Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Part 11

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Natürlich lehnte Suffolk auf Grund der obigen Schilderung seines Gesandten jede Unterhandlung mit Baiern ab und hielt es nicht einmal für der Mühe werth, Faucitt zur nähern Prüfung der Thatsachen an Ort und Stelle zu schicken. Er that recht daran, denn in dem ganzen damaligen heiligen römischen Reiche gab es keine liederlichere, verkommenere und durch Pfaffen-, Günstlings- und Weiber-Regiment herunter gebrachtere Wirthschaft als das Kurfürstenthum Baiern. Es würde eine Beleidigung gegen ein hochstehendes Wort unsers Sprachschatzes sein, wollte man diesen verächtlichen Klüngel Staat nennen. In allen öffentlichen Fragen ist hier das kleinlichste persönliche und Privat-Interesse maßgebend. Ein ähnliches Bild servilster Steifbettelei und anspruchvollster Hohlheit, wie es der Münchener Hof bietet, hat selbst die Phantasie des Dichters im spanischen Bedientenroman nicht zu zeichnen vermocht. Wie die Indianer mit Spielzeug, Glasperlen und bunten Steinen sich ködern lassen, so sind diese jämmerlichen Tröpfe, welche die Regierung Baierns besorgen, stets für baares Geld zu haben, wenn sie nur im wesenlosen Scheine und erborgten Schimmer weiter vegetiren können. Ob der Herr zufällig Maximilian Joseph oder Karl Theodor heißt, ist dem hungrigen Hofgesinde ganz gleichgültig. An diesem Hofe wird heute Minister-Konferenz darüber gehalten, ob das Band des Georgs-Ordens von links nach rechts oder von rechts nach links getragen werden soll; morgen entspinnt sich ein heftiger Streit darüber, ob der päpstliche Nuntius an der kurfürstlichen Tafel einen Pagen hinter seinem Sessel erhalten soll oder nicht. Dann wieder entsteht große Freude darüber, daß der Papst endlich einwilligt, den Kurfürsten als Sohn eines Kaisers seinen filius dilectissimus statt dilectus zu nennen, oder ein ander Mal droht auch eine Kabinetskrise über die schwierige Frage zu entstehen, ob der österreichische Gesandte Exzellenz genannt, und ob seine Frau bei Tafel vor den Hofdamen (Hofmenscher sagt der Bericht weniger höflich, aber vielleicht desto wahrer) sitzen soll. Wenn die Finanznoth unerträglich wird, so miethet man einen Goldmacher für den Hof; fließen die Subsidien dagegen willig, so schafft man ihn bei Seite, und tritt wieder Ebbe im Schatz ein, so läßt man ihn von Neuem kommen. Den ungehorsamen Unterthanen gegenüber versteht aber Serenissimus keinen Spaß. So ward am 9. Februar 1771 der Beimautner Joseph Schmoeger zu Ploettenberg auf der gewöhnlichen Richtstätte »durch das Schwert vom Leben zum Tode hingerichtet, weil er unter strafbarer Verletzung der diesfalls erlassenen kurfürstlichen Generalien 900-1000 Scheffel Getraide außer Landes gelassen hatte.« Eine vom Kurfürsten auf seine eigenen Kosten ausgebildete Tänzerinn, Gertrud Ablöscher, welche von München nach Wien durchgegangen war, ward mit einer so ungewohnten Energie und Erbitterung verfolgt, daß Baiern mit Maria Theresia, welche in die von ihr verlangte unbedingte Auslieferung nicht einwilligen wollte, in heftigen Streit und die unerquicklichsten Verhandlungen gerieth. Die Tänzerinn erhielt in München 150 fl. jährlichen Gehalts und 50 fl. persönliche Zulage, während sie in Wien viel besser gestellt wurde. Steckt der Staatskarren zu tief im Sumpfe, so wird vom ganzen Hofe nach Alt Oetting gewallfahrtet und der Zorn des Himmels durch Gebete beschworen. So lebte man eigentlich nur vom Gebete und vom Bettel, den man euphonistisch Subsidien nannte. Sämmtliche europäische Regierungen wußten das, und sie selbst begünstigten dieses ehrlose Geschäft, da sie bei vorkommender Gelegenheit Baiern in ihrem Interesse zu benutzen und gegen ihren jeweiligen Feind zu verwenden suchten.

