Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Part 15

Chapter 153,443 wordsPublic domain

»Wir marschirten durch Ochsenfurt, welches dem Bischof von Würzburg gehört -- schreibt Johann Conrad Doehla, Soldat im Bayreuthischen Regimente von Voit, in seinem Tagebuche -- und wurden da am Abend des 9. März das erste Mal eingeschifft und hielten da vor Anker über Nacht auf dem Main. Weil wir nun dieses Quartier noch nicht gewohnt waren und sehr wenig Platz war auf den Schiffen, indem wir sehr dichte zusammenlagen und der häufige Schiffsrauch uns sehr beschwerlich war, auch war es ziemlich kalt: Dieses alles gab daher Gelegenheit zum Raisoniren an die Hand und erstunde auch Tags darauf ein ganzer Aufstand und Rebellion nemlich. Zu Früh mit Tagesanbruch machte das Anspacher Regiment den Anfang dazu, indem da ein Schiff von ihnen nahe am Lande vor Anker lag, so legten sie ein lang Brett vom Schiff an's Land hinaus, und gingen alle aus diesem Schiff an's Land heraus, zogen hernach mehr Schiffe zu Lande; auch eines vom Bayreuther Regiment. Unsere Leute stimmten auch diesem Unternehmen bey und brachen mit Gewalt und ohne Erlaubniß der Herrn Offiziere aus den Schiffen; so daß in einer Stunde kein Soldat von den zwei Regimentern mehr in Schiffen anzutreffen war; alles war in der größten Furie aufgebracht. Und obgleich die beiden Herrn Obristen und Commandanten, sammt allen Offizieren, sowohl gute als böse Worte und alle Mittel hervorsuchten, um die Leute wieder zufrieden zu stellen, auch Brod, Fleisch und andere Victualien nebst Holz häufig aus der Stadt herbeischaffen ließen, um damit die Leute kochen sollten, und wann die Leute gegessen und getrunken hätten, wiederum zu Schiffe sich begeben, so half doch dieses alles im Geringsten nichts, sondern der viele Wein, den die Einwohner von Ochsenfurt häufig herbei brachten, machte, daß die Soldaten noch furiöser wurden und auf keinen Offizier nichts mehr gaben, ein Jeder ließ sich verlauten, nicht mehr in's Schiff sich nöthigen zu lassen. Daher gegen Mittag hin die Leute sich stark gegen den überliegenden Bergen zu wanderten und in ihrer Tollheit und Betrunkenheit den Reisaus nahmen. Es wurde daher das Jäger-Corps befehligt, sich gegen die Anhöhen auszupostieren und Schreckschüsse auf die rebellierenden Ausreisser zu thun. Allein unsere Leute gaben auch Feuer auf die Jäger. Es wurden daher einigen Leuten von den unßerigen die Beine blessirt, die Rebellion gab daher Anlaß, daß die Stadt gesperrt wurde und die Zugbrücken aufgezogen wurden, weil sich die Bürger bei dergleichen Aufruhr nichts Guts versahen, es wurde faßt auf zwei Stunden gegen einander gefeuert, und weil endlich die Jäger einige von uns blessirten, so gab es auch Anlaß zu einer großen Antipathie zwischen uns und ihnen, so auch einige Jahre noch in Amerika fort dauerte. Endlich gegen Abend hin, als der Wein den Leuten etwas aus den Köpfen gekommen war, so wurden sie doch wieder etwas zufriedener, es wurde auch von dem Herrn Obrist v. Eyb als Chef vom Anspacher Regiment die Versicherung ertheilt, daß wir wieder Uffenheim gingen; dieses veranlaßte, daß die Regimenter sich wieder in Ordnung stellten, und endlich auf vieles Zureden, von denn Herrn Offizieren in Zufriedenheit und Ruhe gebracht wurden. Es waren bei diesem Aufstande gegen 40 Mann von unsern Bayreuther Regimente echappiret. Daher wurde auch sogleich ein Expresser nach Anspach abgeschickt, um von diesen Vorgegangenen allen Ihro hochfürstlichen Durchlaucht zu rapportiren. Dieser sobald er Nachricht bekam, machte sich sogleich mit einigen Begleitern zu Pferd in der Nacht auf den Weg und kam mit höchster Bestürzung ganz schleunig. In aller Frühe kam der Markgraf bei uns an, unsere zwei Regimenter wurden sogleich aufgestellt, und der Markgraf ging Mann für Mann durch und fragte einen jeden, was seine Einwendungen wären und versprach dabei alle Gnade und Fürstengunst alle denen, die mit nach Amerika in englischen Solde gehen würden, die so aber nicht wollten mit hinein, sollten heraustreten und dagegen aber ihres Vermögens sammt ihren Vaterlande und aller fürstlichen Gnade verlustigt sein. Hierauf sind wir beide Regimenter wieder eingeschiffet.«

