürstlichen Regierung in Zerbst melden und werde von derselben nähere Auskunft erhalten«. Diese Aufforderung hatte sehr bald den gewünschten Erfolg. Schon im Oktober und November waren so viele Meldungen eingegangen und angenommen, daß alle Stellen besetzt werden konnten. Als Regiments- und Bataillons-Kommandeure hatten sich zwei Brüder v. Rauschenplatt aus dem Braunschweigischen angeboten. Beide wurden in Dienst genommen. Der ältere Johann ward Oberst und Regimentschef; sein Bruder Georg Heinrich dagegen Major und Bataillonskommandeur, im Sommer 1782 aber sein Nachfolger im Kommando des Regiments, weil der ältere Bruder wegen Kränklichkeit nach Europa zurückkehrte. Stabsadjutant war Oberlieutenant Möhring und Regimentsquartiermeister ein geborener Anhaltiner, J.A. Pannier, der im April 1772 in Jena einen nassauischen Studenten im Duell erstochen hatte. Drei Feldprediger, ein lutherischer, ein reformirter und ein katholischer, hatten für das Seelenheil und die geistliche Verpflegung der Soldaten zu sorgen, während 34 unter Anführung einer Unteroffiziersfrau stehende Marketenderinnen ihnen den Bedarf an leiblicher Speise zu liefern und zu ergänzen hatten.

Schon in den ersten Tagen des November 1777 konnte das Regiment dem englischen Unterhändler auf dem Schloßplatz von Zerbst zur Musterung vorgeführt werden.

»Ich bin -- schreibt Faucitt am 15. November 1777 aus Braunschweig an Suffolk -- soeben von Zerbst zurückgekehrt, wo ich das eine der beiden uns angebotenen Regimenter sah. Es besteht aus lauter schönen und jungen Leuten, die indessen ihre Waffen nicht so gut handhaben und nicht so gut exerziren, als ich erwartet hatte. Ihr Oberst, Herr von Rauschenplatt, versicherte mich aber, daß sie erst vor drei bis vier Tagen von ihrem Urlaub einberufen seien, nachdem sie den größten Theil des Jahres abwesend gewesen, und daß er sich anheischig mache, sie bis zur Zeit ihres Abmarsches gut auszuexerziren. Es scheint mir, daß der Oberst das wohl fertig bringen wird; er ist ein gebildeter und thätiger Offizier, der während des ganzen letzten Krieges in dem österreichischen Heere gedient hat. Es fehlt den Leuten überhaupt nicht an guten Willen. Zu jedem Regiment gehören zwei Grenadier-Kompagnieen. Das eine Regiment ist marschfertig, während das andere, welches in einiger Entfernung von Zerbst liegt, es vor nächstem Februar nicht werden kann. Ich werde sie die Elbe hinunter bis Stade verschiffen. Die Reise dauert acht bis zehn Tage. Rauschenplatt sagte mir, er werde sofort nach Eintreffen der Erlaubniß der Uferstaaten marschiren und zur Noth gar nicht auf die Antwort der Fürsten warten.«

Dieser Plan war an sich ganz gut und leicht ausführbar, wenn nur Friedrich der Große sein Veto nicht eingelegt hätte.

Neuntes Kapitel.

Die in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Verkäufe und Verschiffungen deutscher Soldaten reichen bis zum Herbste 1777. Die Zusätze zu den bereits ausführlich besprochenen Verträgen sind im Wesentlichen eine Wiederholung der ursprünglichen Bestimmungen; sie beziehen sich nur auf Lieferungen von Rekruten, Jägern und Artilleristen und erfordern darum auch kein näheres Eingehen auf ihren Inhalt.

Unerläßlich dagegen ist wenigstens eine kurze Beschreibung des Transports dieser Ersatztruppen, der bei seinen großen Gefahren und Schwierigkeiten ganz besondere Umsicht und Sorgfalt verlangte. Vor Allem galt es, die Desertion zu verhindern und die Chikanen, Eingriffe oder älteren Ansprüche der zu passirenden Staaten abzuwehren. Der englische Kommissar Faucitt berechnete natürlich nur die im Hafen auf die Schiffe gelieferten Soldaten; wer also unterwegs desertirte, lief zugleich mit den oft nicht unbedeutenden baaren Auslagen des Lieferanten davon, während eine spätere Desertion diesen nicht so sehr schädigte. Es wurden deshalb nur erfahrene Offiziere von großer Geistesgegenwart, persönlicher Gewandtheit und Entschiedenheit im Auftreten mit dem Truppentransport betraut. Aus den zahlreichen, bei den Akten befindlichen Berichten solcher Offiziere möge nur der des Obersten von Wöllwarth hier Platz finden, der Mitte Mai 1777 einige hundert hessische Rekruten von Kassel nach der Weser-Mündung führte und ein Gesammtbild der mit der glücklichen Ausführung eines derartigen Auftrages verknüpften Schwierigkeiten giebt.