»Ganz kenntlich -- schreibt Maria Theresia am 23. Juni 1751 an ihren Gesandten Widmann in München -- gehet das Absehen des Münchener Hofes dahin, nebst dem von Uns und beiden Seemächten ziehenden Gold annoch von Frankreich Geld zu ziehen, ohne für den ein noch andern Theyl etwas werkthätiges zu thun. Mit allem dem trauete Frankreich dem churbayerischen Hofe nicht recht und hat von dessen meisten Ministris die übelste, von dem Churfürsten selbst aber die Meynung, daß er ein schwacher zaghafter Herr seye.« »»Aus dem hier habenden Grundsatze antwortet Widmann am 4. Juli -- von allen Seithen Geld und Subsidien zu nehmen, machet man fast kein Geheimniß.«« Unmittelbar vor dem siebenjährigen Kriege erklärte der Kurfürst lieber die dreifachen Subsidien von Frankreich ausschlagen zu wollen, wenn ihm Oesterreich die einfachen Subsidien garantire, und der Minister Freiherr v. Berchem sagte: »Ohne Subsidie können wir nicht seyn und unsere Interessen müssen wir auf der einen oder andern Seithen finden.« »Wenn nicht in Bälde, schreibt Widmann am 26. Dezember 1755 -- von London aus wegen Erneuerung des Subsidienvertrages vergnügliche Nachrichten einlaufen, dürfte der Kurfürst nicht länger mehr anstehen, endlich solche von Frankreich anzunehmen.«

Bekanntlich zeichneten sich die während des siebenjährigen Krieges bei der Reichsarmee stehenden bayrischen Truppen durch nichts weniger als durch Heldenthaten aus. Von welcher Beschaffenheit sie aber bei Ausbruch des amerikanischen Krieges gewesen sein müssen, geht aus der von Seb. Bruner in seinem Buche: »Der Humor in der Diplomatie« mitgetheilten Korrespondenz hervor. Es schreibt nämlich der kaiserliche Gesandte Graf Lehrbach am 24. März 1778, also zwei Jahre nach dem Anerbieten des Kurfürsten und einige Monate nach dessen Tode, an den Minister Fürsten Kaunitz-Rittberg: »Der Militärstand ist nach der Cameral-Einrichtung auf 15,000 Mann, dermalen kaum 3000 Mann unter Gewehr, nebst einem Invaliden- und Garnison-Regiment. Zum Unterhalt dieser 15,000 Mann, worunter 39 Generale, sind alle Monat 93,000 fl. Vorschuß bestimmt, wovon der Unterhalt der Festungen, des Generalstabs und Alles, was zum Militärstand gehörig, zu bestreiten wäre, welche auch so verwandt werden, als ob dieser Stand wirklich vollzählig wäre. Welches auch leicht begreiflich, wenn man unter Anderem diesen Unfug beherziget, daß wenn eine Offiziers- oder andere Frau gesegneten Leibes war, hat man es entweder durch bloße Protektion oder mittelst Geldverwendungen, welches in diesem Lande für alle Gattungen von Bedienstungen oder Gnadenerweisungen der schicklichste Erhaltungsweg war, dahin gebracht, daß für noch nicht geborene und zur Welt gebrachte Leibesfrucht eine Offiziersstelle ertheilt worden ist. Wenn dann entweder eine todte Frucht zur Welt gekommen oder gar eine Tochter oder ein Sohn, der aber gleich oder nicht lange nachher gestorben, so hat die Familie oder Eltern der Kinder doch immer die Erträgnisse der gegebenen Offizierspatente fortgenossen. Die für die Beurlaubten ersparten Gelder fließen in die Tasche des Kurfürsten.« Natürlich gerieth unter solchen Umständen Alles in Unordnung; es herrschte unter den Truppen Unzufriedenheit und Desertion. Kurz vor Ausbruch der französischen Revolution waren bei den Chevauxlegers-Regimentern 150 Pferde und 40 Sättel und für erstere nicht einmal die gehörigen Pferdestriegel vorhanden.