Der Markgraf, für den ein so gewinnreiches Geschäft auf dem Spiele stand, stellte sich mit der gespannten Büchse in der Hand und in seine Wildschur gehüllt, selbst auf das Mainschiff, um jeden Erneuerungsversuch der Flucht zu verhindern, was ihm denn mit Hülfe würzburgischer Husaren auch gelang. Ja Serenissimus, bei dessen Erblickung der rechtschaffene Soldat Freudenthränen vergoß und seinen Marsch mit Ruhe antrat (wenn wir anders jenem Berichte des Hamburger Korrespondenten glauben dürfen) beschloß der größern Sicherheit wegen, seine Truppen jetzt nicht mehr außer Augen zu lassen, und sie den Main und Rhein hinunter bis zu ihrer Einschiffung in Holland zu begleiten. So schnell war er von Anspach weggeeilt, daß er seine Uhr auf dem Tische liegen gelassen und nicht einmal Kleider mitgenommen hatte, so daß er sich vom Erbprinzen von Hanau reine Wäsche und Hemden borgen mußte.

Diese Meuterei, so unbedeutend sie an sich auch war, verursachte eine gewaltige Aufregung unter den kleinen deutschen Fürsten und im englischen Ministerium. Beide Theile fürchteten, daß dieser Geist der Unzufriedenheit und offenen Widersetzlichkeit leicht um sich greifen, also zukünftigen Aushebungen hindernd in den Weg treten könne. »Die Revolte der Anspacher -- meldet der englische Gesandte Cressener am 17. März an Suffolk -- konnte nur durch die freundliche Hülfe der Truppen des Fürstbischofs von Würzburg gedämpft werden. Der Markgraf erzählte mir gestern beim Essen, wie sehr er diesem zu Dank verpflichtet sei. Die Anspacher sind lauter schöne Leute; wenn sie nur nicht so abgeneigt wären, nach Amerika zu gehen!« »Bedanken Sie sich im Namen Ihres Hofes beim Fürstbischof von Würzburg für seine uns bei der Niederwerfung des Aufstandes der Anspacher gewährte Unterstützung«, antwortete Suffolk.

»Die Meuterei in Ochsenfurt -- schrieb Graf Wartensleben aus Mainz am 16. März an Cressener -- brach, so viel ich hörte, aus, weil das Regiment Bayreuth sich nicht von den Jägern transportiren lassen wollte, weil die Schiffe zu eng waren und zu stark rauchten. Der Bischof von Würzburg schickte ein Korps Husaren und ein Dragoner-Regiment. Das half.«

