Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Part 13

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Gemmingen, der sich bei diesen Verhandlungen als ein billig denkender und verständiger Herr, sowie als erfahrener und tüchtiger Geschäftsmann zeigt, dringt in jedem Briefe auf Beschleunigung des Geschäfts. Er muß Alles selbst schreiben, da er sich vor einem Vertrauensbruch seiner Untergebenen und dem unzeitigen Bekanntwerden der sehr leicht noch fehl schlagenden Unterhandlung fürchtet. »Es erscheint mir immerhin sehr hart -- sagte er u.A. -- mit Truppen Handel zu treiben; allein der Markgraf ist um jeden Preis entschlossen, seine Angelegenheiten zu ordnen und alle seine, sowie seiner Vorgänger Schulden zu zahlen. Das Gute, welches aus einem solchen Subsidienvertrage hervorgehen kann, würde also die Gehässigkeit dieses Geschäftes bedeutend überwiegen. Wir können, wenn es verlangt werden sollte, außer der Infanterie noch ein Korps ausgezeichneter Jäger stellen, welches jetzt schon aus 200 Mann, lauter gelernten Leuten, besteht. Der Markgraf hat sich an die verwittwete Herzoginn von Sachsen-Hildburghausen, Tante der Königinn von England, gewandt, damit diese sein Anliegen beim König bevorworte. Er hofft viel von dieser Vermittlung, mir scheint jedoch der Erfolg sehr fraglich. Erkundigen Sie sich unter der Hand nach den, Hessen bewilligten Bedingungen und übermitteln Sie die eventuellen Vorschläge ad referendum.«

Der Markgraf schickte am 5. Dezember 1776 seine Instruktionen nebst Vollmacht an Seckendorff und beauftragte diesen, die beiden Anspacher Bataillone und ein Jägerkorps der englischen Regierung formell anzubieten. »Wenn es verlangt wird, sagte er am Schluß seines Briefes, so können Sie hinzufügen, daß ich für die Tüchtigkeit und Tapferkeit meiner Soldaten einstehe. Im Uebrigen versichern Sie den Minister oder denjenigen, welchen man mit der Verhandlung mit Ihnen beauftragen wird, daß ich mich sehr geschmeichelt fühlen werde, wenn ich dem König von einigem Nutzen sein und durch meinen Eifer in der Erfüllung der von mir einzugehenden Verbindlichkeiten das Unrecht wieder gut machen kann, welches der Minister meines verstorbenen Vaters in einem früher abgeschlossenen Subsidienvertrage begangen hat.« (Bezieht sich offenbar auf die Subsidienverträge im österreichischen Erbfolgekriege.) An Suffolk selbst schrieb der Markgraf am 13. Dezember 1776: »Nichts in der Welt kommt dem Eifer gleich, mit welchem ich Sr. Majestät nützlich zu sein wünsche, und nichts wird meiner Dankbarkeit gleich kommen, wenn Ew. Exzellenz dazu beitragen, mich in den Stand zu setzen, daß ich den Beweis für diesen meinen Eifer liefere.«

Im Besitz seiner Vollmachten giebt sich Seckendorff heute den übertriebensten Erwartungen hin und glaubt, den sofortigen befriedigenden Abschluß des ihm aufgetragenen Geschäfts in sichere Aussicht stellen zu können, morgen wieder verliert er, von den englischen Ministern schnöde behandelt, das gestrige Vertrauen und läßt jede Hoffnung fahren. Ob aber hoffend oder verzagt, er hat die übertriebenste Ansicht von seiner Bedeutung und Stellung in der diplomatischen Welt, er hält sich von allen Seiten für beobachtet und bemerkt. Als ein junger, wegen leichtsinniger Streiche aus Anspach durchgegangener Offizier, ein der Aristokratie des Ländchens angehöriger Lieutenant v. Forstner eines Tages Seckendorff in London besucht und ihm mittheilt, daß er in amerikanische Dienste zu treten im Begriff stehe, fällt der neue Diplomat vor Schrecken fast in Ohnmacht. »Denken Sie sich mein Erstaunen -- schreibt Seckendorff am 31. Dezember 1776 an Gemmingen -- als der alten Frau v. Forstner Sohn plötzlich bei mir eintritt und mir erklärt, bei den Rebellen Dienste nehmen zu wollen. Ich habe ihm das auszureden gesucht und statt dessen Empfehlungsbriefe nach Bengalen angeboten, allein er sagt, dafür habe er kein Geld. Er will nach Paris zu Franklin, von welchem er Alles erwartet. Da hier die eifrigsten Amerikaner taub für seine Bitten sind, soll ich ihm helfen. Der Mensch bereitet mir die entsetzlichsten Verlegenheiten. Während ich in unserer Sache negoziiren soll, will er die Royalisten in Amerika bekämpfen, für welche ich werbe. Ich zittere vor der Entdeckung!« Forstner muß seinen Mann gut gekannt haben, denn er beutete dessen Furcht, im Verkehr mit einem, den Republikanern geneigten unbekannten deutschen Offizier entdeckt zu werden, gehörig zu seinem Vortheil aus und machte verschiedene Zwangsanleihen bei ihm. Seckendorff, um ihn los zu werden und wieder zu seinem Gelde zu kommen, vermittelte dann in der Folge auch Forstners Eintritt in eins der nach Amerika bestimmten Anspacher Bataillone, in dessen Reihen er in der Schlacht am Brandywine tapfer kämpfend fiel.