Es war also kein Wunder, wenn die bayrischen Soldaten zu jener Zeit nach den päpstlichen als die schlechtesten in Europa galten, und es war weise von Suffolk, daß er kurzer Hand das kurfürstliche Anerbieten verwarf. Dagegen zog er die ihm im Dezember 1776 gewordenen Offerten Würtemberg's und Brandenburg-Anspach's näher in Betracht und betraute zu Anfang des Jahres 1777 den Obersten Faucitt mit einer Sendung an die Höfe von Stuttgart und Anspach, um womöglich sofort mit ihnen einen Truppenlieferungs-Vertrag abzuschließen.

Da dieses Kapitel nur den verfehlten Versuchen Suffolk's, deutsche Hülfstruppen zu erlangen, gewidmet ist, so mögen hier zuerst die Verhandlungen mit Würtemberg ihren Platz finden, wenn sie auch, der Zeit nach, einige Wochen nach dem mit Anspach geschlossenen Vertrage begonnen und beendigt wurden.

Sir Joseph Yorke hatte Suffolk im September 1775 den Herzog von Würtemberg als einen Fürsten genannt, der wohl im Stande sein werde, einige Tausend Mann zu liefern; auch der Herzog selbst hatte sich dem Minister angeboten. Es kam also zunächst auf den Versuch an, Verhandlungen mit ihm anzuknüpfen.

Das Herzogthum Würtemberg zählte zu jener Zeit bei einer Größe von ungefähr 200 Quadratmeilen 514,575 Einwohner. Der Herzog Karl Eugen (1744-1793), der berüchtigte Peiniger Schubart's und Moser's, sowie spätere Gründer der Karlsschule, war zu jener Zeit noch der Landes- und Volksquäler, der nach dem von ihm zuerst öffentlich aus dem Französischen übersetzten zynischen Grundsatz handelte: »Was Vaterland! Ich bin das Vaterland!« und sich erst im Jahre 1778 unter dem Einfluß einer verständigen und sanften Frau zu einem bessern Lebenswandel bekehrte. Zwanzig Jahre früher nannte er die Beschwerde seiner Stände über den ohne ihr Wissen mit Frankreich abgeschlossenen Subsidien-Vertrag, der ihm drei Millionen Gulden einbrachte, aufrührerisch und unanständig und drohte der ständischen Vertretung mit dem Asperg. Herzog Karl Eugen hat übrigens die Ehre, durch seinen Ex-Feldscherer Schiller der Nachwelt viel genauer bekannt geworden zu sein, als er verdient; so dankbar ist das deutsche Volk gegen seinen großen Dichter, daß es den kleinen Tyrannen, weil er fördernd und hemmend in dessen Jugend eingriff, sogar in Dichtung und Sage verherrlicht hat. Der Leser kann für die nähere Charakteristik dieses Mannes deshalb füglich auf die populären Lebensbeschreibungen Schiller's von Palleske und Scherr verwiesen werden. Hier nur ein Zug, der ihm unter seinen Zeitgenössischen Brüdern und Vettern als den rohesten und grausamsten kennzeichnet. Als er Schubart mit gerade demselben Recht eingekerkert hatte, mit welchem ein tunisischer Seeräuber seiner Zeit Menschen an den Küsten des Mittelmeeres stahl, zwang er sein volle zehn Jahre eingesperrtes und gemartertes Opfer sogar, ihn, den gnädigsten Peiniger, an seinen Geburtstagen zu besingen. Der arme gebrochene Mann ließ sich leider zu dieser Entehrung mißbrauchen. Die Sammlung der Schubart'schen Gedichte ist reich an derartigen, auf Bestellung gelieferten Ergüssen. Ein paar Proben, auf gutes Glück herausgegriffen, mögen in der Anmerkung Platz finden.[3]