Faucitt meldete am 17. April, daß der Aufstand so schlimm nicht gewesen sei. Die Offiziere hätten gleich drein hauen sollen, statt zu viel Nachsicht zu beweisen. Eine gute Disziplin werde die frechen Burschen schon mürbe machen, man solle beide Regimenter in Amerika zu besonders schwerem Dienst verwenden. »Der Markgraf bekannte mir -- fuhr er am 24. April fort -- daß er bei jener Ochsenfurter Meuterei 18 bis 20 Mann durch Desertion verloren habe, eine keineswegs große Zahl, wenn man die hier zu Lande überwiegende Parteilichkeit für die Amerikaner und die Vortheile bedenkt, welche österreichische und andere Werbe-Offiziere aus diesem Stande der öffentlichen Meinung für ihre eigenen Zwecke ziehen. Es ist mir kaum möglich, Ew. Lordschaft einen nur annähernden Begriff von der hierorts herrschenden gehässigen Abneigung gegen England und von den Bemühungen zu geben, welche von übelgesinnten Menschen angewandt werden, um die Soldaten von dem englischen Dienste abzuschrecken. Des Markgrafen kluges und beherztes Handeln und seine Begleitung der Truppen bis zum Hafen vereitelte jedoch die schändlichen Absichten dieser Schurken. Leider werden wir aber aus Franken in diesem Jahre schwerlich neue Truppenlieferungen erhalten, umsoweniger als der Markgraf entschlossen ist, in Zukunft keine Rekruten mehr aus seinem eigenen Lande, sondern nur Fremde anzuwerben.«

Die Anspacher Soldaten fügten sich übrigens fortan der auf's Strengste gegen sie gehandhabten Disziplin und machten weder auf der Reise, noch in Amerika einen weitern Aufstandsversuch, der beste Beweis dafür, daß die Ochsenfurter Meuterei nur das Ergebniß einer augenblicklichen Aufwallung, wenn nicht einer trunkenen Stimmung war. Die Deutschen jener Zeit fühlten eben in ihrer großen Mehrzahl nicht das an ihnen begangene Verbrechen. So ging denn auch dieses Ereigniß ziemlich unbemerkt vorüber. Nur eine einzige Ausnahme findet sich in den Gemmingenschen Manual-Akten. Es ist ein pseudonymer Brief, den ein angeblicher Hans Fürstenfeind an »Ihro Durchlauchten, den Herrn Markgraf zu Brandenburg-Anspach &c. zu Anspach« schrieb. Der Inhalt entsprach nicht der geschäftsüblichen Anrede; er lautet wörtlich:

»Durchlauchtiger Barbar, Gnädiger Menschen Verkäufer!

So wie der Oxsen Treiber sorgsam ist, seine Heerde glücklich und ohne Zufall an den Markt zu bringen, so lassen Ew. Durchlaucht es sich auch angelegen seyn, die an England verkaufften Menschen wolbehalten zu überliefern, um für die Ihnen davor versprochenen Lst. 39,588 in die Wolle zu kommen. Der Zug ist schön. Sie gehen vorauf als Eigener der zu Markte gebrachten Troupes. Hinten an folgen die Jäger wie Hunde. Sobald einer ausweicht, bellen und beißen sie und geben Feuer.

Die nun mit Wiederwillen und ohne Gewehr hingeführten Menschen warten, bis ihnen die Gelegenheit wieder die Waffen in Händen spielen, um sich an den Jägern zu rächen. Anstatt gegen die Amerikaner zu fechten, werden sie sich unter sich selbst aufräuben und den Engländern mehr schädlich wie nützlich sein.

Gantz Europa siehet dieses als eine natürliche Folge ein. Nur Ew. Duchlauchten sind zu kurzsichtig. England wird Ihnen aber das Rätzel erklären, Ihnen und Ihren Truppen zurückschicken und anstatt 39,000 Lst. zu geben, vor der gantzen Welt lächerlich machen.

Der Vorfall zu Oxsenfurth freuet der ganzen Welt, besonders macht man den vier verabschiedeten Soldaten die grösseste Eloge. Man sagt, daß man diese zu Ew. Durchlaucht Schande ein ewiges Ehrendenkmahl aufrichten und Ihnen darinnen als Menschen Verkäuffer unter den Elendesten der Verbrecher setzen wird.