Seckendorff's Berichte bis Mitte Januar 1777 sind in der wechselndsten Stimmung geschrieben. Seinen unbedingten Erfolg voraussehend, brütet er die abenteuerlichsten Pläne aus, zu denen sich nicht einmal die in derartigen Dingen fruchtbare Phantasie des Landgrafen von Hessen verstiegen hatte. Da der Krieg möglicher Weise mit dem ersten Feldzuge beendigt sein werde, so solle man durch den abzuschließenden Vertrag der Gefahr vorbeugen, daß die anspachischen Truppen, nachdem sie kaum engagirt worden, auch schon wieder verabschiedet würden. »_Vielleicht wäre es auch gut, jeden Soldaten, der sich in Amerika niederläßt und dadurch seinen Souverain eines Unterthans beraubt, vorher schriftlich sich verpflichten zu lassen, daß er zu Gunsten des Fiskus auf einen Theil seines Vermögens verzichtet und auch den König von England zu bestimmen, daß er einen Theil des Verlustes trägt._« (!!)

Mittler Weile hatte auch die verwittwete Herzoginn Louise von Sachsen-Hildburghausen von Heilbronn aus, wo sie wohnte, dem Wunsche des Markgrafen entsprechend, ihre Fürsprache bei der Königinn von England eingelegt, indessen die Erfolglosigkeit ihrer Schritte gemeldet, da der König alle ihm nöthigen Truppen in Amerika habe, diese also nicht zu vermehren gedenke.[4]

Zudem lauteten die Nachrichten für die markgräflichen Pläne, wie Seckendorff, von der größten Hoffnungsfreudigkeit wieder in die äußerste Verzagtheit fallend, schreibt, täglich trauriger, wenn auch gut für den König und die Menschlichkeit, und zuletzt fürchtete er bei den ewigen Siegen der englischen Waffen doch, daß man die Zahl der Truppen in Amerika nicht weiter vermehren würde. Endlich aber wurde er am 7. Januar 1777 zu einer neuen Audienz bei Suffolk zugelassen. Dieser versprach jetzt, dem König über die Sache zu berichten, da man inzwischen im englischen Kabinet zu dem Entschluß gekommen sei, die amerikanischen Streitkräfte zu ergänzen. Am 11. Januar also nahm Suffolk Seckendorff's Anerbieten an, nachdem dieser ihm erklärt hatte, daß die Anspacher marschfertig seien, und beauftragte den bereits in Kassel weilenden Faucitt mit dem sofortigen Abschluß eines Vertrages.