Auch die Herzöge von Würtemberg machten wie ihre fürstlichen Kollegen seit Menschenaltern gern Geschäfte in Truppenlieferungen und waren in der Herbeischaffung von wohlqualifizirten Subjekten durchaus nicht bedenklich. In dieser Beziehung ist Karl Eugen nicht schlechter als seine Vorfahren; er handelte höchstens noch rücksichtsloser und konsequenter als sie. Man ist in der That oft in Verlegenheit, wem von ihnen man den Preis zuerkennen soll, aber in letzter Instanz muß man sich doch für Karl Eugen als den niederträchtigsten entscheiden.

Die langjährigen Zwistigkeiten des Herzogs mit seinen Ständen wurzeln zum großen Theil in der Willkür, mit welcher er seine Truppen aushob und erhielt; sie geben uns das aktenmäßig beglaubigte Material an die Hand, zur Beurtheilung der Soldateska während der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nirgend im damaligen Deutschland war das Rechtsbewußtsein so ehrlich und schroff entwickelt als bei den braven Schwaben. Eine kurze Uebersicht über ihre Streitigkeiten mit dem Herzog ist äußerst lehrreich für das Verständniß der uns beschäftigenden Epoche. Ex uno disce omnes!

In den ersten Jahren seiner Regierung enthielt sich Karl Eugen jedes gewaltthätigen Eingriffs in die Rechte seiner Unterthanen und zwang sie namentlich nicht zum Dienste. Erst allmälig entwickelte sich der Sultan in ihm. Als der siebenjährige Krieg ausgebrochen war, und als der Herzog neben den 6000 Mann Hülfstruppen, die er Frankreich geliefert hatte, sein Reichskontingent stellen sollte, das bis dahin nicht vorhanden war, da schritt er mit einer Rücksichtslosigkeit zur gewaltsamen Aushebung seiner Bürger und Bauern, die im schroffsten Gegensatze zu deren verbrieften Rechten stand und zu langjährigen Zwistigkeiten mit den Landständen führte. Der berüchtigte Major Rieger erhielt Vollmacht, in kürzester Zeit die nöthige Truppenzahl zu liefern. So schwer das war, da die Schwaben gegen Friedrich den Großen als Beschützer des Protestantismus in Deutschland nicht dienen wollten -- Karl Eugen war katholisch -- so erfüllte Rieger doch seinen Auftrag. Wer achtzehn Jahre und sonst tauglich war, mußte Soldat werden; vom Feld und aus den Werkstätten, aus den Häusern und aus den Betten holte man die Leute, umstellte Sonntags die Kirche und ließ sie von da gewaltsam fortschleppen; zur Unterzeichnung der Kapitulation aber zwang man sie durch Hunger und Gefängniß. Beamte, die sich hierbei nicht recht thätig zeigten, wurden mit strengen Strafen bedroht. Die auf solche Art zusammengeraffte Mannschaft empörte sich jedoch, als sie in's Feld ziehen sollte, und Rieger mußte mit noch grausamerer Strenge ein neues Heer zusammenbringen. -- Ueber dies Verfahren entstand allgemeiner Unwille im