So wie man bereits in England und Frankreich von den Menschen Handel der Teutschen Fürsten Comoedien schreibt, so wird man auch bald davon Tragödie aufführen. Es wird nicht lange nicht an Stoff dazu fehlen. Die Unterthanen werden zu klug, als nicht solche Tyrannen, die ihnen wie das Vieh verkauffen, abzusetzen und fortzujagen.

Ich habe übrigens die Ehre zu seyn Ew. Durchlaucht Barbaresk ergebenster Diener Hans Fürstenfeind.«

Dieser Brief, in schöner Frakturschrift geschrieben, traf am 20. April 1777 in Anspach ein. Gemmingen war außer sich vor Aerger und Schrecken: Es lag ihm Alles an der Ermittelung des »frechen Pasquillanten«; er wollte an ihm womöglich ein abschreckendes Exempel statuiren. Der Minister schickte also sofort das Kouvert an den kaiserlichen Postmeister Welz in Nürnberg, um zunächst den Absendungsort zu ermitteln. Die Antwort dieses Beamten vom 29. April lautete dahin, daß der Brief von Straßburg gekommen sei. Eine dahin gesandte Anfrage ergab kein weiteres Resultat, als daß nach der Ansicht des dortigen Postmeisters Mouilleraux der Brief seinem Stempel nach in Bordeaux aufgegeben sein müsse. Die Schrift ist allerdings entschieden kaufmännisch; auch auf dem Pettschaft sieht man den geflügelten Stab des Merkur. Wahrscheinlich also hat ein deutscher Kaufmann in oder bei Bordeaux in obiger Weise seinem Patriotismus Luft gemacht. Gemmingen hielt es, nachdem er diese Auskunft empfangen, für besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen, konnte er doch bei der den Amerikanern günstigen Stimmung Frankreichs von dessen Regierung keine Unterstützung seiner Rachepläne gegen »den frechen Pasquillanten erwarten!«

Achtes Kapitel.

Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Vertrages mit Anspach war Faucitt nach Hanau geeilt, um mit dem Erbprinzen von Kassel und Grafen von Hanau wegen der ihm von diesem angebotenen Jäger abzuschließen. Seit die englischen Generale ihre unbedingte Vermehrung anempfohlen hatten, wurden auf einmal, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen, die deutschen Förster und Jagdgehülfen ein äußerst gesuchter Artikel. Der Erbprinz Wilhelm, obgleich er deren nur wenig an der Hand hatte und deswegen Anfangs nur 160 anbot, machte sich, um aus den günstigen Konjunkturen des Marktes Vortheil zu ziehen, doch anheischig, ihrer so viel als Suffolk verlangte zu liefern, zumal sein Vater, der Landgraf von Hessen-Kassel, schon im Vorsprung war.

»Wir hatten -- schrieb Malsburg am 17. Januar 1777 an Faucitt -- auf Ihren ablehnenden Brief hin den Plan, Ihnen für das Frühjahr Jäger zu liefern, schon ganz fallen lassen. Seine Ausführung ist jetzt auch schwieriger als damals, wenn nicht ganz unmöglich, nicht allein durch den Zeitverlust, sondern auch durch Rekrutirungen, die der Landgraf seitdem in unsrer ganzen Nachbarschaft vorgenommen hat und auf welche wir ganz besonders gerechnet hatten. Nur der Eifer meines Herrn für die gute Sache und seine unwandelbare ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit an den König ist im Stande, diese unvorhergesehene Schwierigkeit zu heben. Der Prinz wird jeden Nerv anstrengen, um das Jägerkorps möglichst bald zusammen zu bringen. Voraussichtlich können wir aber vor Mai Niemanden liefern.« -- »Es ist eine Abgeschmacktheit, zu erwarten -- antwortet Suffolk am 4. Februar 1777 -- daß man die Jäger noch im Mai nimmt. Der König will deshalb nur soviel als bis zur Einschiffung der Anspacher fertig sein können.«