»Da der Markgraf von Brandenburg-Anspach -- so lautet seine vom 14. Januar 1777 datirte Instruktion -- durch einen an mich gerichteten Brief dem König ein kleines Korps für Amerika angeboten hat, das sofort marschbereit gemacht werden kann, so erhalten Sie Vollmacht, den betreffenden Vertrag mit ihm abzuschließen. Reisen Sie also unverzüglich nach Anspach und erledigen Sie dieses Geschäft so schnell als möglich. Ich kann Ihnen, dem jetzt bereits eine Erfahrung von sechs Verträgen zur Seite steht, überlassen, eine solche Konvention abzuschließen, wie sie der König billigen wird. Suchen Sie also die möglichst besten Bedingungen zu erlangen und gestatten Sie keine neuen. Als Sie 1775 die ersten Verträge abschlossen, war eine Expedition nach Amerika den Deutschen noch ganz neu und galt, abgesehen von den Schrecken der Seereise, noch für schlimmer als sie in der That ist. Jetzt aber versteht man diesen Dienst besser. Wir brauchen uns also nicht länger übervortheilen zu lassen; suchen Sie namentlich Geld zu ersparen. Möglichen Falls thut die Anspacher Verstärkung bei der gegenwärtigen Lage der Dinge (die Niederlagen bei Trenton und Princeton waren in England noch nicht bekannt geworden) gar keine Dienste mehr. Dies muß Ihr Hauptgesichtspunkt bei der Bestimmung der Subsidien sein. Diese dürfen nur vom Tage der Genehmigung des Vertrages an und während der aktiven Verwendung der Truppen, nicht aber auf eine Reihe von Jahren gewährt werden und höchstens noch sechs Monate nach dem Kriege fortdauern. Die Löhnung muß mit dem Monate aufhören, in welchem die Truppen zurückkehren. Das Korps selbst muß am 10. März zur Einschiffung bereit sein. Diese Winke mögen Ihnen als Richtschnur dienen.«

Faucitt kam am 28. Januar 1777 in Anspach an. Der regierende Markgraf Karl Alexander, geboren 1737, hatte 1757 die Regierung von Anspach angetreten, 1769 Bayreuth geerbt und herrschte zu jener Zeit über ein Land von etwa 140 Quadratmeilen und etwa 400,000 Einwohnern. Im Jahre 1791 trat er Anspach-Bayreuth an die ältere Linie der Hohenzollern, die Könige von Preußen, ab und starb 1806 im Ausland. Die fränkische Linie, welcher der Markgraf angehörte, hatte keinen einzigen der Vorzüge der in Preußen regierenden Vettern, dagegen desto mehr Fehler und Laster, vor Allem aber eine maßlose Heftigkeit und den alten Hohenzollernschen Jähzorn. Die Regenten von Anspach und Bayreuth sind vom Scheitel bis zur Sohle die schlechtesten Exemplare der Landesväter des achtzehnten Jahrhunderts. Land und Volk sind nur zu ihrer Ausbeutung, zu ihrem Vergnügen vorhanden; für sie giebt es kein Gesetz, keine Schranke, ihre ruchlose Willkür steigert sich zum Mord und Todtschlag. Rohe Gewaltthat und despotische Laune vererben sich vom Vater auf den Sohn; der Sultanismus ist der ihnen Allen gemeinschaftliche Charakterzug. Man geräth fast in Verlegenheit zu entscheiden, wer von ihnen der schlechteste und nichtswürdigste ist. Während Friedrich Wilhelm I. und sein großer Sohn durch unermüdliche Arbeit im Dienste des Staates und treue Pflichterfüllung Preußen zu einer der leitenden europäischen Mächte erheben, ruiniren Friedrich Alexander und Friedrich Christian von Bayreuth, Karl Friedrich Wilhelm und Karl Alexander von Anspach ihre von der Natur so sehr gesegneten Ländchen durch den sinnlosesten Luxus und eine fast wahnsinnige Verschwendung. Darin thaten es ihnen andere Zeitgenossen, die sächsischen und würtembergischen, die pfälzischen und bayrischen Fürsten ganz gleich, wenn auch nicht zuvor; bezeichnender aber ist für die Bayreuther und Anspacher Markgrafen der Werth und der Preis, welchen ein Menschenleben in ihren Augen hat. Der vorletzte Markgraf von Anspach, Karl Friedrich Wilhelm (1723-1757) schoß sich, seiner Maitresse zum Spaß, einen Schornsteinfeger vom Dach des Bruckberger Schlosses. Sie hatte den Wunsch geäußert, den Menschen herunterpurzeln zu sehen. Der seine Gnade anflehenden Wittwe des frevelhaft Ermordeten gab der biedere Fürst _fünf Gulden_. Wenn man die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Anspach herrschenden Zustände türkische nennen wollte, so wäre das eine durchaus ungerechtfertigte Beleidigung der Muselmänner; sie nähern sich vielmehr der durch das Negerkönigreich Dahomey repräsentirten Kulturstufe: Serenissimus ist echt patriarchalisch Ankläger, Richter und Henker in _einer Person_!