Lande; indessen fruchteten die wiederholten wehmüthigsten, aber respektvollsten Vorstellungen des ständischen Ausschusses nicht. Weil aber die Desertionen so sehr überhand nahmen, daß die Truppen in kurzer Zeit 360 Deserteure zählten und im September 1757 allein aus dem Feldlager bei Linz 62 ausrissen, so wurden die Gesetze gegen das Desertiren bedeutend verschärft. Selbst wer mit Gewalt zum Kriegsdienst weggenommen war, wurde, sobald man ihn wieder ergriff, gehängt und mit Vermögensverlust bestraft. Wer einem Deserteur half, verlor das Bürgerrecht, wurde ohne weitern Prozeß ins Zuchthaus abgeführt und hier, unter wiederholtem Willkomm (d.h. Stockprügeln) zu harter Arbeit angehalten. Um das Entkommen der Ausreißer zu verhindern, wurde befohlen -- in der Würtembergischen Geschäftssprache nannte man die Maßregel Deserteur-»Attrapirungs-Anstalten« -- daß die Nachtwächter auf den Nebenwegen längs den Dörfern alle Nächte streichen mußten. Wenn Lärm gemacht wurde, so hatte die aufgerufene Gemeinde augenblicklich alle Straßen, Brücken, Nebenwege und Fußsteige zu besetzen und wenigstens vier und zwanzig Stunden lang besetzt zu halten. Wegen eines einzigen Ausreißers hatte in solchen Fällen Tübingen 106, Herrnberg 92, Böblingen 101, Besigheim 48 Mann auszuschicken; der kleine, aus fünfzig Familien bestehende Ort Dachtel stellte in einem Jahre 1488 Mann auf die Alarmplätze. Nicht selten verloren beim Widerstand bewaffneter Ausreißer arme Familienväter Leben oder Glieder. Derjenige Ort aber, auf dessen Gemarkung ein Deserteur nicht aufgehalten wurde, obgleich es hätte geschehen können, mußte einen Mann von der Größe des Entwichenen stellen, und namentlich sollte dann bei den Söhnen des Ortsvorstehers der Anfang gemacht werden. Dieser Befehl war alle Monate von der Kanzel zu verkündigen. Am 1. Oktober 1758 erhielten die Beamten den Auftrag, die Aushauser fortwährend namhaft zu machen und allenfalls gleich einzuschicken, »und zwar nicht blos solche, die ihr Vermögen schon verthan hätten, sondern überhaupt Alle, welche ein liederliches Leben führten, Trunkenbolde, Raisonneure, illegale Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile und schleichende Aufwiegler oder andere dem Publikum politisch oder zur Last fallende Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und wenigstens 5 Fuß 8 Zoll hoch seien.« Als Grund für diesen Befehl wurde vom herzoglichen Zuchtmeister angegeben, daß viele Beispiele von solchen Leuten vorhanden seien, die sich im Militärdienst ganz und gar geändert und der hier herrschenden preiswürdigsten Ordnung und Disziplin dergestalt folgsam erzeigt hätten, daß man sich bei ihrer einstigen Entlassung gehorsame, ruhige und vernünftige Bürger an ihnen zu versprechen habe.