Der hanauische Minister Malsburg that nach dem Zeugnisse Faucitt's nur so ängstlich, um sich aus der Erfüllung des Vertrages in verhältnißmäßig kürzerer Zeit ein besonderes Verdienst zu machen. Faucitt rieth, dem geldbedürftigen Prinzen 2000 Pfd. auf Abschlag zu schicken, das werde helfen. Natürlich half es. Der Vertrag, durch welchen zugleich die Subsidie im Verhältniß zur Zahl der gelieferten Jäger vermehrt wurde, kam am 10. Februar 1777 für 412 Mann zu Stande. Seine Einleitung lautet: »Nachdem der König von England seine Zustimmung dazu gegeben hat, daß die in seinem Dienste befindlichen Truppen des Erbprinzen um ein Korps Jäger vermehrt werden sollen, und nachdem der Erbprinz im Einklang mit der tiefsten Dankbarkeit, der ehrfurchtsvollsten Ergebenheit an Seine Majestät und dem unbegrenztesten Eifer für die Interessen und den Dienst des Königs mit der größten Freudigkeit die Aushebung und Ausrüstung eines solchen Korps übernommen hat, so sind die beiderseitigen Minister übereingekommen &c.«

Es werden sodann in acht Paragraphen die Bedingungen festgestellt, unter welchen dieses Korps in den englischen Dienst tritt. Es darf mehr, aber nicht weniger als vier Kompagnien, jede zu 100 Mann, zählen. Die erste Kompagnie muß zu Anfang März marschfertig sein. Die Löhnung erfolgt mit dem Augenblick der Anwerbung jedes einzelnen Mannes, der ein gelernter Jäger sein muß. Das Werbegeld beläuft sich auf dreißig Kronen pro Mann, das in zwei gleichen Zahlungen, je einen und je zwei Monate nach Unterzeichnung des vorliegenden Vertrages, zu berichtigen ist, und wird auch die an den Erbprinzen zu zahlende Subsidie im Verhältniß zur Zahl der neu angeworbenen, resp. von England angenommenen Jäger erhöht. Schließlich werden die hanauer Jäger mit den kasselschen auf ganz gleichen Fuß gestellt, und ist ihre Löhnung höher als die der Infanterie.

Der erste Transport (117) Jäger und 100 Rekruten verließen Hanau am 7. März; der aus drei Kompagnieen bestehende Rest wurde zu Anfang April auf dem Main und Rhein eingeschifft.

Faucitt und der Prinz von Hanau hatten diesmal versäumt, sich zur rechten Zeit die Erlaubniß zur Durchreise der Truppen durch die Gebiete der rheinischen Fürsten zu erbitten. Diese Vernachlässigung sollte sich aber jetzt bitter rächen. Der Mainzer und Trierer Kurfürst beschlossen nämlich auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten Grafen Metternich (Vater des spätern Fürsten), die vorbei passirenden Kontingente anzuhalten und jedes mit Truppen gefüllte Fahrzeug nach ihren Unterthanen zu durchsuchen. Am 8. März also ließ der Kurfürst von Mainz, ohne den Einspruch des hanauischen Offiziers zu beachten, aus dessen Booten acht Jäger nehmen, die er als seine Unterthanen reklamirte. Einige, hieß es, seien Deserteure aus seinem Dienste und namentlich befinde sich Einer darunter, den er vergebens von Hanau reklamirt habe; dann aber seien auch einige Leibeigene dabei gewesen, an deren Körpern ihm das Eigenthumsrecht zustehe; diesen Eingriff in Privatrechte habe man sich unter keinen Umständen gefallen lassen können, wenn man selbst wegen der Deserteure ein Auge habe zudrücken wollen. Der Prinz von Hanau habe wissen müssen, daß diese Eigenthumstitel wieder aufgelebt seien, sobald einer von diesen Leuten das mainzische Gebiet betreten habe.