»Ich habe mich -- meldet Wöllwarth am 30. Mai 1777 dem Landgrafen von Hessen-Kassel -- am 14. Mai unweit der Pulvermühlen bei Kassel eingeschifft, am 15. Abends bei Herstelle Anker geworfen und bin am 16. gegen 11 Uhr Abends nach Hameln gekommen. Am 17. verursachte die Passirung der dortigen Schleuse einigen Aufenthalt, so daß bereits eine Stunde außerhalb Hameln bei Lachem angehalten und Mittag gemacht werden mußte. Von da wurden nach der erhaltenen gnädigsten Instruktion die Rekruten, so preußische Deserteur oder Landeskinder waren, an Anzahl fünfzig, unter Kommando des Lieutenants Hagen und dreier Unteroffiziers mit geladenem Gewehr, auch Begleitung einer Patrouille von dem Estorffischen Dragonerregiment, bis Rodenberg abgeschickt, und nahm gedachter Lieutenant Hagen zur Vermeidung derer mehren preußischen Orten und des Bückeburgischen die Detour über Neustadt am Rübenberge, wo derselbe das zweite Nachtlager nahm. Aller gebrauchten Vorsicht ungeachtet ist ein Jäger, Namens Britt, so ein Franzose von Geburt, von da die Nacht desertirt, durch Hülfe der Patrouille aber in der Gegend von Nienburg wiederertappt worden und als Arrestant mitgebracht. Am 18. wurde Preuß. Minden passirt. Vom Kommandanten geschah nicht die mindeste Nachfrage, als wie stark der Transport sei. Am 19. ankerten wir bei Stolzenau unterhalb Nienburg. Lieutenant Hagen traf daselbst erst den Nachmittag um fünf Uhr ein. Bei diesem langen Aufenthalte entfernte sich, ohngeachtet ich von dem Schiffe Posten ausgesetzt hatte, ein Jägerrekrute, Namens Seidenfaden, welcher um so leichter, da er noch keine Montirung hatte, unter der Menge Leute solches bewerkstelligen konnte. Den Lieutenant Plier, von dessen Schiff der Rekrute war, schickte ich, weil er diesen Unmontirten hatte vom Schiff gehen lassen, auf vierundzwanzig Stunden auf das Staatsschiff in Arrest, an dessen Stelle ich Lieutenant Braumann kommandirte. Nun ereignete sich der Vorfall, daß der Unteroffizier Säugling, welcher von dem Kommando des Lieutenant Hagen erst zurückgekommen, sich etwas betrunken und einem Juden, welcher im Vorbeigehen bei denen Schildwachen Taback geraucht, nach eigener Willkür die Pfeife weggenommen. Da nun der Jude bei dem Lieutenant Braumann sich dieserhalb beschwerte und die Herausgabe der Pfeife forderte, ertheilte mehrgedachter Lieutenant Braumann dem Unteroffizier die geschärfte Ordre, solche sogleich wieder herauszugeben. Der Unteroffizier aber, welcher in dieser Verwirrung nicht wußte, daß Lieutenant Plier arretirt sei, mithin das Schiff nicht mehr kommandirte, versetzte, er würde keines Andern Kommando Folge leisten als besagten Lieutenants Plier. Es wurde der Unteroffizier zu Gehorsam angewiesen. Da er aber durch Raisonniren einen Aufstand erregte, so begab ich mich auf die Meldung des Lieutenants Braumann dahin, um solchen zu stillen. Der Unteroffizier nebst noch zwei Raisonneurs, so Anlaß dazu gegeben, wurden arretirt. Den erstern habe ich mit starken Fuchteln bestrafen lassen und degradirt bis zur Ankunft in Amerika, wie denn die beiden Andern ebenfalls zu harter Strafe gezogen wurden. Am 21. Mai haben wir die Bremer Brücke passirt und allda vom Kapitain v. Webern die achtzehn großen Ballen Bagage richtig erhalten. Am Abend dieses Tages trafen wir in Vegesack ein; am 24. aber wurden wir durch Faucitt gemustert, der nur zehn Mann ausrangirte, und am 25. auf fünf Schiffen eingeschifft, welche am 31. Mai von Bremerlehe absegelten.«