Die weiteren Beweise dafür finden sich in Hülle und Fülle in einer interessanten Schrift des bekannten Ritters K.H. von Lang über den vorletzten Markgrafen von Brandenburg-Anspach. »Ein Jude, Namens Isaak Nathan -- heißt es dort u.A. -- war 1740 von Weißenborn in Franken nach Anspach gezogen und hatte sich hier durch Fleiß und Gewandtheit ein bedeutendes Vermögen erworben, man sagte an 200,000 fl. Er erhielt u.A. Darlehne aus der Anspachischen Landschaftskasse, wofür er Juwelen verpfändete, die aber im Grunde nicht ihm selber, sondern einem jüdischen Hause Ischerlein in Amsterdam gehörten, dem sie ein Fürther Jude Gumbert in Versatz gegeben. Der Markgraf verlieh ihm den Titel eines Residenten, der Reichthum und Einfluß dieses Juden erregte aber mancherlei Mißgunst und verdächtigende Angaben. Noch stand aber der Resident damals so fest in der Gnade, daß der Fürst den Landschreiber Wolf, welcher ihn denuncirt hatte, als Verläumder in Ketten und Banden legen, und am Ende als einen unruhigen Kopf des Landes verweisen ließ; und als bald darauf der Resident seinen Sohn verheirathete, mußte die jüdische Trauung im Schloßhof selbst, unter den Glückwünschen der Markgräfin, des ganzen umgebenden Hofstaates, und den stattlichsten Beschenkungen gefeiert werden; und doch, etliche Monate später, erfolgte der fürchterlichste Sturz. Ein Jahr vorher, 1739, hatte der Resident seine der Landschaftskasse versetzten Juwelen zurückgenommen; zu gleicher Zeit erhielt aber der jetzt nach Gunzenhausen gezogene Jude Ischerlein vom Markgrafen den Auftrag, den für den König von England bestimmten rothen Adlerorden mit Brillanten besetzen zu lassen, was er mit denen vom Residenten Isaak Nathan zurückgenommenen Juwelen alsbald bewerkstelligte und dafür 40,000 fl. berechnete und empfing. Der Markgraf empfindlich darüber, daß er für solch ein kostbares Geschenk auch nicht einmal ein Wort des Dankes aus London zurück empfing, erfuhr endlich aus den Nachfragen seines Beauftragten daselbst, daß die angeblichen Brillanten lauter böhmische Steine gewesen, und daß der König, wenn auch den Markgrafen über ein solches Geschenk nicht beschämen, ihm doch auch dafür nicht habe danken wollen. Es läßt sich denken, mit welcher Zorneswuth der Markgraf den in das tiefste Versteck sich geflüchteten Rab Ischerlein hervorziehen ließ. Er wurde alsbald nach Wülzburg geschleppt, und nach kurzen Verhören und Umständen in einen großen Saal gebracht und dem Scharfrichter übergeben, der ihn auf den nächsten besten Stuhl festband und dann eben das Schwert über ihn schwingen wollte, als der Gefangene mit sammt dem angebundenen Stuhle sich aufraffte, und, um eine lange Tafel laufend, und um Gotteswillen nur um eine Minute Gehör beim Markgrafen hülfeschreiend, dem Todesstreich entrinnen wollte, der ihm aber doch vom Scharfrichter über die Tafel hinüber beigebracht wurde. -- Die vielfachen Verwickelungen des Residenten Isaak Nathan mit diesem Ischerlein, das Spiel mit den Juwelen, die bald in des Einen, bald in des Andern Hände gegangen, andere Anklagen, die jetzt lauter und günstiger angehört wurden, konnten jedoch nicht verfehlen, auch über ihn die Wolken des schwersten Verdachts zu sammeln. Er wurde aus seinem Haus in die Frohnfeste geschleppt, und über denselben Schloßhof, worin man frohlockend die Hochzeit seines Sohnes gefeiert, brachte man nun alle vorgefundenen Schätze und Kostbarkeiten in die Säle des Schlosses zurück. Man beschuldigte ihn außerdem, 25,000 fl. Chatullgelder, in den an den Markgrafen über seine besonderen Aufträge gestellten geheimen Rechnungen, unterschlagen und in seinem Nutzen verwendet zu haben. Vom weitern Schicksal desselben besagen unsere Nachrichten nichts. Auch sein Haus und Grundbesitz wurde eingezogen. -- Vermuthlich haben sich seine Angehörigen von hier entfernt, und er selbst ist entweder im Gefängniß verkommen oder ebenfalls im Stillen des Landes verwiesen worden.