Selbstredend verfehlte Malsburg nicht, Suffolk die gefährlichen Folgen dieses Verfahrens in den stärksten Farben zu malen. »Der Akt ist gegen England gerichtet -- schrieb er diesem am 9. März. -- Wenn Sie ihn dulden, so können die mit Soldatenlieferungen betrauten Fürsten auf die Dauer ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Man muß, um die Nachahmung des gegebenen Beispiels zu verhindern, ähnliche Eingriffe gleich von vornherein durch lebhafte Vorstellungen unterdrücken. Mein Herr, der kein Kartell mit Mainz hat, also jeden Mainzer anwerben kann, hat sie gemacht und Genugthuung für die begangene Gewaltthat verlangt. Thun Sie jetzt auch das Ihrige.«

Da sich herausstellte, daß die acht Mainzer wirklich Deserteure aus der Festung und da sie noch von keinem englischen Kommissär in den Dienst des Königs eingemustert waren, so verweigerte Suffolk mit Recht jede Einmischung in die Sache und empfahl dem Erbprinzen, die von Mainz gestohlenen Rekruten in Zukunft nicht mehr der Gewalt des Kurfürsten preiszugeben.

Dieser hatte auch den einige Tage später eintreffenden anspacher Schiffen einen Besuch zugedacht, welche am 13. März in Hanau und zwei Tage darauf vor Mainz eingetroffen waren. Als er aber hörte, daß der Markgraf selbst sich in Begleitung der Erbprinzen von Hanau und Darmstadt an Bord befand, zog er, aus Furcht vor ihnen, die zur Durchsuchung der Boote bestimmte Abtheilung von einigen Offizieren und dreißig Unteroffizieren zurück. Dagegen wurde die Schiffbrücke anfangs nicht geöffnet. Der Kurfürst hatte ein großes Essen anrichten lassen, weil er den Markgrafen mit den beiden Erbprinzen als Gäste erwartete. Ob sie sich nun nicht an's Land wagten, weil sie, wie Oberst Rainsford berichtet, von den Mainzern arg verhöhnt und beschimpft wurden, oder ob sie dem Kurfürsten ihren Unwillen ob seiner wenig brüderlichen Handlungsweise zu erkennen geben wollten --, es kam Niemand als ein anspacher Offizier, der kurz die Frage stellte, ob man die Brücke öffnen wolle oder nicht? Als man mit dem Bescheid zögerte, erklärte er, die Brücke im Weigerungsfalle sprengen zu lassen. Lächerlicher Weise antwortete man ihm darauf, daß man sie auf eigene Gefahr öffnen wolle, daß es der Kurfürst aber nicht erfahren dürfe, da er Befehl gegeben habe, die Brücke unter keiner Bedingung zu öffnen. So fuhr denn Abends in der Dunkelheit die anspacher Flotille durch.