Was nun insbesondere die Rekrutenlieferungen betrifft, so beweisen sie, daß das Geschäft nicht blos in Kassel, sondern auch bei den übrigen betheiligten Fürsten eigentlich nur kurze Zeit in Blüthe stand, und daß bereits im Laufe des Jahres 1777 der Markt weniger ergiebig wurde. Nur Anspach machte eine Ausnahme von der Regel, weil es durch den siebenjährigen Krieg nicht so viel als die norddeutschen Staaten gelitten hatte. Seine Rekruten zeichneten sich bis an das Ende vor allen anderen aus, im Februar 1779 fand Faucitt sie so schön und so gut von Ansehen, daß er froh sein würde, wenn die anderen Rekruten ebenso aussähen, und noch im Mai 1782 wurden die großen schönen munteren und wohlgezogenen Anspacher bei ihrer Einschiffung ebenso bewundert, wie die ersten Bataillone des Jahres 1777. Dagegen ward es schon zu Anfang des Jahres 1777 den norddeutschen Lieferanten schwer, ihre Verbindlichkeiten zur festgesetzten Zeit zu erfüllen. Schon jetzt müssen sie an allen Ecken und Enden ihre Waare zusammenstehlen und das so gestohlene zweibeinige Gut mit großen Kosten und außerordentlicher Vorsicht bewachen lassen. Die Schilderungen, die wir in den Berichten Faucitt's und Rainsford's über ihre Rekruten-Inspektionen finden, würden komisch und erheiternd sein, wenn die Ruchlosigkeit, mit der die armen Teufel auf die Schlachtbank geliefert werden, für unser Volk nicht gar zu beschämend wäre.

»Am 21.d.M. -- meldete Faucitt am 24. März 1777 aus Bremerlehe an Suffolk -- habe ich die 250 braunschweiger Rekruten in Stade besichtigt und eingeschifft. Der Herzog hatte es für nöthig erachtet, sie durch eine starke Infanterie-Abtheilung von einem Hauptmann, zwei Lieutenants, vierzehn Unteroffizieren und vier und achtzig Gemeinen nach dem Hafen transportiren zu lassen. Ich habe 36 von den Rekruten wegen Körperschwäche, Alter und Einäugigkeit und sonstiger Gebrechen verworfen; es sind also nur 214 Mann übrig geblieben. Ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben einen solchen Haufen schlecht aussehender Kerle zusammen gesehen zu haben. Kaum diejenigen, welche ich passirte, waren diensttüchtig. Die Gräben und die Stadt sind gefroren, es ist also große Gefahr der Desertion vorhanden. Noch größer wird diese Gefahr in Bremerlehe sein, wo die hessischen und waldeck'schen Rekruten jeden Augenblick ankommen müssen, und wo ich nicht das geringste Zwangsmittel gegen sie habe.«

Nicht viel günstiger als Faucitt über die braunschweigischen, spricht sich Rainsford über die vom Rheinfels gekommenen hessischen Rekruten aus. »Sie sind -- schreibt er am 28. März 1777 aus Gravendael bei Dortrecht an Suffolk -- äußerst ungleich, Viele sehr alt, Viele bloße Jungen und Andere wieder durchaus unbrauchbar. Es finden sich fünf bis sechs Einäugige darunter. Wir dürfen aber nicht zu wählerisch sein, weil es zu schwer ist, Leute zu bekommen. Ich wies deshalb Keinen zurück, bezeichnete aber die Anstößigsten auf der beifolgenden Liste. Die Jäger dagegen sind gut und äußerst brauchbar für den Dienst.« Die Zahl der Rekruten belief sich auf etwa 400; der Bayreuther Minister v. Seckendorff fand darunter viele unausgewachsene Kinder, die kaum fünf Fuß maßen; zu ihrer Bewachung und Begleitung wurden ein Offizier, sechs Unteroffiziere und fünfzig Gemeine mitgeschickt.