Die Beschwerden der Landstände »mit ihrer in Staatssachen schwachen Einsicht«, wie der Herzog meinte, wurden keiner Antwort gewürdigt, der Landschafts-Konsulent Moser aber, die Seele der Opposition und der berühmte Staatsrechtslehrer, ward verhaftet und auf den Asperg geschafft.

Als 1760 nach Ablauf des Subsidienvertrages mit Frankreich der Plan mißlungen war, 6000 Mann Fußvolk in spanische Dienste zu bringen, wurde die um's Vierfache gesteigerte Militärlast von 10,290 Mann auf's Land gewälzt. Der Herzog versprach zwar, daß er sich alle Mühe geben werde, um durch einen neuen Subsidienvertrag seinen lieben und getreuen Unterthanen eine nicht geringe Erleichterung des verlangten Militärbeitrags zu verschaffen; es wollte aber kein soldatenbedürftiger Fürst die Würtemberger. Während diese unter tüchtiger Führung zu den allerbesten deutschen Soldaten gehörten, war zu jener Zeit ihre Abneigung gegen den Dienst ganz berechtigt. Damals war das Militär bei seinen eigenen Landsleuten verachtet und verabscheut. Den jungen Würtemberger wandelte ein Schauder an, wenn er nur Soldaten sah; lieber verließ er das elterliche Haus oder erlegte starke Majoritätsgelder, um heirathen zu dürfen, wenn er von einer Aushebung hörte. Die Ursachen dieser Abneigung vor dem Militärstand lagen in den allzuschroffen Kriegsartikeln, in dem kläglichen Sold, der zerlumpten Kleidung, den abgedrungenen Kautionen, in der schlechten Behandlung der Soldaten, in den nicht gehaltenen Kapitulationen, den erzwungenen Loskaufungsgeldern und dem Schicksal der verwahrlosten, Abscheu und Ekel erregenden Invaliden und der abgedankten als Bettler herum ziehenden Soldaten. Deßwegen wähnte man damals, das Militär sei blos ein Zuchtinstitut, wohin nur Taugenichtse, Aussauger, Faullenzer, Verschwender, mißrathene Söhne und Sträflinge gehörten. Der Bauernbursche glaubte, daß das Soldatenhandwerk nur durch Stockprügel und Regimentsstrafen erlernt werden könne. Selbst noch zu Anfang der französischen Revolution waren die Würtembergischen Soldaten bloß ein Haufen zusammengestoppelter, der Strapazen ganz ungewohnter Leute, von denen die meisten nur darum gern in's Feld zogen, um eine schickliche Gelegenheit zum Ausreißen zu finden. Der Abgang wurde zwar durch Werbungen wieder ersetzt, aber die Rekrutentransporte waren öfters, noch ehe sie die Standquartiere erreichten, unterwegs durch Desertion oder durch die Künste fremder Werber auf die Hälfte herabgeschmolzen, so daß man sie zuletzt stets durch Husaren begleiten ließ. Lange Zeit war daher auch das Desertiren und Rekrutiren die größte Kompagnieneuigkeit und Desertion der gewöhnliche Frührapport. Ein Theil des Kontingentes aber bestand aus alten und gebrechlichen Leuten, welche täglich um ihren Abschied oder den Invalidengehalt baten, und der kleinere Theil war durch die vielen Veränderungen und das böse Beispiel der Deserteure ganz mißmuthig und verdrießlich geworden. Die Artillerie allein machte eine Ausnahme von diesem schlechten Zustand. (Pfaff's Geschichte des Militärwesens in Würtemberg. Stuttgart. 1842. pp. 66-87.)

So viel sich auch die Landstände beklagten, sie fanden kein Gehör. Im Jahre 1764 beliefen sich ihre Militärbeschwerden auf mehr denn fünfzig, darunter die Klage über die ohne Wissen der Landschaft geschlossenen Bündnisse und Subsidienverträge, über die gewaltsamen Aushebungen, über die den jungen Leuten abgedrungenen Loskaufgelder von 50-100 fl., über das Verfahren gegen diejenigen, welche ihre Kapitulationszeit vollendet hatten und nun durch Fuchteln, Stockschläge, Einkerkerung und andere harte Strafen zu längerm Dienste oder zu Arbeiten beim herzoglichen Bauwesen gezwungen wurden, wo sie oft lange Zeit weder Sold noch Lohn erhielten und daher in zerrissenen Monturen, ohne Schuhe und Strümpfe auf dem Bettel umherziehen mußten. Die Stände klagten ferner über die zu strengen Strafen gegen Deserteure, über die Wegführung der mit Gewalt weggenommenen Unterthanen in's Ausland, über die harte Bestrafung der verheiratheten Bürger, welche bei der angeordneten Landesdefension nicht erschienen, und der Eltern und Verwandten der Rekruten, wenn sie diese verbärgen, über das auf Befreiung vom Militärdienst gesetzte hohe Lösungsgeld, welches im Ganzen gegen 500,000 fl. betrage und welches selbst solche zahlen müßten, welche ihre Kapitulationszeit schon überstanden hätten, über die Fortdauer der Einquartierung, ungeachtet der ansehnlichen Beiträge des Landes zum Kasernenbau, über die durch den häufigen Garnisonswechsel verursachten Unkosten, über die höchst beschwerlichen »Deserteurs-Attrapirungsanstalten«, über die Bedrohung und Bestrafung der Gemeindevorsteher, welche beschuldigt würden, daß sie Ausreißer hätten durchkommen lassen, über die Erleichterung der Soldaten- und die Erschwerung der bürgerlichen Ehen, über den Schaden, welchen Gewerbe und Landwirthschaft durch die gewaltsame Wegnahme der Handwerksburschen und Dienstknechte erlitten, über die erzwungene Uebernahme der ausgemusterten Wagen- und Artilleriepferde, wodurch den Aemtern ein Schaden von 200,000 fl. erwüchse, über die vielen Leistungen von Vorspann bei »Campements« und Garnisonswechseln, den Ruin der Felder und die Verhinderung der Leute an ihren Feldarbeiten, sowie endlich über den übergroßen Generalstab, die zahlreichen Offiziere und die kostbaren Montirungen und Equipirungen.