Auch bei Koblenz zog der Markgraf ungehindert vorbei, indem man ihn zu stark fand, als daß man ihn anzuhalten gewagt hätte. Die dortige Regentschaft verlangte nur, er solle den Hessen nicht helfen, was er natürlich seinem Konkurrenten gegenüber gern versprach. Darauf begrüßte man ihn in aller Freundschaft von Ehrenbreitstein aus mit vierundzwanzig Kanonenschüssen. Als der Markgraf Koblenz passirte, war dort nämlich gerade der hessen-kasselsche Oberst Benning mit einem von Rheinfels kommenden Rekruten-Transport angehalten, damit er auf Befehl der Regentschaft dem kaiserlichen Gesandten, Grafen Metternich, die unter seinen Leuten befindlichen kaiserlichen Unterthanen herausgebe. Am Rhein waren die Posten verdoppelt und die Kanonen auf die hessischen Boote gerichtet, den Fluß entlang aber Feuer angesteckt, um sie an der Abfahrt zu verhindern. Kurz die Sache sah ganz ernst aus. Indessen wären Hessen und Anspacher stark genug gewesen, dem Ansinnen erfolgreichen Widerstand zu leisten. Da aber der Markgraf den Obersten im Stich ließ, so wurden ohne Weiteres siebenzehn Soldaten aus den Schiffen genommen, die dem Kaiser gehören sollten. Diese Maßregel verursachte einen Aufenthalt von mehreren Tagen. Der Verzug war um so gefährlicher, als es gerade damals sehr stark fror, die Boote aber zum Theil offen waren und weder hinreichendes Stroh noch Oefen hatten, so daß die Rekruten massenhaft krank und die Gesunden stündlich unzufriedener wurden. Faucitt und Cressener befürchteten deshalb jeden Augenblick eine Meuterei. Indessen kamen die Hessen dies Mal noch ohne weitern Verlust als die obigen siebenzehn Mann davon.

Cressener schrieb einen entrüsteten Brief an den Kommandanten von Koblenz und die Regentschaft. Er fragt darin verwundert, wie der kaiserliche Gesandte es wagen dürfe, derartig den Kurfürsten von Trier zu beleidigen, der doch Herr in seinem eigenen Lande sei. Uebrigens hoffe er, dem Kommandanten liege die Ehre seines Fürsten zu nahe, als daß er die Hand zu einer solchen Gewaltthat bieten werde, die ganz gegen das Völkerrecht verstoße, und weist schließlich die Regentschaft auf die angebliche Rettung Deutschlands durch den Herzog von Marlborough und die Schlacht von Dettingen (!!) hin. Selbst Suffolk scheint diese Art englischen Geschichtsunterrichtes doch etwas zu kühn gefunden zu haben, denn er meint in einem Briefe an Cressener, dieser hätte lieber von den Marlborough'schen Feldzügen und der Dettinger Schlacht, als im Interesse des Reiches unternommen, nicht sprechen sollen; zur Sache selbst aber hoffe er, der Kurfürst werde seine eigene Würde zu sehr fühlen, als daß er Metternich gestattete, seine Rechte so schmählich zu verletzen.

Uebrigens behielt es bei den Beschwerden sein Bewenden. Es wird in unsern Quellen auch nicht berichtet, ob die Rachedrohungen des kasseler Vaters und des hanauer Sohnes wegen Beschimpfung ihrer »Flagge« (!!) wirklich ausgeführt wurden. Es scheint vielmehr, daß sich ihr Zorn allmälich abgekühlt und ganz verlaufen hat.

Die Fahrt der Hessen und Anspacher verlief bei der freundlichen Gesinnung des Kurfürsten von Köln gegen England und in Ermangelung jeder Chikane seitens der preußischen Behörden ohne jede äußere Störung. Dagegen war die Stimmung der Truppen selbst desto erbitterter. Der Markgraf gab den Seinigen, um ihnen jede Ursache zur Klage zu nehmen, auf der ganzen Reise eine Extra-Ration von einem Pfund Brod und einem Pfund Fleisch per Tag auf den Mann und theilte, als bis Nimwegen Alles gut gegangen war, unter jedes Regiment hundert Dukaten als Geschenk aus. Unter den Soldaten der hanauischen Kompagnie Kornrumpf entstand dagegen am 25. März auf dem Rhein bei S'Gravendael in Holland eine Meuterei. Sieben Mann sprangen über Bord. Vier von ihnen wurden von ihren Verfolgern wieder eingefangen, die drei übrigen retteten sich in ein Haus. Die Bauern der Ortschaft nahmen ihre Partei und vertheidigten sie gegen die ihnen nachsetzenden Offiziere und Soldaten, so daß diese sich, um nicht todtgeschlagen zu werden, unverrichteter Sache zurückziehen mußten.