Die waldecker Rekruten dagegen waren viel besser; ihre Mehrzahl bestand aus kräftigen und starken Leuten, wenn auch manche klein und zu jung darunter waren. Da der Fürst von Waldeck keine Festung hatte, worin er sie bis zu ihrem Ausmarsche sichern konnte, und da er, laut Bericht seines Ministers Zerbst an den englischen Kommissär, schon viele durch Desertion verloren hatte, so verschaffte ihm dieser die Erlaubniß vom hannöver'schen General Hardenberg, sie bis zur Einschiffung in dem damals befestigten Hameln unterzubringen, eine Gunst, die, wie Faucitt schreibt, den Fürsten ganz erleichterte und glücklich machte, und jeden Falls zur bessern Ausbildung der Leute viel beitrug.

Der waldecker Lieferant erwarb sich überhaupt durch seinen großen Diensteifer die besondere Gnade des Königs von England und die wohlwollende Gunst Suffolk's. »Die Rekrutirung geht besser als ich mir geschmeichelt hatte -- schreibt er am 7. Dezember 1777 an Faucitt -- ein Transport von 23 gut gewachsenen Leuten, lauter Schwaben, deren keiner älter als dreißig Jahre ist, befindet sich seit zwei Monaten auf dem Wege. Hier in Arolsen haben wir deren 20; wir erwarten auch noch einige aus der Wetterau (Also Dutzendweise wurden die armen Teufel in den verschiedenen deutschen Landschaften zusammen getrieben!) Sie sehen, wir sind nicht müßig; rechnen Sie immer auf mich, wenn es sich um den Dienst des Königs Georg III. und seiner gerechten Sache handelt.

»Ich lese so eben in der Leidener Zeitung, daß unter den Truppen, die General Lord Howe ausgeschickt, um die Rebellen auf der Rechten zu umgehen, sich die Waldecker an's Plündern gegeben und geweigert hätten, einen Schritt vorzurücken, ehe sie mit dem Plündern fertig wären. Um Gotteswillen, ist das wahr? Bei meiner Kenntniß des Charakters des Obristlieutenants von Hanxleden und der Hälfte seiner Offiziere kann ich das kaum glauben. Sie wissen, besser wie ich, daß einsichtige und entschlossene Offiziere es verstehen, eine ungehorsame Truppe zu ihrer Pflicht zurückzuführen. In einem solchen Falle zerschmettert man einem Dutzend der Hauptmeuterer das Gehirn oder sticht sie nieder. Hanxleden ist mir stets als der Mann erschienen, der bei ähnlicher Gelegenheit energisch handeln würde. O, könnten Sie mich doch über die Haltung meines Regiments beruhigen; ich möchte lieber, daß es 300 Mann verlöre, als daß es sich schlecht aufführte!«

Faucitt beruhigte denn auch umgehend den Fürsten, daß die obige Nachricht eine der vielen in Holland fabrizirten Erdichtungen sei. Die Waldecker Truppen hielten sich vielmehr in Amerika zur vollen Zufriedenheit ihrer englischen Vorgesetzten, welche nur das an ihnen auszusetzen fanden, daß sie nicht reinlich genug waren und aus Mangel an Sorgfalt zu viel Kranke hatten. Die Desertion bei ihnen war verhältnißmäßig gering.

»Könnte ich doch bald erfahren -- schrieb der Fürst sofort nach dem Bekanntwerden der Gefangennahme Burgoyne's, an Suffolk -- daß Howe und Clinton das Unglück von Saratoga ausgeglichen haben! Wenn ich nur ein Korps von 6000 Mann zu meiner Verfügung hätte! Ich würde es Ihnen überlassen, ohne einen Heller dafür zu nehmen.« Diese leeren Redensarten gefielen in London gar sehr.