Allein nicht blos jüdische Opfer fielen zur selben Zeit, sondern sogar Große des Hofes. Nicht nur ein Oberst Enzel zu Wülzburg wurde daselbst 1740 wegen gewisser Staatsverbrechen, sie sind nicht genannt, durch das Schwert hingerichtet, sondern auch kurz darauf ein Graf von Schaumburg. Es scheint, daß sich dieses auf unerlaubte Kommunikationen und Einverständnisse in den damaligen österreichisch-preußischen Verhältnissen bezogen. Christoph Wilhelm von Rauber wurde beschuldigt, famose Gemälde und Pasquille wider die landesfürstliche Regierung und die Rathskollegien angeschlagen zu haben. Durch den Inquisitionsrath Joh. Chr. Schnitzlein wurde ihm auf der Feste Wülzburg, wo er verhaftet lag, in Gegenwart mehrerer Ober- und Unteroffiziere und Konstabler das Urtheil vom 30. Mai 1740 dahin verkündet: daß er sich selbst freiwillig (was außerdem durch den Scharfrichter vollzogen werden soll) auf das Maul zu schlagen habe, seine Pasquille unter seinen Augen vom Scharfrichter zu verbrennen seien, er selbst aber hierauf mit dem Schwert hingerichtet werden solle; welches letztere jedoch der Markgraf aus Gnaden in eine ewige Gefangenschaft zu Wülzburg verwandelte. Sein schon 1722 unter Vorbehalt des lebenslänglichen Nießbrauches der fürstlichen Kammer verkauftes Rittergut Steinhart (bei Oettingen) wurde eingezogen, 1768 aber dem von Krailsheimischen Fideikommiß um 78,500 fl. wieder verkauft. Die Gattin des Unglücklichen, Friederika Helena, war selbst eine geborene von Krailsheim. Die Ordres zu all diesen blutigen Exekutionen ergingen immer an den geheimen Rath, Generalmajor und Festungs-Kommandanten August Friedrich von Pöllnitz.

Der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein -- fährt unser Gewährsmann S.90 fort -- stand bei allem dem, und wo man ihn auch noch eines schmählichen Geizes und der Bestechlichkeit bezüchtigte, unter dem sichern Geleit der Volksgunst, darum, weil er überall doch eine gewisse Achtung für das Menschenleben bezeugte, und da, wo der Markgraf in seiner Wuth auf einen Dritten losstürmen wollte, ihn mit seiner eigenen Gefahr und gewaltsam zurückhielt. So, als ihm der Markgraf einmal in solcher Zornwuth die Pistolen abgefordert, um einen Schäfer niederzuschießen, der ihm und seinem scheuenden Pferde durch seine Heerde nicht schnell genug den Weg offen gelassen, verweigerte der Oberstallmeister kalt das abverlangte Gewehr mit dem kurzen Bescheid: »Es ist nicht geladen«. Als sie aber im Nachhauseritt unfern der Schloßthore waren, ließ der Reise-Oberstallmeister rechts und links seine beiden Pistolen krachend los, daß der überraschte und erschrockene Fürst kaum zu fragen vermochte: »Was ist's? Was ist's!« Der Oberstallmeister aber versetzte: »Gnädigster Herr, ich meine nur, daß Sie heut Nacht viel süßer schlafen werden, nachdem Sie meine Pistolen jetzt erst haben krachen hören, statt eine Stunde früher.«