Der Herzog, erbittert über den nur zu gerechten Tadel, schickte die Landstände nach Hause. Diese ließen sich aber durch seine Drohungen nicht einschüchtern, sondern reichten, durch die Könige von Dänemark, England und Preußen als Garanten der Würtembergischen Verfassung unterstützt, am 30. Juli 1764 eine gerichtliche Klage gegen des Herzogs verfassungswidriges Betragen beim Reichshofrath ein, welcher am 15. Mai 1765 den Landständen Recht gab und Karl Eugen zur gütlichen Beilegung des Streites aufforderte. Jetzt gab dieser nach. Das Resultat der Verhandlungen war der sog. Erbvergleich vom 2. März 1770, welcher die Rechte des Herzogs und der Landschaft festsetzte. Von jetzt an hörten die schreiendsten Mißstände wenigstens eine Zeit lang auf; im Uebrigen ging bald Alles wieder seinen alten Schlendrian. Als 1782 die Stände sich von Neuem darüber beschwerten, daß die Ursache der starken Auswanderung neben den Forst- und Jagdklagen in den Beschwernissen liege, welche der Unterthan durch das Militärwesen zu erdulden habe, nannte der Herzog ihre Bemerkungen eine ganz unanständige Zensur.

Wie sehr übrigens die Stände in ihren Streitigkeiten mit dem Herzog Recht hatten, beweist u.A. die von dem letztern 1765 und 1766 bewirkte Reduktion seines Offizierkorps, um dem Reichshofrath weniger schuldig gegenüber treten zu können. So entließ er im erstgenannten Jahre 3 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Obristlieutenant, 5 Majore, 62 Hauptleute, 113 Lieutenants und 26 Fähndriche, während er 1766 noch 1 Feldzeugmeister, 1 Generallieutenant, 5 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Major und 1 Rittmeister pensionirte. Die Offiziere selbst waren nichts als rohe Landsknechte, denn sie wurden nicht so sehr nach der Tüchtigkeit als nach den Vorzügen der Geburt gewählt, am Willkommensten aber waren Ausländer. Hierdurch aber kam ein Geist des Uebermuths unter die Offiziere, durch welchen sämmtliche Klassen des Bürgerstandes schwer leiden mußten; denn diese wurden »recht rittermäßig gehudelt«, selbst an Ober- und Staatsbeamten wurden Rippenstöße und Stockprügel ausgetheilt, »das Heiligthum der Landesrechte und Freiheiten aber mit Füßen getreten.« Nur eine einzige, dem Ende der uns beschäftigenden Periode angehörige und in Schlözer's Staats-Anzeigen erzählte Anekdote möge hier als charakteristisch für den Geist des würtembergischen Kriegsheers einen Platz finden. Am 24. Mai 1783 ließ ein Lieutenant von Böhnen in Stuttgart einen an der Hauptwache vorbeigehenden Kammerrath, weil er den Hut nicht vor ihm abgezogen, in die Wachtstube schleppen und ihm fünfundzwanzig Stockschläge aufzählen. Der Geprügelte erhielt einzelne Hiebe auf den Kopf und schwebte mehrere Tage in Lebensgefahr. Es sei der hochmüthigen Schreiberseele schon recht geschehen, meinte das Hofgesindel. Natürlich kam der adlige Lieutenant so gut wie straffrei davon.