Kaum zwei Jahre nach Absendung deutscher Truppen nach Amerika brach der bayrische Erbfolgekrieg aus, der natürlich eine große Konkurrenz im Markte eröffnete und dem besser zahlenden und listiger oder gewaltsamer auftretenden Werber den Vorsprung ließ. Die kleinen Fürsten wollten zu wenig von ihrem Gewinn abgeben; ihre Werbeoffiziere suchten deshalb durch Rohheit und Gewaltthätigkeit zu ersetzen, was ihnen an Geld fehlte. Die großen deutschen Mächte dagegen, die sich nunmehr gegenübertraten, statteten ihre Werber mit größeren Mitteln aus und zogen deshalb mehr Rekruten an. Zum Glück für die deutschen Truppen-Lieferanten dauerte der bayrische Erbfolgekrieg nicht lange; vom Sommer 1779 an konnten sie das ihnen nur für kurze Zeit erschwerte Geschäft wieder ausschließlich betreiben. Im Mai 1779 wandte sich ein Hauptmann v. Langsdorff, Kommandant des Reichs-Volontär-Korps, das sich aufzulösen im Begriffe stand, von Prag aus an den Minister v. Gemmingen in Anspach. »Es ist nicht schwer, sagte er, einen Theil der Leute, der mir zu folgen gesonnen ist, zu engagiren und nach Anspach zu bringen, ich wünsche zu wissen, wie viel Serenissimus mir vor jeden Mann, den ich nach Anspach schaffen werde, zahlt, damit ich Handgeld und die übrigen Depensen darauf reguliren kann. Die Leute sind meistens jung und schön und vom besten Willen. Wie viel Unteroffiziere könnte ich engagiren, und was wird für sie bezahlt?« Man sieht, der Mann verstand sein Geschäft. Gemmingen meldete dieses Angebot sofort nach London, erhielt aber eine abschlägige Antwort, da es in diesem Jahre (1779) zu spät sei, Truppen nach Amerika zu senden. So zerschlug sich diese Sache. Anspach that nichts mehr darin, da es wegen der nöthigen Rekruten und Jäger nie in Verlegenheit war.

Am schlimmsten dagegen war der Erbprinz von Hessen-Kassel daran, der so ziemlich auf demselben Jagdgrund mit seinem Vater auf Rekruten pirschen mußte. Er war deshalb genöthigt, sich anderwärts, ja im ganzen Reiche nach Werbeplätzen umzuthun. Die hessischen Werber waren aber überall so gefürchtet, verhaßt und verachtet, daß der Erbprinz es sich als einen freundnachbarlichen Gefallen vom Anspacher Markgrafen erbat, daß seine Werber in anspachischen Uniformen ihrem Geschäfte nachgehen durften. »Ihro Durchlaucht der Erbprinz -- schreibt der hanauische Minister v. Gall am 15. Februar 1781 an Gemmingen -- schmeicheln sich von der Hand des durchlauchtigsten Herrn Markgrafen und von der Freundschaft und Gefälligkeit der Herren, welche zu dem guten Erfolg in dieser Werbungssache einen Beitrag leisten können, daß solche, da sie vermuthlich nur einige Wochen dauern kann, auch in dieser kurzen Zeit uns zum Theil aus der Verlegenheit ziehen wird, die die Einrichtung eines solchen Korps natürlich mit sich führt, wenn wenig Zeit und an allen Orten und Enden Holländische Werbung ist, die ihre Dukaten und den Umstand sehr geltend macht, daß die Leute den Rheinstrom nicht verlassen. Vielleicht finden sich unter deren Arrestanten verschiedener Art solche Leute, denen eine Wohlthat und dem Lande ein Vortheil geschähe, wenn sie nach Amerika geschickt würden. Vielleicht sind auch unter deren geworbenen Ausländern einige, die klein und also entbehrlich sind; hoffentlich aber werden es Ew. Exzellenz gefälligst in die Wege leiten, daß, Dero eigene Werbung unbeschadet, die Kommandirten an die unsrigen behülflich und beförderlichst sein dürften. Ew. Exzellenz wollen gefälligst gestatten, daß allen Falls Herr Hauptmann v. Geismar (der hessische Werbeoffizier) seine Rekruten mit dem hochfürstlich Brandenburgischen Transport den Mayn herunter schicken dürffe.«

Der Markgraf kam den Wünschen des Erbprinzen um so lieber nach, als dieser sich ihm bei früheren Gelegenheiten besonders gefällig erwiesen hatte, und verehrte ihm als besonderes pretium affectionis einen wahrscheinlich ebenfalls gestohlenen zwei und zwanzigjährigen, 10½ Zoll großen Rekruten. Serenissimus behielt natürlich den »prächtigen Kerl« für sich und dankte seinem Geschäftsfreunde in den überschwenglichsten Ausdrücken für diesen kostbaren Beweis seiner Zuneigung. Solche Geschenke von Menschenfleisch waren übrigens nichts Seltenes unter den regierenden Herren jener Zeit, ja diese machten sie sogar den im Range unter ihnen Stehenden. Schenkte doch sogar der aufgeklärte Kaiser Joseph II. dem berühmten preußischen Reitergeneral v. Seidlitz, um ihn besonders auszuzeichnen, eine schöne zirkassische Sklavinn, die dem alten Haudegen so sehr gefiel, daß er sich einige Zeit darauf noch eine zweite auf eigene Rechnung nachkommen ließ.