Den Fürsten -- so schließt Lang S.92 und 93 dessen Charakteristik -- würde seine großmüthige Freigebigkeit, seine Pünktlichkeit in Besuchung des öffentlichen Gottesdienstes und die mehr als anständige Unterhaltung der Kirchen und Pfarrhäuser beim Volk höchlich empfohlen haben, wenn nicht der Abscheu vor so manchen schrecklichen und blutigen Exekutionen ihm die Herzen entfremdet hätte. Unter diesen führt man besonders an: die militärischen Exekutionen in Triesdorf in den Jahren 1733 bis 1745, neun an der Zahl, einer arquebusirt, sechs gehangen, ein Ungar Stephan Nagy aus Ketschkemet, der des Markgrafen Büchsenspanner erschossen, wurde lebendig gerädert, einer verbrannt. Im Jahre 1738, den 11. August, die Katharina Gallin, ein preußisches Soldatenweib, an einem Lindenbaume, unweit des Falkenhauses, aufgehängt, weil sie einen Gefreiten der Leib-Kompagnie, Namens Johann Heublin, zur Desertion verleitet, wobei sie, der Soldat und der preußische Werbe-Offizier bei Stein ertappt worden. Der preußische Werbe-Hauptmann mußte die Exekution mit ansehen und wurde dann auf die Veste Wülzburg gebracht. Den Deserteur hat man wahrscheinlich zum Aufhängen allzu schön befunden. 1744 ließ der Markgraf an der anspachischen Kirchweih einen vom Wirth Heumann am obern Thor ob einer kleinen Mauserei ertappten Soldaten, dem Wirth zu einer argen Genugthuung, vor seinem Haus an einen aufgerichteten Galgen hängen. Im Jahre 1747, als Georg Krämer von Hausen bei Wülzburg mit der Dorothea Lindnerin aus Gunzenhausen, Dienstmagd des Marketenders in Triesdorf, desertirte, wurde dieselbe am 2. September ohne weiteres rechtliches Verfahren, auf bloßen Befehl des Markgrafen, zu Anspach aufgehängt. Einem Bürger von Gunzenhausen, der vor dem Schloßthor Wache hielt, forderte er, als er eben ausreiten wollte, zur Versuchung das Gewehr ab, und als dieser, in solchen Dingen wenig erfahren, es ihm gutwillig hinreichte, wurde er vom Fürsten als Memme, als Hundsfot behandelt, und zweien Husaren übergeben, die ihn an den Pferdeschwanz binden und durch die Altmühl hin- und wiederschwemmen mußten, worauf er bald hernach krank geworden und verstorben ist. Dem Fallmeister bei Gunzenhausen, durch elende Menschen angegeben, daß er die Hunde des Markgrafen, die er in Pflege hatte, vernachlässigte, ritt er alsbald vor das Haus, rief ihn an die Hausthür und schoß ihn dann auf seiner eigenen Hausschwelle nieder. Nach etlichen Tagen, als der Fürst einen langen Zug von Menschen aus allen Orten her begegnete, und er ohne Antwort von den anderen Höflingen blieb, was denn das für ein Auflauf sei? ritt endlich auch hier der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein herbei und sagte: »Es wird der Mann begraben, den Euer Durchlaucht vor drei Tagen erschossen haben.« Der Markgraf ward heftig ergriffen und befahl, man sollte ihm die Wittwe schicken, damit sie sich eine Gnade ausbäte.«

Nicht viel besser war es in Bayreuth. Der letzte Markgraf Friedrich Christian hatte als junger Prinz einen Jägerburschen erschossen, weil dieser ihm zu widersprechen wagte. Der jugendliche Mörder nahm sich dieses Verbrechen wenigstens zu Herzen und wurde darüber tiefsinnig. Als Markgraf (1763-1769) liebte er seine Unzufriedenheit durch Stockschläge an den Tag zu legen. Hoch und Niedrig, Bürgerliche und Adlige, Kammerherren und Offiziere waren vor diesen handgreiflichen Beweisen landesväterlichen Unwillens nicht sicher. Als diese patriarchalische Liebhaberei des regierenden Herrn täglich ärger und unerträglicher wurde, beriefen »Ein hoher Adel« und »Ein Hochlöbliches Offizier-Korps« eine Versammlung nach Bayreuth, um zu berathen, wie sich der Adel und namentlich das Militär zu verhalten habe, der immer mehr überhand nehmenden Neigung des Markgrafen gegenüber, seine nächsten Umgebungen mit Stockschlägen zu traktiren, oder, wie ein Herr von Reitzenstein sagte, »wenn Serenissimus die Neigung beibehalten oder noch wohl weiter ausdehnen sollten, Allerhöchst dero Umgebungen mit denen Manifestationen Allerhöchst dero lebhaften fürstlichen Temperaments in Kollision kommen zu lassen.« Ein Hoher Adel und Ein Hochlöbliches Offizier-Korps faßten denn auch den tapfern Beschluß, den Hofprediger zu ersuchen, er möge Hochfürstliche Durchlaucht zur größern Schonung des militärischen Ehrgefühls ermahnen. Zugleich ward festgestellt, die vom Landesvater empfangenen Prügel »als die persönliche Ehre nicht touchirend« zu betrachten und die von demselben gezahlten Schmerzensgelder in eine gemeinschaftliche Kasse fließen zu lassen. (C. Gutzkow, Fritz Ellrodt II, 59.)