Am Empörendsten von allen deutschen Fürsten handelte übrigens der Herzog von Braunschweig. Dieser Mensch hatte die Stirn, die englische Regierung flehentlich zu bitten, seine in Gefangenschaft gerathenen Truppen, wenn sie überhaupt ausgewechselt werden sollten, ja nicht in die Heimath zurückkehren zu lassen, damit ihm, dem besorgten Landesvater, das Rekrutirungsgeschäft nicht verdorben werde. Es befanden sich bekanntlich etwa 2000 braunschweigische, unter dem braven Riedesel stehende Soldaten bei Burgoyne, als sich dieser leichtfertige und unbedeutende General am 17. Oktober 1777 bei Saratoga dem amerikanischen General Gates ergeben mußte. In dem zwischen diesem und Burgoyne abgeschlossenen Vertrage der Uebergabe war bestimmt worden, daß die Truppen baldmöglichst in Boston nach England eingeschifft oder ausgewechselt werden sollten. Gates' Zusicherung wurde jedoch später vom Kongreß nicht genehmigt. In Folge dessen blieben die deutschen Gefangenen unter unsäglichen Entbehrungen und Kränkungen zuerst im Winter auf dem Winterhill bei Boston und wurden später nach Charlotte in Virginien internirt, aber erst Ende 1782 nach mehr als fünfjähriger Gefangenschaft ausgewechselt.

Man hat vielfach den Grund für diese schlechtere Behandlung der Braunschweiger in der englischen Engherzigkeit und Parteilichkeit gesucht. Man thut aber den Engländern Unrecht, denn der eigene Landesherr war es, welcher seine Unterthanen benachtheiligte. Als das erste Gerücht von der Gefangennahme bei Saratoga und der baldigen Zurückkunft der englischen Truppen, also auch der Braunschweiger nach Deutschland drang, schrieb nämlich der Minister Feronce am 23. Dezember 1777 an Faucitt:

»Wenn man uns hilft, wie man kann und soll, so werden wir unsere Truppen bald wieder auf den erforderlichen Etat bringen. Soll es geschehen, und darin werden Sie, General, mit mir übereinstimmen, so dürfen wir unter keiner Bedingung die armen Teufel von Kapitulanten nach Deutschland zurückkehren lassen. Sie werden natürlich mißvergnügt sein, und ihre Uebertreibungen werden ebenso natürlich von jeder fernern Betheiligung an Ihrem amerikanischen Kriege abschrecken. Sie lassen sie besser, wenn sie denn einmal ausgewechselt werden sollen, nach einer Ihrer amerikanischen Inseln oder selbst z.B. nach der Insel Wight schaffen. Denn dadurch haben Sie weniger Kosten und verlieren weniger Zeit. Ich bitte Sie also, bester General, über das, was ich Ihnen hier sage, nachzudenken und, wenn Sie sich ebenso dafür interessiren, wie wir, meine Ansicht auch Mylord Suffolk zu unterbreiten, der zu viel Einsicht hat, als daß er eine derartige Maßregel in dieser uns ganz gemeinschaftlichen Sache nicht dem Interesse und Dienste des Königs für entsprechend hielte.«

Als wenn aber Faucitt nicht zuverlässig genug gewesen wäre, schrieb Feronce zwei Monate später, am 23. Februar 1778 noch direkt an Suffolk. »Der Herzog -- sagte er in seinem Briefe -- ist zu sehr von dem Wohlwollen des Königs und der Klugheit seines Ministeriums überzeugt, als daß er voraussetzte, daß man je daran denken wird, die deutschen Truppen, die bei Saratoga kapitulirt haben, nach Deutschland zu schicken, denn ihre Rücksendung würde in ihrem gegenwärtigen zerrütteten Zustande die traurigsten Wirkungen hervorrufen und die schmerzlichste Sensation erregen, uns aber verhindern, unsere drei Regimenter in Kanada à 600 Mann zu kompletiren.«